{"id":63618,"date":"2020-08-06T08:42:24","date_gmt":"2020-08-06T06:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63618"},"modified":"2020-08-07T12:14:18","modified_gmt":"2020-08-07T10:14:18","slug":"regen-der-zerstoerung-aus-der-luft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63618","title":{"rendered":"\u201eRegen der Zerst\u00f6rung aus der Luft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>75 Jahre nach dem Abwurf zweier Atombomben &uuml;ber den japanischen St&auml;dten Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 wird vor allem in den USA noch immer heftig dar&uuml;ber gestritten, ob deren Einsatz &bdquo;notwendig und gerechtfertigt&ldquo; war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6421\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-63618-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=63618-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200806-Regen-der-Zerstoerung-aus-der-Luft-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Durch einen grellen Lichtblitz, der den Himmel zerteilte, und einen Donnerschlag, der die Grundfesten der Erde ersch&uuml;tterte, wurde Hiroshima in einem einzigen Augenblick dem Erdboden gleichgemacht. Wo einst eine ganze Stadt gestanden hatte, stieg eine riesige Feuers&auml;ule gradlinig zum Himmel auf. Eine dichte Rauchwolke t&uuml;rmte sich auf und verdunkelte den Himmel. Darunter versank die Erde in tiefe Finsternis. &Uuml;berall lagen Tote und Verwundete auf dem Boden, aufeinandergeh&auml;uft. Dieses Blutbad glich einer H&ouml;llenszene. Rundum brachen Feuer aus, bald herrschte eine einzige riesige Feuersbrunst, die von Augenblick zu Augenblick heftiger wurde. Da starker Sturm herrschte, begannen sich halbnackte und splitternackte K&ouml;rper zu bewegen, dunkel gefleckt und blut&uuml;berstr&ouml;mt. Zu Gruppen zusammengeschlossen wankten sie, wie die Geister der Verstorbenen, davon, um in wirrer Flucht dem Inferno zu entgehen. (&hellip;) Sie glichen Gespenstern. Sich nur mit M&uuml;he auf den Beinen haltend, wankten sie in langen Reihen dahin, um dem Feuertod zu entkommen.&ldquo;<br>\n<small>Aus: Hiroshima-Nagasaki no Genbaku Saigai (Dokumentation der Atombombensch&auml;den in Hiroshima und Nagasaki), Tokyo, 1979: Iwanami Shoten<\/small>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese apokalyptischen Szenen wurden in den japanischen St&auml;dten Hiroshima und Nagasaki grausame Wirklichkeit, als &uuml;ber ihnen Flugzeuge der US-Luftwaffe am 6. und 9. August 1945 zwei Bomben mit verheerender Wirkung gez&uuml;ndet hatten. In einer am 6. August in Washington ver&ouml;ffentlichten Erkl&auml;rung beschrieb US-Pr&auml;sident Harry S. Truman die in Hiroshima explodierte Bombe und erkl&auml;rte die &bdquo;Notwendigkeit&ldquo; ihres Einsatzes mit folgenden Worten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Sprengkraft dieser Bombe betrug mehr als 20.000 Tonnen TNT. Ihr Explosionsdruck war zweitausendmal so gro&szlig; wie der der britischen Bombe &bdquo;Grand Slam&ldquo; (&bdquo;Erdbebenbombe&ldquo; &ndash; RW), der gr&ouml;&szlig;ten Bombe, die in der Geschichte der Kriegf&uuml;hrung bislang eingesetzt wurde. (&hellip;) Jetzt sind wir bereit, jedes oberirdische Produktionsunternehmen der Japaner in jeder Stadt schneller und vollst&auml;ndiger zu vernichten. (&hellip;) Wenn sie (die japanische Regierung &ndash; RW) unsere Bedingungen jetzt nicht akzeptiert, darf sie mit einem Regen der Zerst&ouml;rung aus der Luft rechnen, wie ihn die Erde bislang nicht erlebt hat.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser &bdquo;Regen der Zerst&ouml;rung&ldquo; kostete bis heute &ndash; auf Grund von Sp&auml;tfolgen des atomaren Infernos &ndash; weit &uuml;ber 400.000 Menschen das Leben. Dass etwa 20 Prozent der Atombombenopfer Hiroshimas und Nagasakis Koreaner waren und die Kaiserlich Japanische Armee im Zuge ihrer Kriegsf&uuml;hrung in S&uuml;dost- und Ostasien sowie im Pazifik auf eine Gro&szlig;zahl zwangsrekrutierter Arbeiter, euphemistisch sogenannter &bdquo;Trostfrauen&ldquo; (sprich: gewaltsam in japanische Milit&auml;rbordelle verschleppte M&auml;dchen und Frauen) und Soldaten aus Korea zur&uuml;ckgegriffen hatte, verweist auf Koreas leidvolle (Vor-)Kriegsgeschichte.<\/p><p>Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels begann erst reichlich zwei Jahrzehnte nach Kriegsende und ein &bdquo;Bew&auml;ltigen der Vergangenheit&ldquo; steht noch immer aus. Beim allj&auml;hrlichen Gedenken an die ersten Atombombenopfer bleibt das Schicksal der Koreaner weitgehend ausgeklammert. W&auml;hrend die Opferrolle Japans bei den Gedenkfeiern im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit steht, wird Japans historische T&auml;terrolle in seinen Nachbarl&auml;ndern China und Korea geflissentlich verdr&auml;ngt. Und in den USA selbst bewegt sich die Art des Erinnerns und Gedenkens zwischen den beiden extremen Polen der Bef&uuml;rwortung des Atombombeneinsatzes und seiner strikten Ablehnung.<\/p><p>Vor f&uuml;nf Jahren &ndash; Ende Juli 2015 &ndash; erschien in Deutschland das Buch &bdquo;<em>Nagasaki: Der Mythos der entscheidenden Bombe<\/em>&ldquo; und kurz darauf, am 3. August 2015, strahlte das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) die Dokumentation &bdquo;<em>Nagasaki &ndash; Warum fiel die zweite Bombe?<\/em>&ldquo; aus. In beiden F&auml;llen ging es dem Autor und damaligen Sonderkorrespondenten des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Klaus Scherer, um die zentrale Frage, warum ausgerechnet nach Hiroshima am 9. August 1945 auf die japanische Hafenstadt Nagasaki eine zweite Atombombe abgeworfen wurde. Scherer begr&uuml;ndete dies in einem Interview mit dem Deutschlandfunk mit dem Hinweis:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mindestens die Nagasaki-Bombe war ein Feldtest, ein Menschenversuch sozusagen, wenn nicht beide Bomben unn&ouml;tig waren. (&hellip;) Es gab zwei, weil es zwei Rohstoffe daf&uuml;r gab, Uran und Plutonium, deswegen sollten auch beide fallen &ndash; aber n&ouml;tig waren sie nicht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;Gigantisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit&ldquo;<\/strong><\/p><p>In seiner Fernsehdokumentation betonte Scherer: <em>&bdquo;Es gibt Historiker &ndash; diejenigen, die wir befragt haben, allemal &ndash; die in Amerika auch ver&ouml;ffentlichen und sehr an der These r&uuml;tteln.&ldquo;<\/em> Die These, von der hier die Rede ist, betrifft die seit Jahren tremoloartig wiederholte Behauptung, der Abwurf beider Bomben sei aus zweierlei Gr&uuml;nden gerechtfertigt gewesen: Auf diese Weise sei das Leben Abertausender amerikanischer Soldaten gerettet und schlie&szlig;lich der Krieg und damit verbundenes weiteres Leid abgek&uuml;rzt worden.<\/p><p>L&ouml;blich war es allemal, dass zumindest sieben Dekaden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nunmehr auch im deutschsprachigen Raum &ouml;ffentlich an einer solchen These ger&uuml;ttelt wurde. Was dem hiesigen Publikum seitdem neu erscheinen mochte, ist in den USA selbst ein seit bereits etlichen Jahren h&ouml;chst kontrovers diskutiertes Thema, das freilich in den dortigen sogenannten Mainstream- oder Leitmedien zun&auml;chst verschwiegen und heute eher gemieden, bagatellisiert oder verbogen wird <em>(s. vor allem Mitchell)<\/em>.<\/p><p>Noch vor f&uuml;nf Jahren konstatierte das renommierte Meinungsforschungsinstitut <em>Pew Research Center<\/em>, dass 56 Prozent aller Amerikaner den Einsatz der Bomben aus oben genannten Gr&uuml;nden f&uuml;r rechtens hielten. Dabei lohnt sich allemal die intensive Besch&auml;ftigung mit den allein bis dato ver&ouml;ffentlichten Schriften solch namhafter Publizisten, Historiker und Mediziner wie &ndash; um nur einige zu nennen &ndash; Greg Mitchell, Barton J. Bernstein, Anthony Gregory, Ralph Raico, Dennis D. Wainstock, Sheldon Richman, David R. Henderson, Gar Alperovitz, Charles W. Johnson, Howard Zinn und Gary G. Kohls. Was diese Autoren eint, ist die Erkenntnis, dass der Einsatz beider Bomben in Japan ethisch-moralisch zutiefst verwerflich, milit&auml;risch v&ouml;llig unsinnig und letztlich ein gigantisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gar ein Akt von Staatsterrorismus war.<\/p><p><strong>Hollywoodisierung der Politik &ndash; Politisierung von Hollywood<\/strong><\/p><p>Leo Szilard, einer der am <em>Manhattan-Projekt<\/em> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] ma&szlig;geblich beteiligten Physiker und Molekularbiologen, schrieb 1960, vier Jahre vor seinem Tod: &bdquo;H&auml;tten Deutsche anstelle von Amerikanern Atombomben &uuml;ber St&auml;dten abgeworfen, h&auml;tten wir das als Kriegsverbrechen eingestuft und die Schuldigen zum Tode durch den Strang verurteilt, so wie es in N&uuml;rnberg geschah.&ldquo; Eindr&uuml;cklich hatte Szilard bereits am 3. Juli 1945 eine Petition verfasst, die zum st&auml;rksten (praktisch einzigen) wirklichen Versuch werden sollte, den Marsch von Pr&auml;sident Truman zum Einsatz der Atombombe gegen japanische St&auml;dte zu stoppen! Darin bezeichnete er Atombomben als &bdquo;ein Mittel zur r&uuml;cksichtslosen Vernichtung von St&auml;dten&ldquo; und bat den Pr&auml;sidenten, &bdquo;anzuordnen, dass die Vereinigten Staaten in der gegenw&auml;rtigen Phase des Krieges nicht zum Einsatz von Atombomben greifen sollen&ldquo;. Dutzende seiner Kollegen vom Manhattan-Projekt unterzeichneten.<\/p><p>Bevor Szilard diese Petition einen Tag sp&auml;ter (am 4. Juli 1945) einem gr&ouml;&szlig;eren Adressatenkreis zug&auml;nglich machen wollte, entfesselte General Leslie Groves, milit&auml;rischer Chef und Gesamtdirektor des Manhattan-Projekts, eine Kampagne zur Bek&auml;mpfung Szilards &ndash; einschlie&szlig;lich strenger FBI-&Uuml;berwachung &ndash; und zu seiner Entfernung aus dem Bombenprojekt. Groves sorgte auch daf&uuml;r, dass die Petition nie auf Trumans Schreibtisch landete. Jedenfalls wurde nie etwas dagegen unternommen. Daf&uuml;r, dass er an der Herstellung der Bombe beteiligt war und es dann vers&auml;umte, ihren Einsatz gegen Menschen zu stoppen, w&auml;hnte sich der aufgew&uuml;hlte Szilard sp&auml;ter selbst als &bdquo;Kriegsverbrecher&rdquo;.<\/p><p>Greg Mitchell, Autor zahlreicher B&uuml;cher zu diesem Themenkomplex und einer der renommiertesten Kritiker der offiziellen US-Version bez&uuml;glich des Einsatzes der Atombomben, merkte &uuml;ber den prinzipientreuen Szilard in seiner soeben erschienenen j&uuml;ngsten Publikation an, dass diesem auch und gerade &uuml;bel mitgespielt wurde in dem MGM-Film <em>The Beginning or the End<\/em> aus dem Jahre 1947. Urspr&uuml;nglich sollte dieser Film eine kritische Nachbetrachtung und Dokumentation der Auswirkungen der Atombombeneins&auml;tze sein. Heraus kam genau das Gegenteil! Ein Skandal reihte sich da an den n&auml;chsten, wobei es letztlich, so die j&uuml;ngsten Forschungsergebnisse Mitchells, General Groves und Pr&auml;sident Truman (mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung seines damaligen Pressesprechers Charlie Griffith Ross) gelang, die Produzenten und Regisseure derma&szlig;en zu &bdquo;pazifizieren&ldquo;, dass aus dem urspr&uuml;nglich vor dem Bau von mehr und gr&ouml;&szlig;eren Bomben warnenden Streifen eine Propagandashow in Bombenstimmung wurde.<\/p><p>Den Filmemachern gelang es, anf&auml;nglich auch von Szilard die Erlaubnis erhalten zu haben, in dem Film dargestellt zu werden. Aber sie vers&auml;umten es, seine Petition oder seinen Widerstand gegen den Einsatz der Bomben durch Truman auch nur zu erw&auml;hnen! (<em>s. Mitchell 2020b<\/em>) Was den Atomwissenschaftler nach dem Kinostart des Films in den USA im Fr&uuml;hjahr 1947 zu der harschen Bemerkung veranlasste: &bdquo;Wenn wir schon mit der Entwicklung der Bombe eine S&uuml;nde begingen, so war das Anschauen dieses Films eine gro&szlig;e Bestrafung.&ldquo;<\/p><p><strong>T&ouml;dliche &bdquo;Spielzeuge&ldquo;<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Zerst&ouml;rung von Hiroshima und Nagasaki&rdquo;, konstatierte der Historiker Ralph Raico, &bdquo;war ein Kriegsverbrechen &ndash; schlimmer als solche, f&uuml;r die japanische Gener&auml;le in Tokio und Manila hingerichtet wurden. Wenn (US-Pr&auml;sident &ndash; <em>RW<\/em>) Harry S. Truman kein Kriegsverbrecher war, dann hat es nie einen solchen gegeben.&ldquo; Mehr noch: Truman hatte &uuml;berdies ungeniert gelogen, als er das erste Angriffsziel Hiroshima als eine &bdquo;Milit&auml;rbasis&ldquo; bezeichnete, die Bombe indes w&auml;hrend des morgendlichen Hauptverkehrs unmittelbar &uuml;ber dem Stadtzentrum detonierte. Diese Ansicht vertrat mit Admiral William D. Leahy ein Mann, der Trumans Stabschef war und innerhalb des Milit&auml;rs eine Position innehatte, die erst sp&auml;ter mit dem Posten des Chefs des Vereinigten Generalstabs geschaffen wurde. Leahy sah in Truman nicht nur einen Kriegsverbrecher, sondern einen Massenm&ouml;rder und L&uuml;gner.<\/p><p>Selbst hochrangige US-Milit&auml;rs wie die Gener&auml;le Dwight D. Eisenhower, Douglas MacArthur und Carl Spaatz sowie neben Leahy die Admir&auml;le Chester W. Nimitz und William Halsey Jr. beklagten, dass der Einsatz der Bomben milit&auml;risch und strategisch ebenso wenig n&ouml;tig wie moralisch gerechtfertigt war. Sie wiesen darauf hin, dass Japan bereits am Boden lag, seine Luftwaffe ausgeschaltet war und ohnehin kurz vor der Kapitulation stand. Admiral Halsey sprach in diesem Zusammenhang zynisch von &bdquo;einem Fehler, &hellip; (die Wissenschaftler) hatten dieses Spielzeug und wollten es auch testen, deshalb lie&szlig;en sie es fallen.&rdquo;<\/p><p>Selbst der sp&auml;ter im Vietnamkrieg als &bdquo;Superfalke&ldquo; bekannt gewordene Generalmajor Curtis LeMay, Chef des 21. Bomberkommandos, erkl&auml;rte einen Monat nach den Bombenabw&uuml;rfen &ouml;ffentlich, dass die Atombombe &uuml;berhaupt nichts mit dem Kriegsende zu tun hatte. Von ausschlaggebender Bedeutung war vielmehr Stalins Aufk&uuml;ndigung des zwischen Moskau und Tokio im Fr&uuml;hjahr 1941 ausgehandelten Neutralit&auml;tspakts und seine Kriegserkl&auml;rung an Japan am 8. August 1945. Die amerikanischen Nachrichtendienste hatten zuvor die japanischen Codes geknackt und wussten sehr genau, dass Japan die UdSSR um diplomatisch-politische Hilfe ersucht hatte, um ein Kriegsende herbeizuf&uuml;hren, wobei das Kaiserhaus unbedingt unangetastet bleiben sollte.<\/p><p><strong>Manifester Rassismus<\/strong><\/p><p>Als die wohl z&auml;hlebigste Rechtfertigung f&uuml;r den Abwurf der Bomben &uuml;ber Hiroshima und Nagasaki erwies sich das fabrizierte Argument, diese h&auml;tten entscheidend dazu beigetragen, das Leben von 500.000 bis zu einer Million Amerikanern zu retten. Mit so vielen eigenen Toten rechnete man in Washington, w&auml;re es n&ouml;tig gewesen, erst auf die S&uuml;dinsel Kyushu im Dezember 1945 und sodann im Folgejahr auf die Hauptinsel Honshu einzumarschieren. (Diese abstruse Lebens- und Todesarithmetik war durchtr&auml;nkt von offenem Rassismus, was sich noch mehr in den beiden folgenden Kriegen in Korea und Vietnam &auml;u&szlig;ern sollte, wo &bdquo;die Asiaten&ldquo; lediglich als &bdquo;gooks&ldquo; &ndash; soviel wie &bdquo;hinterlistige Schlitzaugen&ldquo; &ndash; wahrgenommen wurden!) Doch diese immens aufgebl&auml;hten Zahlen (schlimmstenfalls kursierte unter Milit&auml;rstrategen die Zahl von 46.000 toten GIs) mussten immer wieder dazu herhalten, den Atombombeneinsatz zu rechtfertigen. Solche Zahlen tauch(t)en in High-School- und College-Textb&uuml;chern ebenso h&auml;ufig auf wie unter unbelehrbaren Kommentatoren. Noch 1991 sprach US-Pr&auml;sident George H. W. Bush &ouml;ffentlich davon, die Atombomben h&auml;tten &bdquo;Millionen amerikanischer Leben verschont&ldquo;.<\/p><p>W&auml;hrend der damalige US-Au&szlig;enminister James Byrnes den Einsatz der Bomben als politisch-diplomatische und zugleich milit&auml;rische &bdquo;Rute&ldquo; betrachtete, die Sowjetunion in der Nachkriegs&auml;ra zu &bdquo;z&uuml;chtigen&ldquo;, scheuten Zensoren im Wei&szlig;en Haus nicht davor zur&uuml;ck, den erw&auml;hnten Hollywood-Film <em>The Beginning or the End<\/em> nach ihrem Gusto umzumodeln. So wie Argusaugen in den Medien und in den Zollbeh&ouml;rden dar&uuml;ber wachten, dass ihnen nicht genehme Beitr&auml;ge und B&uuml;cher rechtzeitig und buchst&auml;blich versenkt wurden.<\/p><p>Davon konnte vor allem der Australier Wilfred G. Burchett, einer der herausragendsten investigativen Journalisten in der zweiten H&auml;lfte des vergangenen Jahrhunderts, ein Lied singen. Ihm war als erstem westlichen Reporter die Fahrt nach Hiroshima gelungen, wo er &uuml;ber die bis dato unbekannte Strahlenverseuchung berichtete. In den US-Mainstreammedien konnte er das nicht ver&ouml;ffentlichen. Als das US-Milit&auml;r dann im Koreakrieg (1950-53) fl&auml;chendeckend Napalm einsetzte, Staud&auml;mme zum Bersten brachte und mit Dauerbombardements die Zivilbev&ouml;lkerung unter Beschuss nahm, ver&ouml;ffentlichte er im heimischen Melbourne sein Buch &bdquo;Dieser monstr&ouml;se Krieg&ldquo;. Das f&uuml;r die USA bestimmte Buchkontingent (500 Exemplare) wurde vom dortigen Zoll subito beschlagnahmt und im Meer versenkt. <\/p><p>Titelbild: Universal History Archive<\/p><p><strong>Quellen &amp; Literaturhinweise<\/strong><\/p><ul>\n<li>Gar Alperovitz (1995): <em>The Decision to Use the Atomic Bomb and the Architecture of an American Myth.<\/em> New York<\/li>\n<li>Barton J. Bernstein (1986): <em>A Post-War Myth: 500,000 U.S. Lives Saved<\/em>, in: Bulletin of the Atomic Scientists 42, no. 6 (June&ndash;July): S. 38&ndash;40<\/li>\n<li>Ders. (1995): <em>Understanding the Atomic Bomb and the Japanese Surrender: Missed Opportunities, Little-Known Near Disasters, and Modern Memory<\/em>, in: Diplomatic History 19, Nr. 2 (Spring)<\/li>\n<li>Wilfred G. Burchett (1953): <em>This Monstrous War<\/em>. Melbourne<\/li>\n<li>J.F.C. Fuller (1948): <em>The Second World War, 1939&ndash;45: A Strategical and Tactical History<\/em>. London &ndash; Fuller, der gleicherma&szlig;en die Bombardierung deutscher St&auml;dte kritisiert hatte, charakterisierte die Attacken gegen Hiroshima und Nagasaki als einen &bdquo;Kriegstyp, der Tamerlane besch&auml;mt h&auml;tte&ldquo;.<\/li>\n<li>John Hersey (1946): <em>A Reporter at Large &ndash; Hiroshima<\/em>, in: The New Yorker, August 31 &ndash; <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/1946\/08\/31\">newyorker.com\/magazine\/1946\/08\/31<\/a> (Dieser erste Augenzeugenbericht w&uuml;hlte seinerzeit die Gem&uuml;ter einer gr&ouml;&szlig;eren Leserschaft in den USA auf und vermittelte in den Printmedien ein erstes umfassendes Bild des Grauens.)<\/li>\n<li>William D. Leahy (1950): <em>I Was There<\/em>. New York<\/li>\n<li>Greg Mitchell (2020a): <em>The Truth about Hiroshima and Nagasaki. What Chris Wallace didn&rsquo;t tell you on the Fox News special adapted from his new bestseller<\/em> &ndash; <a href=\"https:\/\/www.commondreams.org\/views\/2020\/06\/10\/truth-about-hiroshima-and-nagasaki\">commondreams.org\/views\/2020\/06\/10\/truth-about-hiroshima-and-nagasaki <\/a><\/li>\n<li>Ders. (2020b): <em>The Beginning or the End: How Hollywood &ndash; and America &ndash; Learned to Stop Worrying and Love the Bomb<\/em>. New York<\/li>\n<li>Ralph Raico (2001): Harry S. Truman: Advancing the Revolution, in: John V. Denson (ed.): <em>Reassessing the Presidency: The Rise of the Executive State and the Decline of Freedom<\/em>. Auburn<\/li>\n<li>Ronald Schaffer (1985): <em>Wings of Judgment: American Bombing in World War II<\/em>. New York<\/li>\n<li>Martin J. Sherwin (1977): <em>A World Destroyed: The Atomic Bomb and the Grand Alliance<\/em>. New York<\/li>\n<li>Dennis D. Wainstock (1996): <em>The Decision to Drop the Atomic Bomb.<\/em> Westport<\/li>\n<li>Howard Zinn (2010): <em>Hiroshima: Breaking the Silence. With an introduction by Yuki Tanaka<\/em>. Tokyo &ndash; <a href=\"https:\/\/apjjf.org\/-Howard-Zinn--Yuki-Tanaka\/3375\/article.pdf\">apjjf.org\/-Howard-Zinn&ndash;Yuki-Tanaka\/3375\/article.pdf<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Das Manhattan-Projekt war ein unter h&ouml;chster Geheimhaltung betriebenes milit&auml;risches Forschungsvorhaben, in dem ab 1942 alle T&auml;tigkeiten der USA w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs zur Entwicklung und zum Bau einer Atombombe unter der milit&auml;rischen Leitung von General Leslie R. Groves ausgef&uuml;hrt wurden, w&auml;hrend die Forschungsarbeiten unter der Leitung des Physikers J. Robert Oppenheimer stattfanden.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/c52ce03343df419db2026e69f765d20c\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>75 Jahre nach dem Abwurf zweier Atombomben &uuml;ber den japanischen St&auml;dten Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 wird vor allem in den USA noch immer heftig dar&uuml;ber gestritten, ob deren Einsatz &bdquo;notwendig und gerechtfertigt&ldquo; war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":63619,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,171,11],"tags":[1519,2368,1497,1611,304,1556,966,2360],"class_list":["post-63618","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-atomwaffen","tag-hollywood","tag-japan","tag-kriegsluegen","tag-kriegsverbrechen","tag-usa","tag-weltkrieg","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/200806_Hiro.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63618"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63664,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63618\/revisions\/63664"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/63619"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}