{"id":64196,"date":"2020-08-28T13:30:50","date_gmt":"2020-08-28T11:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64196"},"modified":"2020-08-28T17:38:46","modified_gmt":"2020-08-28T15:38:46","slug":"die-neue-spiessigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64196","title":{"rendered":"Die neue Spie\u00dfigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Manche erinnern sich vielleicht noch an den Medienhype um die &bdquo;Neue B&uuml;rgerlichkeit&ldquo;, der etwa Anfang der 2000er Jahre begann. Wahrscheinlich waren diese Diskussionen die Vorboten einer neuen Spie&szlig;igkeit, die der Ende 2019 verstorbene &ouml;sterreichische Soziologe Karl Kollmann in seinem letzten Buch mit dem Titel &bdquo;Die neuen Biedermenschen. Von der 68er-Rebellion zum linksliberalen Establishment&ldquo; aufs Korn nimmt. Seine These: Die Rebellion gegen den verstockten Nachkriegskonservatismus ist zu einem neuen Establishment erstarrt, das sich durch soziale Ungleichheit nicht aus der Ruhe bringen l&auml;sst. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nUm es gleich vorweg zu sagen: Das Buch von Karl Kollmann ist sperrig zu lesen. Und das liegt nicht an seiner Sprache. Sein Buch ist leicht verst&auml;ndlich geschrieben, bisweilen sogar etwas zu alltagssprachlich. Was es sperrig macht, ist, dass hier jemand geschrieben hat, der echt sauer war. Die Folge: Bisweilen ist es doch etwas ressentimentgeladen. Damit macht Kollmann es dem von ihm entbl&ouml;&szlig;ten linksliberalen Milieu etwas zu leicht, ihn als Autor zu diffamieren und nach dem Muster, das er selbst treffend beschrieben hat, in die rechte Ecke zu stellen. Aber da geh&ouml;rt er nicht hin. Auch wenn er an einigen Stellen im Buch richtig analysiert, aber unsinnige Schlussfolgerungen zieht (zum Beispiel beim Thema &bdquo;Erben&ldquo; auf Seite 196). Man k&ouml;nnte sagen, Karl Kollmann war so etwas wie ein Jan Fleischhauer auf altlinks. F&uuml;r ihn sind die konkreten Lebensbedingungen und Lebensrealit&auml;ten entscheidend f&uuml;r eine politische Einordnung, Bewertung und Positionierung. Und in seinem Buch verhehlt er nicht, dass er von der identit&auml;tspolitischen Linken nichts, aber auch gar nichts hielt. Seine Milieubeschreibungen sind dementsprechend polemisch, b&ouml;se und gnadenlos. Aber eben auch ein Lesegenuss. Denn sie treffen fast immer den Nagel pr&auml;zise auf den Kopf. Und deshalb lohnt sich die Lekt&uuml;re eben doch. Denn Kollmann beschreibt sehr treffend die Scheinheiligkeit, den Hochmut, die Infantilit&auml;ten und die Feindseligkeit und Vernichtungslust des linksliberalen, st&auml;dtischen Mittelschichtmilieus, das sich selbst ja nur allzu h&auml;ufig f&uuml;r den Gipfel der Sch&ouml;pfung h&auml;lt, was Lebensstil und Moral angeht.<\/p><p><strong>Der Autor<\/strong><\/p><p>Karl Kollmann wurde 1952 im nieder&ouml;sterreichischen Heidenreichstein geboren und war promovierter und habilitierter Soziologe und &Ouml;konom. Sein beruflicher Weg f&uuml;hrte ihn vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verein_f%C3%BCr_Konsumenteninformation\">Verein f&uuml;r Konsumenteninformation (VKI)<\/a> zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kammer_f%C3%BCr_Arbeiter_und_Angestellte\">Kammer f&uuml;r Arbeiter und Angestellte (AK)<\/a>, wo er ab 2002 bis zu seiner Pensionierung 2012 stellvertretender Abteilungsleiter der Abteilung Konsumentenpolitik war. Bis Ende 2018 war er Vorsitzender des Verbraucherrats beim <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Austrian_Standards_International\">Austrian Standards International<\/a>. Er verfasste eine Vielzahl an wissenschaftlichen und journalistischen Beitr&auml;gen in Zeitungen, Zeitschriften, Fachjournalen und Online-Zeitschriften und war Mitherausgeber&nbsp;des Jahrbuchs f&uuml;r Nachhaltige &Ouml;konomie. Wie schon erw&auml;hnt verstarb er im September 2019. <\/p><p>&Uuml;ber sich selbst schreibt er in seinem Buch, dass er in seiner Familie und Generation das einzige Kind war, das studieren konnte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&Uuml;blicherweise werden solche Kinder entweder &uuml;berangepasst und identifizieren sich mit dem fr&uuml;her als solchem nur unbewusst empfundenen Aggressor, zu dessen Milieu sie jetzt endlich zugeh&ouml;ren (wollen). Oder sie werden nie im neuen Milieu heimisch und bleiben fremd. Die schm&auml;hliche Anpassung d&uuml;rfte mir erspart geblieben sein, jedoch wirklich vertraut bleibt oder wird man dann nirgendwo mehr. An keinem Ort ganz zugeh&ouml;rig, also als sozialer Grenzg&auml;nger, hat einer jedoch die Chance des k&uuml;hlen und scharfen Blicks, wenn zumindest das ein kleiner Trost sein kann&ldquo; (S. 10).\n<\/p><\/blockquote><p>Seine Motivation zum Soziologen erkl&auml;rt er so: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wie im vorvorletzten Absatz hinreichend klar geworden sei d&uuml;rfte, war ich seit meiner Jugend mit der Gesellschaft, in der ich lebe, eher unzufrieden, trotz des m&ouml;glichen Aufstiegs. Zivilisiert, wenn auch eher &auml;rmlich aufgewachsen, hat mich weder unverhohlene Anpassung noch Anomie (die Unf&auml;higkeit, sich in die gesellschaftliche Ordnung einzuf&uuml;gen; UB) erfasst und mich dann zwangsneurotisch, hysterisch, unleidlich, kriminell oder zum Terroristen werden lassen. Sondern die indirekte Sublimationsleistung (Sublimieren = ins Erhabene steigern, l&auml;utern, verfeinern; UB) der Zivilisation, diese m&auml;chtige und doch gewaltsame friedensstiftende Kraft, hat mich dazu gebracht, das Interesse der Frage zuzuwenden, warum denn diese Gesellschaft (genauer: diese Gesellschaften der Welt) so unfreundlich, ungerecht, strukturell gewaltt&auml;tig und f&uuml;r viele Menschen so mies ist. Warum k&ouml;nnen Menschen nicht in Frieden miteinander leben, sei es im Kleinen, etwa in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, oder im Gro&szlig;en? Warum gibt es charakterlich gute und viel zu oft charakterlich schlechte, geh&auml;ssige Menschen? Unterschiedliche gesellschaftliche Systeme haben daran &uuml;brigens nichts ge&auml;ndert, &uuml;berall lie&szlig;en sich zu viele miese Charaktere finden&ldquo; (S. 12).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Milieus unserer Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Kollmann unterscheidet in unserer gegenw&auml;rtigen Gesellschaft zwischen zwei Gro&szlig;milieus: Die Postmaterialisten, die er auch als &bdquo;die neuen Biedermenschen&ldquo; bezeichnet, und die sich nach seiner Diagnose als fortschrittliche, weltoffene und vor allem tonangebende Gro&szlig;gruppe der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft verstehen. Die andere Gro&szlig;gruppe besteht nach seiner Definition aus den eher konventionell, bodenst&auml;ndig gebliebenen Traditionalisten, den Konservativen, die heute mitunter als &bdquo;rechts&ldquo; verachtet w&uuml;rden oder gar unter &bdquo;Nazi-Verdacht&ldquo; gestellt w&uuml;rden. Der Autor sagt selbst, dass er mit dieser Aufteilung vereinfache: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Feststellung von diesen zwei Milieus ist nat&uuml;rlich eine grobe Vereinfachung, genauer hingesehen sind es ohnedies vier Milieus: die neue linksliberale urbane akademische Mittelschicht, die alte traditionelle Mittelschicht, die mehr und mehr abgeh&auml;ngte traditionelle Unterschicht und dann eine kleine Oberschicht, die wirklich Wohlhabenden, &uuml;ber die allerdings die wenigsten Bescheid wissen&ldquo; (S. 7).\n<\/p><\/blockquote><p>Kollmann hat sein Buch &uuml;ber eine Zeitachse strukturiert und schildert ausf&uuml;hrlich die Entwicklung seit den 1960er-Jahren, weil er der Auffassung ist, dass man die heutigen gesellschaftlichen Zust&auml;nde und &bdquo;die neuen Biedermenschen&ldquo; nur verstehen kann, wenn man sie als die Nachfahren der 68er-Generation begreift. F&uuml;r meinen Geschmack ist dieser historisch-soziologische &Uuml;berblick allerdings etwas langatmig ausgefallen. Au&szlig;erdem enth&auml;lt er einige Passagen, bei denen ich wirklich ratlos bin, was er damit sagen will. Das von ihm so gut beschriebene Milieu der Linksliberalen w&uuml;rde ihm daf&uuml;r garantiert den Nazi-Verdacht anh&auml;ngen. Denn er schreibt an einer Stelle von einer &bdquo;von den Siegerm&auml;chten indoktrinierten Schuldkultur der Mitteleurop&auml;er&ldquo;. Wie ich schon sagte: Das Buch ist an einigen Stellen sperrig geschrieben. <\/p><p><strong>Die &bdquo;urfaschistische&ldquo; Falle<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;urfaschistische Falle&ldquo; nennt Kollmann einen Abschnitt im 7. Kapitel des Buches. Darin kritisiert er, dass es ein gro&szlig;es Vers&auml;umnis 68er-Generationen gewesen sei, dass sie gegen&uuml;ber ihrer eigenen sozialen Gruppe viel zu unkritisch gewesen seien, sich diese sch&ouml;ngeredet und nicht hinterfragt h&auml;tten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;War man f&uuml;r entspannteres, alternatives Leben und bessere Musik, so hie&szlig; das, dann sind das die Guten, und wie diese Guten sozial ticken, hat vorerst nicht weiter interessiert. Hauptsache man geh&ouml;rte dazu. Es wurde zwar viel &uuml;ber eine bessere Gesellschaft geredet, mitunter gelesen und geschrieben, aber wie soziale Mechanismen nun wirklich funktionieren, war nicht von Belang. Und das ist bis heute so geblieben, das linksgr&uuml;ne Milieu etwa hat sich in den letzten Jahrzehnten &uuml;berhaupt kein Wissen zum Thema Gruppenpsychologie, zur grunds&auml;tzlichen menschlichen Verfasstheit, also zu den Basics, wie das Soziale funktioniert, und damit zum &ndash; um einen Ausdruck von Umbert Eco an dieser Stelle zu verwenden &ndash; urfaschistischen, ur-archaischen Charakter der Gruppen und Gemeinschaften angeeignet, geschweige denn das thematisiert&ldquo; (S. 131-132).\n<\/p><\/blockquote><p>Seine Schlussfolgerung: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unsere menschlichen Gruppen sind keine harmonischen und netten Gebilde, sie bestrafen Abweichung, Renegatentum, Unterschiedlichkeiten, individuelle Differenz meist unerbittlich. Da hat sich wohl seit den steinzeitlichen Sammlern und J&auml;gern, den mittelalterlichen st&auml;dtischen Kommunen und den modernen Freundeskreisen nichts, an sich &uuml;berhaupt nichts ge&auml;ndert. Insofern sind Gruppen, Gruppierungen, Vereine, traditionelle Parteien, moderne Gr&uuml;ne, Hooligans, postmoderne Feminist*innen und alle anderen Gr&uuml;ppchen &auml;hnlicher Art, an sich nur alte Formen in neuen Schl&auml;uchen: immer wird, wer nicht mittut, hinausgedr&auml;ngt und ausgeschlossen&ldquo; (S. 131).\n<\/p><\/blockquote><p>Das klingt in manchen Ohren vielleicht so, als ob hier ein alter frustrierter Mann, der nicht mehr auf der H&ouml;he der Zeit ist, klagt und jammert. Bei  Feministinnen und Gr&uuml;nen soll es genauso zugehen wie bei Hooligans oder Steinzeitmenschen? Na, ist denn das nicht &uuml;bertrieben? Das sind doch alles so zivilisierte Menschen! Der Gr&uuml;nder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat es aber im Prinzip genauso gesehen. Er schrieb (frei aus dem Ged&auml;chtnis zitiert) &bdquo;Der Firnis der Zivilisation ist d&uuml;nn&ldquo;. Und wenn man sich ansieht, was f&uuml;r Vernichtungsfeldz&uuml;ge im Rahmen der &bdquo;Cancel Culture&ldquo; neuerdings auch in Deutschland im Namen der guten Sache praktiziert werden, dann kann man nur sagen: Der Mann hat Recht. Man sollte nicht glauben, dass es bei den &bdquo;guten&ldquo; Linksliberalen nicht auch ein hohes Ma&szlig; an Anf&auml;lligkeit f&uuml;r hochgradig aggressives und faschistisches Denken und Handeln gibt. <\/p><p><strong>Die systematische Selbst&uuml;bersch&auml;tzung vieler Menschen<\/strong><\/p><p>Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt, den auch Kollmann thematisiert, und der auch hier auf den NachDenkSeiten immer wieder Thema ist (siehe zum Beispiel im Text &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=57520\">Fl&uuml;chten oder Standhalten<\/a>&ldquo;): Konformit&auml;tsdruck. Kollmann schreibt dazu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<strong>Konformit&auml;tsdruck<\/strong> schleicht sich von selbst und meist unbemerkt ein, wo sich mehr als zwei Leute gruppieren. Dominante Meinungen in der Gruppe schaffen still und leise ein Framing, also eine Rahmung der eigenen Wahrnehmung und der anderen Gruppenmitglieder. &Ouml;fter ge&auml;u&szlig;erte Haltungen bewirken selbst bei einem zuf&auml;lligen Empf&auml;nger passives <strong>Lernen<\/strong> (Lernkurve: je &ouml;fter jemand eine Meinung h&ouml;rt, desto gel&auml;ufiger ist sie ihm). Gruppen und Gemeinschaften produzieren genau damit <strong>Gruppendenken<\/strong>, heute modisch oft als Filterblase oder, noch moderner, als &sbquo;bubble&rsquo; bezeichnet. Menschen sind tief gepr&auml;gt vom Bestreben nach <strong>Dissonanzminderung<\/strong>, also dem Vermeiden widersprechender Meinungen in der eigenen Anschauung, damit sind sie ausgesprochen anf&auml;llig f&uuml;r Konformit&auml;t. Ein Ausbrechen aus diesem Konformit&auml;tsdruck ist schwierig, mitunter gelingt das durch <strong>Reaktanz<\/strong> (Widerstand gegen Beeinflussung, wenn sie als solche erkannt wird, wenn man etwa darauf aufmerksam gemacht wird, dass man jetzt mit einer bestimmten Botschaft gerade manipuliert wird). Die meisten Menschen glauben jedoch, selbst wenig beeinflussbar zu sein, das ist eine systematische <strong>Selbst&uuml;bersch&auml;tzung<\/strong>. (&hellip;.) Durch Konformit&auml;tsdruck zustande gekommen, bleibt dann dem Einzelnen beim Verlust seines eigenst&auml;ndigen Denkens immerhin der w&auml;rmende Stallgeruch des Wir-Gef&uuml;hls. Das hat bei den mittelalterlichen Hexenverbrennungen gut (im Sinne der Gesellschaft damals) funktioniert, im Faschismus, Stalinismus und Maoismus war das ebenso. Und das l&auml;sst sich recht gut teilnehmend im Fernsehen beobachten, wenn Parteien einen Wahlsieg bejubeln und dabei johlen, schreien und feiern. Sich mit seiner Gruppe identifizieren, ist menschliche Verfassung und hier hat sich nichts ge&auml;ndert. Die 68er-Bewegung hatte so eine zweite Phase der Aufkl&auml;rung schlichtweg vergessen und nicht einmal versucht, die Psychologie oder diesen &rsquo;Urfaschismus&rsquo; der Gruppe aufzubrechen&ldquo; (S. 133-134).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die postmaterialistischen Linksliberalen sind alles andere als Konsumasketen<\/strong><\/p><p>Ein heute politisch sehr einflussreiches Erbe der 68er ist die Idee der Konsumkritik. Auch wird das linksliberal-gr&uuml;ne Milieu gerne als &bdquo;postmaterialistisch&ldquo; (post = nach) bezeichnet, also als ein Milieu, das von seinen Werten her nicht mehr materialistisch ausgerichtet ist. Kollmann schreibt dazu vollkommen zu recht, dass dies eine totale Fehleinsch&auml;tzung sei: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ein weit verbreiteter Fehler der Rezeption der Inglehartschen Ergebnisse und Daten (Roland Inglehart war mit seiner Studie &sbquo;Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt&rsquo; von 1989 quasi der Erfinder der Postmaterialismusthese; UB) war jedoch, diese zeitliche Entwicklung als ein Umbrechen von materiellen zu postmateriellen Haltungen misszuverstehen. N&auml;mlich anstelle der herk&ouml;mmlichen Interessen  an materiellen G&uuml;tern und Infrastrukturen, also Konsum, nun eine Zuwendung zu nicht an G&uuml;ter gebundenen Sachen zu unterstellen. So als w&auml;ren die Menschen, die J&uuml;ngeren vor allem, nun bescheidener geworden und h&auml;tten Konsum gewisserma&szlig;en hinter sich gelassen. Nein &ndash; es war eine additive Entwicklung: auf der Basis materiell guten Lebens ging es nun um mehr Mitbestimmung und pers&ouml;nliche Gestaltungsm&ouml;glichkeiten. Mit anderen Worten, hat man halbwegs guten Wohlstand, kann man beim Zuwachs etwas Pause machen, man braucht ihn nicht immer noch besser und gr&ouml;&szlig;er, sondern jetzt kann es um gutes Gewissen beim Konsum und um mehr Einfluss auf die Wirklichkeit, um eine Art von Selbstverwirklichung gehen&ldquo; (S. 64-65).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit fiel dazu ein Satz von dem franz&ouml;sischen Soziologen Pierre Bourdieu ein, den ich nach meiner Erinnerung in &bdquo;Die feinen Unterschiede&ldquo; gelesen habe: Konsumkritik ist eine Idee von Konsumenten. Genau das ist ein Punkt, denke ich, der vielen Menschen das linksliberale Milieu so unsympathisch macht: Sie glauben allen Ernstes, sie konsumieren auf einer moralisch h&ouml;herwertigen Ebene und halten sich auch deshalb f&uuml;r die moralisch &Uuml;berlegenen. Dabei sind sie oft die viel schlimmeren Materialisten als bekennende Materialisten aus der Arbeiterklasse, deren unerf&uuml;llter Wunschtraum es ist, einen Porsche zu fahren. Kollmann f&uuml;hrt dies in einem eigenen Abschnitt auch noch n&auml;her und sch&ouml;n ironisch aus. In dieser b&ouml;sen Ironie liegt seine gro&szlig;e St&auml;rke. Hier noch mal ein Beispiel: <\/p><p><strong>Die premium-veredelte Mittelklasse<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Auch beim Konsum sogenannter Premium-Mediocrity-Produkte geht es um (&hellip;) die Signalwirkung. Allerdings nicht mehr wie beim klassischen Luxusprodukt, beim Premiumauto, beim Porsche, um eine Zeigefunktion gegen&uuml;ber der gesamten sozialen Umwelt, etwa den vielen anonymen Autofahrern, mit denen man im Stra&szlig;enverkehr zu tun hat. Sondern es geht um die Peergroup, die Freunde und Bekannten. Durchschnittsware w&auml;re das gew&ouml;hnliche Mittelma&szlig; der alten Mittelschicht oder Unterschicht, gewisserma&szlig;en das BMW-Auto der jungen Prolls und jungen Migranten, das Pril, Persil oder die Siemens-Waschmaschine der Mittelschicht-Mammi. Viel zu gew&ouml;hnlich, igitt. Das gesuchte Produkt ist jenes, das vom Durchschnitt abhebt, &uuml;ber das man eine kleine Geschichte erz&auml;hlen oder begr&uuml;nden kann, warum sie nun so besonders ist. Der Flohmarkt-F&ouml;n (egal welche Marke) geht durch, ebenso die vom Gro&szlig;vater geerbte Rolex-Armbanduhr. Neu gekauft w&auml;re sie nur prolo, neureich. Um beim erw&auml;hnten F&ouml;n zu bleiben: ein Profiger&auml;t, das Friseure verwenden, das geht wieder, wegen Usability, Umweltschutz und Nachhaltigkeit usw.&ldquo; (S. 168).\n<\/p><\/blockquote><p>Mir f&auml;llt dazu ein, dass die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vertretung_des_Landes_Berlin_beim_Bund\">Bevollm&auml;chtigte des Landes Berlin beim Bund<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Staatssekret%C3%A4r\">Staatssekret&auml;rin<\/a> f&uuml;r <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%BCrgerschaftliches_Engagement\">B&uuml;rgerschaftliches Engagement<\/a> und Internationales in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Senatskanzlei_(Berlin)\">Berliner Senatskanzlei<\/a>, einmal einen furchtbaren Shitstorm erleiden musste, weil auf einem Bild zu sehen war, dass sie eine sehr teure Uhr einer Edelmarke trug. <\/p><p><strong>Die Bobo-Linke &ndash; blau&auml;ugige, narzisstische Dogmatiker<\/strong><\/p><p>Bobo &ndash; diese Abk&uuml;rzung steht f&uuml;r &bdquo;Bourgeois&ldquo; (satter, zufriedener Besitzb&uuml;rger) und &bdquo;Bohemien&ldquo; (Mensch, der ein unb&uuml;rgerliches und ungebundenes K&uuml;nstlerleben f&uuml;hrt). Und genau so sieht Kollmann das linksliberal-gr&uuml;ne Milieu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Linke, genauer: das linksliberale Milieu der Postmaterialisten, die Bobos und Hipster, sind beh&auml;bige Romantiker im Sp&auml;tkapitalismus. Die H&auml;rte und Ungerechtigkeit der Arbeitswelt und des allt&auml;glichen Lebens ist mittlerweile aus dem Vokabular der Linken verschwunden, beklagt sich Didier Eribon in seinem Buch <strong>R&uuml;ckkehr nach Reims<\/strong>. (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34796\">siehe dazu die Rezension auf den Nachdenkseiten<\/a>). Dies offenbar, da sie, die Linken, nun aus der Mittelschicht kommen, oder die Herkunft aus der Unterschicht umfassend verdr&auml;ngt und sich an die urbane Mittelschicht ein- und angepasst haben. (&hellip;.) Alte und neue Linke (das linksliberale, gr&uuml;ne, multikulturelle Milieu) stehen sich heute diametral gegen&uuml;ber. Verk&uuml;rzt gesagt: der ewige Kampf gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit und der neue Kampf gegen individuelle und kosmopolitische Respektlosigkeit k&ouml;nnen nichts miteinander anfangen. Dabei hatte die alte 68er-Linke damals beides halbwegs gut im Blick. Allerdings, alte Linke, vor allen die Undogmatischen und Lernf&auml;higen, bleiben heute kaum sichtbar &ndash; sie sind zum einen wohl ausgestorben, zum anderen haben sie sich eingesch&uuml;chtert verzogen oder stehen einfach nur still und bescheiden am Rand&ldquo; (S. 185).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Kollmanns Schlussfolgerung<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der beschriebene Konflikt, die Kluft zwischen den zwei gro&szlig;en Milieus, dem kleineren linksliberal-multikulturellen Milieu und dem gr&ouml;&szlig;eren traditionellen (kommunitaristischen), wird sich wohl nicht aufl&ouml;sen lassen. &Auml;hnlich wie zerstrittene, geh&auml;ssige Nachbarn, will jedes Lager &ndash; zumindest die Aktiven &ndash; nur recht behalten, sich durchsetzen, die andere Seite besch&auml;digen, zum Aufgeben zwingen oder vernichten. Das traditionelle Milieu hat dabei die schlechteren Karten, denn kulturelle Hegemonie haben l&auml;ngst schon die Linksliberalen &uuml;bernommen. F&uuml;r eine breitere Radikalisierung, au&szlig;er am linksextremen und rechtsextremen Rand, spricht allerdings wenig, daf&uuml;r sorgen schon die Konsumgesellschaft und der Erwerbsarbeitszwang, um an jener zu partizipieren&ldquo; (S. 203).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mein Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Kollmann portr&auml;tiert das linksliberale Milieu sehr gut. Das ist seine St&auml;rke, und das macht das Lesevergn&uuml;gen an seinem Buch aus. Es enth&auml;lt aber auch, wie schon ausgef&uuml;hrt, einige seltsame Passagen, die man eher bei einem traditionellen CDU-Politiker vermutet h&auml;tte oder einem Autor wie dem ehemaligen ZDF-Redakteur Peter Hahne. Ich kann sein Buch deshalb nicht uneingeschr&auml;nkt f&uuml;r jeden empfehlen. Da es auf Amazon keine Leseprobe zum Buch gibt, hier noch das Inhaltsverzeichnis:<\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><p>Kleine Vorbemerkung<\/p><ol>\n<li>Vergangenheitsbew&auml;ltigung 2.0: Die 1960er-Erfahrungen<\/li>\n<li>Der Zerfall kam dann doch schnell<\/li>\n<li>Die &Ouml;lpreiskrise sprengt den Optimismus &ndash; die zweite H&auml;lfte der 1970er- und 1980er-Jahre<\/li>\n<li>Etwas von &bdquo;postmaterialistischem&ldquo; Klima<\/li>\n<li>Moderne Lebensverh&auml;ltnisse<\/li>\n<li>Die gro&szlig;e Ungerechtigkeit &ndash; soziale Strukturen<\/li>\n<li>Milieus &ndash; Verklumpte soziale Gruppen<\/li>\n<li>Die Gesellschaft bleibt ein gro&szlig;es Internierungslager<\/li>\n<li>Die neue linksliberale Mittelschicht wird Meinungsf&uuml;hrer<\/li>\n<li>Normalisierungen: neue Standards, neue Kultur<\/li>\n<li>Die Bobo-Linke &ndash; blau&auml;ugige, narzisstische Dogmatiker<\/li>\n<\/ol><p>Nachdenklicher Epilog<\/p><p><strong>Karl Kollmann: Die neuen Biedermenschen. Von der 68er-Rebellion zum linksliberalen Establishment, Wien 2020, 206 Seiten, 19,90 Euro.<\/strong><\/p><p>Titelbild: Promedia<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche erinnern sich vielleicht noch an den Medienhype um die &bdquo;Neue B&uuml;rgerlichkeit&ldquo;, der etwa Anfang der 2000er Jahre begann. Wahrscheinlich waren diese Diskussionen die Vorboten einer neuen Spie&szlig;igkeit, die der Ende 2019 verstorbene &ouml;sterreichische Soziologe Karl Kollmann in seinem letzten Buch mit dem Titel &bdquo;Die neuen Biedermenschen. Von der 68er-Rebellion zum linksliberalen Establishment&ldquo; aufs Korn<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64196\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64197,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,208,161],"tags":[352,2269,2674,2554,854],"class_list":["post-64196","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ideologiekritik","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-68er","tag-konformitaetsdruck","tag-konsumismus","tag-linksliberalismus","tag-mittelschicht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/335b0f11d46aede61fdfb60b2a11a161-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64196","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64196"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64196\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64234,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64196\/revisions\/64234"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64196"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}