{"id":63235,"date":"2020-07-26T11:45:30","date_gmt":"2020-07-26T09:45:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63235"},"modified":"2020-07-27T07:50:26","modified_gmt":"2020-07-27T05:50:26","slug":"amazonien-aufschrei-zur-rettung-der-weltgroessten-klimaanlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63235","title":{"rendered":"Amazonien \u2013 Aufschrei zur Rettung der weltgr\u00f6\u00dften Klimaanlage"},"content":{"rendered":"<p><strong>Teil 1: Der programmierte Kahlschlag des Bolsonaro-Regimes<\/strong><br>\n&bdquo;Brasilien ist in den H&auml;nden des Teufels und sein Ungl&uuml;ck ist einmalig&rdquo;. Mit diesen Worten betitelte am vergangenen 4. Mai Mino Carta, Herausgeber der Wochenzeitschrift <em>Carta-Capital<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.cartacapital.com.br\/opiniao\/o-brasil-esta-nas-maos-do-demonio-e-e-unico-na-sua-desgraca\/\">eine vehemente Anklage<\/a> gegen den Pr&auml;sidenten Jair Messias Bolsonaro wegen seines haarstr&auml;ubenden Umgangs mit der Covid-19-Krise in Brasilien. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6753\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-63235-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=63235-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200725-Amazonien-Aufschrei-zur-Rettung-der-weltgroessten-Klimaanlage-Teil1-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Amazonisches Roulette<\/strong><\/p><p>Doch Wortwahl und Ton wurde noch sch&auml;rfer und schriller in der Beurteilung von Bolsonaros Vorgehen in der Amazonas-Politik. &bdquo;Pervers, faschistisch und seelenlos&rdquo;, bekr&auml;ftigte Tarso Genro, ehemaliger Justizminister in der Regierung Luis In&aacute;cio Lula da Silva, Cartas Abscheu in einer neuen, harten <a href=\"https:\/\/www.sul21.com.br\/colunas\/tarso-genro\/2020\/05\/perversos-fascistas-e-desalmados\/\">publizistischen Abrechnung<\/a> vom 24. Mai. Hier paarte sich das gegen das &uuml;brige schutzlose Brasilien erwiesenerma&szlig;en praktizierte Nichtstun mit der offenen Sabotage von Umweltauflagen und gesundheitlichen und territorialen Grundrechten der indigenen Bev&ouml;lkerung; ein niederschmetterndes Szenario, dessen Beschreibung als gesonderter 2. Teil in den kommenden Tagen auf den NachDenkSeiten erscheinen wird.<\/p><p>Mit seinem Covid-19-Negationismus und dem absurden Aufruf gegen die weltweit empfohlenen sanit&auml;ren Schutzma&szlig;nahmen ist Bolsonaro indirekt f&uuml;r mehr als 75.000 Virus-Tote und direkt f&uuml;r den <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/natureza\/noticia\/2020\/07\/10\/amazonia-bate-novo-recorde-nos-alertas-de-desmatamento-em-junho-aumento-dos-ultimos-11-meses-foi-de-64percent-aponta-inpe.ghtml\">neuen Entwaldungsrekord Amazoniens<\/a> verantwortlich.<\/p><p>In den von den Waldbr&auml;nden Amazoniens vom August\/September 2019 alarmierten Mainstream-Medien hie&szlig; es schon damals, die Rekordwaldbr&auml;nde im Amazonas seien die <a href=\"https:\/\/www.nationalgeographic.de\/umwelt\/2019\/08\/rekordwaldbraende-im-amazonas-schueren-angst-vor-waldsterben\">Vorboten der Vernichtung<\/a>. Mehrere Forscher bef&uuml;rchteten, das &Ouml;kosystem k&ouml;nnte in Zukunft einen verheerenden Kipppunkt erreichen. Leider behielten sie recht. Die Regenwald-Vernichtung nahm im ersten Halbjahr 2020 um 24 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahr zu, zerst&ouml;rte mehr als 3.000 km&sup2; reichhaltigster botanischer und zoologischer Artenvielfalt und brach den Rodungsrekord der letzten zehn Jahre.<\/p><p>Der Trend h&auml;lt allerdings seit Mitte der 1990er Jahre an. Der massive Waldeinschlag erreichte 1995 seinen ersten H&ouml;hepunkt, stieg 2002 noch weiter an und &uuml;bte auf die 2003 angetretene neue Regierung Lula da Silva massiven einheimischen und internationalen Handlungsdruck aus. Die Ergreifung wirksamer Ma&szlig;nahmen zeigte 2005 erste Erfolge, der Holzeinschlag war r&uuml;ckl&auml;ufig und erreichte 2012 ein historisches Rekordtief. Im Kontrast zu ihrer indiskutablen fortschrittlichen Sozialpolitik im Allgemeinen praktizierte die seit Anfang 2011 amtierende Regierung Dilma Rousseff jedoch eine eher technokratische Amazonien-Politik. Einerseits mit der brutalen Zusammenstreichung von Lulas rund 4 Milliarden US-Dollar-Budget f&uuml;r den Schutz der indigenen V&ouml;lker und des gesamten Waldbioms auf blo&szlig;e 600 Millionen US-Dollar und andererseits mit der Bewilligung h&ouml;chst umstrittener <a href=\"http:\/\/g1.globo.com\/pa\/para\/noticia\/2013\/05\/indios-pedem-dialogo-com-presidente-dilma-para-deixar-belo-monte.html\">Stausee-Projekte wie Belo Monte<\/a> mit verheerenden Folgen f&uuml;r indianisches Land und die umgebende Natur.<\/p><p>Die sch&auml;digende Amazonien-Politik wurde von der sich anschlie&szlig;enden, ultraliberalen De-facto-Regierung Michel Temers versch&auml;rft. W&auml;hrend seiner Administration dokumentierte <a href=\"http:\/\/g1.globo.com\/pa\/para\/noticia\/2013\/05\/indios-pedem-dialogo-com-presidente-dilma-para-deixar-belo-monte.html\">ein Bericht<\/a> des World Resources Institute (WRI), dass 2017 weltweit nahezu 16 Mio. Hektar tropischer W&auml;lder verschwanden &ndash; fast die H&auml;lfte der Fl&auml;che Deutschlands. Die von den gr&ouml;&szlig;ten Waldrodungen betroffenen Regionen waren S&uuml;dostasien, Zentralafrika und Lateinamerika; und hier insbesondere Brasilien.<\/p><p>Bildlich knallhart ausgedr&uuml;ckt, wurde in jeder Minute der vergangenen drei Jahre eine Fl&auml;che mit der Ausdehnung von 40 Fu&szlig;ballfeldern abgeholzt oder verbrannt, um Platz zu machen f&uuml;r den monokulturellen Soja-Anbau, zur Anlage von Vieh-Weidefl&auml;chen f&uuml;r den Fleischexport und f&uuml;r den zunehmenden und rabiaten internationalen Bergbau. Den internationalen Bergbau-Konzernen wollte Temer noch 2017 <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/portuguese\/brasil-41043853\">das Kupfer-Reservat Renca<\/a> mit der Ausdehnung D&auml;nemarks in den Rachen werfen, er scheiterte jedoch am verbissenen Widerstand der indianischen Gemeinden, von Juristen und Medien, weil die Konzession die Zerst&ouml;rung zahlreicher anerkannter Indianer-Territorien und von 47.000 Quadratkilometer Regenwald bedeutet h&auml;tte.<\/p><p>Das Auf und Ab in der staatlichen Schutzpolitik der vergangenen 50 Jahre gleicht einem makabren und nicht enden wollenden Roulette, denn selbst der erbittertste Widerstand konnte die Vernichtung ganzer 20 Prozent der 5,3 Millionen Quadratkilometer amazonischen Regenwalds nicht verhindern, der 10 Prozent aller bekannten biologischen Lebensarten der Erde beherbergt.<\/p><p><strong>Die &bdquo;fliegenden Fl&uuml;sse&ldquo; als Befeuchtungsmaschine des Weltklimas<\/strong><\/p><p>Doch was ist an der weitverbreiteten Legende dran, Amazonien sei die &bdquo;gr&uuml;ne Lunge der Welt&ldquo;?<\/p><p>Das Missverst&auml;ndnis n&auml;hrt sich von einem Zahlen-Irrtum, wie er selbst vom franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron angenommen wird. Vor einem Jahr <a href=\"https:\/\/twitter.com\/EmmanuelMacron\/status\/1164617008962527232\">twitterte Macron<\/a>, Amazonien erzeuge 20 Prozent des Sauerstoffs des Planeten. Die Annahme wird u.a. von Niklas H&ouml;hne, Experte f&uuml;r Treibhausgasminderung an der niederl&auml;ndischen Universit&auml;t Wageningen korrigiert. Nach H&ouml;hnes Berechnungen absorbieren W&auml;lder und B&ouml;den weltweit etwa ein Drittel der menschengemachten CO2-Emissionen. Daran sei Amazonien jedoch nur zu einem Sechstel beteiligt. Amazonien nimmt also 5 Prozent der vom Menschen verursachten Emissionen wieder auf, <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ist-der-amazonas-wirklich-die-gr%C3%BCne-lunge-der-welt\/a-50203722\">so H&ouml;hne<\/a>.<\/p><p>Der entscheidende Einfluss Amazoniens auf das Weltklima ist ein ganz anderer, und wird er gest&ouml;rt, kann er mit dem &bdquo;Kaskadeneffekt&ldquo; in einer weltweiten Katastrophe enden.<\/p><p>Die Rede ist von den sogenannten &bdquo;fliegenden Fl&uuml;ssen&ldquo; als Ph&auml;nomen des Feuchtigkeits-Transports aus dem Amazonasbecken in das &uuml;brige Brasilien und rund um die Welt. Oder anders ausgedr&uuml;ckt, fungiert der Amazonas-Regenwald im Wesentlichen als nat&uuml;rliche Wasserpumpe. Die &bdquo;fliegenden Fl&uuml;sse&ldquo; sind Massen feuchter Luft, die vom Amazonas ins &uuml;brige Brasilien str&ouml;men und die Regenbildung f&ouml;rdern. Bruno Takeshi Tanaka Portela, Meteorologe und Klimaforscher am brasilianischen Institut f&uuml;r Amazonasforschung (INPA), warnt jedoch, dass die Zunahme der Waldrodungen im Laufe der Jahre zu einer <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/am\/amazonas\/natureza\/amazonia\/noticia\/2020\/07\/20\/desmatamento-na-amazonia-afeta-fenomeno-rios-voadores-e-pode-alterar-clima-em-outras-regioes-brasileiras.ghtml\">Abschw&auml;chung dieses Ph&auml;nomens<\/a> gef&uuml;hrt hat.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Fliegende Fl&uuml;sse verlieren Wasser und wirken sich folglich auf den Regen aus. Da der Klimawandel mit Entwaldung verbunden ist, handelt es sich um einen wellenf&ouml;rmigen Effekt. Weniger B&auml;ume, die beim &acute;Schwitzen&acute; helfen, weniger Wasser in der Atmosph&auml;re. Weniger Regen, mehr D&uuml;rre.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nach Berechnungen Portelas pumpt ein Baum mit einer Rundungsdicke mehrerer Meter t&auml;glich mindestens 300 Liter Wasserdampf in die Atmosph&auml;re. Ein Baum mit m&auml;chtigerem Umfang kann mehr als 1.000 Liter pro Tag in die Luft pumpen. Diese gigantischen Mengen Feuchtigkeit entziehen der Atmosph&auml;re W&auml;rme und tragen zur K&uuml;hlung der gesamten Welt bei. Im Jahr 2013 sch&auml;tzte eine INPA-Studie die Baumzahl im Amazonasgebiet auf 400 Milliarden Einheiten; eine Zahl, der sieben Jahre sp&auml;ter ein zweistelliger Prozentanteil abgezogen werden muss. &bdquo;Doch die Zerst&ouml;rung des Regenwalds k&ouml;nnte nicht nur das Klima in S&uuml;damerika, sondern auf der ganzen Welt beeinflussen. Weniger Regen und Phasen extremer Trockenheit sind die Vorboten von Klimaver&auml;nderungen&ldquo;, alarmiert die <a href=\"https:\/\/www.wwf.de\/klimakrise\/amazonas\/\">deutsche Sektion des World Wildlife Fund<\/a>.<\/p><p><strong>&bdquo;Kill the messenger!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Was sich indes hinter den institutionellen Kulissen der Amazonien-Politik des Bolsonaro-Regimes abspielt, spottet jeder Beschreibung und kennt nur in der Fiktion eine Pr&auml;zedenz, n&auml;mlich im US-Krimi &bdquo;Kill the Messenger&ldquo; aus dem Jahr 2014. Der Film erz&auml;hlt die Geschichte des Reporters Gary Webb, der die Beteiligung der CIA am Kokainhandel im US-finanzierten Krieg der Contras gegen die Sandinisten in Nicaragua dokumentierte und wegen seinen Erkenntnissen aus den Mainstream-Medien entlassen und boykottiert wurde.<\/p><p>&Auml;hnlich geht es seit der Macht&uuml;bernahme Bolsonaros und der Milit&auml;rs im brasilianischen Institut f&uuml;r Raumforschung (INPE) zu. Seit 1988 wird der Waldeinschlag in Amazonien vom INPE mit Satelliten berechnet und regelm&auml;&szlig;ig publik gemacht. Der erste Anschlag gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse des INPE erfolgte vor einem Jahr, als der weltweit, auch in Deutschland, renommierte Instituts-Direktor, Ricardo Galv&atilde;o, <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/diretor-do-inpe-%C3%A9-exonerado-ap%C3%B3s-embate-com-bolsonaro-sobre-desmatamento\/a-49872627\">fristlos entlassen<\/a> wurde. Der Grund: Den Milit&auml;rs und Bolsonaro passten die alarmierenden Daten &uuml;ber die Waldbr&auml;nde nicht.<\/p><p>Kurz nachdem das INPE im Juni 2019 in Amazonien einen Entwaldungsanstieg von 88 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahr anzeigte, beschuldigte Bolsonaro Galv&atilde;o, &bdquo;im Auftrag einer NGO&ldquo; zu l&uuml;gen und zu handeln; eine l&auml;cherliche Unterstellung, die von Galv&atilde;o, in- und ausl&auml;ndischen Experten strikt zur&uuml;ckgewiesen wurde. Die INPE-Erkenntnisse kamen den amazonischen Kolonisierungspl&auml;nen der Milit&auml;rs und Bolsonaros in die Quere. <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2018\/11\/07\/politica\/1541597534_734796.html\">Diese Pl&auml;ne<\/a> &ndash; wozu die Nichtanerkennung indianischer Hoheitsgebiete geh&ouml;rte &ndash; waren Ende 2018 kurz nach seiner Wahl zum Pr&auml;sidenten mit der Eingliederung des Umweltministeriums in das von einer Gro&szlig;grundbesitzerin geleitete Landwirtschaftsministerium und der wissenschaftlichen Ausblutung der nationalen Umwelt-Aufsichtsbeh&ouml;rde IBAMA angek&uuml;ndigt worden.<\/p><p>Ein knappes Jahr nach Ricardo Galv&atilde;os Entlassung traf es nun die Wissenschaftlerin Lubia Vinhas, Generalkoordinatorin f&uuml;r Geo-Beobachtung am INPE. Sie wurde am vergangenen 13. Juli vom Minister f&uuml;r Wissenschaft und Technologie, dem Luftwaffen-Oberst Marcos Pontes, <a href=\"https:\/\/g1.globo.com\/politica\/noticia\/2020\/07\/13\/apos-recorde-de-alerta-de-desmatamentos-na-amazonia-governo-exonera-coordenadora-do-inpe.ghtml\">ebenfalls entlassen<\/a>. Der Entlassungsgrund wiederholte sich: Vinhas war verantwortlich f&uuml;r den j&uuml;ngsten INPE-Satelliten-Echtzeit-Scan (Deter) der 3.000 Quadratkilometer gro&szlig;en Waldzerst&ouml;rungen vom vergangenen Juni 2020, dessen Daten den Inspektionsteams als exakter geographischer Hinweis auf Umweltkriminalit&auml;t dienen. Diese sollte aber auf Wunsch der Milit&auml;rs geflissentlich vertuscht werden.<\/p><p>Vinhas Entlassung stie&szlig; auf emp&ouml;rte Reaktionen in der brasilianischen Politik und Medien. Solidarische INPE-Wissenschaftler beschuldigten das Bolsonaro-Regime der <a href=\"https:\/\/www.cartacapital.com.br\/politica\/tecnicos-do-inpe-apontam-interferencia-militar-no-orgao\/\">&bdquo;milit&auml;rischen Unterwanderung&ldquo; des Instituts<\/a>.<\/p><p><strong>Unger&uuml;hrter europ&auml;ischer Appetit: 20 Prozent der EU-Fleisch- und -Soja-Importe aus Brasilien, auch der British Army, sind illegalen Ursprungs<\/strong><\/p><p>Die internationalen Anklagen gegen den Vernichtungsfeldzug haben jedoch kaum Einfluss gehabt auf das Konsumverhalten deutscher Verbraucher und das Gesch&auml;ftsinteresse europ&auml;ischer und deutscher Importeure von brasilianischem Rindfleisch und Soja. Brasilien ist der gr&ouml;&szlig;te Rindfleischexporteur der Welt und erh&ouml;hte nach Angaben der Organisation Foodwatch seine Fleischexporte in den vergangenen 14 Jahren um mehr als 700 Prozent. Die EU-Importe rangieren hier auf Platz 3 nach China und &Auml;gypten und erleben seit 2018 <a href=\"https:\/\/www.agrarheute.com\/markt\/tiere\/eu-importiert-mehr-rindfleisch-brasilien-551193\">einen beachtlichen Anstieg<\/a>.<\/p><p>Eine am vergangenen 16. Juli von der Fachzeitschrift <em>Science<\/em> ver&ouml;ffentlichte Studie verweist jedoch auf einen peinlichen Umstand f&uuml;r &bdquo;umweltbewegte&ldquo; EU-Regierungen und -B&uuml;rger. Um &bdquo;faule &Auml;pfel&ldquo; der Agrarindustrie aufzudecken, entwickelten Forscher aus Brasilien, Deutschland und den USA eine leistungsstarke Software, die &ouml;ffentliche Messdaten und Karten verwendete und damit 815 Farmbetriebe in beiden Gegenden untersuchte. Ziel der Untersuchung war die Ermittlung l&auml;ndlichen Produktions-Ursprungs von Soja und Rindfleisch, der mit den j&uuml;ngsten illegalen Waldrodungen im Zusammenhang steht. Die Erkenntnis: 20 Prozent der Soja-Importe der EU, die in Europa zu Nahrungsmitteln und Futter f&uuml;r Zuchtvieh verarbeitet werden, entstammen m&ouml;glicherweise <a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2020-07-16\/um-quinto-das-exportacoes-de-soja-da-amazonia-e-cerrado-a-ue-e-fruto-de-desmatamento-ilegal.html\">Gebieten mit illegaler Waldrodung<\/a> im Amazonas und in der s&uuml;dlich davon gelegenen Cerrado-Steppe.<\/p><p>Der Untersuchung ging vor einem knappen Jahr eine noch peinlichere <a href=\"https:\/\/www.earthsight.org.uk\/news\/idm\/british-troops-brazil-beef-firm-illegal-amazon-deforestation\">Enth&uuml;llung der britischen Umweltorganisation Earthsight<\/a> voraus. Demnach enthalten die von den Streitkr&auml;ften verteilten Truppen-Nahrungspakete (Operational Ration Packs\/ORP) von 2009 bis mindestens 2016 Rindfleisch und H&uuml;hnchen des umstrittenen brasilianischen Unternehmens JBS, seines Zeichens der weltgr&ouml;&szlig;te Fleischverpackungs- und -exportkonzern. Untersuchungen ergaben, dass Vestey Foods, ein langj&auml;hriger Lieferant des Verteidigungsministeriums (MoD) und britischer Catering-Anbieter f&uuml;r Milit&auml;rpersonal im aktiven Einsatz, zig Tonnen brasilianischen Rindfleischs von JBS &ndash; darunter &bdquo;Beef With Cassava&ldquo;, &bdquo;Chilli Con Carne&ldquo;, &bdquo;Beef Stroganoff&ldquo; und &bdquo;Chicken Own Juice&ldquo; &ndash; f&uuml;r milit&auml;rische Mahlzeiten verwendet hat.<\/p><p>Earthsight wirft dem MoD zurecht vor, es betreibe Gesch&auml;fte mit einer brasilianischen Firma, die seit Jahren wegen Umweltsch&auml;digung, systemischer Korruption und Menschenrechtsverletzungen unter Anklage steht. Das MoD best&auml;tigte allerdings s&uuml;ffisant, dass weiterhin brasilianisches Rindfleisch, darunter auch von JBS, verwendet wird. Der Konzern wurde 2017 u.a. zu einer Geldstrafe von 6,5 Millionen Pfund verurteilt, nachdem er Rinder geschlachtet hatte, die auf der Fl&auml;che von illegal abgeholztem Wald aufgezogen worden waren.<\/p><p>Finnland hatte bereits im August 2019 <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/finl%C3%A2ndia-sugere-que-ue-pare-de-importar-carne-brasileira\/a-50142036#:~:text=Mundo-,Finl%C3%A2ndia%20sugere%20que%20UE%20pare%20de%20importar%20carne%20brasileira,devido%20%C3%A0%20destrui%C3%A7%C3%A3o%20na%20Amaz%C3%B4nia.\">daf&uuml;r pl&auml;diert<\/a>, die EU solle ihre Fleischimporte aus Brasilien stoppen, predigte aber in der W&uuml;ste und wurde von den EU-Schwergewichten &uuml;berh&ouml;rt.<\/p><p><strong>&bdquo;Rasch die Viehherde durchs Gestr&uuml;pp treiben!&ldquo;: Minister Salles, eine zivile Marionette der Milit&auml;rs<\/strong><\/p><p>Die geschilderten Vorf&auml;lle k&ouml;nnten jedoch mit einem an Skandal schwer zu &uuml;bertreffenden Event von Ende vergangenen April zusammengefasst und erkl&auml;rt werden. Es war eine mit Dringlichkeitsstufe einberufene Kabinettssitzung Bolsonaros, zu deren Stimmungsbomben die 25 verbalen Ausf&auml;lle des Staatschefs, wie &bdquo;Hurens&ouml;hne&ldquo;, und der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=th6_TgyYEMY\">Vorschlag des Umweltministers Ricardo Salles<\/a> geh&ouml;rten, &bdquo;wir sollten die Gelegenheit f&uuml;r die Deregulierung der Rechtsprechung nutzen, die Presse ist jetzt durch Covid-19 abgelenkt&ldquo;. Salles zufolge w&auml;re es an der Zeit, &Auml;nderungen von Umweltschutz-Vorschriften und zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion voranzutreiben, &bdquo;um Kritik und Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden&ldquo;. &bdquo;In allen Ministerien, die hier eine regulierende Rolle spielen, gibt es eine riesige Liste, die vereinfacht werden kann. Wir brauchen kein Parlament&ldquo;, erkl&auml;rte der Umweltminister.<\/p><p>Ein kurzer R&uuml;ckblick ist jedoch erforderlich, um die radikale Kehrtwende in Bolsonaros Umweltpolitik zu durchschauen. UN-Daten von 2015 hatten gezeigt, dass Brasilien eines der zehn L&auml;nder mit den weltweit h&ouml;chsten Treibhausemissionen ist. Doch die Regierungen Lula da Silva und Dilma Rousseff hatten sich auf dem Pariser Klimagipfel dazu verpflichtet, die Treibhausemissionen bis 2030 um 43 Prozent gegen&uuml;ber dem Niveau von 2005 zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte u.a. der Anteil nachhaltiger Bioenergie am Energiemix erh&ouml;ht und 12 Millionen Hektar Wald wieder aufgeforstet werden. Diesen Verpflichtungen sollte allerdings auf Wunsch der Milit&auml;rs der Garaus gemacht werden. Also riet Salles dem Pr&auml;sidenten und den de facto regierenden Gener&auml;len, insgeheim Gesetze &ndash; die er mit &bdquo;Vieh&ldquo; umschrieb &ndash; zugunsten von Gro&szlig;grundbesitzern, Bergbau-Unternehmen und ausl&auml;ndischen Investoren &bdquo;durchs Gestr&uuml;pp zu jagen&ldquo;, will sagen: mit Umgehung des Parlaments zu &auml;ndern.<\/p><p>Salles gilt als eines der korruptesten Mitglieder der Bolsonaro-Administration. Gegen den Minister wird seit Anfang 2019 in drei F&auml;llen wegen Urkundenf&auml;lschung, Betrug und Geldw&auml;sche ermittelt. Die <a href=\"https:\/\/www.oeco.org.br\/noticias\/procuradores-pedem-a-justica-que-ricardo-salles-deixe-de-ser-ministro\/\">Staatsanwaltschaft Sao Paulos beantragte<\/a> bereits unmittelbar nach seiner Nominierung seinen R&uuml;cktritt, wogegen der Jurist die Protektion von Milit&auml;rs erhielt und im Amt verblieb.<\/p><p>Der De-facto-Chef der Amazonien-Politik im Kabinett Bolsonaro ist l&auml;ngst sein Vize, General Hamilton Mour&atilde;o. Im Januar 2020 erlie&szlig; Bolsonaro ein Dekret zur Wiederbelebung des 1995 geschaffenen &bdquo;Amazonien-Rates&ldquo; unter Vorsitz General Mour&atilde;os, von dem nicht nur s&auml;mtliche Gouverneure der Region, sondern vor allem die Indianerbeh&ouml;rde FUNAI und die Umweltbeh&ouml;rde IBAMA ausgeschlossen wurden. Kaum war der Beschluss gefasst, <a href=\"https:\/\/noticias.uol.com.br\/colunas\/rubens-valente\/2020\/04\/18\/conselho-amazonia-mourao.htm\">besetzte Mour&atilde;o den Rat<\/a> mit 19 Heeres- und Luftwaffenoffizieren. Aufgabe des Rates sei, so der General, &bdquo;die Koordinierung und &Uuml;berwachung der &ouml;ffentlichen Politik im brasilianischen Amazonas&ldquo;, insbesondere von &bdquo;Ma&szlig;nahmen zur Verh&uuml;tung, Kontrolle und Unterdr&uuml;ckung illegaler Handlungen&rdquo;. Mit anderen Worten: Amazonien steht unter der Herrschaft der Milit&auml;rs.<\/p><p>Doch was hat der Fleischverbrauch der britischen Truppen damit zu tun?<\/p><p><strong>Wie Blackrock und Blackstone Amazonien vernichten<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte auch fragen: Was hat BlackRock, der mit 7,4 Billionen US-Dollar (Stand: Dezember 2019) weltweit gr&ouml;&szlig;te &bdquo;Verm&ouml;gensverwalter&ldquo;, mit Amazonien zu tun? Zum Staunen der Leserin und des Lesers: eine ganze Menge. BlackRock ist n&auml;mlich ein wichtiger Aktion&auml;r beim Fleischkonzern JBS, der nach Zahlung milliardenschwerer Gerichtsstrafen wegen Schmierung von 1.800 brasilianischen Politikern der Exekutive und Legislative seinen Hauptsitz in die USA verlegte.<\/p><p>&bdquo;Der Wunsch, als ethischer Investor gesehen zu werden, hat BlackRock jedoch nicht davon abgehalten, zur Klimakrise beizutragen, indem er dem weltweit gr&ouml;&szlig;ten Fleischverpacker JBS, der Jahr f&uuml;r Jahr wegen Kauf von Rindern auf illegal abgeholztem Amazonasland verklagt wurde, erhebliche Finanzmittel zur Verf&uuml;gung stellt&ldquo;, <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2019\/08\/30\/amazon-rainforest-fire-blackrock-jbs\/\">enth&uuml;llte bereits Ende August 2019<\/a> die Investigativ-Plattform <em>The Intercept<\/em>.<\/p><p>Investigativ-Reporter Ryan Grim stieg hinter das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FyR-l6aJTfc\">parteipolitische Interessengeflecht von BlackRock<\/a>, aber <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2019\/08\/27\/amazon-rainforest-fire-blackstone\/#:~:text=A%20Top%20Financier%20of%20Trump,Driving%20Force%20Behind%20Amazon%20Deforestation&amp;text=Blackstone%20co%2Dfounder%20and%20CEO,to%20McConnell%20in%20recent%20years.\">auch von Blackstone<\/a>, deren CEOs Larry Fink und Steve Schwarzman jeweils zu den Hauptspendern der Pr&auml;sidentschaftskampagnen von Joe Biden und Donald Trump geh&ouml;ren und getrennte, milliardenschwere Amazonas-Gesch&auml;fte betreiben. Sie signalisieren, in welche Richtung die per Gewalt hergestellte milit&auml;rische &Uuml;berwachung durch Brasiliens Gener&auml;le das Schicksal Amazoniens lenken soll &ndash; ein Schreckensszenario, dessen Beschreibung eine weitere Fortsetzungsreihe erfordert.<\/p><p>Titelbild: Pedarilhosbr\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Teil 1: Der programmierte Kahlschlag des Bolsonaro-Regimes<\/strong><br \/> &bdquo;Brasilien ist in den H&auml;nden des Teufels und sein Ungl&uuml;ck ist einmalig&rdquo;. Mit diesen Worten betitelte am vergangenen 4. Mai Mino Carta, Herausgeber der Wochenzeitschrift <em>Carta-Capital<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.cartacapital.com.br\/opiniao\/o-brasil-esta-nas-maos-do-demonio-e-e-unico-na-sua-desgraca\/\">eine vehemente Anklage<\/a> gegen den Pr&auml;sidenten Jair Messias Bolsonaro wegen seines haarstr&auml;ubenden Umgangs mit der Covid-19-Krise in Brasilien. Ein Bericht von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63235\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":63239,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,177,20,127,178],"tags":[2714,2242,872,984,2454,1613,2196,2056,849,2934,1943,1976],"class_list":["post-63235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-klimawandel","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-ressourcen","tag-amazonien","tag-artenvielfalt","tag-blackrock","tag-blackstone","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-indigene-voelker","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-nahrungsmittel","tag-naturzerstoerung","tag-rousseff-dilma","tag-temer-michel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/shutterstock_394268521.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63235"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63275,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63235\/revisions\/63275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/63239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}