{"id":62607,"date":"2020-07-03T10:04:40","date_gmt":"2020-07-03T08:04:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62607"},"modified":"2022-03-02T10:02:21","modified_gmt":"2022-03-02T09:02:21","slug":"ueber-die-irrungen-und-wirrungen-an-den-finanzmaerkten-waehrend-der-coronakrise-ein-interview-mit-dem-oekonomen-helge-peukert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62607","title":{"rendered":"\u00dcber die Irrungen und Wirrungen an den Finanzm\u00e4rkten w\u00e4hrend der Coronakrise \u2013 ein Interview mit dem \u00d6konomen Helge Peukert"},"content":{"rendered":"<p>An den Finanzm&auml;rkten geschehen derzeit seltsame Dinge: Zun&auml;chst im M&auml;rz der Crash an den Aktienm&auml;rkten als Folge der Corona-Pandemie, bei dem der Dax um weit &uuml;ber 30 Prozent nachgegeben hat &ndash; dann die pl&ouml;tzliche wie unerwartete und ebenso spektakul&auml;re Erholungsrally. Das hei&szlig;t, in einer Zeit, in der &Ouml;konomen von einer &bdquo;Jahrhundertrezession&ldquo; oder &bdquo;dem gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftlichen Einbruch seit den 1930er Jahren&ldquo; reden, befinden sich die Finanzm&auml;rkte in Jubelstimmung. In den USA hat die Technologieb&ouml;rse Nasdaq sogar einen neuen Rekordstand erreicht. &Uuml;ber die aktuellen Absurdit&auml;ten an den Finanzm&auml;rkten hat sich <strong>Thomas Trares<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem heterodoxen &Ouml;konomen <strong>Helge Peukert<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62607#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] unterhalten.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3454\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62607-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62607-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200703-Irrungen-und-Wirrungen-an-den-Finanzmaerkten-waehrend-der-Coronakrise-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Peukert, im Februar haben Sie in Berlin auf einer Tagung mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/naechstercrash-tagung.de\/\">Der n&auml;chste Crash als Chance<\/a>&ldquo; die Er&ouml;ffnungsrede gehalten. Im M&auml;rz war der Crash dann tats&auml;chlich da. H&auml;tten Sie damals gedacht, dass Sie so schnell von der Realit&auml;t eingeholt werden?<\/strong><\/p><p>Ja, wir sagten einen solchen Crash als Kassandras voraus, ahnten aber nicht, dass er bereits unterwegs war. Den Crash erwarteten wir, tagungsthemabedingt, von den &uuml;berkomplexen und &uuml;berdimensionierten Finanzm&auml;rkten (Stichwort Finanzialisierung), zu wenig Eigenkapital, dem Treiben der Schattenbanken, der Geldsch&ouml;pfung in privatwirtschaftlicher Hand, der weltweiten Verschuldung, nicht-produktiver Kredite, skrupelloser Bad Bankers und nat&uuml;rlich too big und too interconnected to fail and manage, und dann langte schon ein klitzekleiner Virus, man k&ouml;nnte sagen, too little to detect and handle.<\/p><p><strong>Kommen wir zur aktuellen Entwicklung. In der Mainstream-&Ouml;konomie gelten die Finanzm&auml;rkte ja noch immer als effizient und rational, Sie hingegen sprechen von manisch-depressiven M&auml;rkten. F&uuml;hlen Sie sich durch all die Aufs und Abs, die seit Ausbruch der Corona-Krise an den M&auml;rkten zu beobachten sind, in Ihrer Sichtweise best&auml;tigt?<\/strong><\/p><p>Ich f&uuml;hle mich zun&auml;chst darin best&auml;tigt, dass unser &uuml;bergriffiges Verhalten gegen&uuml;ber der Biosph&auml;re und der Natur, momentan durch den Mahnruf einer zoonotischen Infektion mit einem klitzekleinen Virus, unsere &bdquo;Zivilisation&ldquo; und unser Wachstumssystem, inklusive des Finanzsystems, alsbald in den Untergang f&uuml;hrt. Darin liegt zun&auml;chst der Hauptwiderspruch, wie man es fr&uuml;her gelegentlich nannte.<\/p><p>Die Akteure auf den Finanzm&auml;rkten m&uuml;ssen kurzfristig reagieren, sonst werden sie schnell abgestraft. Die zutreffende Aussage, die &uuml;brigens sowohl von den Adepten effizienter M&auml;rkte (alles schon eingepreist) als auch von Verhaltens&ouml;konomen, die eher das volatil Emotionale betonen, dass die Zukunft durch &bdquo;radikale Unsicherheit&ldquo; gekennzeichnet ist, war nie so wahr wie heute.<\/p><p>Man hofft auf einen Impfstoff. Ob und wann es den geben wird und ob er &uuml;berhaupt wirken wird, ist fraglich. Es besteht hier und heute eine gro&szlig;e Gefahr f&uuml;r die gesamte Weltbev&ouml;lkerung, viele Infos &uuml;ber Covid-19 fehlen nach wie vor, der Rekord der Entwicklung eines Impfstoffes lag bei vier Jahren, der Durchschnitt bei zehn Jahren, jetzt soll f&uuml;r Corona im n&auml;chsten Jahr einer vorliegen, es steht die Gefahr einer zweiten Welle im Raum und auch in der Bev&ouml;lkerung wollen viele endlich so tun, als sei das Ganze vorbei und sind unvorsichtig.<\/p><p>In der Finanzkrise erfuhr man, dass es sogenannte Fat Tails (Talebs Schw&auml;ne) gibt, d.h. sehr unwahrscheinliche Ereignis-Ausrei&szlig;er, die nach der Gauss-Verteilung bestenfalls alle paar Jahrtausende mal vorkommen sollen. Wahrscheinlich ist die momentane potentielle Bedrohung und Unsicherheit &bdquo;too big to imagine&ldquo;. Was macht man dann, denn wie schon Watzlawick so sch&ouml;n sagte: Man kann nicht nicht handeln und als Finanzakrobat schon gar nicht? Man geht einfach mal vom &bdquo;best case&ldquo; (bald ist der Spuk vor&uuml;ber) aus und hofft, dass die Hoffnung dazu beitr&auml;gt, dass er eintritt. (Das nennt der gro&szlig;e Auchphilosoph George Soros popperhaft &bdquo;Reflexivit&auml;t&ldquo;.) Also V-Verlauf f&uuml;r Victory, nicht W- oder L-Verlauf.<\/p><p><strong>Sie haben sich ja eingehend mit der Finanzkrise von 2008 besch&auml;ftigt. Ist die heutige Krise &uuml;berhaupt damit zu vergleichen? Damals war die Ursache ja auf den Finanzm&auml;rkten selbst zu suchen, heute ist ein Virus der Ausl&ouml;ser.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich war die Krise diesmal finanzextern ausgel&ouml;st, fest steht aber auch, dass das fragile Finanz-Kartenhaus nach wenigen Tagen zusammengebrochen w&auml;re, wenn nicht z.B. die USA praktisch unbeschr&auml;nkt US-Dollar gegen z.B. amerikanische Staatsanleihen umgetauscht h&auml;tten, da sehr viele in den sicheren Hafen der imperialen W&auml;hrung fl&uuml;chten wollen, die FED auch munter andere Repos aufkauft und die europ&auml;ischen Staatenlenker das in der Finanzkrise f&uuml;r unm&ouml;glich Erachtete durchf&uuml;hren: Fiskalausgaben im gro&szlig;en Stil. Und dann ist da noch die EZB, die rund eine Billion mehr per Quantitative Easing ausreicht nach der &bdquo;Whatever it takes&ldquo;-Devise.<\/p><p>Dann sagen sich die Finanzakteure: Nicht ist unm&ouml;glich, aber die Absicherungspolitik der Notenbank und die Spendierlaune der EU-L&auml;nder sind Realit&auml;t, also bleiben die Zinsen niedrig, das Geldbunkern bei der Notenbank wird mit leichtem Negativzins bestraft (warum eigentlich?) und dann bleibt eben nur kurzfristig die Anlage in Aktien, da der Immobilienmarkt ziemlich abgegrast ist. Und nicht erst aus der letzten Finanzkrise lernten die Finanzakteure: &bdquo;You never stand alone&ldquo;.<\/p><p>Geldhortung ist auch keine gute Idee, denn wer wei&szlig;, ob im schlimmsten Fall nicht z.B. der Euro auseinanderbricht und es eine W&auml;hrungsreform gibt oder aber der in den letzten Jahren von allen m&ouml;glichen Seiten ins Spiel gebrachte Negativzins auf Giro- und Sparkonten eingef&uuml;hrt wird. Planspiele dazu von Seiten des IWF u.a. gibt es ja genug dazu. Die Unsicherheit bekundet sich ja auch darin, dass z.B. der DAX von einem Tag zum anderen ins Plus oder Minus wandert. Die Corona der Finanzakteure schwankt also selber von Tagesmeldung zu Tagesmeldung und ohne genau zu wissen, welche Informationen eigentlich relevant sind und welche nicht.<\/p><p><strong>Apropos &bdquo;relevante Informationen&ldquo;. Zu den aktuellen Finanzmarktabsurdit&auml;ten z&auml;hlt ja irgendwie auch, dass Finanzmarktprognosen in Zeiten wie diesen alles andere als &bdquo;relevante Informationen&ldquo; darstellen. So hat zum Beispiel das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seinem IW Financial Expert Survey vom M&auml;rz Finanzexperten befragt, wo sie den Dax zur Jahresmitte sehen. Im Mittel lagen die Antworten bei 9 312 Punkten, die optimistischste Prognose kam auf 10.500 Punkte. Tats&auml;chlich notiert der Dax nun bei &uuml;ber 12.000 Punkten. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<\/strong><\/p><p>In der Tat: Die wohl gr&ouml;&szlig;te Rezession in der Nachkriegsgeschichte mit einem wom&ouml;glichen BIP-Minus von zehn Prozent in der EU und sieben Millionen Kurzarbeitern hierzulande lie&szlig;e anderes erwarten. Was nun den Dax und ausl&auml;ndische Indices betrifft: Es liegt viel Geld mit Anlagenotstand auf dem Tisch, dank der erw&auml;hnten Notenbankpolitik, aber auch angesichts der ungleichen Verteilung in der Gesellschaft, da sammelt sich am oberen Ende einiges an, viele hundert Milliarden werden j&auml;hrlich fast steuerfrei vererbt und dank Mithilfe der deutschen Bundesregierung sammelt sich in Steueroasen (inklusive der BRD) eine Menge Cash an. Wohin damit?<\/p><p>Hinzu kommt, dass besonders schlaue Leerverk&auml;ufer zu Beginn des Schlamassels damit rechneten, dass es richtig sch&ouml;n in den Indexkeller gehen wird. Das war ein Irrtum, und nun m&uuml;ssen sie die ausgeliehenen Wertpapiere am Markt kaufen und zur&uuml;ckgeben. Das hat auch eine gewisse Rolle gespielt. Aber nat&uuml;rlich kommt die Stunde der Wahrheit: Wenn die Kurse von Unternehmen in die H&ouml;he gehen und die Dividenden ausbleiben oder mickrig sind (das sogenannte Kurs-Gewinn-Verh&auml;ltnis), dann wird es schon zu einer Korrektur kommen.<\/p><p><strong>Und um noch eine weitere Absurdit&auml;t anzusprechen, derzeit gibt es in den USA mit Nikola ein Start-up, das &ndash; ganz klimagerecht &ndash; auf Wasserstoff-Antriebe bei Lkw spezialisiert ist. Das Unternehmen macht aber noch keine Ums&auml;tze, ist an der B&ouml;rse aber schon &uuml;ber 20 Milliarden Dollar wert. Es sieht also ganz danach aus, dass sich beim Thema Wasserstoff gerade die n&auml;chste Blase aufbl&auml;ht. Auch die Bundesregierung hat ja jetzt das Thema Wasserstoff entdeckt.<\/strong><\/p><p>Was Nikola angeht (ich kenne das Unternehmen nicht): Jedem ist eigentlich klar, dass sch&ouml;ne Erkl&auml;rungen im Stile des unverbindlichen Pariser Abkommens oder die neue Nebelkerze &bdquo;Klimaneutralit&auml;t&ldquo; wie beim Kyoto-Protokoll nur Zeit schinden, die nicht mehr da ist, und vielleicht ist dieses Unternehmen das neue Microsoft. Also die verzweifelte Suche nach alternativer Energiegewinnung, da kein selbstsuffizienter R&uuml;ckw&auml;rtsgang in unser Wirtschaftssystem eingebaut ist und der Durchschnittskonsumdemokrat &bdquo;bitte, gerne&ldquo; so weiterleben m&ouml;chte wie bisher. Dumm nur: Die Herstellung von gr&uuml;nem Wasserstoff erfordert immense Strommengen, er m&uuml;sste, zumindest in der EU, gr&ouml;&szlig;tenteils von weither importiert werden und der Aufbau der Kapazit&auml;ten wird laut Experten Jahrzehnte dauern.<\/p><p>Das wei&szlig; z.B. auch die deutsche Bundesregierung, die daher auch auf die Varianten Blau und T&uuml;rkis (Erdgas, Methanpyrolyse) in ihrer nationalen Wasserstoffstrategie setzt, die allerdings auf gar keinen Fall klimaneutral sind. Alleine die deutsche Stahlindustrie w&uuml;rde mindestens 130 Terrawattstunden Strom j&auml;hrlich aus &Ouml;kostrom f&uuml;r gr&uuml;nen Wasserstoff ben&ouml;tigen. Das ist mehr, als alle Windr&auml;der zu Lande oder auf hoher See hierzulande 2019 erzeugten.<\/p><p>Man k&ouml;nnte das alles auch sozialpsychologisch deuten: Die Menschen f&uuml;hlen mehr oder minder instinktiv, dass die komplexe Weltgesellschaft am Abgrund steht und ihr das Schicksal aller &bdquo;Hochkulturen&ldquo; bevorsteht: der Untergang. Dann w&auml;hlen die Menschen autorit&auml;re und verr&uuml;ckte Staatenlenker, erg&ouml;tzen sich an Verschw&ouml;rungsideologien (es gab &uuml;brigens auch in der j&uuml;ngeren Geschichte Beispiel f&uuml;r tats&auml;chliche Verschw&ouml;rungen) oder es beginnt der Tanz auf dem Vulkan: noch mal alles raus- und voll auf die Pauke hauen. Um ein drastisches Beispiel zu w&auml;hlen: Als die Russen 1945 bereits in Berlin eintrafen, knallten im sogenannten F&uuml;hrerbunker die Sektkorken (drau&szlig;en wurde es auch immer lauter) und man feierte ausgelassene Partys. Vielleicht erleben wir zurzeit die Vorboten des Zusammenbruchs unseres Wirtschaftssystems, wobei der Zusammenbruch der Lieferketten ein Vorgeschmack ist. Mich &uuml;berkommt hierbei keine Schadenfreude, da ich nicht recht wei&szlig;, wie das danach aussehen wird oder k&ouml;nnte. Wie kommt man auf solch sinistere Gedanken? Ganz einfach: Ich laufe im Wald und sehe ihn mittlerweile fl&auml;chendeckend absterben.<\/p><p><strong>Na, das sind ja tolle Aussichten! Dann hat also der Tanz auf der Titanic schon begonnen, und die Kapelle spielt dazu, w&auml;hrend das Wasser immer weiter steigt. Oder wie sagte es der fr&uuml;here Citigroup-Chef Charles Prince w&auml;hrend der Finanzkrise so treffend: &bdquo;Solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen.&ldquo; Und f&uuml;r die Musik an den M&auml;rkten sorgen heute &ndash; wie &uuml;brigens auch schon in der Finanzkrise &ndash; die Notenbanken, indem sie mal wieder in gigantischem Umfang Geld zur Verf&uuml;gung stellen. Insofern wiederholt sich ja auch hier die Geschichte wieder.<\/strong><\/p><p>Das Problem des Geldsegens der Notenbanken besteht darin, dass das Geld im Finanzsektor h&auml;ngenbleibt und sich dann eher bei den Kursverl&auml;ufen von Wertpapieren oder -gegenst&auml;nden bemerkbar macht und weniger in der Realwirtschaft. Im Moment ist es sicher prinzipiell richtig, hier den Geldhahn aufzudrehen, auch wenn das &uuml;ber den Ankauf vor allem von Staatsanleihen dem urspr&uuml;nglichen Konzept des No-bail-out, wie es die Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge vorsehen, widerspricht und sogar das Bundesverfassungsgericht mal Zweifel anzumelden wagte.<\/p><p>Man h&auml;tte das nat&uuml;rlich auch anders machen und z.B. Helikoptergeld, d.h. einen bestimmten Geldbetrag, an alle Privathaushalte im Euroraum verschenken k&ouml;nnen. Aber man sollte das auch im Zusammenhang mit den fiskalischen Ausgaben der EU-L&auml;nder sehen, da steht ja jetzt der ESM, den potentielle Empf&auml;ngerl&auml;nder nicht m&ouml;gen, und der stark aufgedackelte Wiederaufbaufonds zur Verf&uuml;gung. Mittlerweile merken selbst liberale &Ouml;konomen, dass die Schuldenst&auml;nde einiger L&auml;nder wohl deutlich ansteigen werden und sich da ein erheblicher Schuldenberg aufbaut. Jetzt will man f&uuml;r 500 Milliarden zus&auml;tzlich Zusch&uuml;sse und keine Kredite z.B. an Italien und Spanien ausschenken, da ansonsten Italien auf rund 160 Prozent Schuldenstand kommen und dann ein Good-Bye Euro drohen k&ouml;nnte.<\/p><p>Meiner Meinung nach h&auml;tte die EZB jedem Euroland (und irgendwie auch anderen EU-Mitgliedern) sagen wir 30 Prozent des jeweiligen BIP ohne Tilgung und Kredit als Unterst&uuml;tzung &uuml;berweisen k&ouml;nnen. Die L&auml;nder k&ouml;nnten dann selber entscheiden, was sie mit dem Geld machen, um b&ouml;ses Blut hinsichtlich Konditionalit&auml;ten und Schlendrian zu vermeiden. Solches &bdquo;Schenkgeld&ldquo; (ich bin kein Anthroposoph) w&auml;re &uuml;berhaupt ein Modell f&uuml;r die Zukunft, um die L&auml;nder unabh&auml;ngig(er) vom Finanzmarkt und auf Wachstum beruhenden Steuern zu machen. Von mir aus 20 Prozent, die per B&uuml;rgerhaushalt auf kommunaler Ebene auszugeben sind. Auch muss das Thema Schuldenschnitte nicht zuletzt mit Blick auf weniger &bdquo;entwickelte&ldquo; L&auml;nder und den Folgen f&uuml;r sie durch Corona wieder auf den Tisch, m&ouml;glichst mit Vorkehrungen, dass dadurch f&uuml;r die oft korrupten &bdquo;Eliten&ldquo; in diesen L&auml;ndern die Ausbeutung ihrer Landsleute nicht noch einfacher wird.<\/p><p><strong>Wie sieht es eigentlich in punkto Finanzmarktregulierung aus? Seit der Finanzkrise hat sich ja schon etwas getan, man denke etwa an die versch&auml;rften Eigenkapitalvorschriften bei den Banken. Gleichzeitig aber ist es immer noch m&ouml;glich, dass bei einem Dax-Unternehmen wie Wirecard einfach mal knapp zwei Milliarden Euro aus der Bilanz verschwinden. Bafin-Chef Felix Hufeld hat den ganzen Vorgang ja als &bdquo;komplettes Desaster&ldquo; bezeichnet. Irgendwie beschleicht einen das Gef&uuml;hl, dass die Regulierer wie beim Hase-Igel-Rennen immer zu sp&auml;t kommen.<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re einfach zu sch&ouml;n gewesen, mal ein deutsches IT-M&auml;rchen zu erleben, darauf hatten wohl zu viele gehofft und eine rote Brille aufgesetzt (aus dem Rotlichtbereich kam das Unternehmen ja auch zum Teil urspr&uuml;nglich) &ndash; so als habe man Wirecard mit einer Wildcard verwechselt. Wenn Herr Hufeld das als komplettes Desaster beschreibt, was zutrifft, m&uuml;sste er eigentlich sofort zur&uuml;cktreten, denn die Bafin hat dem Unternehmen tatkr&auml;ftig (z.B. durch das Verbot von Leerverk&auml;ufen) unter die Arme gegriffen. Aber auch die Pr&uuml;fer, die f&uuml;r das Testat 2017 schlappe 2,2 Millionen Euro kassierten, und die Anleger trugen ihr Scherflein bei. Das Unternehmen ist jetzt weg, aber zum Kopfsch&uuml;tteln bleiben genug andere Baustellen der Deutschland AG, genannt seien die Schummel-Automobilkonzerne, Cum-Ex und so weiter. Und die Deutsche Bank und die Commerzbank kommen den Forderungen der Finanzmarktkritiker entgegen, indem sie ihre Unternehmen konsequent schrumpfen, allerdings eher aus Unf&auml;higkeit. Was die Reformen der EU und international betrifft, sehe ich eher Ref&ouml;rmchen als beherztes Zupacken: die Schattenbanken sind weitgehend freischaffend, es gibt nicht einmal eine Finanztransaktionssteuer, und um noch meine Lieblingsforderung zu nennen, die so sch&ouml;n einfach und entschleunigend wirken w&uuml;rde: Wie w&auml;re es mit einer Haltedauer von einem Tag und nicht von Millisekunden?<\/p><p><strong>Was bedeutet all dies eigentlich f&uuml;r den Otto Normalverbraucher? Man k&ouml;nnte ja sagen, wenn die Zocker an den B&ouml;rsen zocken und sich dabei die Finger verbrennen, na gut, dann ist das deren Problem?<\/strong><\/p><p>Sch&ouml;n w&auml;r&rsquo;s! Da wir kein Trennbankensystem haben, in dem der normale Zahlungsverkehr der Menschen unbehelligt abgewickelt wird und es daneben eine getrennte Spielwiese gibt, ist der B&uuml;rger bisher immer der letzte B&uuml;rge, wenn es schiefgeht. Finanzinstitute operieren europaweit oder international, wenn es schiefgeht, wird die Suppe national ausgel&ouml;ffelt. An diesem Sachverhalt &auml;ndern auch EU-Projekte wie die &bdquo;Bankenunion&ldquo; (mit Minisicherheitsfonds und Abwicklungen &uuml;bers Wochenende) nichts. Schade nur, dass Menschen das zwar manchmal merken, sich dann aber rechtspopulistisch einfangen lassen. Auch die &ouml;ffentlichen Medien k&ouml;nnten hier &ouml;fters beherzter vorangehen, aber zum Gl&uuml;ck gibt es ja auch alternative nachdenkliche Seiten.<\/p><p>Aus der Wirecard-Aff&auml;re kann Otto Normalo &uuml;brigens lernen, dass er der Deka der Sparkassen, Union Investment von den Volks- und Raiffeisenbanken und auch der DWS der Deutschen Bank ein gesundes Misstrauen entgegenbringen sollte, die alle lange bei Wirecard investiert waren. Kleiner Tipp, wenn Geldanlage denn unbedingt sein muss: Ein Heft der Stiftung Warentest kaufen (&bdquo;Finanztest&ldquo;, in der letzten Ausgabe mit sozial-&ouml;kologisch etwas besser akzeptablen Fonds) und deren simples Pantoffel-Portfolio mit 2-3 breit gestreuten Indexfonds (MSCI World u.a.) ins Depot legen, aber am besten noch etwas warten, falls der ganze Laden bald doch noch zusammenbricht.<\/p><p><strong>Herr Peukert, vielen Dank f&uuml;r das Interview.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Helge Peukert<\/strong> ist apl. Professor an der Universit&auml;t Siegen. Er baut dort den Studiengang Plurale &Ouml;konomik mit auf. Mit &bdquo;Die gro&szlig;e Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise&ldquo; und &bdquo;Das Moneyfest&ldquo; hat Peukert zwei kritische B&uuml;cher zur Finanzkrise geschrieben. Zuletzt erschienen sind die beiden Werke &bdquo;Mikro&ouml;konomische Lehrb&uuml;cher: Wissenschaft oder Ideologie?&ldquo; sowie &bdquo;Makro&ouml;konomische Lehrb&uuml;cher: Wissenschaft oder Ideologie?&ldquo;, in denen Peukert g&auml;ngige &ouml;konomische Lehrb&uuml;cher auch mit Bezug auf die dortige Sicht auf die Geld- und Finanzm&auml;rkte untersucht hat.<\/p>\n<\/div><p>Titelbild: ezps\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b5c117e94a66489ea0e2880185bb7365\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den Finanzm&auml;rkten geschehen derzeit seltsame Dinge: Zun&auml;chst im M&auml;rz der Crash an den Aktienm&auml;rkten als Folge der Corona-Pandemie, bei dem der Dax um weit &uuml;ber 30 Prozent nachgegeben hat &ndash; dann die pl&ouml;tzliche wie unerwartete und ebenso spektakul&auml;re Erholungsrally. 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