{"id":62550,"date":"2020-07-02T11:15:47","date_gmt":"2020-07-02T09:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62550"},"modified":"2020-07-02T12:28:06","modified_gmt":"2020-07-02T10:28:06","slug":"seht-her-da-spricht-ja-ein-warmes-herz-rezension-eines-ungewoehnlichen-buches-ueber-unsere-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62550","title":{"rendered":"\u201eSeht her, da spricht ja ein warmes Herz\u201c &#8211; Rezension eines ungew\u00f6hnlichen Buches \u00fcber unsere Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen konnte man &ouml;fters die Transformationsforscherin <strong>Maja G&ouml;pel<\/strong> im Fernsehen sehen. Einem gr&ouml;&szlig;eren Publikum d&uuml;rfte sie auch durch ihr Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Unsere-Welt-neu-denken.html\">Unsere Welt neu denken. Eine Einladung<\/a>&ldquo; bekannt sein. Denn das Buch ist ein Bestseller. Und f&uuml;r viele &Ouml;konomen eine Provokation. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen und findet, dass es ein gelungenes Aufkl&auml;rungsbuch ist, am Schluss aber doch Schw&auml;chen zeigt. Die Redaktion kann G&ouml;pels Kritik am Wirtschaftswachstum so nicht teilen. Dazu mehr am Ende des Textes der Rezension.<br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst einmal eine Vorbemerkung, warum ich Maja G&ouml;pels Buch bemerkenswert finde und der Meinung bin, dass sie damit ein Vorbild f&uuml;r Wissenschaftler sein sollte: Ihr Buch ist nicht nur allgemeinverst&auml;ndlich geschrieben, sondern auch sehr lebendig und in einem kurzweiligen Erz&auml;hlton. Es macht Spa&szlig;, das Buch zu lesen. Und das f&uuml;r ein Buch &uuml;ber Politik und &Ouml;konomie hinzukriegen, dazu geh&ouml;rt schon was. Und es ist besonders auffallend, weil unter Universit&auml;tsakademikern eigentlich das Gegenteil der Normalfall ist: Autoren, die so lebendig schreiben, dass selbst amtliche Bekanntmachungen dagegen eine spannende Lekt&uuml;re sind. Allerdings, das muss man auch anf&uuml;gen, w&auml;re ihr Text ein noch viel gr&ouml;&szlig;erer Lesegenuss, wenn sie dessen stilistische Qualit&auml;t nicht durch konsequentes Gendern eingetr&uuml;bt h&auml;tte. Aber offenbar kann man heutzutage in der akademischen Welt nicht ohne eine Vergewaltigung der deutschen Sprache auch nur einen Fu&szlig; auf den Boden kriegen.<\/p><p>Die Kurzweiligkeit ihres Textes erreicht Maja G&ouml;pel nicht zuletzt deshalb, weil sie den Mut hat, auch von sich zu erz&auml;hlen und sich als Mensch zu zeigen. So berichtet sie zum Beispiel, wie sich in ihrem Studium ein Professor in einer Vorlesung &uuml;ber sie lustig machte, weil sie im Zusammenhang mit g&auml;ngigen &ouml;konomischen Theorien eine nur allzu berechtigte Frage gestellt hatte:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich erinnere mich, wie in einer dieser Vorlesungen ein Professor erkl&auml;rte, dass Arbeiter*innen immer dorthin reisen werden, wo sie den h&ouml;chsten Lohn bekommen, auch wenn das bedeute, dass sie in ein anderes Land umziehen m&uuml;ssen. Als ich mich meldete und fragte, ab wie viel Armut vor Ort und Lohnunterschied Menschen denn ihre Familien verlassen w&uuml;rden und wie es sein kann, dass f&uuml;r einen solchen Aufwand aufseiten der Arbeiter*innen keinerlei Kosten in dem Modell auflaufen w&uuml;rden, wurde es pl&ouml;tzlich still im H&ouml;rsaal.<\/p>\n<p>Der Professor sah seinen Assistenten an, und die Student*innen starrten mich an. Schlie&szlig;lich ert&ouml;nte: &sbquo;Seht her. Da spricht ja ein warmes Herz!&rsquo;<\/p>\n<p>Eine Beantwortung meiner Frage blieb aus. Seitdem besch&auml;ftigte mich, wieso die Wirtschaftswissenschaften sich gern eines kalten Herzens r&uuml;hmen und was daran gut sein soll. Der Erkl&auml;rung, warum wir keine nachhaltigen Gesellschaften zustande bringen, f&uuml;hlte ich mich aber einen bedeutenden Schritt n&auml;her. Ich beschloss, eine Doktorarbeit zu schreiben, in der die Ideengeschichte der &Ouml;konomie im Mittelpunkt stand, und zu hinterfragen, wie diese Phantomwelt entstanden ist und welche Rolle ihre Ideen in der Entwicklung von Politik und Gesellschaft spielen&ldquo; (S. 58-59).<\/p><\/blockquote><p><strong>Das Bruttoinlandsprodukt: ein Indikator, der in die Irre f&uuml;hrt?<\/strong><\/p><p>Maja G&ouml;pel ist eine Wachstumskritikerin. Sie h&auml;lt das Bruttoinlandsprodukt f&uuml;r die falsche politische Orientierungsgr&ouml;&szlig;e, weil nach dieser Logik mehr auch mehr Nutzen und ein qualitativ besseres Leben bedeutet &ndash; und die Wirtschaftspolitik auf Wachstum ausgerichtet wird. Aber was fr&uuml;her in Mangelgesellschaften und bei einer geringeren Bev&ouml;lkerungszahl der Erde tats&auml;chlich einmal Sinn gemacht habe, das zerst&ouml;re heute die Lebensgrundlagen auf der Erde. Diese Sichtweise teilen viele &Ouml;konomen nicht. Aber Maja G&ouml;pel hat gute Argumente. Sie setzt die ansteigende Kurve, die den CO2-Gehalt in der Atmosph&auml;re zeigt, in Beziehung zum Wirtschaftswachstum:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wer sich die Kurve ansieht, die aus diesen Messdaten entsteht (gemeint sind die Messdaten der CO2-Messstation auf Hawai; UB), erkennt, dass sie fast durchgehend ansteigt. Es gibt nur drei Ausnahmen, in denen sie es nicht tut &ndash; Mitte der Siebziger-, Anfang der Neunzigerjahre und nach 2008 flachte die Kurve leicht ab.<\/p>\n<p>Warum gerade da?<br>\nMitte der Siebziger Jahre kam es zur &Ouml;lkrise, als arabische Staaten die &Ouml;lf&ouml;rdermenge um nur f&uuml;nf Prozent senkten und sich der &Ouml;lpreis innerhalb kurzer Zeit fast verdoppelte. Anfang der Neunziger Jahre kam es zum Zusammenbruch der Sowjetunion, und vor zw&ouml;lf Jahren hat die Finanzkrise in vielen L&auml;ndern das BIP-Wachstum verlangsamt. Politisch sehr verschieden, bedeuten diese Ereignisse &ouml;konomisch gesehen jedoch das Gleiche: Es wird weniger produziert, weniger transportiert, weniger konsumiert und damit auch weniger Kohlendioxid ausgesto&szlig;en.<\/p>\n<p>Anders gesagt: Schrumpft die Wirtschaft, verlangsamt sich der Klimawandel. W&auml;chst die Wirtschaft, beschleunigt er sich. Oder noch einfacher ausgedr&uuml;ckt: Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form hei&szlig;t Klimawandel. Und noch mehr Wirtschaftswachstum hei&szlig;t noch mehr Klimawandel&ldquo; (S. 76-77).<\/p><\/blockquote><p>Und daran w&uuml;rden auch effizientere Technologien nichts &auml;ndern. Sie bringt dazu ein sch&ouml;nes Beispiel, die Einf&uuml;hrung des Wolframfadens bei Gl&uuml;hbirnen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wolframfadenlampen brauchen nur ein Viertel des Stroms einer Kohlefadenlampe &ndash; und das bei gleicher Lichtausbeute. F&uuml;r die damaligen Elektrizit&auml;tswerke klang das allerdings nach einer furchtbaren Nachricht. Als die neuen Birnen in England Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Markt kamen, f&uuml;rchteten die dortigen Stromversorger, dass ihr Gesch&auml;ft einbrechen k&ouml;nne, was zun&auml;chst auch einleuchtend klang. Wenn die Leute mit weniger Strom zu gleich viel Licht kamen, musste der Verbrauch wohl zur&uuml;ckgehen, weshalb einige Stromanbieter &uuml;berlegten, ihre Preise zu erh&ouml;hen, um die Verluste aufzufangen. Interessanterweise passierte genau das Gegenteil. Durch den geringeren Verbrauch war mehr Strom auf dem Markt, der Preis f&uuml;r Elektrizit&auml;t fiel, und elektrisches Licht wurde auf einmal f&uuml;r Menschen erschwinglich, die es sich bisher nicht leisten konnten. Aus einem Luxusprodukt wurde ein Massenprodukt, und auch das war nat&uuml;rlich ein Fortschritt. Paradoxerweise aber f&uuml;hrte er dazu, dass ausgerechnet durch die Gl&uuml;hbirne, die eigentlich weniger Energie verbrauchte als ihre Vorg&auml;ngerin, der Strombedarf in der Summe pl&ouml;tzlich anstieg. Eine Steigerung der Effizienz, was ja nichts anderes hei&szlig;t, als aus weniger Energie mehr Leistung herauszuholen, hatte unterm Strich einen Anstieg des Energieverbrauches zur Folge. Die Wissenschaft nennt das &sbquo;Rebound-Effekt&rsquo;. Er ist eines der am meisten untersch&auml;tzten Hindernisse auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaftsweise&ldquo; (S. 98-99).<\/p><\/blockquote><p>Bringt uns also auch ein &bdquo;gr&uuml;ner Kapitalismus&ldquo; nicht weiter? G&ouml;pels Schlussfolgerung aus diesen Daten:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Und genau deshalb stimmt die Prognose &uuml;ber die &bdquo;Grenzen des Wachstums&ldquo; von 1972 (gemeint ist der Bericht des &bdquo;Club of Rome&ldquo;; UB) immer noch: Das Wachsen der Wirtschaftsleistung ist beschr&auml;nkt, da das Ausma&szlig; dessen, was wir dem Planeten wegnehmen oder hinzuf&uuml;gen k&ouml;nnen, beschr&auml;nkt ist. Und trotzdem messen wir die Wirtschaftsleistung &ndash; also das Wachstum &ndash; immer noch nicht mit Blick auf diese sich abzeichnenden physischen Beschr&auml;nkungen&ldquo; (S.78).<\/p><\/blockquote><p>G&ouml;pel begr&uuml;ndet ihre Kritik am Bruttoinlandsprodukt als politische Kennziffer f&uuml;r das Ergebnis einer Volkswirtschaft damit, dass dies &uuml;ber den wirklichen Wert, der in einer Volkswirtschaft erbracht wurde, nichts aussagt:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das Bruttoinlandsprodukt umfasst n&auml;mlich nur den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellt oder angeboten werden. Vor zweihundertf&uuml;nfzig Jahren, als das Konzept des BIP in England erfunden wurde, ist dabei noch nach Boden, Vieh und Staatssch&auml;tzen unterschieden worden. Gezielte politische Verwendung fand es aber erst im Zweiten Weltkrieg, als insbesondere die USA genauer wissen wollten, wie schnell ihre Wirtschaft die n&ouml;tige Aufr&uuml;stung leisten k&ouml;nne. Seitdem ist das BIP die Kennziffer geworden, um das Wachstum und damit Wohlstand zu messen. Aus einem Konzept wird eine Zahl, aus einer Zahl folgen Entscheidungen, wird Politik, richtet sich eine Gesellschaft aus. Wie viel Wertverlust und Schadsch&ouml;pfung sich hinter der Zahl verbirgt, bleibt verborgen.<\/p>\n<p>Beispiele?<\/p>\n<p>Ein Tankerungl&uuml;ck, das einen K&uuml;stenabschnitt mit &Ouml;l verpestet, l&auml;sst das BIP ansteigen, weil es dazu f&uuml;hrt, dass Firmen kommen und das &Ouml;l vom Strand kratzen und also Dienstleistungen erbracht werden. Die Sch&auml;den, die durch die &Ouml;lpest im &Ouml;kosystem angerichtet wurden, schlagen sich im BIP nicht nieder, weil Natur &ndash; wie wir gesehen haben &ndash; solange sie einfach nur da ist, in keiner &ouml;konomischen Bilanz auftaucht&ldquo; (S.79).<\/p><\/blockquote><p>Wenn man dies mit einer Konzernbilanz vergleicht, w&auml;re dies so, als ob erhebliche Kostenfaktoren, die negativ zu Buche schlagen, in der Bilanz nicht auftauchen. Das Bilanzergebnis w&auml;re also gesch&ouml;nt, weil es nicht die reale Lage abbildet. Und nach G&ouml;pel orientieren wir unsere Politik nach genau solchen falschen Bilanzen.<\/p><p><strong>Marktversagen oder: Der Markt wird&rsquo;s leider nicht richten<\/strong><\/p><p>Neoliberale behaupten gerne, dass Wirtschaft dann am besten funktioniert, wenn der Staat sich aus der Wirtschaft heraush&auml;lt und nur f&uuml;r die allernotwendigsten Rahmenbedingungen sorgt.<\/p><p>Das ist falsch, meint Maja G&ouml;pel und widerlegt ein Dogma der Neoliberalen mit Hinweis auf ein Buch der &Ouml;konomin Mariana Mazzucato &uuml;ber den unternehmerischen Staat (Der Originaltitel: The Entrepreneurial State):<\/p><blockquote><p>&bdquo;Am Beispiel von Apple, einem der wertvollsten Unternehmen der Welt, zeigt sie (gemeint ist Mazzucato; UB), dass viele der Technologien, auf denen der Erfolg seines wichtigsten Produkts, des iPhones, fu&szlig;t &ndash; das Internet, GPS, der Touchscreen, leistungsf&auml;hige Akkus oder die Sprachassistenz-Software Siri &ndash; auf Grundlagenforschung zur&uuml;ckgeht, die mit &ouml;ffentlichem Geld gef&ouml;rdert wurde. Der legend&auml;re Firmenchef Steve Jobs mag ein Genie in Marketing, seine Leute m&ouml;gen Genies in Design gewesen sein. In Sachen Technologie haben sie vor allem Dinge zusammengesetzt, die es schon gab, weil der Staat ihre Entstehung aktiv unterst&uuml;tzt hat. Der &sbquo;tollk&uuml;hne Initiator von Innovationen&rsquo;, so Mazzucato, sei also in Wahrheit der Staat&ldquo; (S.143).<\/p><\/blockquote><p>G&ouml;pel kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass eine nachhaltige Wirtschaft nicht mit einer unregulierten Marktwirtschaft, sondern nur mit einem starken Staat, der ganz klare Vorgaben macht, zu erreichen ist. Sie beruft sich dabei auf John Maynard Keynes, der die Rolle des Staates so definiert:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die wichtigsten Agenden des Staates betreffen nicht die T&auml;tigkeiten, die bereits von Privatpersonen geleistet werden, sondern jene Funktionen, jene Entscheidungen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft&ldquo; (S. 145).<\/p><\/blockquote><p>G&ouml;pel veranschaulicht dies unter anderem am Beispiel des Online-Handels. Ein gro&szlig;er Teil der R&uuml;cksendungen, die erhebliche &ouml;kologische Sch&auml;den verursachen, k&ouml;nnten schon mit einer kleinen R&uuml;cksendegeb&uuml;hr vermieden werden. Die meisten der von einer Bamberger Forschungsgruppe befragten kleinen und mittleren Online-H&auml;ndler w&uuml;rde auch gern eine solche R&uuml;cksendegeb&uuml;hr erheben, trauten sich dies aber nicht, weil sie f&uuml;rchteten, gegen&uuml;ber der Konkurrenz in einen Wettbewerbsnachteil zu geraten. G&ouml;pels Schlussfolgerung bei diesem Beispiel:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Von allein wird sich der Markt nicht auf eine Geb&uuml;hr einigen. Es br&auml;uchte eine staatliche Regelung. Gro&szlig;e Onlineh&auml;ndler wie Amazon oder Zalando werden das wom&ouml;glich nicht gut finden, weil sie aufgrund ihrer Gr&ouml;&szlig;e Retouren besser wegstecken und kleineren H&auml;ndlern dar&uuml;ber den Eintritt in den Markt erschweren k&ouml;nnen. Menschen, die gern viel online bestellen und deshalb auch viel zur&uuml;ckschicken, werden das wom&ouml;glich auch nicht gut finden, weil das Pr&uuml;fen und &Uuml;berlegen nun wieder vor der Bestellung stattfinden m&uuml;sste oder eben was kostet. Das bedeutet aber nicht, dass eine solche Geb&uuml;hr unter dem Strich nicht absolut sinnvoll ist. Sie schont die Umwelt, sie wird von der Mehrheit der H&auml;ndler unterst&uuml;tzt, sie benachteiligt niemanden im Besonderen, weil sie f&uuml;r alle gelten w&uuml;rde. Der Staat m&uuml;sste sich nur dazu entscheiden, sie einzuf&uuml;hren. Au&szlig;er ihm &ndash; und genau das meint John Maynard Keynes &ndash; kann es n&auml;mlich sonst niemand&ldquo; (S. 147).<\/p><\/blockquote><p>Die Autorin kritisiert weiter, dass seitens der Politik jahrelang die Verantwortung f&uuml;r die globale Planetenzerst&ouml;rung auf den einzelnen B&uuml;rger und dessen Kaufentscheidung abgeschoben wurde. Und kommt zu dem Ergebnis:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Frage lautet also nicht, ob Anreize, Verbote oder Verteuerungen sein d&uuml;rfen oder nicht. Sie lautet, welche von ihnen in der neuen Realit&auml;t (gemeint ist eine Realit&auml;t, in der &bdquo;mehr&ldquo; nicht automatisch &bdquo;mehr Nutzen und Lebensqualit&auml;t&ldquo; bedeutet; UB) nicht mehr funktionieren, falsch gesetzt sind, und uns dabei im Weg stehen, das notwendige Ziel einer nachhaltigen Lebensweise zu erreichen&ldquo; (S. 152).<\/p><\/blockquote><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Maja G&ouml;pel ist nicht nur eine Wissenschaftlerin, die popul&auml;r schreiben kann. Sie ist nach meiner Einsch&auml;tzung auch eine gute Strategin. Denn im Grunde formuliert sie in ihrem Buch eine ausgesprochen linke politische Position, pr&auml;sentiert diese aber ohne das typisch linke Vokabular. Wenn ich da nichts &uuml;berlesen habe, fiel im ganzen Buch nicht ein einziges Mal das Wort &bdquo;Kapitalismus&ldquo;. Und das ist auch gut so. So sehe ich es zumindest. Denn ich m&ouml;chte nicht, dass linke Politik zu etwas wird, das nur noch in kleinen Sekten diskutiert wird. Ich will, dass sie mehrheitsf&auml;hig wird. Und G&ouml;pel hat offenbar das richtige Gesp&uuml;r daf&uuml;r, wie man das hinkriegt. Sie kann meines Erachtens auch Menschen erreichen, die politisch eher konservativ denken.<\/p><p>Das Buch enth&auml;lt noch viele weitere interessante Aspekte, zum Beispiel dass mitnichten weltweit die Armut gesunken sei, wie gerne behauptet wird, sondern heute h&ouml;her liege als 1981. Oder der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Klimawandel. Ich kann es deshalb aus vollem Herzen empfehlen. Auch Menschen, die eigentlich keine politischen oder &ouml;konomischen B&uuml;cher lesen, weil sie bef&uuml;rchten, dass die Lekt&uuml;re zu trocken ist, werden dieses Buch mit Genuss lesen k&ouml;nnen.<\/p><p>Das Buch hat aber auch Schw&auml;chen. Im Kapitel &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; hat sie einiges sehr Interessantes geschrieben, unter anderem &uuml;ber Bill Gates. Und auch einige Vorschl&auml;ge von Wissenschaftlern angerissen, wie etwas verbessert werden k&ouml;nnte. G&ouml;pel ist immer dann gut, wenn sie aufkl&auml;rt und entlarvt. Im Schlusskapitel &bdquo;Denken und Handeln&ldquo; wird sie mir dann aber zu sehr zu einer moralisierenden evangelischen Pastorin, die uns alle auffordert, gute Menschen zu werden. Da w&auml;re es dann doch mal angebracht, in deutlicherer Sprache klare Frontlinien zu ziehen und ein konkretes Programm vorzulegen, das konkreter ist als die Forderung nach einer &bdquo;ausreichend progressiven Besteuerung&ldquo; und einem &bdquo;vern&uuml;nftigen Kartellrecht&ldquo;.<\/p><p>Gleichzeitig m&ouml;chte ich darauf hinweisen, dass wachstumskritische Positionen auch bei linken &Ouml;konomen umstritten sind. Dies gilt auch f&uuml;r die Redaktion der NachDenkSeiten. Deshalb m&ouml;chte ich auf jeweils einen Text von Albrecht M&uuml;ller und Jens Berger hinweisen, die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14401\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55332\">hier<\/a> begr&uuml;nden, warum aus ihrer Sicht wirtschaftliches Wachstum nicht zwangsl&auml;ufig sch&auml;dlich sein muss.<\/p><p><em><strong>Nachtrag:<\/strong> Das Buch beziehungsweise die positive W&uuml;rdigung des Buches hat unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der NachDenkSeiten ein unterschiedliches Echo ausgel&ouml;st. Anette Sorg findet das Buch interessant; alleine schon die Tatsache, dass schwierige wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge verst&auml;ndlich erl&auml;utert werden, ist positiv zu w&uuml;rdigen. Albrecht M&uuml;ller st&ouml;rt sich daran, dass seit langem Bekanntes als neu verkauft wird, so zum Beispiel die Fragw&uuml;rdigkeit des BIP als Ma&szlig;stab des Wohlergehens. Vor 60 Jahren sei an den Unis schon gelehrt worden, dass ein Autounfall das Bruttoinlandsprodukt mehrt und man deshalb mit ihm als Ma&szlig;stab des Wohlergehens vorsichtig umgehen sollte. Auch bleibt zu fragen, von welchen ernstzunehmenden Personen Wachstum wirklich zum politischen Ziel erkl&auml;rt wird.<\/em><\/p><p>Titelbild: CC BY-SA 2.0, Jan Michalko \/ re:publica from Germany &ndash; re:publica 19 &ndash; Day 1<\/p><p><strong>Info zur Autorin:<\/strong> <strong>Maja G&ouml;pel<\/strong>, Jahrgang 1976, ist ist Generalsekret&auml;rin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung &bdquo;Globale Umweltver&auml;nderungen&ldquo; (WBGU), Mitglied des Club of Rome, des World Future Council, der Balaton Group und Fellow (= Mitglied oder Dozent) am Progressiven Zentrum. Au&szlig;erdem ist sie bei der Initiative &bdquo;Scientists for Future&ldquo; engagiert und stellte diese im M&auml;rz 2019 in der Bundespressekonferenz vor. Des Weiteren ist sie Honorarprofessorin an der Leuphana-Universit&auml;t in L&uuml;neburg.<\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><ul>\n<li>Eine Einladung<\/li>\n<li>Eine neue Realit&auml;t<\/li>\n<li>Natur und Leben<\/li>\n<li>Mensch und Verhalten<\/li>\n<li>Wachstum und Entwicklung<\/li>\n<li>Technologischer Fortschritt<\/li>\n<li>Konsum<\/li>\n<li>Markt, Staat und Gemeingut<\/li>\n<li>Gerechtigkeit<\/li>\n<li>Denken und Handeln<\/li>\n<li>Anmerkungen und Quellen<\/li>\n<li>Quellennachweis<\/li>\n<li>Wer weitermachen will<\/li>\n<li>&Uuml;ber die Autorin<\/li>\n<\/ul><p><strong>Maja G&ouml;pel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung, Ullstein Hardcover, Berlin 2020, 208 Seiten, 17,99 Euro.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen konnte man &ouml;fters die Transformationsforscherin <strong>Maja G&ouml;pel<\/strong> im Fernsehen sehen. Einem gr&ouml;&szlig;eren Publikum d&uuml;rfte sie auch durch ihr Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Unsere-Welt-neu-denken.html\">Unsere Welt neu denken. Eine Einladung<\/a>&ldquo; bekannt sein. Denn das Buch ist ein Bestseller. Und f&uuml;r viele &Ouml;konomen eine Provokation. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen und findet, dass<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62550\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":62553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[202,208,176,133,30],"tags":[2916,233,1848,1177,1390,402],"class_list":["post-62550","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-postwachstumskritik","category-rezensionen","category-umweltpolitik","category-wichtige-wirtschaftsdaten","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-goepel-maja","tag-marktliberalismus","tag-nachhaltigkeit","tag-rezession","tag-strompreise","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/2560px-Re_publica_19_-_Day_1_32846184827.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62550"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62550\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62562,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62550\/revisions\/62562"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}