{"id":62972,"date":"2020-07-16T13:59:31","date_gmt":"2020-07-16T11:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62972"},"modified":"2021-03-05T11:17:12","modified_gmt":"2021-03-05T10:17:12","slug":"cancel-culture-intoleranz-im-namen-der-toleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62972","title":{"rendered":"\u201eCancel Culture\u201c \u2013 Intoleranz im Namen der Toleranz"},"content":{"rendered":"<p>Alte Filme und Serienfolgen werden aus den Archiven gel&ouml;scht, Statuen werden gest&uuml;rzt, Referenten und Dozenten ausgeladen und in Medien und Wirtschaft werden Menschen entlassen, die als falsch empfundene Positionen vertreten, die die heilige Dreifaltigkeit von Gleichheit, Diversit&auml;t und Inklusion verletzen. All dies wird heute unter dem englischen, nur sehr schwer ins Deutsche zu &uuml;bertragendem Begriff &bdquo;Cancel Culture&ldquo; zusammengefasst. Bef&uuml;rworter sprechen von einem &bdquo;Gerichtshof der &ouml;ffentlichen Vernunft&ldquo;, Gegner von der Herrschaft eines selbstgerechten Mobs, der vor allem &uuml;ber Shitstorms auf Twitter kommuniziert. Ziel der &bdquo;Cancel Culture&ldquo; ist die systematische Boykottierung, Verbannung und Annullierung von Werken und Personen aus dem &ouml;ffentlichen Leben. Eine Anti-Aufkl&auml;rung, die Intoleranz im Namen der Toleranz pflegt, ein Volksgerichtshof der politischen Korrektheit. In den USA ist &bdquo;Cancel Culture&ldquo; bereits allgegenw&auml;rtig und auch in Deutschland machen sich bedenkliche Tendenzen bemerkbar. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_613\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-62972-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=62972-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200716_Cancel_Culture_Intoleranz_im_Namen_der_Toleranz_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Sp&auml;testens seit dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd wird der Kampf gegen den Rassismus in den USA als das grundlegende Prinzip ethischen Handelns verstanden. Dabei geht es nat&uuml;rlich vor allem um kulturelle und ideologische Fragen, die sich eher auf der abstrakten Ebene bewegen. F&uuml;r sozio&ouml;konomische Ans&auml;tze ist da kein Raum. Es geht um Schwarz und Wei&szlig; und nicht um Oben und Unten, Reich und Arm. Der T&auml;ter ist der Wei&szlig;e, privilegiert wegen seiner Hautfarbe, und insbesondere der wei&szlig;e Mann, privilegiert durch Hautfarbe und Geschlecht &ndash; egal ob er in einem Penthouse in der 5th Avenue oder im Trailerpark lebt. Der St&uuml;tzpfeiler seiner Macht ist in dieser Ideologie auch nicht das asoziale System der USA, das den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem und zu den einflussreichen Positionen in Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft von der materiellen Herkunft abh&auml;ngig macht, sondern die kulturelle Hegemonie der wei&szlig;en &bdquo;Rasse&ldquo; und nat&uuml;rlich das Patriarchat. <\/p><p><strong>Vom Shitstorm verweht<\/strong><\/p><p>Gem&auml;&szlig; dieser vereinfachten und falschen, da oberfl&auml;chlichen, Herleitung verschiebt sich nat&uuml;rlich auch das Bild des Anti-Rassismus. Da gilt es dann als anti-rassistische Gro&szlig;tat, den achtfach oscarpr&auml;mierten Filmklassiker &bdquo;Von Winde verweht&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/hbo-nimmt-vom-winde-verweht-aus-dem-angebot\/a-53760441\">aus dem Programm zu nehmen<\/a>. Der Film sei &bdquo;voller rassistischer Vorurteile&ldquo;, so der US-Kabelfernsehanbieter HBO. Nat&uuml;rlich ist er das. Der Film ist im Jahre 1939 entstanden und damals waren die USA eine von rassistischen Vorurteilen gepr&auml;gte Gesellschaft. Man darf nicht vergessen, dass das Land, das den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mittels Re-Education den Rassismus austreiben und die Demokratie beibringen wollte, bis in die 1960er hinein selbst eine strenge Rassentrennung praktizierte, in der Afroamerikaner de facto <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article138149587\/Als-Amerikas-Schwarze-ihr-Wahlrecht-erkaempften.html\">kein Wahlrecht hatten<\/a>. Diese Vergangenheit wird nicht dadurch besser, dass man Zeitdokumente dieser Ideologie verbannt und damit aus dem Bewusstsein tilgt. <\/p><p>Die Entscheidung von HBO war eine direkte Reaktion auf einen <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/opinion\/story\/2020-06-08\/hbo-max-racism-gone-with-the-wind-movie\">Meinungsartikel<\/a> des afroamerikanischen Autors und Regisseurs John Ridley in der Los Angeles Times, der von zahlreichen Twitter-Nutzern f&uuml;r einen Shitstorm gegen HBO aufgegriffen wurde. HBO knickte ein, nahm den Film aus dem Archiv und l&ouml;ste damit <a href=\"https:\/\/www.globaltimes.cn\/content\/1191200.shtml\">eine internationale Debatte aus<\/a>, ob die Zensur aus Gr&uuml;nden der politischen Korrektheit mittlerweile zu weit ginge. Letzten Endes stellte HBO den Film wieder ein &ndash; nun mit einem Vorwort von einer afroamerikanischen Historikerin. <\/p><p>Die L&ouml;schung von &bdquo;Vom Winde verweht&ldquo; ist dabei nur die Spitze einer teils grotesken Reihung von Zensur und Selbstzensur im Namen des Anti-Rassismus. So hatte die BBC die ber&uuml;hmte &bdquo;Don&acute;t mention the war&ldquo;-Episode der britischen Comedy-Serie &bdquo;Fawlty Towers&ldquo; j&uuml;ngst ebenfalls <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2020\/jun\/11\/fawlty-towers-dont-mention-the-war-episode-removed-from-uktv\">aus ihren Archiven gel&ouml;scht<\/a> &ndash; angeblich sei John Cleeses subversive Satire eine Beleidigung f&uuml;r Deutsche. Das ist grotesk, macht Cleese sich doch in dieser Episode <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62092#h17\">vor allem &uuml;ber Briten lustig<\/a>, die alten Stereotypen aus dem Zweiten Weltkrieg anhingen. <\/p><p><strong>Wer nicht im politisch korrekten Mainstream segelt, verliert seinen Job<\/strong><\/p><p>&bdquo;Cancel Culture&ldquo; geht jedoch weit &uuml;ber das L&ouml;schen vermeintlich &bdquo;b&ouml;ser&ldquo; historischer Dokumente hinaus. Man hat es auch auf das L&ouml;schen von &bdquo;b&ouml;sen&ldquo; Personen aus dem &ouml;ffentlichen Leben abgesehen. Eine solch &bdquo;b&ouml;se&ldquo; Person ist beispielsweise der Autor und Journalist Ian Buruma. Der hatte es als Redakteur des New York Review of Books gewagt, ein Essay des damals wegen f&uuml;nffacher sexueller N&ouml;tigung angeklagten kanadischen Talkshow-Hosts Jian Ghomeshi zu ver&ouml;ffentlichen. Die H&ouml;lle brach in Form eines Twitter-Shitstorms &uuml;ber Buruma und seinen Arbeitgeber los, der sich gen&ouml;tigt sah, Buruma fristlos zu entlassen &ndash; er habe entgegen der redaktionellen Praxis den Artikel im redaktionellen Prozess nur einem m&auml;nnlichen Redakteur <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/09\/25\/opinion\/ian-buruma-jian-ghomeshi.html\">vorgelegt<\/a>. <\/p><p>Seinen Job verlor auch Stan Wischnowski. Er hatte als leitender Redakteur f&uuml;r den Philadelphia Inquirer einen Artikel mit der &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.marketwatch.com\/story\/black-lives-matter-buildings-matter-too-editor-loses-job-over-that-headline-2020-06-07\">&bdquo;Buildings matter, Too&ldquo;<\/a> verantwortet, der die Randale bei den Black-Lives-Matter-Ausschreitungen kritisierte. Diese &Uuml;berschrift entfachte einen Twitter-Shitstorm, vor dem der Inquirer einknickte; ein Schicksal, das auch die ber&uuml;hmte New York Times wenige Tage sp&auml;ter ereilen sollte. Dort hatte der Meinungschef James Bennett einen Op-Ed-Kommentar des republikanischen Senators Tom Cotton verantwortet, in dem Cotton unter der &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/06\/03\/opinion\/tom-cotton-protests-military.html\">&bdquo;Send in the troops&ldquo;<\/a> f&uuml;r den Einsatz des Milit&auml;rs gegen gewaltt&auml;tige Black-Lives-Matter-Demonstranten warb. Auch hier folgte ein Shitstorm, auch hier sah sich das Blatt gezwungen, sich vom verantwortlichen Redakteur zu trennen, auch hier nannte man keine inhaltlichen, sondern formale Gr&uuml;nde &ndash; Bennett habe gegen die redaktionellen Richtlinien versto&szlig;en.<\/p><p>Das ist in diesem Fall geradezu grotesk, ist das Op-Ed-Format (kurz f&uuml;r &bdquo;opposite the editorial page&rdquo;) doch ein aus angloamerikanischen Zeitungen bekanntes Format, bei dem Gastautoren per definition eine Position einnehmen, die der redaktionellen Linie widerspricht. Ein kleines St&uuml;ck Meinungspluralismus, das jedoch in Zeiten von &bdquo;Cancel Culture&ldquo; dem w&uuml;tenden Twitter-Mob geopfert wird. <\/p><p><strong>Rassismus ist ein Tabu, Kriege vom Zaun brechen nicht<\/strong><\/p><p>Wie verlogen und heuchlerisch diese Entwicklung ist, zeigt die Personalie Bennett. Bennett trat als Meinungschef die Nachfolge von Andrew Rosenthal an, der das Amt f&uuml;r neun Jahre innehatte. Zuvor hatte Rosenthal als leitender Redakteur bei der New York Times die Berichte der Times-Reporterin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Judith_Miller\">Judith Miller<\/a> verantwortet, die 2003 die gef&auml;lschten &bdquo;Beweise&ldquo; f&uuml;r die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins bei der Times ver&ouml;ffentlicht und damit den Irakkrieg der Bush-Regierung massiv herbeigef&uuml;hrt hatte. Gegen Kritik &ndash; wie sie beispielsweise seinerzeit von Seymour Hersh kam &ndash; nahm Rosenthal Miller <a href=\"https:\/\/www.thenation.com\/article\/archive\/scoops-and-truth-times\/\">offensiv in Schutz<\/a>. <\/p><p>Sp&auml;ter musste selbst die Times eingestehen, dass sie Fake News gebracht hatte, der verantwortliche Redakteur Rosenthal wurde jedoch nicht entlassen, sondern bef&ouml;rdert. Er hatte ja auch nichts politisch Unkorrektes geschrieben und Fake News, die einen Krieg ausl&ouml;sten, der hunderttausende Irakis t&ouml;tete, haben offenbar auch nicht das Zeug, die selbstgerechte Twitter-Gemeinde zu interessieren.<\/p><p><strong>Selektive Emp&ouml;rung &ndash; Adidas und J.K. Rowling<\/strong><\/p><p>Leid, Armut und Kriege sind f&uuml;r die Gralsh&uuml;ter der Moral kein Problem. Auch der Anspruch, gegen Rassismus und f&uuml;r mehr Gleichheit einzutreten, ist bei n&auml;herer Betrachtung heuchlerisch und bigott. So sah sich der Adidas-Konzern beispielsweise gezwungen, sich von seiner langj&auml;hrigen Personalchefin Karen Parkin <a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/karenrobinsonjacobs\/2020\/06\/30\/adidas-hr-chief-steps-down-amid-diversity-concerns\/#681aa62f6850\">zu trennen<\/a> &ndash; es ging um &bdquo;Diversit&auml;t&ldquo;, Parkin habe &ndash; so kritische Stimmen aus dem Konzern &ndash; nicht genug getan, um farbigen Mitarbeitern eine Karriere zu erm&ouml;glichen. Ob das so ist, ist von au&szlig;en nicht zu erkennen. Zu erkennen ist jedoch, dass gerade der Adidas-Konzern sich ein Teufel um farbige Mitarbeiter schert, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62953\">wenn es um die Lieferketten<\/a> geht. So stellt der Index des Online-Tools <a href=\"https:\/\/fashionchecker.org\/brand-profile.html?q=7217\">&bdquo;Fashion Checker&ldquo;<\/a> der Adidas AG die schlechteste Note f&uuml;r die Kategorie L&ouml;hne, die das Existenzminimum garantieren (engl. &bdquo;Living Wage&ldquo;), aus. Aber was interessieren privilegierte Millennials schon die Lebensbedingungen von Afrikanern und Asiaten? <\/p><p>Ein gro&szlig;es Problem ist es hingegen, wenn eine Person des &ouml;ffentlichen Lebens sich kritisch zur These &auml;u&szlig;ert, es g&auml;be kein &bdquo;biologisches Geschlecht&ldquo;. Dieses Tabu hat die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling verletzt und sich zugleich den Hass der Twitter-Gemeinde eingefangen. Den &bdquo;Dialog&ldquo; zwischen Rowling und dem Twitter-Mob hat die Online-Plattform &bdquo;Medium&ldquo; in einer schauerhaften Zusammenstellung <a href=\"https:\/\/medium.com\/@rebeccarc\/j-k-rowling-and-the-trans-activists-a-story-in-screenshots-78e01dca68d\">dokumentiert<\/a>. W&auml;re Rowling nicht die auflagenst&auml;rkste Autorin der Gegenwart, h&auml;tte sich ihr Verlag mit Sicherheit auch bereits von ihr getrennt.<\/p><p>&bdquo;Cancel Culture&ldquo; hat nichts mit einem konstruktiven Dialog oder gar einer Debatte zu tun, bei der es um den Austausch von Argumenten geht. Ziel ist es vielmehr, mittels Diffamierung und pers&ouml;nlichen Attacken &uuml;ber sogenannte Shitstorms Menschen mundtot zu machen. Und hier schwebt vor allem die Bedrohung der materiellen Existenz im Raum. Nicht jeder hat wie J.K. Rowling den Luxus, wirtschaftlich unabh&auml;ngig zu sein. Wer beispielsweise als normaler Redakteur erst mal &bdquo;gecancelt&ldquo; wurde, hat es schwer, einen neuen Job zu bekommen. Hier wird &bdquo;Cancel Culture&ldquo; in der Praxis zu einer Art &bdquo;Berufsverbot&ldquo; f&uuml;r Andersdenkende. Doch so weit kommt es in der Regel ja nicht. Die latente Angst, Opfer eines Shitstorms des Twitter-Mobs zu werden, f&uuml;hrt zu dem, was man &bdquo;Schere im Kopf&ldquo; nennt. Wer beispielsweise kritisch zu den Black-Lives-Matter-Randalen steht oder tats&auml;chlich die politisch unkorrekte Position vertritt, dass Transfrauen im biologischen Sinn keine &bdquo;echten&ldquo; Frauen sind, sollte dies tunlichst verschweigen &ndash; zumindest dann, wenn er bei einem linken oder liberalen Medium arbeitet, denn paradoxerweise sind dies ja die einzigen Adressaten der &bdquo;Cancel Culture&ldquo;.<\/p><p>Und sp&auml;testens hier wird es vollends absurd. Konservative und rechte Medien interessieren sich nat&uuml;rlich kaum f&uuml;r m&ouml;gliche Shitstorms selbstgerechter, sich meist als links empfindender, Twitter-Emp&ouml;rter. Im Gegenteil. W&auml;hrend sich Stimmen links der Mitte durch die Schere im Kopf selbst intellektuell beschneiden, k&ouml;nnen Stimmen rechts der Mitte die Kritik aufgreifen und f&uuml;r sich nutzen. Etwas ganz &Auml;hnliches beobachten wir ja in Deutschland, wo die Linke beispielsweise bei der Migrationsdebatte kritische Zwischent&ouml;ne aus den eigenen Reihen am liebsten mundtot machen w&uuml;rde und damit das Feld der politischen Rechten &uuml;berl&auml;sst, die diese Selbstzensur der Linken nat&uuml;rlich begr&uuml;&szlig;t.<\/p><p><strong>&bdquo;Cancel Culture&ldquo; erreicht Deutschland<\/strong><\/p><p>&bdquo;Cancel Culture&ldquo; ist zwar ein angloamerikanisches Ph&auml;nomen, das jedoch auch in Deutschland bereits mehr und mehr um sich greift. Beispiele sind die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55871\">H&ouml;rsaal-Proteste gegen den ehemaligen AfD-Politiker Bernd Lucke<\/a> und die Verhinderung der Buchvorstellung des ehemaligen Bundesinnenministers Thomas de Maiziere. Auch die aufgeregte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62742\">Debatte um den &bdquo;Coburger Mohr&ldquo;<\/a> und die hyperventilierende Universalkritik an jedem, der es auch nur wagt, in Sachen Corona <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62887\">von der gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Panikmache abzuweichen<\/a>, ist in diesem Kontext zu sehen. Auch in Deutschland hat sich eine Schar &bdquo;Linksidentit&auml;rer&ldquo; zum Richter &uuml;ber Ethik und Moral ernannt, der &uuml;ber den Volksgerichtshof Twitter seine eigene ethisch-moralische Gro&szlig;artigkeit zelebriert und alles und jeden, der inhaltlich anderer Meinung ist, vernichten will. <\/p><p>Ein Paradebeispiel f&uuml;r deutsche &bdquo;Cancel Culture&ldquo; war auch die letzte Folge der eigentlich ja kritischen ZDF-Sendung &bdquo;Die Anstalt&ldquo;, in der u.a. Karl Marx und Hannah Arendt mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten als Rassisten dargestellt und metaphorisch als Denkm&auml;ler vom Sockel gesto&szlig;en werden sollten. Das ist verk&uuml;rzte Schm&auml;hkritik, die gar nicht erst den Anspruch auf einen argumentativen Dialog hegt. Hier geht es um systematische Boykottierung, Verbannung und Annullierung &ndash; Gegenstimmen unerw&uuml;nscht.<\/p><p>Wie &uuml;berzeugt man Andersdenkende? Indem man jeden, der in einem Punkt eine vermeintlich unkorrekte Position vertritt, aus dem &ouml;ffentlichen Leben verbannen will? Indem man zusammen mit einem Mob daf&uuml;r sorgt, dass er seinen Job verliert und sich niemand mehr mit ihm in der &Ouml;ffentlichkeit sehen lassen will? Wie w&auml;re es, wenn man stattdessen wieder anf&auml;ngt, Debatten mit Argumenten auszutragen, dem Gegen&uuml;ber zuh&ouml;rt und einen gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Meinungskorridor in der Debatte akzeptiert? Aber das ist wohl zu viel verlangt, da in einem offenen Austausch der Argumente selten totalit&auml;re Sichtweisen gewinnen. Gerade in Deutschland sollten wir vorsichtig sein. Schlie&szlig;lich gab es schon mal eine Bewegung, die unliebsame Gedanken und Argumente aus dem &ouml;ffentlichen Raum tilgen wollte &ndash; sie nannte sich nicht &bdquo;Cancel Culture&ldquo;, sondern B&uuml;cherverbrennung. Es gibt jedoch auch Hoffnung. In den USA, dem Mutterland der &bdquo;Cancel Culture&ldquo;, haben nun 150 Intellektuelle, darunter unter anderem Noam Chomsky, J.K. Rowling und Salman Rushdie, einen <a href=\"https:\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\">offenen Brief<\/a> gegen die &bdquo;Cancel Culture&ldquo; verfasst &ndash; quittiert wurde dieser Aufruf zu einem Dialog durch einen weiteren Shitstorm des Twitter-Mobs, der bereits zwei Unterzeichner dazu zwang, ihre Unterschrift zur&uuml;ckzuziehen. <\/p><p>Titelbild: Lightspring\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/ef79efd7d6054c3383d3276a1099aed4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte Filme und Serienfolgen werden aus den Archiven gel&ouml;scht, Statuen werden gest&uuml;rzt, Referenten und Dozenten ausgeladen und in Medien und Wirtschaft werden Menschen entlassen, die als falsch empfundene Positionen vertreten, die die heilige Dreifaltigkeit von Gleichheit, Diversit&auml;t und Inklusion verletzen. All dies wird heute unter dem englischen, nur sehr schwer ins Deutsche zu &uuml;bertragendem Begriff<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62972\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":62973,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,159,123,161],"tags":[1146,3041,2367,1163,919,2247,826,2925,2195,220],"class_list":["post-62972","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wertedebatte","tag-adidas","tag-cancel-culture","tag-filmindustrie","tag-meinungspluralismus","tag-nyt","tag-political-correctness","tag-rassismus","tag-shitstorm","tag-twitterx","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/shutterstock_1754906384.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62972","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62972"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62972\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62983,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62972\/revisions\/62983"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/62973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}