{"id":6447,"date":"2010-08-11T09:04:48","date_gmt":"2010-08-11T07:04:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6447"},"modified":"2014-02-25T10:47:15","modified_gmt":"2014-02-25T09:47:15","slug":"der-kollektive-aufstand-der-medien-gegen-die-diskussion-um-eine-aussetzung-der-rente-mit-67","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6447","title":{"rendered":"Der kollektive Aufstand der Medien gegen die Diskussion um eine Aussetzung der Rente mit 67"},"content":{"rendered":"<p>Kaum gibt es in der SPD eine Diskussion &uuml;ber eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Wirklichkeit des Arbeitsmarktes und der physischen und psychischen Arbeitsf&auml;higkeit, schon baut sich der geballte Widerstand der Medien auf. Gestern Abend um 22.55 Uhr wies Google News 531 Artikel zur Rente mit 67 aus. In nahezu allen Beitr&auml;gen wird ausschlie&szlig;lich auf die demografischen Entwicklungsmodelle abgestellt und die vom Bundesarbeitsministerium eingespeiste Besch&ouml;nigung, dass in den letzten Jahren die Besch&auml;ftigungsquote leicht angestiegen sei, wird als Annahme in die Zukunft fortgeschrieben.<br>\nEs ist erschreckend, eine derartige freiwillige Gleichschaltung des Denkens festzustellen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIch habe nur die Anrei&szlig;er von etwa hundert Beitr&auml;gen &uuml;berflogen und unten nur die Kommentare von als liberal oder gar links-liberal geltenden Zeitungen ausgewiesen.<br>\nZun&auml;chst ein paar Beispiele: <\/p><ul>\n<li><strong>SPD und die Rente: Verlogene Versprechen<\/strong><br>\nWankelm&uuml;tige SPD: Erst stimmte Sigmar Gabriel f&uuml;r die Rente mit 67, jetzt will er sie aufschieben. Seine Partei ignoriert hartn&auml;ckig den demografischen Wandel. Selbst die sogenannte Rentengarantie ist ein verlogenes Versprechen.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/spd-und-die-rente-verlogene-versprechen-1591701.html\">stern<\/a><\/li>\n<li><strong>Wie die SPD muffig bleibt<\/strong><br>\nSolchen Funktion&auml;ren l&auml;uft die SPD hinterher. Sie verbeugt sich vor der Klientel 50 plus und ignoriert die J&uuml;ngeren. Gabriel bedient den Strukturkonservatismus, von dem er genau wei&szlig;, dass er die Partei muffig und langweilig macht. Und die Zukunft sieht nicht besser aus, wie j&uuml;ngst der neue Juso-Vorsitzende gezeigt hat, als er die sogenannte Renten-Garantie nicht als eine Frage der Generationengerechtigkeit bezeichnete. Zu so einer Nachwuchsorganisation gehen Jugendliche sicher genauso gerne wie Kinder zu einer Geburtstagsparty, auf der es Kuchen nur f&uuml;r die Gro&szlig;eltern&nbsp;gibt.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/rente-mit-wie-die-spd-muffig-bleibt-1.986250\">SZ<\/a><\/li>\n<li><strong>Vorw&auml;rts denken<\/strong><br>\nDie SPD droht sich in alten Debatten wie Rente mit 67 zu verlieren.<br>\nDamit wird die Rente mit 67 zum Lackmustest f&uuml;r die Regierungsf&auml;higkeit der SPD. Nicht nur w&uuml;rde eine Beerdigung der Reform die eigene Politik konterkarieren.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/meinung\/vorwaerts-denken\/-\/1472602\/4546260\/-\/index.html\">FR<\/a><\/li>\n<li><strong>Die Rente mit 67 muss bleiben<\/strong><br>\nImmer weniger Arbeitnehmer finanzieren die Renten der Alten. Schon jetzt kommen auf hundert 20- bis 64-J&auml;hrige, die dem Arbeitsmarkt prinzipiell zur Verf&uuml;gung stehen, etwa 33 Rentner. In 50 Jahren werden es doppelt so viele sein. Die Entwicklung wird sich auf absehbare Zeit nicht umkehren, denn es kommen immer weniger Junge nach.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2010-08\/rente-67\">Zeit<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Die restlichen &ndash; inzwischen sind es 560 &ndash; Artikel enthalten keine anderen Argumente und sind eher noch schlichter gestrickt.<\/p><p>Es ist so, wie George Orwell in seiner negativen Utopie im Roman 1984 schrieb: &bdquo;Und wenn alle anderen die von der Partei verbreiteter L&uuml;ge glaubten &ndash; wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die L&uuml;ge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit&ldquo;.<\/p><p>Die &bdquo;L&uuml;ge&ldquo; beginnt schon mit der mit der Unterstellung der demografischen Entwicklung als unumst&ouml;&szlig;liche Wahrheit. <\/p><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten immer wieder belegt, dass solche demografischen Prognosen &uuml;ber mehrere Jahrzehnte nichts anderes als <a href=\"upload\/pdf\/gbosbach_demogr.pdf\">&bdquo;moderne Kaffeesatzleserei&ldquo; [PDF &ndash; 183 KB]<\/a> sind, die f&uuml;r die Durchsetzung durchsichtiger <a href=\"?p=247\">wirtschaftlicher Interessen f&uuml;r eine private Vorsorge<\/a> instrumentalisiert wurden und werden. Konnten wir etwa vor 50 Jahren absch&auml;tzen, wie sich die Antibabypille auf die Bev&ouml;lkerungsentwicklung auswirken w&uuml;rde? Hatten wir den Baby-Boom erwartet, der Anfang der 60er einsetzte? Oder die Migrationsstr&ouml;me aus s&uuml;dlichen L&auml;ndern? Konnten wird den Zusammenbruch des Ostblocks vorhersehen und die Zuwanderung der Aussiedler? <\/p><p>Diese Modellrechnungen &uuml;ber die &bdquo;Vergreisung&ldquo;  sind nicht nur in sich <a href=\"upload\/pdf\/060610_01.pdf\">inkonsistent [PDF &ndash; 118 KB]<\/a>, sondern sie vernachl&auml;ssigen systematisch eine Vielzahl von politischen Stellschrauben, mit denen die Dramatik der Alterung der Gesellschaft entdramatisiert werden k&ouml;nnte. Die Modellrechnungen k&ouml;nnen z.B. beim besten Willen nicht die Arbeitsmarktsituation &uuml;ber Jahrzehnte vorhersagen, und sie blenden vor allem komplett aus, dass aufgrund des technischen Fortschritts ein einzelner Arbeitnehmer immer mehr leisten kann, so dass jeder Besch&auml;ftigte in 10, 20, 30 oder gar 40 Jahren in der Lage w&auml;re, etwas mehr f&uuml;r die Rentner in der fernen Zukunft abzugeben, ohne selbst Verzicht leisten zu m&uuml;ssen. Aber wenn man auf diesen gr&ouml;&szlig;er werdenden &bdquo;Kuchen&ldquo; abstellt, ber&uuml;hrt man ja die Frage, wie der Kuchen verteilt werden soll, und diese Frage ist f&uuml;r das neoliberale Denken nat&uuml;rlich ein Tabu.<\/p><p>Es ist ein unumst&ouml;&szlig;liches Faktum dass der <a href=\"?p=2798\">Generationenvertrag immer tr&auml;gt<\/a>, die entscheidende Frage ist, was die Gesellschaft zum jeweiligen Zeitpunkt leistet und sich leisten kann. Die Leistungsf&auml;higkeit des Generationenvertrags h&auml;ngt aber nicht zu aller erst von der Zahl der Alten und der Arbeitsf&auml;higen oder der Kinder ab, sondern viel mehr davon, ob die Menschen Arbeit haben, wie hoch die Erwerbsquote (von M&auml;nnern und Frauen) ist und wie produktiv die Menschen arbeiten. Wenn heute die Unternehmen ihre Gewinne in effizientere Technik investieren w&uuml;rden, statt auf dem Finanzmarkt zu spekulieren, dann w&uuml;chse die Produktivit&auml;t. Bei steigender Produktivit&auml;t brauchte man sich ziemlich wenig Sorgen dar&uuml;ber zu machen, ob in Zukunft f&uuml;r alle gen&uuml;gend zur Verf&uuml;gung steht. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/bip_1870-1992.gif\" alt=\"Grafik zur Entwicklung des BIP, 1870 - 1992\" title=\"Entwicklung des BIP, 1870 - 1992\"><br>\n<em>Quelle: Deutschland 1870-1992, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in 1990 Geary-Khamis Dollar, Quelle: Maddison, A. 1995, nach Historische Datenbank (2009), Quelle: <a href=\"http:\/\/www.rainer-land-online.de\/media\/DIR_41625\/e4a04a29d6c633caffff88d3ac144221.pdf\">Th&uuml;nen Institut [PDF &ndash; 1.4 MB]<\/a><\/em><\/p><p>Die Verschiebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre ist gegen&uuml;ber all diesen anderen beeinflussbaren Faktoren ein l&auml;cherlich kleiner Faktor. Der nicht einmal wirkte, wenn die Menschen tats&auml;chlich gar nicht bis 67 arbeiten k&ouml;nnten. Dann ist die Rente mit 67 n&auml;mlich ein reines Rentenk&uuml;rzungsprogramm. <\/p><p>Die Forderung nach der Rente mit 67 beruht auf einem eindimensionalen, statischen Denken, das letztlich eine Kapitulationserkl&auml;rung gegen&uuml;ber den tats&auml;chlichen Herausforderungen einer Wirtschaftspolitik darstellt, die f&uuml;r Innovation, technischen Fortschritt, Produktivit&auml;t und vor allem auch f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung der Erwerbsf&auml;higen (M&auml;nner und Frauen) Sorge tr&auml;gt. <\/p><p>Um diese Unf&auml;higkeit einmal mit den Mitteln der Bef&uuml;rwortern der Rente mit 67 zu kontern, m&ouml;chte ich eine Gegenmodellrechnung aufstellen:<br>\nWie s&auml;he heute die Arbeitslosenstatistik in Deutschland aus, wenn sich die geburtenstarken Jahrg&auml;nge der sechziger Jahre konstant fortgesetzt h&auml;tten. Wir h&auml;tten gut 40 Jahre 1,3 Millionen statt 700.000 Menschen mehr, das w&auml;ren rund 24 Millionen Menschen mehr, davon w&uuml;rden vielleicht 16 Millionen mehr Arbeit nachfragen und das bei einer Arbeitslosigkeit von weit &uuml;ber 3 Millionen (Das Beispiel habe ich von <a href=\"?p=185\">J&uuml;rgen Vo&szlig;<\/a>).<\/p><p>Sie werden mir jetzt sicher vorhalten, das sei eine absolut bl&ouml;dsinnige Modellrechnung.<br>\nDa stimme ich Ihnen v&ouml;llig zu, aber dann d&uuml;rfen Sie bitte auch nicht den genauso schlichten Modellrechnungen unserer Hobbydemografen in den Redaktionsstuben aufsitzen.<\/p><p><strong>Schlussbemerkung nebenbei:<\/strong><\/p><p>Einige der Artikel beziehen sich auch auf eine &Auml;u&szlig;erung der Sozialministerin Ursula von der Leyen: Die Ministerin sagte der Rheinischen Post: &ldquo;Es stimmt nicht, wie die SPD behauptet, dass wir eine anhaltend schlechte Situation f&uuml;r &Auml;ltere auf dem Arbeitsmarkt haben.&rdquo; Genau das Gegenteil sei der Fall. &ldquo;In den letzten f&uuml;nf Jahren ist der Anteil der 60- bis 64-J&auml;hrigen in Arbeit um zw&ouml;lf Prozentpunkte auf inzwischen 40 Prozent gestiegen&rdquo;. Angesichts der gro&szlig;en Zahl gut ausgebildeter &Auml;lterer und des zunehmenden Fachkr&auml;ftemangels m&uuml;sse man &ldquo;kein Prophet sein, um zu sagen: Dieser deutliche Trend wird&nbsp;anhalten.&rdquo; (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/verlaengerten-lebensarbeitszeit-arbeitsministerin-verteidigt-rente-mit-1.986729\">SZ<\/a>)<\/p><p>Das ist reine Sch&ouml;nf&auml;rberei: Aus der <a href=\"upload\/pdf\/100706_hinweise_antwort_grosse_anfrage_beschaeftigungssituation_aelterer.pdf\">Antwort der Bundesregierung &uuml;ber die Besch&auml;ftigungssituation &Auml;lterer [PDF &ndash; 1.1 MB]<\/a> geht auch noch ganz Anderes hervor:<\/p><ul>\n<li>Nicht einmal zehn Prozent der 64-J&auml;hrigen waren 2008 sozialversicherungspflichtig besch&auml;ftigt.<\/li>\n<li>Gerade ein F&uuml;nftel der 60-j&auml;hrigen schafft den &Uuml;bergang aus der Erwerbslosigkeit in Erwerbst&auml;tigkeit. Von den 64-j&auml;hrigen schaffen es nicht einmal mehr zehn Prozent.<\/li>\n<li>Mehr als ein F&uuml;nftel (22 Prozent) geht aus Erwerbslosigkeit (Leistungen SGB III\/SGB II) und weniger als ein F&uuml;nftel (18 Prozent) geht aus einer sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung in die wohlverdiente Altersrente.<\/li>\n<\/ul><p>Diese Zahlen h&auml;tten sich die journalistischen K&auml;mpfer f&uuml;r die Rente mit 67 einmal anschauen sollen, bevor sie der dauergrinsenden Sozialministerin mit ihrer ziemlich willk&uuml;rlich herausgegriffenen statistischen Angabe auf den Leim gekrochen sind. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum gibt es in der SPD eine Diskussion &uuml;ber eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Wirklichkeit des Arbeitsmarktes und der physischen und psychischen Arbeitsf&auml;higkeit, schon baut sich der geballte Widerstand der Medien auf. Gestern Abend um 22.55 Uhr wies Google News 531 Artikel zur Rente mit 67 aus. In nahezu allen Beitr&auml;gen wird ausschlie&szlig;lich auf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6447\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,39,191],"tags":[248,401,301,393,460,626,457],"class_list":["post-6447","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rente","category-spd","tag-frankfurter-rundschau","tag-gabriel-sigmar","tag-rentenalter","tag-stern","tag-sz","tag-von-der-leyen-ursula","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6447"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6449,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6447\/revisions\/6449"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}