{"id":63676,"date":"2020-08-09T11:45:53","date_gmt":"2020-08-09T09:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63676"},"modified":"2020-08-10T07:24:54","modified_gmt":"2020-08-10T05:24:54","slug":"august-in-nagasaki-chronik-einer-reise-ins-atomare-inferno","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63676","title":{"rendered":"August in Nagasaki \u2013 Chronik einer Reise ins atomare Inferno"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Jahr verfolgt mich die Erinnerung. 6. August: Die Uranbombe fegt Hiroshima von der Landkarte. 9. August: Die Plutoniumbombe l&ouml;st Nagasaki im Flammenmeer auf. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7358\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-63676-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=63676-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200820-August-in-Nagasaki-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In einem kalten Monat Juli stie&szlig; ich vor mehreren Jahren in einem Caf&eacute; im s&uuml;dbrasilianischen Curitiba in einer Tageszeitung auf eine historische Nachricht: Charles (Chuck) W. Sweeney war gestorben. Sweeney war der Einsatzleiter der amerikanischen Bomber-Schwadron gewesen, die am 9. August 1945 &ndash; drei Tage nach dem Abwurf der &bdquo;Little-Boy&ldquo;-Atombombe &uuml;ber Hiroshima &ndash; die &bdquo;Fat-Man&ldquo;-Bombe &uuml;ber Nagasaki abwarf. Der damalige Luftwaffenmajor starb als geehrter General a.D. und sorgte als Urheber <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/archives\/la-xpm-2004-jul-19-me-sweeney19-story.html#:~:text=Charles%20W.,He%20was%2084\">eines denkw&uuml;rdigen Satzes<\/a> f&uuml;r einen Skandal. &bdquo;<em>Every life is precious. But I felt no remorse or guilt that I had bombed the city where I stood<\/em>&ldquo;, hatte der US-Soldat einst in Nagasaki erkl&auml;rt.<\/p><p>Erst mit nachtr&auml;glichen Recherchen begriff ich, dass diese zynische Schuld und Reuelosigkeit zugleich Motivation und Rechtfertigung der Regierung Harry Trumans (1945-1953) und einer Hand von Gener&auml;len f&uuml;r die atomare Vernichtung Japans bildeten. &Uuml;ber Jahrzehnte hinweg verteidigte der politisch-milit&auml;risch-mediale Komplex der USA die Atomschl&auml;ge <a href=\"https:\/\/www.nps.gov\/articles\/trumanatomicbomb.htm#:~:text=Truman%20did%20not%20seek%20to,over%20the%20city%20of%20Hiroshima.\">mit der Begr&uuml;ndung<\/a>, nur so seien unz&auml;hlige amerikanische Leben gerettet worden und &uuml;berhaupt ein Ende des Pazifikkrieges und damit des Zweiten Weltkriegs m&ouml;glich gewesen; ein Narrativ, das ebenso seit f&uuml;nfundsiebzig Jahren mit dem zeitgeschichtlichen Nachweis bestritten wird, dass Japan davor mit &uuml;ber 300.000 milit&auml;rischen und zivilen Todesopfern brutaler Lufteins&auml;tze l&auml;ngst besiegt am Boden lag. Vielmehr seien die Atomschl&auml;ge mit fragw&uuml;rdigen &bdquo;ethischen&ldquo; Argumenten verschleiert worden, die schreckliche menschliche Verluste verursachten und in den darauffolgenden Jahrzehnten ein nukleares Wettr&uuml;sten mit der Sowjetunion und in der Gegenwart mit Russland und China n&auml;hrten, gibt die National Archives Forschungsstelle in Washington <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/nuclear-vault\/2020-08-04\/atomic-bomb-end-world-war-ii\">zu bedenken<\/a>.<\/p><p><strong>Im Tunnel der Zeit<\/strong><\/p><p>Die Nachricht &uuml;ber Sweeneys Tod schubste mich unbewusst in die Vergangenheit. Zun&auml;chst in die ungeordnete Bilderwelt vom hochsommerlichen August 1986 in Hiroshima und Nagasaki.<\/p><p>An einem herrlichen Samstagmittag betrat ich in Begleitung von Professor Ichiro Moritaki &ndash; Physiker, Philosoph und mein Gastgeber von der japanischen Friedensbewegung Gensuikin &ndash; ein Restaurant mit atemberaubendem Ausblick auf das riesige Chinesische Meer. Nach Tokio, Hiroshima und vielen hundert Kilometern an Bord des Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszuges n&auml;herte sich mein zweiw&ouml;chiger Auftritt als Vortragsreisender auf der Insel Kyushu dem Ende.<\/p><p>Ich war als einziger Lateinamerikaner zu den j&auml;hrlichen Gedenkfeiern der Gensuikin eingeladen worden, die 1985 eine weltweite nukleare Abr&uuml;stung und auch den generellen Verzicht auf die sogenannte &bdquo;friedliche Nutzung&ldquo; der Kernenergie forderten. Und so referierte ich vor fassungslosen Japanern &uuml;ber bizarre Themen mit Science-Fiction-Appeal, wie ungestraft davongekommene Physiker Hitlers Anfang der 1950er Jahre heimlich die ersten Uran-Ultrazentrifugen f&uuml;r Brasilien bauten; eine Technologie, die mit wenigen Innovationen drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter von der zwischen 1964 und 1985 regierenden Milit&auml;rdiktatur zum Bau ihrer ersten Atombombe genutzt werden sollte und dennoch von der &bdquo;taub-blinden&ldquo; westdeutschen Regierung mit dem milliardenschweren Atomgesch&auml;ft von 1975 bedient wurde.<\/p><p><strong>Die Samurais, der Angelus Novus und die Ruinen<\/strong><\/p><p>Jetzt, auf jenem ins Meer vorgeschobenen Promontorium von Nagasaki, forderte uns jedoch das Protokoll mit geprobten Gesten orientalischer Etikette dazu auf, Platz zu nehmen und die K&ouml;stlichkeiten zu probieren, die uns am Tisch erwarteten. Meine Sinne schienen etwas bet&auml;ubt. Sie versuchten immer noch den Besuch der Hibakuscha &ndash; der seit vierzig Jahren an Leuk&auml;mie leidenden und verendenden Atombomben-&Uuml;berlebenden &ndash; im Krankenhaus von Hiroshima und des Gedenkmuseums zu verarbeiten, in dem zwar virtuell, aber ergreifend die H&ouml;lle vom 6. August 1945 mit einigen urspr&uuml;nglichen Ruinen dargestellt war, denen die sensibleren Besucher sehr wohl den bei&szlig;enden Geruch von Rauch, geschmolzenem Gusseisen und verschmorter menschlicher Haut entnahmen. Die Empfindlichsten h&ouml;rten auch vierzig Jahre sp&auml;ter immer noch Schreie, das Wimmern todesver&auml;ngstigter Kinder, Hilferufe und den apokalyptischen Masseneinsturz von Geb&auml;uden. Mit geduldigem L&auml;cheln sah Moritaki mich von der Seite an und ahnte vielleicht, wie ich durch den Zeittunnel wanderte, als ich auf die Niederungen Nagasakis schaute, aber immer noch Hiroshima vor Augen hatte.<\/p><p>Warmer, sommerlicher Morgen des 6. August 1945. Die Sonne schien von Paul Tibbets, Pilot des US-Bombers &bdquo;Enola Gay&ldquo;, entzweit. Feuersbrunst, eine Druckwelle mit mehreren tausend Grad W&auml;rme, taumelnde Geb&auml;ude. Und vom Himmel fiel der schwarze, klebrig-saure Regen. Die USA beeilten sich, die Zahl von 70.000 bis 80.000 unmittelbar get&ouml;teten Menschen zu verbreiten. Zwischen den rauchenden K&ouml;rpern laufen menschliche Lumpen, zombifizierte &Uuml;berlebende, mit dem Tod um die Wette. Ein Bild des Grauens, das mich f&uuml;r immer verfolgen sollte, ist das einer jungen Japanerin, in deren seidige R&uuml;ckenhaut das Muster ihres Hemdes durch das uranhaltige Atomfeuer eingebrannt wurde. War sie etwa die Frau, die die Figur Eiji Okadas in Alain Resnais&lsquo; Meisterwerk &bdquo;Hiroshima, mon amour&ldquo; nicht vergessen kann? Die Anzahl der Verletzten betrug mindestens weitere 80.000 Opfer, von denen die H&auml;lfte in den Monaten darauf ebenfalls starb. Langzeituntersuchungen haben weitere tausende Todesopfer von Sp&auml;tfolgen ermittelt, womit der Abwurf der ersten Atombombe in der Menschheitsgeschichte mindestens 150.000 Todesopfer in Kauf nahm.<\/p><p>Moritakis einziges Auge erhellt sich pl&ouml;tzlich, als er unser in Hiroshima unterbrochenes Gespr&auml;ch &uuml;ber Kyudo, die &bdquo;ritterliche Kunst des Zen-Bogensch&uuml;tzen&ldquo;, wieder aufgreift. Als &Uuml;berlebender des Atom-Holocausts erkl&auml;rte der Physiklehrer am Morgen jenes 6. August 1945 seinen Sch&uuml;lern das Newtonsche Gesetz von der Schwerkraft, als die Druckwelle das Schulgeb&auml;ude zerschmetterte und ein Wirbelsturm den Klassenraum mit Glassplittern beschoss, wovon einer sich in sein rechtes Auge bohrte.<\/p><p>Die Kellner servieren Mentaiko &ndash; gro&szlig;z&uuml;gig gepfefferte Fischeier &ndash; und Champon, ein exotisches Gericht aus Nudeln, Meeresfr&uuml;chten und Gem&uuml;se, das im Tontopf gekocht wird. W&auml;hrend Moritaki sich seinem Teller widmete, nahmen in meiner Fantasie Samurais auf dem Meer Stellung ein und richteten ihre B&ouml;gen auf die fliegenden Festungen der B-29, die sich der japanischen K&uuml;ste n&auml;herten. Doch selbstverst&auml;ndlich hatten die Japaner mit ihrer Invasion Koreas und Chinas gegen Kriegsende hunderttausende Todesopfer brutalster Gewaltanwendung auf dem Gewissen.<\/p><p>Als ahne er wieder den Grund meiner Unruhe, hielt der nahezu 80-j&auml;hrige Professor mit den &uuml;ppigen, grauen Haaren inne und erkl&auml;rte mit breitem, z&auml;rtlichem L&auml;cheln, das eine gro&szlig;e Anzahl goldener Zahnprothesen enth&uuml;llte: &bdquo;Mit einigen Freunden, Intellektuellen und M&ouml;nchen unterhalte ich einen Zen-Tempel in der N&auml;he von Hiroshima. Wann immer Sie wollen, kommen Sie, Sie sind willkommen und haben bereits Ihren Meister! Zugleich besch&auml;mt und dankbar, versuchte ich meine Aufregung zu verbergen und schaute vom Buddha-Antlitz des Meisters auf die Weite des Chinesischen Meeres, dessen Frieden mich vergessen lassen wollte, warum ich in Nagasaki war.<\/p><p>Und dann ergriff mich die Wahrnehmung, dass es zwei Blicke auf Nagasaki geben musste: einen von oben nach unten und den anderen in umgekehrter Richtung. Dort, weniger als einen Kilometer entfernt, befand sich Ground Zero &ndash; das Epizentrum der ehemaligen unteren Stadt Nagasakis, die jetzt von unbegreiflicher territorialer Leere gepr&auml;gt ist und als eine Art virtuelles Denkmal aus Ruinen und Wind bezeichnet werden kann.<\/p><p>Ich erinnerte mich an Paul Klees kubistisches Bild vom Angelus Novus, dem Protagonisten von Walter Benjamins &bdquo;Konzept der Geschichte&ldquo;. Auf eine sehr kurze Formel gebracht, bezeichnete dieses Konzept die Menschheits-Geschichte als eine Ansammlung von Tr&uuml;mmern. Eine Schreckenserfahrung, die Benjamin mit dem am Himmel schwebenden Engel beschreibt: Je gr&ouml;&szlig;er seine Entfernung vom Erdboden, um so gewaltiger die Ansammlung der Ruinen.<\/p><p><strong>Der Anflug der &bdquo;Bockscar&ldquo; auf Nagasaki<\/strong><\/p><p>Erst w&auml;hrend des langen R&uuml;ckfluges nach Brasilien las ich, dass der Abwurf der Plutonium-Bombe zun&auml;chst auf die alte Kaiserhauptstadt Kyoto geplant war, doch von US-Kriegsminister Henry Stimson Anfang Juni 1945 wegen seiner kulturellen Bedeutung von der &bdquo;Zielliste&ldquo; gestrichen und durch Nagasaki ersetzt wurde.<\/p><p>Im Atomforschungszentrum Alamo Gordo wollten Robert Oppenheimer und die Gener&auml;le nach der erfolgreichen Detonation der Bombe mit angereichertem Uran &uuml;ber Hiroshima nun den Grad der Plutoniumzerst&ouml;rung messen. Das eine Auge auf Japan, das andere auf die im besetzten Deutschland stationierten Sowjets gerichtet; subtil war die &bdquo;Botschaft&ldquo; ganz und gar nicht.<\/p><p>So erhob sich am Morgen des 9. August im Pazifik ein US-Bombergeschwader mit Kurs auf Nordwesten. Die Operation war auch entsprechend <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/tech\/annals-of-technology\/nagasaki-the-last-bomb\">medial vorbereitet<\/a>. An Bord des B-29-45-MO-Superfortress-Bombers sah sich William L. Laurence, Wissenschaftsjournalist der New York Times, die Bombe &bdquo;Fat Man&ldquo; an und notierte in seinem Tagebuch: &bdquo;Is &lsquo;ne sch&ouml;ne Sache zum Anschauen, dieses Geschenk! &ldquo; (w&ouml;rtlich <em>Gadget<\/em> im Original).<\/p><p>Es waren die Worte eines patriotisch angehauchten und t&ouml;richten Reporters, so jung wie die meisten Mitglieder des Geschwaders, das auf dem Weg zur Massenmordmission &uuml;ber den Pazifik raste. Sein Kommandant, Kapit&auml;n Frederick C. Bock, war 27, der Sprengmeister und Leutnant 1. Grades Charles Levy kaum 26, der Pilot und Leutnant 2. Grades Hugh C. Fergus gerade mal 21 und der Navigator Leonard A. Godfrey nicht mehr als 24 Jahre alt. Das Kommando &uuml;ber das Geschwader und die gesamte Mission hatte der gerade 25-j&auml;hrige Major Charles W. Sweeney.<\/p><p>Um 5 Uhr morgens drang erstes Licht durch einige zerstreute Wolken. Laurence erinnert sich, dass das geplante Treffen von drei Bombern unter freiem Himmel auf der Insel Yakoshima, s&uuml;dwestlich von Kyushu, noch vier Stunden entfernt ist. Er holt den Stift aus seiner Lederjackentasche und schreibt: &bdquo;Irgendwo am Fu&szlig;e der riesigen Berge wei&szlig;er Wolken liegt vor mir Japan, das Land unseres Feindes. In den kommenden vier Stunden wird eine Ihrer St&auml;dte &ndash; in der Waffen hergestellt werden, um uns anzugreifen &ndash; durch die m&auml;chtigste k&uuml;nstliche Waffe von der Weltkarte ausradiert. In einer Zehntausendstel-Sekunde, einem Bruchteil der Zeit, die von einer Uhr nicht gemessen werden kann, wird ein Sturm vom Himmel herabsteigen und Tausende von Geb&auml;uden und Zehntausende seiner Bewohner vernichten&ldquo;.<\/p><p>In den Kabinen der B-29 vergingen Stunden mit Ger&auml;te-Routine und vielen Witzen. Zur vereinbarten Zeit fliegt die Bockscar, das Flaggschiff der Mission, Kreise am Himmel. Das war das Zeichen. Dann fliegt sie zusammen mit den Begleitmaschinen &uuml;ber die K&uuml;ste, sie k&ouml;nnen aber den Ausgang aus der dichten Wolkendecke nicht finden. &bdquo;Die Winde des Schicksals scheinen bestimmte japanische St&auml;dte beg&uuml;nstigt zu haben, deren Namen geheim bleiben m&uuml;ssen &hellip;&ldquo;, sinniert Laurence in seinem Notizbuch: &bdquo;Mitleid oder Mitgef&uuml;hl haben mit den armen Teufeln, die kurz vor dem Tod stehen? Nein, wenn wir uns an Pearl Harbor und den Tod in Battan erinnern!&ldquo;, lautet sein Vergeltungsurteil.<\/p><p>Es ist 11:01 Uhr, als die Wolken sich lichten und aus den Cockpits eine gro&szlig;e Hafenstadt erkennbar wird. Die Jungen an Bord der drei B-29 haben keinen Zweifel: &bdquo;Das Schicksal hat Nagasaki als letztes Ziel gew&auml;hlt &hellip;&ldquo;. Sie stellen ein abgesprochenes Funksignal ein und setzen ihre ARC-Brille auf. Es ist 11:02 Uhr, als eine Stimme befiehlt: &bdquo;<em>There she goes!<\/em>&ldquo; &ndash; und aus den Eingeweiden der B-29 springt eine metallische, schwarze und gepanzerte Kreatur ins Nichts, die sich in rasanter Geschwindigkeit auf Nagasaki zubewegt.<\/p><p>Sekunden sp&auml;ter &uuml;berflutet ein greller Lichtblitz den Himmel und blendet die M&auml;nner in den fl&uuml;chtenden Maschinen. Die Amerikaner blicken auf den Erdboden, von dem sich das Monster erhebt und an ihnen vorbei auf 40.000, 50.000, 60.000 Fu&szlig; ansteigt! Damit hatten sie nicht gerechnet, dass sie ein 20 Kilometer hoher Atompilz wie eine Bestie der Apokalypse mindestens eine halbe Stunde lang verfolgt.<\/p><p>74.000 Menschen sterben sofort an Ort und Stelle. Nachdem William L. Laurence den Pulitzer-Preis f&uuml;r seine An-Bord-Reportage gewonnen hatte, gehen weitere 75.000 Einwohner von Nagasaki als Hibakushas &ndash; die &bdquo;&Uuml;berlebenden&ldquo; &ndash; in die Geschichte ein, in deren K&ouml;rper das Plutonium nach 1945 die Chronik des Sp&auml;ttodes durch Verbrennungen, Leuk&auml;mie, Lymphkrebs und Demenz geschrieben hat.<\/p><p>Zweihundert Flugmeilen von Nagasaki entfernt hatte Laurence in seinem Notizbuch in einer Mischung aus Angst und Arroganz &uuml;ber die Atombombe philosophiert: &bdquo;Es besteht kein Zweifel: Aus dem Rumpf des enthaupteten Monsters werden neue K&ouml;pfe nachwachsen&hellip;&ldquo;.<\/p><p>Laurences Metapher k&ouml;nnte 75 Jahre danach nicht zutreffender sein.<\/p><p>Titelbild: Everett Collection \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr verfolgt mich die Erinnerung. 6. August: Die Uranbombe fegt Hiroshima von der Landkarte. 9. 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