{"id":63082,"date":"2020-07-20T12:58:03","date_gmt":"2020-07-20T10:58:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63082"},"modified":"2020-07-20T13:40:49","modified_gmt":"2020-07-20T11:40:49","slug":"die-zweistaatenloesung-ist-tot-es-lebe-der-israelisch-palaestinensische-bundesstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63082","title":{"rendered":"Die Zweistaatenl\u00f6sung ist tot \u2013 es lebe der israelisch-pal\u00e4stinensische Bundesstaat"},"content":{"rendered":"<p>Das ist eine Buchbesprechung von Heiko Flottau. Unser Rezensent war von 1985 bis 1992 und von 1996 bis 2004 Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, mit Sitz in Kairo, von 2005 bis 2009 freier Journalist in Kairo. Man merkt der Besprechung an, dass er sich auskennt und dass ihm die schreckliche Situation in Israel\/Pal&auml;stina auf der Seele liegt. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_748\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-63082-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=63082-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200719-Zweistaatenloesung-ist-tot-Buchbesprechung-Flottau-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Die Zweistaatenl&ouml;sung ist tot &ndash; es lebe der israelisch-pal&auml;stinensische Bundesstaat<\/strong><\/p><p>Es hat schon ordentliche Aufregung gegeben &uuml;ber den israelischen Philosophen Omri Boehm &ndash; der auch die deutsche Staatsb&uuml;rgerschaft besitzt &ndash; der derzeit an der &bdquo;New School for Social Research&ldquo; in New York lehrt, der schon f&uuml;r den israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet gearbeitet hat (was, wie wir sp&auml;ter sehen werden, ihm durchaus n&uuml;tzliche Erkenntnisse bescheren kann) und der, schlie&szlig;lich, gerade ein Buch vorgelegt hat[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], in dem er mit der israelischen Politik abrechnet und in diesem Zusammenhang deutschen Intellektuellen vorwirft, aus Scham &uuml;ber den Holocaust die israelische Politik schweigend zu dulden, mithin den politischen Dialog zu verweigern.<\/p><p>Das gehe gar nicht in Europa, speziell nicht in Deutschland, wo man, wie Omri Boehm schreibt, &bdquo;an der Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelkritik langsam verr&uuml;ckt&ldquo; werde. Auch das renommierte ARD-Kulturmagazin &bdquo;Titel, Thesen, Temperamente&ldquo; tappte in diese Falle, als es am 5. Juni in seinem Bericht &uuml;ber Boehms Buch eine Gegenposition einschmuggeln und einen Mann namens Alan Posener &ndash; der laut Wikipedia-Eintrag den europ&auml;ischen Kolonialismus so schlimm nicht findet &ndash; erkl&auml;ren lie&szlig;, die Deutschen sollten sich sch&ouml;n zur&uuml;ckhalten mit Stellungnahmen zu Israel. Also alles wie gehabt. Einigeln ist weiter gefragt, ein offener Diskurs wird verweigert.<\/p><p>Omri Boehms Position, wie Deutsche, Europ&auml;er aus diesem Labyrinth, in das sie sich selbstverschuldet verirrt haben, entkommen k&ouml;nnen, ist ergreifend einfach und dennoch stringent: Einzig und allein die Berufung auf den universalen Humanismus k&ouml;nne Menschenrechte, also auch die der Minderheiten, sch&uuml;tzen &ndash; einschlie&szlig;lich der Rechte der Juden.<\/p><p>Nicht einen Schimmer von dieser, jedenfalls bisher, universalen Selbstverst&auml;ndlichkeit spiegele sich, schreibt Omri Boehm, in der gegenw&auml;rtigen israelischen Regierung wider. Die vom Zionisten Benjamin Netanjahu und dem Nahostkenner Donald Trump avisierte Annexion weiter Teile des Westjordanlandes beruhe auf einer uns&auml;glichen Plattform. Das ideologische B&uuml;ndnis Netanjahu, Benny Gantz (derzeit Vizepremier), einem ehemaligen IDF-Generalstabs-Chef, und Jair Lapid (von 2013 bis 2014 Finanzminister), einem ehemaligen TV-Moderator, vermenge &bdquo;Militarismus und Populismus zu einem besonders giftigen Cocktail&ldquo;. Dessen politische Grunds&auml;tze st&uuml;nden eindeutig &bdquo;rechts von einer Partei wie der AfD&ldquo;. Gantz habe sich &bdquo;erfolgreicher Anschl&auml;ge&ldquo; auf Hamas-Funktion&auml;re ger&uuml;hmt, Lapid gelte wegen seiner hedonistischen Tel Aviver Lebensart irrt&uuml;mlich als liberal, unterst&uuml;tze aber einen Leserboykott der Tageszeitung Haaretz, weil diese zu wenig zionistisch sei.<\/p><p>Dass Blau-Wei&szlig; (das ideologische B&uuml;ndnis Gantz-Lapid) als &bdquo;zentristische&ldquo; Alternative zu Israels extrem rechter, mitunter offen faschistischer Koalition gelte, sei keine &Uuml;berraschung. &bdquo;Wir wissen&ldquo;, schreibt Omri Boehm, &bdquo;dass Demokratien genau so zerfallen; nicht durch stramm rechte F&uuml;hrer allein, sondern durch die Kollaboration einer nationalpopulistischen, militaristischen, opportunistischen Mitte.&ldquo;<\/p><p>Soweit die ideologisch-politische Plattform, auf der sich, laut Omri Boehm, die israelische Regierung und auch gro&szlig;e Teile der israelischen Gesellschaft bewegten. Nach dieser Lesart ist Benjamin Netanjahu, der sich mit vielen Tricks an der Macht h&auml;lt, kein Betriebsunfall der israelischen Geschichte, sondern Ausdruck eines immer st&auml;rker werdenden rechtspopulistischen Systems, das Israel in einen autorit&auml;ren Staat verwandeln k&ouml;nnte, der die Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser verewige.<\/p><p>Schonungslos rechnet Omri Boehm auch mit der israelischen bzw. der zionistischen Geschichte ab. Auf der Jahresversammlung der &bdquo;Amerikanischen Zionistischen Organisation&ldquo; in Atlantic City h&auml;tten die Teilnehmer 1944 den Entschluss &bdquo;nach einem demokratischen j&uuml;dischen Gemeinwesen&ldquo; gefasst, welches &bdquo;ganz Pal&auml;stina ungeteilt und ungeschm&auml;lert umfassen&ldquo; m&uuml;sse. Hannah Arendt hatte daraufhin von einem &bdquo;Wendepunkt der zionistischen Geschichte&ldquo; gesprochen. Denn tats&auml;chlich hatten sich jene &bdquo;Revisionisten&ldquo; durchgesetzt, die einen Kompromiss mit den Pal&auml;stinensern stets ablehnten. Diese Zionisten wurden von Hannah Arendt und Albert Einstein schlichtweg als &bdquo;Faschisten&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Omri Boehm schildert dann die grausame Geschichte der Vertreibung der Pal&auml;stinenser im Nahostkrieg von 1948 (die etwa der in Exeter lehrende israelische Historiker Ilan Pappe in seinem Buch &bdquo;Die ethnische S&auml;uberung Pal&auml;stinas&ldquo; detailliert dokumentiert hat). Omri Boehm schreibt, dass sich die israelische Gesellschaft dieser Geschichte niemals gestellt habe. &bdquo;Uns wurde beigebracht, dass wir unsere Eltern und Gro&szlig;eltern nach ihren Erlebnissen im Holocaust fragen und uns selbst als Opfer sehen sollten &ndash; die wir zweifellos waren &ndash; nie aber als T&auml;ter, die wir auch waren.&ldquo;<\/p><p>Tats&auml;chlich fasste Theodor Herzl, der Begr&uuml;nder des s&auml;kularen Zionismus, im Jahr 1895 in seinem Tagebuch eine Umsiedlung der Pal&auml;stinenser (heute w&uuml;rde man den h&auml;sslichen Begriff &bdquo;ethnische S&auml;uberung&ldquo; benutzen) ins Auge. Die arme pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung, schrieb Herzl, &bdquo;trachten wir unbemerkt &uuml;ber die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchgangsl&auml;ndern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande derlei Arbeit verweigern&ldquo;. Unbemerkt ginge solch eine Menschenrechtsverletzung indes heute nicht mehr &uuml;ber die B&uuml;hne &ndash; die Fernsehkameras aus aller Welt w&uuml;rden ein von den Vertreibern ungew&uuml;nschtes Zeugnis ablegen. Aber noch 1944 konnte der sp&auml;tere israelische Au&szlig;enminister Moshe Shertok sagen, dass eine Umsiedlung der &bdquo;kr&ouml;nende Abschluss, das letzte Stadium der politischen Entwicklungen, aber keinesfalls der Ausgangspunkt&ldquo; sein k&ouml;nne.<\/p><p>Auch der Staatsgr&uuml;nder David Ben Gurion war, nach der Interpretation des Autors, ein Bef&uuml;rworter der Umsiedlung. Omri Boehm zitiert den israelischen Autor Ari Shavit, der 2013 ein viel beachtetes Buch &bdquo;My Promised Land&ldquo; geschrieben hat. In einem Interview mit Benny Morris &ndash; einem der &bdquo;neuen Historiker&ldquo; Israels &ndash; sagte Morris auf eine entsprechende Frage von Ari Shavit: &bdquo;Ben Gurion war ein Umsiedlungsanh&auml;nger. Er verstand, dass es keinen j&uuml;dischen Staat mit einer gro&szlig;en und feindlichen arabischen Minderheit in seiner Mitte geben k&ouml;nnte.&ldquo;<\/p><p>Doch nun, gut 72 Jahre nach der Gr&uuml;ndung Israels, sind die Pal&auml;stinenser nicht nur immer noch da, vielmehr w&auml;chst ihre Zahl unaufh&ouml;rlich. Und es gilt der Satz des israelischen Schriftstellers David Gro&szlig;mann, den Omri Boehm zitiert, wonach Israel f&uuml;r die Juden keine Heimat sein k&ouml;nne, solange das Land f&uuml;r die Pal&auml;stinenser kein Heim sei.<\/p><p>Wo also liegt die L&ouml;sung des Konfliktes? Friedensprozess? Gescheitert. Visionen? Kaum erkennbar in Israel und auch kaum unter den Pal&auml;stinensern. Omri Boehm wagt einen Vorschlag, k&uuml;hn, fast verwegen. Als realit&auml;tsfern und als absolut &bdquo;unj&uuml;disch&ldquo; w&uuml;rde das gegenw&auml;rtige politische Establishment Israels die Idee Boehms verdammen. Boehms Vorschlag hat einen Namen, und der lautet &bdquo;Republik Haifa&ldquo; &ndash; ein Bundesstaat, in dem Juden und Pal&auml;stinenser die gleichen Rechte haben, jeder &ndash; gleich ob Jude oder Araber &ndash; in ganz Pal&auml;stina wohnen kann und doch jede Volksgruppe ihre eigene Teilregierung hat. Der Autor zitiert &uuml;ber drei Buchseiten jenen &ndash; nie umgesetzten &ndash; Autonomieplan, den der damalige Premier Menachem Begin im Dezember 1977 im Zuge der Friedensverhandlungen mit &Auml;gypten vorgelegt hat. Punkt eins lautete: &bdquo;Die Milit&auml;rverwaltung in Jud&auml;a, Samaria und im Gazadistrikt wird aufgehoben.&ldquo; An diesen Plan soll die von Omri Boehm konzipierte &bdquo;Republik Haifa&ldquo; ankn&uuml;pfen. Und Punkt acht hie&szlig;: &bdquo;Es wird gemeinsame &ouml;ffentliche Gedenkveranstaltungen von Juden und Pal&auml;stinensern f&uuml;r den Holocaust und die Nakba (die Vertreibung der Pal&auml;stinenser 1948 und 1967, Anm. d. Autors) geben.<\/p><p><strong>Warum aber Haifa? Warum nicht &bdquo;Republik Jerusalem&ldquo; oder &bdquo;Republik Tel Aviv&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Jerusalem verk&ouml;rpere zwar die St&auml;tte dreier Weltreligionen, schreibt Omri Boehm, sei aber auch &bdquo;G&ouml;tzenbild im schlechtesten Sinne des Wortes, das nationalistische und religi&ouml;se Fundamentalisten auf allen Seiten anbeten&ldquo;.<\/p><p>Tel Aviv sei zwar eine s&auml;kulare, pulsierende Strandstadt, aber auch &bdquo;ein fetischisiertes, tr&uuml;gerisches goldenes Kalb, ein Bild davon, wie modernes, s&auml;kulares j&uuml;disches Leben vielleicht auss&auml;he, wenn die Juden nur unter sich bleiben k&ouml;nnten&ldquo;.<\/p><p>Haifa dagegen biete, schreibt der Autor, ein Gegenmodell. Hier arbeiteten j&uuml;dische und pal&auml;stinensische &Auml;rzte in oft den besten Krankenh&auml;usern des Landes zusammen, um die stark gemischte Bev&ouml;lkerung des Nordens zu betreuen. In Haifa g&auml;be es mit Al-Midan ein arabisch-j&uuml;disches Theater. Im j&uuml;dischen Teil der Stadt gebe es auf der Massada-Stra&szlig;e viele arabische Caf&eacute;s, mithin das &bdquo;wahre Potential einer kosmopolitischen statt einer j&uuml;dischen Stadt&ldquo;, wo Araber und Juden &bdquo;wie selbstverst&auml;ndlich die Liebe, das Leben, das Gespr&auml;ch miteinander&ldquo; teilten. Schlie&szlig;lich sei der Hafen Haifas jener Ort, an dem die &Uuml;berlebenden des Holocaust angekommen seien &ndash; und wo wenig sp&auml;ter, im ersten arabisch-israelischen Krieg, Tausende von Pal&auml;stinensern &bdquo;in Scharen zum Hafen fl&uuml;chteten und die Stadt auf Schiffen verlie&szlig;en&ldquo;.<\/p><p>Nat&uuml;rlich bleibe die &bdquo;Gr&uuml;ndung der Republik Haifa vorerst &bdquo;ein utopischer Traum&ldquo; schreibt Omri Boehm. Dieser Traum sei aber n&auml;her an der Realit&auml;t als das &bdquo;illusorische Festhalten an der Zweistaatenl&ouml;sung&ldquo;. Daher bleibe Theodor Herzls urspr&uuml;ngliches Motto zur Gr&uuml;ndung des Staates Israel auch f&uuml;r eine Republik Haifa g&uuml;ltig. Herzl hatte gesagt: &bdquo;Wenn ihr wollt, ist es kein M&auml;rchen.&ldquo;<\/p><p>Freilich: Mit dieser wunderbaren politischen Vision entl&auml;sst Omri Boehm seine Leser nicht. Sein letztes Kapitel nennt er &bdquo;Zorniges Postskriptum aus gegebenem Anlass&ldquo;. Der Anlass ist f&uuml;r den Autor eindeutig. Die Regierung Netanjahu verfolge eine Politik, in der Israel ein &bdquo;j&uuml;discher Staat&ldquo; sein sollte, also kein Staat f&uuml;r alle seine B&uuml;rger. Es g&auml;be Politiker, welche nicht nur ein Apartheidsregime anstrebten, sondern immer noch &uuml;ber die Vertreibung der Pal&auml;stinenser nachd&auml;chten. Damit gleiche die Politik Netanjahus und die viele seiner Bundesgenossen der Politik der AfD in Deutschland: Auch diese wolle einen &bdquo;reinen&ldquo; deutschen Nationalstaat, in dem Minderheiten keine oder nur eingeschr&auml;nkte Rechte h&auml;tten. Israel stehe, sagt Omri Boehm, vor &bdquo;Weimarer Verh&auml;ltnissen&ldquo;.<\/p><p>Offiziell verdamme die Regierung Netanjahu zwar die Politik der AfD. Aber Jair Netanjahu, Sohn und oft inoffizieller Sprecher seines Vaters, habe in einem Tweet geschrieben: &bdquo;Die EU ist ein Feind Israels &hellip; Schengen ist tot. Hoffentlich ist es die globalisierte EU auch. Dann wird Europa wieder frei, demokratisch und christlich sein.&ldquo;<\/p><p>Erschreckende Bilanz des Autors in seinem &bdquo;zornigen Postskriptum&ldquo;: W&auml;hrend sich Israel zu weiteren Annexionen anschicke, &bdquo;w&auml;re jeder denkbaren israelischen Regierung eine AfD-gef&uuml;hrte Bundesregierung viel lieber als eine CDU- oder SPD-gef&uuml;hrte&ldquo;. Auch sehe er den Augenblick gekommen, an dem auch AfD-Politiker in der Holocaust-Gedenkst&auml;tte Yad Vashem willkommen seien &ndash; nachdem sich dort schon Donald Trump, Viktor Orban, Jair Bolsonaro, Matteo Salvini und Rodrigo Duterte ins G&auml;stebuch eingetragen h&auml;tten.<\/p><p>Schlie&szlig;lich: Was man sich heute fragen m&uuml;sse, sei nicht, welche linksradikale Kritik an Israel antisemitisch sei, sondern welche pro-israelische Politik noch m&ouml;glich sei. Eine solche Politik m&uuml;sse sich weigern, &bdquo;Israels Kollaboration mit antisemitischen Verb&uuml;ndeten&ldquo; zu tolerieren.<\/p><p><strong>Noch zorniger h&auml;tte Omri Boehms Postskriptum nicht ausfallen k&ouml;nnen.<\/strong><\/p><p>Nachbemerkung: Wie eingangs erw&auml;hnt, war Omri Boehm &ndash; laut Klappentext seines Buches &ndash; zeitweise auch Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet. Shin-Bet-F&uuml;hrer haben den &bdquo;pal&auml;stinensischen Terror&ldquo;, wie sie es nennen, bek&auml;mpft &ndash; und dabei dennoch tiefe Einblicke in die pal&auml;stinensische Seele und in ihre eigene israelische Gesellschaft bekommen. Ihre Einsichten aus ihrer T&auml;tigkeit m&ouml;gen auf den ersten Blick &uuml;berraschend sein, konsequent sind sie dennoch. In dem Dokumentarfilm &bdquo;The Gatekeepers&ldquo; des israelischen Autors Dror Morch (deutscher Titel &bdquo;T&ouml;te zuerst&ldquo;, einer Koproduktion mit ARTE Frankreich und dem NDR aus dem Jahr 2012) &auml;u&szlig;ern sich einige ehemalige Shin-Bet-Direktoren sehr skeptisch zur Arbeit ihrer Beh&ouml;rde und zur Situation im eigenen Land. Amri Ajalon (Shin-Bet-Chef 1996-2000) sagt in dem Film, nach der Ermordung von Jitzhak Rabin 1995 habe er sein Land mit anderen Augen gesehen. &bdquo;Mir war das ganze Ausma&szlig; von Hetze und Hass gar nicht bewusst gewesen.&ldquo; Avi Dichter, Shin-Bet-Chef von 2000 bis 2005, gibt in dem Film zu Protokoll, der israelische Ansatz, pal&auml;stinensischen gewaltsamen Widerstand mit der Ermordung der Anf&uuml;hrer zu beantworten, habe nichts als weitere Aufst&auml;nde provoziert. Und Karmi Gillon, Shin-Bet-Direktor von 1994 bis 1996, sagt in dem Film klipp und klar: &bdquo;Israel kann sich den Luxus nicht leisten, nicht mit dem Feind zu reden.&ldquo;<\/p><p>Omri Boehm hat sicher auch aus diesen Einsichten gesch&ouml;pft. Wohl auch deshalb nennt er sein Buch &bdquo;Israel &ndash; eine Utopie&ldquo;. Hinter diesen Titel setzt er kein Fragezeichen. Folgt man dem Autor, dann hei&szlig;t das, dass Israel in seiner jetzigen Form auf Dauer keinen Bestand haben kann. Aber die von Boehm avisierte &bdquo;Republik Haifa&ldquo;? Im Kleinen besteht die schon &ndash; zumindest, wenn man dem Portr&auml;t der Stadt folgt, wie es Omri Boehm schildert. Nur: Auch in Haifa regiert eine j&uuml;dische Mehrheit &uuml;ber eine pal&auml;stinensische Minderheit. Da an vielen Orten der Welt ethnisch-nationalistische Ideologien virulent sind und weil Benjamin Netanjahu weitere Annexionen pal&auml;stinensischen Landes plant, bleibt die &bdquo;Republik Haifa&ldquo; eine inspirierende, aufmunternde, aber leider derzeit auch realit&auml;tsferne Vision.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Omri Boehm: Israel &ndash; eine Utopie. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Verlag Propyl&auml;en, Berlin 2020.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist eine Buchbesprechung von Heiko Flottau. Unser Rezensent war von 1985 bis 1992 und von 1996 bis 2004 Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, mit Sitz in Kairo, von 2005 bis 2009 freier Journalist in Kairo. Man merkt der Besprechung an, dass er sich auskennt und dass ihm die schreckliche Situation in Israel\/Pal&auml;stina auf der Seele<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63082\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,175,125,208],"tags":[305,893,835,1926,303,1191,1281,2920],"class_list":["post-63082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-israel","category-rechte-gefahr","category-rezensionen","tag-menschenrechte","tag-militarisierung","tag-nationalismus","tag-netanjahu-benjamin","tag-palaestina","tag-populismus","tag-zionismus","tag-zweistaatenloesung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63082"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63082\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63086,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63082\/revisions\/63086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}