{"id":6371,"date":"2010-08-03T09:20:06","date_gmt":"2010-08-03T07:20:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6371"},"modified":"2015-12-16T14:43:27","modified_gmt":"2015-12-16T13:43:27","slug":"spiegel-online-wird-immer-unertraeglicher-flach-flacher-flachester-kampagnenjournalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6371","title":{"rendered":"Spiegel Online wird immer unertr\u00e4glicher. Flach , flacher, flachester Kampagnenjournalismus"},"content":{"rendered":"<p>Gestern erschien um 18:02 Uhr ein Beitrag von Frau El Sharif mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709704,00.html\">&bdquo;Warum Deutschland sofort mehr Zuwanderer braucht&ldquo;<\/a>. Vorher, um 10:41 Uhr ein anderer Artikel mit dem Dauerbrenner <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709629,00.html\">&bdquo;Konjunkturexperten -Deutschland l&auml;sst ganz Europa boomen&ldquo;<\/a>. Das ist nur eine kleine Auswahl der t&auml;glich verbreiteten Kampagnenartikel. Bei beiden kann man davon ausgehen, dass sie der Ausfluss von Public Relations-Aktionen sind. Beide sind inhaltlich so d&uuml;rftig, dass es die meisten Leser eigentlich als Zumutung erkennen m&uuml;ssten. Nutzen Sie diese Beispiele bitte wieder einmal, um die Spiegel- und Spiegel Online-Leser in ihrem Umfeld aufzukl&auml;ren. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zum ersten Beitrag ein paar Anmerkungen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Der Artikel soll offensichtlich dem Ziel dienen, die Reservearmee an Arbeitslosen partout nicht schrumpfen zu lassen. Dieses Ziel hat &uuml;brigens auch der zweite Artikel, wo suggeriert wird, dass es bei uns rundum boomt. Mit den Fakten, der immer noch hohen Zahl von Arbeitslosen und 9 Millionen Menschen, die gerne mehr arbeiten w&uuml;rden, hat dies nichts zu tun. Siehe dazu die Hinweise von gestern <a href=\"?p=6354#h02\">&bdquo;Rund 9 Millionen w&uuml;nschen sich mehr Arbeit&ldquo;<\/a>.<\/li>\n<li>Mit Berufung auf eine PrognosStudie &uuml;ber die geschrumpfte Anzahl der Personen im erwerbsf&auml;higen Alter im Jahr 2035 (!) wird behauptet, Deutschland brauche schleunigst (!) mehr Anreize f&uuml;r ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte. Den demographischen Wandel mit Prognosen f&uuml;r das Jahr 2035 auch noch daf&uuml;r zu bem&uuml;hen, um sofort mehr Fachkr&auml;fte von au&szlig;erhalb zu verlangen, ist der typische Fall einer nicht reflektierten angelernten Meinung.<\/li>\n<li>Vom Sinn der besseren Ausbildung und Pflege des vorhandenen Arbeitskr&auml;ftepotentials hat die Autorin wohl noch nichts geh&ouml;rt.<\/li>\n<li>Sie plappert nach, was sie bei arbeitgebernahen Einrichtungen wie Prognos, dem Institut der deutschen Wirtschaft, dem VDI und Meinhard Miegel vorgesagt bekommt.<\/li>\n<li>Die Autorin hat offenbar kein Problem durchdacht, auch nicht den Sinn oder Unsinn ihres Begehrens, dass alle potentiellen Industriel&auml;nder wie die USA, Kanada und dann auch Deutschland in einen Konkurrenzkampf um gut ausgebildete Fachkr&auml;fte eintreten. Dass es gesamtwirtschaftliche, entwicklungspolitische oder einfach nur Vernunftgr&uuml;nde gibt, einen solchen Wettbewerb f&uuml;r falsch zu halten, ist diesem Medium offenbar fremd.<\/li>\n<li>Die Autorin hat Politik studiert und ist in der Spiegel Online-Wirtschaftsredaktion t&auml;tig. Das Ergebnis ist entsprechend. Sie wei&szlig; m&ouml;glicherweise schon deshalb nicht, dass man rein logisch nicht sagen kann, es gebe einen Bedarf an X-1000 Fachkr&auml;ften. Wie hoch der Bedarf ist und wie viele Personen sich anbieten, ist auch eine Folge des Preises, genauer des gezahlten Lohns und Gehalts. Wenn zum Beispiel f&uuml;r gut ausgebildete Pflegekr&auml;fte mehr bezahlt w&uuml;rde, dann w&uuml;rden sich mehr Menschen, die ausgebildet sind, bereit finden, wieder zu arbeiten, und andere w&uuml;rden sich fort- beziehungsweise ausbilden lassen. So arbeitet der Markt. Die Damen und Herren Journalisten f&uuml;hren dieses Wort st&auml;ndig im Mund, vergessen aber die so genannten Marktgesetze, wenn sie &uuml;ber Fachkr&auml;ftemangel und die angeblich notwendige Zuwanderung schwadronieren.<\/li>\n<li>Der Bedarf an Ingenieuren und anderen Industriefachkr&auml;ften h&auml;ngt auch wesentlich von der Orientierung der deutschen Wirtschaft ab. Wenn die Linie der herrschenden Kreise und der Bundesregierung gelten soll, dass wir unser Gl&uuml;ck und Wohlergehen von einer weiteren Steigerung des Exports erwarten, dann wird man mehr Ingenieure und andere Fachkr&auml;fte f&uuml;r die exportorientierten Wirtschaftszweige brauchen als dann, wenn die deutsche Volkswirtschaft sich tendenziell st&auml;rker an den Bed&uuml;rfnissen des Binnenmarktes orientiert, wenn also das getan wird, was auch im Interesse des Abbaus der Leistungsbilanzdifferenzen im Euroraum ist.<\/li>\n<li>Dass der Bedarf an so genannten Fachkr&auml;ften etwas mit der sektoralem Orientierung einer Volkswirtschaft zu tun hat, konnte man im Vorfeld und Umfeld der Einf&uuml;hrung der Greencard beobachten. Damals wurde gejammert &uuml;ber den Mangel an I+T-Fachleuten. Der angebliche Mangel hatte vermutlich viel damit zu tun, dass solche Leute von der Finanzwirtschaft f&uuml;r das Management des damaligen Booms der B&ouml;rsen, der B&ouml;rseng&auml;nge und der Spekulation insgesamt gebraucht wurden. Der Betrieb eines &bdquo;Spielcasinos&ldquo; verlangt Fachkr&auml;fte. Als diese Blase dann beginnend mit dem Jahr 2000 platzte, war auch der Bedarf an solchen Fachkr&auml;ften geringer. Das ist vermutlich einer der Gr&uuml;nde f&uuml;r die Nutzlosigkeit des damals erfundenen Instruments Greencard, &uuml;ber deren Bedeutung man &uuml;brigens im Vorfeld der Einf&uuml;hrung eine so breite &ouml;ffentliche Debatte f&uuml;hrte, als w&uuml;rde Deutschlands Zukunft davon abh&auml;ngen. Untersucht wurde die These zum besonderen Bedarf der Finanzwirtschaft im Aktienboom meines Wissens nie. Deshalb kann ich sie auch nur als Vermutung &auml;u&szlig;ern, allerdings als plausible Vermutung.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Anmerkungen zum zweiten Beitrag &bdquo;Konjunkturexperten &ndash; Deutschland l&auml;sst ganz Europa boomen&ldquo;<\/strong><\/p><ul>\n<li>Auch dies ist ein typisches PR St&uuml;ck. Offenbar versuchen interessierte Kreise um das Bundeswirtschaftsministerium und die Wirtschaft unbedingt zu suggerieren, dass es in Deutschland einen Boom g&auml;be.<\/li>\n<li>&Uuml;berschrift und Tenor des Artikels zeigen deutlich die Methode der Meinungsmache, die hier erprobt wird, und die in &bdquo;Meinungsmache&ldquo; beschrieben ist: Man nimmt eine Botschaft B (Deutschland l&auml;sst Europa boomen), um die Botschaft A zu transportieren (in Deutschland gibt es einen Boom). Siehe dazu die <a href=\"?page_id=4138#l03\">Ziffer 3, einen Auszug aus &bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> zu den h&auml;ufig verwandten Methoden.<\/li>\n<li>Im Artikel werden Zahlen &uuml;ber Auftragseing&auml;nge und anderes genannt, die beeindruckend hoch erscheinen. Aber daf&uuml;r, wie sehr die Auftr&auml;ge abgest&uuml;rzt waren, gibt es keine Zahlen. Die Leser m&uuml;ssen &uuml;ber diese L&uuml;cke hinweg lesen, um beeindruckt zu sein. Dass die Auftragseing&auml;nge im Jahr 2009 massiv abgest&uuml;rzt sind, haben vermutlich nur wenige pr&auml;sent.<\/li>\n<li>Typisch ist wie in vielen anderen F&auml;llen die Berufung auf so genannte Experten. Meist sind es irgendwelche Bankanalysten oder Interessenvertreter. Achten Sie einmal darauf, wie viele Artikel bei Spiegel Online &ndash; aber nicht nur da &ndash; mit der Berufung auf Experten arbeiten und wie oft solche Experten eindeutig Interessen verbunden sind.<\/li>\n<\/ul><p>Das war nur eine kleine Auswahl von m&ouml;glichen kritischen Anmerkungen. Sie werden auf noch viel mehr sto&szlig;en, wenn Sie die Texte sorgf&auml;ltig lesen. Das lohnt aber ehrlicherweise gesagt nur dann, wenn Sie die beiden oder einen der Artikel verwenden wollen, um Ihre immer noch spiegelgl&auml;ubige Verwandtschaft oder Freunde vom Nichtsnutz dieses Mediums zu &uuml;berzeugen.<\/p><p><strong>Anlage:<\/strong><\/p><p><strong>Ausl&auml;ndische Arbeitskr&auml;fte<br>\nWarum Deutschland sofort mehr Zuwanderer braucht<\/strong><br>\nVon Yasmin El-Sharif<br>\nWirtschaftsminister Br&uuml;derle fordert mehr Zuwanderung, um die Wirtschaft zu st&uuml;tzen. CSU-Chef Seehofer keilt dagegen, Kanzlerin Merkel w&uuml;rgt die Debatte ab &ndash; ein schwerer Fehler. Denn so wird weiter ignoriert: Deutschland braucht schleunigst mehr Anreize f&uuml;r ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte.<br>\n(&hellip;)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709704,00.html\">SPIEGEL Online<\/a><\/p><p><strong>Konjunkturexperten<br>\nDeutschland l&auml;sst ganz Europa boomen<\/strong><br>\nEuropa k&auml;mpft sich aus der Krise &ndash; vor allem weil die deutsche Wirtschaft boomt. Die hiesige Konjunktur entwickelt sich laut Experten deutlich besser als im Rest des Kontinents, deutsche Maschinenbauer verbuchen erneut ein sattes Plus bei den Auftr&auml;gen.<br>\n(&hellip;)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709629,00.html\">SPIEGEL Online<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern erschien um 18:02 Uhr ein Beitrag von Frau El Sharif mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709704,00.html\">&bdquo;Warum Deutschland sofort mehr Zuwanderer braucht&ldquo;<\/a>. Vorher, um 10:41 Uhr ein anderer Artikel mit dem Dauerbrenner <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,druck-709629,00.html\">&bdquo;Konjunkturexperten -Deutschland l&auml;sst ganz Europa boomen&ldquo;<\/a>. Das ist nur eine kleine Auswahl der t&auml;glich verbreiteten Kampagnenartikel. 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