{"id":64639,"date":"2020-09-11T09:00:56","date_gmt":"2020-09-11T07:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64639"},"modified":"2020-09-14T07:40:58","modified_gmt":"2020-09-14T05:40:58","slug":"politischer-kitsch-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64639","title":{"rendered":"Politischer Kitsch \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland versinkt in R&uuml;hrseligkeit und politischem Kitsch. Das ist die These des Philosophen und Kultur- und Wissenschaftsjournalisten Alexander Grau, der beim politischen Magazin <em>Cicero<\/em> auch die Kolumne <em>Grauzone<\/em> schreibt. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat sein Buch &bdquo;Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialit&auml;t&ldquo; f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4415\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-64639-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=64639-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200911_Politischer_Kitsch_eine_Rezension_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&bdquo;Es gibt ein Bed&uuml;rfnis nach politischem Kitsch, sonst g&auml;be es ihn nicht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das ist der Befund von Alexander Grau. Gleich zu Anfang seines Buches schreibt er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Politischer Kitsch hat Hochkonjunktur. Sentimentale Worth&uuml;lsen, penetrante Gef&uuml;hligkeit, s&uuml;&szlig;liche Bilder und betroffenheitsschwangere Gesten bestimmen den &ouml;ffentlichen Diskurs. Die gesellschaftlichen Debatten sind gepr&auml;gt von einer Mischung aus aggressiver R&uuml;hrseligkeit, &uuml;berspannter Empfindsamkeit und peinlichen Politritualen. Doch Konjunktur hat nur, was erfolgreich ist. Das bedeutet: Kitschige Politkommunikation wird h&auml;ufig nicht als unpassend oder peinlich empfunden, sondern als authentisch und ehrlich. (&hellip;) Kitschige Kommunikation, so ist zu vermuten, gilt als Indiz f&uuml;r Menschlichkeit, echte Gef&uuml;hle und Anteilnahme. Und Gef&uuml;hle und Anteilnahme sind etwas, was Menschen zunehmend auch von Politikern erwarten. Kurz: Es gibt ein Bed&uuml;rfnis nach politischem Kitsch, sonst g&auml;be es ihn nicht&ldquo; (S. 7-8).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Steinmeiers Kitschaktion<\/strong><\/p><p>Stimmt dieser Befund von Alexander Grau? Ich glaube ja. Das j&uuml;ngste Beispiel dazu lieferte erst k&uuml;rzlich Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier ab. Er regte an, f&uuml;r die ca. 9300 am Corona-Virus Verstorbenen eine offizielle Gedenkstunde zu veranstalten. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/steinmeier-corona-gedenkfeier-101.html\">Laut Tagesschau<\/a> sagte Steinmeier: &bdquo;Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod. Wir m&uuml;ssen den Menschen in ihrer Trauer helfen und dar&uuml;ber nachdenken, wie wir unser Mitgef&uuml;hl ausdr&uuml;cken k&ouml;nnen&rdquo;. Da h&auml;tte ich dann doch ein paar Fragen: Warum wurde f&uuml;r die 25.000 Grippetoten in der Wintersaison 2017\/18 keine Gedenkfeier veranstaltet? Ganz zu schweigen davon, dass es keinen Lock-Down, keinen Maskenzwang usw. gab, kurz: &uuml;berhaupt keine Schutzma&szlig;nahmen. Und das, obwohl das Virus trotz Impfung so viele Tote verursacht hat, also ebenfalls hochaggressiv gewesen sein muss. Und was ist mit den vielen Toten, die letztlich an Luftverschmutzung verstorben sind? Laut einer <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/luftverschmutzung-schadstoffe-todesfaelle-1.4364271\">Studie des Max-Planck-Instituts an der Universit&auml;t Mainz<\/a>  werden in Europa j&auml;hrlich bis zu 800.000 Todesf&auml;lle durch den Feinstaub in der Luft verursacht. Was ist mit den Zehntausenden von Menschen, die j&auml;hrlich an den Folgen von Infektionen sterben oder dadurch schwer versehrt werden (z. B. Amputationen), weil sie sich bei einer Behandlung im Krankenhaus einen sogenannten multiresistenten Krankenhauskeim eingefangen haben? Infektionen, die auch zustande kommen, weil die Krankenh&auml;user mit zu wenig Personal arbeiten m&uuml;ssen und unterfinanziert sind. Was ist mit den Menschen, die an den Folgen von Armuts- und Arbeitsstress sterben? (siehe dazu die aufschlussreiche Studie von Kate Picket und Richard Wilkinson: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Gleichheit-Warum-gerechte-Gesellschaften-besser\/dp\/3942989921\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=2YBJ2IYI9GD93&amp;dchild=1&amp;keywords=gleichheit+ist+gl%C3%BCck&amp;qid=1599470647&amp;s=books&amp;sprefix=Gleichheit+ist%2Caps%2C180&amp;sr=1-1\">Gleichheit: Warum gerechte Gesellschaften f&uuml;r alle besser sind<\/a>).  <\/p><p>Mit anderen Worten: Steinmeier k&auml;me aus dem Gedenken gar nicht mehr heraus, wenn er all der Toten gedenken wollte. Vor allen Dingen m&uuml;sste sich die politische Klasse andauernd entschuldigen wegen politischer Nichtstuerei. Kurz: Steinmeier hat nach meiner Meinung genau so, wie Alexander Grau es in seinem Buch beschrieben hat, die Gelegenheit zu einer r&uuml;hrselig-sentimentalen politischen Kitschaktion genutzt. Und das Schlimme ist: Er wird damit wahrscheinlich Erfolg haben und bei vielen Menschen politisch punkten k&ouml;nnen. Dass er tats&auml;chlich von den ca. 9300 Toten ger&uuml;hrt ist, nehme ich ihm nicht eine Sekunde ab. Denn wenn er tats&auml;chlich so ein empfindsames Gem&uuml;t w&auml;re, h&auml;tte er schon l&auml;ngst gegen die Hartz-4-Gesetze Stellung bezogen. Tats&auml;chlich ist er aber deren ma&szlig;geblicher politischer Architekt als Minister im Bundeskanzleramt unter Gerhard Schr&ouml;der gewesen. Also: Architekt von Gesetzen, die objektiv schon vielen Menschen das Leben ruiniert haben. Und es d&uuml;rften nicht wenige sein, die durch den chronischen Stress, den Hartz-4 verursacht, schwer krank wurden und vorzeitig starben. Dass dies keine phantasierten Zusammenh&auml;nge sind, kann man wie schon erw&auml;hnt in der oben genannten Studie von Picket und Wilkinson nachlesen. <\/p><p><strong>Politischer Kitsch: Ein Kampfinstrument<\/strong><\/p><p>Politischer Kitsch, das wird aus diesem Beispiel deutlich, kann wunderbar genutzt werden, um Politik zu legitimieren oder politische Forderungen durchzusetzen. Man k&ouml;nnte auch sagen: Politischer Kitsch ist ein Kampfinstrument. Aber ein Kampfinstrument, das in einer Demokratie fehl am Platze ist. Alexander Grau f&uuml;hrt daf&uuml;r verschiedene Gr&uuml;nde an:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo; (&hellip;.) wenn die Gesellschaft rhetorisch in einen andauernden Alarmzustand versetzt wird, wenn &uuml;berspannte Emotionen und s&uuml;&szlig;liches Pathos die &ouml;ffentliche Debatte bestimmen, dann sind rationale Diskussionen kaum noch sinnvoll f&uuml;hrbar. Dann dominieren von Aktivisten gesch&uuml;rte Affekte und Ressentiments die &ouml;ffentlichen Diskussionen. Der Raum, der &uuml;berhaupt noch als legitim empfundenen Meinungen wird permanent enger&ldquo; (S. 9-10).\n<\/p><\/blockquote><p>Denn:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das kitschige Bewusstsein, will nicht verstehen, es will dazugeh&ouml;ren und geborgen sein. Geborgen aber f&uuml;hlt es sich nur in einer &uuml;berschaubaren und geordneten Welt. Deshalb basiert der moralische Kitsch (den Grau als die Basis des politischen Kitsches sieht; UB) auf Komplexit&auml;tsreduktion. F&uuml;r ihn gibt es nur Gut und B&ouml;se, Hell und Dunkel&ldquo; (S. 15).\n<\/p><\/blockquote><p>Hier w&auml;re aus meiner Sicht noch eines zu erg&auml;nzen: Grau spricht von &bdquo;Aktivisten&ldquo; und hat wahrscheinlich ausschlie&szlig;lich linksliberale &bdquo;zivilgesellschaftliche&ldquo; Organisationen vor Augen (Auf das Thema &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; komme ich gleich noch). Wie die jetzige Debatte um den Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker und Rechtsextremisten Nawalny zeigt (die rechtsextremistische Ideologie Nawalnys wird gerne von den deutschen Medien verschwiegen, deshalb sei hier darauf hingewiesen), sind es durchaus nicht nur &bdquo;Aktivisten&ldquo;, die mit &bdquo;&uuml;berspannten Emotionen&ldquo; den Raum legitimer Meinungen einengen, sondern auch das politische Establishment, Regierungen und vor allem: die gro&szlig;en &ouml;ffentlich-rechtlichen und privaten Konzernmedien. <\/p><p>Graus Res&uuml;mee: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das ist auch deshalb problematisch, weil politischer Kitsch unverkennbar autorit&auml;re Politik zu legitimieren scheint&ldquo; (S.9).\n<\/p><\/blockquote><p>Wohl wahr, kann man da nur sagen.<\/p><p><strong>&bdquo;Zivilgesellschaftliches Engagement&ldquo;: Politischer Kitsch und ein eintr&auml;gliches Gesch&auml;ft<\/strong><\/p><p>Vollkommen zu Recht kritisiert Grau den seit einigen Jahren in Mode gekommenen Begriff &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; und den ganzen Bohei darum:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Da der demokratische Politikbetrieb aber auf Kompromissen beruht, auf der Organisation von Macht und einem berechnenden Zweckrationalismus, also auf etwas, was dem kitschigen Bewusstsein wesensfremd ist, formiert es sich gerne au&szlig;erhalb staatlicher oder parteipolitischer Institutionen. Zumindest in postindustriellen Wohlstandsdemokratien wird politischer Kitsch weniger vom Staat organisiert und pr&auml;sentiert, er ist viel mehr eine Kommunikationsform der &sbquo;Zivilgesellschaft&rsquo;  geworden, also einer gesellschaftlichen Struktur, deren Existenz und gebetsm&uuml;hlenartige Beschw&ouml;rung ihrerseits Produkt des kitschigen Bewusstseins ist. Hier, in der Zivilgesellschaft, also in imaginierter Gemeinschaft der politisch Erleuchteten, der Nichtkorrumpierten und Aufrechten, findet der moralische Kitsch seine ideale Agitationsform. Entsprechend organisiert er sich bevorzugt in Stiftungen, NGOs oder anderen Vereinen und Verb&auml;nden. Unbelastet von realpolitischen Erw&auml;gungen kann er hier seinem moralischen Maximalismus fr&ouml;nen&ldquo; (S. 15-16).\n<\/p><\/blockquote><p>Ein Beispiel f&uuml;r so eine Organisation ist der Berliner Verein &bdquo;Postkolonial e. V.&ldquo;, der sich selbst als &bdquo;zivilgesellschaftliches B&uuml;ndnis Decolonize Berlin&ldquo; bezeichnet und vom Berliner Senat mit 3,5 Mio. Euro f&uuml;r seine Projekte begl&uuml;ckt wurde (siehe dazu den ironisch-b&ouml;sen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/osmanische-reichsbuerger-in-berlin-i-li.103493\">Kommentar des Historikers G&ouml;tz Aly in der Berliner Zeitung<\/a>). Man sieht: &bdquo;Zivilgesellschaftliches Engagement&ldquo; ist ein eintr&auml;gliches Gesch&auml;ft. <\/p><p><strong>Aus dem W&ouml;rterbuch des politischen Kitsches<\/strong><\/p><p>Grau nennt einige Floskeln und Wortbildungen f&uuml;r politischen Kitsch. Zum Beispiel: &bdquo;Wertegemeinschaft&ldquo;, &bdquo;Zeichen setzen&ldquo;, &bdquo;Gesicht zeigen&ldquo;. Aber auch die Begriffe &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; und &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo;. Bei den beiden zuletzt genannten Begriffen kann ich ihm nicht folgen. Es erschlie&szlig;t sich mir nicht, warum die Forderung nach &bdquo;sozialer Gerechtigkeit&ldquo; politischer Kitsch sein soll. Ist es etwa kitschig, wenn ein Paketbote, der aufgrund eines ausgekl&uuml;gelten Werkvertragssystems de facto zu einem Sklavenlohn und ohne soziale Absicherung arbeiten muss und massiv ausgebeutet wird, soziale Gerechtigkeit einfordert? Zumal er ja wirklich extrem hart arbeitet, was man von so manchem hoch bezahlten Manager (siehe David Graeber: Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit) nicht behaupten kann. Aus der Perspektive eines Paketboten betrachtet ist soziale Gerechtigkeit schlicht eine dringende Notwendigkeit. Und eine vollkommen sachliche Forderung, die nichts mit R&uuml;hrseligkeit zu tun hat. Wie aber kommt Grau zu der Ansicht, der Begriff &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; geh&ouml;re zu den Kitschvokabeln? Die Antwort ist einfach: Weil er ein Konservativer ist. Ein konservativer Bildungsb&uuml;rger. Und die haben nun mal eine gro&szlig;e Angst vor Umverteilung. Denn Politik ist ein Nullsummenspiel: Was dem einen gegeben wird, wird dem anderen genommen. Und wie ein ber&uuml;hmter Mann mal geschrieben hat: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Deshalb darf man wohl voraussetzen, dass der konservativ argumentierende Grau zu den gut betuchteren Bildungsb&uuml;rgern z&auml;hlt und deshalb stets unangenehm ber&uuml;hrt ist von der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Denn sie k&ouml;nnte ihn ja was kosten.<\/p><p>In seiner historischen Analyse des politischen Kitsches kommt Grau zu einem Ergebnis, das ich ebenfalls fragw&uuml;rdig finde. Er schreibt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Hinzu kam, dass dem B&uuml;rgertum in Gestalt des st&auml;dtischen Proletariats ein direkter machtpolitischer und damit auch kultursoziologischer Konkurrent erwuchs. Die Arbeiterschaft erwies sich allerdings, bedingt durch ihre soziale Situation, den Verlust l&auml;ndlicher Kultur und ihre T&auml;tigkeit in fortschrittlichen Industrien, offen f&uuml;r ein radikal unsentimentales, materialistisch-monistisches Gedankengut. Die Vorstellung einer transzendenten Welt, von jenseitigen Wesen oder metaphysischen Entit&auml;ten verloren sich in stickigen Hinterh&ouml;fen und l&auml;rmenden Fabrikhallen. Ideologisch befand sich das B&uuml;rgertum somit eingekeilt zwischen einer weitgehend materialistisch orientierten Arbeiterschaft und dem Adel, der seine Stellung und sein Selbstverst&auml;ndnis religi&ouml;s und metaphysisch legitimierte. Beide Positionen, sowohl der radikale Materialismus als auch die traditionelle, metaphysische Religiosit&auml;t, waren mit b&uuml;rgerlichen Interessen und Lebensvorstellungen nicht vereinbar&ldquo; (S. 43-44).\n<\/p><\/blockquote><p>An dieser Stelle seines Buches hat Grau h&ouml;chstselbst politischen Kitsch produziert, indem er ausgerechnet dem B&uuml;rgertum unterstellt, dass &bdquo;radikaler Materialismus&ldquo; nicht mit dessen Interessen und Lebensvorstellungen vereinbar sei. Eine wirklich sch&ouml;ne Pointe! Ich habe schallend gelacht. Kleiner Tipp an Herrn Grau: Einfach mal die &bdquo;Die Buddenbrooks&ldquo; von Thomas Mann lesen. Da wird auf allerh&ouml;chstem literarischen Niveau beschrieben, dass radikaler Materialismus nicht nur mit den Interessen und Vorstellungen des B&uuml;rgertums vereinbar ist, sondern dessen zentrales Handlungs- und Lebensmotiv ist.<\/p><p>Dies &auml;ndert aber nichts daran, dass Graus Analysen in ihrer Allgemeinheit grunds&auml;tzlich zutreffend sind. Im Konkreten wie gesagt allerdings nicht immer. Das ist &uuml;berhaupt eine Schw&auml;che seines Buches: Er beschreibt den politischen Kitsch fast nur allgemein ohne konkrete Beispiele. Wie etwa hier: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als Hochfeste des politischen Kitsches erweisen sich die Gro&szlig;veranstaltungen der Kirchen. Insbesondere die Kirchentage bedienen sich eines von penetranter R&uuml;hrseligkeit triefenden Vokabulars, unertr&auml;glich sentimentaler Bilder, einer zutiefst einf&auml;ltigen Sprache und einer gedanklichen Vereinfachung, die man erwachsenen Menschen zun&auml;chst kaum zutraut&ldquo; (S. 12-13).\n<\/p><\/blockquote><p>Man h&auml;tte sich als Leser gew&uuml;nscht, hier mal veranschaulichende Zitate lesen zu k&ouml;nnen. Also etwa Redeausz&uuml;ge, Veranstaltungsbeschreibungen, Slogans auf Plakaten usw. Es ist mir ein R&auml;tsel, warum Grau darauf verzichtet. War ihm die Recherche zu aufwendig? Oder ist ihm das Thema so vertraut und selbstverst&auml;ndlich, dass er gar nicht erst auf die Idee kommt, dem Leser seine Thesen auch einmal durch Beispiele zu verdeutlichen?<\/p><p>Damit w&auml;re ich schon beim n&auml;chsten Kritikpunkt: Alexander Grau ist promovierter Philosoph. Das wiederum kann er bei seinen Lesern nicht voraussetzen. Ich unterstelle politischen Publizisten, dass sie eine m&ouml;glichst gro&szlig;e politische Wirkung erzielen wollen, wenn sie sich die M&uuml;he machen, ein ganzes Buch zu schreiben. Aber Grau schreibt S&auml;tze, bei denen man den Eindruck gewinnt, also ob ihm die Verst&auml;ndlichkeit und Breitenwirkung seines Essays gleichg&uuml;ltig w&auml;re: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Erf&uuml;llung findet das nach Orientierung strebende Subjekt der Sp&auml;tmoderne daher im idiosynkratischen Erf&uuml;hlen der Welt. Da man aber die Welt nicht erf&uuml;hlen kann, sondern letztlich immer nur sich selbst, endet, was einmal als Aufkl&auml;rung im Namen der Wissenschaften begann, in Empfindsamkeit und Eskapismus&ldquo; (S. 96).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich finde, es muss nicht sein, dass man f&uuml;r das Verstehen eines politischen Buches ein Fremdw&ouml;rterbuch neben sich liegen haben muss. Mir ist zwar auch einiges an Fremdw&ouml;rtern gel&auml;ufig. Aber &bdquo;idiosynkratisch&ldquo; musste auch ich nachschlagen (Idiosynkrasie bedeutet &bdquo;heftige Abneigung, Widerwille&ldquo;). Und es wird auch nicht jeder etwas mit den Begriffen &bdquo;Sp&auml;tmoderne&ldquo; und &bdquo;Eskapismus&ldquo; anfangen k&ouml;nnen. Ich vermute, hier schimmert der Bildungsb&uuml;rger durch, der sich gerne sozial abgrenzt und zu schade ist, sich dem &bdquo;gemeinen Volk&ldquo; verst&auml;ndlich zu machen. <\/p><p>Wenn man von den genannten Schw&auml;chen absieht, ist das Buch aber durchaus lesenwert. Eine eindeutige Leseempfehlung m&ouml;chte ich aber trotzdem nicht abgeben. W&auml;re dies eine Amazon-Rezension, w&uuml;rde ich drei von f&uuml;nf m&ouml;glichen Sternen vergeben. <\/p><p>Hier noch die Inhaltsangabe: <\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><p>Vorwort<\/p><p>Einleitung<\/p><ol type=\"I\">\n<li>Kitsch und Religion: Das kitschige Bewusstsein<\/li>\n<li>Die Erfindung des Kitsches<\/li>\n<li>Die Erfindung des politischen Kitsches<\/li>\n<li>Vom totalit&auml;ren zum absoluten Kitsch<\/li>\n<li>Infantilisierung, Emotionalisierung, kitschiges Bewusstsein<\/li>\n<li>Eine deutsche Spezialit&auml;t<\/li>\n<\/ol><p>Anmerkungen<\/p><p><strong>Alexander Grau: Politischer Kitsch, Eine deutsche Spezialit&auml;t, Claudius-Verlag, M&uuml;nchen 2019, 128 Seiten, 14,00 Euro.<\/strong><\/p><p>Titelbild: Hanka Steidle \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland versinkt in R&uuml;hrseligkeit und politischem Kitsch. Das ist die These des Philosophen und Kultur- und Wissenschaftsjournalisten Alexander Grau, der beim politischen Magazin <em>Cicero<\/em> auch die Kolumne <em>Grauzone<\/em> schreibt. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat sein Buch &bdquo;Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialit&auml;t&ldquo; f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen. <\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64640,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,208],"tags":[2299],"class_list":["post-64639","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rezensionen","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_61991716.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64639"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64699,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64639\/revisions\/64699"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}