{"id":63623,"date":"2020-08-06T10:00:24","date_gmt":"2020-08-06T08:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63623"},"modified":"2020-08-06T15:09:25","modified_gmt":"2020-08-06T13:09:25","slug":"es-naht-ein-weiteres-hiroshima-es-sei-denn-wir-halten-es-jetzt-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63623","title":{"rendered":"Es naht ein weiteres Hiroshima \u2013 es sei denn, wir halten es jetzt auf"},"content":{"rendered":"<p>Die Atombombenabw&uuml;rfe von Hiroshima und Nagasaki sind f&uuml;r die meisten Menschen hier und heute weit weg, Geschichten aus einer anderen Zeit und vom anderen Ende der Welt. Der australische Journalist und Dokumentarfilmer&nbsp;<strong><a href=\"http:\/\/johnpilger.com\/articles\/another-hiroshima-is-coming-unless-we-stop-it-now\">John Pilger<\/a><\/strong>, einer der profiliertesten englisch-sprachigen Journalisten, wandelt seit Jahrzehnten entlang der Schneise der Verw&uuml;stung, die die Milit&auml;rgro&szlig;macht Amerika weltweit geschlagen hat. Und er hat viele Indizien gefunden, die beklemmend deutlich machen: Atomare Szenarien sind f&uuml;r Milit&auml;rstrategen und f&uuml;hrende politische K&ouml;pfe in den Vereinigten Staaten auch heute noch denkbar &ndash; ja sogar planbar. Im Fokus US-amerikanischer Aggressionen steht, nicht erst seit Trump, China. Wann immer es um China geht, ist das mediale Begleitfeuer entsprechend giftig und diffamierend. Das h&auml;lt Pilger f&uuml;r brandgef&auml;hrlich. &Uuml;bersetzung von <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Es naht ein weiteres Hiroshima &ndash; es sei denn, wir halten es jetzt auf<\/strong><br>\n<strong>Von John Pilger<\/strong><\/p><p>Als ich 1967 das erste Mal nach Hiroshima kam, war der Schatten auf den Stufen noch da. Ein nahezu vollkommener Abdruck eines entspannten Menschen: die Beine gespreizt, der R&uuml;cken gebeugt, eine Hand neben sich, w&auml;hrend sie dasa&szlig; und darauf wartete, dass eine Bank &ouml;ffnete.&nbsp;<\/p><p>Um viertel nach acht Uhr am Morgen des 6. August 1945 wurden sie und ihre Silhouette in den Granit gebrannt. &nbsp;<\/p><p>Ich starrte den Schatten eine Stunde oder l&auml;nger an, dann ging ich runter an den Fluss, wo die &Uuml;berlebenden noch immer in Baracken lebten.<\/p><p>Ich traf einen Mann namens Yukio, in dessen Brust das Muster des Hemdes ge&auml;tzt war, das er trug, als die Atombombe abgeworfen wurde.<\/p><p>Er beschrieb einen riesigen Blitz &uuml;ber der Stadt, &bdquo;ein bl&auml;uliches Licht, wie ein Kurzschluss&rdquo;, danach kam ein Wind auf, der wie ein Wirbelsturm dahinfegte, und es fiel schwarzer Regen. &bdquo;Ich wurde zu Boden geworfen und bemerkte, dass von meinen Blumen nur noch die Stiele &uuml;brig waren. Alles war ganz still, und als ich aufstand, begegneten mir nackte Menschen, die kein Wort sagten. Manche von ihnen hatten keine Haut, keine Haare. Ich war &uuml;berzeugt davon, tot zu sein.&rdquo;<\/p><p>Neun Jahre sp&auml;ter kehrte ich zur&uuml;ck, um ihn zu suchen, da war er bereits an Leuk&auml;mie verstorben.&nbsp;<\/p><p>&bdquo;Keine Radioaktivit&auml;t in den Ruinen von Hiroshima&rdquo;, schrieb die&nbsp;<em>New York Times<\/em>&nbsp;am 13. September 1945 auf ihrer Titelseite, eine klassische Desinformation. &bdquo;General Farrell&rdquo;, berichtete William H. Lawrence, &bdquo;bestritt kategorisch, dass [die Atombombe] gef&auml;hrliche, langanhaltende Radioaktivit&auml;t verbreitete.&rdquo;<\/p><p>Nur ein Reporter, Wilfred Burchett, ein Australier, hatte direkt nach dem Abwurf der Atombombe die gef&auml;hrliche Reise nach Hiroshima unternommen. Er schlug die Anweisungen der alliierten Besatzer in den Wind, die die &bdquo;Pressemeute&rdquo; kontrollierten.<\/p><p>&bdquo;Meine Worte sollen der Welt eine Warnung sein&rdquo;, schrieb Burchett im Londoner&nbsp;<em>Daily Express<\/em>&nbsp;am 5. September 1945. Er sa&szlig; in den Tr&uuml;mmern mit seiner Hermes-Reiseschreibmaschine und beschrieb die Krankenstationen, die voller Menschen waren, die keine sichtbaren Verletzungen aufwiesen und an etwas starben, was er &bdquo;atomare Pest&rdquo; nannte.&nbsp;&nbsp;<\/p><p>F&uuml;r diese Beschreibung wurde ihm die Presseakkreditierung entzogen, er wurde angeprangert und verleumdet.&nbsp;Sein Zeugnis der Wahrheit wurde ihm nie verziehen.<\/p><p>Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war ein Akt vors&auml;tzlichen Massenmords. Eine durch und durch verbrecherische Waffe wurde auf die Menschheit losgelassen. Der Abwurf wurde durch L&uuml;gen gerechtfertigt, welche die Grundlage von Amerikas Kriegspropaganda im 21. Jahrhundert bilden, die Rolle eines neuen Feindes und eines neuen Angriffsziels wurde China zugewiesen.<\/p><p>In den 75 Jahren seit Hiroshima lautet die best&auml;ndigste L&uuml;ge, dass die Atombombe abgeworfen wurde, um den Krieg im Pazifik zu beenden und Leben zu retten.<\/p><p>&bdquo;Selbst ohne die Atombomben-Angriffe&rdquo;, so lautete die Schlussfolgerung der United-States-Strategic-Bombing-Untersuchung von 1946, &bdquo;h&auml;tte die Luft&uuml;berlegenheit gegen&uuml;ber Japan genug Druck auf die japanische F&uuml;hrung ausge&uuml;bt, um die bedingungslose Kapitulation herbeizuf&uuml;hren und einen Einmarsch &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen. Auf der Grundlage einer detaillierten Untersuchung aller Fakten und mit der Unterst&uuml;tzung der japanischen Befehlshaber, die &uuml;berlebt haben, kommt das Gutachten zu dem Schluss&hellip; dass Japan sich ergeben h&auml;tte, selbst wenn man die Atombomben nicht abgeworfen h&auml;tte, selbst wenn Russland nicht in den Krieg [gegen Japan] eingetreten w&auml;re und selbst, wenn man keinen Einmarsch geplant oder erwogen h&auml;tte.&rdquo;<\/p><p>Das Nationalarchiv in Washington enth&auml;lt dokumentierte japanische Friedensofferten bereits aus dem Jahr 1943. Keine davon wurde weiterverfolgt. Eine Depesche, die der deutsche Botschafter in Tokio am 5. Mai 1945 verschickt hatte und die die USA abgefangen hatten, machte deutlich, dass die Japaner verzweifelt um Frieden nachsuchten, sie waren bereit &bdquo;zur Kapitulation, selbst zu harten Bedingungen&rdquo;.&nbsp;Nichts erfolgte daraus.&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Der US-Kriegsminister Henry Stimson teilte Pr&auml;sident Truman mit, er sei &bdquo;besorgt&rdquo;, dass die US Air Force Japan so in Grund und Boden bombardiere, dass die neue Waffe &bdquo;ihre St&auml;rke nicht zeigen&rdquo; k&ouml;nne. Stimson r&auml;umte sp&auml;ter ein, dass &bdquo;keine Anstrengung unternommen wurde oder auch nur ernsthaft erwogen wurde, die Kapitulation zu erreichen, um die [Atom-] Bombe nicht einsetzen zu m&uuml;ssen.&rdquo;<\/p><p>Stimsons Au&szlig;enpolitik-Kollegen &ndash; die bereits an die Nachkriegs&auml;ra dachten, die sie &bdquo;nach unserem Bilde&rdquo; gestalten wollten, wie es der Kalte-Krieg-Stratege George Kennan bekanntlich formulierte &ndash; machten deutlich, dass sie erpicht darauf waren, &bdquo;die Russen mit der [Atom-] Bombe einzusch&uuml;chtern, die wir recht ostentativ wie einen Revolver an der H&uuml;fte zur Schau trugen&rdquo;. General Leslie Groves, der Direktor des Manhattan Project, das die Atombombe baute, bezeugte: &bdquo;Mir f&uuml;r meinen Teil war immer klar, dass Russland unser Feind war und dass das Projekt auf dieser Grundlage durchgef&uuml;hrt wurde.&rdquo;&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Am Tag nach der Vernichtung Hiroshimas zeigte sich Pr&auml;sident Harry Truman zufrieden mit dem &bdquo;&uuml;berw&auml;ltigenden Erfolg&rdquo; des &bdquo;Experiments&rdquo;.<\/p><p>Das &bdquo;Experiment&rdquo; wurde noch lange fortgesetzt, nachdem der Krieg zu Ende war. Zwischen 1946 und 1958 lie&szlig;en die Vereinigten Staaten 67 Nuklearbomben auf den Marshall-Inseln im Pazifik explodieren: Das entsprach mehr als einem Hiroshima am Tag f&uuml;r die Dauer von zw&ouml;lf Jahren.<\/p><p>Die Folgen f&uuml;r Mensch und Umwelt waren katastrophal. Als ich meinen Dokumentarfilm <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ot-acn1whrc\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">&bdquo;The Coming War on China&rdquo;<\/a> drehte, mietete ich ein kleines Flugzeug und flog zum Bikini-Atoll auf den Marshall-Inseln. Hier hatten die Vereinigten Staaten die erste Wasserstoffbombe der Welt gez&uuml;ndet. Noch heute ist das Land vergiftet. Mein Geigerz&auml;hler stufte meine Schuhe als &bdquo;unsicher&rdquo; ein. Die Palmen sahen aus wie nicht von dieser Welt. Es gab keine V&ouml;gel.<\/p><p>Ich durchquerte den Dschungel und ging zum Betonbunker, in dem man am Morgen des 1. M&auml;rz 1954 um 6:45 Uhr auf den Knopf dr&uuml;ckte. Die Sonne, die aufgegangen war, ging noch einmal auf und vaporisierte eine ganze Insel in der Lagune und hinterlie&szlig; ein riesiges schwarzes Loch &ndash; ein bedrohliches Schauspiel aus der Luft: ein t&ouml;dliches Nichts an einem wundersch&ouml;nen Ort.<\/p><p>Der radioaktive Niederschlag breitete sich rasch und &bdquo;unvorhersehbar&rdquo; aus. Laut offizieller Lesart &bdquo;drehte der Wind pl&ouml;tzlich&rdquo;. Das war die erste von vielen L&uuml;gen, wie freigegebene Dokumente und Zeugenaussagen der Opfer zeigen.<\/p><p>Gene Curbow, dem als Meteorologen die Aufgabe zufiel, das Testgel&auml;nde zu &uuml;berwachen, sagte: &bdquo;Sie wussten, wo sich der radioaktive Niederschlag verteilen w&uuml;rde. Noch am Tag der Z&uuml;ndung h&auml;tten sie die M&ouml;glichkeit gehabt, Menschen zu evakuieren, aber sie haben sie nicht evakuiert; ich wurde nicht evakuiert&hellip; Die Vereinigten Staaten brauchten ein paar Versuchskaninchen, um an ihnen zu beobachten, wie sich die Strahlung auswirken w&uuml;rde.&rdquo;<\/p><p>Wie bei Hiroshima war das Geheimnis der Marshall-Inseln ein kalkuliertes Experiment mit dem Leben vieler Menschen. Das war das Projekt 4.1. Es begann als wissenschaftliche Studie an M&auml;usen und wurde zum Experiment an &bdquo;Menschen, die man der Strahlung einer Atomwaffe aussetzte&rdquo;.<\/p><p>Die Bewohner der Marshall-Inseln, die ich 2015 kennenlernte, litten &ndash; wie schon die &Uuml;berlebenden von Hiroshima, die ich in den 1960ern und 70ern interviewte &ndash; an einer Reihe von Krebsarten, f&uuml;r gew&ouml;hnlich an Schilddr&uuml;senkrebs; tausende von ihnen waren bereits gestorben. Fehl- und Totgeburten waren an der Tagesordnung; die Babys, die &uuml;berlebten, waren oft schrecklich missgebildet.<\/p><p>Anders als das Bikini-Atoll wurde das naheliegende Rongelap-Atoll w&auml;hrend des Wasserstoffbombentests nicht evakuiert. Rongelap befindet sich direkt in Windrichtung des Bikini-Atolls. Der Himmel &uuml;ber Rongelap verdunkelte sich und es fielen Schneeflocken, zumindest hatte es zun&auml;chst den Anschein, es w&auml;ren Schneeflocken. Nahrungsmittel und Wasser wurden kontaminiert; und die Bev&ouml;lkerung fiel dem Krebs zum Opfer.&nbsp;Das ist bis heute der Fall.<\/p><p>Ich lernte Nerje Joseph kennen, die mir ein Foto von sich als Kind in Rongelap zeigte. Sie hatte schlimme Verbrennungen im Gesicht, ihr fehlten b&uuml;schelweise Haare. &bdquo;Wir badeten an diesem Tag an der Quelle, als die Bombe explodierte&rdquo;, sagte sie. &bdquo;Da fiel wei&szlig;er Staub vom Himmel. Ich streckte meine H&auml;nde aus, um das Pulver aufzufangen. Wir haben es als Seife benutzt, um damit unsere Haare zu waschen. Ein paar Tage sp&auml;ter begann mein Haar auszufallen.&rdquo;<\/p><p>Lemoyo Abon sagte: &bdquo;Einige von uns erlitten grauenvolle Qualen. Andere hatten Durchfall. Wir hatten furchtbare Angst. Wir dachten, die Welt geht unter.&rdquo;<\/p><p>Im Archivmaterial, das ich in meinem Film verwendete, ist von den Inselbewohnern als &bdquo;gehorsame Wilde&rdquo; die Rede. Nach der Explosion sieht man, wie ein Sprecher der US Atomic Energy Agency prahlt, dass Rongelap &bdquo;der am heftigsten verstrahlte Ort der Welt ist&rdquo;. Er setzt hinzu: &bdquo;Das wird spannend, einen Begriff davon zu bekommen, wie viel Menschen von der Radioaktivit&auml;t aufnehmen, wenn sie in einer verseuchten Umwelt leben.&rdquo;<\/p><p>US-Wissenschaftler, darunter auch &Auml;rzte, haben mithilfe der Untersuchung der &bdquo;Aufnahme durch Menschen&rdquo; eine gl&auml;nzende Karriere gemacht. Man sieht sie auf Zelluloid gebannt, in ihren wei&szlig;en M&auml;nteln, wie sie aufmerksam auf ihre Klemmbretter schauen. Starb ein Inselbewohner noch als Teenager, erhielt seine Familie eine Beileidskarte des Wissenschaftlers, der ihn erforschte.<\/p><p>Ich habe von f&uuml;nf atomaren &bdquo;Ground Zeros&rdquo; auf der ganzen Welt berichtet &ndash; in Japan, auf den Marshall-Inseln, in Nevada, Polynesien und Maralinga in Australien. Mehr noch als meine Erfahrung als Kriegskorrespondent hat mir das die Augen f&uuml;r die R&uuml;cksichtslosigkeit und Immoralit&auml;t gro&szlig;er Macht ge&ouml;ffnet; das hei&szlig;t,&nbsp;<em>imperialer<\/em>&nbsp;Macht, deren Zynismus der wahre Feind der Menschheit ist.<\/p><p>Das wurde mir eindr&uuml;cklich klar, als ich am Taranaki Ground Zero von Maralinga in der australischen W&uuml;ste drehte. In einem tellerartigen Krater stand ein Obelisk, in den eingraviert stand: &bdquo;Ein britischer Atomwaffentest wurde hier am 9. Oktober 1957 durchgef&uuml;hrt&rdquo;. Am Rande des Kraters befand sich ein Schild:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Warnung: Gefahr durch Strahlung &ndash; einige hundert Meter rund um diesen Punkt k&ouml;nnte die Strahlung h&ouml;her sein als f&uuml;r einen dauerhaften Aufenthalt als sicher erachtet wird&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So weit das Auge blicken konnte und dar&uuml;ber hinaus war der Boden verstrahlt. Rohes Plutonium lag herum, verstreut wie Talkumpuder: Plutonium ist so gef&auml;hrlich f&uuml;r Menschen, dass ein Drittel eines Milligramms die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, um 50 Prozent erh&ouml;ht.<\/p><p>Die einzigen Menschen, die das Schild gesehen haben k&ouml;nnten, waren die australischen Ureinwohner, f&uuml;r die man keine Warnung aufgestellt hatte. Laut einem offiziellen Bericht konnten sie von Gl&uuml;ck sagen, wenn man &bdquo;sie wie Kaninchen verscheuchte&rdquo;.<\/p><p>Heute verscheucht uns ein nie dagewesener Propagandafeldzug wie die Kaninchen. Es ist nicht erw&uuml;nscht, dass wir die t&auml;gliche Flut anti-chinesischer Rhetorik hinterfragen, die dabei ist, die Flut anti-russischer Rhetorik noch zu toppen. Alles Chinesische ist schlecht, ein Fluch, eine Bedrohung: Wuhan&hellip; Huawei. Sehr verwirrend, wenn &bdquo;unser&rdquo; am meisten verunglimpfter Chef das sagt.<\/p><p>Die aktuelle Phase dieser Kampagne begann aber nicht mit Trump, sondern mit Barack Obama, der 2011 nach Australien flog, um die gr&ouml;&szlig;te Konzentration US-amerikanischer Marine-Truppen in der asiatisch-pazifischen Region seit dem Zweiten Weltkrieg zu verk&uuml;nden. Pl&ouml;tzlich stellte China eine &bdquo;Bedrohung&rdquo; dar. Nat&uuml;rlich war das Unsinn. Bedroht war vielmehr Amerikas von niemandem infrage gestellte psychopathische Selbstwahrnehmung als reichste, erfolgreichste und &bdquo;unverzichtbarste&rdquo; Nation.<\/p><p>V&ouml;llig unbestritten war Amerikas Tyrannei &ndash; mehr als 30 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen erleiden gegenw&auml;rtig Sanktionen irgendeiner Art und eine Blutspur zieht sich durch wehrlose L&auml;nder, die bombardiert wurden, in deren Wahlen man sich einmischte, deren Ressourcen man pl&uuml;nderte.<\/p><p>Obamas Erkl&auml;rung wurde bekannt als &bdquo;Hinwendung nach Asien&rdquo;. Eine, die sich daf&uuml;r besonders stark machte, war seine Au&szlig;enministerin Hillary Clinton, die, wie WikiLeaks enth&uuml;llte, den Pazifischen Ozean in &bdquo;das Amerikanische Meer&rdquo; umbenennen wollte.<\/p><p>W&auml;hrend Clinton nie einen Hehl aus ihrer Kriegstreiberei machte, war Obama ein Meister in Sachen Marketing. &bdquo;Ich erkl&auml;re klar und deutlich und voller &Uuml;berzeugung&rdquo;, so der neu gew&auml;hlte Pr&auml;sident 2009, &bdquo;dass Amerika sich f&uuml;r Frieden und Sicherheit in einer Welt ohne Atomwaffen einsetzt.&rdquo;<\/p><p>Obama erh&ouml;hte die Ausgaben f&uuml;r Atomsprengk&ouml;pfe schneller als jeder andere Pr&auml;sident nach dem Ende des Kalten Krieges. Es wurde eine &bdquo;einsetzbare&rdquo; Atomwaffe entwickelt. Sie ist bekannt als B61 Modell 12 und steht laut General James Cartwright, dem fr&uuml;heren Vizechef der Vereinigten Stabschefs, daf&uuml;r, dass &bdquo;durch das kleinere Format ein Einsatz eher vorstellbar ist&rdquo;.<\/p><p>Das Angriffsziel ist China. Heute schlie&szlig;en China mehr als 400 amerikanische Milit&auml;rbasen samt ihren Raketen, Bombern, Kriegsschiffen und Atomwaffen nahezu vollst&auml;ndig ein. Die Basen reichen von Australien nach Norden &uuml;ber den Pazifik, Richtung S&uuml;dostasien, Japan, Korea und &uuml;ber Eurasien bis nach Afghanistan und Indien und sie bilden, wie mir ein US-Stratege sagte, &bdquo;die perfekte Schlinge&rdquo;.&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Eine Studie der RAND Corporation &ndash; die seit Vietnam Amerikas Kriege plant &ndash; tr&auml;gt den Titel: &bdquo;Krieg mit China: Das Undenkbare durchdenken&rdquo;. Die Autoren evozieren in der von der US-Armee beauftragten Studie den ber&uuml;chtigten Slogan von Herman Kahn, dem Armee-Chefstrategen des Kalten Krieges: &bdquo;das Undenkbare denken&rdquo;. In seinem Buch &bdquo;&Uuml;ber den thermonuklearen Krieg&rdquo; arbeitete Kahn einen Plan f&uuml;r einen Atomkrieg aus, der sich &bdquo;gewinnen&rdquo; lasse.<\/p><p>Trumps Au&szlig;enminister Mike Pompeo teilt Kahns apokalyptische Sicht. Er ist ein evangelikaler Fanatiker, der an eine &bdquo;Entr&uuml;ckung am Ende&rdquo; glaubt. Er ist vielleicht der derzeit gef&auml;hrlichste Mann &uuml;berhaupt. &bdquo;Ich war CIA-Chef&rdquo;, prahlte er, &bdquo;Wir logen, betrogen, stahlen. Wir hatten quasi richtige Lehrg&auml;nge dazu.&rdquo; Pompeo ist von China besessen.&nbsp;<\/p><p>Das Endspiel in Pompeos Extremismus kommt in den anglo-amerikanischen Medien kaum zur Sprache. Hier sind die Mythen und L&uuml;gengeschichten &uuml;ber China das t&auml;glich Brot, genauso wie einst die L&uuml;gen &uuml;ber den Irak. Ein aggressiver Rassismus ist der Subtext dieser Propaganda. Die Chinesen, die &ndash; obwohl wei&szlig; &ndash; als &bdquo;gelb&rdquo; eingruppiert wurden, sind die einzige ethnische Gruppe, die mittels eines &bdquo;Ausschluss-Gesetzes&rdquo; daran gehindert wurden, in die Vereinigten Staaten einzureisen, weil sie Chinesen waren. Die Popul&auml;rkultur erkl&auml;rte sie f&uuml;r finster, unglaubw&uuml;rdig, &bdquo;verschlagen&rdquo;, verdorben, krankhaft, unmoralisch.<\/p><p>Die australische&nbsp;Zeitschrift&nbsp;&bdquo;<em>The Bulletin<\/em>&rdquo;&nbsp;hat sich der Verbreitung von Angst vor der &bdquo;gelben Gefahr&rdquo; verschrieben, als w&uuml;rde ganz Asien demn&auml;chst aufgrund der Schwerkraft auf die rein wei&szlig;e Kolonie herabfallen.<\/p><p>Wie der Historiker Martin Powers schreibt, w&auml;re es f&uuml;r Europa ein gef&auml;hrlicher Gesichtsverlust, Chinas Modernismus, seine s&auml;kulare Moralvorstellung und seine &bdquo;Beitr&auml;ge zum liberalen Denken anzuerkennen. Und so wurde es notwendig, Chinas Rolle in der Debatte &uuml;ber die Aufkl&auml;rung zu unterdr&uuml;cken. &hellip; Seit Jahrhunderten macht Chinas Bedrohung des Mythos von der &Uuml;berlegenheit des Westens das Land zur naheliegenden Zielscheibe rassistischer Hetze.&rdquo;<\/p><p>Im&nbsp;<em>Sydney Morning Herald<\/em>&nbsp;beschrieb der unerm&uuml;dliche China-Kritiker Peter Hartcher jene, die den chinesischen Einfluss in Australien verbreiteten, als &bdquo;Ratten, Fliegen, Moskitos und Sperlinge&rdquo;. Hartcher, der wohlwollend den amerikanischen Demagogen Steve Bannon zitiert, interpretiert gerne die &bdquo;Tr&auml;ume&rdquo; der aktuellen chinesischen Elite, die ihm offenbar vertraut sind. Sie sind von der Sehnsucht nach dem &bdquo;Mandat des Himmels&rdquo; von vor 2.000 Jahren inspiriert. So kann man das von ihm bis zum &Uuml;berdruss lesen.<\/p><p>Um dieses &bdquo;Mandat&rdquo; zu bek&auml;mpfen, hat die australische Regierung von Scott Morrison eines der sichersten L&auml;nder der Erde, dessen Haupthandelspartner China ist, amerikanischen Raketen im Wert von hunderten Milliarden Dollar &uuml;berantwortet, die auf China abgeschossen werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Das wirkt sich bereits erkennbar aus. In einem Land, das seit jeher von gewaltt&auml;tigem Rassismus gegen&uuml;ber Asiaten gezeichnet ist, haben Australier chinesischer Herkunft einen Wachtrupp zum Schutz von Lieferfahrern gegr&uuml;ndet. Smartphone-Videos zeigen beispielsweise einen Fahrer, dem ins Gesicht geschlagen wird, oder ein chinesisches Paar, das in einem Supermarkt rassistisch beschimpft wird. Zwischen April und Juni kam es zu fast 400 rassistischen Angriffen auf asiatische Australier.&nbsp;<\/p><p>&bdquo;Wir sind nicht euer Feind&rdquo;, sagte mir ein hochrangiger Stratege in China, &bdquo;doch wenn ihr [im Westen] beschlie&szlig;t, dass wir euer Feind sind, dann m&uuml;ssen wir uns unverz&uuml;glich wappnen.&rdquo; Chinas Waffenarsenal ist klein verglichen mit dem von Amerika, aber es w&auml;chst rasch, insbesondere die Entwicklung von maritimen Raketen, die der Zerst&ouml;rung von Schiffsflotten dienen sollen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p><p>&bdquo;Zum ersten Mal&rdquo;, schrieb Gregory Kulacki von der Union of Concerned Scientists (eine&nbsp;US-amerikanische Wissenschaftlervereinigung, die sich f&uuml;r Abr&uuml;stung und Umweltschutz einsetzt; Anmerkung der &Uuml;bersetzerin), &bdquo;diskutiert China dar&uuml;ber, ob es seine Atomraketen in h&ouml;chste Alarmbereitschaft versetzen soll, damit sie bei einer Warnung vor einem Angriff schnell abgefeuert werden k&ouml;nnen&hellip; Das w&auml;re eine bedeutsame und gef&auml;hrliche Wende der chinesischen Politik&hellip;&rdquo;<\/p><p>In Washington traf ich Amitai Etzioni, einen angesehenen Professor f&uuml;r Internationale Beziehungen an der George Washington University, der schrieb, es sei ein &bdquo;blendender Angriff auf China&rdquo; in Planung, mit Schl&auml;gen, die [die Chinesen] irrt&uuml;mlicherweise als Pr&auml;ventivangriffe zur Vernichtung ihrer Atomwaffen ansehen k&ouml;nnten, mithilfe dessen man sie in die Ecke treiben und vor ein furchtbares &bdquo;use-it-or-lose-it&rdquo;-Dilemma stellen w&uuml;rde, das zum Atomkrieg f&uuml;hren w&uuml;rde.&rdquo;<\/p><p>2019 hielten die USA ihre gr&ouml;&szlig;te milit&auml;rische Einzel&uuml;bung seit dem Kalten Krieg ab, gro&szlig;enteils unter strenger Geheimhaltung. Eine Armada von Schiffen und Langstreckenbombern probten ein &ldquo;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/AirSea_Battle\">Air-Sea Battle<\/a> Concept for China&rdquo; (etwa: Luft-Seegefechts-Konzept f&uuml;r China &ndash; sie blockierten Seewege auf der Stra&szlig;e von Malakka und schnitten Chinas Zugang zu &Ouml;l, Gas und anderen Rohstoffen aus dem Mittleren Osten und Afrika ab).<\/p><p>Weil China eine derartige Blockade f&uuml;rchtet, hat es sein Projekt der Neuen Seidenstra&szlig;e entlang der alten Seidenstra&szlig;e nach Europa entwickelt und unter Hochdruck Landebahnen an strategischen Punkten auf umstrittenen Riffs und Inselchen der Spratly-Inseln errichtet.<\/p><p>In Shanghai traf ich Lijia Zhang, eine Journalistin und Romanautorin aus Bejing, eine typische Vertreterin der neuen Querdenker, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Ihr Bestseller hat den ironischen Titel &ldquo;Der Sozialismus ist gro&szlig;artig!&rdquo;. Aufgewachsen w&auml;hrend der chaotischen, brutalen Kulturellen Revolution hat sie Amerika und Europa bereist und dort gelebt. &bdquo;Viele Amerikaner stellen sich vor&rdquo;, sagte sie, &ldquo;dass Chinesen ein elendes, unterdr&uuml;cktes Dasein ohne jegliche Freiheiten fristen. Die Vorstellung der gelben Gefahr ist bei ihnen nach wie vor lebendig&hellip; Sie haben keine Ahnung, dass rund 500 Millionen Menschen aus der Armut befreit werden, manche sagen, es sind sogar 600 Millionen.&rdquo;<\/p><p>Mit Absicht ignoriert oder verkennt der Westen die gewaltigen Errungenschaften des modernen China, sein &Uuml;berwinden der Massenarmut und den Stolz und die Zufriedenheit des chinesischen Volkes, die von amerikanischen Meinungsforschungsinstituten wie PEW akribisch vermessen werden. Das alleine ist ein Kommentar zum bedauerlichen Zustand des westlichen Journalismus, der davon abgekommen ist, aufrichtig zu berichten.<\/p><p>Wir d&uuml;rfen nahezu ausschlie&szlig;lich blo&szlig; die Fassade sehen, Chinas repressive dunkle Seite und das, was wir gerne seinen &bdquo;Autoritarismus&rdquo; nennen. Ganz so, als ob man uns unendliche Geschichten des b&ouml;sen Superschurken Dr. Fu Manchu eintrichtert. Es ist an der Zeit zu fragen, warum das so ist &ndash; ehe es zu sp&auml;t ist, das n&auml;chste Hiroshima aufzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Atombombenabw&uuml;rfe von Hiroshima und Nagasaki sind f&uuml;r die meisten Menschen hier und heute weit weg, Geschichten aus einer anderen Zeit und vom anderen Ende der Welt. 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