{"id":64526,"date":"2020-09-08T16:00:10","date_gmt":"2020-09-08T14:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64526"},"modified":"2020-09-08T16:25:08","modified_gmt":"2020-09-08T14:25:08","slug":"corona-und-die-einsamkeit-in-den-pflegeheimen-ein-lesenswerter-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64526","title":{"rendered":"Corona und die Einsamkeit in den Pflegeheimen \u2013 ein lesenswerter Brief"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Sonntag erinnerte Albrecht M&uuml;ller in seinem Artikel &bdquo;Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod&rdquo; anl&auml;sslich des Vorschlags des Bundespr&auml;sidenten Steinmeier, eine Gedenkfeier f&uuml;r die &bdquo;Corona-Opfer&ldquo; zu veranstalten, an die Isolation alter Menschen durch die Ma&szlig;nahmen von Bund und L&auml;ndern. Dazu leitete uns unser Leser und Gastautor <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=claus-voelker\"><strong>Claus V&ouml;lker<\/strong><\/a> einen Brief zu dieser Thematik weiter, den er wenige Stunden zuvor an verschiedene Politiker verschickt hatte. Wir von den NachDenkSeiten halten diesen Brief f&uuml;r sehr lesenswert und wollen ihn gerne unseren Lesern zur Lekt&uuml;re empfehlen.<br>\n<!--more--><br>\n<em>5. September 2020<\/em><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p><p>seit vielen Wochen muss man sich in den meisten bayerischen Pflegeheimen vor jedem Besuch eines Angeh&ouml;rigen rechtzeitig anmelden. Im Heim meiner 96j&auml;hrigen, inzwischen dementiell ver&auml;nderten Mutter, ist zudem die Besucherzahl auf drei festgelegte Personen limitiert, d.h. jeweils darf nur eine der drei Personen im Wechsel zu Besuch kommen, nicht gemeinsam.<\/p><p>Ist man mal f&uuml;r eine Anmeldung des Besuches etwas zu sp&auml;t dran, kann es einem passieren, dass man den Angeh&ouml;rigen, z.B. am Wochenende, nicht mehr besuchen darf. Die Besuchstermine seien bereits vergeben. Begr&uuml;ndet wird diese Haltung damit, die Kapazit&auml;ten seien ersch&ouml;pft, weil immer eine Betreuungsassistentin bei der Ankunft und beim Weggehen den Besucher begleiten m&uuml;sse. Und man k&ouml;nne sich ja nicht zerteilen. Spontane Besuche, weil man gerade etwas Zeit hat, sind derzeit sowieso unm&ouml;glich.<\/p><p>Hierf&uuml;r habe ich nur teilweise Verst&auml;ndnis. Zwar verstehe ich, dass Tr&auml;ger und Einrichtung Sorge haben, die von ihnen im Hygienekonzept getroffenen Vorsichtsma&szlig;nahmen k&ouml;nnten nicht ausreichend sein, um den Vorgaben der Staatsregierung Gen&uuml;ge zu tun. Die Entscheidung &uuml;ber Ausma&szlig; und Inhalt von Hygienekonzepten und Ma&szlig;nahmen liegt offenbar allein bei der Einrichtungsleitung. Staatliche Stellen beziehen sich darauf, solche Entscheidungen m&uuml;ssten vor Ort im Sinne einer individuellen L&ouml;sung getroffen werden. <\/p><p>Angst und &uuml;bervorsichtiges Handeln bestimmen demzufolge die von den Einrichtungen getroffenen Regelungen. Sollte das Virus bei einem Bewohner festgestellt werden, k&ouml;nnte man bei zu laschen Regelungen an den Pranger gestellt werden. <\/p><p>Manche Einrichtungen sind noch rigider in ihren &bdquo;Hygienekonzepten&ldquo; und Besuchs- bzw. Ausgangsregelungen. Von verschiedenen Angeh&ouml;rigen habe ich erfahren, dass es sogar Heime gibt, die f&uuml;r die <strong>Bewohner<\/strong> eine <strong>Ausgangssperre<\/strong> ausgesprochen haben. <\/p><p>Inzwischen sind den Bewohnern, von Besuchsterminen mit den jeweiligen Angeh&ouml;rigen abgesehen, keine anderen Kontakte mehr m&ouml;glich. Nur diejenigen Bewohner, die die Einrichtung (mit oder ohne Hilfe von Angeh&ouml;rigen) verlassen k&ouml;nnen, haben diese M&ouml;glichkeit. Und das sogar unbeschr&auml;nkt. Sie haben auch die M&ouml;glichkeit, mit zig anderen Personen in Ber&uuml;hrung zu kommen, die unkontrolliert miteinander umgehen. Dies konterkariert die harschen Besuchsregelungen komplett. <\/p><p>Die meisten Bewohner eines Heimes aber sitzen isoliert im Gemeinschaftsraum oder in ihren Zimmern und sind, von den ihnen zukommenden individuellen Pflegehandlungen abgesehen, h&auml;ufig sich selbst &uuml;berlassen. Wie sollten auch Programme durchgef&uuml;hrt werden, wenn die hierf&uuml;r zust&auml;ndigen Betreuungskr&auml;fte mit der Regelung des Besucherverkehrs besch&auml;ftigt sind?<\/p><p>Kontakte von Besuchern sind, wie beschrieben, nur mit dem direkten Angeh&ouml;rigen im Heim zul&auml;ssig. Man hat, wenn &uuml;berhaupt, kaum mehr Zeit und M&ouml;glichkeit, sich mit anderen Bewohnern zu unterhalten, auch wenn man aufgrund der Besuchsaufenthalte vor der Coronazeit diese Kontakte immer auch gesucht und gepflegt hat. Verst&auml;ndnis von den Bewohnern, mit denen man kaum mehr ein Wort wechseln kann, ist nicht zu erwarten, da die dementielle Entwicklung bzw. allein die Begleiterscheinungen von Isolierung der Betroffenen ein Verstehen verhindert. Ich z.B. werde von dem einen oder anderen Bewohner bereits vorwurfsvoll angesehen bzw. aus Entt&auml;uschung &uuml;ber beendete Kontakte ignoriert. <\/p><p>Ich habe, wenn ich Politikern zuh&ouml;re oder die Corona Berichterstattung in den Medien verfolge, nicht den Eindruck, man h&auml;tte schon mal dar&uuml;ber nachgedacht oder gar realisiert, was in den betroffenen Menschen vorgeht und was mit ihnen passiert. Ob es ihnen wichtiger ist, ein halbes Jahr l&auml;nger in ihrer gegenw&auml;rtigen Vereinsamung zu verbringen, daf&uuml;r vermeintlich ohne Gefahr, angesteckt zu werden? Oder w&uuml;rden sie lieber, im Bewusstsein eines nicht mehr fernen Todeszeitpunkts, die Gef&auml;hrdung durch ein zus&auml;tzliches Virus akzeptieren, daf&uuml;r aber die letzte Zeit ihres Lebens zufrieden und in Kontakt mit der Au&szlig;enwelt verbringen? <\/p><p>Leben im Heim gleicht inzwischen teilweise einer <strong>Verwahrung<\/strong>, die nach den Heimgesetzen der L&auml;nder, in Bayern also nach dem PfleWoqG, nicht geduldet werden darf. Ein Heim lebt von seiner Integration in der Gesellschaft, von seiner &Ouml;ffnung f&uuml;r alle Au&szlig;enstehenden, die die pflegebed&uuml;rftigen Menschen nicht allein und isoliert lassen wollen. <\/p><p>Das Heim ist <strong>kein Lebensort<\/strong> mehr (wie einmal eine sehr gute Brosch&uuml;re des Sozialministeriums aus den 90er Jahren betitelt war). Die Lebendigkeit, die durch Kontakte aller Art, durch Kommunikation, durch Scherzen und Lachen, aber auch nonverbal durch Ber&uuml;hrungen, Handhalten oder Armstreicheln zwischen Besuchern und Bewohnern m&ouml;glich sein sollte, wird durch m.E. v&ouml;llig &uuml;berzogene und angstbesetzte Ma&szlig;nahmen verhindert.<\/p><p>Die strikte <strong>Absonderung<\/strong> und <strong>Bevormundung<\/strong> der Bewohner, die allenthalben vorherrschen, spotten den Forderungen des Art. 1 Abs. 1 Ziffer 2 PfleWoqG bez&uuml;glich <strong>Selbstbestimmung<\/strong> und <strong>Selbstverantwortung<\/strong>. Das Wort <strong>W&uuml;rde<\/strong> in Ziffer 1 will ich gar nicht erst zitieren. All dies hat schon l&auml;ngst nichts mehr mit der <strong>sog. Lebensqualit&auml;t<\/strong> zu tun, die nach Art. 1 Abs. 1 Ziffer 2 PfleWoqG zu wahren und zu f&ouml;rdern ist. <\/p><p>Die genannten Grunds&auml;tze des Art. 1 PfleWoqG verdeutlichen die Zielsetzung des Gesetzes und richten sich auch an Politik und staatliche Stellen selbst. Sie richten sich also nicht nur an Tr&auml;ger und Leitungen von Heimen, die die in Art. 3 PfleWoqG genannten Qualit&auml;tsanforderungen zu erf&uuml;llen haben und entsprechend, bei Nichterf&uuml;llung, von den Aufsichtsbeh&ouml;rden hierzu anzuhalten sind. <\/p><p>Die gegenw&auml;rtigen Regelungen erfolgen unter der von Politik und staatlichen Stellen propagierten Ma&szlig;gabe, der Schutz des Lebens m&uuml;sse Vorrang vor allen sonstigen G&uuml;tern haben.<\/p><p>Der Schutz des Lebens darf sich jedoch nicht nur auf die Verhinderung von Infektionen beziehen. Der Erhalt von Lebensmut und Lebensfreude, also der psychische Gesundheitszustand eines Menschen, ist als gleichrangig zu betrachten. Andernfalls w&uuml;rde man den Menschen als rein physisch funktionierendes Wesen ansehen, abwerten und in seiner W&uuml;rde verletzen. Nicht wenigen Menschen stellt sich inzwischen die Frage, wann der Schutz vor Infektion in Inhumanit&auml;t umschl&auml;gt und eher schadet.<\/p><p>Die <strong>Verantwortung<\/strong> darf m.E. nicht einfach &bdquo;nach unten&ldquo; auf Heimtr&auml;ger und Leitungen abgew&auml;lzt werden, wenn der Staat schon derartige Pr&auml;missen durch eine Flut von Allgemeinverf&uuml;gungen und Handlungsanleitungen der Ministerien setzt. Hier haben die staatlichen Stellen endlich Farbe zu bekennen und nicht gebetsm&uuml;hlenartig auf den nur vor Ort zu beurteilenden Einzelfall abzustellen. Auch die Annahme, die Heimaufsichten als Kontrollorgane w&auml;ren in der Lage, f&uuml;r ein einheitliches und ma&szlig;volles Vorgehen zu sorgen, ist verfehlt. Die Exekutive braucht hierzu n&auml;mlich die R&uuml;ckendeckung der Politik &ndash; weniger markige Worte und daf&uuml;r einen klaren Rahmen und unmissverst&auml;ndliche Vorgaben, die nicht vor Ort endlos ausgedehnt werden k&ouml;nnen und d&uuml;rfen.<\/p><p>Abstandsregelungen und Maskenschutz, Desinfizieren der H&auml;nde sowie von Besuchern selbst auszuf&uuml;llende Anwesenheitszettel wie in Gastst&auml;tten auch, m&uuml;ssten bei Besuchsregelungen eigentlich ausreichen. Hierzu muss nicht noch eigens Personal abgestellt werden. Und wenn, dann k&ouml;nnten Ehrenamtliche f&uuml;r derart administrative Abl&auml;ufe geworben werden. Es w&uuml;rden sich vermutlich ausreichend Menschen hierf&uuml;r finden, wenn das Heim sich vor der Coronazeit einen einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen Ruf erworben und selbst f&uuml;r die &Ouml;ffnung der Einrichtung in die Gesellschaft gesorgt hat.<\/p><p>Das Verst&auml;ndnis der betroffenen Menschen, Bewohner wie Angeh&ouml;rigen, aber auch der in Pflege und Betreuung Besch&auml;ftigten, f&uuml;r die Art der Regelungen, schwindet immer mehr. Ich habe kaum jemanden getroffen, der die Gefahr f&uuml;r Pflegeheime untersch&auml;tzen w&uuml;rde. Doch die Menschen erwarten endlich eine Politik, die von Augenma&szlig; gepr&auml;gt ist und den ansonsten so gerne zitierten <strong>Grundsatz der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit<\/strong> auch im Falle der Besuchsregelungen in Heimen beachtet.<\/p><p>Ich bitte Sie daher dringend, sich f&uuml;r eine weitere &Ouml;ffnung der Altenpflegeheime im Interesse der dort lebenden Menschen einzusetzen.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nClaus V&ouml;lker<\/p><p>Titelbild: De Visu\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Sonntag erinnerte Albrecht M&uuml;ller in seinem Artikel &bdquo;Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod&rdquo; anl&auml;sslich des Vorschlags des Bundespr&auml;sidenten Steinmeier, eine Gedenkfeier f&uuml;r die &bdquo;Corona-Opfer&ldquo; zu veranstalten, an die Isolation alter Menschen durch die Ma&szlig;nahmen von Bund und L&auml;ndern. Dazu leitete uns unser Leser und Gastautor <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=claus-voelker\"><strong>Claus V&ouml;lker<\/strong><\/a> einen Brief zu dieser Thematik<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64526\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64529,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,161],"tags":[1183,2254],"class_list":["post-64526","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-wertedebatte","tag-exklusion","tag-lebensqualitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_612256466.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64526"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64526\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64535,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64526\/revisions\/64535"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}