{"id":62455,"date":"2020-06-30T10:00:50","date_gmt":"2020-06-30T08:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62455"},"modified":"2026-01-27T11:36:57","modified_gmt":"2026-01-27T10:36:57","slug":"marco-buelow-der-fall-amthor-zeigt-wie-doppelzuengig-ein-teil-der-politik-funktioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62455","title":{"rendered":"Marco B\u00fclow: \u201eDer Fall Amthor zeigt, wie doppelz\u00fcngig ein Teil der Politik funktioniert\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Das ist ganz klar kein Einzelfall, und genau da liegt das Problem.&ldquo; Das sagt der Bundestagsabgeordnete <strong><a href=\"https:\/\/marco-buelow.de\/\">Marco B&uuml;low<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview zum Fall <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Wer-und-was-hinter-Augustus-Intelligence-steckt-article21852794.html\">Philipp Amthor<\/a>. B&uuml;low, der aus der SPD ausgetreten und fraktionsloses Mitglied des Bundestages ist, kritisiert seit langem die Nebent&auml;tigkeiten von Politikern. Den Fall des 27-j&auml;hrigen Amthors, der derzeit im Zentrum einer Lobbyismus-Aff&auml;re steht, bezeichnet er im Interview als &bdquo;besondere Zuspitzung eines weitaus gr&ouml;&szlig;eren Problems.&ldquo; Mit deutlichen Worten kritisiert B&uuml;low Bundestagspr&auml;sident Wolfgang Sch&auml;uble (CDU), der sagte, er sehe derzeit keine Verst&ouml;&szlig;e Amthors. &bdquo;Ein Bundestagspr&auml;sident&ldquo;, so B&uuml;low, &bdquo;der sich sch&uuml;tzend vor eine Person mit diesen Ausw&uuml;chsen stellt, wird seinem Amt in keiner Weise gerecht.&ldquo; Ein Interview &uuml;ber Lobbyismus im Bundestag und die Frage, warum das Problem so schwer in den Griff zu bekommen ist. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_219\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62455-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62455-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200630_Marco_Buelow_Der_Fall_Amthor_zeigt_wie_doppelzuengig_ein_Teil_der_Politik_funktioniert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr B&uuml;low, Sie <a href=\"https:\/\/marco-buelow.de\/positionen\/demokratie-lobbyismus\/\">setzen sich schon l&auml;nger f&uuml;r ein Lobbyregister ein<\/a> und kritisieren immer wieder den Einfluss von Lobbyisten. Sehen Sie sich durch den Fall Amthor nun best&auml;tigt?<\/strong><\/p><p>Ja, leider. Der Fall Amthor offenbart vieles, was schon seit Jahren im Umgang mit der Profitlobby grundlegend schiefl&auml;uft.<\/p><p><strong>Wie ordnen Sie das Verhalten von Amthor ein?<\/strong><\/p><p>Amthor hat sich zuletzt als der personifizierte Anstand dargestellt. Der Skandal zeigt, wie doppelz&uuml;ngig ein Teil der Politik funktioniert. Genau da sehe ich das Problem: Das Verhalten von vielen Politikern entspricht nicht dem Schein, den man versucht zu wahren.<\/p><p><strong>In den vergangenen Tagen wurde in den Medien stark auf die Person Amthor fokussiert. Dadurch k&ouml;nnte der Eindruck entstehen, das Verhalten habe lediglich den Charakter eines Einzelfalls. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Das ist ganz klar kein Einzelfall, und genau da liegt das Problem. Die Reaktionen in der Union zeigen, dass es kein Unrechtsbewusstsein gibt, sondern nur einen Unmut dar&uuml;ber, dass die ganze Sache aufgeflogen und &ouml;ffentlich geworden ist.<\/p><p>Der Fall Amthor ist eine besondere Zuspitzung eines weitaus gr&ouml;&szlig;eren Problems. Dass Abgeordnete, MinisterInnen und Staatssekret&auml;rInnen neben ihren &Auml;mtern noch Nebent&auml;tigkeiten nachgehen und daf&uuml;r hohe Geh&auml;lter bekommen, in gleich mehreren Aufsichtsr&auml;ten sitzen, ein hohes Honorar f&uuml;r Vortr&auml;ge erhalten oder ihnen Posten in der Wirtschaft versprochen werden, ist gang und g&auml;be. Vor allem bei denen, die Karriere machen oder viel politischen Einfluss haben. Amthor ist ein Symbol daf&uuml;r, dass das ganze Spiel schon im Alter von 27 Jahren beginnt.<\/p><p><strong>Ist Lobbyismus im Bundestag weiter verbreitet, als es f&uuml;r eine Demokratie gesund ist?<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich ist Interessenvertretung in einer Demokratie v&ouml;llig in Ordnung. Das Problem dabei ist, dass es ein gro&szlig;es Ungleichgewicht zwischen der Profitlobby auf der einen Seite und Vereinen, Initiativen und der Bev&ouml;lkerung auf der anderen Seite gibt. Einige m&auml;chtige Profitlobbyisten haben sehr viel Macht und die Interessen der Bev&ouml;lkerung und des Allgemeinwohls gehen unter. Sie haben nur noch verschwindend geringe M&ouml;glichkeiten, Einfluss auf politische Entscheidungen auszu&uuml;ben.<\/p><p>Das, was ich Wohlf&uuml;hllobbyismus nenne, ist nicht illegal, aber trotzdem ungesund f&uuml;r unsere Demokratie, weil es fast keine Regelungen diesbez&uuml;glich gibt. Im Gegensatz zu Mitarbeitern in Beh&ouml;rden oder in gro&szlig;en Unternehmen mit Compliance-Abteilungen kann ein Abgeordneter oder eine Abgeordnete fast alles machen, was er oder sie will. Geldspenden, Aktienoptionen, Nebengeh&auml;lter oder Honorare d&uuml;rfen angenommen werden, sie m&uuml;ssen lediglich beim Bundestagspr&auml;sidenten angegeben werden und das nicht einmal als exakte Angabe.<\/p><p><strong>Warum tut sich der Bundestag so schwer damit, das Problem in den Griff zu bekommen?<\/strong><\/p><p>Weil es eigentlich nicht anders gewollt ist. Wir sehen das gut am Beispiel des Lobbyregisters. Die SPD, die sich auf Parteiebene eigentlich f&uuml;r ein Lobbyregister ausgesprochen hat, hat die Einf&uuml;hrung in den letzten Koalitionsverhandlungen als Erstes unter den Tisch fallen lassen. Deswegen ist am Ende nie etwas daraus geworden.<\/p><p>Die Einf&uuml;hrung eines Lobbyregisters ist aber sowieso nur der erste Schritt in Richtung mehr Transparenz. Was wir wirklich brauchen, ist ein Verhaltenskodex f&uuml;r Profi-Politiker, in dem klare Grenzen des Mandats formuliert sind. Das beinhaltet zum Beispiel eine Begrenzung und erweiterte Ver&ouml;ffentlichungspflicht bei Nebent&auml;tigkeiten und -eink&uuml;nften.<\/p><p><strong>Bundestagspr&auml;sident Wolfgang Sch&auml;uble hatte in einem Interview am Wochenende <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/schaeuble-amthor-101.html\">gesagt<\/a>, er sehe derzeit keine Verst&ouml;&szlig;e von Amthor. Was halten Sie von dieser Aussage?<\/strong><\/p><p>Besch&ouml;nigungen und Verharmlosungen des Falls Amthor sind der eigentliche Skandal und zeigen die Missst&auml;nde in einigen Teilen der Politik auf. Ein Bundestagspr&auml;sident, der sich sch&uuml;tzend vor eine Person mit diesen Ausw&uuml;chsen stellt, wird seinem Amt in keiner Weise gerecht. In diesem Fall vermisse ich Norbert Lammert, der sicherlich ganz anders reagiert h&auml;tte.<\/p><p>Leider stimmt es allerdings, dass die Entgegennahme von Aktienoptionen, Geschenken oder bezahlten Reisen gegen kein Gesetz verst&ouml;&szlig;t. Anstatt Amthor jetzt aber in Schutz zu nehmen, m&uuml;sste erst einmal gepr&uuml;ft werden, ob er nicht doch gesetzeswidrig gehandelt hat. Daf&uuml;r muss Amthor alles auf den Tisch legen. Am Ende entscheiden im Zweifelsfall dann die Gerichte und nicht Sch&auml;uble, ob Amthors Verhalten rechtm&auml;&szlig;ig war.<\/p><p><strong>Was ist Ihr Eindruck: Wie gro&szlig; sind die Einfl&uuml;sse der Lobbyisten im Parlament? <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/politik\/inland\/unter-der-lupe-amthor-lobbyismus-politik-kolumne-100.html\">Laut Sch&auml;tzungen<\/a> soll es etwa 6000 Lobbyisten geben, die versuchen, Abgeordnete zu beeinflussen.<\/strong><\/p><p>Aufgrund mangelnder Transparenz ist das schwer &uuml;berblickbar. Klar ist aber, dass der Einfluss der Profitlobby zunimmt, das habe ich in den letzten 17 Jahren im Bundestag erlebt. Der Einfluss wird jedoch nicht nur mehr, er differenziert sich auch aus. Die Beeinflussung findet immer mehr auf Ebene der Ministerien statt, bei den Ministerinnen und Ministern, den Staatssekret&auml;ren und Staatssekret&auml;rinnen. Dort werden die wirklichen Entscheidungen getroffen, oft in freundlicher Zusammenarbeit mit Lobbyisten. Im Bundestag geht es eigentlich nur noch um Schl&uuml;sselstimmen und um Abgeordnete, die wichtige Funktionen innerhalb der Fraktion spielen oder Karriere machen wollen.<\/p><p><strong>Wie gehen Lobbyisten vor? F&auml;ngt das zuerst harmlos an?<\/strong><\/p><p>Das ist sehr unterschiedlich. Kleine Initiativen oder NGOs haben viel weniger Personal und k&ouml;nnen darum oft nur Pressemitteilungen oder Aufforderungen schreiben. Vielleicht haben sie vereinzelt auch mal Zeit, in ein B&uuml;ro eines Abgeordneten zu kommen, aber oft ist das dann verbunden mit gleich 15 anderen Terminen am Tag. Die Profitlobby hat viel mehr finanzielle und personelle Ressourcen. Damit k&ouml;nnen sie einen richtigen Wohlf&uuml;hllobbyismus betreiben, laden Abgeordnete oder Minister auch mal zum Essen ein. Das sind dann im Gegenzug auch die Lobbyisten, die Druck aus&uuml;ben, wenn Abgeordnete zu bestimmten Gespr&auml;chen nicht bereit sind. Das wird dann gerne auch mal an die Fraktionsspitze weitergeleitet und kann schnell einen negativen Einfluss auf die Karriere der Abgeordneten haben.<\/p><p><strong>Was m&uuml;sste getan werden, damit es zu keinem weiteren Fall dieser Art kommt?<\/strong><\/p><p>Es wird immer F&auml;lle wie Amthor geben. Ich glaube, es hat System, die Profitlobby zum eigenen Vorteil zu nutzen. Heutzutage ist das ein Karrieresprungbrett und eine M&ouml;glichkeit f&uuml;r viele Abgeordnete, ihre Netzwerke aufzubauen und Kungeleien einzugehen. Genau deswegen muss das System ge&auml;ndert und dieser Trend gebrochen werden.<\/p><p><strong>Wie kann das geschehen?<\/strong><\/p><p>Wir brauchen daf&uuml;r einen Ethik-Kodex f&uuml;r Profi-Politiker mit klaren Einschr&auml;nkungen und Ver&ouml;ffentlichungspflichten f&uuml;r Nebent&auml;tigkeiten und -eink&uuml;nfte. Au&szlig;erdem fordere ich ein verbindliches, detailliertes und unabh&auml;ngig kontrolliertes Lobbyregister und die Einf&uuml;hrung eines legislativen Fu&szlig;abdruckes f&uuml;r alle Gesetze. Um den Dreht&uuml;r-Effekt von der Politik in die Wirtschaft zu begrenzen, brauchen wir au&szlig;erdem eine Karenzzeitregelung von zwei bzw. drei Jahren auch f&uuml;r Abgeordnete. Relevant ist ebenfalls eine Neuregelung von Parteispenden und -sponsoring mit einer Obergrenze und strengeren Ver&ouml;ffentlichungsregeln.<\/p><p>Um langfristig das Vertrauen der B&uuml;rger in die Politik wieder aufzubauen, ben&ouml;tigt es au&szlig;erdem mehr Beteiligungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r B&uuml;rger, beispielsweise in Form von B&uuml;rgerversammlungen oder direktdemokratischen Elementen.<\/p><p>Grundlegend ben&ouml;tigt es aber auch einer neue politische Kultur. Der Leitsatz muss hei&szlig;en: Wir Abgeordneten sind nicht der Fraktionsspitze, keiner Regierung und schon gar keinem Konzern verpflichtet, sondern der Bev&ouml;lkerung. Sie ist unsere Chefin.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten haben Sie als parteiloser Abgeordneter?<\/strong><\/p><p>Als parteiloser Abgeordneter habe ich im Endeffekt nicht weniger Gestaltungsm&ouml;glichkeiten als andere Abgeordnete. Die Mitglieder der Regierungsfraktionen nicken meist auch nur das ab, was von der Regierung vorgegeben wird, da gibt es fast nie Ausrei&szlig;er. Oppositionsmitglieder haben im Prinzip auch sehr eingeschr&auml;nkte M&ouml;glichkeiten, Gesetze einzubringen oder zu gestalten. Selbst wenn die Regierungsfraktion einen Vorschlag der Opposition eigentlich begr&uuml;&szlig;t, wird er als Oppositionsantrag abgelehnt. In meiner Position bin ich freier als viele andere. Ich kann Reden halten, Anfragen stellen und der Stachel im Fleisch sein, ohne jemanden vorher fragen zu m&uuml;ssen und mich daran hindern zu lassen. Ich kritisiere schon lange die Art, in welcher Anh&ouml;rungen im Bundestag ablaufen. Das ist nicht mehr als ein abgekartetes Spiel, in dem immer die gleichen Interessensvertretungen eingeladen werden. Letztes Jahr habe ich deswegen das Format <a href=\"https:\/\/marco-buelow.de\/reclaim-the-house-marco-buelow-bringt-klimabewegung-ins-parlament\/\">&bdquo;re:claim the house&ldquo;<\/a> gestartet, in dem ich soziale Bewegungen, wie zum Beispiel die Klimabewegung, in den Bundestag hole. Wir br&auml;uchten im Bundestag viel mehr Austausch mit der Bev&ouml;lkerung, zivilgesellschaftlichen Initiativen und sozialen Bewegungen. Ich bem&uuml;he mich, diese L&uuml;cke zu f&uuml;llen.<\/p><p>Titelbild: igorstevanovic \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Das ist ganz klar kein Einzelfall, und genau da liegt das Problem.&ldquo; Das sagt der Bundestagsabgeordnete <strong><a href=\"https:\/\/marco-buelow.de\/\">Marco B&uuml;low<\/a><\/strong> im NachDenkSeiten-Interview zum Fall <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Wer-und-was-hinter-Augustus-Intelligence-steckt-article21852794.html\">Philipp Amthor<\/a>. B&uuml;low, der aus der SPD ausgetreten und fraktionsloses Mitglied des Bundestages ist, kritisiert seit langem die Nebent&auml;tigkeiten von Politikern. 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