{"id":64023,"date":"2020-08-24T09:00:53","date_gmt":"2020-08-24T07:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64023"},"modified":"2020-08-24T14:22:42","modified_gmt":"2020-08-24T12:22:42","slug":"arbeit-demokratisieren-digitalisierung-gestalten-bisherige-formen-des-organisierten-und-arbeitsrechtlichen-widerstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64023","title":{"rendered":"Arbeit demokratisieren \u2013 Digitalisierung gestalten. Bisherige Formen des organisierten und arbeitsrechtlichen Widerstands"},"content":{"rendered":"<p>Digitalisierung ist Staatsaufgabe h&ouml;chster Priorit&auml;t. Das Feld ist bereits gut vorbereitet. Dennoch regen sich Kritik und Widerstand gegen einen weiteren, intensivierten Ausbau der Digitaltechnologie: Die M&ouml;glichkeit einer digitalen Total&uuml;berwachung wird ebenso vorstellbar wie der Verlust von immens vielen Arbeitspl&auml;tzen, von Privatheit, pers&ouml;nlicher Freiheit und demokratischer Teilhabe, psychischer und physischer Unversehrtheit. Der von der Neuen Gesellschaft f&uuml;r Psychologie herausgegebene Band &bdquo;<strong>Digitalisierung &ndash; Sirenenges&auml;nge oder Schlachtruf einer kannibalistischen Weltordnung<\/strong>&ldquo; stellt sich dem Thema der Digitalisierung in unterschiedlichen Facetten und Bereichen: Telematik und Digitalisierung der Psychotherapie, Digitalisierung der Arbeitswelt, des Gesundheits- und Bildungswesens, der milit&auml;rischen Eins&auml;tze, &Uuml;berwachung und soziale Kontrolle &ndash; sowie die Perspektiven des Widerstands dagegen. <strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong> geht in seinem Beitrag auf die bisherige und durch das Corona-Management beschleunigte Digitalisierung der Arbeit ein und pl&auml;diert f&uuml;r die R&uuml;ckbesinnung auf die von der EU verdr&auml;ngten Arbeitsrechte der UNO und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Und er skizziert eine menschenrechtliche Gestaltung digitalisierter Arbeit. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nDer Kampf um die menschenrechtliche Gestaltung digitalisierter Arbeit ist noch in den Anf&auml;ngen. Die ersten Pioniere der Digitalisierung wie Apple, Microsoft und die Chip-Hersteller des Silicon Valley haben global erfolgreich auf entrechtete Niedriglohnarbeit gesetzt, tun dies heute noch und &uuml;bergl&auml;nzen das mit ihren sauber erscheinenden Produkten und konsumentenfreundlichen Dienstleistungen. Ebenso agieren die neuen Akteure der Plattform-&Ouml;konomie wie Amazon (Handel), Uber (Fahrdienste), Deliveroo (Essensauslieferung) und Soziale Netzwerke (L&ouml;schdienste). Auch in traditionellen Branchen wie bei Autoherstellern und Medien wird Crowdworking ausgebaut (Einzel- und Kleinstauftr&auml;ge per App). <\/p><p>Im Folgenden werden einige bisherige Versuche vorgestellt, um digitalisierte Arbeit menschenrechtlich zu organisieren. Es handelt sich um Versuche, bei denen die Erfolge sich bestenfalls in Vor- und Teilformen des Menschenrechtlichen bewegen.<\/p><p><strong>International vernetzt gegen Amazon<\/strong><\/p><p>Amazon nutzt das Corona-Management zur Ausweitung seiner Marktmacht. In den USA wie in der EU werden arbeitslos gewordene Niedrigl&ouml;hner aus dem Hotel- und Gastronomiebereich angeworben. Trotz Covid-19-Infektionen wird in Fulfillment Centers weitergearbeitet. Die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung dringt auf die Ausweitung der Arbeit am Wochenende. Hersteller, die bisher den Vertrieb selbst organisiert haben, wechseln nun zwangsweise zu Amazon. Das betrifft zum Beispiel auch Toilettenpapier&nbsp;&ndash; es wurde in Superm&auml;rkten auch deshalb knapp, weil der Verkauf &uuml;ber Amazon verzehnfacht wurde (vgl. Kl&auml;sgen &amp; Wischmeyer 2020).<\/p><p>Im Kampf um Menschenrechte im Bereich der digital intensivierten Arbeit ist Amazon mit 650&#8197;000&nbsp;Besch&auml;ftigten weltweit einer der wichtigsten Widersacher: <\/p><ol>\n<li>Amazon verbreitet weltweit grunds&auml;tzlichen Hass gegen Gewerkschaften und jede Form der kollektiven Vertretung der Besch&auml;ftigten.<\/li>\n<li>Amazon f&ouml;rdert alle Formen der Prekarit&auml;t und der allseitigen und allzeitigen Verf&uuml;gung &uuml;ber die Arbeitskraft, auch in der Nacht und am Sonntag. <\/li>\n<li>Amazon setzt alle Formen der Digitalisierung und der K&uuml;nstlichen Intelligenz ein, um abh&auml;ngig Besch&auml;ftigte auszupressen, zu &uuml;berwachen, zu disziplinieren und m&ouml;glichst &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen.<\/li>\n<\/ol><p>In Polen unterh&auml;lt Amazon mithilfe hoher EU-Beihilfen vier Logistikzentren, die europaweit vernetzt sind, sowie ein Zentrum f&uuml;r Softwareentwicklung und einen Standort f&uuml;r den Cloud-Speicherdienst Amazon Web Services (AWS). Dort arbeiten 15&#8197;000&nbsp;Festangestellte&nbsp;&ndash; die Zahl der befristet Angestellten, der Saisonarbeiter und der Subunternehmen, darunter viele (Schein-)Selbstst&auml;ndige, ist nicht bekannt. <\/p><p>Im Juni 2015 ordneten die Amazon-Chefs im Fulfillment Center (FC) Poznan kurzfristig an, dass die Schichten fortan eine Stunde l&auml;nger dauern sollten. Mehrere Besch&auml;ftigte reagierten mit einem Bummelstreik. Der Grund f&uuml;r den Befehl: Im deutschen FC Bad Hersfeld hatten Besch&auml;ftigte wieder einmal gestreikt (vgl. Ruckus &amp; Pordrozny 2016).<br>\nDie unabh&auml;ngige Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (IP) mit ihren nur 300&nbsp;Mitgliedern hatte den Bummelstreik nicht selbst organisiert, aber einige Voraussetzungen daf&uuml;r geschaffen. Sie unterhielt schon einige Zeit Kontakte zu ver.di-Aktivisten im deutschen Bad Hersfeld und hatte in Poznan Flugbl&auml;tter &uuml;ber die Lage dort verteilt. So wussten die Besch&auml;ftigten in Poznan, dass sie gewisserma&szlig;en als Streikbrecher dienen sollten (vgl. Boewe &amp; Schulten 2019, S.&nbsp;23).<\/p><p><strong>10,5-Stunden-Schicht mit unbezahlter Pause<\/strong><\/p><p>Auch f&uuml;r weitergehende Streikaktionen gibt es viele Gr&uuml;nde. Gearbeitet wird in Schichten zu 10,5&nbsp;Stunden mit einer unbezahlten Halbstundenpause und in Bl&ouml;cken von je vier Arbeitstagen. F&uuml;r Nachtschichten und Sonntagsarbeit gibt es keine oder h&ouml;chstens minimale Zuschl&auml;ge. Video&uuml;berwachung auch in den Umkleider&auml;umen ist Standard. Amazon zahlt pro Stunde den jeweils von der Regierung beschlossenen Mindestlohn: Der wurde von 2015 bis 2019 schrittweise von 2,94&nbsp;Euro brutto auf 4,36&nbsp;Euro erh&ouml;ht.<\/p><p>IP organisierte im Folgejahr eine Urabstimmung f&uuml;r einen richtigen, legalen Streik. Die 2&#8197;000&nbsp;Stimmen daf&uuml;r reichten aber nach dem polnischen Arbeitsrecht nicht: F&uuml;r einen Streik m&uuml;ssen alle Besch&auml;ftigten befragt werden, nicht nur die Gewerkschaftsmitglieder, und es m&uuml;ssen mindestens f&uuml;nfzig Prozent f&uuml;r den Streik stimmen. Die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung hatte in angeordneten Betriebsversammlungen sowieso vor der Teilnahme an der Urabstimmung gewarnt&nbsp;&ndash; typische Union-Busting-Methoden (vgl. Wigand &amp; R&uuml;gemer 2017). Schon vorher hatte Amazon solche Methoden eingesetzt: Man lud nach dem Bummelstreik mehrere Besch&auml;ftigte zu Einzelverh&ouml;ren vor, dr&auml;ngte zu Aufhebungsvertr&auml;gen, lie&szlig; Erkl&auml;rungen unterschreiben, ob man am Bummelstreik beteiligt war und von wem man dazu aufgefordert worden sei. Einige verlie&szlig;en &raquo;freiwillig&laquo; die Arbeitsh&ouml;lle.<\/p><p>Die regierungsnahe Solidarno&#347;&#263; ist von Amazon offiziell als zust&auml;ndige Gewerkschaft anerkannt. Sie hatte bisher allen Praktiken von Amazon zugestimmt und den Bummelstreik, die Urabstimmung und die Forderungen der IP abgelehnt. Amazon bot an, nur mit Solidarno&#347;&#263; zu verhandeln.*<\/p><p>Den von IP ausgel&ouml;sten Druck konnte Solidarno&#347;&#263; schlie&szlig;lich aber nicht mehr ignorieren, die eigenen Mitglieder drohten wegzulaufen. So stellten Solidarno&#347;&#263; und IP 2019 gemeinsam Forderungen auf. Dazu geh&ouml;rt die Erh&ouml;hung des Stundenlohns von 5,89 bis 8,01&nbsp;Euro, also fast eine Verdoppelung zu den bisherigen L&ouml;hnen (vgl. ver.di publik, 2019).<\/p><p>Solidarno&#347;&#263; beteiligt sich inzwischen auch an den internationalen Vernetzungstreffen von Amazon-Besch&auml;ftigten. Zu den Treffen, die bisher in Br&uuml;ssel, Dublin und Berlin stattfanden, kommen mittlerweile 23&nbsp;Initiativen und Gewerkschaften aus 19&nbsp;Staaten, auch aus den Vereinigten Staaten, Pakistan, &Auml;gypten, Brasilien. Den Anfang machten ab 2013 die ersten Streiks im deutschen FC Bad Hersfeld. Streiks in Frankreich, Spanien, Italien folgten. Weil Amazon wegen der exzessiven Flug- und Lkw-Transporte einer der gr&ouml;&szlig;ten Luftvergifter ist, beteiligten sich 3&#8197;000&nbsp;Besch&auml;ftigte der Vereinigten Staaten im September 2019 am Global Climate Strike.<\/p><p>Die Gewerkschaft UNI Global Union &uuml;bernimmt die Koordination. Diese Gewerkschaft wurde 2000 gegr&uuml;ndet, hat ihren Sitz in der Schweiz, hat sich auf die global neuen Arbeitsbedingungen eingestellt und ist inzwischen in 150&nbsp;Staaten pr&auml;sent. In Polen hat sie in Absprache mit IP und Solidarno&#347;&#263; das Organizing Center COZZ eingerichtet.<\/p><p>&raquo;Der Kampf gegen die unternehmerische Gier Amazons ist einer der wichtigsten Arbeitsk&auml;mpfe der j&uuml;ngeren Geschichte&laquo;, bilanziert Christy Hoffman von der Gewerkschaft UNI Global Union (ver.di 2019).<\/p><p><strong>Gig-Worker gr&uuml;nden eigene Kooperative<\/strong><\/p><p>Plattform-Konzerne der sogenannten &raquo;Gig Economy&laquo;&nbsp;&ndash; Essensauslieferer wie Deliveroo, Foodora, UberEats, Taxidienste wie Lyft, Grab, Uber&nbsp;&ndash; vermitteln mithilfe von Apps Auftr&auml;ge zwischen Kunden und Ausf&uuml;hrenden. Die Konzerne sehen sich als reine Vermittlungsdienste. Die Besch&auml;ftigten sind nicht angestellt, nicht versichert und bringen m&ouml;glichst selbst ihre eigenen Fahrr&auml;der, Autos und sonstige Arbeitsutensilien mit. Zudem handelt es sich vielfach um Arbeit auf Abruf, bezahlt pro Lieferung mit unbezahlten Wartezeiten. Die Zahl der Gig Worker im kapitalistischen Westen wird auf sieben Millionen gesch&auml;tzt. Doch gegen diese weithin als rechtlos behandelte Scheinselbstst&auml;ndigkeit regt sich seit 2015 vielf&auml;ltiger Widerstand. <\/p><p>In England gingen Fahrradkuriere vor Gericht und klagten sich als regul&auml;r Besch&auml;ftigte ein. Das n&uuml;tzte allerdings nichts, denn sie wurden danach nicht angestellt. 2016 begannen 200&nbsp;Kuriere in London einen wilden Streik, unterst&uuml;tzt von der Gewerkschaft Independent Workers&rsquo; Union of Great Britain (IWGB), ausgel&ouml;st durch die Umstellung vom Stundenlohn auf St&uuml;cklohn. Der Streik war erfolgreich: R&uuml;ckkehr zum Stundenlohn und ein Pfund Pr&auml;mie zus&auml;tzlich pro Lieferung (vgl. Labournet, 2018).<\/p><p>&Auml;hnliche G&auml;nge vor Gericht, Streiks und Demonstrationen von Ridern folgten, teilweise nach englischem Vorbild, in Italien, Spanien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Einige Ex-Rider haben inzwischen eigene Kooperativen mit Festanstellung gegr&uuml;ndet, so Mensakas im spanischen Barcelona. Freilich ist das feste Einkommen gering (vgl. Mensakas 2018). Deliveroo und Co. beherrschen mit ihren Gro&szlig;investoren den Markt.<\/p><p><strong>Hedgefonds-Spekulant organisiert die neue Arbeiterklasse<\/strong><\/p><p>Ein Aufbruch wie bei den Fahrradkurieren entwickelte sich in den letzten Jahren auch unter (schein-)selbstst&auml;ndigen Fahrern bei den Taxikonzernen Uber, Lyft, Grab und Bolt. <\/p><p>Deshalb berief die Gewerkschaft IWGB f&uuml;r den 29.\/30.&#8197;Januar 2020 eine internationale Konferenz nach London ein. Organisatorin Nicole Moore von der Rideshare Drivers United (RDU) aus den Vereinigten Staaten erkl&auml;rte: <\/p><blockquote><p>\nWir sind alle der Ausbeutung durch die multinationalen Konzerne wie Uber ausgeliefert. Sie sch&ouml;pfen Milliardengewinne, indem sie die Arbeitsrechte unterlaufen und wir mit dem Armutslohn um unser &Uuml;berleben k&auml;mpfen. Globale Ausbeutung verlangt nach einer globalen Strategie des Widerstands, und genau das wollen wir mit unserer Konferenz.<br>\n(Independent Workers&rsquo; Union of Great Britain 2020)\n<\/p><\/blockquote><p>Dass da eine politisch wichtige Bewegung im Gange ist, hat allerdings auch die herrschende Klasse verstanden. Sie ist seit Jahren global intensiv auf der Suche nach Initiativen, die mit dem gegenw&auml;rtigen Kapitalismus vereinbar sind oder vereinbar gemacht werden k&ouml;nnen und ihn systemkompatibel erneuern k&ouml;nnen. Vor allem wird dies gegenw&auml;rtig im Bereich Umwelt versucht. F&uuml;r den Bereich der Arbeitsverh&auml;ltnisse gr&uuml;ndete die Open Society Foundation des amerikanischen Hedgefonds-Spekulanten George Soros neuerdings auch die Abteilung &raquo;Fair Work Initiative&laquo;. Deren Direktorin begr&uuml;&szlig;te die Londoner Konferenz der Gig-Arbeiter und unterst&uuml;tzte &raquo;<em>strategies for new forms of global collective action<\/em>&laquo;, zu Deutsch: &raquo;Strategien f&uuml;r neue Formen globaler kollektiver Aktion&laquo; (Independent Workers&rsquo; Union of Great Britain, 2020).<\/p><p>Daf&uuml;r stellt die Soros-Stiftung einige Millionen bereit: Initiativen aus 23&nbsp;L&auml;ndern waren eingeladen, aus allen Kontinenten, aus Gro&szlig;britannien, Frankreich genauso wie aus Australien, Bangladesch, Indien, Kambodscha, Indonesien, Malaysia, Pakistan, aus den Vereinigten Staaten und Kanada, aus Panama, Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Uruguay, aus S&uuml;dafrika, Kenia und Nigeria.<\/p><p>Auch die Elite-Universit&auml;t Oxford betreibt ein Gro&szlig;projekt f&uuml;r Fair Work: &raquo;Towards fair work in the platform economy&laquo;. Sponsoren sind unter anderem Google, Facebook, Microsoft, die NATO, die Europ&auml;ische Kommission und private Unternehmensstiftungen wie die des New Yorker Hedgefonds-Gr&uuml;nders Julian Robertson (vgl. Oxford Internet Institute 2020). Sie organisieren nun die neue Kollektivit&auml;t der neuen Arbeiterklasse&nbsp;&ndash; sie versuchen es.<\/p><p><strong>Crowdworking: Isoliert, ungesch&uuml;tzt, schlecht bezahlt<\/strong><\/p><p>Crowdworking besteht darin, dass Arbeit in m&ouml;glichst viele inhaltliche und zeitliche Portionen aufgeteilt und ohne Arbeitsvertrag projektartig per App an voneinander isolierte, weltweit verstreute Besch&auml;ftigte vergeben wird. Die Arbeitszeit wird nicht festgelegt, soll aber m&ouml;glichst kurz sein. Die Auftr&auml;ge k&ouml;nnen ein ganzes Projekt umfassen, das mit mehreren 10&#8197;000&nbsp;Euro oder Dollar bezahlt wird&nbsp;&ndash; wobei der Lohn pro Stunde in vielen F&auml;llen bestenfalls nur zwei Dollar ergibt. Die Portionen k&ouml;nnen aber auch so klein sein, dass sie jeweils nur mit einem Dollar oder zwei Euro &uuml;ber PayPal verg&uuml;tet werden. Wann und ob der n&auml;chste Auftrag kommt, ist ungewiss.<\/p><p>So vergeben gegenw&auml;rtig etwa Autokonzerne an Tausende Crowdworker eng definierte Einzelauftr&auml;ge f&uuml;r die Entwicklung selbstfahrender Autos und Lufttaxis. Die Crowdworker sollen m&ouml;glichst billig sein. Deshalb suchen Plattform-Unternehmen im Auftrag der Konzerne st&auml;ndig Krisenstaaten wie Venezuela, Italien und Serbien nach qualifizierten Arbeitslosen ab. Diese bereiten Millionen von Bilddateien mit allen nur m&ouml;glichen Verkehrssituationen so auf, dass die lernenden Maschinen daraus Algorithmen entwickeln (vgl. Gerlach 2019).<\/p><p>Seit 2015 haben sich Gewerkschaften mehrerer Staaten vernetzt, um die Interessen von Crowdworkern zu vertreten, etwa die IG Metall aus Deutschland, der &Ouml;sterreichische Gewerkschaftsbund, die IWGB aus England, aus den Vereinigten Staaten die Teamsters 117 und die Freelancers Union. Sie nehmen nun auch die untypischen Crowdworker als Mitglieder auf (vgl. IG Metall 2017). <\/p><p>Die Plattform-Unternehmer behandeln die Besch&auml;ftigten als isolierte Selbstst&auml;ndige, als &raquo;freie Unternehmer&laquo;: Es bestehe kein Arbeitsverh&auml;ltnis. Die Ann&auml;herung an das Menschenrecht auf Arbeit besteht also erst einmal darin, den Status als rechtsf&auml;higer Arbeitnehmer zu erringen. Deshalb zieht die IG Metall seit 2019 einen Fall exemplarisch gerichtlich durch. Ein Crowdworker hatte f&uuml;r die Plattform &raquo;Roamler&laquo; w&auml;hrend eines Jahres 2&#8197;978&nbsp;Einzelauftr&auml;ge durchgef&uuml;hrt. Sie bestanden in Fotos, die er zur mehr oder weniger werbewirksamen Platzierung einzelner Produkte in Regalen von Superm&auml;rkten machen musste. Er verdiente damit durchschnittlich 1&#8197;750&nbsp;Euro pro Monat und war der belobigte Topverdiener der Plattform. Nach einem Jahr bekam er keine Auftr&auml;ge mehr, die Plattform erkl&auml;rte, mit der Qualit&auml;t der Fotos nicht mehr zufrieden zu sein. <\/p><p>Das Landesarbeitsgericht wies die Klage auf den Status auf abh&auml;ngige, weisungsgebundene Besch&auml;ftigung mit K&uuml;ndigungsschutz im Dezember 2019 ab. Der Kl&auml;ger geht mit der IG Metall und dem gewerkschaftsnahen M&uuml;nchner Rechtsanwalt R&uuml;diger Helm vor das Bundesarbeitsgericht (vgl. Fu&szlig; 2020).<\/p><p>So sehr solche rechtlichen Verfahren zu begr&uuml;&szlig;en sind, so geht wohl nichts daran vorbei, dass die inzwischen Millionen Crowdworker direkte und &ouml;ffentlich aktive Organisationsformen finden. Aber wie kommt man heraus aus der vom Kapital organisierten Vereinzelung?<\/p><p><em>Klaus-J&uuml;rgen Bruder u.a. (Hg.): &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Digitalisierung.html?listtype=search&amp;searchparam=Klaus%2520J%25C3%25BCrgen%2520bruder\">Digitalisierung &ndash; Sirenent&ouml;ne oder Schlachtruf der kannibalistischen Weltordnung<\/a>&ldquo;, 336 Seiten, Westend Verlag, 3.8.2020<\/em><\/p><p>* An dieser Stelle befand sich zuvor eine fehlerhafte Formulierung, die auch im Buch so abgedruckt wurde. Nach R&uuml;cksprache mit dem Autor Werner R&uuml;gemer wurde diese Stelle hier nun berichtigt und wird auch in eventuell folgenden Ausgaben des Buches korrigiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitalisierung ist Staatsaufgabe h&ouml;chster Priorit&auml;t. Das Feld ist bereits gut vorbereitet. 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