{"id":63885,"date":"2020-08-19T08:00:48","date_gmt":"2020-08-19T06:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63885"},"modified":"2020-08-19T09:53:42","modified_gmt":"2020-08-19T07:53:42","slug":"weissrussland-eine-einschaetzung-des-umgangs-mit-diesem-land-von-willy-wimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63885","title":{"rendered":"Wei\u00dfrussland \u2013 eine Einsch\u00e4tzung des Umgangs mit diesem Land von Willy Wimmer"},"content":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here CDU-Politiker hatte am 2. Mai 2000 einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der (SPD) geschrieben und darin von einer Konferenz berichtet, die von zwei US-amerikanischen Organisationen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava ausgerichtet worden war. Was dort beraten und von US-amerikanischer Seite als Planung vorgestellt wurde, erkl&auml;rt im Wesentlichen das jetzt aufgetretene Problem: der weitere Versuch, den Einflussbereich von NATO und EU auszuweiten. Willy Wimmer kommt im folgenden, neuen Text auf den fr&uuml;heren Brief zur&uuml;ck. Da dieser Brief immer noch aktuell ist und vieles Aktuelles erkl&auml;rt, ist er als Anlage angeh&auml;ngt. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Willy Wimmer am 18.8.2020:<\/strong><\/p><p>Nach dem Besuch des wenig gewinnenden amerikanischen Au&szlig;enministers Pompeo letzte Woche&nbsp;in Wien verfiel der &ouml;sterreichische Au&szlig;enminister Alexander Schallenberg bei seinem Interview mit ZIB 2 geradezu in den Plauderton. Nat&uuml;rlich habe die Politik der Europ&auml;ischen Union in den letzten Jahren dem Ziel gedient, Wei&szlig;russland von Russland zu entfremden und aus der engen Zusammenarbeit mit Moskau herauszubrechen. Es mag ein Zufall gewesen sein, diese klare Zielvorgabe in Wien zu vernehmen. Von Wien aus sind es gerade mal sechzig Kilometer nach Bratislava, der slowakischen Hauptstadt. Dort hatten hochrangige Vertreter des amerikanischen Au&szlig;enministeriums Ende April 2000 der versammelten F&uuml;hrungsspitze aus Mittel-und Osteuropa die amerikanische&nbsp;Zielvorgabe f&uuml;r diesen Raum verk&uuml;ndet. Danach sollte ein &bdquo;roter Strich&ldquo; quer &uuml;ber den Kontinent zwischen Riga und Odessa gezogen werden. Westlich davon herrsche amerikanisches Sagen bis hin zu den Ver&auml;nderungen in der r&ouml;misch gepr&auml;gten Rechtsordnung. &Ouml;stlich davon befinde sich Russland oder das, was sich aus Russland entwickeln w&uuml;rde.<br>\n&nbsp;<br>\nIst das die Zielvorgabe, die die Europ&auml;ische Union von einer gedeihlichen Entwicklung in Europa als dem gemeinsamen Kontinent hat? Die Fragen sind heute mehr als berechtigt, denn verantwortliche&nbsp;Sprecher aus dem Deutschen Bundestag lassen sich offen dar&uuml;ber aus, mit welchem politischen Werkzeugkasten sie sich daran machen werden, die letzte L&uuml;cke in dem NATO-Limes gegen Russland zu schlie&szlig;en. Offen wird vom &bdquo;Maidan-Modell&ldquo; nach dem Putsch-Modell aus der Ukraine gesprochen oder das Beispiel &bdquo;runder Tische&ldquo; zum Macht&uuml;bergang&nbsp;in Minsk favorisiert. Jede Zur&uuml;ckhaltung wird abgelegt, weil nach den klaren und unmi&szlig;verst&auml;ndlichen Aussagen des &ouml;sterreichischen Au&szlig;enministers in Minsk jetzt die Ernte jahrelangen Tuns eingefahren werden muss.<br>\n&nbsp;<br>\nEs wird kein Zufall gewesen sein, dass derzeit der amerikanische&nbsp;Au&szlig;enminister Pompeo durch Europa tourt, um &bdquo;Gefolgschaftstreue im NATO-Zusammenhang&ldquo; herbeizuf&uuml;hren. &Uuml;ber Minsk soll Moskau getroffen und an die amerikanische Leine gelegt werden. Das amerikanische Vorgehen gegen &bdquo;Nord-Stream 2&ldquo; ist ein Musterbeispiel f&uuml;r die &bdquo;Politik der begrenzten Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; westeurop&auml;ischer Staaten nach dem Bratislava-Modell aus dem Jahr 2000.<\/p><p>Pr&auml;sident Trump erweckt seit seiner Wahl vor fast vier Jahren den Eindruck, eine dem Frieden und der Zusammenarbeit dienende Abstimmung mit Moskau herbeif&uuml;hren zu wollen. Derweil schafft Au&szlig;enminister Pompeo jene Fakten im Nahen Osten und in Europa, die darauf abzielen, Russland aus Europa hinauszudr&auml;ngen und als weltpolitischen Akteur bedeutungslos werden zu lassen. Wenige Tage vor dem Gedenken an den deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 als Vollendung des Rache-Diktates von Versailles 1919 sind das &uuml;ble Perspektiven f&uuml;r Europa.<br>\n&nbsp;<br>\n<em>Willy Wimmer, 18. August 2020<\/em><\/p><p>Anlage:<br>\nWilly Wimmer, Mitglied des Bundestages,<br>\nVorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Niederrhein,<br>\nVizepr&auml;sident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE<\/p><p><strong>Herrn Gerhard Schr&ouml;der, MdB,<\/strong><br>\n<strong>Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland,<\/strong><br>\n<strong>Bundeskanzleramt, Schlossplatz 1, 10178 Berlin<\/strong><br>\n<strong>Berlin, den 02.05.00<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,<\/p><p>am vergangenen Wochenende hatte ich in der slowakischen Hauptstadt Bratislava Gelegenheit, an einer gemeinsam vom US-Au&szlig;enministerium und American Enterprise Institute (au&szlig;enpolitisches Institut der republikanischen Partei) veranstalteten Konferenz mit den Schwerpunktthemen Balkan und NATO-Erweiterung teilzunehmen.<\/p><p>Die Veranstaltung war sehr hochrangig besetzt, was sich schon aus der Anwesenheit zahlreicher Ministerpr&auml;sidenten sowie Au&szlig;en- und Verteidigungsminister aus der Region ergab. Von den zahlreichen wichtigen Punkten, die im Rahmen der vorgenannten Themenstellung behandelt werden konnten, verdienen es einige, besonders wiedergegeben zu werden:<\/p><ol>\n<li>Von Seiten der Veranstalter wurde verlangt, im Kreise der Alliierten eine m&ouml;glichst baldige v&ouml;lkerrechtliche Anerkennung eines unabh&auml;ngigen Staates Kosovo vorzunehmen.<\/li>\n<li>Vom Veranstalter wurde erkl&auml;rt, dass die Bundesrepublik Jugoslawien au&szlig;erhalb jeder Rechtsordnung, vor allem der Schlussakte von Helsinki, stehe.<\/li>\n<li>Die europ&auml;ische Rechtsordnung sei f&uuml;r die Umsetzung von NATO-&Uuml;berlegungen hinderlich. Daf&uuml;r sei die amerikanische Rechtsordnung auch bei der Anwendung in Europa geeigneter.<\/li>\n<li>Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sei gef&uuml;hrt worden, um eine Fehlentscheidung von General Eisenhower aus dem 2. Weltkrieg zu revidieren. Eine Stationierung von US-Soldaten habe aus strategischen Gr&uuml;nden dort nachgeholt werden m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Die europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten h&auml;tten beim Krieg gegen Jugoslawien deshalb mitgemacht, um de facto das Dilemma &uuml;berwinden zu k&ouml;nnen, das sich aus dem im April 1999 verabschiedeten &ldquo;Neuen Strategischen Konzept&rdquo; der Allianz und der Neigung der Europ&auml;er zu einem vorherigen Mandat der UN oder OSZE ergeben habe.<\/li>\n<li>Unbeschadet der anschlie&szlig;enden legalistischen Interpretation der Europ&auml;er, nach der es sich bei dem erweiterten Aufgabenfeld der NATO &uuml;ber das Vertragsgebiet hinaus bei dem Krieg gegen Jugoslawien um einen Ausnahmefall gehandelt habe, sei es selbstverst&auml;ndlich ein Pr&auml;zedenzfall, auf den sich jeder jederzeit berufen k&ouml;nne und auch werde.<\/li>\n<li>Es gelte, bei der jetzt anstehenden NATO-Erweiterung die r&auml;umliche Situation zwischen der Ostsee und Anatolien so wiederherzustellen, wie es in der Hochzeit der r&ouml;mischen Ausdehnung gewesen sei.<\/li>\n<li>Dazu m&uuml;sse Polen nach Norden und S&uuml;den mit demokratischen Staaten als Nachbarn umgeben werden, Rum&auml;nien und Bulgarien die Landesverbindung zur T&uuml;rkei sicherstellen, Serbien (wohl zwecks Sicherstellung einer US-Milit&auml;rpr&auml;senz) auf Dauer aus der europ&auml;ischen Entwicklung ausgeklammert werden.<\/li>\n<li>N&ouml;rdlich von Polen gelte es, die vollst&auml;ndige Kontrolle &uuml;ber den Zugang aus St. Petersburg zur Ostsee zu erhalten.<\/li>\n<li>In jedem Prozess sei dem Selbstbestimmungsrecht der Vorrang vor allen anderen Bestimmungen oder Regeln des V&ouml;lkerrechts zu geben.<\/li>\n<li>Die Feststellung stie&szlig; nicht auf Widerspruch, nach der die NATO bei dem Angriff gegen die Bundesrepublik Jugoslawien gegen jede internationale Regel und vor allem einschl&auml;gige Bestimmungen des V&ouml;lkerrechts versto&szlig;en habe.<\/li>\n<\/ol><p>Nach dieser sehr freim&uuml;tig verlaufenen Veranstaltung kommt man in Anbetracht der Teilnehmer und der Veranstalter nicht umhin, eine Bewertung der Aussagen auf dieser Konferenz vorzunehmen.<\/p><p><strong>Die amerikanische Seite scheint im globalen Kontext und zur Durchsetzung ihrer Ziele bewusst und gewollt die als Ergebnis von 2 Kriegen im letzten Jahrhundert entwickelte internationale Rechtsordnung aushebeln zu wollen. Macht soll Recht vorgehen. Wo internationales Recht im Wege steht, wird es beseitigt. Als eine &auml;hnliche Entwicklung den V&ouml;lkerbund traf, war der Zweite Weltkrieg nicht mehr fern. Ein Denken, das die eigenen Interessen so absolut sieht, kann nur totalit&auml;r genannt werden.<\/strong><\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nW. Wimmer<\/p><p>Titelbild: Kraeva Olga \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here CDU-Politiker hatte am 2. Mai 2000 einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der (SPD) geschrieben und darin von einer Konferenz berichtet, die von zwei US-amerikanischen Organisationen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava ausgerichtet worden war. Was dort beraten und von US-amerikanischer Seite als Planung vorgestellt wurde, erkl&auml;rt im Wesentlichen das jetzt aufgetretene Problem:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63885\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":63886,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169],"tags":[2102,1426,466,2333,259,1556,2940],"class_list":["post-63885","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-nato","tag-pompeo-mike","tag-russland","tag-usa","tag-weissrussland"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/shutterstock_1795437118.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63885"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63899,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63885\/revisions\/63899"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/63886"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}