{"id":62563,"date":"2020-07-02T13:07:48","date_gmt":"2020-07-02T11:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62563"},"modified":"2020-07-04T16:29:40","modified_gmt":"2020-07-04T14:29:40","slug":"haben-iranische-sicherheitskraefte-wirklich-1-500-demonstranten-getoetet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62563","title":{"rendered":"Haben iranische Sicherheitskr\u00e4fte wirklich 1.500 Demonstranten get\u00f6tet?"},"content":{"rendered":"<p>Rund 1.500 Menschen sollen iranische Sicherheitskr&auml;fte w&auml;hrend der Proteste im vergangenen November get&ouml;tet haben. Mit diesem Vorwurf begr&uuml;nden die USA ihre harte Politik gegen&uuml;ber dem Iran. Doch der Ursprung der Zahl ist h&ouml;chst zweifelhaft. Von <strong>Fabian Goldmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1206\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62563-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62563-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200702-Haben-iranische-Sicherheitskraefte-wirklich-1500-Demonstranten-getoetet-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nicht die Zahl von Toten oder Infizierten, sondern ein Brief des iranischen Pr&auml;sidenten Hassan Rohani war es, der offenbarte, wie schlimm die weltweite Corona-Pandemie sein Land getroffen hatte. In einem f&uuml;r iranische Verh&auml;ltnisse ungew&ouml;hnlichen <a href=\"https:\/\/www.presstv.com\/Detail\/2020\/03\/14\/620861\/Rouhani-coronavirus-US-sanctions-Zarif-Iran\">Hilfsappell<\/a> bat Rohani die internationale Staatengemeinschaft am 14. M&auml;rz 2020 um humanit&auml;re Hilfe f&uuml;r sein Land, das sich aufgrund der US-Sanktionspolitik kaum selbst mit dem n&ouml;tigen medizinischen Material versorgen k&ouml;nne. Washingtons Antwort folgte umgehend: Als <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/irans-sanctions-relief-scam\/\">&bdquo;Sanctions Relief Scam&ldquo; [in etwa: Schwindel zur Erleichterung von Sanktionen)<\/a> wies US-Pr&auml;sident Donald Trump am 2. April das Hilfsgesuch der Iraner zur&uuml;ck. Einer der Gr&uuml;nde, warum seine Regierung auch in der Coronakrise nicht zu einer Lockerung der Sanktionen bereit sei, seien die 1.500 Menschen, die iranische Sicherheitskr&auml;fte w&auml;hrend der Proteste im November 2019 get&ouml;tet h&auml;tten. Der Tenor seines Statements: Wer Geld habe, seine Sicherheitskr&auml;fte auf die eigene Bev&ouml;lkerung schie&szlig;en zu lassen, habe auch Geld, um die Kranken zu versorgen.<\/p><p>Die Zur&uuml;ckweisung von Irans Hilfegesuch in der Coronakrise ist nur eines von vielen Beispielen, wie die USA die gewaltt&auml;tigen Ereignisse im Iran Ende vergangenes Jahr nutzen, um ein h&auml;rteres Vorgehen gegen die Islamische Republik zu begr&uuml;nden. Ob es um <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/briefings-statements\/press-briefing-secretary-state-mike-pompeo-secretary-treasury-steven-mnuchin-iran-sanctions\/\">die Verh&auml;ngung neuer Sanktionen geht<\/a>, die Rechtfertigung <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/briefings-statements\/remarks-president-trump-iran\/\">der gezielten T&ouml;tung des Generals Soleimani<\/a> oder die Verh&auml;ngung von <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/standing-with-the-iranian-people\/\">noch mehr Sanktionen<\/a>: Die Geschichte von 1.500 get&ouml;teten Demonstranten, die im friedlichen Kampf gegen ein brutales Regime ihr Leben lie&szlig;en, ist aus der Iran-Politik der USA nicht mehr wegzudenken. Aber stimmt sie eigentlich? Haben iranische Sicherheitskr&auml;fte bei den Protesten Ende vergangenen Jahres wirklich rund 1.500 Menschen get&ouml;tet?<\/p><p><strong>Ein bisher einmaliger Leak aus Khameneis engstem Umfeld?<\/strong><\/p><p>Sicher ist: Als ab dem 15. November 2019 infolge steigender Benzinpreise immer mehr Iraner auf die Stra&szlig;e gingen, antworteten Sicherheitskr&auml;fte vielerorts mit Gewalt. Von einer &bdquo;brutalen Niederschlagung&ldquo; der Proteste berichtete die New York Times <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/12\/01\/world\/middleeast\/iran-protests-deaths.html\">am 1. Dezember des vergangenen Jahres<\/a>. Dutzende T&ouml;tungen rekonstruierte France24 <a href=\"https:\/\/observers.france24.com\/en\/20191224-iran-hidden-slaughter-video-investigation-protest\">in einer aufw&auml;ndigen Recherche auf Basis von Handy-Videos<\/a>. Doch auf die Frage, <a href=\"https:\/\/www.middleeastmonitor.com\/20191127-hundreds-of-banks-and-government-sites-burned-in-iran-unrest\/\">von wem die Gewalt ausging<\/a>, lieferten Beobachter ebenso unterschiedliche Angaben wie zur genauen Anzahl der Todesopfer. Nach zwei Wochen Unruhen reichten die Sch&auml;tzungen von &bdquo;einigen&ldquo; des iranischen Staatsfernsehens bis zu &bdquo;Hunderten&ldquo; durch das US-Au&szlig;enministerium.<\/p><p>Erst am 23. Dezember, also rund drei Wochen nachdem die Proteste weitgehend abgeflaut waren, sollte die Ungewissheit ein Ende haben: An diesem Tag schien die Nachrichtenagentur Reuters die Antwort auf alle offenen Fragen zu liefern und dabei selbst die schlimmsten Bef&uuml;rchtungen <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-iran-protests-specialreport\/special-report-irans-leader-ordered-crackdown-on-unrest-do-whatever-it-takes-to-end-it-idUSKBN1YR0QR\">zu &uuml;bertreffen<\/a>. &bdquo;Rund 1.500 Menschen wurden in weniger als zwei Wochen der Unruhen get&ouml;tet, die am 15. November begonnen haben&ldquo;, schrieb Reuters. Nicht nur die H&ouml;he der Todesopfer, auch die Quelle, auf die sich die namentlich nicht genannten Autoren beriefen, schien sensationell: Drei Beamte des Innenministeriums, die zudem aus dem &bdquo;inneren Zirkel&ldquo; von Revolutionsf&uuml;hrer Khamanei stammen sollten, h&auml;tten Reuters die Informationen zugespielt. Aus Angst vor einem Sturz des Regimes habe Khamenei die gewaltsame Niederschlagung der Proteste angeordnet. Selbst den genauen Wortlaut der Anordnung kannte Reuters: &bdquo;Tun Sie, was immer n&ouml;tig ist, um es zu beenden.&ldquo;<\/p><p><strong>Selbst die iranische Opposition geht von weniger Toten aus<\/strong><\/p><p>Mehrere Sachen fallen an der Exklusiv-Geschichte auf. Der auff&auml;lligste Aspekt: die schiere H&ouml;he der Todeszahl. Mit 1.500 get&ouml;teten Demonstranten liegt Reuters nicht nur &uuml;ber den Angaben der US-Regierung, bevor diese die Reuters-Zahl &uuml;bernahm. Reuters stellt auch s&auml;mtliche anderen im Umlauf befindlichen Sch&auml;tzungen in den Schatten: &bdquo;Mindestens 304 Menschen bei Protesten get&ouml;tet.&ldquo; Dies berichtete am 16. Dezember 2019 die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die bisher kaum im Verdacht stand, die Menschenrechtssituation im Iran verharmlosen zu wollen. Wie genau ihre Beobachter zu den Zahlen kamen, verriet auch Amnesty nicht. Im Bericht ist lediglich von &bdquo;glaubw&uuml;rdigen Quellen&ldquo; und &bdquo;Interviews mit dutzenden Menschen im Iran&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/latest\/news\/2019\/12\/iran-thousands-arbitrarily-detained-and-at-risk-of-torture-in-chilling-post-protest-crackdown\/\">die Rede<\/a>.<\/p><p>Noch verwunderlicher: Selbst die Angaben der iranischen Opposition, die allen Grund h&auml;tte, die Machthaber der Islamischen Republik in ein schlechtes Licht zu r&uuml;cken, reichen nicht ann&auml;hernd an die Zahlen von Reuters heran: Von 366 Get&ouml;teten berichtete die Oppositionswebsite Kalemeh gegen Ende der Proteste am 28. November. Anfang Januar 2020 erh&ouml;hte Kalameh, das dem 2009 gescheiterten Pr&auml;sidentschaftskandidaten Hossein Mousavi nahe steht, die Sch&auml;tzung und <a href=\"http:\/\/kalemeh.ir\/\">gab 631 Get&ouml;tete an.<\/a><\/p><p><strong>Iran-Kenner bezweifeln die Echtheit des Berichts<\/strong><\/p><p>Nicht nur die hohe Zahl der m&ouml;glichen Todesopfer aus dem Reuters-Bericht gibt Anlass zu Zweifeln. In den vergangenen Monaten meldeten sich renommierte Iran-Experten, die auf zahlreiche weitere Ungereimtheiten aufmerksam machten: &bdquo;Kann irgendein anderer unabh&auml;ngiger Journalist oder irgendeine Menschenrechtsgruppe die Reuters-Geschichte best&auml;tigen?&ldquo;, fragte die iranisch-amerikanische New-York-Times-Journalistin Farnaz Fassihi schon kurz nach der Ver&ouml;ffentlichung <a href=\"https:\/\/twitter.com\/farnazfassihi\/status\/1209139287150776322\">auf Twitter<\/a>. &bdquo;Selbe Zweifel von meinen Quellen im Iran&ldquo;, antwortete Armin Arefi, Iran-Korrespondent f&uuml;r <a href=\"https:\/\/twitter.com\/arminarefi\/status\/1209205508617490433\">das franz&ouml;sische Polit-Magazin &bdquo;Le Point&ldquo;<\/a>. Positive R&uuml;ckmeldungen gab es keine. Ihre Frage beantwortete Fassihi kurzerhand selbst: &bdquo;Ich war dazu nicht in der Lage und ich h&ouml;re Zweifel aus allen Richtungen.&ldquo; Dass &uuml;ber dem Reuters-Text kein Autorenname erscheine, verst&auml;rke diese Zweifel noch.<\/p><p>Auch Najmeh Bozorgmehr, Teheran-Korrespondentin der Financial Times, &auml;u&szlig;erte Kritik an der Geschichte: &bdquo;Frauen spielten in diesen Protesten keine gro&szlig;e Rolle. Wie k&ouml;nnen hunderte von ihnen get&ouml;tet worden sein&ldquo;, fragte Bozorgmehr mit Blick auf die Reuters-Darstellung, wonach 400 der 1.500 Todesopfer weiblich gewesen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/najmeh_tehran\/status\/1209048377545166849\">sein sollen<\/a>. Zweifel an der Authentizit&auml;t von Reuters&rsquo; Quellen hat auch Ali Noorani, &bdquo;Iran ist anders als viele andere. F&uuml;r loyale Beamte aus dem &lsquo;inneren Zirkel&rsquo; w&auml;re das Reden hinter dem R&uuml;cken ihres Vorgesetzten nichts anderes als Verrat&ldquo;, schreibt der ehemalige Iran-Reporter <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ali_noorani_teh\/status\/1209272744761651201\">der Nachrichtenagentur AFP<\/a>.<\/p><p>Es habe schon h&auml;ufiger Zweifel an Reuters-Berichten gegeben, die sich auf ungenannte Quellen st&uuml;tzen, erkl&auml;rt auch die Journalistin Mitra Amiri gegen&uuml;ber dem Autor dieses Textes. Amiri, die selbst f&uuml;r Reuters im Iran gearbeitet hat, verweist darauf, dass das Reuters-B&uuml;ro in Iran seit 2001 geschlossen sei und derzeit keine Journalisten der Nachrichtenagentur in dem Land akkreditiert seien: &bdquo;Ich bin zurzeit sehr misstrauisch, was Reuters-Berichte &uuml;ber den Iran angeht.&ldquo;<\/p><p><strong>Die Reuters-Zahlen f&uuml;llten die L&uuml;cke, die Irans Beh&ouml;rden hinterlie&szlig;en <\/strong><\/p><p>Trotz aller Zweifel: Nicht nur in der US-Regierung stie&szlig; der Reuters-Bericht von den 1.500 get&ouml;teten Demonstranten auf dankbare Rezipienten. In Tausenden Medienberichten finden sich heute die Angaben der gro&szlig;en britischen Nachrichtenagentur. Ein Hinweis auf die fragw&uuml;rdige Quellenlage fehlt meist ebenso wie die Erw&auml;hnung alternativer Berichte zu Opferzahlen. Wie konnte die Geschichte eines anonymen Autoren, die sich auf nicht nachpr&uuml;fbare Quellen beruft, deren Glaubw&uuml;rdigkeit von vielen unabh&auml;ngigen Iran-Kennern in Zweifel gezogen wird und deren Angaben selbst der Darstellung von Menschenrechtsorganisationen und der iranischen Opposition widerspricht, so gro&szlig;en Anklang finden?<\/p><p>Ein Akteur, der zum Erfolg der Reuters-Geschichte beigetragen hat, sind die Machthaber der Islamischen Republik selbst: Monatelang weigerten sich iranische Politiker und Beh&ouml;rdenvertreter, eigene Opferzahlen zu ver&ouml;ffentlichen. Selbst nach der Ver&ouml;ffentlichung des Reuters-Berichts tat die iranische Regierung wenig, um das entstandene Bild mit Fakten zu entkr&auml;ften. Zu lange vers&auml;umten es die M&auml;chtigen in Teheran, dem Narrativ von der brutalen Niederschlagung friedlicher Proteste mit Transparenz und schonungsloser Selbstkritik eine glaubw&uuml;rdige Alternative entgegenzusetzen. Statt die juristische und politische Aufarbeitung der Ereignisse offensiv voranzutreiben und die Verantwortlichen f&uuml;r Gewalttaten zur Rechenschaft zu ziehen, belie&szlig;en es die M&auml;chtigen in Teheran zu lang dabei, Berichte &uuml;ber die Niederschlagung der Proteste als ausl&auml;ndische Propaganda abzutun. So schuf Teheran erst das Informationsvakuum, in dem sich unseri&ouml;se Anschuldigungen ungehindert ausbreiten konnten.<\/p><p>Es dauerte &uuml;ber ein halbes Jahr, bis Vertreter der iranischen Regierung selbst Angaben dazu machten, wie viele Menschen bei den Protesten Ende des Jahres 2019 get&ouml;tet wurden: 200 bis 225 Menschen h&auml;tten in dieser Zeit ihr Leben verloren, erkl&auml;rte Innenminister Rahmani Fazli am 31. Mai 2020 <a href=\"https:\/\/www.aparat.com\/v\/3BLNA\">in einem Fernsehinterview<\/a>. Auch nach seiner Darstellung waren es vor allem seine eigenen Sicherheitskr&auml;fte, die t&ouml;dliche Gewalt einsetzten: 80 Prozent der Toten gingen auf ihr Konto, 20 Prozent der Get&ouml;teten lastete Fazli Gewaltt&auml;tern in den Reihen der Demonstranten an. Es gibt keinen Grund, den offiziellen Angaben der iranischen Regierung unkritisch Glauben zu schenken. Auff&auml;llig ist jedoch, dass sich auch diese Zahl in derselben Gr&ouml;&szlig;enordnung bewegt wie jene, die vor der Reuters-Story durch unabh&auml;ngige und regierungskritische Akteure verbreitet wurden.<\/p><p><strong>So exklusiv war die Reuters-Geschichte gar nicht<\/strong><\/p><p>Unabh&auml;ngig von der Frage, was man von den offiziellen iranischen Angaben h&auml;lt, bleibt die Frage: Wie kam Reuters zu einer Zahl, die alle anderen im Umlauf befindlichen Angaben um ein Vielfaches &uuml;bersteigt? Vielleicht hat der ehemalige AFP-Iran-Reporter Ali Noorani recht. &bdquo;Es w&uuml;rde mich nicht &uuml;berraschen zu h&ouml;ren, dass ein dritter Staat Reuters hat glauben lassen, dass sie es mit Khameneis Gehilfen zu tun haben. Ich wei&szlig; es nicht. Denke nur laut nach&ldquo;, spekulierte Noorani kurz nach Ver&ouml;ffentlichung der Reuters-Geschichte <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ali_noorani_teh\/status\/1209272744761651201\">auf Twitter<\/a>.<\/p><p>M&ouml;glicherweise ist genau das geschehen. Nur, dass es nicht ein anderer Staat, sondern eine politische Bewegung war, auf deren Information die Reuters-Story basierte. Reuters waren nicht die ersten, die die Zahl von 1.500 get&ouml;teten Demonstranten in die Welt setzten. &bdquo;&Uuml;ber 1.500 Get&ouml;tete im landesweiten Aufstand des iranischen Volkes&ldquo;, hie&szlig; es schon am 15. Dezember in einer Pressemitteilung, also acht Tage bevor Reuters seine vermeintliche Exklusiv-Story ver&ouml;ffentlichte. Bei der Niederschlagung der Proteste, so geht die Mitteilung weiter, habe es sich &ldquo;zweifelsohne um eines der schockierendsten Verbrechen des 21. Jahrhunderts&ldquo; gehandelt. Die Verfasserin der Erl&auml;rung: <a href=\"https:\/\/www.maryam-rajavi.com\/en\/item\/maryam-rajavi-un-european-crime-regime-prisons-uprising-iranian-people\">Maryam Rajavi, Vorsitzende der militanten Iranischen Oppositionsbewegung der Volksmudschahedin (MEK)<\/a>.<\/p><p>Es verwundert nicht, dass bis zur Ver&ouml;ffentlichung des Reuters-Berichts kaum ein Medium die Angaben von 1.500 get&ouml;teten Demonstranten aufgriff und bis heute keine Regierung auf die Volksmudschahedin verweist, um Iran f&uuml;r die Brutalit&auml;t seiner Sicherheitskr&auml;fte anzuprangern. Schlie&szlig;lich gelten die Volksmudschahedin kaum als unabh&auml;ngige und seri&ouml;se Quelle. Seit vier Jahrzehnten f&uuml;hrt die einst stalinistische Bewegung auf allen Ebenen und mit allen Mitteln den Kampf gegen die Islamische Republik: mal an der Seite Saddam Husseins, mal unterst&uuml;tzt von der CIA, mal mit Terroranschl&auml;gen, mal mit Worten. MEK-Meldungen, die die iranische Regierung regelm&auml;&szlig;ig der schlimmstm&ouml;glichen Verbrechen beschuldigen, sind so zahlreich wie die Berichte, die den baldigen Untergang der Islamischen Republik vorraussagen. Faktenbasiert sind sie selten.<\/p><p><strong>Die Opfer sind die Menschen im Iran<\/strong><\/p><p>Kann es sein, dass der Ursprung f&uuml;r die Reuters-Geschichte von 1.500 get&ouml;teten Demonstranten in der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit einer Organisation liegt, die lange Zeit auf der Terrorliste von EU und USA stand? Gab es die drei iranischen Beamten aus Khameneis innerem Zirkel wom&ouml;glich nie? Hat der ungenannte Reuters-Autor einfach bei MEK abgeschrieben? Oder haben MEK-Leute der renommierten Nachrichtenagentur vermeintliche Aussagen angeblicher iranischer Offizieller untergejubelt? Diese und viele andere Fragen zur Authentizit&auml;t und Entstehungsgeschichte des Berichts vom 23. Dezember 2019 hat der Autor dieses Textes an Reuters geschickt. Eine Antwort auf die Fragen lieferte Reuters ebenso wenig wie ein Dementi, dass MEK-Informationen zur Story von den 1.500 Get&ouml;teten beigetragen haben k&ouml;nnten. Eine Floskel vom PR-Manager der Nachrichtenagentur blieb nach mehreren Nachfragen die einzige Antwort: &bdquo;Reuters steht zu seiner Story, die sorgf&auml;ltig, gr&uuml;ndlich belegt und &uuml;berpr&uuml;ft und im &ouml;ffentlichen Interesse ver&ouml;ffentlicht wurde.&ldquo;<\/p><p>Auch &uuml;ber ein halbes Jahr nach den Protesten im Iran bleibt unklar, wie viele Menschen damals ihr Leben lie&szlig;en. Von &bdquo;einer erschreckend hohen Todeszahl&ldquo; und einem &bdquo;sehr gro&szlig;en Gewaltniveau&ldquo; geht Adnan Tabatabai aus. Die Reuters-Zahlen bewertet der Leiter des Nahost-Forschungsinstituts &bdquo;Center for Applied Research in Partnership with the Orient&ldquo; (CARPO) dennoch als &bdquo;ma&szlig;los &uuml;berzogen.&ldquo; &bdquo;Mir scheint, dass die Wahrheit in der Mitte zwischen den Zahlen von Amnesty und den Aussagen des iranischen Innenministeriums liegt &ndash; wir landen da also bei ca. 250-300 Toten&ldquo;, erkl&auml;rt Tabatabai gegen&uuml;ber dem Autor dieses Textes und verweist auf eigene Kontakte im Land.<\/p><p>Auch wenn die genauen politischen Ereignisse, auf denen der Reuters-Bericht basiert, weiter unklar sind, sind die politischen Folgen des Berichts &auml;u&szlig;erst real: Die Konsequenzen der Reuters-Story f&uuml;r die Menschen im Iran zeigen sich, wenn die US-Regierung mit Verweis auf 1.500 get&ouml;tete Demonstranten jene Wirtschaftssanktionen versch&auml;rft, die mit zum Ausbruch der Proteste im vergangenen November beigetragen haben, oder humanit&auml;re Hilfe zur Bek&auml;mpfung der Coronakrise verweigert. Sie zeigen sich aber auch, wenn Irans M&auml;chtige die berechtigten Forderungen von Opfern und Hinterbliebenen nach juristischer und politischer Aufarbeitung und Wiedergutmachung mit Verweis auf die Reuters-Zahlen leichtfertig als Produkt ausl&auml;ndischer Propaganda abtun k&ouml;nnen. So schadet Reuters&rsquo; zweifelhafte Geschichte von den 1.500 get&ouml;teten Demonstranten letztlich auch jenen, auf deren Leid sie eigentlich aufmerksam machen sollte.<\/p><p>Titelbild: Anton_Medvedev\/shutterstock.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/41df3ece5e7342a1ae9682bd94eb1471\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rund 1.500 Menschen sollen iranische Sicherheitskr&auml;fte w&auml;hrend der Proteste im vergangenen November get&ouml;tet haben. Mit diesem Vorwurf begr&uuml;nden die USA ihre harte Politik gegen&uuml;ber dem Iran. Doch der Ursprung der Zahl ist h&ouml;chst zweifelhaft. Von <strong>Fabian Goldmann<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":62564,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,149,60,20,183,11],"tags":[282,2222,951,343,2840,1222,2403,1800,1556,2834,1019],"class_list":["post-62563","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerproteste","tag-humanitaere-hilfe","tag-iran","tag-luegen-mit-zahlen","tag-massenmord","tag-pandemie","tag-reuters","tag-trump-donald","tag-usa","tag-virenerkrankung","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/shutterstock_1749246512.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62563","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62563"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62563\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62686,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62563\/revisions\/62686"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}