{"id":63468,"date":"2020-07-31T10:16:14","date_gmt":"2020-07-31T08:16:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63468"},"modified":"2020-08-14T09:11:32","modified_gmt":"2020-08-14T07:11:32","slug":"der-mensch-lebt-nicht-vom-brot-allein-und-auch-nicht-um-gesund-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63468","title":{"rendered":"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und auch nicht, um \u201egesund\u201c zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Gerade Kinder, &Auml;ltere und Menschen mit Behinderungen wurden durch die Covid-19-Regelungen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hart getroffen. Der Paternalismus, mit dem die Corona-Ma&szlig;nahmen bis heute als alternativlos verkauft werden, irritiert. Eine Antwort auf die Kritiker der Kritiker der Hygienema&szlig;nahmen. Von <strong>Sandra Reuse<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6271\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-63468-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=63468-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200803-Der-Mensch-lebt-nicht-vom-Brot-allein-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Frau W. war 94 Jahre alt und Alzheimer-Patientin. Sie lebte in einer Pflegeeinrichtung der Diakonie bei G&ouml;ttingen und wurde regelm&auml;&szlig;ig von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen besucht, u.a. von Frau G., &uuml;ber deren Besuch sie sich immer sehr freute. Seit dem Beginn der Corona-Krise aber durfte Frau G., wie alle anderen externen Pflegekr&auml;fte der Einrichtung, nicht mehr zu ihr. &bdquo;Was habe ich falsch gemacht? Sagt mir bitte, was ich falsch gemacht habe!?&ldquo; soll Frau W. immer wieder klagend gerufen haben. Auch ihre Kinder durften sie nicht mehr besuchen.<\/p><p>Nach sechs Wochen starb sie.<\/p><p>Herr C. (48) geht seit Juni wegen einer Depression in eine psychosomatische Tagesklinik. In der Zeit des Lockdowns, die er im Homeoffice verbrachte, stellte er fest, dass er immer trauriger wurde. Neben der fehlenden Ablenkung durch einen ohnehin wenig erf&uuml;llenden Job sieht er als Hauptgrund daf&uuml;r den Verlust der famili&auml;ren Beziehung zu seinen S&ouml;hnen (10 und 14 J.), die er seit der Trennung von seiner Frau im Wechselmodell betreute. &bdquo;Normalerweise kamen sie an zwei Tagen in der Woche nach der Schule zu mir und wir sind zusammen zum Fussballplatz gegangen. Aber nach dem Shutdown waren sie immer seltener da und wenn, dann haben sie auf dem Sofa gesessen und auf ihre Handys geschaut&ldquo;. <\/p><p>Frau M. (33) infizierte sich im M&auml;rz mit Covid-19. Sie arbeitete und lebte in einem Yoga-Zentrum und musste, weil es nur zwei Sammeltermine f&uuml;r Testungen gab, insgesamt vier Wochen in ihrem Zimmer verbringen. W&auml;hrend sie die Infektion selbst von den &auml;u&szlig;eren Anzeichen her gut &uuml;berstand, entwickelte sie in der Zeit der Isolation eine Ess-St&ouml;rung und wartet derzeit auf einen station&auml;ren Therapieplatz. <\/p><p>Hier soll es nicht um eine Berechnung des Kollateralschadens gehen, der im Gesundheitswesen durch die Ma&szlig;nahmen gegen das Coronavirus entstanden ist. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt auch noch gar nicht m&ouml;glich. Hier soll es auch nicht um virologische Fehleinsch&auml;tzungen gehen, wie etwa die Vermutung, dass Kinder das Virus stark verbreiten &ndash; das Gegenteil scheint der Fall, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/schulen-kinder-sachsen-corona-normalbetrieb-1.4965841\">wie etwa die &bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo; schreibt<\/a>. <\/p><p>Hier soll es um die Regeln zur Pandemieeind&auml;mmung und ihre Auswirkungen auf die Seele der Menschen gehen. Und um die Frage: Musste man es genau so machen, ging es einfach nicht anders? W&auml;ren, bei gleichem Kenntnisstand &uuml;ber das Virus, unter den gleichen Grundannahmen &uuml;ber seine Verbreitung, nicht auch andere Ma&szlig;nahmen denkbar und machbar gewesen? <\/p><p><strong>Musste so gehandelt werden? Ein Gedankenspiel<\/strong><\/p><p>Dazu das folgende Gedankenspiel: Wir blenden alles aus, was zwischenzeitlich &uuml;ber das Virus erforscht und berichtet wurde. Wir akzeptieren die zu Beginn der Lockdown-Ma&szlig;nahmen getroffene Grundannahme, alle Menschen seien f&uuml;reinander gleich ansteckend hinsichtlich Covid-19 (wogegen bereits im Februar Hinweise aus Studien sprachen). Wir akzeptieren ebenfalls die daraus resultierende Einsch&auml;tzung, jeder stattfindende Sozialkontakt steigere in gleichem Ma&szlig;e das Pandemierisiko f&uuml;r die Gesamtbev&ouml;lkerung. Auch dann stellt sich die Frage, ob sich daraus unter Hinzuziehung ethischer Gesichtspunkte zwingend die Ma&szlig;nahmen ergeben mussten, die w&auml;hrend des Lockdowns wirksam waren und die teilweise bis heute gelten.<\/p><p>H&auml;tte nicht dennoch eine Abw&auml;gung stattfinden k&ouml;nnen, stattfinden m&uuml;ssen, die das menschliche Bed&uuml;rfnis nach sozialem Austausch mit Verwandten, Freunden und guten Bekannten, nach menschlicher Unterst&uuml;tzung, N&auml;he und Ber&uuml;hrung ber&uuml;cksichtigt? Ja vielleicht sogar nach gemeinschaftlichen Bet&auml;tigungen, die mit Abstand m&ouml;glich sind, damit nicht zwangsl&auml;ufig s&auml;mtliche kulturellen, sportlichen und auch politischen Aktivit&auml;ten au&szlig;erhalb von Online-Treffen zum Erliegen kommen? <\/p><p>So stellt sich beispielsweise die Frage, warum Hochrisikogruppen (oder die, die man von Anfang an daf&uuml;r hielt, n&auml;mlich insbesondere &auml;ltere Menschen) w&auml;hrend des gesamten Lockdowns selbst zum Einkaufen gehen und dabei mit einer unbestimmten Anzahl von Menschen in Kontakt treten durften, Gro&szlig;eltern jedoch ihre Enkel nicht sehen sollten. (Virologe und Regierungsberater Christian Drosten am 12. M&auml;rz 2020: Kinder sollten &bdquo;bis September, Oktober nicht mehr zu Oma und Opa&ldquo;). H&auml;tten zu diesen Vorgaben nicht ernsthafte Alternativen bestanden, die deutlich humaner, sozialer und sogar wirtschaftlich produktiver gewesen w&auml;ren? Denn schlie&szlig;lich sind Gro&szlig;eltern ja auch wichtige Unterst&uuml;tzer bei der Kinderbetreuung f&uuml;r erwerbst&auml;tige Eltern &ndash;  erst recht w&auml;ren sie es in der Zeit der Kita- und Schulschlie&szlig;ungen gewesen. Studien zufolge hatten insbesondere Eltern und hier wiederum vor allem M&uuml;tter finanzielle Einbu&szlig;en, weil sie mit den Kindern zu Hause entweder gar nicht oder nur reduziert arbeiten konnten (was auch ohne wissenschaftliche Analysen h&auml;tte klar sein m&uuml;ssen, schlie&szlig;lich wurde das Recht auf Kinderbetreuung 2013 vor allem zur Steigerung der Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt eingef&uuml;hrt). H&auml;tte man also &auml;ltere Menschen nicht vor die Wahl stellen k&ouml;nnen, entweder ihr riskiert zuf&auml;llige Kontakte beim Einkaufen oder ihr seht eure Enkel oder andere Personen, die euch wichtig sind? <\/p><p><strong>Vieles wurde nicht einmal diskutiert<\/strong><\/p><p>Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge leben in Deutschland rund 17 Millionen Menschen allein, davon rund 4,7 Millionen &uuml;ber 65 und eine weitere Millionen &uuml;ber 85 Jahre. Also fast sechs Millionen Menschen, die zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil nicht mehr arbeiten, die zu Hause niemanden gef&auml;hrden, aber m&ouml;glicherweise auf fremde Hilfe, Strukturen und Ablenkung angewiesen sind, um &uuml;ber den Tag zu kommen. Die vielleicht nur noch ein paar Jahre, eventuell sogar nur noch ein paar Monate zu leben haben. F&uuml;r diese Menschen standen in den ersten Wochen des Lockdowns nicht einmal B&auml;nke zur Verf&uuml;gung, um sich auszuruhen, wenn sie Besorgungen machten. Oder einfach nur vor die T&uuml;r gingen, um nicht verr&uuml;ckt zu werden. Wie human ist es eigentlich, einem allein lebenden &auml;lteren Menschen zu sagen: Bleib zu Hause, damit Du gesund bleibst, und zwar m&ouml;glichst allein!? <\/p><p>Sicherlich h&auml;tten mehr &Auml;ltere auf den Gang in den Lebensmittelmarkt verzichtet, wenn sie eine andere &bdquo;Aufgabe&ldquo; gehabt h&auml;tten. Das Problem mit der materiellen Versorgung h&auml;tte sich leicht durch Bring-Services oder, weniger anonym, durch von der Gemeinde unterst&uuml;tzte Einkaufsgemeinschaften l&ouml;sen lassen. Schlie&szlig;lich wei&szlig; man sp&auml;testens seit der Zeit der Fl&uuml;chtlingskrise, wie effektiv und schnell sich Freiwilligeninitiativen hierzulande organisieren k&ouml;nnen. Und die Enkel hatten ab Ende M&auml;rz bereits zwei Wochen Isolation in der elterlichen Wohnung hinter sich, w&auml;ren also im Zweifelsfall nicht mehr ansteckend gewesen f&uuml;r Oma und Opa. Nat&uuml;rlich w&auml;re auch ein viel gezielterer Einsatz von Tests m&ouml;glich gewesen, um Besuche bei Risikogruppen &ndash; z.B. zu Ostern oder anl&auml;sslich von Geburtstagen oder auch Trauerfeiern &ndash; abzusichern. Doch all das wurde &uuml;berhaupt nicht diskutiert, und zwar weder politisch noch in der medialen Debatte. <\/p><p><strong>Einkaufen erlaubt, soziale Beziehungen verboten<\/strong><\/p><p>Doch der Konsumgang blieb den &Auml;lteren erlaubt, die Pflege menschlicher Beziehungen wurde sanktioniert. Und das &uuml;ber eine sehr lange Zeit. Nicht selten gab es deswegen auch Streit und Tr&auml;nen in den Familien. Mit dem Ziel, Senioren vor dem Virus zu sch&uuml;tzen, wurden diese &uuml;ber Wochen, teilweise Monate ferngehalten von ihren Angeh&ouml;rigen und Freunden, wurden ihnen liebe Gewohnheiten wie der Gang ins Kaffeehaus, ins Kino, Theater oder auch ins Schwimmbad genommen &ndash; und auch der sonnt&auml;gliche Gottesdienst durfte nicht stattfinden, obwohl doch fast nirgends die Kirchen au&szlig;erhalb von Weihnachten voll sind. <\/p><p>Wer in Senioren- oder Pflegeheimen wohnte, war wohl oft noch schlechter dran: Besuche wurden fast &uuml;berall stark limitiert, externe Pflegekr&auml;fte ausgeschlossen, Bewohner daran gehindert, nach drau&szlig;en zu gehen. Ein &Uuml;berblick &uuml;ber die &ndash; vermutlich nicht selten grundrechtswidrigen Beschr&auml;nkungen &ndash; fehlt bislang. Mit Fassungslosigkeit liest man Berichte, dass sogar Sterbenden die L&auml;nge des Verwandtenbesuches vorgeschrieben wurde. Wer um Himmels willen wird besser dadurch gesch&uuml;tzt, dass die (erwachsenen) Kinder einer Sterbenden nur nacheinander und stundenweise bei ihr sein d&uuml;rfen? <\/p><p><strong>Fl&uuml;ge gestattet, Verwandtenbesuch eingeschr&auml;nkt <\/strong><\/p><p>Dieselbe Form von Risikokalkulation, wenn auch mit nicht ganz mit so bedr&uuml;ckenden Folgen, findet sich in allen Lebensbereichen wieder. Schauen wir auf die Gruppe der j&uuml;ngeren Erwachsenen, die mehrheitlich berufst&auml;tig ist  und daher Arbeitswege zu bew&auml;ltigen hatte. Auch hier dasselbe Muster: Zuf&auml;llige Begegnungen mit unbekannten Menschen in Bus und Bahn, auf engstem Raum, zum Beispiel im Schienenersatzverkehr, wurden nicht verhindert, aber das gemeinsame Mittagessen, das Feierabendbier oder die Teambesprechung mit KollegInnen durften nicht sein, aufgrund r&auml;umlicher Beschr&auml;nkungen in den Betrieben und weil Kantine und Kneipe geschlossen hatten. <\/p><p>SupermarktkassiererInnen war es erlaubt, den ganzen Tag wildfremde Menschen zu bedienen (&uuml;brigens lange Zeit, ohne dass Maskentragen Pflicht war), aber nicht, nach Feierabend ins Fitnessstudio zu gehen. Reisende aus dem Ausland, die am Flughafen Tegel ankamen, konnten sich noch Wochen nach Beginn des Lockdown ohne Test und Quarant&auml;nevorgaben nach Hause begeben &ndash; oder in den Supermarkt. Berliner hingegen durften zu Ostern nicht zum Verwandtenbesuch nach Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern.<\/p><p>Die Coronama&szlig;nahmen in der Zeit des ersten Lockdown (und ihre Auslegung durch Gesundheits-, Ordnungs- und Schul&auml;mter) zeichneten sich aus durch eine eine vollkommene Unterbewertung bis Ausblendung der Rolle, die soziale Beziehungen, eine abwechslungsreiche Tagesstruktur und k&ouml;rperliche Bet&auml;tigung f&uuml;r das Wohlbefinden spielen. <\/p><p><strong>Besonders rigide gegen die J&uuml;ngsten<\/strong><\/p><p>Dies gilt nat&uuml;rlich auch und insbesondere f&uuml;r die J&uuml;ngsten: Dass Lehrer nicht ohne weiteres durch Avatare bzw. Algorithmen  ersetzbar sind, haben mittlerweile wohl selbst die gr&ouml;&szlig;ten Apologeten der digitalen Bildung gemerkt &ndash; kein Sch&uuml;ler kann sich auf Dauer selbst motivieren. Untersch&auml;tzt wurde aber auch die soziale Rolle der Mitsch&uuml;ler, die f&uuml;r viele Kinder ein Grund sind, gerne in die Schule zu gehen. Doch in der virologischen Fehlannahme, Kinder seien sehr ansteckend, wurden diese besonders rigide und mitleidslos von ihren sozialen Beziehungen ferngehalten. Schule, Kita, Spielplatz, Sport, Musikschule und Chor, Zeltlager, Besuch bei Oma und Opa, alles zu, verboten und als gemeingef&auml;hrlich deklariert. <\/p><p>Und w&auml;hrend alle anderen Gesellschaftsbereiche schon wieder auf locker machten, konnten Kinder nur in komplett durchregulierte und mit Absperrungen versehene Betreuungs- und Bildungszonen zur&uuml;ckkehren: Schulklassen wurden halbiert oder gedrittelt, Freunde und Freundinnen durften sich nach wochenlanger Trennung nicht umarmen, Kitakinder nicht in ihre alten Gruppen zur&uuml;ck: Sie mussten mit den Kindern zusammensein, mit denen sie zeitgleich in die Notbetreuung zur&uuml;ckkehrten. Freundschaften, gemeinsame Wege, gemeinsame Interessen, gemeinsame Freizeitaktivit&auml;ten, nichts spielte f&uuml;r die Sortierung der Kinder in den Bildungseinrichtungen eine Rolle. <\/p><p>Kinder und Jugendliche wurden und werden noch mindestens bis zum Ende der Sommerferien von ihren Sportgruppen, Orchestern und auf unbestimmte Zeit von ihren Ch&ouml;ren ferngehalten, sie d&uuml;rfen im Sommer nicht in die Ferienfreizeit und im Herbst nicht auf Klassenfahrt &ndash; besonders bitter trifft es die 10. und die 12. Klassen, die f&uuml;r dieses Jahr ihre Abschlussfahrten geplant haben. <\/p><p>Die Zwischenergebnisse einer <a href=\"https:\/\/www.uke.de\/kliniken-institute\/kliniken\/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik\/forschung\/arbeitsgruppen\/child-public-health\/forschung\/copsy-studie.html\">aktuell noch laufenden Studie<\/a> zeigen, was jeder Erwachsene, der Kinder in der Zeit des Lockdowns beobachtet hat, kommen sehen konnte: Die Kinder waren &uuml;berm&auml;&szlig;ig stark durch den Lockdown belastet, zeigten h&auml;ufiger psychische Auff&auml;lligkeiten als vor der Krise und berichteten von psychosomatischen Beschwerden wie Gereiztheit, Kopf- oder Bauchschmerzen sowie Schlafst&ouml;rungen. Auch wenn die Autoren der Studie das bislang nicht so deutlich benennen: Es wird die Folge des Frontalangriffs auf die sozialen Beziehungen der Kinder gewesen sein, die das ausgel&ouml;st hat &ndash; gepaart mit der &Ouml;de wochenlangen Hausarrests<\/p><p><strong>Konsequent gegen Sport und Kultur, locker gegen&uuml;ber Partys<\/strong><\/p><p>Die Altersgruppe wiederum, die am ehesten dazu tendiert, neue Bekanntschaften zu schlie&szlig;en, Party zu machen und sich dabei auch k&ouml;rperlich nahe zu kommen, Jugendliche und junge Erwachsene, wurde auch im Lockdown am wenigsten effektiv davon abgehalten: Da es f&uuml;r sie tags&uuml;ber kaum Bet&auml;tigungsm&ouml;glichkeiten gab &ndash; die Schule zwang keinen zum Fr&uuml;haufstehen, Sportpl&auml;tze waren geschlossen, s&auml;mtliche Freizeiteinrichtungen zu &ndash; verschob sich f&uuml;r viele von ihnen das Aktivit&auml;tenspektrum zunehmend auf die Nacht. Gemeinsames Trinken im dunklen Park, Autorennen  oder per Tinder verabredete Treffen wurden jedenfalls weniger effektiv verhindert als das Skatengehen, Basketballspielen oder die Probe mit der Band. <\/p><p>Nach der nunmehr erfolgten Lockerung hat sich In den Gro&szlig;st&auml;dten das Nachtleben aus den Clubs auf die Stra&szlig;e, in die Parks oder auf gro&szlig;e Pl&auml;tze verlegt. Hier stehen nun viel gr&ouml;&szlig;ere Menschenmengen zusammen als beim fr&uuml;heren &bdquo;Innenbetrieb&ldquo;. Doch es ist ein um die kulturelle Komponente reduziertes Nachtleben, denn Auftritte von Bands, Theater, Kabarett, ja selbst professionelle DJ-Sets d&uuml;rfen nicht sein. Fast alle Festivals fallen dieses Jahr aus, f&uuml;r Musikfans jeden Alters ein gro&szlig;er Verlust, vor allem aber f&uuml;r junge Leute und f&uuml;r diejenigen, die vom Kultursektor leben wollen, k&ouml;nnen oder m&uuml;ssen. So manche Existenz, die bewusst auf den Austausch mit dem Publikum aufbaute, wird derzeit zunichte gemacht. Es ist eine Lockerung, die inhaltsleeres Zusammenstehen Tausender mit Alkohol- und Drogenkonsum zul&auml;sst und gleichzeitig kulturelle Veranstaltungen aller Art weiter untersagt. <\/p><p><strong>Paternalismus und &bdquo;Alternativlosigkeit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Fazit: Sowohl die Lockdown-Regeln als auch die Lockerungs&uuml;bungen haben, ohne dass das beabsichtigt war, oberfl&auml;chliche Sozialkontakte und den Virenaustausch innerhalb gro&szlig;er, einander unbekannter Menschenmengen gegen&uuml;ber der Pflege regelm&auml;&szlig;iger Beziehungen in kleineren Gruppen bevorteilt. <\/p><p>Im Ergebnis entstand dadurch, auch weil zutiefst menschliche Bed&uuml;rfnisse nach Austausch, Struktur und Gemeinschaftserlebnissen keine Ber&uuml;cksichtigung fanden, ein m&ouml;glicherweise sogar gr&ouml;&szlig;eres Verbreitungsrisiko f&uuml;r das Virus als bei sozialethisch differenzierteren Ma&szlig;nahmen. <\/p><p>Die extrem reduzierten M&ouml;glichkeiten, gemeinsam mit anderen zu spielen, zu lernen, zu arbeiten, Sport zu machen oder Kultur zu erleben, haben Menschen in allen Altersgruppen traurig gemacht, vielleicht sogar psychische Beeintr&auml;chtigungen hinterlassen.<\/p><p>Der Paternalismus, mit dem die Corona-Ma&szlig;nahmen bis heute als alternativlos verkauft und alle diejenigen, die Kritik daran &uuml;ben, in einen Topf mit uneinsichtigen, unsolidarischen und undemokratischen &bdquo;Corona-Leugnern&ldquo; geworfen werden, irritiert. Um es vorsichtig auszudr&uuml;cken. Gerade Kinder, &Auml;ltere und Menschen mit Behinderungen wurden durch die Covid-19-Regelungen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hart getroffen, und das noch dazu &uuml;ber einen viel l&auml;ngeren Zeitraum als der Rest der Bev&ouml;lkerung. Letztlich waren vor allem diejenigen besonders benachteiligt, die ein besonderes Bed&uuml;rfnis nach N&auml;he haben und\/oder auf Schutz oder Unterst&uuml;tzung durch andere angewiesen sind. <\/p><p>F&uuml;r den Herbst und f&uuml;r die weitere politisch-gesellschaftliche Debatte ist zu hoffen, dass auch diese Perspektive Wahrnehmung findet. <\/p><p>Titelbild: Sharomka \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade Kinder, &Auml;ltere und Menschen mit Behinderungen wurden durch die Covid-19-Regelungen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hart getroffen. Der Paternalismus, mit dem die Corona-Ma&szlig;nahmen bis heute als alternativlos verkauft werden, irritiert. Eine Antwort auf die Kritiker der Kritiker der Hygienema&szlig;nahmen. Von <strong>Sandra Reuse<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":63469,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,149,165,161],"tags":[2469,1183,2857,2834],"class_list":["post-63468","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-epidemie","tag-exklusion","tag-lockdown","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/shutterstock_1711251241.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63468"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63546,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63468\/revisions\/63546"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/63469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}