{"id":62817,"date":"2020-07-09T11:25:18","date_gmt":"2020-07-09T09:25:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62817"},"modified":"2020-07-12T13:21:08","modified_gmt":"2020-07-12T11:21:08","slug":"deutschland-first-urlaubs-nationalismus-in-corona-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62817","title":{"rendered":"Deutschland first &#8211; Urlaubs-Nationalismus in Corona-Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>Wer kurzentschlossen seinen Sommerurlaub an der Ostsee oder in Bayern buchen will, braucht viel Gl&uuml;ck und sollte sich auf happige Preisaufschl&auml;ge einstellen. Im t&uuml;rkischen Antalya sind Hotels und Str&auml;nde menschenleer. Das Ausw&auml;rtige Amt warnt immer noch vor Reisen in die T&uuml;rkei. Angeblich wegen Corona. Die Reisewarnung f&uuml;r das viel st&auml;rker betroffene Gro&szlig;britannien wurde jedoch aufgehoben und auch in den bayerischen Urlaubsregionen sind die Infektionszahlen h&ouml;her als in den t&uuml;rkischen Urlaubsregionen. F&uuml;r L&auml;nder wie die T&uuml;rkei ist der Einbruch des Tourismus eine einzige Katastrophe. Und nicht nur die T&uuml;rkei muss sich wegen der fortbleibenden Touristen auf eine schwere wirtschaftliche Krise einstellen. Die Folgen werden tiefgreifend sein &ndash; auch f&uuml;r Deutschland. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9222\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62817-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62817-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200709_Deutschland_first_Urlaubs_Nationalismus_in_Corona_Zeiten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es sei den Hoteliers und Gastronomen in Gr&ouml;mitz, K&uuml;hlungsborn, Oberstdorf oder Thale nat&uuml;rlich geg&ouml;nnt, dass die Sommersaison nun doch ordentlich anl&auml;uft und sie nun sicherlich einen Teil der massiven Ausf&auml;lle aus den Lockdown-Zeiten kompensieren k&ouml;nnen. Dies darf jedoch nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass das Jahr 2020 f&uuml;r den globalen Tourismus frei nach der Queen ein &bdquo;annus horribilis&ldquo; ist, in dem die deutsche Tourismusbranche im Vergleich sogar noch mit einem blauen Auge davonkommt. Der gro&szlig;e Verlierer ist weltweit der Auslandstourismus. Der Grund daf&uuml;r ist offensichtlich: Den Einen ist durch die Angst vor Corona die Lust an Auslandsreisen vergangen, den Anderen wird eine Auslandsreise durch Reisewarnungen und -verbote de facto unm&ouml;glich gemacht.<\/p><p>Gereist wird dennoch, wenn auch nicht so viel wie in den vergangenen Jahren. Statt nach Thailand, in die T&uuml;rkei oder nach Kroatien geht es halt ins Allg&auml;u oder an die Ostsee. Das ist politisch durchaus gewollt, hat doch Markus S&ouml;der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60366\">bereits im April<\/a> f&uuml;r den Sommer einen &bdquo;Run&ldquo; auf die einheimische Gastronomie- und Hotelbranche prophezeit und daraus im Zusammenspiel mit den Reisewarnungen des Au&szlig;enministers Heiko Maas eine selbsterf&uuml;llende Prophezeiung gemacht. Letzterer pochte bis vor wenigen Wochen noch standhaft darauf, dass es f&uuml;r Deutsche ohnehin in diesem Sommer keine Chance auf einen Auslandsurlaub geben w&uuml;rde. Die Buchungen in deutschen Urlaubsregionen nahmen Fahrt auf, klassische Urlaubsl&auml;nder wie die T&uuml;rkei oder Kroatien guckten jedoch in die R&ouml;hre. W&auml;hrend L&auml;nder wie Deutschland oder Frankreich den Einbruch des Auslandstourismus zumindest zum Teil durch den inl&auml;ndischen Tourismus ausgleichen k&ouml;nnen, spielt der Inlandstourismus in diesen L&auml;ndern keine nennenswerte Rolle.<\/p><p>Was aber hei&szlig;t das f&uuml;r diese L&auml;nder? In L&auml;ndern wie Kroatien oder der T&uuml;rkei h&auml;ngen ganze Regionen von den eigentlich sicheren Einnahmen aus dem Tourismus ab. Das sind nicht nur Hoteliers und Gastronomen, sondern auch und vor allem Millionen von oft schlecht bezahlten Arbeitskr&auml;ften, die direkt oder indirekt von den Einnahmen aus dem Tourismus leben &ndash; Kellner, K&uuml;chenhilfen, Zimmerm&auml;dchen, Taxifahrer, Supermarktverk&auml;ufer, Bauern, die ihre Produkte an Touristen verkaufen, K&uuml;nstler, Musiker und und und. Dies sind die direkt Betroffenen. Indirekt betroffen sind all jene, die ihrerseits auch von dem Geld leben, dass die direkt Betroffenen mit dem Tourismus verdienen und das ist dann so ziemlich die gesamte Volkswirtschaft in diesen Regionen.<\/p><p>Die T&uuml;rkei nimmt beispielsweise pro Jahr rund 31 Milliarden Euro mit dem Fremdenverkehr ein. Im letzten Jahr reisten noch f&uuml;nf Millionen Deutsche in die T&uuml;rkei. In diesem Jahr ist die Zahl implodiert. Allein in der Region Antalya lebt eine Million Einwohner direkt oder indirekt vom Tourismus. Hier gibt es weder Kurzarbeitergeld noch Rettungsschirme. Die komplette wirtschaftliche Basis dieser Menschen ist weggebrochen. &Uuml;ber die Folgen dieser Katastrophe kann man einstweilen nur spekulieren. In den 1970ern und 1980ern waren Millionen von Kroaten und T&uuml;rken gezwungen, ihr Gl&uuml;ck in der Ferne zu suchen. Ein Szenario, das f&uuml;r die kommenden Jahre auch sehr wahrscheinlich ist, sollte kein Wunder geschehen. Damit wird die wirtschaftliche Basis dieser L&auml;nder noch weiter geschw&auml;cht, w&auml;hrend L&auml;nder wie Deutschland &ndash; sehr zum Gefallen der Wirtschaft &ndash; die heimischen L&ouml;hne weiter dr&uuml;cken k&ouml;nnen. <\/p><p>K&ouml;nnte Deutschland die Folgen lindern? Selbstverst&auml;ndlich! Es gibt beispielsweise keinen &uuml;berzeugenden Grund daf&uuml;r, dass die T&uuml;rkei aufgrund der Covid-19-Lage auf der Liste der L&auml;nder steht, f&uuml;r die eine offizielle Reisewarnung ausgesprochen wird. Diese Warnung wird zwar oft als &bdquo;Empfehlung&ldquo; dargestellt. Das ist jedoch eine sehr oberfl&auml;chliche Betrachtung, schlie&szlig;lich verhindert die Reisewarnung de facto aus rechtlichen Gr&uuml;nden das Angebot von Pauschalreisen. Wer eine Reise in ein Land gebucht hat, f&uuml;r das eine offizielle Reisewarnung besteht, kann diese ohne Angabe von Gr&uuml;nden jederzeit kostenlos stornieren. Das damit verbundene Ausfallrisiko ist f&uuml;r kein Tourismusunternehmen kalkulierbar und auch nicht versicherbar, da hier Sonderklauseln gelten. Zwar k&ouml;nnen Individualreisende nach wie vor die offizielle Warnung ignorieren und einen der wenigen Fl&uuml;ge nehmen. Doch dann m&uuml;ssen sie sich auch &ndash; zu happigen Konditionen &ndash; selbst krankenversichern. Der gesetzliche Versicherungsschutz und spezielle Auslandskrankenversicherungen gelten n&auml;mlich ohne eine Zusatzklausel nicht f&uuml;r Reisen in L&auml;nder, f&uuml;r die eine Reisewarnung ausgesprochen wurde. Der Antalya-Tourist steht damit auf einer Stufe mit einem Entwicklungshelfer, der in eine Kriegsregion reisen will. Doch warum?<\/p><p>Das &bdquo;Infektionsgeschehen&ldquo; in der T&uuml;rkei ist &ndash; wenn auch auf leicht h&ouml;herem Niveau &ndash; durchaus mit dem in Deutschland oder einem Staat wie Gro&szlig;britannien vergleichbar. In der gesamten Region Antalya mit ihren 2,4 Millionen Einwohnern <a href=\"https:\/\/www.hurriyet.de\/news_tuerkei-hat-gute-argumente-zur-aufhebung-der-reisewarnung98685_143538378.html\">gab es<\/a> zwischen dem 4. und 22. Juni gerade einmal 88 positive Tests. Das ist weniger als in den meisten bayerischen Urlaubsregionen und liegt um den Faktor 30 unter dem deutschen Schwellenwert von 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche. Selbst die 4,3 Millionen Einwohner gro&szlig;e Region Izmir weist mit durchschnittlich rund 30 positiven Testergebnissen pro Tag einen absoluten Wert auf, der auf einem Niveau mit der weniger als halb so gro&szlig;en Stadt M&uuml;nchen liegt. Die Entwicklung der Zahlen ist &uuml;brigens &ndash; wie auch in Deutschland &ndash; auf niedrigem Niveau stabil. Mit diesen Zahlen l&auml;sst sich nicht begr&uuml;nden, warum ein Tourist seinen Urlaub zwar in Bayern oder Gro&szlig;britannien, nicht aber an der t&uuml;rkischen Mittelmeerk&uuml;ste verbringen darf. <\/p><p>Und die T&uuml;rkei steht damit keinesfalls allein. Absurd ist beispielsweise die Reisewarnung f&uuml;r das beliebte Fernreiseziel Thailand. Dort gab es insgesamt nur 3.202 positive Corona-F&auml;lle (Deutschland: 198.765), von denen zur Zeit gerade einmal 59(!) als aktiv gelten, also in den letzten 14 Tagen gemeldet wurden. F&uuml;r die EU will Deutschland k&uuml;nftig eine Warnung aussprechen, wenn die Neuinfektionen die deutsche Leitmarke von 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche &uuml;berschreiten. F&uuml;r Thailand betr&auml;gt dieser Wert 0,04 und dennoch besteht eine offizielle Reisewarnung wegen Corona. Auch Thailands Volkswirtschaft h&auml;ngt ganz ma&szlig;geblich von den Einnahmen aus dem Tourismus ab. Hier wird fahrl&auml;ssig oder mit Vorsatz die volkswirtschaftliche Basis anderer L&auml;nder ruiniert. Deutschland first &hellip; zumindest wenn es um den Tourismus geht.<\/p><p>Man kann dar&uuml;ber spekulieren, warum Deutschland an seinen in vielen F&auml;llen nicht durch Fakten begr&uuml;ndbaren Reisewarnungen festh&auml;lt. Politische Gr&uuml;nde k&ouml;nnten da &ndash; z.B. bei der T&uuml;rkei &ndash; eine Rolle spielen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man durchaus im Hinterkopf hat, den Inlandstourismus zulasten der Auslands- und Fernreisen zu st&auml;rken. Das k&ouml;nnte man auch Urlaubs-Nationalismus nennen. Die katastrophalen Folgen nimmt man dabei billigend in Kauf. <\/p><p>Als kleine Fu&szlig;note muss man an dieser Stelle jedoch noch erw&auml;hnen, dass es auch einen Gewinner dieser Entwicklung gibt: Betrachtet man den erzwungenen Trend zum Urlaub im eigenen Lande aus Klimaschutzperspektive, so ist dies nat&uuml;rlich durchweg positiv. Erz&auml;hlen Sie das aber mal einem Zimmerm&auml;dchen aus Pore&#269;, einem Surflehrer aus Antalya oder einem Kunsthandwerker aus Chiang Mai. <\/p><p>Titelbild: icemanphotos\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/435e0cc6b2504dbfa3025af3ea66479b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer kurzentschlossen seinen Sommerurlaub an der Ostsee oder in Bayern buchen will, braucht viel Gl&uuml;ck und sollte sich auf happige Preisaufschl&auml;ge einstellen. Im t&uuml;rkischen Antalya sind Hotels und Str&auml;nde menschenleer. Das Ausw&auml;rtige Amt warnt immer noch vor Reisen in die T&uuml;rkei. Angeblich wegen Corona. Die Reisewarnung f&uuml;r das viel st&auml;rker betroffene Gro&szlig;britannien wurde jedoch aufgehoben<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62817\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":62818,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,30],"tags":[2854,2855,443,950,1617,2676,2834],"class_list":["post-62817","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-gastronomie","tag-morbiditaet","tag-standortwettbewerb","tag-tuerkei","tag-thailand","tag-tourismusindustrie","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/shutterstock_644740459.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62817"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62817\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62827,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62817\/revisions\/62827"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62818"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}