{"id":6269,"date":"2010-07-23T12:25:00","date_gmt":"2010-07-23T10:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6269"},"modified":"2019-03-02T17:08:40","modified_gmt":"2019-03-02T16:08:40","slug":"stresstest-der-banken-durch-die-bankenaufseher-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6269","title":{"rendered":"Stresstest der Banken durch die Bankenaufseher der EU"},"content":{"rendered":"<p>In der Finanzbranche werden Banken und Versicherungen Stresstests unterzogen. Banken werden &uuml;berpr&uuml;ft, ob diese bei k&uuml;nftigen Krisen ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet sind. Im Zentrum stehen die Auswirkungen einer dramatischen Verschlechterung der  Konjunktur sowie hohe Kursverluste der Wertpapiere. Die strategische Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Belastbarkeitstests ist die Eigenkapitalquote, also das Eigenkapital einer Bank im Verh&auml;ltnis zur Bilanzsumme. Von Rudolf Hickel<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Worum geht es?<\/strong><\/p><p>Dazu ein Beispiel: Eine Bank erwirtschaftet auf der Basis eines soliden Gesch&auml;ftsmodells Ge&shy;winne und sch&uuml;ttet Dividenden aus. Ihre Eigenkapitalquote mit 10% reicht aus, um die &uuml;blichen Schwankungen bei den Wertpapierkursen sowie Verluste durch geplatzte Kredite  verarbeiten zu k&ouml;nnen. Was aber passiert, wenn sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sowie die Markteinfl&uuml;sse dramatisch verschlechtern? Hier setzt der Stresstest ein. Dieser zeigt f&uuml;r unterschiedliche An&shy;nahmen &uuml;ber die Intensit&auml;t von Belastungen der Bankbilanz ob das Eigenkapital unter eine Min&shy;destmarke sinkt. Wird  beim Stresstest die durch die EU-Bankenaufseher unterstellte Mindest&shy;quote des Kernkapitals um 6% unterschritten, dann gibt es zwei M&ouml;glichkeiten: Die Bank besorgt sich frisches Kapital. Wenn sie dazu nicht in der Lage ist,  stellt sich die Frage, ob staat&shy;liche Eigenkapitalzusch&uuml;sse gew&auml;hrt werden oder die Bank teil- oder voll verstaatlicht bzw. im schlimmsten Fall nicht gerettet wird. <\/p><p>Stresstests dienen als Fr&uuml;hwarnsystem. Es handelt sich jedoch nicht um Prognosen zur &ouml;kono&shy;mischen Entwicklung etwa der Deutschen Bank oder Commerzbank. Vielmehr geht es um Wenn-Dann-Szenarien. Wenn beispielsweise Staatsanleihen aus Krisenstaaten der EU, &uuml;ber die die Bank verf&uuml;gt, um 10%, 20%, ja 50% an Wert verlieren, dann stellt sich die Frage, in welchem Ausma&szlig; wegen notwendiger Wertberichtigungen bzw. Abschreibungen das Eigenkapital der Bank schmilzt. <\/p><p><strong>2. Erfahrungen mit Belastbarkeitstests in den USA und der deutschen Versicherungswirtschaft<\/strong><\/p><p>Mit solchen Stresstests liegen umfangreiche Erfahrungen vor. In der deutschen Versicherungs&shy;wirtschaft ist das Instrument 2004 zur Bewertung der Widerstandsf&auml;higkeit der Unternehmen dieser Branche eingef&uuml;hrt werden. Zust&auml;ndig ist die &bdquo;Bundesanstalt f&uuml;r Finanzdienstleistungsauf&shy;sicht (BaFin)&ldquo;. In komplizierten Risikomodellen werden unterschiedlich hohe Kursverluste bei Ak&shy;tien und  bei Anleihen (zwischen 45% und 10%) durchgespielt. F&auml;llt bei dramatischen Kursver&shy;lusten der Risikopuffer Eigenkapital unter ein Mindestma&szlig; und fehlt es an ausreichenden Eigen&shy;mitteln (Solvabilit&auml;t), dann muss das Unternehmen mit einem Sanierungsplan aktiv werden. <\/p><p>Bekannt geworden sind die Stresstests von 19 gro&szlig;en Banken in den USA im Fr&uuml;hjahr 2009. Dabei wird einer Bank, die im schlimmsten Fall (Worst- Case-Szenario) so viel an Eigenkapital verliert, dass gegen&uuml;ber der Bilanzsumme die Mindesteigenkapitalquote unter&shy;schritten wird, der erforderliche Kapitalzuschuss durch die Aufsichtsbeh&ouml;rde mitgeteilt. Bei der Bank of America  waren es 33,9 Mrd. $, und bei der Citygroup 5,5 Mrd. $. Die Kritik an diesen Stresstests verweist darauf, dass auch unter dem Einfluss der Bankenlobby mit viel zu laschen Kriterien die Ergebnisse gesch&ouml;nt worden seien. <\/p><p><strong>3. Die Stresstests von 91 Banken in der EU im &Uuml;berblick<\/strong><\/p><p>Erstmals ist in diesem Umfang ein Stresstest bei 91 systemrelevanten Banken durch&shy;gef&uuml;hrt worden. Zust&auml;ndig f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung sowie die Empfehlungen von Ma&szlig;nahmen im Falle der unzureichenden Eigenkapitalausstattung sind die Bankenaufseher der EU in London (&bdquo;Committee of European Banking Supervisors (CEBS)&ldquo;.  In Deutschland wurden insgesamt 14 Banken auf ihre Stressf&auml;higkeit untersucht: Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo Real Estate Holding, Landesbank Baden-W&uuml;rttemberg, Bayerische Landesbank, DZ Bank AG, Dt. Zentral-Genossenschaftsbank, Norddeutsche Landesbank, Deutsche Postbank, WestLB, HSH Nordbank, Landesbank Hessen-Th&uuml;ringen, Landesbank Berlin, Dekabank Deutsche Girozentrale, WGZ Bank.<br>\nDie Faktoren, die zur Ermittlung unterschiedlicher Krisenverl&auml;ufe von den Banken abgefragt wur&shy;den, sind nur grob bekannt. Erfragt wurden zum einen die Auswirkungen unterschiedlicher Inten&shy;sit&auml;ten eines Konjunktureinbruchs auf das Eigenkapital der einzelnen Bank. Zum anderen sind massive Kursverluste am Markt f&uuml;r europ&auml;ische Staatsanleihen durchgespielt worden. Die von Marktbeobachtern erwartete Ber&uuml;cksichtigung der Auswirkungen einer Staatspleite innerhalb der EU auf die Bankbilanz ist nicht untersucht worden. Die Rechtfertigung aus der Politik, es g&auml;be einen Rettungsschirm, ist  nicht akzeptabel. Schlie&szlig;lich w&auml;re es wichtig zu wissen, welche Bank nach einem negativen Ergebnis der Stresstests &ouml;ffentliche Finanzmittel aus dem Fonds bean&shy;spruchen wird.  Dar&uuml;ber hinaus m&uuml;ssten beim Stresstest auch die Wertpapiere, die auf der Basis von Verbriefungen von Krediten zusammengepackt worden sind, einbezogen werden. <\/p><p>Das Komitee der Bankenaufseher in der EU hat die Kernkapitalquote, die auch im &bdquo;Worst &ndash; Cafe-Szenario&ldquo; nicht unterschritten werden darf, mit 6% festgelegt worden. Wird diese unterschritten, wer&shy;den die betroffenen Finanzinstitute aufgefordert, Ma&szlig;nahmen zur Erh&ouml;hung des Eigenkapitals zu ergreifen. Umstritten ist die Frage, was passiert, wenn die Bank dazu nicht in der Lage ist. Mit einem allgemeinen EU-Hilfsprogramm ist nicht zu rechnen. Vielmehr wird von nationalen L&ouml;sun&shy;gen allerdings unter Ber&uuml;cksichtigung des EU-Beihilferechts ausgegangen. In Deutschland ist daf&uuml;r die &bdquo;Bundesanstalt f&uuml;r Finanzmarktstabilisierung (FMSA) mit ihrem Sonderfonds (SoFFin) zust&auml;ndig. <\/p><p><strong>4. Belastbarkeitstests der EU im Einzelnen<\/strong><\/p><p><strong>4.1. Die drei Szenarien<\/strong><\/p><p><strong><em>Basisszenario<\/em><\/strong><\/p><p>Beim  Basisszenario steht die in der Euro-Zone prognostizierte Rate des wirtschaftlichen Wachstums durch die EU-Kommission f&uuml;r dieses und das kommende Jahr im Mittelpunkt. Es wird gepr&uuml;ft, welche Folgen diese Entwicklung f&uuml;r das Eigenkapital der untersuchten Banken sowie auf andere Kennziffern hat. <\/p><p>Im Mai dieses Jahres ist f&uuml;r 2010 in den 27 EU-Mitgliedsl&auml;ndern 1,0 Prozent  und f&uuml;r das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent prognostiziert worden. F&uuml;r die 16 L&auml;nder der Euro-Zone erwartet die Beh&ouml;rde in diesem Jahr ein Plus von 1,0 Prozent und 2011 von 1,7 Prozent.  <\/p><p><strong><em>Krisenszenario<\/em><\/strong><\/p><p>Beim Krisenszenario erfolgt gegen&uuml;ber dem Basisszenario ein Test mit der Annahme, dass sich die Konjunktur in der EU im laufenden und kommenden Jahr wesentlich schw&auml;cher entwickeln wird. Es werden die Folgen einer Abweichung von drei Prozent gegen&uuml;ber der EU-Prognose auf das Eigenkapital der Banken simuliert. <\/p><p>Nach bekannt gewordenen Insiderinformationen ist die Belastung der deutschen Banken im Fall des Krisenszenarios g&uuml;nstig. Wegen der im Durchschnitt h&ouml;heren Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts wird im Krisenszenario ein hauchd&uuml;nner Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,2 Prozent und f&uuml;r das kommende Jahr ein Minus von 0,6 Prozent simuliert. Ein Absturz um 5 Prozent, wie er sich 2009 ereignete, wird nicht simuliert. <\/p><p>Auch die Zinsentwicklung wird beim Krisenszenario ber&uuml;cksichtigt. Angenommen wird eine Abflachung der Zinsstrukturkurve. Das hei&szlig;t, dass die Folgen  st&auml;rkerer Verwerfungen auf den Rentenm&auml;rkten auf die Bankbilanzen getestet werden. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Banken wegen ihrer hohen Best&auml;nde an Anleihen betroffen sind.<\/p><p><strong><em>Crashszenario <\/em><\/strong><\/p><p>Ausgehend vom Krisenszenario wird ein Crash am europ&auml;ischen Staatsanleihenmarkt  zus&auml;tzlich ber&uuml;cksichtigt. Simuliert wird die Situation, die dem H&ouml;hepunkt der Schuldenkrise  im Euroland entspricht. <\/p><p>Es sei daran erinnert, dass auf dem H&ouml;hepunkt der Schuldenkrise die Risikoaufschl&auml;ge f&uuml;r Staatsanleihen etwa in Griechenland extrem angestiegen sind. Ausgenommen die mit hoher Bonit&auml;t ausgezeichneten deutschen Bundesanleihen ist der Handel nahezu zusammengebrochen. <\/p><p>Bei dieser Simulation der Belastbarkeit der  Banken soll die Konstellation erfasst worden sein: Steigende Risikoaufschl&auml;ge (Spreads) sowie Kursverluste im Ausma&szlig; steigender Renditen am Markt f&uuml;r Staatsanleihen um durchschnittlich 30 Basispunkte. Die Folge sind entsprechende Kursverluste dieser Staatsanleihen. Die Rede ist von Kursabschl&auml;gen bis ca. 20% bei Staatsanleihen aus den Schuldenl&auml;ndern &ndash; etwa Griechenland, Portugal und Spanien. Durch die Kursverluste steigen die Eigenkapitalanforderungen. Wegen ihrer hohen Bonit&auml;t f&uuml;hrt der Besitz von deutschen Bundesanleihen nicht zu Belastungen in den Bankbilanzen. <\/p><p><strong>4.2. Die Kritik <\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Stresstests sind viel zu stark auf die Folgen der Staatsschuldenkrise einiger Euro-Mitgliedsl&auml;nder eingeengt worden. <\/li>\n<li>Die Simulation wirtschaftlicher Krisen ist viel zu optimistisch. So werden die Belastungen der Banken aus dem Absturz der Wirtschaft 2009 nicht untersucht. <\/li>\n<li>Deutschlands Banken stehen nach dieser Methode sehr gut da. Es war von vorneherein klar, dass die Hypo Real Estate als notleidendes. Institut im Umbau  den Stresstest nicht bestehen wird.<\/li>\n<\/ul><p><strong>5. Sind Stresstests sinnvoll <\/strong><\/p><p>Die Stresstests sind unter folgenden Bedingungen sinnvoll: Alle systemischen Risiken, die zum Verlust an Eigenkapital einer Bank im Krisenfall f&uuml;hren, werden ber&uuml;cksichtigt. Auch extreme Be&shy;lastungen &ndash; etwa durch eine Staatspleite innerhalb der EU &ndash; werden durchgerechnet.  Als vertrau&shy;ensbildende Ma&szlig;nahme werden die Ergebnisse zu den einzelnen Banken detailliert publiziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Finanzbranche werden Banken und Versicherungen Stresstests unterzogen. Banken werden &uuml;berpr&uuml;ft, ob diese bei k&uuml;nftigen Krisen ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet sind. Im Zentrum stehen die Auswirkungen einer dramatischen Verschlechterung der Konjunktur sowie hohe Kursverluste der Wertpapiere. 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