{"id":64604,"date":"2020-09-10T11:30:55","date_gmt":"2020-09-10T09:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64604"},"modified":"2020-09-11T07:34:13","modified_gmt":"2020-09-11T05:34:13","slug":"mord-in-russland-eine-replik-auf-juergen-trittin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64604","title":{"rendered":"\u201eMord in Russland\u201c \u2013 Eine Replik auf J\u00fcrgen Trittin"},"content":{"rendered":"<p>J&uuml;rgen Trittin, der einmal zum linken Fl&uuml;gel der Gr&uuml;nen geh&ouml;rte, erkl&auml;rte in einer Talkshow bei Anne Will zum Fall Alexej Navalny, wer in Russland &bdquo;ernsthaft Opposition betreibt, muss um sein Leben f&uuml;rchten.&ldquo; Das sei &bdquo;im Interesse des Systems&ldquo;. Was ist da dran? Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2754\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-64604-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=64604-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200910_Mord_in_Russland_Eine_Replik_auf_Juergen_Trittin_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben es zu tun mit einem System, in dem der politische Mord an Oppositionellen Tradition hat, und da hilft der Verweis auf das Cui bono nicht weiter. Sondern es passiert immer wieder (&hellip;) Und dieses System lautet, ich muss, wenn ich ernsthaft Opposition betreibe, um mein Leben f&uuml;rchten. Das ist die Botschaft, die davon ausgeht. Und das ist im Interesse &uuml;brigens des Systems.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dies ist ein Zitat von J&uuml;rgen Trittin aus <a href=\"https:\/\/daserste.ndr.de\/annewill\/videos\/Giftanschlag-auf-Nawalny-aendert-Deutschland-jetzt-seine-Russland-Politik,annewill6620.html\">der Talk-Show von Anne Will<\/a> vom 6. September, bei der es um die angebliche Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Navalny ging.<\/p><p><strong>Hat Putin Angst vor der Opposition?<\/strong><\/p><p>Mit seinen &Auml;u&szlig;erungen unterstellt Trittin, das politische System in Russland k&ouml;nne sich nur mit Hilfe von Morden und Vergiftungen halten. Ohne derartige Methoden der Machtsicherung bekomme die Opposition und unzufriedene Massen in Russland Oberwasser und w&uuml;rden versuchen &ndash; wie in der Ukraine &ndash; das System Putin zu st&uuml;rzen. <\/p><p>Ich will nicht bestreiten, dass es bei Wahlen in Russland gelegentlich zu Unregelm&auml;&szlig;igkeiten kommt. Auch in den USA gibt es Unregelm&auml;&szlig;igkeiten. Aber es gibt keine Beweise daf&uuml;r, dass Putin und die Regierungspartei Einiges Russland Wahlen nur auf Grund von F&auml;lschungen gewinnen. <\/p><p>Erstaunlich ist, dass Trittin, der sich als &bdquo;Russland-Experte&ldquo; bezeichnet, immer nur &uuml;ber Putin und die liberale Opposition mit ihrem &bdquo;F&uuml;hrer&ldquo; Navalny spricht. Die viel breiter aufgestellte Zivilgesellschaft in Russland &ndash; von &Ouml;kologen, &uuml;ber Anwohnerinitiativen bis hin zu Linken und Liberalen &ndash; hat Trittin nicht im Blick. In Talkshows zitiert der ehemalige Bundesumweltminister immer nur seine liberalen Freunde in Moskau, deren Hauptthemen das Andenken an die Opfer des Stalinismus und der m&ouml;glichst baldige Sturz von Wladimir Putin ist. <\/p><p>Ein Blick in den russischsprachigen Bereich von YouTube gen&uuml;gt, um sich ein Bild zu machen von der enormen Breite und Lebendigkeit der russischen Zivilgesellschaft. Dort posten russische Journalisten, Blogger und Oppositionelle t&auml;glich neue Videos, in denen sie kritisch Stellung nehmen zur M&uuml;ll-Politik, zur Kommerzialisierung des Bildungs- und Gesundheitsbereiches oder zu den Eins&auml;tzen der russischen Sicherheitsfirma &bdquo;Wagner&ldquo; in internationalen Krisenherden. <\/p><p>Bekannte russische Linke wie der Leiter <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63476\">der Lenin-Sowchose<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hBbN-YTS-Uw\">Pawel Grudinin<\/a> oder die Video-Blogger <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UC2qoLqo8RuV4P_88yhHCZIg\">Konstantin Sjomin<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCiUVHNJV5tjLtgWtfFASRGA\">Maxim Schewtschenko<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/RabkorTV\">Boris Kagarlitzky<\/a> sammeln &uuml;ber ihre YouTube-Kan&auml;le ein Auditorium von mehreren hunderttausend Zuschauern.  Auch der ehemalige Diplomat Nikolai Platoschkin, der letztes Jahr die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61897\">Bewegung &bdquo;Neuer Sozialismus&ldquo; gr&uuml;ndete<\/a> und seit Anfang Juni wegen seiner Gegnerschaft zu den Verfassungs&auml;nderungen unter Hausarrest steht, ist per YouTube zwar nicht zu sehen, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCDqwBnBsFWxFj0ABSbE2Kvw\">aber immerhin zu h&ouml;ren<\/a>.<\/p><p><strong>Morde an Journalisten unter Boris Jelzin werden ausgeblendet<\/strong><\/p><p>Die Masche von Trittin und anderen, die Russland zur besonderen Gefahr f&uuml;r Deutschland und Europa hochstilisieren wollen, ist, dass sie Ereignisse wie &bdquo;Korruption&ldquo;, &bdquo;Repression&ldquo;, &bdquo;Milit&auml;reins&auml;tze&ldquo; aus dem Zusammenhang rei&szlig;en und positive Entwicklungen in der russischen Gesellschaft wie den rasanten Ausbau der Moskauer U-Bahn oder die Versorgung von Milit&auml;rangeh&ouml;rigen mit modernen Wohnraum generell ausblenden. So entsteht ein angsteinfl&ouml;&szlig;endes Bild.<\/p><p>Die Behauptung von Trittin, es geh&ouml;re zum russischen System, &bdquo;Oppositionelle und Journalisten&ldquo; umzubringen, funktioniert nur, wenn er verschweigt, dass die Zahl der Morde an Journalisten im nachsowjetischen Russland unter Putin deutlich zur&uuml;ckgegangen ist. W&auml;hrend von 1993 bis 1999 unter Pr&auml;sident Boris Jelzin 93 Journalisten Opfer von Mord, Schie&szlig;ereien und Terrorakten wurden, waren es in den Jahren 2000 bis 2009 unter Wladimir Putin und Dmitri Medwedew 114 und in den Jahren 2011 bis 2018 unter Putin 27 Journalisten.<\/p><p>Dazu muss man sagen, dass ein gro&szlig;er Teil der Journalisten Opfer der beiden Tschetschenienkriege (1994 bis 1996 und 1999 bis 2003) wurden. Eine weitere gro&szlig;e Gruppe von Ermordeten sind Journalisten von regionalen Medien, die Opfer von Machtk&auml;mpfen innerhalb der regionalen Eliten wurden. <\/p><p>In die Amtszeit von Boris Jelzin fallen die Morde an dem Journalisten Dmitri Cholodow, dem Fernseh-Moderator Wladislaw Listjew und der liberalen Politikerin Galina Starowoitowa. <\/p><p>Der Westen hat Jelzin wegen dieser Morde in Russland keine Ultimaten gestellt, wie es jetzt im Fall Navalny geschieht. Warum? Der Westen wollte Jelzin sch&uuml;tzen, denn dieser machte Russland zu einem schwachen Staat, der westlichen Konzernen zur Auspl&uuml;nderung offenstand. <\/p><p><strong>1995 &ndash; Der Mord erste Journalisten-Mord, der Wellen schlug<\/strong><\/p><p>Die Hintergr&uuml;nde des ersten Journalisten-Mordes im nachsowjetischen Russland, der gro&szlig;e Wellen schlug, m&ouml;chte ich hier beschreiben. Es wird deutlich, dass die Journalisten in der &Uuml;bergangsphase vom Staats-Sozialismus zum wilden Kapitalismus zwischen die Fronten gerieten. Sie waren Vorboten der neuen, demokratischen Gesellschaft. Doch sie wurden von der Macht nicht gesch&uuml;tzt. <\/p><p>Am 17. Oktober explodierte in der Redaktion des Massenblattes &bdquo;Moskowski Komsomolez&ldquo; im Arbeitszimmer von Dmitri Cholodow eine Bombe, die den 27 Jahre alten Journalisten t&ouml;tete. Cholodow hatte sich auf Korruptionsf&auml;lle in der russischen Armee spezialisiert und beschuldigte unter anderem auch Verteidigungsminister Pawel Gratschow der pers&ouml;nlichen Bereicherung. <\/p><p>Die russische Armee befand sich in den 1990er Jahren in einem kl&auml;glichen Zustand. Der Staat hatte kein Geld f&uuml;r die Soldaten. Die Kasernen wurden nur unregelm&auml;&szlig;ig beheizt. Regelm&auml;&szlig;ig fiel wegen nichtbezahlter Rechnungen der Strom aus. Die Wehrpflichtigen wurden von ihren Vorgesetzten auf Baupl&auml;tze und in die Landwirtschaft geschickt, damit sie dort Geld verdienten. H&auml;ufig verkauften Vorgesetzte auf dem Schwarzmarkt alles an Armeeausr&uuml;stung, was nicht niet- und nagelfest war. <\/p><p>Die Menschen reagierten auf Zeitungsberichte &uuml;ber Korruption in der Armee unterschiedlich. Die einen lobten den Mut des Journalisten Cholodow, die anderen meinten, mit seinen Berichten n&uuml;tze er dem Westen, der eine schwache russische Armee will.<\/p><p>Die Zeitung &bdquo;Moskowski Komsomolez&ldquo; verd&auml;chtigte Verteidigungsminister Pawel Gratschow als Drahtzieher des Anschlags auf den Journalisten. Der Minister, berichtet das Blatt unter Bezug auf die Ermittlungen, habe f&uuml;r Spezialoperationen geschulten Mitgliedern der Luftlandetruppen den Auftrag gegeben, Cholodow zum Schweigen zu bringen. Sechs Angeh&ouml;rige der Luftlandetruppen sa&szlig;en wegen dem Mord an Cholodow vier Jahre in Haft, wurden aber 2001 freigesprochen, aus der Haft entlassen und sp&auml;ter f&uuml;r ihre Haftzeit entsch&auml;digt. Wer den Journalisten nun wirklich umgebracht hat und wer den Auftrag gab, ist bis heute offen. <\/p><p><strong>Pr&auml;sident Jelzin stellte sich hinter den Verteidigungsminister<\/strong><\/p><p>Pr&auml;sident Boris Jelzin stellte sich nach dem Mord an dem Journalisten Cholodow hinter Verteidigungsminister Gratschow und wies alle Verd&auml;chtigungen, dieser k&ouml;nne den Mord angeordnet haben, zur&uuml;ck. <a href=\"https:\/\/www.mk.ru\/politics\/2019\/10\/16\/delo-ob-ubiystve-dmitriya-kholodova-25-let-spustya.html\">Jelzin erkl&auml;rte<\/a>, Gratschow habe im Oktober 1993 &bdquo;die Demokratie in Russland gesch&uuml;tzt&ldquo;. Gemeint war die <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/video\/video1338964.html\">Beschie&szlig;ung des Obersten Sowjet<\/a> &ndash; dem damaligen russischen Parlament &ndash; mit Panzern am 4. Oktober 1993. <\/p><p>Die Mitglieder des Obersten Sowjet hatten sich in dem Geb&auml;ude verbarrikadiert. Sie widersetzten sich den Anordnungen von Jelzin. Seine marktradikale Politik wollten sie nicht mittragen. Durch den Panzerangriff wurden sie zur Aufgabe gezwungen. Sie kamen in Untersuchungshaft.  <\/p><p>Im Dezember 1993 lie&szlig; Jelzin die Russen dann &uuml;ber eine neue Verfassung abstimmen, die das Parlament entmachtete und dem russischen Pr&auml;sidenten weitreichende Vollmachten gab.  <\/p><p>Die westlichen Medien und auch die &bdquo;taz&ldquo;, das Hausblatt der Partei &bdquo;Die Gr&uuml;nen&ldquo;, verteidigten die Beschie&szlig;ung des russischen Parlaments und die anschlie&szlig;ende Verhaftung der Abgeordneten, die f&uuml;r die &bdquo;taz&ldquo; nur &bdquo;Alt-Kommunisten&ldquo; und &bdquo;Nationalisten&ldquo; waren, die kein besonderes Mitleid verdienten. <\/p><p><strong>Der Mord am Fernseh-Chef Wladislaw Listjew 1995<\/strong><\/p><p>Der zweite Mord an einem Journalisten, der im nachsowjetischen Russland besondere Aufmerksamkeit erregte, war das t&ouml;dliche Attentat auf Wladislaw Listjew am 1. M&auml;rz 1995. Dieser Mord an dem 38 Jahre alten Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des russischen Fernsehkanals ORT ist bis heute nicht aufgekl&auml;rt.<\/p><p>Der Fernsehkanal ORT geh&ouml;rte 1995 zu 51 Prozent dem Staat. Der Kanal kontrollierte damals 90 Prozent des russischen Fernseh-Marktes. 36 Prozent der Aktien geh&ouml;rten dem Oligarchen Boris Beresowski. Der hatte Wladislaw Listjew zum Generaldirektor des Fernsehkanals ernannt. <\/p><p>Es wird vermutet, dass Listjew, der Moderator verschiedener popul&auml;rer Unterhaltungssendungen war, ermordet wurde, weil er Gesch&auml;ftsleuten, die damals mit Mafia-Methoden arbeiteten, in die Quere kam. <\/p><p>Neun Tage vor dem Attentat hatte Listjew ein Moratorium f&uuml;r jegliche Reklame auf dem Fernsehkanal verh&auml;ngt. Der Grund war, dass es mit den Firmen, die Reklame-Zeiten bei dem Fernsehkanal kauften, zu keiner Einigung &uuml;ber den Preis gekommen war und Listjew wollte mit seinem Moratorium offenbar Zeit f&uuml;r weitere Verhandlungen erzwingen.<\/p><p>Wer stand hinter dem Mord an Listjew? Es werden verschiedene Hinterm&auml;nner genannt. Die einen sagen, es sei der Oligarch Boris Beresowski gewesen, die anderen sagen, es war Sergej Lisowski, Besitzer einer der Firmen, die bei ORT Reklamezeiten kauften. <\/p><p><strong>Der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja 2006<\/strong><\/p><p>J&uuml;rgen Trittin nannte als Beweis f&uuml;r die systematische Ermordung von Journalisten und Oppositionellen in Russland die Namen Anna Politkowskaja und Boris Nemzow. Doch bis heute konnte noch niemand einen schl&uuml;ssigen Grund nennen, welchen konkreten Nutzen diese Morde f&uuml;r Putin haben sollten. Dass es in beiden Mordf&auml;llen Verurteilungen gegen die T&auml;ter gab, verga&szlig; Trittin zu erw&auml;hnen. <\/p><p>Politkowskaja, die sich mit ihren Reportagen aus dem Tschetschenienkrieg und der harten Kritik am &bdquo;System Putin&ldquo; einen Namen machte, wurde am 7. Oktober 2006 vor ihrer Wohnung erschossen. <\/p><p>Im Mai 2014 verurteilte ein russisches Gericht f&uuml;nf Tschetschenen wegen des Mordes an der bekannten Journalistin zu Haftstrafen zwischen 13,5 Jahren und lebensl&auml;nglich. Ein ehemaliger Moskauer Polizeioberst wurde zu elf Jahren Haft verurteilt, weil er den M&ouml;rdern half, den Wohnort und die Lebensweise von Politkowskaja auszukundschaften. <\/p><p>&Uuml;ber das Motiv der T&auml;tergruppe kann man nur spekulieren. Tatsache ist, dass Politkowskaja in ihren Reportagen Tschetschenen, die bei der R&uuml;ckeroberung Tschetscheniens auf der Seite der russischen Armee k&auml;mpften, schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigte. Die Beschuldigungen gegen diese Tschetschenen k&ouml;nnten das Motiv f&uuml;r einen Mord aus Rache gewesen sein.  <\/p><p><strong>Der Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow 2015<\/strong><\/p><p>Wegen dem Mord an dem liberalen Oppositionspolitiker Boris Nemzow, der am Abend des 27. Februar 2015 auf einer Br&uuml;cke nicht weit vom Kreml erschossen wurde, verurteilte ein russisches Gericht f&uuml;nf Tschetschenen. <\/p><p>&Uuml;ber das Motiv gibt es nur unklare Angaben. Einer der Tschetschenen soll erkl&auml;rt haben, Nemzow habe in einem Blog den Islam beschimpft. F&uuml;r die Tat bekamen die Tschetschenen angeblich eine Belohnung von 280.000 Euro von Ruslan Muchutdinow, einem ehemaligen Mitglied der tschetschenischen Milit&auml;reinheit &bdquo;Nord&ldquo;. Muchutdinow wurde zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. <\/p><p>Die wichtigste Zeugin des Nemzow-Mordes war Anna Durizkaja, ein Model aus Kiew. Sie ging an dem tragischen Abend mit dem Oppositionspolitiker nicht weit vom Kreml &uuml;ber die Br&uuml;cke, auf der Nemzow erschossen wurde. Anna Durizkaja wurde bei dem Mord nicht verletzt, was nach Aussage eines ehemaligen FSB-Beamten erstaunlich ist, da Zeugen bei solchen Anschl&auml;gen in der Regel ebenfalls &bdquo;beseitigt&ldquo; werden.<\/p><p>Der Moskauer Soziologe Boris Kagarlitzky vermutete, dass der Mord an Nemzow von russischen Oligarchen in Auftrag gegeben wurde, um Putins Herrschaft zu schw&auml;chen. Der Soziologe spielte auf Oligarchen an, die Kritik an der R&uuml;ckholung der Krim haben und auf eine Wiederbelebung der Gesch&auml;fte mit dem Westen hoffen. <\/p><p><strong>Das angebliche Ziel &bdquo;Einsch&uuml;chterung&ldquo; wurde verfehlt<\/strong><\/p><p>Sollten die Morde darauf zielen, kritische Journalisten einzusch&uuml;chtern, so haben sie ihre Wirkung g&auml;nzlich verfehlt. Dreimal w&ouml;chentlich erscheint bis heute die Nowaja Gaseta, f&uuml;r die Politikowskaja schrieb. Hauptthema dieser Zeitung ist die Korruption in den russischen Machtorganen und die Geschichte des &bdquo;Stalinismus&ldquo;, der angeblich immer noch Russlands Politik pr&auml;gt.<\/p><p>Es gibt die liberalen Medien, Radio &bdquo;Echo Moskau&ldquo;, den liberalen Fernsehkanal &bdquo;Doschd&ldquo; und zahlreiche Kreml-kritische Blogger <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCMCgOm8GZkHp8zJ6l7_hIuA\">wie &bdquo;Dud&ldquo;<\/a>, der ein Millionenpublikum hat. Die Medienlandschaft in Russland ist &auml;u&szlig;erst lebendig und nicht weniger vielf&auml;ltig als in Deutschland. <\/p><p><strong>Schweigen zum Brandangriff auf das Gewerkschaftshaus von Odessa<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;taz&ldquo; hatte schon 1993 die Beschie&szlig;ung des russischen Parlaments gerechtfertigt. So war es eigentlich kein Wunder, dass das Blatt auch den Staatsstreich 2014 in Kiew als positives Ereignis beschrieb. Erschreckend war jedoch, dass sogar der offene Mord an Kritikern der Nach-Maidan-Regierung in Odessa f&uuml;r die &bdquo;Gr&uuml;nen&ldquo; und f&uuml;r die deutschen Medien insgesamt kein Grund zu Protest und Kritik war. Am 2. Mai 2014 z&uuml;ndeten ukrainische Ultranationalisten das Gewerkschaftshaus von Odessa an. 42 Menschen starben. <\/p><p>F&uuml;r J&uuml;rgen Trittin, der im Juli 2014 die Ukraine besuchte, war das Massaker kein Thema, mit dem er seine ukrainischen Gespr&auml;chspartner bel&auml;stigen wollte. Gewaltt&auml;tige Nationalisten hat Trittin in der Ukraine nicht gesehen, von ihren Gewalttaten nichts geh&ouml;rt. Der ehemals linke Gr&uuml;ne <a href=\"https:\/\/www.trittin.de\/wp-content\/uploads\/texte\/20140714_ReiseberichtMoskUKR.pdf\">schreibt in seinem Reisebericht<\/a>: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Kr&auml;fte des Maidan haben zur deutlichen Vitalisierung der Zivilgesellschaft beigetragen, die sich darauf konzentriert, die Regierenden zu kontrollieren. Gegen sie kann zurzeit die Ukraine nicht regiert werden. Sie kandidieren nicht selber, sind aber f&uuml;r Wahlen im Herbst.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Trittin blendet die chaotischen 1990er Jahre aus<\/strong><\/p><p>Wenn Trittin heute erkl&auml;rt, man habe es in Russland mit einem System zu tun, &bdquo;in dem der politische Mord an Oppositionellen Tradition hat&ldquo;, warum fokussiert er dann seine Kritik auf Putin? Warum fragt er nicht, was in den 1990er Jahren unter dem vom Westen gelobten Pr&auml;sidenten Boris Jelzin passierte? Unter diesem Pr&auml;sidenten wurden archaische, fr&uuml;hkapitalistische Verh&auml;ltnisse in Russland installiert. Pension&auml;re mussten Monate auf ihre Renten warten. Millionen Menschen wurden arbeitslos und &uuml;berlebten nur dank ihrer privaten Gem&uuml;seg&auml;rten. <\/p><p>Der wilde Kapitalismus der 1990er Jahre hat Folgen bis heute. Der Graben zwischen schlechtbezahlten und superreichen Russen ist riesig. Die Mittelschicht existiert nur in Rudimenten. Der schrittweise Abbau von sozialen und Arbeitsschutzstandards aus der sowjetischen Zeit und die Kommerzialisierung des Gesundheits- und Bildungsbereiches f&uuml;hrt dazu, dass vor allem die &auml;ltere Generation sich sehns&uuml;chtig an die Sowjetunion erinnert.<\/p><p>Wladimir Putin hat die schlimmsten Ausw&uuml;chse des Mafia-Kapitalismus der 1990er Jahre stoppen k&ouml;nnen. Wer das nicht anerkennt und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64090\">stattdessen Jagd auf angeblich korrupte russische Politiker in Deutschland und der EU machen will<\/a>, muss sich fragen lassen, wessen Interessen er verfolgt: die der einfachen Russen oder die Interessen der westlichen Eliten, die kein starkes, wirtschaftlich gesundes Russland wollen. <\/p><p>Titelbild: 360b \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a99bfd181374492f88f0d22b0221b8c6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J&uuml;rgen Trittin, der einmal zum linken Fl&uuml;gel der Gr&uuml;nen geh&ouml;rte, erkl&auml;rte in einer Talkshow bei Anne Will zum Fall Alexej Navalny, wer in Russland &bdquo;ernsthaft Opposition betreibt, muss um sein Leben f&uuml;rchten.&ldquo; Das sei &bdquo;im Interesse des Systems&ldquo;. Was ist da dran? Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64605,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,60,123,20,41],"tags":[2407,2520,1283,915,259,624],"class_list":["post-64604","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innere-sicherheit","category-kampagnentarnworteneusprech","category-landerberichte","category-medienanalyse","tag-jelzin-boris","tag-mord","tag-nawalny-alexej","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-trittin-juergen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_155621630.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64604"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64638,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64604\/revisions\/64638"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}