{"id":63162,"date":"2020-07-23T10:43:41","date_gmt":"2020-07-23T08:43:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63162"},"modified":"2020-07-23T18:46:58","modified_gmt":"2020-07-23T16:46:58","slug":"integration-und-vielfalt-oeffentlich-rechtliches-fernsehen-im-digitalen-zeitalter-von-norbert-schneider","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63162","title":{"rendered":"Integration und Vielfalt. \u00d6ffentlich-rechtliches Fernsehen im digitalen Zeitalter. Von Norbert Schneider."},"content":{"rendered":"<p>Professor Dr. <strong>Norbert Schneider<\/strong> hat den NachDenkSeiten einen l&auml;ngeren und interessanten Beitrag zur Ver&ouml;ffentlichung &uuml;berlassen. Norbert Schneider hat lange Erfahrung in der Medienpraxis und auch in der Medienaufsicht. Siehe Anmerkung zur Person am Ende des Artikels*. Wie viele NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser h&auml;lt er viel von der gesellschaftlichen Einrichtung &bdquo;&Ouml;ffentlich-rechtlicher Rundfunk&ldquo;. Dennoch wird es einigen Widerspruch zu seinem Beitrag geben. Ich werde demn&auml;chst Schneiders Artikel in einem eigenen Beitrag kommentieren und erg&auml;nzen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>Alles, was Recht ist<\/strong><\/em><\/p><p>In den ersten Wochen der Pandemie haben t&auml;glich bis zu 18 Millionen Zuschauer die <em>Tagesschau<\/em> gesehen. Die Deutschen haben sich, virtuell, um das Medium versammelt, dem es in schweren Zeiten vertraut. Das viel geschm&auml;hte Fernsehen erwies sich in der Not einmal mehr als Ort der Integration.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>John Reith, der erste Direktor der BBC, hatte, wohl als erster, das <em>Radio<\/em> schon 1922 als einen <em>integrator for the democracy<\/em> bezeichnet, weil es viele Menschen zusammenbringt. Was mit Integration im Kontext von<em> Fernsehen<\/em> gemeint ist, machte zum ersten Mal das Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 1961 klar. Konrad Adenauer wollte ein <em>Bundesfernsehen<\/em> veranstalten. Die Richter haben das &ndash; Rundfunk ist L&auml;ndersache &ndash; verboten. Doch sie belie&szlig;en es nicht bei dieser Klarstellung. In ihrer Begr&uuml;ndung schufen sie f&uuml;r das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen eine Ortsbestimmung, indem sie es <em>ebenso wie (die) Presse zu den unentbehrlichen modernen Massenkommunikationsmitteln<\/em> rechneten, <em>durch die Einfluss auf die &ouml;ffentliche Meinung genommen und diese &ouml;ffentliche Meinung gebildet wird.<\/em> Fernsehen war f&uuml;r sie kein <em>neutrales Medium<\/em>, sondern ein <em>eminenter Faktor<\/em> der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung. Im Umsatzsteuerurteil (1971) pr&auml;zisierte das Gericht diesen <em>Faktor<\/em> mit der Formel, das Fernsehen &uuml;be eine <em>integrierende Funktion f&uuml;r das Staatsganze<\/em> aus. Im<em> Gesamtprogramm <\/em>musste<em> sowohl die Vielfalt der Gegenst&auml;nde als auch die Vielfalt der Meinungen angemessen zum Ausdruck kommen<\/em>, wie es dann im<em> <\/em>6. Rundfunkurteil vom Februar 1991 hie&szlig;. <\/p><p>Doch Grundversorgung ist ein dynamischer Begriff. &Auml;ndert sich die Gesellschaft, also auch die <em>Gegenst&auml;nde und Meinungen, <\/em>dann &auml;ndert sich auch die Grundversorgung. Deshalb spricht das Gericht im 6. Rundfunkurteil von einer <em>Bestands- und<\/em> Entwicklungsgarantie f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk<em>. <\/em>Sie gilt f&uuml;r die Technik wie f&uuml;r die Inhalte. Daraus entstand eine Dauerfrage. Was ist eine <em>zeitgem&auml;&szlig;e<\/em> Grundversorgung, in der sich die Ver&auml;nderungen der Gesellschaft abbilden? Was ist in dieser Hinsicht jeweils mit Integration gemeint? <\/p><p>Man kann die Geschichte des Fernsehens der letzten siebzig Jahre als eine Folge von Antworten (oder ihr Ausbleiben) auf diese Fragen erz&auml;hlen. Dabei lassen sich drei Phasen unterscheiden, die sich freilich &uuml;berlappen, sodass eine exakte Datierung keinen Sinn machen w&uuml;rde. <\/p><p>Die <em>erste Phase<\/em> setzt f&uuml;r die (west-)deutsche Gesellschaft mit einer neuen Verfassung ein (23. Mai 1949). Es ist <em>Nachkriegszeit<\/em> und zugleich <em>Gr&uuml;nderzeit<\/em>. Am 12. Juni 1950 gr&uuml;nden die Landesrundfunkanstalten die ARD. Dieses Gemeinschaftsprogramm aller Sender entwickelte sich (nach 1961 zusammen mit dem ZDF) in der Nachkriegsgesellschaft zu einer Institution, die, &auml;hnlich wie die Volksparteien, die Kirchen, die Gewerkschaften oder die Universit&auml;ten, die Str&ouml;mungen der Gesellschaft zusammengef&uuml;hrt haben. Fernsehen wurde zu einem Faktor der Integration.<\/p><p>Die <em>zweite Phase<\/em> setzt Mitte der 1960er Jahre ein. Die Vorstellung und die Realit&auml;t einer integrierten Gesellschaft verloren ihre fraglose Selbstverst&auml;ndlichkeit. Die nahezu symbiotische Beziehung zwischen Fernsehen und Gesellschaft bekam Risse. Die Ursache waren &ndash; erst vorsichtig eher unter der Oberfl&auml;che, dann deutlicher und schlie&szlig;lich un&uuml;bersehbar &ndash; Ver&auml;nderungen in der Gesellschaft, das Aufkommen neuer Werte, die sich von den Wertevorstellungen der relativ homogenen Nachkriegsgesellschaft unterschieden und teilweise im Gegensatz zu ihnen standen. Eine Vielfalt m&ouml;glicher Lebensentw&uuml;rfe, ein Alltag, der vielf&auml;ltiger wurde, hob sich ab von einer vom W&auml;rmetod bedrohten Konform-Gesellschaft. <\/p><p>In diesen Jahren des gesellschaftlichen Wandels b&uuml;&szlig;te der Rundfunk nach und nach seine <em>systemische<\/em> Bedeutung ein. Seine <em>Funktion f&uuml;r das Staatsganze<\/em>, die publizistische Grundversorgung, blieb als Postulat unber&uuml;hrt, verlor in einer sich differenzierenden Gesellschaft aber ihre pr&auml;gende Kraft.<\/p><p>Doch das blieb ohne programmatische Reaktionen. Weder hat das Fernsehen die Grundversorgung einer &uuml;berwiegend integrierten Gesellschaft dem gesellschaftlichen Wandel angepasst, noch wurde mit offensiver Entschiedenheit an den alten Vorstellungen festgehalten. Grundversorgung verschwand ohne weiteres Aufsehen in der Kulisse, wurde ein Thema f&uuml;r Spezialisten. Das Fernsehen gar als einen m&ouml;glichen Treiber des gesellschaftlichen Wandels hatte ohnehin niemand auf der Rechnung, am wenigsten das Fernsehen selbst. Und noch gab ja es genug Zuschauer, die richtig fanden, wie sich das Fernsehen bisher in Szene gesetzt hatte. Wer sich auf die Vielfalt einlassen wollte, hatte keinen leichten Stand. Er st&ouml;rte.<\/p><p>Das Neue einer <em>dritten Phase<\/em>, deren Ende noch nicht abzusehen ist, wurde zun&auml;chst, im ausgehenden Jahrtausend, mit dem Begriff <em>Multimedia<\/em> geb&uuml;ndelt. Seit der Jahrtausendwende spricht man vom <em>digitalen Zeitalter<\/em>. <\/p><p>Der Umgang mit dieser elementaren Neuigkeit macht es unausweichlich, die Frage nach der Identit&auml;t des Fernsehens unter dem Vorzeichen einer digitalisierten Kommunikation ebenfalls neu zu stellen, und eine Neuformulierung dessen vorzunehmen, was Integration heute, unter digitalen Bedingungen, bedeutet. Ein wesentlicher Grund, der ein neuerliches Aussitzen als Option nicht zul&auml;sst, ist, dass das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen nicht nur mit ma&szlig;vollen <em>gesellschaftlichen<\/em> Ver&auml;nderungen zurechtkommen muss, die zwar Probleme schaffen, aber nicht existenzbedrohend sind. Jetzt ist es mit einer Revolution der Kommunikation konfrontiert. In der <em>Turing Galaxis<\/em> ver&auml;ndert sich die Kommunikation elementar, mit einer Wucht, die an die Einf&uuml;hrung der Schrift in der Antike und die Erfindung des Buchdrucks in der fr&uuml;hen Neuzeit erinnert. Ein zweiter Grund ist, dass nicht nur eine vielf&auml;ltige Gesellschaft Ver&auml;nderungen herausfordert, sondern auch eine <em>Vielfalt der Medien<\/em>. Diese neue Lage bedarf nicht nur einer internen Selbstvergewisserung, sondern einer &ouml;ffentlichen Er&ouml;rterung, f&uuml;r die freilich erst einmal einige der Foren zu reaktivieren w&auml;ren, die zuletzt geschlossen wurden. <\/p><p>Die Frage, um die sich ein solcher Diskurs zu k&uuml;mmern h&auml;tte, ist so einfach, wie die Antwort komplex ist. Wird es noch m&ouml;glich sein, in einer un&uuml;bersehbaren und un&uuml;bersichtlichen Medienvielfalt, wie sie die Menschheit bisher nicht gekannt hat, Integration &ndash; und wenn, dann welche? &ndash; nicht nur zu wollen, sondern auch zu schaffen, in einem Umfeld von <em>diversit<\/em>y und einer alles durchdringenden <em>Digitalisierung<\/em>? Gibt es andere Antworten auf diese Herausforderung als entweder fortgesetzt <em>ich auch!<\/em> zu rufen und auf jeden Zug aufzuspringen, der gerade vorbeif&auml;hrt, oder sich mit einer gesellschaftlichen Spaltung abzufinden, f&uuml;r deren eine H&auml;lfte Vielfalt das ganze Leben und f&uuml;r deren andere H&auml;lfte sie ein Graus ist &ndash; einer Spaltung mit der Perspektive eines Medienfaschismus, in dem der Veranstalter von Medien auch derjenige ist, der sie kontrolliert? Beispiele k&ouml;nnten genannt werden. <\/p><p>Diese drei Phasen sollen im Folgenden etwas genauer beschrieben werden.<\/p><p><em><strong>Phase 1 <\/strong><\/em><br>\n<em><strong>Das systemische Fernsehen<\/strong><\/em><\/p><p>Es war Joseph Goebbels, der als erster das <em>publizistische Proprium<\/em> der Rundfunk-Technologie, ihre durch pure Reichweite erzeugte Bedeutung f&uuml;r die Herstellung von &Ouml;ffentlichkeit konsequent f&uuml;r seine propagandistischen Absichten genutzt hat. Kaum im Amt, gab er einen leicht bedienbaren, f&uuml;r jedermann erschwinglichen <em>Volksempf&auml;nger<\/em> in Auftrag. Er war der <em>Veranstalter und der Kontrolleur<\/em> der Programme und machte auf diese Weise aus Deutschland eine riesige Echokammer. Die staatlich gelenkte &Ouml;ffentlichkeit des Dritten Reiches war vor allem eine Radio-&Ouml;ffentlichkeit: ein Sender, eine Meinung, ein Volk. <\/p><p>Die Alliierten gaben nach dem Krieg dem &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk eine dezentrale, f&ouml;derale Struktur. Sie richtete sich gegen einen Zentralismus, nicht gegen Integration. Daran hat auch die Gr&uuml;ndung der ARD vor 70 Jahren nichts ge&auml;ndert. Ihr Programm ist bis heute ein von allen Sendern nach Ma&szlig;gabe ihrer Einnahmen finanziertes &bdquo;Gemeinschaftsprogramm&ldquo;, in dem keiner allein das Sagen hat. Das, was man sp&auml;ter Grundversorgung nannte, war kein Wasser-und Brot-Fernsehen, keine permanente Notversorgung, sondern das, was jeder f&uuml;r ein ausk&ouml;mmliches, interessantes Leben an publizistischen Inhalten und Impulsen brauchte. Das Gef&auml;&szlig; f&uuml;r diese Funktion wurde das <em>Vollprogramm<\/em> mit festliegenden, <em>linearen<\/em> Abl&auml;ufen, wie dies schon die BBC erfolgreich praktiziert hatte. <\/p><p>Das Fernsehen war von Anfang an attraktiv nicht nur wegen seines Programms, sondern wegen seines Programms <em>f&uuml;r alle<\/em>, oder, wie man damals gerne sagte: <em>f&uuml;r die ganze Familie<\/em>. Das eine Programm sahen alle, &uuml;berall zur selben Zeit dasselbe. Es wurde so zu einem herausgehobenen, wenn auch virtuellen Versammlungsort der ganzen Gesellschaft. Die ersten Gro&szlig;ereignisse mit gro&szlig;er Reichweite waren die Kr&ouml;nung von Elisabeth II (2. Mai 1953) und die Fu&szlig;ball-WM 1954. Sendungen f&uuml;r die 1954 gegr&uuml;ndete Eurovision wie der <em>ESC<\/em> (seit 1956), <em>Einer wird gewinnen<\/em> (1964 ff) oder <em>Spiel ohne Grenzen<\/em> (1965 ff.) weiteten Radius und Ansehen.<\/p><p>Befl&uuml;gelt hat die Karriere des Fernsehens auch die st&auml;ndig wachsende Menge der Geb&uuml;hrenzahler. Das schuf die M&ouml;glichkeit, Probleme, die jede Expansion &uuml;blicherweise behindern, mit Geld aus der Welt zu schaffen. Auch das zun&auml;chst knappe Personal wuchs st&auml;ndig, nicht zuletzt durch prominente Zug&auml;nge aus dem Radio (Peter Frankenfeld, Heinz Ehrhardt, Hans-Joachim Kuhlenkampff). Sie moderierten den Abend f&uuml;r <em>die ganze Familie<\/em>. Dem <em>H&ouml;rspiel<\/em> als dem Radio-Theater folgte das <em>Fernsehspiel<\/em> als eine eigene, schon bald sehr popul&auml;re Kunstform, die den gesellschaftlichen Diskurs belebte. Die Popularit&auml;t des Fernsehens wuchs auch durch Serien wie <em>Familie Sch&ouml;nermann<\/em> (1954-60, 111 Folgen) oder <em>Familie Hesselbach<\/em> (1960-67, 51 Folgen). Auch erste US-Serien wie <em>77 Sunset Strip<\/em> (1958-64, 206 Folgen) oder <em>Bonanza <\/em>(1959 ff.) wurden massenhaft konsumiert. Ein erster Stra&szlig;enfeger wurde <em>So weit die F&uuml;&szlig;e tragen<\/em> (1959, Regie Fritz Umgelter), noch erfolgreicher war <em>Das Halstuch<\/em> (1962). Es erreichte 90% der Zuschauer. F&uuml;r eine globale politische Information sorgten Reporter wie Peter von Zahn, Klaus B&ouml;lling oder Gerd Ruge. Die innenpolitisch ausgerichteten TV-Magazine reagierten nicht nur auf die Politik, sondern setzten selbst wichtige politische Themen. Ihre Moderatoren (Fest, Merseburger, Heigert, Casdorff u.a.m) wurden an Popularit&auml;t allenfalls noch von Sportreportern (M&auml;gerlein, Zimmermann, Valerien, &hellip;) &uuml;bertroffen. <\/p><p>Mit dem politisch-kulturellen Anspruch, der sich in solchen Angeboten manifestierte, wurde das Fernsehen zu einer wesentlichen, die Gesellschaft verbindenden Kraft. Seine Macht wurde so gro&szlig;, dass der Intendant des S&uuml;ddeutschen Rundfunks (1958 bis 1990), Hans Bausch, gelegentlich durchblicken lie&szlig;, eigentlich sei er der Ministerpr&auml;sident von Baden-W&uuml;rttemberg.<\/p><p>Schon fr&uuml;h registrierten die Volksparteien CDU\/CSU und SPD die Macht dieser Institution und dominierten (bis heute) die Aufsichtsgremien. Sie bestimmten nicht nur die Agenda im Allgemeinen, sondern die Personalpolitik im Besonderen. Fortan konnte niemand eine leitende Position erreichen, wenn er daf&uuml;r nicht den Segen bzw. die Duldung einer der beiden Volksparteien hatte. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Die Gesellschaft, in der dieses Fernsehen so m&auml;chtig werden konnte, war vergangenheitsvergessen und zukunftsbesessen. Man blickte nicht zur&uuml;ck, das am allerwenigsten. Man schaute konsequent nach vorn. Man wuchs selbst und baute andere auf. Es ging um Fortschritt und Wachstum. <\/p><p>Der Soziologe Helmut Schelsky hat diese (west-)deutsche Gesellschaft, eine &bdquo;nivellierte Mittelstandsgesellschaft&ldquo; genannt.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Andreas Reckwitz sieht sie gepr&auml;gt von <em>einer verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig starke(n) soziale(n) Gleichheit und kulturelle(n) Homogenit&auml;t<\/em> einer <em>nahezu allumfassende(n) middle class<\/em>.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Es war eine Gesellschaft, f&uuml;r die die <em>Norm der Normalit&auml;t<\/em>, das <em>Mittlere und Ma&szlig;volle<\/em>[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] der bestimmende Rahmen f&uuml;r das Denken und Handeln war. Und diesen Rahmen bildeten in erster Linie zwei Volksparteien und ein integrierender Volks-Rundfunk, zwei Volkskirchen und eine Einheitsgewerkschaft. <\/p><p><em><strong>Phase 2: <\/strong><\/em><br>\n<em><strong>Zwischen Abwehr und Anpassung<\/strong><\/em><\/p><p>Es war diese vergleichsweise homogene, erst integrationswillige, dann <em>integrierte Gesellschaft<\/em>, deren Profil seit Mitte der 1960er Jahre im Zuge gesellschaftlicher Ver&auml;nderungen langsam verblasste. Eines der Initialereignisse f&uuml;r einen Wandel war der Vietnamkrieg (1964 bis 1975). Er l&ouml;ste nicht nur in USA massive Proteste aus, er war auch Gegenstand von weltweiten Protesten, etwa an gro&szlig;en Universit&auml;ten. Den Studierenden ging es immer weniger um den un-versch&auml;mten Blick unter die Talare und die politische Vergangenheit von Professoren, sie formulierten immer klarer eine Fundamentalkritik an den alten Autorit&auml;ten.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Zum Ort dieser Kritik wurde die <em>au&szlig;erparlamentarische Opposition<\/em>. Sie stand f&uuml;r einen Bedeutungs- und Autorit&auml;tsverlust nahezu aller <em>systemischen<\/em> Institutionen und ihres Personals. Es kam zu einem Schwund des Ansehens von Journalisten, Lehrern und Pfarrern, von Politikern und Richtern, und nicht zuletzt von Mutter und Vater. <\/p><p>Was zuvor eher intransparent und monochrom erschien, wurde nun transparenter und farbiger. Die Zahl der Arbeiter, die der <em>Aufschwung<\/em>, das <em>Wirtschaftswunder<\/em> ben&ouml;tigten, reichte nicht mehr aus. Zwischen 1960 und 1968 schloss die deutsche Regierung mit neun L&auml;ndern <em>Anwerbeabkommen. <\/em>Die Gesellschaft wurde <em>multikulturell<\/em>. &Uuml;ber Sexualit&auml;t wurde offen diskutiert, nicht nur unter Experten.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Es begann ein Umdenken &uuml;ber gleichgeschlechtliche Sexualit&auml;t. 1969 ver&auml;nderte die Gro&szlig;e Koalition erstmals den &sect; 175.  Das Jahr 1968 wurde im R&uuml;ckblick <em>das<\/em> Jahr zur Kennzeichnung einer ganzen Generation.<\/p><p><em>Vielfalt<\/em> wurde ein Oberbegriff f&uuml;r allt&auml;gliche Praktiken. Sie f&uuml;hrte zu neuen Produkten, von der Babywiege bis zum Urnengrab. Mittelma&szlig; wurde unmodern, musste sich rechtfertigen und stand f&uuml;r Langeweile. Es gab jetzt <em>Bastelbiographien<\/em> und <em>Patchworkfamilien. <\/em>Image und Performance forcierten die Karriere der <em>Aufmerksamkeit<\/em> als einer zweiten W&auml;hrung. Eine Typenvielfalt ersetzte das Einheitsauto. 1978 lief der letzte K&auml;fer vom Band. Alte Gewissheiten verloren an Wert. Seit 1961 gab es ein Entwicklungsministerium. Der <em>Club of Rome<\/em> verk&uuml;ndete 1972 das Ende des Wachstums. Im Zuge der &Ouml;lkrise gab es autofreie Sonntage (1973). Zur Welt kam die Umwelt. Der Unterschied &uuml;bernahm das Kommando.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Eine f&ouml;rmliche Reaktion des Rundfunks auf diese Ver&auml;nderungen konnte es schon deshalb kaum geben, weil es ein Wandel auf Taubenf&uuml;&szlig;en war. Noch machte niemand dem selbstbewussten Fernsehen seine Rolle als St&uuml;tze und Repr&auml;sentant einer integrierten Gesellschaft streitig. Die Spannung zwischen einer wachsenden Vielfalt und einer &uuml;ber Jahre eingespielten Grundversorgung schlug sich zun&auml;chst im Programm kaum nieder. Die Biografien und die Wertvorstellungen der Hierarchen (ausschlie&szlig;lich M&auml;nner) waren noch von Krieg und Nachkriegszeit gepr&auml;gt. Vorschl&auml;ge f&uuml;r Ver&auml;nderungen, die in der Regel nicht <em>von oben<\/em>, sondern von den <em>basisn&auml;heren<\/em> Redaktionen kamen, wurden nur selten aufgegriffen. Die Autorit&auml;ten vermuteten dahinter unbedachte Torheiten, einen Abfall vom rechten Glauben. Fernsehspiele nach Drehb&uuml;chern von Wolfgang Menge ( z.B. <em>Die Dubrowkrise<\/em>, 1969, <em>Millionenspiel<\/em>, 1970, oder <em>Smog<\/em>, 1973) erzeugten bei den meisten Intendanten Nervosit&auml;t. Was sich Redakteure im Anblick einer wachsenden Vielfalt und einer sich wandelnden Funktion des Fernsehens ausdachten, Sendungen, die das Fernsehen entzaubern und Transparenz praktizieren wollten,[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] wurde von denen mehr verfolgt als gef&ouml;rdert. Die Nachkriegsgesellschaft war ja nicht &uuml;ber Nacht verschwunden. Auch neue Unterhaltungsformate wie <em>W&uuml;nsch Dir was<\/em> (1969), <em>Klimbim<\/em> (1973), oder <em>Ein Herz und eine Seele<\/em> (1973) hatten es anfangs schwer und sind erst heute <em>Klassiker<\/em>. <\/p><p>Auch die Angst vor politischem Druck nahm zu. G&uuml;nter Rohrbach, der Doyen der ARD-Spielchefs, musste die US-Minserie <em>Holocaust<\/em> (1978) &uuml;ber hohe H&uuml;rden heben, bevor sie ausgestrahlt wurde &ndash; im Dritten Programm! Es gab einhegende Diskussionen nach jeder Folge. Als der <em>Scheibenwischer<\/em> (SFB, 1982) politisches Fehlverhalten ausgrub und zur Satire verarbeitete, schaltete sich der Bayerische Rundfunk bei der n&auml;chsten Folge aus. Auch als <em>Im Zeichen des Kreuzes<\/em> (WDR\/SFB1983) ausgestrahlt werden sollte, drohten einige Sender damit, sich auszuschalten, ein Drohung, die auch die Peter-Stein-Inszenierung von <em>Der Klassenfeind<\/em> betraf, weil ein paar schmutzige Worte zu h&ouml;ren, oder einen Kinofilm wie <em>Die Flambierte Frau<\/em> (1983), weil nackte K&ouml;rper zu sehen waren. Vorsicht wurde die Mutter des Programms. <\/p><p>Wenn schon der Wandel der Gesellschaft kaum wahrgenommen wurde, so umso mehr die wachsende Kritik am Fernsehen, die von verschiedenen Seiten kam. Dass ein Intendant die Serie <em>Dallas<\/em> (1978-91) als <em>Kaugummi f&uuml;rs Gehirn <\/em>schm&auml;hte, war in den Augen seiner Kollegen zwar eine skandal&ouml;se Ausnahme, lag aber auf der altbekannten kulturkritischen Linie, die es schon immer gab seit der massenhaften Reproduzierbarkeit von Schrift und Bild. Als Reflex auf das US-Fernsehen und als Wasser auf die M&uuml;hlen der P&auml;dagogen wurde wahrgenommen (und abgetan), was Neil Postman 1985 auf der Frankfurter Buchmesse vorgetragen hatte: <em>Wir am&uuml;sieren uns zu Tode<\/em>. Schmerzlicher war ein vernichtendes Urteil, das das Fernsehen ein <em>Nullmedium<\/em>, ein <em>Medium der Belanglosigkeit und Beliebigkeit<\/em> genannt hat.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Fernsehverachtung und Fernsehbashing zogen Arm in Arm durch die Feuilletons der gro&szlig;en Bl&auml;tter, und der Bildschirm hie&szlig; immer &ouml;fter nur noch <em>Glotze<\/em>.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Doch solche sehr unterschiedlich motivierten Kritiken und Polemiken f&uuml;hrten nur selten, wie etwa bei den <em>Mainzer Tagen der Fernsehkritik, <\/em>zu Systemdebatten. Sie m&uuml;ndeten in eine wachsende Empfindlichkeit gegen jegliche Kritik, sie f&ouml;rderte Abschottung und mancherorts den R&uuml;ckzug in eine Wagenburg.<\/p><p>Eine erkennbare Reaktion auf ver&auml;nderte Zeiten war die Aufmerksamkeit der Programmverantwortlichen f&uuml;r die Quote. Anstelle von riskanten Inhalten und Experimenten im Interesse einer zeitgem&auml;&szlig;en Integration setzte man auf Umfragen. Die Demoskopie lief sich warm und lief schon bald der Phantasie den Rang ab. Sie versprach genaue, <em>operationalisierbare<\/em> Kenntnisse &uuml;ber das, was <em>das Publikum<\/em> wollte. Die Vorstellung verfestigte sich, dass man auf dem rechten Weg sei, wenn man ein Maximum an Publikum erreicht hatte. Der Grad an Integrationsleistung wurde messbar &ndash; als Quantit&auml;t. <\/p><p>Ein Resultat dieser Hinwendung zum Popul&auml;ren war der<strong> <\/strong>Ausbau der Unterhaltung. Es gab zum Beispiel immer mehr Fast-Food-Krimireihen, f&uuml;r deren Titel zuletzt ein St&auml;dtename reichte. Sie haben es sich mittlerweile in den Programmen bequem gemacht. Der Trailer schob sich in jede L&uuml;cke. Man musste das Bemerkenswerte<em> ins Schaufenster stellen<\/em> (Dietrich Schwarzkopf). Zunehmend bestimmten die Standards des Marketing Planung und Platzierung der Programme. Es war nur konsequent, sich nun auch der PR-Strategen zu versichern, die das Programm als <em>Programmware<\/em> sahen. Das Design wurde wichtig. Aus der ARD wurde &ndash; erkennbar im Dunkel der vielen Kan&auml;le &ndash; <em>Das Erste<\/em>. <\/p><p>Die Flucht in die Quote nahm noch mehr Fahrt auf, nachdem seit 1982 privater Rundfunk erlaubt wurde. Quotenspezialisten wie Sat 1 und RTL plus wurden beides, Vorbild und Feindbild. Es dauerte, bis ARD und ZDF in der Mitte der 1990er Jahre erkannten, dass das private Fernsehen keine echte Konkurrenz darstellte. Denn man wurde fast jeden Tag <em>Abendsieger<\/em>. <\/p><p>Ein zweites Ereignis, das das Thema Integration aufgerufen hatte, war die Wiedervereinigung im Herbst 1989. Wie das Meiste so wurde auch der Rundfunk-Ost dem West-Rundfunk <em>hinzugef&uuml;gt<\/em>. Nur diejenigen Ost-Programme blieben auf dem Schirm, die sich als Unterhaltungsprogramme einen Namen gemacht hatten. Das (west-) deutsche Fernsehen hat nach einem beispiellosen Engagement in den ersten Wochen (Pleitgen\/Engert) das Interesse am Osten nach und nach verloren. Eine Neuordnung des gesamten Rundfunks in Deutschland ist nie ernsthaft betrieben worden, so wenig wie das Bem&uuml;hen um eine neue Verfassung.<\/p><p>Eine sichtbare Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel &ndash; wenn auch nicht nur auf ihn &ndash; war das Format des <em>Spartenprogramms<\/em> (Eins Plus, 3Sat, Arte, Theaterkanal, Ph&ouml;nix). Es war, mit einem R&uuml;ckgriff auf die B&ouml;rsensprache ausgedr&uuml;ckt, zugleich ein Akt von <em>outsourcing<\/em> von weniger popul&auml;ren Inhalten, von <em>Programmbremsen<\/em>, die den <em>audience flow<\/em> unterbrachen. Eine Gewinnwarnung.<\/p><p>Der unentschlossene, eher zuf&auml;llige Umgang mit den gesellschaftlichen Neuigkeiten hat das Fernsehen zwar geschw&auml;cht, aber nicht seine Substanz besch&auml;digt. Der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich auch am Ende seiner zweiten Entwicklungsphase &ndash; im Unterschied etwa zu PBS in USA &ndash; als relativ stabil erwiesen. Doch die schwachen Stellen sind ebenso un&uuml;bersehbar.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] H&auml;tten die Gesetze des Marktes allein gegolten wie bei allen anderen Medien, dann g&auml;be es den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk vermutlich heute so wenig wie es noch Kliniken gibt, bei denen &Auml;rzte nicht Profis des Profits sein m&uuml;ssen. <\/p><p>Doch wenn das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen den gesellschaftlichen Wandel und neue Konkurrenz in diesen Jahren ohne Dauersch&auml;den &uuml;berstanden hat, dann am wenigsten deshalb, weil es die Programme entsprechend &bdquo;renoviert&ldquo; h&auml;tte, sondern vor allem weil es von drei Privilegien lebte und noch lebt: Erstens sendet es auf der Basis von Gesetzen, und zwar so lange, bis sie ge&auml;ndert werden. Dazu ist es bisher, was ihre h&ouml;chstrichterliche Auslegung betrifft, in keinem der Fernsehurteile gekommen. Das schafft Sicherheit. Zweitens h&auml;ngen seine Ausgaben nicht von der H&ouml;he der Einnahmen ab. Dieses Fernsehen lebt<strong> <\/strong>von <em>sicherem Geld<\/em>, von Geb&uuml;hren bzw. einer Haushaltsabgabe, die so hart aussieht wie eine Steuer. Und drittens w&ouml;lbt sich &uuml;ber ihm der Schirm des F&ouml;deralismus. Es hat die Politik auf seiner Seite, egal ob dies aus Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten oder aus Eigeninteressen der Fall ist. <\/p><p><strong>Phase 3:<\/strong><br>\n<strong>Alles auf digital<\/strong><\/p><p>Diese drei Privilegien erlauben dem Fernsehen auch in Zukunft, sich nicht in Existenz&auml;ngsten zu verlieren, sondern sich weiterhin der Aufgabe der Grundversorgung zu stellen. Auch im Zeitalter der Digitalisierung ist das Fernsehen &ouml;konomisch und politisch und eben auch, was m&ouml;gliche Inhalte betrifft, die bei einem <em>Massenmedium<\/em> immer viel Geld kosten, besser ausgestattet als die meisten anderen Medien. Es kann sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren, auf seine <em>Funktion f&uuml;r das Staatsganze<\/em>, auf die Art von Integration, die heute ansteht. <\/p><p>Die Situation hat sich freilich dadurch versch&auml;rft, dass es das Fernsehen nun nicht nur mit der Vielfalt der Gesellschaft zu tun hat, sondern auch mit einer bisher nie dagewesenen <em>Vielfalt der Medien<\/em>. Die Digitalisierung der Kommunikation schuf neue Produzenten, die ihrerseits neue Produkte anbieten. Es ist ein riesiger, reicher, un&uuml;bersichtlicher Medienmarkt entstanden. Es gibt so gut wie keine Neuigkeit, die nicht auch die Angebote des <em>alten<\/em> Fernsehens ber&uuml;hrt, behelligt, unter Druck setzt. <\/p><p>Wie k&ouml;nnte eine produktive Reaktion aussehen unter Beachtung der Vielfalt an Ger&auml;ten, aber auch an Inhalten, an Fakten und Meinungen; und dies alles in einer Menge, wie sie vor dieser technologischen Revolution unvorstellbar gewesen w&auml;re? Was k&ouml;nnte das Fernsehen f&uuml;r eine heute m&ouml;gliche <em>neue<\/em> &Ouml;ffentlichkeit bedeuten?[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p>Die Digitalisierung der Kommunikation, die zuletzt durch die aktuelle Pandemie einen weiteren Schub erfahren hat, ignoriert und demontiert die Apparate und Abl&auml;ufe der analogen Kommunikation auf der ganzen Linie, setzt auf neue Ger&auml;te und neue Standards. Nahezu alles ist schon neu oder wird demn&auml;chst neu sein. Es sprudeln neben den l&auml;ngst bekannten Informationsquellen zahllose neue. Man st&ouml;&szlig;t auf neuen Typen von Produzenten, vor allem auch auf j&uuml;ngere, die von Erfahrung nichts halten m&uuml;ssen, weil man die f&uuml;r das, was sie machen, kaum braucht. Es gibt, als Streaming-Anbieter, so etwas wie <em>Programminvestoren<\/em>. Neue Ger&auml;te schaffen neue Formen der Nutzung. Die Globalisierung existiert in Echtzeit. Sie bedient sich grenzenloser Verbreitungsplattformen. Die diversen alten und neuen Orte der Kommunikation werden durch ein weltweites Netz zusammengef&uuml;hrt. Die Fernbedienung sieht alt aus, das Telefon noch &auml;lter. Wer erinnert sich noch an Telex? <\/p><p>Mittlerweile stehen sich ein engmaschig reguliertes Fernsehen und ein total dereguliertes Modell digitaler Medien gegen&uuml;ber, dessen Akteure sich an keinerlei Auflagen gebunden f&uuml;hlen, die schalten und walten k&ouml;nnen, wie sie wollen. Eine F&uuml;lle neuer, unterschiedlichster mehr oder weniger publizistischer Angebote beherrscht den Markt: unterhaltende, informierende, beratende und auch bildende Produkte, all das eben, was auch auf der Agenda eines Rundfunks <em>f&uuml;r alle<\/em> steht, doch nun individualisierbar, nicht-linear, jederzeit verf&uuml;gbar, h&auml;ufig kostenlos oder jedenfalls billig genug, um die Masse zur Kasse zu locken. Und auch sch&auml;rfer, direkter, ohne Blatt vor dem Mund. Die unterschiedlichen Veranstalter bed&uuml;rfen in der Regel keiner Lizenz. Bei vielen Produkten sucht man vergeblich nach einem Impressum. Oft bleibt dunkel, wer die Produkte finanziert. <\/p><p>Was die Inhalte betrifft, so gibt es neben belegbaren Informationen und jeder Menge Meinungen auch jede Menge L&uuml;gen. Dazu ermuntert manche Kommunikatoren die Vorstellung, sie agierten in einem rechtsfreien Raum. Und so, als seien die Medien bisher asozial gewesen, spricht man nun von <em>sozialen Medien<\/em>, die sich freilich h&ouml;chst asozial geb&auml;rden k&ouml;nnen mit Hasskampagnen, denen nur noch mit dem Strafrecht begegnet werden kann. <\/p><p>Vor allem auf zwei Feldern setzen die digitalen Angebote das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen (und partiell auch den Privatfunk) unter Druck und fordern zu neuen Anstrengungen heraus: auf dem Gebiet der Fiktion und der Information. <\/p><p>Die digital operierenden <em>Streaming-Dienste<\/em>, in der Regel international agierende Konzerne (wie Netflix oder Amazon) verf&uuml;gen &uuml;ber betr&auml;chtliche Mittel f&uuml;r aufw&auml;ndige fiktionale Produktionen. Sie vermarkten ihre Produkte <em>vom ersten Augenblick an<\/em> global. Sie locken das technische und k&uuml;nstlerische Personal mit Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Sie locken das Publikum mit Per-View-Preisen, mit denen verglichen die knapp 20 Euro Haushaltsabgabe f&uuml;r ARD, ZDF und Deutschlandfunk &uuml;berh&ouml;ht wirken, auch wenn man daf&uuml;r Vollprogramme bekommt. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass die Abwanderung des Fernsehpublikums zu den Streaming-Diensten 2022 die TV-Nutzer mehr als halbieren wird. Von den 14-29-J&auml;hrigen sollen gar nur noch 11% Fernsehtreue &uuml;brigbleiben. Lediglich die &uuml;ber 60-J&auml;hrigen bleiben, was sie schon immer waren: treue TV-Zuschauer. Sie wollen keine elfte Fernbedienung und Gebrauchsanleitungen, die nicht einmal ihre Verfasser verstehen. Kein Wunder also, dass im Anblick solcher Zahlen die Untergangsunken zu raunen beginnen. <\/p><p>Nun kann man dar&uuml;ber spekulieren, ob solche Prognosen die Rechnung nicht ohne den Wirt (in diesem Fall die Realit&auml;t, das tats&auml;chliche Zuschauerverhalten) machen. Junge Menschen zum Beispiel f&uuml;r das Fernsehen gewinnen zu wollen, ist zwar ehrenwert, war aber nie sehr aussichtsreich. Mit der Jugend k&ouml;nnte das Fernsehen nur rechnen, wenn es etwas anbieten k&ouml;nnte, was interessanter w&auml;re als die neue Art, <em>wie<\/em> kommuniziert wird.<\/p><p>&Uuml;ber diesen Phantomschmerz hinaus lohnt auch ein Blick auf die Produkte selbst. Wie attraktiv ist etwas auf Dauer, sobald jeder dasselbe hat und sieht? Es k&ouml;nnte passieren, dass man sich mit niemandem mehr &uuml;ber das unterhalten kann, was man am Vorabend gesehen hat, weil es bei jedem etwas anderes war. Es k&ouml;nnte passieren, dass sich die Angebote, weil massenhafter Erfolg die Phantasie schw&auml;cht, immer &auml;hnlicher werden. <em>Breaking Bad<\/em> und <em>The Handmaid&rsquo;s Tale<\/em> sind sicher nicht die Regel. Es gibt auch jede Menge B-und C-Serien. Es k&ouml;nnte sein, dass die Anbieter eines Tages wieder machen, was sie schon immer am besten konnten: die Zitrone, die sie zuvor ausgequetscht haben, wegzuwerfen und weiterzuziehen, um die n&auml;chste digitale Sau durchs Dorf zu treiben. Was bleibt von der digitalen Herrlichkeit, wenn Werberichtlinien oder Jugendschutz demn&auml;chst f&uuml;r alle Medienprodukte gelten? <\/p><p>Entscheidend f&uuml;r die Zukunft des fiktional t&auml;tigen Fernsehens ist freilich etwas anderes, das nicht vom Verhalten Dritter abh&auml;ngt. Streamingdienste bieten &uuml;berwiegend Inhalte entlang der globalen Stromlinie. Sie erz&auml;hlen aus &ouml;konomischen Gr&uuml;nden Geschichten, die man auf der ganzen Welt versteht, die aber deshalb allgemein sind. Sie benutzen Dramaturgien, die sich hundert Mal bew&auml;hrt haben. Ihren Cast muss man &uuml;berall kennen. Sie folgen den Spuren der Hollywood-Blockbuster. Sie sind suprakulturell. Sie sind risikoarm, nachdem das Risiko vorher gemessen und dann eliminiert wurde. Es sind Erz&auml;hlungen mit dem kleinsten globalen Nenner als Basis.<\/p><p>&Ouml;ffentlich-rechtliches Fernsehen f&uuml;r eine Gesellschaft mit bestimmten Merkmalen, mit einer unverwechselbaren Vergangenheit, voll von Elends- und Erfolgsgeschichten, voll von Schurken und Helden mit Namen, die jeder kennen sollte &ndash; &ouml;ffentlich-rechtliches Fernsehen erf&uuml;llt seine Aufgabe, wenn es keine allgemeinen, sondern besondere Geschichten erz&auml;hlt, &bdquo;lokale&ldquo; Geschichte mit lokalen Gesichtern. Wenn sich ARD und ZDF an dieses <em>vierte Privileg<\/em> erinnern, sind sie nicht nur unverwechselbar. Sie beteiligen sich dann auch k&uuml;nftig an einer Integration der Gesellschaft, indem sie ein Instrument einer Erinnerungskultur werden, indem sie die uralten Mythen (man findet viele davon bei Herfried M&uuml;nkler) dieser Gesellschaft neu in Szene setzen, indem sie f&uuml;r die Mythen des Alltags Geschichten und Bilder erfinden, von <em>Rote Fahnen<\/em> <em>sieht man besser<\/em> (1971) und <em>Heimat<\/em> (1981 ff.) bis <em>Weissensee<\/em> (2010 ff.), von <em>Ku`damm 56<\/em> (2016) bis zu <em>Bad Banks <\/em>(2018). Netflix h&auml;tte sich f&uuml;r <em>Liebling Kreuzberg<\/em> kaum interessiert. Vielleicht nicht einmal f&uuml;r die <em>Schwarzwaldklinik<\/em> oder das <em>Traumschiff.<\/em> Und schon gar nicht f&uuml;r <em>Ekel Alfred<\/em> oder <em>Motzki<\/em>. Solche lokalen Spezialit&auml;ten kann sich nur ein &ouml;ffentlich-rechtliches Fernsehen leisten. Das darf man von ihm erwarten. Dass dabei Experimente abst&uuml;rzen und diese Erwartung verfehlen k&ouml;nnen, ist ein ertr&auml;glicher Preis. <\/p><p>Die Angebote der Streamingdienste m&ouml;gen im Augenblick und vielleicht noch lange bei den Marktanteilen vorne liegen. Doch je mehr sie den Praktiken des Marktes folgen (m&uuml;ssen), weil sie Gewinn machen wollen, desto mehr machen sie Platz f&uuml;r ein &ouml;ffentlich-rechtliches Fernsehen, dessen Gesetz nicht die Gesetze des Marktes sind, die sich immer um die gro&szlig;e Zahl drehen. Ihr Gesetz hei&szlig;t <em>Grundversorgung<\/em>, ihre <em>Funktion f&uuml;r das Staatsganze<\/em> ist die Schaffung einer wichtigen Stufe von &Ouml;ffentlichkeit, zeitgem&auml;&szlig;e Integration.<\/p><p>Auch die neuen Informationsangebote, von denen das Netz voll ist, verbrauchen die Zeit der Nutzer und nehmen sie damit den <em>alten <\/em>Medien weg. Nicht zuletzt auch dem Fernsehen. Denn weshalb soll man sich am Abend eine Nachrichtenshow zu einer festgesetzten Zeit ansehen (die dann auch noch verschoben wird, weil irgendeine Quizfrage noch auf Antwort wartet), wenn man all das, was dort zu erfahren ist, l&auml;ngst wei&szlig;, weil man, damit permanent nebenbesch&auml;ftigt, l&auml;ngst im und mit dem Netz all das gefischt hat, was interessant klingt? Wer bietet mehr als <em>In Jetztzeit alles jederzeit f&uuml;r alle?<\/em><\/p><p>Die Antwort ist einfach. Mehr bietet, wer auf die Qualit&auml;t der Quantit&auml;ten achtet. Die Bandbreite der umlaufenden Informationen (oder, was daf&uuml;r ausgegeben wird) ist betr&auml;chtlich und mit Versuchungen gespickt, den sch&ouml;nsten, den schrillsten, den neuesten Anbietern zu folgen. Die Bandbreite reicht von der dreisten L&uuml;ge &uuml;ber faktenarme Spekulationen und argumentierbare Meinungen bis zu beweisbaren Fakten &ndash; mit gleitenden &Uuml;berg&auml;ngen. Ein Kriterium f&uuml;r den Nutzen solcher Angebote ist, ob die Performance eines Informanten mehr bedeutet als die Relevanz der Information, ob die Aufmerksamkeit f&uuml;r das Neue einer Mitteilung (die aussieht wie eine Information) die Frage nach der Beweisbarkeit f&uuml;r erledigt ansieht. <\/p><p>Das aktuelle Beispiel daf&uuml;r ist, was man <em>Fake News<\/em> zu nennen sich angew&ouml;hnt hat, das dreiste Bestreiten eines belegbaren Faktums bzw. das Behaupten eines nicht beweisbaren Faktums (<em>ich sehe etwas, was du nicht siehst und umgekehrt<\/em>). Die Chance, dass Fake News nicht als purer Unsinn abgehakt werden, ergibt sich aus dem Umstand, dass es sich in jedem Fall um etwas Neues handelt, was durchaus Eindruck machen kann, um etwas, was so bisher nicht bekannt sein konnte, weil es das nicht gab. Fake News bedienen die schon immer bekannte Neusucht des Publikums passgenau. Die erste Frage, die dem Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen gestellt wurde, hie&szlig;: Was gibt es Neues? <\/p><p>Wer nach dem Neuen sucht, wird und ist mit dem Internet bedient. Es kann heute jeder, der auf drei z&auml;hlen und sich kommunikativ in die Brust zu werfen versteht, behaupten, er wisse etwas, was bis jetzt nur er wisse. Das wirkt nicht nur originell, sondern, was heute den Unterschied macht, <em>authentisch<\/em>, was immer das auch besagen mag. Welche Qualit&auml;t der Information beizumessen ist, bleibt dem Urteil dessen &uuml;berlassen, der sie konsumiert, und sie dann, wenn sie als neu und interessant empfunden wird, ohne weitere Kontrolle weiterverbreitet. Die entscheidende Frage, ob dieses Urteil Bestand, ob die Information irgendeinen Wert hat, der &uuml;ber das pure Ger&auml;usch hinausgeht, wird nicht gestellt. <\/p><p>Doch wer nichts von Informationen versteht, sollte keine Bewertungen vornehmen. Um das Richtige vom Falschen, um das Wichtige vom Nichtigen zu unterscheiden, braucht es eine spezielle Kompetenz, die man sich erwerben kann wie die Kenntnis von Gesetzen oder dem Verhalten von Viren. <\/p><p>Es gibt diese Informationsspezialisten l&auml;ngst. Sie arbeiten f&uuml;r die gro&szlig;en Zeitungen. Sie arbeiten beim Fernsehen<em>.<\/em>[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] Manchmal arbeiten TV- und Printjournalisten sogar zusammen, indem jeder macht, was er am besten kann: der eine recherchiert, die andere arbeitet auf. ARD und ZDF zeigen jeden Tag (wenn nicht gerade Feiertag ist, da passiert einfach nichts auf dieser Welt), dass sie das Relevante vom M&uuml;ll sehr wohl trennen k&ouml;nnen; dass sie in der Lage sind, einen &Uuml;berblick zu schaffen. Sie haben daf&uuml;r (!) das Geld. Dass sie das Publikum nicht immer massenhaft haben, ist wohl wahr, aber kein Einwand.<\/p><p>ARD und ZDF k&ouml;nnen sich das Sortieren und Bewerten von Informationen leisten. Sie sind nicht auf Marktanteile angewiesen (die man mit bestimmten Nachrichten und bestimmten Macharten steigern kann) oder auf die Gunst eines Herrn, dessen Interessen alles andere in den Schatten stellt. Sie m&uuml;ssen keine Quote machen, um Geld zu beschaffen, keine Klicks generieren, um Pr&auml;senz zu zeigen. Sie k&ouml;nnen, anders als die Minutentakt-Anbieter, die Echtzeit-Experten und die publizistischen Rauchmelder, in Ruhe pr&uuml;fen, was die Informationen wert sind, die aus klaren und aus tr&uuml;ben Quellen sprudeln und sowohl etwas bedeuten als sich auch, kaum im Tageslicht der &Ouml;ffentlichkeit angekommen, in hei&szlig;e Luft aufl&ouml;sen k&ouml;nnen. Sie k&ouml;nnen sich als unabh&auml;ngig, kompetent, nicht k&auml;uflich, weil unbezahlbar anbieten, erst an der Sache interessiert, und erst dann an deren Inszenierung. <\/p><p>Die Aufgabe, die sich mit der zunehmenden Digitalisierung stellt, ist die Pflege von Informationen, die gegen eine un&uuml;bersichtliche Zerfaserung, gegen eine in Teile auseinandergebrochene &Ouml;ffentlichkeit, gegen dubiose Informationen und schamlose L&uuml;gen ein angemessenes, halbwegs nachpr&uuml;fbares Bild der Wirklichkeit bieten, &uuml;ber das sich im Zweifel zu streiten lohnt. <\/p><p>&Uuml;ber eine L&uuml;ge kann man nicht streiten. Es gab wohl noch keine Phase in der Mediengeschichte, in der es angesichts zahlloser Teil-&Ouml;ffentlichkeiten so notwendig war, die L&uuml;ge aufzudecken. <em>Es ist ein dem Wort &ouml;ffentlich seit je eng verbundener Gedanke, dass in der &ouml;ffentlichen Manifestation der Dinge ihre Evidenz begr&uuml;ndet liegen m&uuml;sse.<\/em><em> <\/em>Lukian Hoelscher, der darauf verweist, erg&auml;nzt seine Bemerkung mit einem Hinweis auf Martin Luther, der gerne das Sprichwort zitierte, <em>Ein &ouml;ffentliche L&uuml;ge ist kein Antwort werth<\/em>, und damit zum Ausdruck brachte: Evidenz kl&auml;rt alles.[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<\/p><p>F&uuml;r Journalisten ist das Beschaffen von Evidenz nichts Besonderes, schon gar nicht f&uuml;r TV-Journalisten. Diese Aufgabe ist in einem Zeitalter, das man inzwischen, ohne rot zu werden, postfaktisch nennen darf, gr&ouml;&szlig;er denn je. Das Fernsehen, das sich eine Zivilgesellschaft leistet, das sie bezahlt, muss sich die Deutungshoheit &uuml;ber das Unterscheiden von Richtig und Falsch als genuine Leistung vorbehalten, wohl wissend, dass die Frage danach, was wirklich <em>wirklich<\/em> ist, nicht nur leichte Antworten kennt. Pippi Langstrumpf darf fr&ouml;hlich singen: &bdquo;Zweimal drei macht vier&ldquo;. Erwachsene Politiker, die so singen, sind, maligner Narzissmus hin oder her, ganz ordin&auml;re L&uuml;gner. Ihre L&uuml;gen geh&ouml;ren nicht unter den Teppich, sondern auf den Schirm. Tag f&uuml;r Tag. Eine nach der anderen.<\/p><p>Darauf muss man auch deshalb bestehen, weil die L&uuml;ge Vertrauen missbraucht, weil sie eine <em>soziale S&uuml;nde<\/em> ist, weil L&uuml;gen spalten. In einer gespaltenen Gesellschaft Integration zu praktizieren, ist eine Aufgabe, f&uuml;r die das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen nach wie vor alle Voraussetzungen mitbringt. Es muss sich anders als seine Konkurrenz nicht zwei Mal am Tag neu erfinden. Es muss sich auch nicht (wie etwa die alten Volksparteien meinen) permanent erneuern. Es muss tun, was es immer schon soll. Was das ist, steht schon immer im Gesetz. TV-Verantwortliche m&ouml;gen weiterhin von gro&szlig;en Zahlen tr&auml;umen, von denen nichts im Gesetz steht. Weiter w&uuml;rde die Einsicht f&uuml;hren, dass die gro&szlig;en Zahlen in einer von Vielfalt gepr&auml;gten Gesellschaft nicht (mehr) zu haben sind. Noch weiter die Erkenntnis, dass das kein Ungl&uuml;ck ist. Drei Krimis am Abend sind nicht die L&ouml;sung, sondern das Problem. Die gro&szlig;e Zahl war nie das Ziel. Das Ziel war und ist jene Funktion f&uuml;r das Staatsganze: Integration. Und das hei&szlig;t heute: <em>Integration der Vielfalt<\/em>. Daran &auml;ndert sich nichts, nur weil jetzt alles digital wird. Es ist das Ziel des Programmauftrags, der aus Information, Unterhaltung und Bildung besteht &ndash; f&uuml;r alle. Das &bdquo;Wunder von Bern&ldquo; w&auml;re ohne die inhaltliche und technische Reichweite des Rundfunks ebenso ein Ger&uuml;cht geblieben wie die letzte Pressekonferenz von G&uuml;nter Schabowski. <\/p><p>Die Pandemie hat gezeigt: Das Publikum versammelt sich in der Not nicht irgendwo im Nirgendwo des Internets, sondern bei seinem Leitmedium. Das ist ein Statement, das auch Skeptiker beeindrucken sollte. Die Alternative, die sich mit der Digitalisierung stellt, ist die Wahl zwischen einer zeitgem&auml;&szlig;en Grundversorgung oder der Bedienung von Segmenten des Publikums, die nicht mehr die ganze Gesellschaft umfassen, sondern nur noch Zielgruppen sind. F&uuml;r den Augenblick mag man damit zufrieden sein, je nach Gr&ouml;&szlig;e der Zielgruppe sogar gl&uuml;cklich. Die Versuchung ist gro&szlig;, einem Spruch auf den Leim zu gehen, den Helmut Thoma, der erste RTL-Chef, gerne verbreitet hat: <em>Der K&ouml;der muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler<\/em>. Aus Sicht des Anglers ist das, wenn man die Dinge streng &ouml;konomisch betrachtet, fraglos richtig. Bedenkt man jedoch das Schicksal des Fisches nach dem Genuss des K&ouml;ders, dann k&ouml;nnte es bei Anwendung dieses kapitalistischen Lehrsatzes f&uuml;r ihn gar nicht schlimmer kommen. <\/p><p>Das Postulat der Grundversorgung operiert mit der Fiktion einer (zentralen) &Ouml;ffentlichkeit, um die sich die Gesellschaft in ihrer Vielf&auml;ltigkeit gruppiert. Diese Annahme war schon zu den analogen Zeiten des ersten Fernsehurteils eine <em>Fiktion<\/em>. Die b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit, die dazu angeregt hat, war 1962 l&auml;ngst Vergangenheit. Dennoch w&auml;re das Argument irrig, dass diese Fiktion im digitalen Zeitalter mit seinen zahlreichen &Ouml;ffentlichkeiten sich vollends &uuml;berlebt h&auml;tte. Richtig ist das Gegenteil. Je mehr &Ouml;ffentlichkeiten es gibt, desto mehr braucht es, was man eine <em>Leit&ouml;ffentlichkeit<\/em> nennen k&ouml;nnte, ein <em>elektronisches Lagerfeuer<\/em>. Daf&uuml;r muss das Leitmedium Fernsehen in Anspruch genommen werden. Das &ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen ist die einzige Institution in Deutschland, die ihrem Auftrag entsprechend und finanziell gesehen in der Lage ist, die Teil&ouml;ffentlichkeiten <em>zusammenzusehen. <\/em>Man muss in dieser Situation, die durch die Pandemie ihr besonderes Profil bekommen hat, ja nicht gleich einen <em>goldenen Moment des Journalismus<\/em> (Matthias D&ouml;pfner) beschw&ouml;ren. Ein eiserner Wille reicht v&ouml;llig aus.<\/p><p>*Kurz-Information zum Autor: geb.1940. Studium Ev. Theologie und Publizistik. 1976-1981 Direktor des Gemeinschaftswerks der Ev. Publizistik, Frankfurt und Fernsehbeauftragter des Rates der EKD. 1981-1986 Direktor f&uuml;r H&ouml;rfunk und Fernsehen beim SFB. 1986-93 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Allianz-Film, Berlin; 1993-2010 Direktor der Landesanstalt f&uuml;r Medien, D&uuml;sseldorf.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Der Begriff wird hier verwendet, ohne seine Geschichte weiter zu entfalten, die mit Emile Durkheim und Max Weber einsetzt und deren H&ouml;hepunkte die in den 1930er Jahren ausgetragene Kontroverse zwischen Rudolf Smend und Hans Kelsen und sein Rang im Werk von Talcott Parsons ist.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Erst als der hessische Ministerpr&auml;sident Roland Koch 2009 im Verwaltungsrat des ZDF die Vertragsverl&auml;ngerung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender verhindert hatte, hat eine Verfassungsklage dazu gef&uuml;hrt, dass das Bundesverfassungsgericht eine H&ouml;chstgrenze f&uuml;r Parteienvertreter festlegte &ndash; im Jahr 2014! <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Zit. nach Andreas Reckwitz, Von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zur Drei-Klassen-Gesellschaft: Neue Mittelklasse, alte Mittelklasse, prek&auml;re Klasse, in: Das Ende der Illusionen, Frankfurt 2019, S.63-134, dort S.73.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Reckwitz, aaO S.73<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Reckwitz, aaO S. 76\/77.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Der radikale Fl&uuml;gel dieser Kritik m&uuml;ndete im Mai 1970 in die Gr&uuml;ndung der <em>RAF<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] z.B. Oswald Kolle, Das Wunder der Liebe, 1968.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Soziologen wie Ulrich Beck (Die Risikogesellschaft, 1986) und Gerhard Schulze (Die Erlebnisgesellschaft, 1992) haben diesen Wandel je auf ihre Weise beschrieben.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Zum Beispiel <em>Glashaus<\/em>, WDR, 1970, <em>betrifft:fernsehen<\/em>, ZDF, 1974  oder Bernhard Wembers Dokumentation  <em>Wie informiert das Fernsehen? Ein Indizienbeweis<\/em>, ZDF, 1975).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Hans Magnus Enzensberger:&nbsp;&nbsp;Die vollkommene Leere. Das Nullmedium Oder warum alle Klagen &uuml;ber das Fernsehen gegenstandslos sind. In: Der Spiegel 20\/1988, S.&nbsp;234&ndash;244.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Was G&uuml;nther Anders auf einer Tagung in Baden-Baden schon 1955 gefordert hat, <em>das Verh&auml;ltnis von Fernsehen und Freiheit und Fernsehen und L&uuml;ge<\/em> m&uuml;sse gekl&auml;rt werden, ist pl&ouml;tzlich wieder in aller (Intellektuellen) Munde.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Dieter Gorny, der erste Chef von <em>Viva<\/em>, einem Musikkanal, der diversity gelebt hat, urteilt, das Fernsehen zeige, <em>was Diversit&auml;t, aber auch, was Innovation angeht, eine jahrzehntelange Minus-Entwicklung &hellip; Das normale Mainstream-Fernsehen begreift sich eher nicht als Trendscout und produziert f&uuml;r eine Gesellschaftsstruktur, die es so eigentlich immer weniger gibt.<\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Michel Foucault beschreibt in Geschichte der Governementalit&auml;t I, Frankfurt 2994, S.115 &Ouml;ffentlichkeit als <em>die Bev&ouml;lkerung von der Seite ihrer Meinungen hergesehen<\/em>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Sie arbeiten, auch wenn sich mittlerweile vieles ver&auml;ndert hat, noch immer nach Regeln, wie sie die vom Time-Herausgeber Henry R. Luce 1942 ins Leben gerufene <em>Hutchins Commission<\/em>, eine Gruppe von US-amerikanischen Wissenschaftlern, 1946 nach vierj&auml;hriger Vorarbeit formuliert hat: jeden Abend <em>a truthful, comprehensive, and intelligent account on the day`s events in a context which gives them meaning<\/em>. Dies gilt auch noch heute, nach einem disagreement over basic facts and half-truths, falsehoods and propaganda have overrun digital platforms and polluted the news ecosystem (Michael Luo, How can the press best serve a democratic society? In:  The New Yorker, Newsletter vom 11. Juli 2020).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Lukian Hoelscher, Art.&Ouml;ffentlichkeit, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Historisches Lexikon, Band 4, hrsg. Von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Stuttgart 1978, S. 413-467, dort S. 456.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professor Dr. <strong>Norbert Schneider<\/strong> hat den NachDenkSeiten einen l&auml;ngeren und interessanten Beitrag zur Ver&ouml;ffentlichung &uuml;berlassen. Norbert Schneider hat lange Erfahrung in der Medienpraxis und auch in der Medienaufsicht. Siehe Anmerkung zur Person am Ende des Artikels*. Wie viele NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser h&auml;lt er viel von der gesellschaftlichen Einrichtung &bdquo;&Ouml;ffentlich-rechtlicher Rundfunk&ldquo;. 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