{"id":6401,"date":"2010-08-05T11:55:59","date_gmt":"2010-08-05T09:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6401"},"modified":"2014-02-25T11:34:15","modified_gmt":"2014-02-25T10:34:15","slug":"steinbruecks-fehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6401","title":{"rendered":"Steinbr\u00fccks Fehler"},"content":{"rendered":"<p>Gestern strahlte der NDR eine Personality-Show unter dem Titel &bdquo;Steinbr&uuml;cks Blick in den Abgrund &ndash; Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers&ldquo; aus. Die Inszenierung der Sendung war darauf angelegt, Steinbr&uuml;cks Bild in den Geschichtsb&uuml;chern sch&ouml;n zu f&auml;rben. Die Show zeigte prompt ihre Medienwirkung: von der <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/interviewlamby100.html\">Tagesschau<\/a> &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,709865,00.html\">Spiegel<\/a> bis hinab zur <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/08\/04\/peer-steinbrueck-ex-finanzminister-renten-garantie-war\/einer-meiner-schwersten-fehler.html\">Bild-Zeitung<\/a> wurde die Sendung nahezu <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?q=Steinbr%C3%BCck+Fehler&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;aq=t&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a\">fl&auml;chendeckend<\/a> aufgegriffen. Die &bdquo;Rentengarantie&ldquo; als Eingest&auml;ndnis des &bdquo;schwersten Fehlers&ldquo; wurde zur Schlagzeile. Bei viel wichtigeren Themen, wo Steinbr&uuml;ck selbstkritisch wurde, gab es allerdings kaum ein Medienecho. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;ber Peer Steinbr&uuml;cks Fehler als Ministerpr&auml;sident Nordrhein-Westfalens und als Finanzminister haben wir in den &bdquo;Kritischen Jahrb&uuml;chern&ldquo; ganze Kapitel gef&uuml;llt.<br>\nUnter anderem <a href=\"?p=4062\">haben wir auch schon vor &uuml;ber einem Jahr kritisiert<\/a>, dass Steinbr&uuml;ck  am 10. Juli 2009, am Tag als die sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo; den Bundesrat passierte, im ARD-Morgenmagazin und in der Frankfurter Rundschau seine Bedenken anmeldete, obwohl diese Gesetzesvorlage mit seiner Zustimmung in die L&auml;nderkammer eingebracht wurde.<\/p><p>Wir haben Steinbr&uuml;ck schon damals vorgerechnet, dass er offenbar nicht wusste, wor&uuml;ber er redete. N&auml;mlich dass mit der sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo; die drastischen Rentenk&uuml;rzungen der vorausgegangen Jahre allenfalls vor&uuml;bergehend eingefroren wurden und dass die damalige Rentenerh&ouml;hung ab 2011 wieder zur&uuml;ckgefordert w&uuml;rde und jahrelange &bdquo;Nullrunden&ldquo; vorprogrammiert sind. (Lesen Sie dazu die einzelnen Fakten einfach <a href=\"?p=4062\">nochmals nach<\/a>)<br>\nDass Steinbr&uuml;ck auch noch im Nachhinein die sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo; als einen seiner &bdquo;schwersten Fehler&ldquo; eingesteht und das noch mit dem Argument der Generationengerechtigkeit, ist nur ein Beleg daf&uuml;r, dass er bis heute nicht nur an der Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente festh&auml;lt, sondern dass er ignoriert, dass es gerade die Rentenpolitik von Rot-Gr&uuml;n und der Gro&szlig;en Koalition gewesen ist, die die k&uuml;nftigen Generationen am st&auml;rksten treffen wird. Denn gerade dieser Generation droht durch die Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; Altersarmut, weil ein Durchschnittsverdiener im Jahre 2030 nach &uuml;ber 35 Jahren Arbeit nur noch eine Rente auf Grundsicherungsniveau erreichen wird. <\/p><p>Ich habe also Steinbr&uuml;ck gewiss nicht zu verteidigen, aber es ist schon kennzeichnend f&uuml;r unsere Medienlandschaft, dass gerade die Kritik an der sog. Rentengarantie in die Schlagzeilen gefunden hat. Hier wurde mal wieder Stimmung f&uuml;r Br&uuml;derles Vorsto&szlig; gemacht.<\/p><p>Die Felder, auf denen Steinbr&uuml;ck gleichfalls Fehler einger&auml;umt hat, die nicht das Thema Abbau des Sozialstaats betreffen und die viel gravierender sind, f&uuml;r die k&uuml;nftige Entwicklung, werden bestenfalls unter &bdquo;ferner liefen&ldquo; erw&auml;hnt. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck r&auml;umte etwa ein, dass man nach dem Ausbruch der Finanzkrise &bdquo;schneller und rigider&ldquo; h&auml;tte handeln und dass man etwa an die Hedge-Fonds h&auml;tte herangehen m&uuml;ssen. Die Umsetzung der G 20-Beschl&uuml;sse daure viel zu lang. Au&szlig;er Kommuniques sei bisher nicht viel herausgekommen.<br>\nWo er Recht hat, hat er Recht.<\/p><p>Eine viel bedeutendere Schlagzeile als die sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo; h&auml;tte Steinbr&uuml;cks Eingest&auml;ndnis sein m&uuml;ssen, dass &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; die Politik steuerten bzw. die Politik der Finanzwirtschaft hinterher trabe. <\/p><p>Wer Ohren hatte zu h&ouml;ren, der konnte auch heraush&ouml;ren, wie sehr er nach der Krisensitzung &uuml;ber die HRE Ende September 2008 unter dem Druck der Banker stand und man als verantwortlicher Politiker gar nicht mehr die Chance hatte dar&uuml;ber nachzudenken, als dabei der Staat &uuml;ber den Tisch gezogen wurde.<\/p><p>Der Filmautor Stephan Lamby wurde an einer Stelle sogar kritisch, als er Steinbr&uuml;ck die Koalitionsvereinbarung &uuml;ber die F&ouml;rderung des Finanzplatzes Deutschland vorlas. Auf diesen Vorhalt reagierte Steinbr&uuml;ck sichtlich ver&auml;rgert. Jetzt zu sagen &bdquo;wie bescheuert&ldquo; man gewesen sei, das sei doch &bdquo;Neunmalklug&ldquo;. Inzwischen seien wir alle schlauer, &bdquo;ich auch&ldquo;. Das ist das Eingest&auml;ndnis eines Fehlers, der weit gravierender war, als die sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo;. Man h&auml;tte nur gerne erfahren, wo Steinbr&uuml;ck inzwischen  schlauer geworden ist. <\/p><p>Um Steinbr&uuml;ck h&ouml;here Weihen angedeihen zu lassen, wurde in den Film ein Gespr&auml;ch mit dem Denkmal und Altkanzler Helmut Schmidt heineingeschnitten, in dem es um Politikverdrossenheit gehen sollte. Steinbr&uuml;ck beklagte dabei die Verachtung gegen&uuml;ber den Parteien und sah darin eine unselige wilhelminische Tradition der Deutschen. Steinbr&uuml;ck hat wohl die versteckte Kritik Schmidts gar nicht bemerkt, der nicht so sehr eine Verachtung der Parteien erkennen wollte, sondern eher eine &bdquo;Verachtung der Politiker&ldquo;. <\/p><p>Nachdem Schmidt massive Kritik am &bdquo;europ&auml;ischen Verein&ldquo; ge&uuml;bt hat, schwang sich Steinbr&uuml;ck zu der seherischen Aussage auf, dass &bdquo;Europa an die Peripherie des Weltgeschehens&ldquo; gerate. Er erkannte eine Systemkonkurrenz zwischen dem Marktkapitalismus westlicher Pr&auml;gung und dem Staatskapitalismus chinesischer Machart und es sei nicht ausgemacht, &bdquo;ob wir gewinnen&ldquo;. <\/p><p>Die Attraktivit&auml;t eines sozialen Wohlfahrtsstaates f&uuml;r die Menschen, scheint Steinbr&uuml;ck v&ouml;llig aus dem Ged&auml;chtnis geraten zu sein. Die Fixierung auf den &ouml;konomischen Wettbewerb blendet bei ihm offenbar den Gedanken aus, dass die Wirtschaft den Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt.  <\/p><p>Steinbr&uuml;ck beklagt zwar das Auseinanderdriften der Gesellschaft, aber er sieht die Ursache vor allem darin, dass die Oberschicht &bdquo;abgehoben&ldquo; und das &bdquo;Eliteverhalten&ldquo; seine &bdquo;Vorbildfunktion&ldquo; verloren habe. Er bef&uuml;rchtet, dass sich die &bdquo;wechselseitige Ignoranz&ldquo; &bdquo;ihre Kan&auml;le&ldquo; suche und spricht dabei ausdr&uuml;cklich die Krawalle im Schanzenviertel in Hamburg und beim 1. Mai in Berlin an. Dass er mit seiner Politik massiv zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen hat, erkennt er jedoch nicht als Kardinalfehler.  <\/p><p>Dass es gerade die Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherheit mit dem Rentenabbau und der Absturz in die Bed&uuml;rftigkeit bei Arbeitslosigkeit durch die Hartz-Gesetze war, verbunden mit der permanenten Umverteilung von unten nach oben, die zu dem Vertrauensverslust der Politiker &bdquo;inzwischen bei weiten Teilen der Bev&ouml;lkerung&ldquo; gef&uuml;hrt haben, von der  Einsicht in diese Fehler ist Steinbr&uuml;ck nach wie vor weit entfernt. F&uuml;r ihn ist dieser Vertrauensverlust keine Frage der Inhalte der Politik, sondern &ndash; wie schon in der Vergangenheit &ndash; ein Problem der Vermittlung oder Au&szlig;endarstellung der Politik: &bdquo;Die personellen Auswahlmechanismen der Politik und die Art ihrer Auftritte m&uuml;ssen sich fundamental &auml;ndern, um dieses Vertrauen zur&uuml;ckzugewinnen.&rdquo;<\/p><p>Was vor lauter &bdquo;Rentengarantie&ldquo; in den Medien auch noch an den Rand gedr&auml;ngt wurde, ist Steinbr&uuml;cks Einsch&auml;tzung der Wirtschaftskrise, die der allgemeinen Aufschwungeuphorie ziemlich entgegensteht:<br>\n &bdquo;Der Tiefpunkt wird innerhalb der n&auml;chsten zwei Jahre erreicht sein.&ldquo; Er misstraue den positiven Signalen aus der Wirtschaft. Zwar werde es einen leichten Aufstieg, aber dann noch einmal einen Einbruch geben, malte er aufs Papier. Grund f&uuml;r die d&uuml;stere Prognose seien &bdquo;die &Uuml;berhitzungen auf einigen asiatischen M&auml;rkten&ldquo; und die Entwicklung der Rohstoffpreise. Dass gerade die Rohstoffpreise Produkt einer neuen Spekulationswelle und eben gerade nicht &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo; sind, wird er vielleicht in ein paar Jahren als Fehler erkennen. Aber bis diese Blase platzt, &bdquo;trabt&ldquo; er wie bisher als Politiker &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; hinterher. <\/p><p>Zum Gl&uuml;ck schlie&szlig;t es Steinbr&uuml;ck ausdr&uuml;cklich aus, dass er ins Kanzleramt will. Leider ist es allerdings so, dass die derzeitige Amtsinhaberin und ihre potentiellen Nachfolger bis heute nicht erkannt haben, dass sie von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; gesteuert sind bzw. ihnen hinterher traben.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern strahlte der NDR eine Personality-Show unter dem Titel &bdquo;Steinbr&uuml;cks Blick in den Abgrund &ndash; Macht und Ohnmacht eines Krisenmanagers&ldquo; aus. Die Inszenierung der Sendung war darauf angelegt, Steinbr&uuml;cks Bild in den Geschichtsb&uuml;chern sch&ouml;n zu f&auml;rben. Die Show zeigte prompt ihre Medienwirkung: von der <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/interviewlamby100.html\">Tagesschau<\/a> &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,709865,00.html\">Spiegel<\/a> bis hinab zur <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/BILD\/politik\/2010\/08\/04\/peer-steinbrueck-ex-finanzminister-renten-garantie-war\/einer-meiner-schwersten-fehler.html\">Bild-Zeitung<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6401\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,50,123,85],"tags":[459,293,806,420,253,451],"class_list":["post-6401","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-finanzkrise","category-kampagnentarnworteneusprech","category-pr","tag-bild","tag-finanzwirtschaft","tag-rentengarantie","tag-spiegel","tag-steinbrueck-peer","tag-tagesschau"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6401"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6403,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6401\/revisions\/6403"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}