{"id":64647,"date":"2020-09-12T11:45:08","date_gmt":"2020-09-12T09:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64647"},"modified":"2020-09-12T12:46:49","modified_gmt":"2020-09-12T10:46:49","slug":"die-tui-saddam-connection","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64647","title":{"rendered":"Die TUI-Saddam-Connection"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem historischen Corona-Rettungspaket der Bundesregierung vom Mai sollen mit &uuml;ber 1,1 Billionen Euro Menschen und Unternehmen vor den Auswirkungen der Pandemie gesch&uuml;tzt werden, &bdquo;insbesondere &hellip; gro&szlig;e Unternehmen&ldquo;. Auch die TUI AG, der gr&ouml;&szlig;te Touristikkonzern der Welt, erh&auml;lt Milliarden an Staatshilfen und streicht als Dankesch&ouml;n Tausende Stellen. Der heutige TUI-Konzern hie&szlig; vor 2002 noch Preussag und stellte als deutsches Industrie-Urgestein etwa Splitterbomben f&uuml;r die Nazis her &ndash; und baute in den 1980ern die irakischen Giftgaskapazit&auml;ten auf. Wollen wir anno 2020 wirklich einen Konzern retten, der eine Mitschuld tr&auml;gt an Saddams m&ouml;rderischem Giftgas-Genozid in Irakisch-Kurdistan vor 30 Jahren? Von <strong>Jakob Reimann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEnde Mai stellte die Bundesregierung der &Ouml;ffentlichkeit ihr Corona-Rettungspaket vor, &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Themen\/Schlaglichter\/Corona-Schutzschild\/2020-03-13-Milliarden-Schutzschild-fuer-Deutschland.html\">das gr&ouml;&szlig;te Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik<\/a>&ldquo;, wie es auf den Seiten des Bundesfinanzministeriums hei&szlig;t. Insgesamt betragen die &bdquo;haushaltswirksamen Ma&szlig;nahmen&ldquo; 353,3 Milliarden Euro sowie weitere 819,7 Milliarden Euro an Garantien &ndash; 1,173 Billionen Euro also, um Besch&auml;ftigte, Selbstst&auml;ndige und Unternehmen zu retten. &bdquo;Die Bundesregierung geht entschlossen, kraftvoll und zielgerichtet voran, um Deutschland zu sch&uuml;tzen&ldquo;, hie&szlig; es. Zur Finanzierung werden neue Kredite in H&ouml;he von rund 156 Milliarden Euro aufgenommen &ndash; der Heilige Gral namens Schwarze Null ist pass&eacute;.<\/p><p><strong>Leere Worte der Bundesregierung<\/strong><\/p><p>Das historische Ma&szlig;nahmenpaket enthielt P&ouml;stchen zur Unterst&uuml;tzung etwa von Familien, Krankenh&auml;usern, &Auml;rztinnen und &Auml;rzten, Kulturschaffenden sowie ein 50-Milliarden-Soforthilfepaket f&uuml;r kleine Unternehmen, Selbstst&auml;ndige und Freiberufler. Doch der L&ouml;wenanteil des historischen Rettungspakets verbirgt sich im zweiten Teil des Programms, jenem zur Rettung von Unternehmen, &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Themen\/Schlaglichter\/Corona-Schutzschild\/2020-03-19-Milliardenhilfe-fuer-alle.html\">insbesondere &hellip; gro&szlig;e Unternehmen<\/a>&ldquo;: 100 Milliarden Euro an direkten Krediten f&uuml;r notleidende Unternehmen wurden lockergemacht, weitere 100 Milliarden f&uuml;r Beteiligungen an KfW-Programmen und noch einmal 400 Milliarden mehr f&uuml;r Unternehmensb&uuml;rgschaften. Kritikerinnen und Kritiker warnten als Folge der staatlichen Unternehmensrettungen bereits vor zu viel &ndash; oder &uuml;berhaupt irgendwelchen &ndash; <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/handel-konsumgueter\/nach-der-staatsrettung-ende-der-grossen-lufthansa-plaene-ein-airline-riese-macht-sich-klein\/25967798.html\">staatlichen Eingriffen in die Unternehmenspolitik<\/a>, w&auml;hrend besonders markth&ouml;rige Stimmen gar das &bdquo;<a href=\"https:\/\/austrian-institute.org\/de\/blog\/die-rettung-der-unternehmen-in-der-corona-krise-beschleunigt-den-weg-in-die-staatswirtschaft\/\">weitere Abgleiten in planwirtschaftliche Strukturen<\/a>&ldquo; drohen sahen, samt &bdquo;weiteren Einschr&auml;nkungen &hellip; wie sie den ehemaligen sozialistischen Planwirtschaften inh&auml;rent waren&ldquo;.<\/p><p>Zwar hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) anfangs noch gedroht, der Staat werde Unternehmen notfalls <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/coronakrise-bundestag-beschliesst-rettungsfonds-fuer-grosse-unternehmen-a-18d94709-62f5-4293-9dbb-49dbde644204\">teilweise oder ganz &uuml;bernehmen<\/a>, doch blieb wie zu erwarten der Einfluss des Staates auf gerettete Unternehmen &uuml;berschaubar. So konnte die Bundesregierung etwa nach langem Hin und Her bei der Lufthansa-Rettung und einem <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/lufthansa-rettung-staat-zustimmung-1.4947375\">stolzen Rettungspaket in H&ouml;he von neun Milliarden Euro<\/a> Deutschlands gr&ouml;&szlig;ter Airline gerade einmal ein paar Start- und Landezeiten in Frankfurt und M&uuml;nchen abringen, um sie an Konkurrenten zu verteilen &ndash; kaum mehr als ein &bdquo;Feigenblatt-Eingriff&ldquo;. Es w&auml;re anma&szlig;end zu behaupten, die Merkel-Regierung h&auml;tte auch nur ein zaghaftes Interesse daran, die Rettung von Unternehmen, deren Gesch&auml;ftsmodelle bekanntlich auf der Zerst&ouml;rung der Umwelt fu&szlig;en, etwa an umweltpolitische oder gar arbeitsrechtliche Auflagen zu kn&uuml;pfen. Als Dankesch&ouml;n f&uuml;r die steuergeldliche Rettung wird Lufthansa die Belegschaft um bis zu 20 Prozent reduzieren und der verbleibenden die Geh&auml;lter um <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/handel-konsumgueter\/nach-der-staatsrettung-ende-der-grossen-lufthansa-plaene-ein-airline-riese-macht-sich-klein\/25967798.html\">bis zu 45 Prozent zusammenstreichen<\/a>. Anfang Juli sahen wir im Imbiss am Brandenburger Tor sitzend Tausende Pilotinnen und Flugbegleiter lautstark auf der UFO-Demo an uns vorbeiziehen &ndash; doch zugeh&ouml;rt wurde ihnen nicht.<\/p><p><strong>Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert<\/strong><\/p><p>Uns soll im Folgenden die Rettung der TUI AG interessieren &ndash; dem gr&ouml;&szlig;ten Touristikkonzern der Welt mit einer Belegschaft von rund 70.000 Mitarbeitern, 10.000 davon in Deutschland, und einem Jahresumsatz von rund 19 Milliarden Euro (Gesch&auml;ftsjahr 2018\/2019). Aufgrund des Corona-bedingten Lockdowns brachen TUI wie mehr oder weniger der gesamten Touristikbranche weltweit die Einnahmen weg und der Konzern erhielt im April die erste staatliche <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wirtschaft\/corona-und-tourismus-die-tui-rettung-war-der-einfache-part-RI4PHYDUJJDS7MSTW3DQFEQFDM.html\">Rettung in H&ouml;he von 1,8 Milliarden Euro<\/a>. Ungeachtet dieser Finanzspritze verk&uuml;ndete der Vorstand kurze Zeit sp&auml;ter, weltweit <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/wirtschaft\/8000-Stellen-fallen-weg-Tui-hofft-auf-die-Rettung-der-Sommersaison-id57380251.html\">8.000 Stellen zu streichen<\/a>, in Deutschland wurden gro&szlig;e Teile der Belegschaft in Kurzarbeit geschickt. Mitte August dann die Ank&uuml;ndigung, dass <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/tui-milliardenhilfe-101.html\">weitere 1,2 Milliarden Euro an Staatshilfen<\/a> flie&szlig;en werden, die sich damit auf stolze drei Milliarden summieren. Doch die Lage der Belegschaft bleibt weiter d&uuml;ster: Die 8.000 Stellen werden trotzdem gestrichen, auch werden einige Standorte der TUIfly geschlossen, wodurch die Streichung weiterer 900 Vollzeitstellen droht.<\/p><p>Kritik am TUI-Vorstand kommt vollkommen zu recht vonseiten der Gewerkschaften. W&auml;hrend TUI in den Boom-Jahren darauf verzichtete, in Antizipation der n&auml;chsten Krise ausreichend R&uuml;cklagen zu bilden, wurden allj&auml;hrlich saftige Dividenden an Aktion&auml;re ausgesch&uuml;ttet: allein in den letzten vier Jahren insgesamt 1,71 Milliarden Euro (vom Autor berechnet nach den Jahresabschlussberichten <a href=\"https:\/\/www.tuigroup.com\/damfiles\/default\/tuigroup-15\/de\/investoren\/6_Finanzberichte-und-Praesentationen\/Finanzberichte\/2016\/TUI_GB_2015-16_mitMagazin.pdf-b91cec0ffb863cacfe1f863b592e4b69.pdf\">2016<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.tuigroup.com\/damfiles\/default\/tuigroup-15\/de\/investoren\/6_Finanzberichte-und-Praesentationen\/Finanzberichte\/2017\/TUI_GB_2017.pdf-18f0a3305631b69120c91342a32f4124.pdf\">2017<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.tuigroup.com\/damfiles\/default\/tuigroup-15\/de\/investoren\/6_Finanzberichte-und-Praesentationen\/Finanzberichte\/2018\/TUI_GB18_DE.pdf-4646eadc754475386f3beca8d7d40a43.pdf\">2018<\/a>, und <a href=\"https:\/\/www.tuigroup.com\/damfiles\/default\/tuigroup-15\/de\/investoren\/6_Finanzberichte-und-Praesentationen\/Finanzberichte\/2019\/TUI_AR_2019_DE.pdf-d9fd7b079ab8fc429201bb2eaf296c66.pdf\">2019<\/a>). Wie schon der alte B&auml;rtige aus Trier wusste, erleben wir bei TUI einmal mehr das klassische Motiv des Kapitalismus in Reinstform: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.<\/p><p>Doch ich will hier noch auf etwas anderes hinaus. Denn TUI ist mir vor Jahren bei Recherchen zu einem g&auml;nzlich anderen Thema ins Visier geraten.<\/p><p><strong>Saddams Giftgas-Genozid in Kurdistan<\/strong><\/p><p>Zwischen 1980 und 1988 w&uuml;tete zwischen Irak und Iran der Erste Golfkrieg &ndash; der opferreichste Krieg zwischen zwei Entwicklungsl&auml;ndern aller Zeiten, mit <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Iran%E2%80%93Iraq_War#Aftermath\">einigen Hunderttausend bis weit &uuml;ber einer Million Toten<\/a>, etwa Dreiviertel davon auf iranischer Seite. Saddam nutzte den Krieg, um parallel auch die Rebellion der Kurdinnen und Kurden im Nordirak niederzuschlagen. Dieser als Genozid eingestufte Krieg gegen die eigene Bev&ouml;lkerung gipfelte 1987\/88 in der m&ouml;rderischen Al-Anfal-Kampagne, der laut Human Rights Watch <a href=\"http:\/\/www.pbs.org\/frontlineworld\/stories\/iraq501\/events_anfal.html\">bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen<\/a>, w&auml;hrend kurdische Beh&ouml;rden die Zahl von 182.000 Opfern nennen. Im Zuge der &bdquo;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Destruction_of_Kurdish_villages_during_the_Iraqi_Arabization_campaign#History\">Arabisierung Kurdistans<\/a>&ldquo; tilgte Saddam insgesamt 90 Prozent aller kurdischen D&ouml;rfer von der Landkarte, 4.000 an der Zahl, und setzte bei seinen ethnischen S&auml;uberungen oftmals international ge&auml;chtetes Giftgas ein. Am 16. M&auml;rz 1988 ver&uuml;bte Saddams Armee in Halabja an der irakisch-iranischen Grenze das bis zum heutigen Tage <a href=\"http:\/\/cabinet.gov.krd\/a\/d.aspx?a=33412&amp;l=12&amp;r=73&amp;s=010000\">verheerendste Giftgasmassaker an Zivilisten<\/a> in der Geschichte: Bis zu <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/shared\/spl\/hi\/middle_east\/02\/iraq_events\/html\/chemical_warfare.stm\">5.000<\/a> Menschen starben direkt am Gas, bis zu 10.000 wurden verletzt, <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/onthisday\/hi\/dates\/stories\/march\/16\/newsid_4304000\/4304853.stm\">Dreiviertel der Opfer waren Frauen und Kinder<\/a>, Tausende weitere starben an Folgekrankheiten, Neugeborene erlitten schwerste Missbildungen.<\/p><p>Zwar war die irakische Wirtschaft unter Saddam streitbar die fortschrittlichste in der arabischen Welt, doch fehlte auch hier zun&auml;chst das technische Knowhow zur unabh&auml;ngigen Produktion der eingesetzten Giftgase. 1975 beauftragte Bagdad die US-amerikanische Chemieingenieursfirma Pfaudler Inc. mit der <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/archive\/opinions\/1988\/09\/25\/iraqs-13-year-search-for-deadly-chemicals\/fdd4aa03-10f3-4012-8e8c-1f688b19fafe\/\">Errichtung eines fortschrittlichen Pestizidwerks<\/a>, um im &bdquo;biblischen Garten Eden&ldquo; die Nahrungsmittelproduktion anzukurbeln, so das irakische Narrativ damals. Pfaudler lieferte zwar die Baupl&auml;ne f&uuml;r das geplante Werk, doch riefen die nachtr&auml;glich geforderten Spezifikationen vonseiten der irakischen Chemiker gro&szlig;e Skepsis bei den Ingenieuren hervor: Die Anlage sollte derart ausgelegt werden, dass insgesamt 1.200 Tonnen vier &auml;u&szlig;erst potenter &bdquo;Pestizide&ldquo; produziert werden k&ouml;nnten; darunter auch das Nervengift Amiton, das in etwa so t&ouml;dlich ist wie Sarin und das den Vorl&auml;ufer zweier vielfach potenterer Kampfstoffe darstellt: des britischen VX sowie der russischen Nowitschoks. Den Pfaudler-Vertretern wurde die Sache zu hei&szlig; und sie lie&szlig;en das Gesch&auml;ft platzen; ebenso ein Jahr sp&auml;ter die britische Imperial Chemical Industries und eine ungenannte italienische Firma.<\/p><p>Anders die deutsche Chemieindustrie mit ihrer langen und t&ouml;dlichen Giftgaserfahrung &ndash; mit den Elendsgr&auml;ben im Ersten und den Kammern der Nazis im Zweiten Weltkrieg als barbarischste Eckpfeiler ihrer Historie. Nein, die deutsche Industrie hatte nie Skrupel.<\/p><p><strong>Deutsche Firmen bauen Saddams Chemiewaffen<\/strong><\/p><p>Das irakische Chemiewaffenprogramm hatte den Decknamen &bdquo;Project 922&ldquo; und nahm in den fr&uuml;hen 1980ern in einem <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13679461.html\">150 Quadratkilometer<\/a> gro&szlig;en W&uuml;stenareal 60 Kilometer nordwestlich von Bagdad seine gro&szlig;industrielle Produktion auf. Bis 1981 wurde zun&auml;chst Senfgas produziert, ab 1984 dann auch Nervengifte wie Tabun und Sarin und ab 1986 das extrem t&ouml;dliche VX. <a href=\"https:\/\/www.cia.gov\/library\/reports\/general-reports-1\/iraq_wmd_2004\/chap5.html#sect1\">2004 deklassifizierte die CIA einen Bericht zum Project 922<\/a>, in dem hei&szlig;t es: &bdquo;Westdeutsche Unternehmen kontrollierten unter Zuhilfenahme ostdeutscher Baupl&auml;ne die Errichtung der damals modernsten und am besten designten Chemiewaffenanlage der Welt&ldquo;. Saddam genau wie die deutschen Firmen deklarierten die Anlagen zwar stets als Pestizidfabriken, doch h&auml;lt der CIA-Bericht unzweideutig fest, dass deren &bdquo;einziger Zweck die sichere, effiziente Massenproduktion von chemisch-biologischen Waffen&ldquo; war.<\/p><p>Um dem drohenden &Uuml;berfall der USA und Gro&szlig;britanniens doch noch zu entgehen, ver&ouml;ffentlichte die irakische Regierung 2002 <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2003\/04\/13\/weekinreview\/the-world-the-means-to-make-the-poisons-came-from-the-west.html\">einen umfassenden Bericht<\/a>, in dem sie s&auml;mtliche Informationen &uuml;ber ihr einstiges Chemiewaffenprogramm offenlegte. In dem besch&auml;menden 12.000-Seiten-Bericht ist insgesamt die Rede von <a href=\"http:\/\/www.independent.co.uk\/news\/world\/politics\/leaked-report-says-german-and-us-firms-supplied-arms-to-saddam-136466.html\">150 ausl&auml;ndischen Firmen<\/a>, die ab 1975 in den Aufbau der irakischen Massenvernichtungswaffen involviert waren. Darunter finden sich einige Schweizer Firmen, chinesische, singapurische, spanische, italienische, niederl&auml;ndische, zehn franz&ouml;sische und 24 US-amerikanische &ndash; doch mit 86 Firmen steht Deutschland &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/iraks-waffenbericht-die-geheimen-ruestungsdeals-deutscher-firmen-a-227477.html\">unangefochten an Platz eins der Waffenlieferanten<\/a>&ldquo;, wie der SPIEGEL damals schrieb. Einige weltweit renommierte <a href=\"http:\/\/justicenow.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Never-Again_German-Chemical-Corporation-Complicity-in-the-Kurdish-Genocide.pdf#page=28\">deutsche Firmen<\/a>, die demnach am Aufbau der irakischen Giftgaskapazit&auml;ten beteiligt waren, sind unter anderem Hoechst (heute Teil von Sanofi-Aventis), Schott Glas und der Stahlproduzent Kl&ouml;ckner. Doch waren es ma&szlig;geblich drei deutsche Konzerne, die Saddams Giftgasfabriken in die irakische W&uuml;ste setzten: die Baufirma Heberger, der Laborausr&uuml;ster Karl Kolb GmbH sowie der Mischkonzern Preussag AG.<\/p><p>30 Jahre nach dem Halabja-Massaker reichten 2018 &Uuml;berlebende &ndash; vertreten durch ein internationales Anwaltsteam, gef&uuml;hrt von der US-amerikanischen Kanzlei MM~Law LLC &ndash; <a href=\"https:\/\/www.halabjavictimssociety.org\/lawsuit\">beim Zivilgericht in Halabja Klage ein<\/a>. In der Klageschrift geht es nicht um die politisch Verantwortlichen, sondern um <a href=\"https:\/\/static1.squarespace.com\/static\/5a96d682372b961913993172\/t\/5acbb85770a6adaedb67413d\/1523300440451\/Luqman+et+al+v+TUI+AG+et+al.pdf\">die Verantwortung der Konzerne<\/a> und ihrer F&uuml;hrungsriegen, allen voran die der deutschen Konzerne &ndash; und allen voran Preussag, gegen die die Vorw&uuml;rfe in der 84-seitigen Schrift akribisch aufgelistet werden. So soll Preussag, neben Planung und Einrichtung der Labore und der jahrelangen Lieferung wichtiger Grundchemikalien, den juristischen Kopf von Saddams Chemiewaffenprogramm als firmeneigenen Rechtsberater angestellt haben. Nachdem die Bundesregierung 1984 auf Druck der USA chemisch-industrielle Ausfuhren in den Irak st&auml;rker regulierte, soll sich Preussag weiter der aktiven Verschw&ouml;rung mit dem Saddam-Regime schuldig gemacht haben, indem es zur Umgehung der Exportregularien ein europaweites Liefernetzwerk aus Strohfirmen aufbaute oder systematisch Exportdokumente frisierte: So verbargen sich etwa hinter einer Lieferung von &bdquo;Feuerl&ouml;schern&ldquo; Bombenh&uuml;lsen zur Bef&uuml;llung mit Senf- oder Nervengas.<\/p><p>Der gewiss verst&ouml;rendste Punkt der Halabja-Anklageschrift: Die beiden Firmen Heberger und Karl Kolb sollen in der Samarra-Forschungsst&auml;tte zwei sogenannte &bdquo;<a href=\"https:\/\/static1.squarespace.com\/static\/5a96d682372b961913993172\/t\/5acbb85770a6adaedb67413d\/1523300440451\/Luqman+et+al+v+TUI+AG+et+al.pdf#page=52\">Inhalationskammern<\/a>&ldquo; eingerichtet haben, in der &bdquo;Giftgas zun&auml;chst an Hunden, dann Eseln und <a href=\"https:\/\/static1.squarespace.com\/static\/5a96d682372b961913993172\/t\/5acbb85770a6adaedb67413d\/1523300440451\/Luqman+et+al+v+TUI+AG+et+al.pdf#page=37\">schlie&szlig;lich an iranischen Kriegsgefangenen getestet<\/a>&ldquo; wurde. Und Preussag soll daf&uuml;r die passenden <a href=\"https:\/\/static1.squarespace.com\/static\/5a96d682372b961913993172\/t\/5acbb85770a6adaedb67413d\/1523300440451\/Luqman+et+al+v+TUI+AG+et+al.pdf#page=56\">Verbrennungs&ouml;fen<\/a> bereitgestellt haben, &bdquo;f&uuml;r Tierkadaver bis zur Gr&ouml;&szlig;e eines Esels&ldquo;, so hie&szlig; es. Gaskammern und Verbrennungs&ouml;fen f&uuml;r Tierkadaver in einer Pestizidfabrik also &ndash; die Bundesregierung und die K&ouml;pfe der deutschen Industrie stellten sich dumm und wollten von nichts gewusst haben, w&auml;hrend der SPIEGEL 1992 den deutschen Ingenieur Fritz-Willi D&ouml;rflein zitierte, der 1983 in der Muthanna-Fabrik vor Ort war: &bdquo;Jeder hat gewu&szlig;t, um was es ging.&ldquo; Auf die Frage, was in der Fabrik denn produziert w&uuml;rde, hat laut D&ouml;rflein ein irakischer Arbeiter geantwortet: &bdquo;Wir stellen Mittel gegen Ungeziefer her &ndash; gegen <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13679461.html\">Wanzen, Fl&ouml;he, Heuschrecken, Perser, Israelis.<\/a>&ldquo;<\/p><p><strong>TUI und das Giftgas<\/strong><\/p><p>Der Traditionskonzern Preussag &ndash; die deutsche Speerspitze bei der Errichtung von Saddams Chemiewaffenprogramm &ndash; wurde in den 1920ern gegr&uuml;ndet und verdingte sich in unterschiedlichsten Branchen, etwa mit &Ouml;lbohrungen, Schiffsbau, Stahl, Uranabbau oder auch mit Splitterbomben und Granath&uuml;lsen f&uuml;r die Nazis. <a href=\"http:\/\/www.fundinguniverse.com\/company-histories\/preussag-ag-history\/\">Laut Firmenprofil<\/a> war Preussag in den fr&uuml;hen 1990ern einer der drei gr&ouml;&szlig;ten Metallfirmen der Welt und der drittgr&ouml;&szlig;te deutsche Konzern &uuml;berhaupt. Doch Ende der 1990er <a href=\"https:\/\/www.tuigroup.com\/damfiles\/default\/konzern\/geschichte\/TUI_Geschichte_des_Konzerns-6de135ff45fde136ee50a12bf3e4c929.pdf\">&auml;nderte Preussag seine Konzernausrichtung<\/a> und schluckte eine Vielzahl europ&auml;ischer Touristikunternehmen wie Hapag Lloyd oder die britische Thomson Travel Group und wurde so <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article469866\/Preussag-AG-heisst-bald-TUI.html\">zum gr&ouml;&szlig;ten Touristikkonzern Europas<\/a>, sp&auml;ter der Welt. 2002 folgten dann schlie&szlig;lich die Aufl&ouml;sung des Traditionsnamens und die Umbenennung in eines der akquirierten Fundst&uuml;cke. Sie ahnen es: TUI.<\/p><p>Ein Schelm, der einen Zusammenhang konstruieren wollte, dass das Abstreifen des Alten und die Umbenennung zum Neuen 2002 just in dem Jahr erfolgten, als sich der &Uuml;berfall auf den Irak ank&uuml;ndigte und die ganze TUI-Saddam-Connection dem Konzern um die Ohren zu fliegen drohte. So sprechen etwa auch die Halabja-&Uuml;berlebenden in ihrer oben erw&auml;hnten Klage beim Halabja-Zivilgericht konsequent von TUI, nicht von Preussag, um so keinen Zweifel an der Kontinuit&auml;t der Konzernstrukturen aufkommen zu lassen.<\/p><p>Und so wurde Preussag innerhalb weniger Jahre vom Industrieriesen, der Bomben f&uuml;r die Nazis und Giftgas f&uuml;r Saddam herstellte, zum gr&ouml;&szlig;ten Touristikkonzern der Welt. Vom &bdquo;<a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtag-gruendung-preussag-ag-100.html\">schwerindustriellen Arm des NS-Apparates<\/a>&ldquo;, wie die Alliierten Preussag bezeichneten, zum Reiseunternehmen mit dem roten Smiley-Logo &ndash; und der Konzern mit seiner blutverschmierten Vergangenheit wird heute mit drei Milliarden Euro Steuergeldern vor dem Ruin gerettet. Manche Geschichten sind so absurd, dass nur der vollst&auml;ndig moralbefreite Kapitalismus sie schreiben kann.<\/p><p>Titelbild: nitpicker\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem historischen Corona-Rettungspaket der Bundesregierung vom Mai sollen mit &uuml;ber 1,1 Billionen Euro Menschen und Unternehmen vor den Auswirkungen der Pandemie gesch&uuml;tzt werden, &bdquo;insbesondere &hellip; gro&szlig;e Unternehmen&ldquo;. Auch die TUI AG, der gr&ouml;&szlig;te Touristikkonzern der Welt, erh&auml;lt Milliarden an Staatshilfen und streicht als Dankesch&ouml;n Tausende Stellen. Der heutige TUI-Konzern hie&szlig; vor 2002 noch Preussag<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64647\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64648,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,171,30],"tags":[2020,1917,1409,641,1529,2857,610,588,1693,692,2950,2360],"class_list":["post-64647","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-oekonomie","category-militaereinsaetzekriege","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-biochemische-waffen","tag-genozid","tag-gifteinsatz","tag-irak","tag-kurden","tag-lockdown","tag-lufthansa","tag-personalabbau","tag-pestizide","tag-rettungspaket","tag-tuipreussag","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_1705620940.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64647"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64697,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64647\/revisions\/64697"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64648"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}