{"id":64242,"date":"2020-08-31T08:00:21","date_gmt":"2020-08-31T06:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64242"},"modified":"2020-08-31T10:33:03","modified_gmt":"2020-08-31T08:33:03","slug":"warum-wir-den-vorwurf-luegenpresse-ernst-nehmen-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64242","title":{"rendered":"Warum wir den Vorwurf \u201eL\u00fcgenpresse\u201c ernstnehmen sollten."},"content":{"rendered":"<p>Die Journalistin <strong>Gabriela Uhde<\/strong> hat aus Anlass des Demonstrationsgeschehens und des Umgangs unserer Medien damit einen Kommentar f&uuml;r die NachDenkSeiten geschrieben, den wir Ihnen zum Abschluss des Demonstrationswochenendes und zur Einstimmung auf viele Berichterstattungen und Kommentierungen des Geschehens gerne zur Kenntnis geben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Warum wir den Vorwurf &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; ernstnehmen sollten. <\/strong><br>\n<em>Von Gabriela Uhde[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/em><\/p><p>Am Samstagabend um 19.20 Uhr stand in den EPG-Informationen[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>] zur &bdquo;Heute&ldquo;-Sendung als Stichwort &uuml;ber die dort behandelten Themen: &bdquo;Demonstration gegen Corona-Ma&szlig;nahmen &ndash; Veranstaltung aufgel&ouml;st&ldquo;.<\/p><p>Das war, freundlich gesprochen, irref&uuml;hrend. Es konnte den Eindruck erwecken, dass die gesamten Aktivit&auml;ten der DemonstrantInnen in Berlin eingestellt worden w&auml;ren. Wer das las, wurde also falsch informiert.<\/p><p>Denn tats&auml;chlich war mittags ein Demonstrationszug in Berlin in der Friedrichstra&szlig;e aufgel&ouml;st worden, doch die Kundgebung an der Siegess&auml;ule war zu diesem Zeitpunkt noch in vollem Gange und wurde wie geplant erst sp&auml;t am Abend beendet.<\/p><p>Vier Wochen zuvor hatte sich Dunja Hayali f&uuml;r ihre ZDF-Sendung auf der Demonstration derselben &bdquo;Querdenker 711&ldquo; den Vorwurf &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; anh&ouml;ren m&uuml;ssen. Sie emp&ouml;rte sich dar&uuml;ber, dass diese Rufer damit die Pressefreiheit mit F&uuml;&szlig;en traten.<\/p><p>Das passt schlecht zusammen.<\/p><p>Wer wirklich daran interessiert ist, guten Journalismus zu betreiben, muss in der Lage sein, nicht nur Hintergr&uuml;nde zu entdecken, sondern auch stets sich selbst kritisch zu hinterfragen.<\/p><p>Und dann muss man feststellen: Ja, in den Medien werden tats&auml;chlich L&uuml;gen verbreitet. Tagt&auml;glich. Hinter so manch &ouml;ffentlich gegebenem Ehrenwort versteckten sich &uuml;ble Machenschaften.<\/p><p>Wie oft werden Politiker zitiert oder kommen im Fernsehen selbst zu Wort, die ihre Haut retten wollen, nachdem sie Unredliches getan haben? Wie viele B&uuml;rgermeister stellen der Leserschaft die Situation in ihrer Kommune anders dar, als sie in Wahrheit ist?! Die Agierenden selbst m&ouml;gen es vielleicht nicht so sehen, sehen sich in einer Verteidigungslage, in der ihnen jede Notl&uuml;ge erlaubt scheint. Doch es ist und bleibt eine L&uuml;ge, wenn man die Wahrheit verdreht.<\/p><p>Auch das Weglassen eines Teils der Realit&auml;t ist eine L&uuml;ge. Denn dies bedeutet, dass das Gesamtbild verf&auml;lscht dargestellt wird. Wir wissen alle, dass kein Mensch die ganze Wahrheit erkennen, geschweige denn abbilden kann. Sich aber bewusst auf einem Auge blind zu stellen, ist nur eine schlechte Angewohnheit, die man sehr schnell ablegen kann.<\/p><p>Ja, es gibt eine &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo;. Und: Ja, das darf man sagen. Denn nur, indem ein Missstand &ouml;ffentlich benannt wird, kann man Abhilfe schaffen.<\/p><p>Der erste Schritt zur Abhilfe ist, sich die Wahrheit einzugestehen. Der zweite Schritt besteht im Willen zur Ver&auml;nderung, der dritte in der Untersuchung, warum es dazu gekommen ist.<\/p><p>&bdquo;Mann bei&szlig;t Hund&ldquo; &ndash; Welcher Journalist, welche Kollegin kennt diesen Satz nicht, der angeblich vom Herausgeber der &bdquo;New York Sun&ldquo;, John B. Bogart, stammt. Will hei&szlig;en: Nur das, was ungew&ouml;hnlich ist, taugt, als Nachricht in der Zeitung ver&ouml;ffentlicht zu werden. Diesem Gesetz folgt die Sensationspresse. Damit verkauft sie ihre Bl&auml;tter.<\/p><p>F&uuml;r den Rest der Presselandschaft sollte dieser Satz freilich nicht gelten. Denn deren LeserInnen wollen vor allem eins: sich &uuml;ber das, was vor ihrer Haust&uuml;r und was in der Welt geschieht, informieren.<\/p><p>Unerm&uuml;dlich bekr&auml;ftigen Polizeisprecher, dass die wenigsten Verbrechen in der Stadt alte Omas betreffen, denen die Handtasche geklaut wird, sondern dass die meisten Straftaten junge M&auml;nner vor allem untereinander begehen. Dennoch traut sich kaum eine Frau nach Einbruch der Dunkelheit noch allein vor die T&uuml;re.<\/p><p>Verleger und Chefredakteure sagen: Die Polizeimeldungen sind das, was am meisten gelesen wird. Nat&uuml;rlich wollen wir, dass unser Blatt gelesen wird. Aber wir m&uuml;ssen uns auch unserer Verantwortung dar&uuml;ber klar sein, dass wir das Weltbild vieler Menschen pr&auml;gen.<\/p><p>Eine Zeitung ohne Polizeimeldungen ist m&ouml;glich.<\/p><p>Egon Erwin Kisch rief die Journalisten seiner Zeit auf, ihre Redaktionen zu verlassen und hinauszugehen, um sich das Geschehen &bdquo;live&ldquo; anzuschauen. Ber&uuml;hmt ist sein Zitat: &bdquo;Nichts ist erregender als die Wahrheit.&ldquo;<\/p><p>Den ersten Schritt hatte Dunja Hayali gemacht. Sie ging hinaus, sah sich die Demonstration mit eigenen Augen an. Und man fragt sich, warum sie diejenigen, die &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; skandierten, nicht gefragt hat, wie sie zu dieser Meinung gekommen sind. Es mag vielleicht nicht gerade sehr einladend klingen, mit einem diffamierenden Begriff konfrontiert zu werden, aber als Vollblut-Journalistin steckt man die pers&ouml;nliche Befindlichkeit weg und versucht, die Hintergr&uuml;nde herauszufinden.<\/p><p>Seit Jahrzehnten ist es Usus in der deutschen Medienlandschaft, dass &uuml;ber Demonstrationen im eigenen Land auf immer gleiche Art und Weise berichtet wird: Wieviele Teilnehmer es gab (nach Angaben der Polizei und nach Angaben der Veranstalter), wie viele Polizeikr&auml;fte vor Ort waren und ob es zu Gewalt und Festnahmen kam. Am perversesten ist der oft zu lesende Satz &bdquo;Zu gewaltt&auml;tigen Ausschreitungen ist es nicht gekommen&ldquo;. Das widerspricht den Grunds&auml;tzen des journalistischen Handwerks: Wir haben zu schreiben, was passiert, nicht das, was <em>nicht<\/em> passiert ist. Es entsteht dadurch leider der Eindruck, als bedauere der\/die SchreiberIn, dass nicht doch etwas Aufregendes passiert ist.<\/p><p>Von den inhaltlichen Fragen und Forderungen, die die Leute auf der Demo laut &auml;u&szlig;ern, erf&auml;hrt man in den Mainstream-Medien so gut wie nichts. Anders als bei sonstigen Veranstaltungen, wo die Redebeitr&auml;ge ausf&uuml;hrlich zitiert, die Absicht der Vortragenden, ihr Fachwissen, ihre Anregungen f&uuml;r alle, die nicht dabei waren, komprimiert mitgeteilt wird. <\/p><p>Meist wird &uuml;ber Demonstrationen im Ausland mehr inhaltlich berichtet, als &uuml;ber jene im Inland. Weil die hiesigen vorrangig Kritik an <em>unserer<\/em> Regierung &auml;u&szlig;ern. Es ist nat&uuml;rlich immer leichter, jemand anderem zu sagen, wie er sich zu verhalten habe. Es ist einfacher, der Regierung eines anderen Staates zu sagen, sie solle die Freiheitsrechte der Bev&ouml;lkerung respektieren. Wer &uuml;ber die Kritik an der <em>eigenen<\/em> Regierung auf gleiche Weise berichtet, f&auml;hrt sich den Ruf des Nestbeschmutzers ein und seine Karriere kann er sich abschminken.<\/p><p>Nun darf sich aber eine Presse, die sich wirklich als &bdquo;Vierte Macht&ldquo; im Staate versteht, nicht an den Interessen der Regierung orientieren, sondern muss das, was die Menschen mit ihrem Recht auf Meinungs&auml;u&szlig;erung auf einer Demonstration sagen, auch weitertragen, parallel zu den ge&auml;u&szlig;erten Einsch&auml;tzungen von Politikerseite in den Berichten.<\/p><p>Ein Anfang w&auml;re vielleicht, wenn man &uuml;ber Demonstrationen dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung wie vorigen Samstag in Berlin im ZDF in einer Sondersendung berichtet, in der die wesentlichen Redebeitr&auml;ge zusammengefasst und im O-Ton zu h&ouml;ren sind. Dies f&uuml;r all jene, die nicht dabei waren und die nicht die Zeit haben, sich alle Videos in voller L&auml;nge anzuschauen. Damit sie sich in kurzer Zeit m&ouml;glichst umfassend &uuml;ber das Geschehene informieren k&ouml;nnen. Das ist die Aufgabe des Journalismus: Das Material zu liefern, aufgrund dessen sich die m&uuml;ndige B&uuml;rgerschaft dann ihre eigene Meinung bilden kann.<\/p><p>Wir haben uns offenbar schon so sehr daran gew&ouml;hnt, dass uns gar nicht mehr auff&auml;llt, wie klischeehaft &uuml;ber Demonstrationen berichtet wird. Wir w&uuml;rden es erst dann merken, wenn man &uuml;ber eine Gemeinderatssitzung ebenso schreibt: &bdquo;Es waren 30 Gemeinder&auml;tinnen und -r&auml;te anwesend, im Zuschauerraum sa&szlig;en weitere acht Personen. Zu gewaltt&auml;tigen Ausschreitungen ist es nicht gekommen.&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Gabriela Uhde ist seit fast 40 Jahren Journalistin (Volontariat 1981-1983) und hat u.a. f&uuml;r die &bdquo;Stuttgarter Zeitung&ldquo; und die Politikredaktion des SDR-Fernsehens gearbeitet.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] EPG &ndash; Elektronischer Programmf&uuml;hrer. <a href=\"http:\/\/www.tab-multimedia.de\/zdf_electronic_programm_guide.htm\">Zum ZDF siehe hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Journalistin <strong>Gabriela Uhde<\/strong> hat aus Anlass des Demonstrationsgeschehens und des Umgangs unserer Medien damit einen Kommentar f&uuml;r die NachDenkSeiten geschrieben, den wir Ihnen zum Abschluss des Demonstrationswochenendes und zur Einstimmung auf viele Berichterstattungen und Kommentierungen des Geschehens gerne zur Kenntnis geben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[60,183,161],"tags":[282,1919,244],"class_list":["post-64242","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innere-sicherheit","category-medienkritik","category-wertedebatte","tag-buergerproteste","tag-lueckenpresse","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64242","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64242"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64242\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64267,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64242\/revisions\/64267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}