{"id":64301,"date":"2020-09-01T10:00:39","date_gmt":"2020-09-01T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64301"},"modified":"2020-09-01T11:02:09","modified_gmt":"2020-09-01T09:02:09","slug":"benjamin-netanyahu-der-magier-kaempft-um-sein-politisches-ueberleben-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64301","title":{"rendered":"Benjamin Netanyahu \u2013 der \u201eMagier\u201c k\u00e4mpft um sein politisches \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p>Anfang Juli bangte die Welt, ob die israelische Regierung ihre Ank&uuml;ndigungen wahrmachen und weite Teile des pal&auml;stinensischen Westjordanlands annektieren w&uuml;rde &ndash; es blieb zun&auml;chst aus, zu gro&szlig; w&auml;re der globalpolitische Preis f&uuml;r Netanyahu gewesen. Bereits Ende Mai begann das Gerichtsverfahren gegen ihn wegen mehrerer F&auml;lle von Korruption und Bestechung &ndash; der erste amtierende Ministerpr&auml;sident des Landes vor Gericht. Seit Monaten gibt es im Land heftige Proteste, die einzig den R&uuml;cktritt Netanyahus zum Ziel haben. Erneut liegen Neuwahlen in der Luft. Mitte August erkl&auml;rten die Regierungen Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate in einem historischen Schritt, sie w&uuml;rden vollst&auml;ndige diplomatische Beziehungen aufnehmen, womit jetzt drei arabische L&auml;nder Israel anerkennen. Was all diese Ereignisse verbindet, ist die Person Benjamin Netanyahu, auch &bdquo;Magier&ldquo; genannt, der um sein politisches &Uuml;berleben k&auml;mpft. Von <strong>Jakob Reimann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn den letzten Wochen und Monaten gab es eine regelrechte Flut wichtiger Nachrichten aus Israel. Fragmentiert und isoliert betrachtet sind sie schwer zu verstehen, doch h&auml;ngen sie alle miteinander zusammen &ndash; denn sie haben bei genauem Hinsehen alle Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanyahu im Zentrum. Ein Versuch des Aufdr&ouml;selns und Neuzusammenf&uuml;gens.<\/p><p><strong>Wegen Korruptionsvorw&uuml;rfen auf der Anklagebank<\/strong><\/p><p>Seit Dezember 2016 ermittelt die israelische Polizei gegen Israels Ministerpr&auml;sidenten Benjamin Netanyahu in mehreren F&auml;llen verschiedener Korruptionsdelikte. Selbst vor Staatsgr&uuml;nder David Ben-Gurion ist Netanyahu der am l&auml;ngsten amtierende Ministerpr&auml;sident des Landes und mit dem <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/prozessbeginn-netanyahu-101.html\">Prozessauftakt am 24. Mai dieses Jahres<\/a> schrieb er erneut Geschichte: Nie zuvor sa&szlig; ein amtierender Regierungschef Israels auf der Anklagebank. Netanyahu sprach von Anfang an von &bdquo;haltlosen Anschuldigungen &hellip; Das ist ein Witz.&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/.premium-netanyahu-s-attorney-asks-court-for-six-month-delay-in-graft-trial-amid-covid-19-1.9004290\">Die zweite Anh&ouml;rung<\/a> begann Ende Juli, doch wird die eigentliche Beweisaufnahme coronabedingt erst im Januar aufgenommen. Von den urspr&uuml;nglich f&uuml;nf Ermittlungsverfahren wurden schlussendlich <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/2017-08-21\/der-untergang-des-benjamin-netanjahu\/\">drei zur Anklage gebracht<\/a>. Im ersten Fall sollen Netanyahu und seine Frau Sara f&uuml;r diverse politische Gef&auml;lligkeiten undeklariert Champagner, Zigarren und Schmuck im Wert von 198.100 US-Dollar vom Milliard&auml;r und Medienmogul Arnon Milchan angenommen haben. Im zweiten Fall soll Netanyahu dem Herausgeber Israels zweitgr&ouml;&szlig;ter &ndash; und Netanyahu-kritischer &ndash; Tageszeitung im Austausch f&uuml;r wohlwollende Berichterstattung angeboten haben, per Gesetzgebung Mozes&lsquo; gr&ouml;&szlig;tem Konkurrenzblatt, Israel Today, Schaden zuzuf&uuml;gen. Der dritte Vorwurf dreht sich wiederum um Angebote vorteilhafter Gesetzgebung f&uuml;r den Telekommunikations-Riesen Bezeq in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von mehreren hundert Millionen Dollar. Im Gegenzug soll Bezeq &uuml;ber seine beliebte Nachrichtenseite Walla f&uuml;r g&uuml;nstige Berichterstattung &uuml;ber die Netanyahu-Regierung gesorgt haben. Ein weiterer &ndash; und der schwerwiegendste &ndash; Fall umfasst einen R&uuml;stungsdeal &uuml;ber drei U-Boote und vier Korvetten mit ThyssenKrupp. Die deutsche R&uuml;stungsschmiede soll &uuml;ber Mittelsm&auml;nner Schmiergelder in Millionenh&ouml;he an hochrangige israelische Milit&auml;rs und Politiker ausgesch&uuml;ttet haben, um den Zuschlag f&uuml;r den Milliardendeal zu erhalten. In dem Fall wird nicht gegen Netanyahu, sondern gegen sein Umfeld ermittelt.<\/p><p>Seine diversen Ministerposten musste Netanyahu bereits aufgeben, doch darf er laut israelischer Verfassung auch unter Anklage weiterhin das Amt des Ministerpr&auml;sidenten bekleiden. Nicht zuletzt aufgrund dieser Gerichtsverfahren ist innenpolitisch Netanyahus Zukunft so ungewiss wie nie zuvor. Israel ist tief gespalten in das Pro- und Contra-Bibi-Lager, auch die drei Wahlen der letzten anderthalb Jahre drehten sich ausschlie&szlig;lich um seine Person. Und nun k&ouml;nnte er nach insgesamt fast 15 Jahren im Amt schon bald hinter Gittern sitzen. Netanyahu wird gerne der <a href=\"https:\/\/www.jpost.com\/israel-elections\/king-bibi-netanyahu-the-magician-analysis-619563\">&bdquo;Magier&ldquo;<\/a> genannt, hat er es doch schon immer geschafft, mittels diverser Ablenkungsman&ouml;ver seinen Kopf aus jeder politischen Schlinge zu ziehen. Und so bangte die Welt Anfang Juli, ob Netanyahu in einem erneuten Man&ouml;ver sein Wahlversprechen einl&ouml;sen und weite Teile des pal&auml;stinensischen Westjordanlandes annektieren w&uuml;rde, um mit einem offenen V&ouml;lkerrechtsbruch die &Ouml;ffentlichkeit im In- und Ausland von seinen pers&ouml;nlichen Vergehen abzulenken. Der Schritt blieb vorerst aus, doch ist er noch lange nicht vom Tisch. Ein genauerer Blick auf den Komplex der Annexion ist daher geboten.<\/p><p><strong>Die Annexion ist vom Tisch &ndash; vorerst<\/strong><\/p><p>Vor einigen Jahren fuhren wir im Westjordanland von Ramallah nach dem Feiern mit dem Auto zur&uuml;ck nach Nablus, wo wir wohnten. Auf der Landstra&szlig;e hielten uns einige schwerbewaffnete israelische Soldaten an, die meisten kaum 20 Jahre alt. Mit Finger am Abzug ihres Sturmgewehrs wurden wir angebr&uuml;llt, das Auto zu verlassen. Wie Schwerverbrecher wurden wir am Stra&szlig;enrand aufgereiht und standen f&uuml;r eine Stunde in der K&auml;lte, w&auml;hrend drei Soldaten jeden Winkel unseres klapprigen Autos filzten und ganze Autoteile demontierten. W&auml;ren der Deutsche und die Chilenin nicht dabei gewesen, so erz&auml;hlten unsere drei pal&auml;stinensischen Kumpels aus vielfacher Erfahrung, h&auml;tte sich die Prozedur auch gerne aufs Zwei- oder Dreifache der Zeit ausdehnen k&ouml;nnen.<\/p><p>Oft kam ich in &auml;hnliche Situationen, in denen israelische Soldaten in &bdquo;Pal&auml;stina&ldquo; Willk&uuml;r an uns &uuml;bten &ndash; ob nun in Area C, das unter dem Oslo-II-Abkommen von 1995 rund Dreiviertel des Westjordanlandes ausmacht und vollst&auml;ndig unter israelischer Kontrolle steht, in Area B, das gemischt kontrolliert wird, oder selbst in Area A, das weniger als ein F&uuml;nftel umfasst und formal unter Kontrolle der hochkorrupten Pal&auml;stinensischen Autonomiebeh&ouml;rde um Pr&auml;sident Mahmoud Abbas steht. Es kam in der internationalen Debatte der letzten Monate immer wieder zur Frage, was sich denn durch eine formale Annexion von Teilen des Westjordanlandes &uuml;berhaupt f&uuml;r die Menschen am Boden &auml;ndern w&uuml;rde. Ob wir das Kind nun Oslo II, Okkupation oder eben Annexion nennen &ndash; wenn dir israelische Soldaten ihr Gewehr ins Gesicht halten, macht Semantik keinen gro&szlig;en Unterschied.<\/p><p>In einem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Israel-Palaestina-und-das-Westjordanland\/!5694561\/\">sehr lesenswerten Meinungsartikel<\/a> in der taz beklagen drei junge Pal&auml;stinenser &bdquo;mit Befremden, wie losgel&ouml;st diese Debatte von unserer Realit&auml;t ist. Wir sehen Annexion nicht als drohende Gefahr in der Zukunft, sondern als einen bereits seit Generationen andauernden Prozess, der das System definiert, in dem wir leben: v&ouml;llige israelische Kontrolle vom Jordan bis zum Mittelmeer, wo Freiheit und Rechte an die Ethnizit&auml;t eines Menschen gebunden sind.&ldquo;<\/p><p>Auch ein Freund von der israelischen kommunistischen Partei erkl&auml;rte mir in einem Interview zur Recherche dieses Artikels, Annexion w&auml;re &bdquo;definitiv eine bedeutende Ver&auml;nderung, doch gleichzeitig ein Teil eines fortw&auml;hrenden Prozesses&ldquo;. Und weiter: &bdquo;Es w&auml;re ein qualitativer Sprung, kein quantitativer.&ldquo; Damit meint er, dass eine Annexion zwar durchaus betr&auml;chtliche Folgen haben, Israel jedoch kein St&uuml;ck Territorium dazugewinnen w&uuml;rde &ndash; auch heute schon ist die israelische Staatsgewalt in der Lage, in jedem Teil des Westjordanlandes nach Belieben zu agieren. Und in diesem &bdquo;qualitativen Sprung&ldquo; liege die eigentliche &bdquo;Gefahr&ldquo;, nicht in territorialen Zuw&auml;chsen. Denn neben den 134 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60114\">israelischen Siedlungen<\/a> in der Area C, in denen anno 2020 463.353 Menschen leben, w&uuml;rde Netanyahus Annexion auch das Jordantal umfassen, das haupts&auml;chlich f&uuml;r Ackerbau genutzt wird und gewisserma&szlig;en die Obst- und Gem&uuml;sekammer der Westbank darstellt. Im Jordantal lebten 2016 rund <a href=\"https:\/\/www.btselem.org\/jordan_valley\">65.000 Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser<\/a>. &bdquo;Was passiert mit denen?&rdquo;, fragt mein Freund von den israelischen Kommunisten: &bdquo;Werden sie israelische Staatsb&uuml;rger? Netanyahu hat das bereits abgelehnt. M&uuml;ssen sie in pal&auml;stinensisches Land umziehen? Wenn ja, werden sie also zu Binnenfl&uuml;chtlingen.&ldquo; Eine Annexion h&auml;tte demnach das Potential f&uuml;r ein weiteres pal&auml;stinensisches Fl&uuml;chtlingsdrama.<\/p><p>Ein weiteres Problem l&auml;ge im Status der zwei Friedensabkommen, die Israel mit &Auml;gypten (1979) und Jordanien (1994) geschlossen hat. Bereits im November 2019 erkl&auml;rte Jordaniens K&ouml;nig Abdullah, die israelisch-jordanischen Beziehungen bef&auml;nden sich auf einem <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/amp\/middle-east-news\/relations-between-israel-and-jordan-worse-than-ever-king-abdullah-says-1.8164889\">&bdquo;historischen Tiefstand&ldquo;<\/a> und dass die Beziehungen gar &bdquo;pausiert&ldquo; seien. Als Begr&uuml;ndung nannte Abdullah einerseits das innenpolitische Chaos, da Israel &uuml;ber ein Jahr keine arbeitsf&auml;hige Regierung hatte, und andererseits die artikulierten Annexionspl&auml;ne. Eine tats&auml;chliche Annexion k&ouml;nnte den historisch so wichtigen Frieden zwischen zwei ehemaligen Feinden derart in Gefahr bringen wie in den letzten 26 Jahren nicht.<\/p><p>Eine formale Annexion von Teilen des Westjordanlandes w&auml;re also neben einem klaren V&ouml;lkerrechtsbruch in erster Linie ein propagandistischer Akt, durch den sich zwar die Lage am Boden kaum &auml;ndern, der jedoch regional wie international die Narrative des Konflikts &uuml;ber den Haufen werfen und diplomatische Beziehungen in Gefahr bringen w&uuml;rde. Nach einer formalen Annexion m&uuml;ssten selbst die weltweit hartn&auml;ckigsten Geisterbeschw&ouml;rer ihr Narrativ von der Forderung nach einer Zweistaatenl&ouml;sung final begraben, da durch diese Formalisierung des Unrechts das, was seit zehn, zwanzig Jahren immer deutlicher hervortrat, nun schlussendlich auch offenbar w&uuml;rde: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60114\">Die Zweistaatenl&ouml;sung ist tot<\/a>.<\/p><p>In den letzten 16 Monaten gab es in Israel drei Wahlen, in denen jeweils einzig &uuml;ber die Personalie Netanyahu abgestimmt wurde. Inhaltlich sind sowohl Bibis rechter Likud als auch der Blau-Wei&szlig;-Block um Bibis einstigen Rivalen &ndash; und heutigen Co-Ministerpr&auml;sidenten &ndash; Benny Gantz derart <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55589\">fest im rechten Spektrum verankert<\/a>, dass in den allermeisten Fragen keinerlei Unterscheidbarkeit existiert. Und jedes Mal war die Annexion ein zentrales Wahlversprechen Netanyahus, um so am rechtsextremen Rand und bei den Ultra-Orthodoxen auf Stimmenfang zu gehen &ndash; und jedes Mal lie&szlig; er sie nach der Wahl wieder fallen und zog so den Zorn seiner Basis auf sich. Am 1. Juli lie&szlig; er so auch die letzte selbstgesetzte Deadline verstreichen, ist der globalpolitische und diplomatische Preis einer Annexion doch einfach zu hoch.<\/p><p>Netanyahu hatte nie ernsthaft vor, die Annexion durchzuziehen, galt sie dem Meisterstrategen seit jeher vielmehr als Wahlman&ouml;ver, als Schachzug, als Ablenkung. Doch da der Druck von rechtsau&szlig;en stetig ansteigt, musste der &bdquo;Magier&ldquo; zur Beilegung der Aff&auml;re einen wahrhaft fetten Hasen aus seinem Hut ziehen. Und das gelang ihm am 13. August mit dem sogenannten Abraham-Abkommen.<\/p><p><strong>Israel und die Emirate schlie&szlig;en Frieden<\/strong><\/p><p>Der US-Kriegsfalke und gr&ouml;&szlig;te Israel-Freund Henry Kissinger <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/1976\/05\/30\/archives\/censored-in-israel-the-secret-conversations-of-henry-kissinger.html\">bemerkte einmal<\/a> (das Wortspiel funktioniert im Deutschen nicht, daher hier im Original): &bdquo;Israel has no foreign policy, only domestic politics.&ldquo; Jede au&szlig;enpolitische Unternehmung der israelischen Regierung wird immer durch die innenpolitische Brille getroffen, insbesondere im Hinblick auf die n&auml;chsten Wahlen. Was gewiss auch f&uuml;r viele andere Staaten zutrifft, wird in Israel auf die Spitze getrieben. Wie erw&auml;hnt, ist die geschickt platzierte Annexionsandrohung ein klassisches Beispiel zur Ablenkung von innenpolitischen Skandalen &ndash; periodisch wiederkehrende Kriege gegen die Zivilbev&ouml;lkerung in Gaza, Luftschl&auml;ge in Syrien oder zum x-ten Male die haltlose Behauptung, der Iran st&uuml;nde <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?tbm=isch&amp;q=netanyahu+un+bomb+iran\">so <em>kurz<\/em><\/a> vor der Bombe, sind weitere Klassiker. Um das erneut gebrochene Versprechen, Anfang Juli Teile der Westbank zu annektieren, propagandistisch zu relativieren und in politisches Kapital umzum&uuml;nzen, musste etwas wahrhaft Historisches her.<\/p><p>Am 13. August verk&uuml;ndeten die F&uuml;hrungen von Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-israel-emirates-trump\/with-trumps-help-israel-and-the-united-arab-emirates-reach-historic-deal-to-normalize-relations-idUSKCN25926W\">&bdquo;die vollst&auml;ndige Normalisierung in den Beziehungen&ldquo;<\/a> beider L&auml;nder. Botschaften werden errichtet und die Kooperation auf einer Vielzahl von Gebieten angek&uuml;ndigt, von Wirtschaft, Kultur und Umwelt &uuml;ber Tourismus und Technologie bis hin zu R&uuml;stung und Milit&auml;r. <a href=\"http:\/\/www.israelnationalnews.com\/News\/News.aspx\/285492\">Der Abraham-Abkommen genannte Friedensvertrag<\/a> wurde vermittelt von der Trump-Administration sowie von den Regierungen in &Auml;gypten, Bahrain und Oman und soll Anfang September feierlich in Washington unterzeichnet werden. Die VAE sind damit nach &Auml;gypten (1979) und Jordanien (1994) erst der dritte arabische Staat, der Israel anerkennt &ndash; das Abraham-Abkommen ist damit wahrlich historisch. In einem politisch-diplomatischen Vakuum sind dies zweifelsohne gute Nachrichten: Eine Welt mit einem Friedensvertrag mehr ist eine bessere Welt. Nur existiert dieses Vakuum nun einmal nicht, was die Nachricht tr&uuml;bt. Und der Grund ist klar: Pal&auml;stina.<\/p><p>Nach Jahrzehnten der &ndash; zumindest offiziell &ndash; vollst&auml;ndigen Negierung Israels beschloss die Arabische Liga 2002 zusammen mit weiteren mehrheitlich muslimischen L&auml;ndern wie dem Iran die Arabische Friedensinitiative. Diese stellt die diplomatische Anerkennung Israels durch die insgesamt 57 L&auml;nder in Aussicht &ndash; im Gegenzug f&uuml;r die Errichtung eines pal&auml;stinensischen Staates und den R&uuml;ckzug Israels aus den 1967 okkupierten Pal&auml;stinensergebieten Gaza, Westjordanland und Ostjerusalem. Das deutliche Signal des j&uuml;ngsten emiratisch-israelischen Abkommens an die Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser k&ouml;nnte demnach kaum vernichtender sein: Eine Anerkennung Israels durch eine so bedeutsame Regionalmacht wie die Emirate ist auch ohne jegliche Zugest&auml;ndnisse der israelischen Regierung m&ouml;glich. Pal&auml;stinenserf&uuml;hrer Mahmud Abbas sprach dann auch vom &bdquo;Verrat &hellip; an der pal&auml;stinensischen Sache&ldquo;, andere Vertreter von einem <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-israel-emirates-trump\/with-trumps-help-israel-and-the-united-arab-emirates-reach-historic-deal-to-normalize-relations-idUSKCN25926W\">&bdquo;Stich in den R&uuml;cken&ldquo;<\/a>, wieder andere erkl&auml;rten, die VAE geh&ouml;rten nun zu einer <a href=\"http:\/\/www.israelnationalnews.com\/News\/News.aspx\/285492\">&bdquo;Gruppe von Verr&auml;tern, die auf dem M&uuml;llhaufen der Geschichte enden werden&ldquo;<\/a>. Wieder einmal lie&szlig; die F&uuml;hrung eines arabischen Staates die Pal&auml;stinenser im Stich &ndash; schon seit geraumer Zeit sitzt die einzige Regierung eines mehrheitlich muslimischen Landes, die sich konsequent f&uuml;r die pal&auml;stinensische Sache stark macht, in Teheran. Jahrzehntelang war Pal&auml;stina ein wichtiger Klebstoff der pan-arabischen Bewegung im Gro&szlig;raum Nahost, heute gibt es bis auf geheuchelte Lippenbekenntnisse rein gar nichts mehr.<\/p><p>Allein der Ank&uuml;ndigung des Friedensabkommens folgten bereits <a href=\"https:\/\/www.aa.com.tr\/en\/health\/israel-uae-to-cooperate-on-health\/1951798\">erste Ann&auml;herungen<\/a>, wie etwa erste Fl&uuml;ge der emiratischen Etihad Airlines zum Ben Gurion Airport in Tel Aviv, Zusammenarbeit in der Covid-19-Forschung beider L&auml;nder sowie weitere Kooperationen in der Gesundheitsversorgung. Auch soll es bald zu ersten Studierendenaustauschen kommen. Nach der Ann&auml;herung mit den mittelgewichtigen Emiraten wird erwartet, dass in den n&auml;chsten Jahren weitere arabische Leichtgewichte folgen werden, allen voran <a href=\"https:\/\/www.aa.com.tr\/en\/analysis\/analysis-bahrain-in-the-context-of-normalization-with-israel\/1955293\">Sudan, Oman und Bahrain<\/a>, bis, so meine Prognose, in den n&auml;chsten 15&ndash;20 Jahren auch das sunnitische Schwergewicht nachziehen wird: Saudi-Arabien. Ohnehin gibt es mit all diesen L&auml;ndern seit geraumer Zeit im Verdeckten Kooperationen mit Israel, auf diversen Gebieten, doch vor allem in der geheimdienstlichen und der milit&auml;rischen Arena.<\/p><p>Vor allem mit den Emiraten bestehen seit langem <a href=\"https:\/\/apnews.com\/483518e953ade2a1846f1e1e0b29a0e0\">enge Kontakte<\/a>, ein besonders perfides Beispiel dieser Kooperation enth&uuml;llte im Februar 2019 <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/.premium-yemen-s-war-is-a-mercenary-heaven-are-israelis-reaping-the-profits-1.6938348\">die israelische Zeitung <em>Haaretz<\/em><\/a>. Da die Emirate f&uuml;r ihren Genozid im Jemen nicht l&auml;nger ihre eigenen jungen M&auml;nner in den Frontk&auml;mpfen verheizen wollten, begannen sie rasch im gro&szlig;en Stil mit der Rekrutierung vor allem kolumbianischer S&ouml;ldner, oft ehemalige Spezialeinheiten. Diese Kolumbianer wurden im Auftrag der Emirate von israelischen Milit&auml;rs in einer eigens daf&uuml;r errichteten Basis in der israelischen Negevw&uuml;ste ausgebildet. Von dort wurden sie zum T&ouml;ten in den Jemen geschickt. Vermittelt wurde dieser bizarre Deal &uuml;brigens vom pal&auml;stinensischen Quadrupel-Agenten Mohammed Dahlan &ndash; jenem Mann also, der mutma&szlig;lich Pal&auml;stinenser-Ikone Jassir Arafat mit Polonium get&ouml;tet hat. Manche Groteske kann einfach nur der Nahe Osten hervorbringen.<\/p><p>Doch was musste die israelische F&uuml;hrung f&uuml;r das historische Friedensabkommen mit den Emiraten eigentlich bezahlen? Die kurze Antwort: nichts. Zwar erkl&auml;rte Netanyahu, Pl&auml;ne zur Annexion des Westjordanlandes seien <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-israel-emirates-trump\/with-trumps-help-israel-and-the-united-arab-emirates-reach-historic-deal-to-normalize-relations-idUSKCN25926W\">&bdquo;tempor&auml;r ausgesetzt&ldquo;<\/a>, doch hatte er wie gesagt ohnehin nicht vor, in absehbarer Zeit den Annexionsplan durchzuziehen. Und so konnte Netanyahu vollkommen gratis zum Status Quo vor seinem Annexions-Wortbruch am 1. Juli zur&uuml;ckkehren und hat zus&auml;tzlich ein historisches Abkommen im Gep&auml;ck. Der &bdquo;Magier&ldquo; konnte, ohne politisches Kapital zu verspielen, mit diesem geschickten diplomatischen Man&ouml;ver an drei Fronten gleichzeitig punkten: Seine Basis rechtsau&szlig;en h&auml;lt er weiter bei der Stange, schlie&szlig;lich ist die Aussetzung der Annexion nur &bdquo;tempor&auml;r&ldquo;. Vor den Moderaten konnte er sich als versierter Dealmaker pr&auml;sentieren, der f&uuml;r Stabilit&auml;t in Nahost sorgt. Und der internationalen Staatengemeinde konnte er ein historisches Friedensabkommen abliefern wie letztmals Friedensnobelpreistr&auml;ger Jitzchak Rabin 1994. Einzig die Menschen in Pal&auml;stina verlieren, doch die z&auml;hlen bekanntlich nicht.<\/p><p><strong>Netanyahu k&auml;mpft um sein politisches &Uuml;berleben<\/strong><\/p><p>Innenpolitisch hat Netanyahu das Abkommen mit den Emiraten also sehr geholfen und seine Position bei potentiellen Neuwahlen einmal mehr gest&auml;rkt. Dies w&auml;ren die vierten Wahlen seit April 2019 &ndash; so absurd dies klingen mag, wird der Ruf nach Neuwahlen immer lauter. Seit &uuml;ber vier Monaten wird Israel von einer Protestwelle &uuml;berrollt. Am 20. April demonstrierten Tausende auf dem Rabin Square in Tel Aviv gegen Bibi Netanyahu, in der Hochzeit von Corona unter strengen Abstandsregelungen &ndash; die Bilder der auf Kreidelinien mit zwei Meter Abstand stehenden Protestierenden gingen als erfolgreiches Corona-Experiment <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2020\/04\/20\/middleeast\/israel-protest-social-distancing-intl\/index.html\">um die Welt<\/a>. Anfangs richteten sich die Proteste auch noch gegen Netanyahus einstigen Rivalen Benny Gantz. Dieser ist zu den letzten Wahlen Anfang M&auml;rz erneut als der Anti-Netanyahu angetreten, sein einziger Programmpunkt: &bdquo;Ich bin nicht Bibi.&ldquo; Und nur daf&uuml;r wurde er gew&auml;hlt. Im April schlie&szlig;lich der Bruch mit einigen halbwegs integren K&ouml;pfen seines Blau-Wei&szlig;-B&uuml;ndnisses und das Einknicken von Gantz vor Netanyahu &ndash; beide verk&uuml;nden an jenem 20. April die Bildung einer Einheitsregierung. Mit Netanyahu als Ministerpr&auml;sident und Gantz als Vize, bis Oktober 2021, dann wollen beide die Rollen tauschen. Wer jedoch glaubt, dass der machtbesessene Netanyahu einfach so seinen Hut nehmen wird, ist mehr als naiv &ndash; der &bdquo;Magier&ldquo; hat sich Zeit f&uuml;r sein n&auml;chstes Man&ouml;ver erkauft, mehr nicht.<\/p><p>Schnell richteten sich die Proteste auch gegen die geplante Annexion, gegen Netanyahus Korruption sowie das Corona-Management seiner Regierung. <a href=\"https:\/\/www.worldometers.info\/coronavirus\/#countries\">Mit &uuml;ber 110.000 best&auml;tigten Corona-Infizierten<\/a> ist das kleine Land besonders heftig von der Pandemie betroffen und hat in Relation zur Einwohnerzahl eine der h&ouml;chsten Infektionsraten &uuml;berhaupt. Die Polizei ging oft mit Gewalt gegen die Protestierenden vor, ebenso Rechtsau&szlig;en-Netanyahu-Unterst&uuml;tzer, die auch vor Anschl&auml;gen mit Sprengs&auml;tzen nicht zur&uuml;ckschreckten. Woche f&uuml;r Woche versammelten sich auch Tausende vor dem Amtssitz Netanyahus sowie vor seinem Privathaus und <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/.premium-thousands-of-anti-netanyahu-protesters-gather-in-jerusalem-1.9074996\">forderten lautstark seinen R&uuml;cktritt<\/a>. Auch von dem historischen Abkommen mit den Emiraten lie&szlig;en sich die Protestierenden nicht von ihrer R&uuml;cktrittsforderung abbringen, <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2020\/08\/protests-calling-netanyahu-resign-continue-momentum-200823025608326.html\">die Proteste halten weiter an<\/a>.<\/p><p>Die letzten Wochen und Monate verdeutlichen einmal mehr die oft unglaublichen politischen Dynamiken im winzigen Land am &ouml;stlichen Mittelmeer. Als erster amtierender Ministerpr&auml;sident steht Netanyahu vor Gericht &ndash; wegen Korruption und Bestechung in mindestens drei F&auml;llen. Nach drei Wahlen hat er es endlich geschafft, seinen &bdquo;Kontrahenten&ldquo; Benny Gantz einzulullen und in eine Einheitsregierung zu locken. Ein ums andere Mal konnte Netanyahu die Annexions-Frage geschickt f&uuml;r sich ausspielen und brachte auf Kosten der Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser mit dem israelisch-emiratischen Friedensabkommen etwas wahrhaft Historisches zustande. Dennoch steht seine Regierung auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en, seit Monaten kommt es landesweit zu Protesten, die einzig und allein den R&uuml;cktritt Netanyahus einfordern: Der &bdquo;Magier&ldquo; k&auml;mpft um sein politisches &Uuml;berleben, seine Zukunft ist so ungewiss wie nie zuvor.<\/p><p>Titelbild: Hadrian \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Juli bangte die Welt, ob die israelische Regierung ihre Ank&uuml;ndigungen wahrmachen und weite Teile des pal&auml;stinensischen Westjordanlands annektieren w&uuml;rde &ndash; es blieb zun&auml;chst aus, zu gro&szlig; w&auml;re der globalpolitische Preis f&uuml;r Netanyahu gewesen. Bereits Ende Mai begann das Gerichtsverfahren gegen ihn wegen mehrerer F&auml;lle von Korruption und Bestechung &ndash; der erste amtierende Ministerpr&auml;sident des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64301\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64205,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,198,175,127],"tags":[282,2161,2745,930,1926,2263,303,2515,2579,801,2068,2920],"class_list":["post-64301","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-israel","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-buergerproteste","tag-friedensabkommen","tag-gantz-benny","tag-justiz","tag-netanjahu-benjamin","tag-neuwahl","tag-palaestina","tag-regierungskrise","tag-soeldner","tag-schmiergeld","tag-vae","tag-zweistaatenloesung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/shutterstock_1360601657.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64301"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64315,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64301\/revisions\/64315"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64205"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}