{"id":64161,"date":"2020-08-31T09:00:01","date_gmt":"2020-08-31T07:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64161"},"modified":"2020-08-31T11:10:04","modified_gmt":"2020-08-31T09:10:04","slug":"der-begrenzte-planet-und-die-unbegrenzte-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64161","title":{"rendered":"Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Mit einer Brutalit&auml;t ohnegleichen hat sich der Mensch die Natur untertan gemacht. Die Folgen bekommen wir gerade heftig zu sp&uuml;ren. Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind klar und nicht zu widerlegen: Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen ist unbegrenztes Wachstum mit fortdauerndem Ressourcenverbrauch nicht machbar. <strong>Heiner Flassbeck<\/strong> benennt in seinem <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Der-begrenzte-Planet-und-die-unbegrenzte-Wirtschaft.html?listtype=search&amp;searchparam=flassbeck\">neuen Buch<\/a> die Probleme und Herausforderungen, denen wir uns im 21. Jahrhundert stellen m&uuml;ssen. Und er zeigt konkret, wie wir &Ouml;kologie und &Ouml;konomie vers&ouml;hnen k&ouml;nnen. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nVieles steht auf dem Spiel. Manche sagen, es gehe um alles. In der Tat geht es um die Frage, ob eine wachsende und nach Wohlstand gierende Menschheit in der Lage ist, sich auf einem begrenzten Planeten so einzurichten, dass auch die den Menschen umgebende und f&uuml;r sein eigenes &Uuml;berleben unabdingbare Natur eine Chance hat. Doch es geht auch darum, ob das &raquo;Einrichten der Menschen&laquo; in &Uuml;bereinstimmung zu bringen ist mit demokratischen Prozessen und mit einer Wirtschaft, die der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen bei einer &ouml;kologisch nachhaltigen Entwicklung eine Chance gibt, ihre pers&ouml;nlichen Lebensumst&auml;nde zu verbessern. Gelingt Letzteres nicht, wird es global gesehen keine demokratischen Mehrheiten f&uuml;r die massive Ver&auml;nderung der Lebensumst&auml;nde geben, die in jedem Fall notwendig ist, um die Menschheit auf einen naturvertr&auml;glichen Pfad zu f&uuml;hren.<\/p><p>Die Einsichten der Naturwissenschaftler sind klar und nicht zu widerlegen. Sie verweisen zu Recht darauf, dass es auf einem begrenzten Planeten mit begrenzten Ressourcen nun einmal nicht unbegrenztes Wachstum und fortdauernden Ressourcenverbrauch geben k&ouml;nne. Drei Erden, so die Wachstumskritiker, brauche man, wenn die Menschheit noch hundert Jahre so weitermache. Da es die offensichtlich nicht gebe, m&uuml;sse man sofort umkehren, weil sonst die Sch&auml;den, die der Mensch diesem Planeten zuf&uuml;ge, nicht wiedergutzumachen seien. <\/p><p>Auch die menschliche Bev&ouml;lkerung, das scheint aus naturwissenschaftlicher Sicht ebenso offensichtlich, k&ouml;nne nicht unbegrenzt weiterwachsen. Ob der Planet mehr als zehn Milliarden Menschen verkraften kann, ist zumindest eine sehr offene Frage. Doch auch mit dieser Feststellung ist nichts gewonnen. Wer soll und muss sich anpassen? Um diese Frage geht es, und sie ist nicht leicht zu beantworten. Westlich-n&ouml;rdliche Vorstellungen davon, wie man &raquo;die Entwicklungsl&auml;nder&laquo; davon &raquo;&uuml;berzeugt&laquo;, in geringerem Ma&szlig;e auf Bev&ouml;lkerungswachstum zu setzen, sind jedenfalls v&ouml;llig fehl am Platz. Auch hier kann man den &auml;rmeren L&auml;ndern nicht verweigern, das zu tun, was die entwickelten L&auml;nder vorgemacht haben, n&auml;mlich genau den Zeitpunkt anzustreben, bei dem sich das Bev&ouml;lkerungswachstum abflacht, weil ein gewisser Lebensstandard erreicht wurde.<\/p><p>Gleichwohl sind die naturwissenschaftlichen Argumente insgesamt &uuml;berzeugend. Wenn der letzte Liter &Ouml;l aus dem W&uuml;stensand gekratzt und der letzte Zentner Kohle gehoben ist, kann niemand die fossilen Rohstoffe zur&uuml;ckholen, die sich &uuml;ber Milliarden von Jahren gebildet haben. Niemand kann sie recyceln und von Neuem verbrauchen. Das Gesetz der Entropie hat sich ihrer bem&auml;chtigt. Zwar sind die Stoffe noch da, aber nie mehr in einer Form, die f&uuml;r den Menschen nutzbar ist. Auch viele andere Materialien werden fr&uuml;her oder sp&auml;ter so in menschliche Produkte und Konstruktionen eingebunden sein, dass sie nur mit wirtschaftlich nicht zu vertretenden Kosten zur&uuml;ckgewonnen werden k&ouml;nnten. Selbst Sand, der sich zum Bauen eignet, ist schon heute auf dieser Erde knapp.<\/p><p>Die Angst vor den Folgen rasanter menschlicher Wirtschaftsaktivit&auml;t ist nicht neu. Schon in den F&uuml;nfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts schrieb Kenneth Boulding, ein &Ouml;konom, &uuml;ber die wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse des Planeten Erde und warnte vor der Endlichkeit der Ressourcen. In den Siebzigerjahren war es der Club of Rome, der eine Studie anstie&szlig;, die &raquo;Grenzen des Wachstums&laquo; postulierte und von vielen als der Beginn der gr&uuml;nen Bewegung angesehen wird. Seit den Neunzigerjahren ist es die Klimaforschung, die vor den Folgen eines ungehemmten Aussto&szlig;es von CO2 warnt und f&uuml;r die n&auml;chsten Jahrzehnte eine Erw&auml;rmung des Planeten Erde vorhersagt, die ungeahnt negative Folgen f&uuml;r die Menschheit haben k&ouml;nnte.<\/p><p>Kein vern&uuml;nftiger Mensch kann bestreiten, dass der Homo sapiens (der wissende Mensch) bis heute schon mit seinem Planeten in einer Art und Weise umgesprungen ist, die nur pathologisch genannt werden kann. Mit einer Brutalit&auml;t ohnegleichen hat er sich die Natur untertan gemacht, hat die Landschaft nach seinen W&uuml;nschen geformt, die Natur zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, unz&auml;hlige Tierarten ausgerottet und selbst vor den gewaltigen Meeren hat seine Zerst&ouml;rungsgewalt nicht haltgemacht. Erm&ouml;glicht hat das die Verf&uuml;gbarkeit von Energie, in erster Linie die leichte Verf&uuml;gbarkeit von fossilen Energietr&auml;gern. <\/p><p>Und doch, obwohl das alles vollkommen unbestreitbar ist, gibt es keinen einfachen Weg zur&uuml;ck. Ja, es gibt nicht einmal einen einfachen Weg zum Stillstand, zu einem Zustand also, bei dem wenigstens nicht immer mehr verbraucht, zerst&ouml;rt und unwiederbringlich vernichtet wird. Die unertr&auml;gliche Spannung zwischen dem Wollen und M&uuml;ssen auf der einen Seite und dem Tun auf der anderen Seite ist ein Paradox. Die Menschheit versagt kollektiv und offenbar systematisch vor der Aufgabe, sich an die Begrenzungen, die von einer endlichen Erde gefordert werden, anzupassen. <\/p><p>Nun hat die Welt den gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftlichen Schock erlebt, den man sich zu Friedenszeiten vorstellen kann, und die Klimadebatte ist vor&uuml;bergehend verstummt. Der von den Regierungen der meisten L&auml;nder der Welt verordnete Stillstand der Wirtschaft, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, hat ungeahnt dramatisch negative Auswirkungen auf die Wirtschaftst&auml;tigkeit und d&uuml;rfte die Klimabewegung f&uuml;r viele Jahre zur&uuml;ckwerfen. Ja, zur&uuml;ckwerfen und nicht f&ouml;rdern!<\/p><p>Zwar gibt es einige, die glauben, die Mehrheit der Menschen habe w&auml;hrend des Stillstandes gesehen, wie sch&ouml;n die Welt sein k&ouml;nnte, wenn alles weniger hektisch und aufgeregt abl&auml;uft und am Himmel keine Kondensstreifen von Flugzeugen zu sehen sind. Doch das ist ein grandioser Irrtum. Diejenigen, die den Stillstand genossen haben, vergessen einfach die anderen, die durch den Stillstand in existentielle N&ouml;te gest&uuml;rzt worden sind, seien es Unternehmer, die ihre Firmen nicht retten konnten, seien es Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verloren haben. <\/p><p>Der Corona-bedingte Stillstand, der vom Staat verordnet wurde und dessen Auswirkungen vom Staat mit gewaltigen Summen ged&auml;mpft werden sollen, wird in die Geschichte eingehen als das klassische Beispiel daf&uuml;r, wie die Staaten mit einseitigen Eingriffen in die Wirtschaft Ungl&uuml;ck und Arbeitslosigkeit erzeugen, ohne dass die Regierungen wirklich in der Lage w&auml;ren&nbsp;&ndash; selbst unter Einsatz gewaltiger Summen &ndash;, das Schlimmste zu verhindern. Jeder, der in Zukunft mit der Forderung kommt, eine wirtschaftliche T&auml;tigkeit m&uuml;sse vom Staat unterbunden werden, weil sie sch&auml;dlich f&uuml;r das Klima und die Umwelt ist, wird sich mit dem Corona-Schock und seinen Folgen konfrontiert sehen. <\/p><p>Arbeitslosigkeit ist sozusagen der nat&uuml;rliche Gegner der Umweltbewegung. Wer den Menschen einen Strukturwandel abverlangen will, der viele einzelne Arbeitspl&auml;tze kostet, muss in der Lage sein, an anderer Stelle so viele neue Arbeitspl&auml;tze zur Verf&uuml;gung zu stellen, dass der Wandel f&uuml;r die Masse der Menschen ertr&auml;glich wird. Das wirtschaftspolitische Versagen der Regierungen in der Coronakrise und der darauffolgende Anstieg der Arbeitslosigkeit vermindern in dramatischer Weise die Glaubw&uuml;rdigkeit jeder Politik, die Anpassung an nat&uuml;rliche Zw&auml;nge verlangt und gleichzeitig Ausgleich durch den Staat verspricht. [&hellip;]<\/p><p>&Ouml;kologie muss ein unaufl&ouml;slicher Teil der Wirtschaft werden, muss fest verankert werden in die Werte- und Konsumordnung der Menschen, in der sich bisher ganz &uuml;berwiegend die Nachfrage nach Wirtschaftsg&uuml;tern aneinanderreiht. Diese Verankerung ist m&ouml;glich, aber sie erfordert eine kompetente globale Staatengemeinschaft, die einerseits in der Lage ist, die wirtschaftlichen Folgen des &ouml;kologischen Umbaus der Wirtschaft abzufedern, und andererseits eine generelle Wirtschafts- und Verteilungspolitik zu verfolgen, mit der bei demokratischen Wahlen in den Nationalstaaten Mehrheiten gewonnen werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Von der Erf&uuml;llung dieser Voraussetzungen ist die internationale Staatengemeinschaft heute leider unendlich weit entfernt. Das liegt aber nicht einmal in erster Linie daran, dass es keine funktionsf&auml;hige internationale Staatengemeinschaft gibt, sondern daran, dass es weder auf der Weltebene noch in den Nationalstaaten eine tragf&auml;hige wirtschaftspolitische Konzeption gibt. Ohne dass wir wirklich beginnen zu begreifen, wie eine gemischte Wirtschaft aus staatlichen und privaten Akteuren funktioniert, sind wir einfach nicht in der Lage, das zu tun, was aus &ouml;kologischen Gr&uuml;nden notwendig und m&ouml;glich w&auml;re. <\/p><p>Hier, in der Unf&auml;higkeit der Staatengemeinschaft, sich auf ein koh&auml;rentes und empirisch abgesichertes Wirtschaftsmodell zu einigen, liegt das Haupthindernis f&uuml;r die mangelnde Bereitschaft der Politik, die &ouml;kologische Herausforderung anzunehmen. Die allenthalben in der Politik der westlichen Industriel&auml;nder zu beobachtende Angst, den Menschen eine schnellere und radikalere Anpassung an eine &ouml;kologisch vern&uuml;nftige Lebensweise zuzumuten, liegt ganz unmittelbar an ihrer Unf&auml;higkeit, auch in den Zeiten eines radikalen Strukturwandels eine Wirtschaftsdynamik in Gang zu setzen, die der Masse der Menschen die Zukunftsangst und insbesondere die Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nimmt.<\/p><p><em>Heiner Flassbeck: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Der-begrenzte-Planet-und-die-unbegrenzte-Wirtschaft.html?listtype=search&amp;searchparam=flassbeck\">Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft. Lassen sich &Ouml;konomie und &Ouml;kologie vers&ouml;hnen?<\/a>&ldquo;, 172 Seiten mit zahlreichen Grafiken, Westen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer Brutalit&auml;t ohnegleichen hat sich der Mensch die Natur untertan gemacht. Die Folgen bekommen wir gerade heftig zu sp&uuml;ren. 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