{"id":63333,"date":"2020-07-27T14:52:13","date_gmt":"2020-07-27T12:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63333"},"modified":"2020-07-27T16:15:19","modified_gmt":"2020-07-27T14:15:19","slug":"die-toten-wuerdigen-und-die-kritischen-seiten-vergessen-anmerkungen-aus-anlass-des-todes-von-hans-jochen-vogel-von-hans-bleibinhaus-und-albrecht-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63333","title":{"rendered":"Die Toten w\u00fcrdigen und die kritischen Seiten vergessen? Anmerkungen aus Anlass des Todes von Hans-Jochen Vogel. Von Hans Bleibinhaus und Albrecht M\u00fcller."},"content":{"rendered":"<p>Diese W&uuml;rdigung ist zweigeteilt. Sie wird von Albrecht M&uuml;ller eingef&uuml;hrt und von Hans Bleibinhaus fortgef&uuml;hrt. Und au&szlig;erdem verlinken wir <a href=\"https:\/\/www.cicero.de\/innenpolitik\/nachruf-hans-jochen-vogel-spd\">hiermit<\/a> noch auf eine sehr positive W&uuml;rdigung Vogels durch den langj&auml;hrigen Bonner Journalisten und Mitglied der &bdquo;Gelben Karte&ldquo;, Hartmut Palmer, in &bdquo;Cicero&ldquo;. Dass zwischen der W&uuml;rdigung durch Hartmut Palmer zum einen und jener durch Bleibinhaus\/M&uuml;ller zum andern Welten klaffen, werden NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser schnell erkennen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>Der gerade verstorbene Hans-Jochen Vogel war ein sehr f&auml;higer Mensch, ausgezeichnet mit exzellenten Examina und auch gew&uuml;rdigt bei und durch die Wahl zum Oberb&uuml;rgermeister von M&uuml;nchen schon im Jahre 1960, also in jungen Jahren. Er war ein verantwortungsvoller Justizminister. Ich k&ouml;nnte aus eigener Erfahrung und guter Kenntnis auch noch einiges zu den jetzt angesichts seines Todes erscheinenden lobenden Erkl&auml;rungen hinzuf&uuml;gen: Hans-Jochen Vogel hat schon sehr fr&uuml;h erkannt, was die Bodenspekulation in unseren St&auml;dten anrichtet, und zeitlebens diesen Wahnsinn bek&auml;mpft &ndash; als Oberb&uuml;rgermeister und als Bundesbauminister und als Vorstandsmitglied der SPD. Ich habe Hans-Jochen Vogel sogar auf eine pers&ouml;nlich sehr sch&ouml;ne und wohltuende Weise kennengelernt. Wir kannten uns aus der M&uuml;nchner Zeit in den sechziger Jahren. Als ich dann ab Ende 1969 f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit des Parteivorstandes der SPD in Bonn verantwortlich war, war Hans-Jochen Vogel der Einzige aus der Vorstandsriege der SPD, der regelm&auml;&szlig;ig im B&uuml;ro des Angestellten seiner Partei vorbeikam und fragte, wie&lsquo;s geht und wo der Schuh dr&uuml;ckt. Als ich dann selbst Mitglied im Deutschen Bundestag war, habe ich ihn in der Fraktion als sehr effizienten Vorsitzenden erlebt. Auch das ist viel wert und nicht selbstverst&auml;ndlich.<\/p><p>In der W&uuml;rdigung Vogels durch Hartmut Palmer gibt es eine l&auml;ngere Passage, deren Aussage ich teile: Hans-Jochen Vogel hat sich sehr viel um die konkreten Sorgen einzelner Menschen gek&uuml;mmert.<\/p><p>Dann habe ich aber auch den ganz anderen Hans-Jochen Vogel kennengelernt, schon fr&uuml;h:<\/p><p>In der am Sonntag erschienenen dpa-Meldung &uuml;ber den Tod von Hans-Jochen Vogel war die Rede davon, er habe 1972 nach Bonn gehen m&uuml;ssen, weil die SPD-Linke in M&uuml;nchen ihm Schwierigkeiten machte. Einer dieser vermeintlichen Gegner von Hans-Jochen Vogel ist einer meiner besten Freunde: Hans Bleibinhaus. Er hat mich 1963 &uuml;berzeugt, in die SPD einzutreten, und war dann in der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen Hans-Jochen Vogels mit seiner M&uuml;nchner Partei Schatzmeister und stellvertretender Vorsitzender dieser Partei in M&uuml;nchen. Deshalb konnte ich immer pr&uuml;fen, ob das, was Hans-Jochen mir &uuml;ber seine Schwierigkeiten in M&uuml;nchen sagte, dem entsprach, was mein Freund erlebt und erfahren hat. Da gab es gewaltige Differenzen.<\/p><p>Ich habe dann erlebt, dass Hans-Jochen Vogel dabei mitwirkte, die Seeheimer zu gr&uuml;nden und das war eine Gr&uuml;ndung, die vor allem gegen den damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzler, Willy Brandt, gerichtet war. Und es hatte bei Hans-Jochen Vogel wie bei vielen anderen Kritikern Willy Brandts damit zu tun, dass sie das gro&szlig;e Verst&auml;ndnis und die offenen Arme von Willy Brandt gegen&uuml;ber den jungen, auch aufm&uuml;pfigen jungen Leuten nicht verstehen konnten und schon gar nicht mittragen wollten. Ich k&ouml;nnte es auch anders formulieren: Dieser Teil der SPD, f&uuml;r die auch Hans-Jochen Vogel steht, hat nie verstanden, wie wichtig die Pluralit&auml;t der SPD einschlie&szlig;lich des Zusammenwirkens mit kritischen Geistern und jungen Geistern f&uuml;r die programmatische St&auml;rke und f&uuml;r den Erfolg in Wahlk&auml;mpfen ist. <\/p><p>Mit diesem Defizit des Hans-Jochen Vogel k&ouml;nnte man auch erkl&auml;ren, dass er bei Wahlk&auml;mpfen nicht sonderlich erfolgreich war &ndash; mit Ausnahme der zwei Wahlk&auml;mpfe in M&uuml;nchen, bei denen er zum Oberb&uuml;rgermeister 1960 gew&auml;hlt und 1966 wiedergew&auml;hlt wurde.<\/p><p>Hans-Jochen Vogel war mit Ausnahme seines Kampfes gegen die Bodenspekulation auch sp&auml;ter nicht sonderlich inhaltlich und programmatisch interessiert. Als der sozialdemokratische Bundeskanzler Schr&ouml;der 1999 unser Land in den Jugoslawien-Krieg f&uuml;hrte, gab es von Hans-Jochen Vogel nach meiner Erinnerung keine Warnung vor diesem Bruch mit einer wichtigen sozialdemokratischen Politik und Tradition, n&auml;mlich keine Kriege zu f&uuml;hren. Als der gleiche Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der dann die Agenda 2010 und Hartz IV durchsetzte, gab es von Seiten des Hans-Jochen Vogel keine Warnung an den Nachfolger im Parteivorsitz. Hans-Jochen Vogel hat &ndash; wie &uuml;brigens auch Erhard Eppler, G&uuml;nter Grass und andere &ndash; den Schritten, die zum Niedergang der SPD f&uuml;hrten, nicht widersprochen. Statt mit dieser Art von Parteif&uuml;hrungen zu brechen, hat sich Hans-Jochen Vogel bis ins hohe Alter auf Parteitagen feiern lassen. Dabei w&auml;re es zur Rettung seiner Partei wichtig gewesen, zu widersprechen. Es w&auml;re wichtig gewesen, aufzustehen gegen die Perversion der fr&uuml;heren Reformpolitik und den Missbrauch des sch&ouml;nen Wortes Reform; es w&auml;re wichtig gewesen, gegen die Militarisierung der Politik aufzustehen. Hans-Jochen Vogel hat leider keinen Widerstand geleistet.<\/p><p>Insofern und aus diesen Gr&uuml;nden ist auch dieser ansonsten besonders f&auml;hige Politiker mitverantwortlich daf&uuml;r, dass seine Partei heute nichts mehr zu sagen hat und ihr Ende als politische Kraft, die Deutschland ma&szlig;geblich mitgestaltet, nicht ausgeschlossen ist. <\/p><p>Darf man das alles nicht sagen, weil die Piet&auml;t es verbietet, Kritisches auszusprechen?<\/p><p>Man muss es sagen, man muss die Dinge zurechtr&uuml;cken, auch deshalb, weil andernfalls die Geschichtsschreibung genauso falsch wird wie die aktuelle Medienberichterstattung und Kommentierung. <\/p><p><strong>Dr. Hans Bleibinhaus zum Tod von Dr. Hans-Jochen Vogel:<\/strong><\/p><p>In fast allen Nachrufen wird der Abschied Hans-Jochen Vogels vom Amt des M&uuml;nchner Oberb&uuml;rgermeisters als Flucht oder Vertreibung, verursacht durch die M&uuml;nchner Linken in der SPD dargestellt. <\/p><p>Das ist grundfalsch. Schon 1969, als ich zum ersten Mal in den Vorstand der M&uuml;nchner SPD gew&auml;hlt wurde, hat Vogel erkennen lassen, dass er f&uuml;r die Zeit nach 1972 andere Pl&auml;ne hatte, als erneut zum Oberb&uuml;rgermeister zu kandidieren: 1970 f&uuml;hrte er die bayerische SPD mit dem Slogan &bdquo;Bayern braucht Dr. Vogel&ldquo; in den Landtagswahlkampf und 1971 f&uuml;hrte er mit den Vorst&auml;nden der M&uuml;nchner Partei und der Stadtratsfraktion einvernehmliche Gespr&auml;che &uuml;ber seinen Gang in die Bundespolitik, seine Nachfolge als OB und &uuml;ber die Grundz&uuml;ge eines Wahlprogramms.<\/p><p>Zur Krise mit den Linken kam es aus zwei Gr&uuml;nden: Die M&uuml;nchner Jusos verabschiedeten ein eigenes Kommunalwahlprogramm, das Vogel als Angriff auf seine bisherige Stadtpolitik ansah und deshalb personelle Forderungen zur Listenaufstellung f&uuml;r die Stadtratskandidaten stellte, welche die Kontinuit&auml;t seiner Politik sicherstellen sollten. Der Vorstand lehnte es jedoch ab, den zur Aufstellung der Kandidatenliste befugten Parteitag in dieser Weise zu pr&auml;judizieren. <\/p><p>Einen zweiten Grund schuf die schriftliche Auskunft der Regierung von Oberbayern, dass der amtierende Oberb&uuml;rgermeister bei einem freiwilligen Verzicht auf eine erneute Kandidatur nach &bdquo;nur&ldquo; 12 Jahren Amtszeit noch keine Pensionsberechtigung erworben h&auml;tte. Folglich musste der Konflikt mit allen Mitteln eskaliert werden und besonders hilfreich dabei war die M&uuml;nchner Presse. <\/p><p>Es kam zu einer ebenso dramatischen wie verlogenen Posse: Vogel erkl&auml;rte seine Bereitschaft zu einer erneuten OB-Kandidatur, &bdquo;um seine Partei in M&uuml;nchen zu retten&ldquo;, und kritisierte sie gleichzeitig in einer Weise, dass er damit rechnen konnte, als Kandidat abgelehnt zu werden. Als diese Spekulation nicht aufging, weil ihn der Vorstand umgehend vorschlug und keine Gegenkandidatur in Sicht war, lie&szlig; sich Vogel vom amtierenden Stadtrat per Beschluss bescheinigen, dass ihm eine Kandidatur f&uuml;r die M&uuml;nchner SPD in derem jetzigen Zustand nicht zuzumuten sei. <\/p><p>Wehner war in Bonn nicht der Einzige, der dieses Spiel durchschaut hatte, aber er allein hielt mit seinem Urteil nicht hinter dem Berg und begr&uuml;&szlig;te Vogel als das &bdquo;wei&szlig;-blaue Arschloch&ldquo; aus M&uuml;nchen. Sympathien f&uuml;r die M&uuml;nchner &bdquo;Dogmatiker&ldquo;, wie Heribert Prantl in seinem Nachruf in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 27. Juli schreibt, spielten dabei nicht die geringste Rolle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese W&uuml;rdigung ist zweigeteilt. Sie wird von Albrecht M&uuml;ller eingef&uuml;hrt und von Hans Bleibinhaus fortgef&uuml;hrt. 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