{"id":62495,"date":"2020-07-01T10:00:23","date_gmt":"2020-07-01T08:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62495"},"modified":"2020-07-02T07:43:29","modified_gmt":"2020-07-02T05:43:29","slug":"big-brothers-grosser-bruder-google-macht-sich-jetzt-einfach-seinen-eigenen-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62495","title":{"rendered":"Big Brothers Gro\u00dfer Bruder: Google macht sich jetzt einfach seinen eigenen Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Der weltweit gr&ouml;&szlig;te und m&auml;chtigste Datenkonzern holt sich deutsche und ausl&auml;ndische Verlage ins Boot. Sie sollen die Inhalte liefern, die Google in einem neuen Nachrichtenformat pr&auml;sentieren will. Damit wird der Weg zu einem Supermassenmedium geebnet und unabh&auml;ngiger Journalismus zu einer noch kleineren Randerscheinung. Die beteiligten Zeitungsh&auml;user freuen sich auf &bdquo;echten Mehrwert&ldquo; und h&ouml;ren schon die Kasse klingeln. Lesern und Zuschauern wird daf&uuml;r noch mehr Einheitsbrei aufgetischt. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9110\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62495-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62495-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200701_Big_Brothers_Grosser_Bruder_Google_macht_ich_jetzt_einfach_seinen_eigenen_Journalismus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Am Donnerstag der Vorwoche z&uuml;ndete Google eine &bdquo;Bombe&ldquo;, aber kaum einer h&ouml;rte es knallen. Der Digitalgigant aus dem Silicon Valley wird erstmals in seiner Geschichte mit Zeitungsverlagen Lizenzvertr&auml;ge abschlie&szlig;en und direkt in die Pr&auml;sentation journalistischer Inhalte investieren. <a href=\"https:\/\/germany.googleblog.com\/2020\/06\/google-lizenziert-verlagsinhalte.html\">In einem Blogeintrag<\/a> lie&szlig; der US-Konzern die Katze aus dem Sack: Man wolle &bdquo;qualitativ hochwertige Inhalte f&uuml;r ein neues Nachrichtenformat erwerben, das sp&auml;ter in diesem Jahr ver&ouml;ffentlicht wird&ldquo;, hei&szlig;t es da, dies sei &bdquo;ein bedeutsamer Schritt bei der F&ouml;rderung von Qualit&auml;tsjournalismus&ldquo;.<\/p><p>Das war mal eine Ansage. Aber keine, die sich richtig herumsprechen wollte. Vornehmlich Branchendienste wie Meedia, Kress oder Golem griffen die Meldung auf. Den gro&szlig;en Presseverlagen rutschte sie dagegen irgendwie durch. Allein das &bdquo;Handelsblatt&ldquo; und &bdquo;Die Zeit&ldquo; erf&uuml;llten ihren Informationsauftrag. Dabei birgt die Geschichte reichlich Stoff, &uuml;ber den es lohnt, nachzudenken. Und lohnend d&uuml;rfte auch das viele Geld sein, das den Beteiligten dank der Kooperation ins Haus steht, dem &bdquo;Spiegel&ldquo; etwa, &bdquo;Zeit-Online&ldquo;, dem &bdquo;Berliner Tagesspiegel&ldquo;, der &bdquo;Rheinischen Post&ldquo; oder der &bdquo;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&ldquo; (FAZ).<\/p><p><strong>Testballon Deutschland<\/strong><\/p><p>Sie sind so etwas wie die &bdquo;Big Five&ldquo; der deutschen Medienlandschaft, die von der ersten Stunde am Start sein werden, wenn das neue Format irgendwann in der zweiten Jahresh&auml;lfte auf Sendung geht. &Uuml;berhaupt nimmt die BRD in den Planungen eine prominente Stellung ein. In der Pilotphase des Projekts ist Deutschland neben Brasilien und Australien einer von blo&szlig; drei Auserw&auml;hlten. Freilich soll das nur der Aufgalopp zu einem &ndash; wie bei Google &uuml;blich &ndash; &bdquo;breit und langfristig&ldquo; angelegten Angebot im Weltma&szlig;stab sein. &Uuml;ber kurz oder lang will der Digitalriese nicht nur viel mehr Presseorgane, darunter Regional- und Lokalbl&auml;tter, sondern auch Radiostationen und TV-Sender unter sein Dach holen.<\/p><p>Nach den Pl&auml;nen liefern die Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehmacher den &bdquo;Content&ldquo;, der dann in neuer Aufmachung auf den Nachrichtenplattformen Google-News und Google-Discover, dem Newsfeed-Pendant f&uuml;r Android-Smartphones, erscheinen soll. Verkauft wird das mit blumigen Versprechungen: Damit helfe man den Verlegern, &bdquo;die Sichtbarkeit ihrer Inhalte durch ein verbessertes Storytelling-Erlebnis zu vergr&ouml;&szlig;ern&ldquo;, verk&uuml;ndete Google-Manager Brad Bender, der als Vizepr&auml;sident f&uuml;r die Newsprodukte des Konzerns zust&auml;ndig ist. Damit k&ouml;nnten Leser &bdquo;tiefer in anspruchsvolle Geschichten eintauchen, auf dem Laufenden bleiben sowie neue Themen und Interessen entdecken&ldquo;. F&uuml;r sein Unternehmen sei es &bdquo;von zentraler Bedeutung, Verlage bei ihrer wichtigen Arbeit zu unterst&uuml;tzen und gleichzeitig Nutzern Zugang zu relevanten Informationen zu erm&ouml;glichen&ldquo;.<\/p><p><strong>Noch mehr Mainstream<\/strong><\/p><p>In Wahrheit verhei&szlig;t der Vorsto&szlig; zweierlei: Noch mehr Profite und noch mehr journalistischen Einheitsbrei. Mit seiner global beherrschenden Suchmaschine &uuml;bt Google schon heute gewaltigen Einfluss auf das Nachrichtengesch&auml;ft aus. Nach Eigendarstellung leitet diese &bdquo;mehr als 24 Milliarden Mal im Monat&ldquo; auf Webseiten von Zeitungen, Magazinen und Nachrichtenportalen weiter. In Deutschland verdanken die Verleger monatlich 500 Millionen Aufrufe allein Google. Das rechnet sich f&uuml;r beide Seiten: Jeder Klick bedeutet mehr Aufmerksamkeit, was die Werbeeinnahmen von &bdquo;Spiegel&ldquo;, &bdquo;FAZ&ldquo;, &bdquo;S&uuml;ddeutscher Zeitung&ldquo; (SZ) und Co. in die H&ouml;he treibt.<\/p><p>Wie genau der Algorithmus bei den Suchanfragen die Trefferlisten erstellt und nach welchen Kriterien er dabei gewichtet, ist ein wohlbeh&uuml;tetes Geheimnis. Auf jeden Fall beg&uuml;nstigt die Technik Anbieter mit gro&szlig;en Reichweiten und hohen Anzeigenaufkommen, woran Google mit jedem Seitenzugriff mitverdient. Damit verfestigt dieser Mechanismus auf nie dagewesene Art das, was man gemeinhin als &bdquo;Mainstream&ldquo; bezeichnet: also weitgehend uniforme und unkritische Inhalte ganz auf Linie mit dem &ouml;konomischen und politischen Status quo &ndash; und das welt&uuml;bergreifend.<\/p><p><strong>Blattlinie: Kapitalismus<\/strong><\/p><p>Das neueste Vorhaben treibt das auf die Spitze. Indem Google die Verlage direkt f&uuml;rs &bdquo;Geschichtenerz&auml;hlen&ldquo; bezahlt, werden diese vollends zum Nachbeter von Konzerninteressen und es wird k&uuml;nftig nur noch das gesendet und geschrieben, was im Weltbild des m&auml;chtigen Geldgebers Platz hat. Befeuert wird das insbesondere durch die Umw&auml;lzungen im Marketing. Mussten Verleger in der analogen Welt noch zuvorderst den hauseigenen Anzeigenkunden wohlgef&auml;llig sein, sind die Verpflichtungen mit der Digitalisierung quasi <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ubiquit%C3%A4t\">ubiquit&auml;r<\/a> geworden. Welche und wessen Annonce auf der Webseite einer Zeitung, eines TV- oder Rundfunksenders aufspringt, unterliegt heute &uuml;ber weite Strecken einem fremdgesteuerten Prozess, bei dem allen voran Google die F&auml;den spinnt. Die ohnehin enge Beziehung zwischen Medien und Wirtschaft wird damit noch einmal inniger. Der Verlagschef muss nicht nur einem oder wenigen Werbekunden gefallen, sondern praktisch allen Gesch&auml;ftemachern dieser Erde.<\/p><p>Weil dabei Information die Ware ist, um die sich alles dreht, steht es um die Meinungs-, Gedankenfreiheit und Demokratie denkbar schlecht. Wenn erst einmal alle gro&szlig;en Medienh&auml;user an das neue Format andocken, erw&auml;chst daraus eine Art Supernachrichtenmedium &ndash; einflussreicher als alle Nachrichtenagenturen zusammen, zumal mit diesen gesch&auml;ftem&auml;&szlig;ig verschr&auml;nkt, und mit einem allm&auml;chtigen Zensor namens Google. Als zentraler Generator von Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Werbeerl&ouml;sen wird das k&uuml;nftige Portal die Gleichf&ouml;rmigkeit des Medienmarktes vorantreiben und ein Megakonzern das &bdquo;Zeitgeschehen&ldquo; praktisch in Eigenregie schreiben. Bedenkt man dazu, welchen weltumspannenden &Uuml;berwachungs-, Kontroll-, Manipulations- und Finanzapparat Google befehligt, wirkt George Orwells Big Brother dagegen wie H&auml;nschen klein.<\/p><p><strong>G&ouml;nner und F&ouml;rderer?<\/strong><\/p><p>Zensur, womit im wesentlichen Selbstzensur gemeint ist, bezieht sich dabei auf die durch die polit-&ouml;konomischen Macht- und Herrschaftsstrukturen abgesteckten Grenzen im Allgemeinen, wie im Speziellen auf die Rolle, die Google selbst bei all dem spielt. Dass der Datenkonzern &uuml;ber &bdquo;zu viel Marktmacht&ldquo; verf&uuml;gt und &bdquo;fernab jeder politischen Kontrolle&ldquo; agiert, wird in den Massenmedien bisweilen durchaus thematisiert. Allerdings unternimmt das Techunternehmen allerlei Anstrengungen, um das zu unterbinden und die Medien zu guter Partnerschaft zu erziehen. Wie das Portal Netzpolitik.org vor knapp zwei Jahren <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2018\/citizen-google-wie-ein-konzern-den-journalismus-dominiert\/\">in seinem lesenswerten Beitrag &bdquo;Citizen Google&ldquo;<\/a> schrieb, &bdquo;umgarnt&ldquo; der Konzern die Branche auf vielf&auml;ltige Weise und &bdquo;inszeniert sich dabei als G&ouml;nner in Renaissance-Manier, der die darbende Kunst des Journalismus f&ouml;rdert&ldquo;.<\/p><p>Mit gro&szlig;er Offenheit verweist in diesem Zusammenhang Vizechef Bender in seiner aktuellen Bekanntmachung auf die sogenannte Google News Initiative (GNI) von 2018 mit einem Gesamtvolumen von 300 Millionen US-Dollar. Was er mit &bdquo;nachhaltige Zukunft f&uuml;r Journalismus&ldquo; bewirbt, ist nat&uuml;rlich zuallererst eine riesige PR-Show, um das ramponierte Image des lange Zeit als &bdquo;Journalismuskiller&ldquo; und nimmersatte Datenkrake verrufenenen Konzerns aufzupolieren. Das Programm baut auf einem Vorl&auml;ufer auf, der Digital News Initiative (DNI) aus dem Jahr 2015. Im deren Rahmen wurden weltweit bereits Hunderte Verlage und mediennahe Dienstleister mit zig Millionen Euro an &bdquo;F&ouml;rdergeldern&ldquo; bedacht, wovon der gr&ouml;&szlig;te Teil &bdquo;etablierten, alten Medienh&auml;usern&ldquo; wie hierzulande DuMont, Holtzbrinck, Funke und WAZ zugute kam. Mit hochgerechnet 70 Prozent waren kommerzielle Anbieter die Hauptempf&auml;nger der &bdquo;milden Gaben&ldquo;.<\/p><p><strong>Geschichten vom Roboter<\/strong><\/p><p>Von Selbstlosigkeit fehlt bei all dem jede Spur. Das Gros der Mittel floss nach einer Recherche von Netzpolitik.org in Projekte, von denen Google und seine Konzernmutter Alphabet fr&uuml;her oder sp&auml;ter selbst profitieren werden. Mehrere Innovationen bauten auf bestehenden Google-Diensten auf. So erhielt etwa eine &ouml;sterreichische Firma Zuwendungen f&uuml;r eine App, die aus Texten automatisiert Audiowerbung f&uuml;r das Google-AdWords-Netzwerk erzeugt. Vier von zehn Projekten besch&auml;ftigten sich mit Automatisierung und Datenjournalismus. DNI unterst&uuml;tzte zum Beispiel die britische Nachrichtenagentur PA und ein Startup bei der Entwicklung eines Tools zur automatischen Erzeugung von Lokalgeschichten aus offiziellen Statistiken. Solche Formen von &bdquo;Roboterjournalismus&ldquo;, dem k&uuml;nftig zahllose Redakteure und Reporter werden weichen m&uuml;ssen, verkl&auml;rt Google gerne als &bdquo;Rettung&ldquo; der Lokalpresse.<\/p><p>Gleichzeitig ist der Konzern sich nicht zu schade, sein F&uuml;llhorn &uuml;ber dem &bdquo;Humanjournalismus&ldquo; auszusch&uuml;tten, dem er mit seiner Technologie &uuml;ber kurz oder lang den Garaus machen wird. Nach einem <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/technologie\/digitale-welt\/digitaler-journalismus-miriam-meckel-verstaerkt-googles-digitale-news-initiative-beirat\/19776742.html\">Bericht der WirtschaftsWoche<\/a> (WiWo) absolvierten allein im Jahr 2017 rund 20.000 Nachwuchskr&auml;fte aus Europa Workshops im Rahmen der Google-News-Lab-Initiative. Mit Millionensummen werden au&szlig;erdem Forschende und NGOs gep&auml;ppelt. Politisch korrekt setzt sich Google selbstredend nur f&uuml;r den &bdquo;reinen&ldquo; und &bdquo;sauberen&ldquo; Journalismus nach der Lesart des Establishments ein. Viele der Projekte widmeten sich &bdquo;Faktenchecks und Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; oder Ma&szlig;nahmen gegen &bdquo;Fake News&ldquo; und &bdquo;Hate Speech&ldquo;, fand Netzpolitik.org heraus.<\/p><p><strong>Phrasendreschmaschine<\/strong><\/p><p>Gerade in der laufenden Corona-Krise markiert Google den Retter in der Not. So legte der Konzern auf die Schnelle einen &bdquo;Journalism Emergency Relief Fund&ldquo; f&uuml;r 5.300 lokale Verlage auf. Damit wurden diese von Geb&uuml;hren bei der Anzeigenschaltung im Google Ad Manager befreit. Weitere 15 Millionen US-Dollar wurden f&uuml;r Redaktionen lockergemacht, &bdquo;um einige unmittelbare wirtschaftliche Engp&auml;sse abzufedern&ldquo;. Flankiert wird das mit salbungsvollen Reden: &bdquo;Eine vitale Verlags- und Nachrichtenbranche war vermutlich nie wichtiger als heute, in einer Zeit, in der Menschen nach Informationen suchen, auf die sie sich inmitten einer globalen Pandemie oder angesichts der j&uuml;ngsten Proteste gegen Diskriminierung verlassen k&ouml;nnen&ldquo;, erkl&auml;rte Bender. Damit meinte er gewiss nicht die vielen alternativen Medienerzeugnisse, die das Krisenmanagement der Regierungen infrage stellen und nach der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der Ma&szlig;nahmen fragen &ndash; wof&uuml;r der Medienzirkus nur das Stigma &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo; &uuml;brig hat.<\/p><p>Wieviel Geld Google f&uuml;r seinen neuesten Coup locker macht, geht aus der Stellungnahme nicht hervor. In die Karten lassen sich auch die deutschen Verlagsriesen nicht blicken. Der Preis sei angemessen, &bdquo;nicht zu viel, aber auch nicht Peanuts&ldquo;, lie&szlig; sich ein Verantwortlicher nicht namentlich zitieren. Die Phrasendreschmaschine spuckte reichlich mehr aus: Laut Stefan Ottlitz, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Spiegel-Gruppe, macht es &bdquo;diese interessante neue Partnerschaft&ldquo; m&ouml;glich, &bdquo;unseren preisgekr&ouml;nten Journalismus mit kuratierten Geschichten in ein neues Format einzubringen (&hellip;) und vertrauensw&uuml;rdige Nachrichten in &uuml;berzeugender Art und Weise &uuml;ber verschiedene Google-Produkte&ldquo; anzubieten.<\/p><p>Zeit-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Rainer Esser und FAZ-Herausgeber Carsten Knop schw&auml;rmten unisono von einem &bdquo;echten Mehrwert&ldquo;. Den soll es sogar f&uuml;r die Leserinnen und Leser geben. Google plant, eigentlich kostenpflichtige Beitr&auml;ge auf Konzernrechnung f&uuml;r k&uuml;nftige Nutzer des Formats freizuschalten. Das klingt fast schon geschichtstr&auml;chtig: Google rei&szlig;t die Paywall ein &ndash; alles f&uuml;r die Meinungs- und Gedankenfreiheit.<\/p><p><strong>Umarmungstaktik wirkt<\/strong><\/p><p>Zu sch&ouml;n, um wahr zu sein. Denn ganz im Gegenteil hat sich Google mit seiner Umarmungstaktik selbst aus der Schusslinie der Kritik gestohlen. W&auml;hrend die Politik vor noch nicht allzu langer Zeit &uuml;ber eine Google-Steuer und dar&uuml;ber stritt, wie man die Verlage an dessen Milliardengewinnen teilhaben lassen kann, ist &uuml;ber all das inzwischen viel Gras gewachsen. Wohlgemerkt erw&auml;hnte Konzernvize Bender auch nicht den offiziell andauernden Zoff um die Darstellung kleiner Textausschnitte, sogenannter Snippets, in den Trefferlisten der Suchmaschine. Springer und Co. wollen daf&uuml;r bezahlt werden, wogegen sich Google bis heute eisern sperrt.<\/p><p>Ein dazu beschlossenes deutsches Leistungsschutzrecht im Sinne der Verlage hatte vor bald zehn Monaten der Europ&auml;ische Gerichtshof verworfen. Schuld <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/363159.peinlich-wenig-kompetenz-in-die-papiertonne.html?sstr=leistungsschutzrecht\">war ein Formfehler<\/a>, weil die 2013 in Kraft getretene Bestimmung im Vorfeld nicht ordnungsgem&auml;&szlig; bei der EU-Kommission gemeldet worden war. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt. Die von der Verwertungsgesellschaft VG Media vertretenen Verlage setzen nun auf die neue EU-Richtlinie zum Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt, die bis sp&auml;testens zum Juni 2021 in nationales Recht umgesetzt werden muss.<\/p><p>Fraglich ist nur, ob und wie viele Verlage dem Technologieunternehmen &uuml;berhaupt noch die Stirn bieten wollen. Die <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/rueckschlag-fuer-leistungsschutzrecht-funke-verlaesst-die-vg-media-li.89694\">&bdquo;Berliner Zeitung&ldquo; berichtete<\/a> am selben Tag, an dem Google sein neues Medienportal ank&uuml;ndigte, dass die Funke-Mediengruppe (Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, WAZ) die VG Wort zum 30. Juni verlassen werde. Hubert Burda Media (Bunte, Focus), eines der drei gr&ouml;&szlig;ten deutschen Zeitschriftenh&auml;user, hatte das (sinkende) Schiff zuvor schon verlassen. Mit Madsack und Axel Springer halten nur mehr zwei Verlage mit Rang die Stellung. Die anderen, Bauer Media (TV Movie, Bravo) und Gruner+Jahr (Stern, Geo), waren nie Mitglied der Gesellschaft, so wenig wie Spiegel, Die Zeit, SZ, FAZ und der Berliner Verlag.<\/p><p><strong>Springer-Kampf f&uuml;r Pressefreiheit<\/strong><\/p><p>Deutet sich hier eine Kapitulation in einer Schlacht an, die ohnehin nicht zu gewinnen ist? Google droht schon l&auml;nger damit, die Nachrichtenangebote derjenigen Verlage nicht l&auml;nger von seiner Suchmaschine anzeigen zu lassen, die sich weiter renitent geben. Das kann sich nach Lage der Dinge kein Unternehmer leisten. Warum sollte man ohne echte Not eine Win-Win-Situation, von der heute schon alle Beteiligten profitieren, leichtfertig aufs Spiel setzen? Zumal dann, wenn Google die Hand zur Vers&ouml;hnung reicht und ganz neue Perspektiven aufzeigt, die zwar mit &bdquo;unabh&auml;ngigem Journalismus&ldquo; nichts mehr gemein haben, daf&uuml;r aber noch mehr Profite verhei&szlig;en. Bei so tollen Aussichten d&uuml;rfte sich demn&auml;chst wohl einer nach dem anderen in das Google&rsquo;sche Medienimperium f&uuml;gen und schon bald keiner mehr au&szlig;en vor bleiben wollen.<\/p><p>Netzpoltik.org schrieb seinerzeit von einem &bdquo;&Ouml;kosystem&ldquo;, das Google mit seinen Produkten aufbaue, und &bdquo;dem sich kaum ein Medienunternehmen entziehen kann&ldquo;. So verwendeten Nachrichtenseiten Google Analytics, um Besucher zu z&auml;hlen, und speicherten ihre Inhalte &uuml;ber handyoptimierte AMP-Seiten auf Google-Servern. Au&szlig;erdem lagerten immer mehr Verleger ihr Anzeigengesch&auml;ft an Google AdSense aus. Das Ganze sei eine &bdquo;eine Art Betriebssystem f&uuml;r den Journalismus&ldquo;. Dass dem in Konzernregie nun auch das zugef&uuml;hrt wird, was den Kern des Journalismus ausmacht, n&auml;mlich die Inhalte, ist nach all den Vorarbeiten nur folgerichtig.<\/p><p>Immerhin der Springer-Konzern sieht die Entwicklung skeptisch. Der Vorschlag scheine zwar &bdquo;vordergr&uuml;ndig durch die Lizenzierung von Inhalten die Verlagsh&auml;user zu unterst&uuml;tzen&ldquo;, zitierte <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2020-06\/google-news-lizenzvertraege-online-journalismus-inhalte\">&bdquo;Zeit-Online&ldquo;<\/a> einen Sprecher. &bdquo;Bei n&auml;herem Hinsehen hat er aber das Potenzial, die Medienvielfalt einzuschr&auml;nken, da Google die Hoheit dar&uuml;ber behalten wird, mit welchen Verlagen Vereinbarungen geschlossen werden.&ldquo; H&ouml;rt, h&ouml;rt: Die Speerspitze im Kampf f&uuml;r die freie Presse ist jetzt die &bdquo;Bild-Zeitung&ldquo;. Dann gute Nacht &hellip;<\/p><p>Titelbild: Flystock\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0e7feb0f0f6142bb8c64307996f3e8d4\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der weltweit gr&ouml;&szlig;te und m&auml;chtigste Datenkonzern holt sich deutsche und ausl&auml;ndische Verlage ins Boot. Sie sollen die Inhalte liefern, die Google in einem neuen Nachrichtenformat pr&auml;sentieren will. Damit wird der Weg zu einem Supermassenmedium geebnet und unabh&auml;ngiger Journalismus zu einer noch kleineren Randerscheinung. 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