{"id":64348,"date":"2020-09-03T09:00:05","date_gmt":"2020-09-03T07:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64348"},"modified":"2020-09-03T09:45:41","modified_gmt":"2020-09-03T07:45:41","slug":"131-dollar-fuer-einen-toten-afghanen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64348","title":{"rendered":"131 Dollar f\u00fcr einen toten Afghanen"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen f&uuml;nf Jahren hat das US-Milit&auml;r rund zwei Millionen Dollar f&uuml;r Entsch&auml;digungszahlungen in Afghanistan aufgewendet. Diese betrafen haupts&auml;chlich Familien, die Opfer von US-Operationen geworden sind. Doch abgesehen davon, dass das Gesamtausma&szlig; des &ldquo;Krieges gegen den Terror&rdquo; weiterhin ignoriert wird, ist dieses Blutgeld lediglich eine weitere Verh&ouml;hnung der Kriegsopfer &ndash; und des gesamten Landes. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit Ende 2001 f&uuml;hren die Vereinigten Staaten ihren &ldquo;Krieg gegen den Terror&rdquo; in Afghanistan. Mittlerweile spricht man vom l&auml;ngsten Krieg des US-Imperiums. Es handelt sich hierbei um einen Krieg, den man verloren hat. Heute, im Jahr 2020, scheiden n&auml;mlich jene radikalen Taliban-K&auml;mpfer, die man einst ausl&ouml;schen wollte, als Sieger aus. Nach fast zwei Jahrzehnten war Washington gezwungen, mit den Taliban am Verhandlungstisch zu sitzen &ndash; und zwar auf gleicher Augenh&ouml;he. Man kann dies als Appeasement bezeichnen. Menschenrechte, die Bildung von Frauen, Demokratie? All dies wurde &uuml;ber Bord geworfen, nicht wahr? Doch wer die Situation in Afghanistan aufmerksam verfolgt, kann nur von Realismus sprechen. Um besagte Werte ging es ohnehin nie. Ansonsten h&auml;tten sich die USA und ihre Verb&uuml;ndeten nicht mit reaktion&auml;ren Warlords und Drogenbossen verb&uuml;ndet, um die Taliban zu entmachten. Der Sprung nach vorne ist Washingtons Verb&uuml;ndeten in zwei Jahrzehnten nicht gelungen. Heute, und ich meine wortw&ouml;rtlich den heutigen Tag, <a href=\"https:\/\/www.longwarjournal.org\/mapping-taliban-control-in-afghanistan\">werden zahlreiche Gebiete des Landes von den Taliban kontrolliert<\/a>, w&auml;hrend zahlreiche weitere Gebiete als &bdquo;umk&auml;mpft&ldquo; gelten. <\/p><p>Konkret bedeutet dies, dass sie komplett in die H&auml;nde der aufst&auml;ndischen Extremisten fallen w&uuml;rden, falls Washington seine Truppen abziehen und Kabul nicht mehr unterst&uuml;tzen w&uuml;rde. W&auml;hrenddessen herrscht in der Hauptstadt eine extrem hohe Armut und Kriminalit&auml;tsrate. <a href=\"https:\/\/tolonews.com\/business\/ministry-confirms-90-afghans-live-below-poverty-line\">Die absolute Mehrheit des Landes lebt von rund einem Dollar pro Tag<\/a> und wenn von Kriminellen die Rede ist, sind nicht nur brutale Stra&szlig;enbanden gemeint, die schon seit langem f&uuml;r etwas Bargeld und Handys morden, sondern vor allem die korrupten Netzwerke innerhalb der Regierung, die sich in den letzten Jahren massiv bereichert haben. <\/p><p>Der Gipfel der Ungleichheit wurde allerdings abermals durch das Handeln der US-Amerikaner deutlich. <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/national-security\/us-military-made-2-million-in-civilian-casualties-payments-over-5-years-in-afghanistan\/2020\/08\/17\/cd550af0-d025-11ea-af07-1d058ca137ae_story.html\">In der vergangenen Woche berichtete n&auml;mlich die &bdquo;Washington Post&ldquo;<\/a>, dass in den letzten f&uuml;nf Jahren rund zwei Millionen Dollar an Entsch&auml;digungszahlungen seitens der US-Milit&auml;rs geflossen seien.<\/p><p>Betroffen waren vor allem die Opfer von Milit&auml;roperationen, allen voran Luftangriffen, und deren Familien. Konkret ist hier die Rede von Betr&auml;gen zwischen 131 und 40.000 US-Dollar. Richtig gelesen. Obwohl hier keine n&auml;heren Details bekannt sind, besteht durchaus die M&ouml;glichkeit, dass f&uuml;r einen oder gar mehrere get&ouml;tete Afghanen eine &bdquo;Entsch&auml;digung&ldquo; von 131 US-Dollar, rund 110 Euro, gezahlt wurde. <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/context\/amount-of-u-s-condolence-payments-has-fluctuated-in-recent-years\/bfada6a9-b858-48cd-8a33-ab949efda5fc\/?itid=lk_inline_manual_4\">In einer Zahlungsliste<\/a>, die die Zeitung dank des Freedom of Information Act erhielt und ver&ouml;ffentlichte, l&auml;sst sich ein solcher Betrag nicht finden. Entsch&auml;digungszahlungen (&bdquo;Condolence Payments&ldquo;) liegen in vielen F&auml;llen bei 3.024 US-Dollar. Allerdings gibt es auch mehrere F&auml;lle, in denen Betr&auml;ge zwischen 658 und 1.000 US-Dollar an Opferfamilien ausgezahlt wurden. Oftmals liegen die Kosten f&uuml;r Reparaturzahlungen (&bdquo;Battle Damage Repair&ldquo;) sogar h&ouml;her als jene f&uuml;r menschliche Verluste.<\/p><p>Im Gro&szlig;en und Ganzen kann man diesbez&uuml;glich ohnehin nur von einem Blutgeld sprechen. Das Gesamtausma&szlig; US-amerikanischer Kriegsverbrechen in Afghanistan l&auml;sst sich mit ein paar Millionen Dollar weder verdr&auml;ngen noch vergessen. In fast zwei Jahrzehnten wurden seitens des US-Milit&auml;rs, der CIA und ihrer Verb&uuml;ndeten viele unschuldige Afghanen get&ouml;tet. Wie viele es genau gewesen sind, wei&szlig; niemand, weil man sie kaum gez&auml;hlt hat. Seit 2009 z&auml;hlen die Vereinten Nationen zivile Opfer in Afghanistan. In den UNAMA-Berichten, die alle drei Monate ver&ouml;ffentlicht werden, fokussiert man sich auf alle Kriegsparteien. In den allermeisten F&auml;llen wird die Hauptschuld allerdings auf die Afghanen selbst abgew&auml;lzt. Sowohl die Taliban als auch die afghanischen Sicherheitskr&auml;fte wurden stets f&uuml;r die meisten Opfer verantwortlich gemacht. In der Vergangenheit <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Reinwaschung-des-Westens-3378469.html?seite=all\">sorgte dies f&uuml;r Kontroversen<\/a>. Afghanistans Ex-Pr&auml;sident Hamid Karzai warf UNAMA des &Ouml;fteren vor, einseitig und im Interesse &bdquo;der UN als westliche Institution&ldquo; zu handeln. Er behauptete immer wieder, dass die Angriffe der NATO &ndash; etwa klassische Bombardements, Drohnen-Angriffe oder n&auml;chtliche Spezialeins&auml;tze &ndash; im Schatten der &Ouml;ffentlichkeit weitaus mehr Zivilisten t&ouml;ten als bekannt. &bdquo;Die meisten Menschen, die diesen Bericht erstellen, sitzen in Kabul und sind kaum in jenen Gebieten, die vom Krieg am meisten betroffen sind, zugegen&ldquo;, kritisierte Waheed Mozhdah, ein mittlerweile verstorbener politischer Analyst aus Kabul. &bdquo;Es fehlt weiterhin an Transparenz&ldquo;, so Mozhdah. Hinzu kommt nat&uuml;rlich, dass die UNAMA-Z&auml;hlungen fast ein Jahrzehnt nach Beginn des Krieges aufgenommen wurden. Wie viele Afghanen in diesem Zeitraum get&ouml;tet wurden, l&auml;sst sich nur schwer rekonstruieren.<\/p><p>Realistische Entsch&auml;digungszahlungen w&uuml;rden wohl in die Milliardenh&ouml;he gehen. Aktuell geh&ouml;rt Washington zum wichtigsten Geldgeber der Kabuler Regierung, doch all die Milliarden, die j&auml;hrlich an korrupte afghanische Eliten flie&szlig;en, haben gewiss nichts mit jenen Entsch&auml;digungen zu tun, die dem &bdquo;einfachen Volk&ldquo;, sprich, mehr als neunzig Prozent der Afghanen, zustehen. Konkret geht es hier nicht &bdquo;nur&ldquo; um Kriegsverbrechen, sondern um das verheerende Gesamtausma&szlig; des Krieges. In den letzten Jahren wurden &uuml;ber dem Land so viele Bomben abgeworfen wie noch nie zuvor. Das Land wurde zu einem Testgel&auml;nde f&uuml;r alle m&ouml;glichen Waffen. <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2017\/08\/15\/fearful-villagers-see-the-u-s-using-afghanistan-as-a-playground-for-their-weapons\/\">2017 detonierte die sogenannte &bdquo;Mutter aller Bomben&ldquo;, die gr&ouml;&szlig;te nicht-nukleare Bombe des US-Milit&auml;rs, in der Provinz Nangarhar<\/a>. Bis heute wei&szlig; niemand, wie viele Menschen ihr zum Opfer gefallen sind. Fakt ist mittlerweile allerdings, dass weite Landstriche verseucht wurden und sich Krankheiten, die mit dem Bombenabwurf direkt in Verbindung stehen, ausbreiten.<\/p><p>Nach zwei Jahrzehnten ist Afghanistan in jeglicher Hinsicht abh&auml;ngig und liegt wirtschaftlich vollkommen brach. Die afghanische Diaspora geh&ouml;rt zu den gr&ouml;&szlig;ten der Welt. Gefl&uuml;chtete leben nicht nur in Europa, sondern in erster Linie in L&auml;ndern wie Iran und Pakistan. Mehrere Generationen kennen nichts anderes als den Krieg in ihrer Heimat. Es gibt gewiss keinen Betrag auf der Welt, der all das entsch&auml;digen kann. Dass die Familien get&ouml;teter Afghanen allerdings mit wenigen hundert oder tausend Dollar abgespeist werden, macht lediglich ein weiteres Mal deutlich, dass man von jenen M&auml;chten, die Afghanistan Demokratie und Freiheit bringen wollten, nichts erwarten darf &ndash; lediglich Zynismus und Verh&ouml;hnung. <\/p><p>Titelbild: 895Studio \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen f&uuml;nf Jahren hat das US-Milit&auml;r rund zwei Millionen Dollar f&uuml;r Entsch&auml;digungszahlungen in Afghanistan aufgewendet. Diese betrafen haupts&auml;chlich Familien, die Opfer von US-Operationen geworden sind. 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