{"id":637,"date":"2005-07-18T19:56:55","date_gmt":"2005-07-18T17:56:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=637"},"modified":"2016-03-08T11:52:41","modified_gmt":"2016-03-08T10:52:41","slug":"zweifelhaftes-selbstlob-die-reformen-der-bundesregierung-zeigen-erste-erfolge-und-die-konzerne-schreiben-rekordgewinne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=637","title":{"rendered":"Zweifelhaftes Selbstlob: \u201eDie Reformen der Bundesregierung zeigen erste Erfolge und die Konzerne schreiben Rekordgewinne\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Unter dieser &Uuml;berschrift stellt das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in seinem Internetangebot eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung &bdquo;Deutschland kommt wieder&ldquo; vor und will daraus Honig f&uuml;r die &bdquo;Reformpolitik&ldquo; von Rot-Gr&uuml;n saugen. Ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie sich die Bundesregierung die neoliberale Ideologie zu eigen gemacht hat.<br>\n<!--more--><br>\nThorsten Hellmann von der Bertelsmann-Stiftung ist bislang vor allem durch internationale Vergleichsstudien aufgefallen, bei denen Deutschland notorisch den schlechtesten Platz einnahm. Bei diesen sog. Benchmarks hat er nat&uuml;rlich die unterschiedlichen L&auml;nder immer danach verglichen, wieweit sie den Kanon neoliberaler Systemver&auml;nderung abgearbeitet haben. Das Ergebnis war immer das Gleiche: Die Reformen in Deutschland m&uuml;ssen weiter gehen, die Dosis muss erh&ouml;ht werden. Das ist auch der Tenor der neuesten Analyse, aber weil zunehmend Zweifel aufkommen, ob diese &bdquo;Reformen&ldquo; etwas zum Positiven beitragen k&ouml;nnen und weil man auf jeden Fall daf&uuml;r werben muss, dass die &bdquo;Reformen&ldquo; auch nach der m&ouml;glichen Bundestagswahl fortgesetzt werden, m&uuml;ssen jetzt &ndash; &auml;hnlich, wie das die Bundesregierung mit ihren Anzeigen tun &ndash; Erfolgsmeldungen aus dem bis dato herbeigezeterten Jammertal ausgehen: &bdquo;Es reiche zwar noch nicht bis zur Spitze, aber wir seien auf einem guten Weg der Ann&auml;herung &ndash; wenn die Reformen so weiter gehen.&ldquo; <\/p><p>Immerhin wird jetzt pl&ouml;tzlich zur Kenntnis genommen, dass Deutschland Exportweltmeister ist und dass die These von der sog. &bdquo;Basar&ouml;konomie&ldquo;, wonach von Deutschland nur noch ausl&auml;ndische Produkte ohne eigene Wertsch&ouml;pfung weitergereicht w&uuml;rden, falsch ist.<br>\nDer Bundeskanzler erh&auml;lt gro&szlig;es Lob, weil er &bdquo;etliche systemver&auml;ndernde (sic!) Reformen der Wirtschaftsverfassung durchgesetzt&ldquo; habe, &bdquo;aber es muss auch noch Vieles zu Ende gebracht und Neues angepackt werden&ldquo;, so das Urteil der Bertelsmann-Experten.<\/p><p>Interessant ist, wof&uuml;r sich u.a. eine sozialdemokratisch regierte Bundesregierung in ihrer PR-Arbeit meint, loben lassen zu m&uuml;ssen, um sich selbst zu loben:<\/p><ul>\n<li>Die Lohnst&uuml;ckkosten seien zwar noch hoch, aber kaum h&ouml;her als vor sieben Jahren. In den gro&szlig;en Mitgliedsl&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union seien sie dagegen um gut 15 Prozent gestiegen.<\/li>\n<li>Ein durchschnittlicher Mittelstandsbetrieb zahle nach Berechnung des Mannheimer Zentrums f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung jetzt 21 Prozent weniger Steuern als 1998, eine Kapitalgesellschaft 18 Prozent weniger.<\/li>\n<li>Die Einkommen- und K&ouml;rperschaftsteuers&auml;tze w&uuml;rden das niedrigste Niveau der Nachkriegszeit aufzeigen.<\/li>\n<li>Im Gesundheitswesen gebe es &ndash; zum Beispiel wegen der Praxisgeb&uuml;hr &ndash; gr&ouml;&szlig;ere &ouml;konomische Anreize.<\/li>\n<li>Die Minijobs h&auml;tten die Schwarzarbeit einged&auml;mmt.<\/li>\n<li>Unsere Arbeitswelt zeige bereits jetzt ein deutlich gr&ouml;&szlig;eres Ma&szlig; an Beweglichkeit, mit &Ouml;ffnungs- und Differenzierungsklauseln der Unternehmen oder Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich wie etwa bei den Beamten.<\/li>\n<li>Gewerkschaften sch&ouml;pften die M&ouml;glichkeiten ihrer Tarifverhandlungen nicht aus.<\/li>\n<li>Und vor allem: Die Konzerne schrieben Rekordgewinne.<\/li>\n<\/ul><p>Dass die Wirtschaft in einer Rezession steckt und dass die Arbeitslosigkeit auf h&ouml;chstem Niveau stagniert, ist so kurz vor einer Wahl, wo etwa durch die Linkspartei gerade auch die &bdquo;Reformpolitik&ldquo; in die Auseinandersetzung ger&auml;t, offenbar nicht mehr so schlimm.<br>\nDa hilft man sich mit dem Goldman-Sachs-Experten O&rsquo;Neill aus der Patsche, und zitiert &bdquo;dass Wachstums- und Besch&auml;ftigungszahlen nicht als Indikatoren taugen, weil sie nur mit zeitlicher Verz&ouml;gerung auf Reformen reagieren.&ldquo; Hauptsache die Gewinne reagieren und sind schon mal eingefahren, alles andere kann warten. <\/p><p>Gegen Lob kann man sich bekanntlich nicht wehren, dass aber die Bundesregierung meint, sich mit einem solchen Lob selbst loben zu m&uuml;ssen, beweist einmal mehr, wie sehr sie der neoliberalen Ideologie und deren Ideologen verfangen ist und kein Gesp&uuml;r mehr daf&uuml;r hat, was die von den &bdquo;Reformen&ldquo; benachteiligten Menschen wohl von solchem Lob und solchen Erfolgsmeldungen halten.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dieser &Uuml;berschrift stellt das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in seinem Internetangebot eine Analyse der Bertelsmann-Stiftung &bdquo;Deutschland kommt wieder&ldquo; vor und will daraus Honig f&uuml;r die &bdquo;Reformpolitik&ldquo; von Rot-Gr&uuml;n saugen. 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