{"id":62910,"date":"2020-07-14T09:37:00","date_gmt":"2020-07-14T07:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62910"},"modified":"2020-07-17T09:10:04","modified_gmt":"2020-07-17T07:10:04","slug":"nicht-der-verbraucher-traegt-die-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62910","title":{"rendered":"Nicht der Verbraucher tr\u00e4gt die Schuld"},"content":{"rendered":"<p>Dank Corona sind die katastrophalen Zust&auml;nde in deutschen Schlachth&ouml;fen wieder einmal Gegenstand der politischen Debatte. Mittlerweile f&auml;llt es selbst Julia Kl&ouml;ckner schwer, sich &ouml;ffentlich sch&uuml;tzend vor eine Branche zu stellen, in der das Tierwohl und die Arbeitsbedingungen Kostenfaktoren sind, die aus betriebswirtschaftlicher Logik heraus minimiert werden m&uuml;ssen. Wieder einmal wird die Verantwortung f&uuml;r die Misere zwischen den Zeilen dem Verbraucher zugeschoben, der angeblich ja die Macht habe, an den Zust&auml;nden etwas zu &auml;ndern. Das ist zynisch und feige. Gegen die milliardenschweren Interessen der Industrie und des Handels hat der Verbraucher kaum eine Chance. Nicht der Verbraucher, sondern der Gesetzgeber hat die Missst&auml;nde erm&ouml;glicht und nicht der Verbraucher, sondern der Gesetzgeber ist nun daf&uuml;r verantwortlich, diese Missst&auml;nde auch wieder abzuschaffen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5449\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62910-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62910-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200714_Nicht_der_Verbraucher_traegt_die_Schuld_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer heute ein m&uuml;ndiger Verbraucher sein will, braucht sehr viel Zeit und Energie. Sicher, es ist nicht unm&ouml;glich, ethisch korrekt und nachhaltig einzukaufen. Man kann sein Fleisch vom Bio-Schlachter kaufen, sich sein Obst und Gem&uuml;se in regional verwurzelten &ouml;kologisch korrekten Hofl&auml;den besorgen und vor jedem Kauf eines Konsumprodukts ausgiebig im Internet dessen &ouml;kologischen Fu&szlig;abdruck und die ethischen Bedingungen &uuml;ber die gesamte Produktionskette recherchieren. Wer &uuml;ber sehr viel Tagesfreizeit verf&uuml;gt und gewillt ist, sich intensiv in sehr komplexe Themenbereiche einzulesen, und nicht zuletzt auch &uuml;ber das n&ouml;tige Kleingeld verf&uuml;gt, sich diese oft doch recht teuren Produkte leisten zu k&ouml;nnen, kann dem Ideal des m&uuml;ndigen Verbrauchers schon sehr nahekommen. Doch wer hat so viel Zeit, Energie und Geld? <\/p><p>Auch Otto Normalverbraucher verurteilt die Zust&auml;nde in deutschen Schlachth&ouml;fen, will durch den Kauf von Lebensmitteln nicht den Lebensraum der letzten Orang-Utans zerst&ouml;ren oder Produkte kaufen, die mit einem unn&ouml;tig hohen Einsatz von nicht regenerativen Ressourcen hergestellt wurden. Er will kein T-Shirt kaufen, das in einem &ldquo;Sweat-Shop&rdquo; in Indien oder Bangladesch gen&auml;ht wurde und h&auml;tte auch lieber Fleisch von Puten, die keiner Breitbandantibiotika-Behandlung unterzogen wurden. Das gro&szlig;e Problem: Der Kunde hat in der Regel gar nicht die M&ouml;glichkeit, die positiven und negativen indirekten Produkteigenschaften in Erfahrungen zu bringen und kauft am Ende doch oft genau die Produkte, die er eigentlich gar nicht haben will.<\/p><p>Bleiben wir bei Fleischprodukten. Wenn ich an der Fleischtheke im Supermarkt ein Schnitzel oder ein St&uuml;ck Leberwurst kaufe, wei&szlig; ich nicht, woher das Fleisch kommt, welche Haltungsform dahintersteht und in welchem Schlachthof das Tier zerlegt wurde. Sicher, der Gesetzgeber hat da vorgesorgt. Bei aktivem Interesse ist das Thekenpersonal verpflichtet, dem Kunden die dazugeh&ouml;rigen Informationen auszuh&auml;ndigen. Dann ist der Verbraucher in Besitz von kryptischen EU-Betriebs- oder -Kontrollnummern. Kommt das Schnitzel aus dem Betrieb mit der Nummer EV 917, wurde das Schwein bei T&ouml;nnies in Rheda-Wiedenbr&uuml;ck zerlegt. Doch welcher Kunde erfragt zun&auml;chst f&uuml;r jeden einzelnen Artikel die Kontrollnummer, checkt diese dann online &uuml;ber sein Smartphone und zieht sich damit freiwillig dem Groll der Schlange stehenden anderen Kunden zu? Das wei&szlig; nat&uuml;rlich auch der Gesetzgeber. Die Politik macht sich letztlich nur einen schlanken Fu&szlig;, indem sie die angemahnte Transparenz zwar zum Teil erm&ouml;glicht, dies aber mit einem gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Aufwand f&uuml;r den Kunden verbindet; wohlwissend, dass kaum ein Kunde bereit ist, diesen Aufwand auch wirklich auf sich zu nehmen. Den Handel freut&rsquo;s. W&auml;hrend auf jeder Zigarettenschachtel bebilderte Warnhinweise zu finden sind, hat der Kunde beim Schnitzelkauf an der Fleischtheke das Gef&uuml;hl, ein regionales, ethisch korrektes Produkt zu erwerben. Noch nie war Wegsehen so einfach. Otto Normalverbraucher will zwar gute Produkte, ist in der Regel aber auch nicht bereit, daf&uuml;r einen unn&ouml;tig gro&szlig;en Aufwand zu betreiben. So lange Industrie und Handel nicht gezwungen werden, den Verbraucher mit der Nase auf diese Informationen zu sto&szlig;en, wird sich auch am Konsumverhalten so schnell nichts &auml;ndern.<\/p><p>Man darf dabei auch nicht vergessen, dass der Verbraucher ein David ist, der gegen einen Goliath ank&auml;mpft. Auf jeden Bericht &uuml;ber Kinderarbeit, abgeholzte Regenw&auml;lder, gequ&auml;lte Schweine und ausgebeutete Arbeiter kommen mindestens 1.000 Anzeigen und Werbespots der Hersteller und des Handels, die unsere Bedenken wegwischen wollen. Da geht es dann um Gef&uuml;hle, die mit dem Konsum des Produkts vermittelt werden. Lebensfreude pur f&uuml;r den Bratmaxe, wer denkt da an das gequ&auml;lte Schwein und den Niedrigl&ouml;hner aus Bulgarien, der ihm das Bolzenschussger&auml;t an die Schl&auml;fe gehalten hat? Stattdessen sehen wir &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; gl&uuml;ckliche Schweine auf Bauernh&ouml;fen, die es so nur in der Fantasie von Werbetreibenden gibt, bodenst&auml;ndige Fleischermeister, denen man gerne vertraut und nat&uuml;rlich jede Menge gl&uuml;ckliche, unkritische Kunden. Wer will da schon den Miesepeter geben und irgendwelche EU-Nummern recherchieren, um diese Seifenblase zum Platzen und sich selbst in einen Gewissenskonflikt zu bringen? Man setzt auf den kritischen Verbraucher und l&auml;sst gleichzeitig Industrie und Handel mit einem Milliarden-Werbebudget auf ihn los. Wen wundert es da, dass er am Ende denkt, dass das Schnitzel vom gl&uuml;cklichen Schwein auf dem Bilderbuchbauernhof und Schokolade aus lila K&uuml;hen kommt?<\/p><p>Dabei ist es rein pragmatisch betrachtet doch so einfach: Die Lebensmittelindustrie will mit m&ouml;glichst preiswerten Zutaten bei wettbewerbsf&auml;higen Preisen m&ouml;glichst hohe Renditen erzielen. Der Handel will Ums&auml;tze generieren und die Kunden mit m&ouml;glichst niedrig klingenden Preisen in seine M&auml;rkte locken und Gewinne erzielen. Die Politik wiederum ist fest in der Hand der Lobbyisten der Lebensmittelindustrie und des Handels. Welcher CDU-Politiker aus dem nieders&auml;chsisch-westf&auml;lischen Schweineg&uuml;rtel w&uuml;rde sich schon gerne freiwillig mit den lokalen Schweinebaronen anlegen? Aber wem wird die Verantwortung f&uuml;r die Missst&auml;nde in die Schuhe geschoben? Dem Verbraucher, der das angeblich so will. Und wenn man mal richtig zynisch wird, pocht man noch darauf, dass die niedrigen Preise eine soziale Wohltat seien. <\/p><p><em>Lesen Sie dazu: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58229\">Debatte um Lebensmittelpreise &ndash; scheinheilig und zynisch<\/a><\/em><\/p><p>Geradeso, als w&auml;ren die W&uuml;nsche des Verbrauchers sonst die oberste Leitlinie von Industrie, Handel und Politik. Auf den Verbraucher wird immer nur dann verwiesen, wenn es gilt, die Interessen von Industrie und Handel zu verteidigen. Sind die W&uuml;nsche des Verbrauchers nicht industrie- und handelskompatibel, spielen sie auch in der politischen Debatte keine Rolle.<\/p><p>Doch wer tr&auml;gt dann die Verantwortung? So gro&szlig; die politische Aufregung &uuml;ber T&ouml;nnies ist, so klar muss man festhalten, dass T&ouml;nnies offenbar gegen keine Gesetze und Vorschriften versto&szlig;en hat. Im Gegenteil. Die Politik hat vielmehr &uuml;ber die Jahre hinweg die Gesetze und Vorschriften genau so ausgeweitet, dass das &ldquo;System T&ouml;nnies&rdquo; im legalen Bereich Profite erwirtschaften kann. Nicht alles, was legal ist, ist auch rechtens. Aber an die gesellschaftliche Verantwortung eines Schweinebarons zu appellieren, ist ungef&auml;hr so sinnvoll, wie einem Kater Vortr&auml;ge &uuml;ber das M&auml;usewohl zu halten. Und T&ouml;nnies ist ja nur die Spitze des Eisbergs und allenfalls ein Symptom und nicht die Ursache. <\/p><p>Wir sollten uns daher so schnell wie m&ouml;glich vom Gedanken verabschieden, dass der Markt schon daf&uuml;r sorgt, dass irgendwann einmal ethisch und &ouml;kologisch einwandfreie Produkte in unseren Einkaufswagen landen. Das Interesse des Wolfes ist es, sich den Bauch vollzuschlagen. Das Wohl der L&auml;mmer spielt f&uuml;r ihn keine Rolle. Genauso ist es das Interesse eines Konzerns, Gewinne zu erwirtschaften. T&ouml;nnies, Nestl&eacute; oder KiK sind schlie&szlig;lich keine dem Gemeinwohl verpflichteten Genossenschaften, sondern lupenreine Renditemaschinen, in deren Gewinn- und Verlustrechnung f&uuml;r Ethik und Moral kein Platz ist. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Wer sich weigert, strengere Gesetze zu verabschieden, und die Verantwortung stattdessen auf den Verbraucher schiebt, handelt unlauter und ganz im Sinne der Konzerne, die genau wissen, dass der Verbraucher weder gewillt noch in der Lage ist, wirklich kritisch und m&uuml;ndig zu sein.<\/p><p>Titelbild: Angelo Cordeschi\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/da02c343ca4f4cef9ee3284bf4526d37\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank Corona sind die katastrophalen Zust&auml;nde in deutschen Schlachth&ouml;fen wieder einmal Gegenstand der politischen Debatte. Mittlerweile f&auml;llt es selbst Julia Kl&ouml;ckner schwer, sich &ouml;ffentlich sch&uuml;tzend vor eine Branche zu stellen, in der das Tierwohl und die Arbeitsbedingungen Kostenfaktoren sind, die aus betriebswirtschaftlicher Logik heraus minimiert werden m&uuml;ssen. 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