{"id":62386,"date":"2020-06-27T11:45:31","date_gmt":"2020-06-27T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62386"},"modified":"2020-06-28T20:12:54","modified_gmt":"2020-06-28T18:12:54","slug":"chile-und-die-pandemie-die-katastrophalen-folgen-von-sebastian-pineras-heilslehre-der-herden-immunitaet-und-die-inszenierung-des-ausnahmezustands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62386","title":{"rendered":"Chile und die Pandemie: Die katastrophalen Folgen von Sebasti\u00e1n Pi\u00f1eras Heilslehre der \u201eHerden-Immunit\u00e4t\u201c und die Inszenierung des Ausnahmezustands"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. M&auml;rz war es offiziell. In einer bundesweit ausgestrahlten Fernsehansprache gab Staatspr&auml;sident Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/videos\/spanish\/2020\/03\/03\/chile-se-confirma-el-primer-caso-de-coronavirus-presidnete-sebastian-pinera-perspectivas-buenos-aires-cnnee.cnn\">den ersten Coronavirus-Fall im Lande<\/a> bekannt. Ein 33-j&auml;hriger Arzt aus der Gemeinde San Javier in der zentralchilenischen Region Maule, Passagier eines Fluges aus Singapur, war in das Regionalkrankenhaus von Talca mit Covid-19-Symptomen eingeliefert worden. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4033\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62386-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62386-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200627-Chile-und-die-Pandemie-Folgen-Sebastian-Pieras-Heilslehre-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Doch mit seiner Ansprache verbreitete Pi&ntilde;era zwei falsche Lagebeurteilungen, die verheerende Folgen haben sollten. &bdquo;Mit dem ersten &uuml;berpr&uuml;ften Fall breitete sich der Ausbruch auf das gesamte Staatsgebiet aus und erreichte die 16 Regionen des Landes&ldquo;, hie&szlig; es in den darauffolgenden Pressemeldungen. Das war die erste Falschmeldung. Nicht Talca war der Ausgangspunkt der landesweiten Virus-Verbreitung, sondern die Hauptstadt Santiago. Wie im &uuml;brigen Lateinamerika kam die Covid-19-Pandemie nach Chile, als die Reichen zwischen Januar und Februar 2020 aus den Ferien in den USA und in Europa zur&uuml;ckkehrten, an den Flugh&auml;fen nicht getestet wurden und das Virus in ihre Wohnblocks, Restaurants und B&uuml;ros einschleppten.<\/p><p>Pi&ntilde;eras zweite falsche Lagebeurteilung war sein pomp&ouml;s vorgetragener Satz, &bdquo;wir sind bestens darauf vorbereitet!&ldquo;. Die Ansammlung erratischer Entscheidungen des Pr&auml;sidenten und seines Gesundheitsministers Jaime Ma&ntilde;alich in den Folgewochen dokumentierten in eklatanter Weise, dass Chiles Elite zwar seit Januar vom Ausbruch der Pandemie durch China informiert worden war, sich jedoch in keinster Weise auf dessen Bek&auml;mpfung vorbereitet hatte.<\/p><p>Erst nach dieser Erkenntnis und versp&auml;tet verf&uuml;gte der Pr&auml;sident am 18. M&auml;rz f&uuml;r die Dauer von 90 Tagen den &bdquo;Katastrophen-Ausnahmezustand&ldquo;. Damit wurde die erste Quarant&auml;ne-Ma&szlig;nahme im Land erlassen. Doch nur eine halbherzige Teilabschirmung des Santiago-Oriente der Reichen. Die sich aber nicht angesprochen f&uuml;hlten, nach wie vor auf den Stra&szlig;en, in Einkaufszentren und auf den Konsummeilen zwischen Providencia und Vitacura flanierten. Daraufhin wurden die Shopping Malls geschlossen und am darauffolgenden 22. M&auml;rz verk&uuml;ndete Ma&ntilde;alich auf Anordnung Pi&ntilde;eras eine landesweite Ausgangssperre. Nicht aber eine t&auml;gliche Ausgangssperre, um die Menschen zum Verbleib zuhause und zu k&ouml;rperlicher Distanzierung zu zwingen, sondern eine n&auml;chtliche von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens, mit offensiver &Uuml;berwachung durch das Milit&auml;r.<\/p><p>Als Mittel- und Oberschicht zur Ausgangssperre gezwungen wurden, taten sie dies in komfortablen Wohnungen und R&uuml;ckzugsorten der Eliten auf dem Land. Doch jemand musste ihnen den Haushalt und ihre Boteng&auml;nge besorgen. Auch &bdquo;die Wirtschaft muss weiter in Betrieb bleiben&ldquo;, hie&szlig; es in nachdr&uuml;cklichen Erkl&auml;rungen von Unternehmerverb&auml;nden und Regierung. Und so wanderte das Virus aus dem &bdquo;feinen&ldquo; Santiago-Oriente in die Armenviertel der Haushaltsgehilfen und Angestellten, die millionenfach jeden Tag per U-Bahn und Bussen in die 7-Millionen-Metropole str&ouml;men.<\/p><p><strong>Eine Elite, die ihr eigenes Land nicht kennt<\/strong><\/p><p>Es war w&auml;hrend seiner Verk&uuml;ndung der Ausgangssperre, als Gesundheitsminister Ma&ntilde;alich f&uuml;r seinen ersten peinlichen Fernsehaufritt sorgte. Darauf angesprochen, aus welchen guten Gr&uuml;nden die Quarant&auml;ne nicht landesweit verh&auml;ngt werde, antwortete der freigestellte Direktor einer privaten Elite-Klinik, &bdquo;der damit verursachte Schaden ist viel gr&ouml;&szlig;er als der angestrebte Nutzen. Es ist dumm und unn&ouml;tig.&ldquo; Mit dem Hinweis, man habe es mit einem Virus zu tun, das permanent mutiere und dessen Eigenschaften man nicht kenne, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KpSGfaQnTBY\">f&uuml;gte er hinzu<\/a>: &bdquo;Die Projektion von COVID 19 ist ungewiss, da es sich um ein &acute;Teilchen&acute; handelt, das nur unter einem Elektronenmikroskop sichtbar ist. Das Einzige, was es erzeugt, ist eine Erk&auml;ltung, wie die meisten alten Coronaviren. &ndash; Was, wenn dieses Virus zum harmlosen Virus mutiert? Auf gut Chilenisch gesagt, sich in einen guten Menschen verwandelt?&ldquo;<\/p><p>Das war vor drei Monaten. Wochen zuvor, kaum bescheiden, sondern eher arrogant, hatte Pr&auml;sident Pi&ntilde;era in jener Fernsehsendung vom 3. M&auml;rz die Behauptung gewagt, &bdquo;wir sind besser vorbereitet als Italien!&ldquo;. Seitdem w&uuml;tet Covid-19 im Andenstaat mit ungeheuerlicher Verbreitungsintensit&auml;t. Mit nahezu 250.000 Infizierten (<a href=\"https:\/\/www.worldometers.info\/coronavirus\/country\/chile\/\">Stand: 22. Juni<\/a>) &uuml;bertrifft das 18-Millionen-Einwohnerland das 60-Millionen-Land Italien <a href=\"https:\/\/www.biobiochile.cl\/noticias\/nacional\/chile\/2020\/06\/21\/chile-supera-italia-numero-contagios-queda-octavo-lugar-mundial-casos-covid-19.shtml\">in absoluten Fallzahlen<\/a>. Nach konservativen Angaben der Johns Hopkins Universit&auml;t und der Weltbank rangiert Chile mit <a href=\"https:\/\/www.statista.com\/chart\/21176\/covid-19-infection-density-in-countries-most-total-cases\/\">7,622 Infizierungsf&auml;llen je eine Million Einwohner<\/a> weltweit an zweiter Stelle, und zwar drei Positionen vor den USA (6,052). Mit nahezu 4.600 Toten schoss auch die <a href=\"https:\/\/www.t13.cl\/noticia\/nacional\/tasa-letalidad-coronavirus-chile-sube-653-fallecidos-08-06-20\">Letalit&auml;tsrate von 1,0 auf 1,63<\/a>. Im Verh&auml;ltnis ausgedr&uuml;ckt, von je 100 Infizierten sterben in Chile zurzeit 1,63 Menschen.<\/p><p>Die verheerenden Ausma&szlig;e, die durchg&auml;ngige Kritik auch der konservativen Medien und die trotz Quarant&auml;ne seit dem Sommer 2019 wieder aufflackernden Sozialproteste zwangen die Regierung Pi&ntilde;era schlie&szlig;lich am 13. M&auml;rz zur Entlassung von Gesundheitsminister Jaime Ma&ntilde;alich und seiner Ersetzung durch den Arzt Enrique Paris. Als konsequente Folgema&szlig;nahme verl&auml;ngerte die Regierung den Katastrophen-Notstand um weitere 90 Tage bis zum 14. September.<\/p><p>Zweifellos ist Chile das Land Lateinamerikas, in dem am meisten PCR je Million Einwohner getestet wurde. Doch was hat es gebracht? Das Desaster l&auml;sst sich auf die fatale Kurzformel bringen: Es wurde an den falschen Orten getestet und die Proliferationswege des Virus niemals verfolgt. Eine damit zusammenh&auml;ngende, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/meganoticiascl\/videos\/no-ten%C3%ADa-conciencia-de-la-magnitud-ma%C3%B1alich-por-pobreza-y-hacinamiento\/563834517900548\/\">haarstr&auml;ubende Erkl&auml;rung Ma&ntilde;alichs<\/a> von Ende Mai erkl&auml;rt die schiefe Sichtweise der Regierung auf die Pandemie. &bdquo;Ich hatte keine Ahnung vom Ausma&szlig; der Armut und der r&auml;umlichen Zusammenpferchung in den Randgebieten Santiagos&ldquo;. Die Schlussfolgerung von Medien und politischer Opposition lie&szlig; nicht lange auf sich warten: Chile wird von einer selbstzufriedenen, im Ausland ausgebildeten und neoliberal bekehrten Elite regiert, die ihr eigenes Land und ihre Leute nicht kennt.<\/p><p><strong>Minister Ma&ntilde;alichs katastrophale Doktrin der &bdquo;Herden-Immunit&auml;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Am 2. April gab Gesundheitsminister Ma&ntilde;alich <a href=\"https:\/\/www.eldesconcierto.cl\/2020\/06\/18\/video-el-dia-en-que-manalich-dijo-que-la-unica-manera-de-protegernos-es-que-la-mayor-cantidad-de-gente-se-contagie\/\">ein Fernsehinterview<\/a>, in dem er erkl&auml;rte, die Bem&uuml;hungen seines Ministeriums best&uuml;nden darin, &bdquo;dass die meisten Menschen mit Covid-19 infiziert werden sollten, aber ganz laaaangsam &hellip;&ldquo;, untermalte der Arzt seine Theorie. Was Ma&ntilde;alich hier vertrat, war das Vorgehen Boris Johnsons in Gro&szlig;britannien, das bald wegen des explosionsartigen Anstiegs der Todesf&auml;lle, mit der kompletten Auslastung der Krankenhaus-Kapazit&auml;ten und der hohen Anzahl Infizierter verworfen wurde.<\/p><p>Was ist zusammengefasst die Herdenimmunit&auml;t? Sie wird auch als &bdquo;kollektive Immunit&auml;t&ldquo; bezeichnet und entsteht, wenn in einer Bev&ouml;lkerungsgruppe eine gro&szlig;e Anzahl von Personen w&auml;hrend einer Epidemie Antik&ouml;rper bilden, die sie vor Infektionen und Dritte vor Ansteckung sch&uuml;tzen.<\/p><p>Zwei Monate sp&auml;ter bestritt Regierungssprecherin Karla Rubilar im Fernsehsender Kanal 13, der im Besitz des Multimilliard&auml;rs Andr&oacute;nico Luksic ist, die Regierung Pi&ntilde;era habe die sogenannte &bdquo;Herdenimmunit&auml;t&ldquo; angewendet. Rubilars Bem&uuml;hung widerstand nicht der Erinnerung. Hunderttausendfach wurde sie in den sozialen Netzwerken und dann von den Medien mit Ma&ntilde;alichs kontroversem Interview vom 2. April konfrontiert.<\/p><p>Doch die unwissenschaftliche und verantwortungslose Doktrin des Ministers ermunterte die absolut abwegige und gemeingef&auml;hrliche Regierungsempfehlung der &bdquo;R&uuml;ckkehr zur neuen Normalit&auml;t&ldquo; von Ende April. Die offizielle Fallz&auml;hlung verkaufte in jenen Tagen das tr&uuml;gerische Szenario einer &bdquo;kontrollierten Epidemie&ldquo; und die Regierung legte den Grundstein f&uuml;r die Wiederer&ouml;ffnung von B&uuml;ros und Einkaufszentren. Doch dann passierte, was passieren musste. Mit einer t&auml;glichen Rate von &uuml;ber 5.000 neuen Positivf&auml;llen griff die Pandemie mit ungeahnter Intensit&auml;t um sich. Auf zynisch anmutende Weise bem&uuml;hte sich die Regierung, den Anstieg damit zu erkl&auml;ren, &bdquo;dass mehr getestet worden sei&ldquo;, anstatt zuzugeben, dass das Virus nun die Arbeiter- und Armenviertel erreicht hatte, in denen zuvor weder getestet noch die Verbreitungswege des Virus verfolgt worden waren.<\/p><p>Nun entbl&ouml;&szlig;te das ungez&auml;hmte Virus Chiles andere Pandemie: den Armutszuwachs als Folge der Einkommenskonzentration.<\/p><p><strong>Syndemie, ein explosives gesundheits- und sozialpolitisches Gemenge<\/strong><\/p><p>Seit dem Ausbruch der Pandemie predigten der mediale Mainstream, Beh&ouml;rden und Gesundheitsexperten, &bdquo;das Virus nimmt keine R&uuml;cksicht auf soziale Stellung&ldquo;. Nichts ist falscher als dieses Klischee, wird doch die Pandemie nicht allein an ihrem Ansteckungspotenzial, sondern an ihren wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen gemessen. Diese untersuchte ein Netzwerk chilenischer Sozialwissenschaftler der DESOC-Gruppe f&uuml;r Soziale Entwicklung in Zusammenarbeit mit dem Mikrodatenzentrum der Universit&auml;t Chile und dem Studienzentrum f&uuml;r Soziale Konfliktforschung (COES) und legte im Juni ein sogenanntes &bdquo;Sozialthermometer 3 (TS3)&ldquo; mit landesweiten repr&auml;sentativen Umfragen &uuml;ber Wahrnehmungen, Gef&uuml;hle und &Uuml;berzeugungen der Chilenen im aktuellen Kontext vor.<\/p><p>Eines der zentralen Umfrageergebnisse ist, dass 35 Prozent derjenigen, die zugeben, seit dem 16. M&auml;rz mit einem oder mehreren best&auml;tigten Coronavirus-Positivf&auml;llen in Kontakt gewesen zu sein, im Wesentlichen Familien angeh&ouml;ren, deren Einkommen weniger als 540.000 Pesos (umgerechnet ca. 600 Euro) betr&auml;gt. Mit anderen Worten handelt es sich um Bev&ouml;lkerungs-Segmente, die wegen Arbeitsplatzverlust (52 Prozent der F&auml;lle) oder Mangel an Nahrungsmitteln (34 Prozent der F&auml;lle) kaum Einkommen erzielen und unter &auml;u&szlig;erst akuten finanziellen Schwierigkeiten <a href=\"https:\/\/ciperchile.cl\/2020\/06\/20\/sindemia-la-triple-crisis-social-sanitaria-y-economica-y-su-efecto-en-la-salud-mental\/\">die Quarant&auml;nema&szlig;nahmen fristen<\/a>.<\/p><p>Im M&auml;rz beschloss die Regierung Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era einen einmaligen Sozialhilfe-Bonus in H&ouml;he von 60.000 Pesos &ndash; also umgerechnet gerade mal 70 Euro &ndash; mit denen mindestens 3 Millionen Chileninnen und Chilenen &bdquo;die Krise&ldquo; &uuml;berstehen sollten. Doch die Regierung hielt es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, die Menschen davor zu warnen, dass &bdquo;der Krise&ldquo; keine Frist gesetzt war, ergo auch nicht dem sozialen Leid. So bewirkte die Verantwortungslosigkeit eine Syndemie, n&auml;mlich eine sich gegenseitig versch&auml;rfende Wechselwirkung zwischen Gesundheitsproblemen und sozial&ouml;konomischem Umfeld, vor allem im Hinblick auf nicht zugestandene Bedienung existenzieller Grundbed&uuml;rfnisse der betroffenen Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Scharfe Worte musste sich Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era selbst von der Agentur Bloomberg, im Besitz des ehemaligen New Yorker B&uuml;rgermeisters und Turbo-Milliard&auml;rs Michael Bloomberg (Verm&ouml;gen laut Forbes 2020: 60 Milliarden US-Dollar), <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2020-06-16\/once-a-covid-role-model-chile-now-among-the-world-s-worst-hit\">gefallen lassen<\/a>. &bdquo;Pinera, ein Milliard&auml;r und in Harvard ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler, ordnete am 15. Mai eine Quarant&auml;ne f&uuml;r die gesamte Hauptstadt an &hellip; Die Regierung dachte &uuml;ber die Ausgangssperre von Menschen nach, so als ob ganz Chile die obere Mittelschicht w&auml;re, Menschen, die zu Hause bleiben und arbeiten k&ouml;nnen&ldquo;, warnte Claudio Fuentes, Politikwissenschaftler an der Universidad Diego Portales, im Bloomberg-Bericht. &bdquo;Sie konnten die Isolation infizierter Menschen in &auml;rmeren Gebieten nicht garantieren.&ldquo;<\/p><p>Seit Ausbruch der Pandemie entlie&szlig;en die Unternehmer mehr als eine halbe Million Erwerbst&auml;tige, Experten der Universidad de Chile sch&auml;tzen, bis August 2020 k&ouml;nne die Arbeitslosenzahl auf 1,6 Millionen, also <a href=\"https:\/\/www.latercera.com\/pulso\/noticia\/informe-u-de-chile-uc-preve-que-numero-de-desempleados-puede-llegar-a-16-millones\/3RKR3DAS3NF4FLANWSXIULJ3LA\/\">auf bedrohliche 17 Prozent<\/a>, ansteigen; ein Szenario, das mit den ohnehin 30 Prozent informeller &ndash; also vertraglich und arbeitsrechtlich nicht abgesicherter &ndash; Erwerbst&auml;tiger zum Jahresende 2020 verheerende Ausma&szlig;e annehmen kann. W&auml;hrend die Regierung einerseits nicht damit z&ouml;gerte, rund 2,5 Milliarden US-Dollar zur &bdquo;Rettung&ldquo; von Unternehmen an Privatbanken zu vergeben &ndash; die ohne Regierungsbeteiligung entscheiden, wer die Abst&uuml;tzung verdient &ndash; speiste sie die werkt&auml;tige, aber durch Covid-19 arbeitslos gewordene Bev&ouml;lkerung mit der vorzeitigen Ratenauszahlung ihrer eigenen Arbeitslosenversicherung ab, wof&uuml;r inzwischen landesweit mehr als 900.000 Menschen Schlange stehen.<\/p><p><strong>Lebensmittelpakete und Volksk&uuml;chen zur Hungerlinderung statt Lohnzahlung<\/strong><\/p><p>Tage sp&auml;ter kam es im Viertel El Bosque, s&uuml;dliches Santiago, und vereinzelt in anderen Stadtteilen zu Unruhen wegen Lebensmittel-Mangel. Die Regierung hatte die Lieferung von Lebensmittelpaketen versprochen, doch das Programm wurde nur z&ouml;gerlich gestartet und sah sich &bdquo;logistischen Problemen&ldquo; gegen&uuml;ber. &bdquo;Wenn die Regierung Entscheidungen &uuml;ber eine Welt treffen will, die sie nicht kennt, sollte sie Menschen aus dieser Welt in den Entscheidungsprozess einbeziehen&ldquo;, zitierte Bloomberg den Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des progressiven Think Tanks Espacio P&uacute;blico, Diego Pardow. &bdquo;Das Problem mit dieser Regierung ist, dass sie sich nur mit ihren eigenen Leuten umgibt.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Wenn wir die &lsquo;Schlacht von Santiago&rsquo; nicht ernst nehmen, geht der Krieg gegen Covid-19 verloren, denn jeder Ansteckungsfall, jede Person, die wie letzte Nacht in einer Gruppe von 400 Menschen im Bezirk Maip&uacute; teilnimmt, bedeutet ein Risiko f&uuml;r alle. Wir werden die Rolle der Gesundheitsbeh&ouml;rde betonen, die uns das Gesetz verleiht und zu der wir gezwungen sind&ldquo;, hatte Gesundheitsminister Ma&ntilde;alich w&auml;hrend einer seiner letzten Amtshandlungen im 130 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Hafen von Valpara&iacute;so gewarnt. Das sagte der Gesundheitsminister, umgeben von wohlgen&auml;hrten Marineoffizieren, w&auml;hrend unweit seines Auftrittsortes Dutzende Menschen sich um eine von Nachbarschaftsinitiativen und NGOs improvisierte Volksk&uuml;che sammelten, wie sie zu Dutzenden in Chile die arbeitslosen und armen Chilenen mit Notmahlzeiten versorgen.<\/p><p>Die vom deutschen Reisemaler Moritz Rugendas in den 1840er Jahren verewigte und vom legend&auml;ren niederl&auml;ndischen Dokumentarfilm-Regisseur Joris Ivens <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_qH5-d7SVX4\">in den 1960er Jahren poetisch portr&auml;tierte, malerische Hafenstadt<\/a> erlitt in den vergangenen Jahrzehnten verheerende Erdbeben und Br&auml;nde, den Bedeutungsverlust des eigenen Hafens an die Nachbarstadt San Antonio und die Flucht der wohlhabenden Schichten in den benachbarten Badeort Vi&ntilde;a del Mar. Obwohl die Stadt auch Sitz des chilenischen Kongresses (Parlaments) ist, scheint sie von einer Spirale des Niedergangs erfasst zu sein, der der linke B&uuml;rgermeister Jorge Sharp zumeist machtlos gegen&uuml;bersteht. Chile ist seit seiner Unabh&auml;ngigkeit um 1818 ein dem zentralistischen Diktat der Regierung in Santiago wahllos ausgeliefertes Gebilde, mit Provinzen ohne finanzielle Autonomie.<\/p><p>Mit 315.000 Einwohnern ist Valpara&iacute;so nach Santiago der zweite Coronavirus- Hauptinfektionsherd in Chile. Nach Angaben von Espacio P&uacute;blico leiden 19,5 Prozent des Einzugsgebiets an mehrdimensionaler Armut, in der Stadt selbst gibt es 55.000 sozial stark gef&auml;hrdete Familien. In der letzten Maiwoche nahmen hier die <a href=\"https:\/\/www.efe.com\/efe\/america\/sociedad\/valparaiso-el-puerto-loco-de-neruda-que-se-ahoga-entre-pobreza-y-covid-19\/20000013-4275076\">Corona-Positiv-F&auml;lle um 121 Prozent<\/a> zu, allein am 16. Juni gab es 1.322 neu Infizierte und 20 Tote. Experten bef&uuml;rchten, dass die Pandemie das soziale Drama versch&auml;rfen wird. Ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung geht informeller Besch&auml;ftigung nach und bewohnt prek&auml;re H&auml;user ohne flie&szlig;endes Wasser oder Heizung.<\/p><p>&bdquo;Diese dreifache Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftskrise h&auml;tte vermieden werden k&ouml;nnen. Das Land kann mehr ausgeben, um schutzbed&uuml;rftigen Familien und kleinen Unternehmen zu helfen. Es war ein gro&szlig;er Fehler von (Wirtschafts-) Minister Ignacio Briones, die &bdquo;Munition f&uuml;r sp&auml;ter aufzubewahren&ldquo; &ndash; wie er es formulierte &ndash; obendrein Haushaltsk&uuml;rzungen vorzunehmen und l&auml;cherliche und abnehmende finanzielle Hilfe wie das Noteinkommensprogramm (IFE) auf 65.000 Pesos pro Person zu begrenzen&ldquo;, prangerte die oppositionelle Wochenzeitung <em>Cambio21<\/em> <a href=\"https:\/\/cambio21.cl\/politica\/editorial-cambio21-piera-y-su-fracaso-que-gener-una-triple-crisis-5eee3b0eaa2d74166e372363\">in einem scharfen Leitartikel<\/a> das Scheitern der Regierung Pi&ntilde;era an.<\/p><p>Kaum einem sogenannten Leitmedium fiel jedoch auf, dass angesichts der landesweiten Verelendung die Mitte Juni beschlossene staatliche Zusatzausgabe in H&ouml;he von 12 Milliarden US-Dollar von der Finanzkommission des Parlaments der Regierung Pi&ntilde;era regelrecht aufgezwungen wurde. Die Mittel werden aus Chiles Wirtschaftsstabilisierungsfonds mit einer Laufzeit von 24 Monaten finanziert. Das Parlament und der chilenische &Auml;rzteverband gelangten zur &Uuml;berzeugung, das Land hat steuertechnisch genug gespart, um der Krise zu begegnen; der dramatischsten der vergangenen 80 Jahre. Somit werden der wachsenden Zahl des bereits existierenden Arbeitslosenheeres weitere drei Monate Lohnausfall aus der staatlichen Kasse bezahlt. Drei weitere Monate. Was danach zu erwarten ist, wagt niemand auszusprechen. Das Fazit ist jedoch: Pr&auml;sident Pi&ntilde;eras Tropfen-um-Tropfen-Doktrin ist erb&auml;rmlich gescheitert und hat dem Andenland nicht nur eine gesundheitliche, sondern eine explosive humanit&auml;re Krise beschert.<\/p><p>Minister Ma&ntilde;alich musste seinen Hut nehmen, doch damit wurde er von seinen folgenschweren Fehlern nicht freigesprochen. W&auml;hrend Pr&auml;sident Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era wegen den brutalen Eins&auml;tzen seiner Polizei sich demn&auml;chst vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten muss, erwarten auch seinen demissionierten Gesundheitsminister rechtliche Folgen: Mitte Juni reichten Berufsverb&auml;nde der Krankenpfleger, der Pharmazeutiker, Chemiker sowie zahlreiche Parlamentarier eine Verfassungsbeschwerde mit Klage als Junktim ein.<\/p><p>Als Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;eras letzte Machtst&uuml;tze, neben seinen zerstrittenen rechten Regierungsparteien, patrouilliert in Chile <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IvBjNT7POvg\">schwerbewaffnetes Milit&auml;r in Kampfanz&uuml;gen<\/a> zur Befolgung von &bdquo;korrektem&ldquo; Sanit&auml;tsverhalten, das auch die demokratischen Grundrechte unter Quarant&auml;ne stellt und schlimmste Erinnerungen wachruft.<\/p><p>Titelbild: rozdemir\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. 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Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62386\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":62388,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,20,132],"tags":[881,2851,2169,282,669,2855,2453,1222,2244,288,2834],"class_list":["post-62386","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armut","tag-ausgangssperre","tag-ausnahmezustand","tag-buergerproteste","tag-chile","tag-morbiditaet","tag-mortalitaet","tag-pandemie","tag-pinera-sebastian","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/shutterstock_1710441712.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62386"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62416,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62386\/revisions\/62416"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62388"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}