{"id":6468,"date":"2010-08-13T12:16:57","date_gmt":"2010-08-13T10:16:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6468"},"modified":"2014-02-25T10:44:07","modified_gmt":"2014-02-25T09:44:07","slug":"das-wahre-motiv-fuer-die-erhoehung-des-renteneintrittsalters-bleibt-meist-verborgen-es-ist-schlicht-ein-verkaufsargument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6468","title":{"rendered":"Das wahre Motiv f\u00fcr die Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters bleibt meist verborgen: es ist schlicht ein Verkaufsargument."},"content":{"rendered":"<p>Das wichtigste Verkaufsargument der Versicherungsagenten f&uuml;r die Privatvorsorge ist die angeblich mangelhafte Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente, also der Hinweis darauf, dass die Rente nur noch 50 % oder gar nur noch 40 % oder noch weniger ausmacht, wenn der von der Privatvorsorge-Propaganda Angesprochene in Rente gehen will. Die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente ist systematisch vermindert worden &ndash; durch Nullrunden, den Nachhaltigkeitsfaktor usw. Die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters war dann ein besonders gro&szlig;er Schritt bei der bewusst betriebenen Erosion des Vertrauens in die gesetzliche Rente. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDamit wird das Signal an jene arbeitenden Menschen, die absehen k&ouml;nnen, dass sie es bis zum 67. Lebensjahr nicht durchhalten zu arbeiten oder auch nicht durchhalten wollen, gesandt, dass sie privat vorsorgen m&uuml;ssen. Ihnen wird mit der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters klargemacht, dass sie auf j&auml;hrlich 3,6 %, also auf 7,2 % Rente verzichten m&uuml;ssen, wenn sie mit 65 in Rente gehen wollen. Die gesamte Propaganda, diese Hirn verschlingende Daueragitation, hat einzig und allein den Zweck, der Versicherungswirtschaft die Hasen in die K&uuml;che zu treiben. Den jungen Leuten vor allem wird signalisiert: Wenn ihr eine ausreichende Rente haben wollt, dann m&uuml;sst ihr privat vorsorgen. Andernfalls seid Ihr unterversorgt.<\/p><p>Weil dies das Hauptmotiv der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters ist, sind die jetzt gef&uuml;hrten Debatten so belanglos. Ein Musterbeispiel daf&uuml;r ist ein Beitrag in der S&uuml;ddeutschen Zeitung, auf den in den Hinweisen von heute schon aufmerksam gemacht worden ist. Ich zitiere eine Passage aus <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/rente-mit-die-groesste-leistung-der-grossen-koalition-1.987212\">&bdquo;Rente mit 67 &ndash; Die gr&ouml;&szlig;te Leistung der gro&szlig;en Koalition&ldquo;<\/a> von Felix Berth: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Menschen in den Industriestaaten werden immer &auml;lter. Sollen sie also mehr arbeiten oder l&auml;nger den Ruhestand genie&szlig;en? Die Rente mit 67 w&auml;hlt einen guten Mittelweg.<br>\nAllen Sozialdemokraten, die derzeit ihre Bedenken gegen die Rente mit 67 &auml;u&szlig;ern, sollte man bei laufender Fernsehkamera eine Frage stellen: In welchem Jahr werden die ersten Deutschen pflichtgem&auml;&szlig; erst im Alter von 67 Jahren in Rente gehen? Einige von ihnen w&uuml;rden wohl stammeln und err&ouml;ten, weil sie das Datum nicht kennen. Und die anderen w&uuml;rden stammeln und err&ouml;ten, weil sie das Datum kennen, aber nicht laut sagen wollen: Es wird im Jahr 2031 sein. Bis dahin vergehen noch gut zwanzig Jahre.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das Argument des Herrn Berth, das ihm irgendeine PR Agentur eingespinnt hat, ist v&ouml;llig belanglos. Es ist uninteressant, dass die Drohung der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters erst im Jahre 2031 wirkt. <strong>Das Signal, wegen dieser Drohung heute mit der Privatvorsorge zu beginnen, wirkt jetzt.<\/strong> Das ist entscheidend. Das erz&auml;hlen uns aber die Journalisten auch solch ehrw&uuml;rdiger Bl&auml;tter wie der S&uuml;ddeutschen Zeitung nicht. Entweder durchschauen sie dieses Spiel nicht oder es ist, wie schon angedeutet: sie laufen an der Strippe der Spindoktoren der Versicherungswirtschaft und ihrer PR Agenturen. Von dort bekommen sie ihre zweifelhaften Argumente.<br>\nIn deren Dienst sind auch die so genannten Wissenschaftler, die jetzt spielerisch die Aussetzung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ins Spiel bringen. Auch das sind Signale im oben skizzierten Sinne.<\/p><p>Journalisten, die zurzeit massenhaft schreiben wie der Herr Berth von der S&uuml;ddeutschen, m&uuml;ssten einzig die F&auml;higkeit haben, unabh&auml;ngig zu sein und zugleich ein bisschen aufmerksam und ausgestattet mit einem Ged&auml;chtnis, das ein bisschen gr&ouml;&szlig;er ist als das vom Spatz. Dann w&uuml;rden sie sich vielleicht dessen erinnern, das einer der famosesten &bdquo;Wissenschaftler&ldquo;, der ber&uuml;hmte Bernd Raffelh&uuml;schen, in einem Vortrag vor Versicherungsvertretern und in einem Interview mit den Autoren des Fernsehfilms &bdquo;Rentenangst&ldquo; die Motive f&uuml;r die Zerst&ouml;rung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente offen benannt hat.<\/p><p>Im Kapitel 19 &uuml;ber die &bdquo;Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die sichere Altersvorsorge &hellip;&ldquo; meines Buches &bdquo;Meinungsmache&ldquo; habe ich aus dem Film Rentenangst zitiert und diese Zitate eingeordnet. Hier ist der Auszug des Textes auf den Seiten 303-305:<\/p><blockquote><p>Der Film &raquo;Rentenangst&laquo; ist deshalb besonders aufschlussreich, weil die beiden Journalisten Ingo Blank und Dietrich Krau&szlig; Raffelh&uuml;schen nacheinander mit &Auml;u&szlig;erungen f&uuml;r zwei verschiedene Zielgruppen aufnehmen konnten, einmal mit einer Rede vor Versicherungsmaklern in Neuss und dann im Interview vor der Kamera f&uuml;r das allgemeine Publikum. Dazu muss man wissen, dass Raffelh&uuml;schen sehr engagiert den Umbau des Rentensystems hin zu mehr Privatvorsorge fordert und f&ouml;rdert; er hat in der R&uuml;rup-Kommission zur Reform der sozialen Sicherungssysteme mitgewirkt und ist Mitglied im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe.<br>\nHier die einschl&auml;gige Passage aus dem Film &raquo;Rentenangst:<\/p>\n<p><em>&raquo;Raffelh&uuml;schen liefert den Vertretern mit seinem Vortrag Argumente und Pointen. Zitat aus dem Vortrag von Professor Bernd Raffelh&uuml;schen: &rsaquo;Die Rente ist sicher, ja, sag ich Ihnen ganz unver-BL&Uuml;M-t.&lsaquo; Bl&uuml;ms Rentenversprechen ist hier auf dem Vertreterkongress eine willkommene Lachnummer. Zitat aus dem Vortrag von Professor Bernd Raffelh&uuml;schen: &rsaquo;Die Rente ist sicher! Nur hat kein Mensch mitgekriegt, dass wir aus der Rente inzwischen &rsquo;ne Basisrente schon l&auml;ngst gemacht haben. Das ist alles schon passiert. Es ist alles schon passiert.&lsaquo; Mission erf&uuml;llt. Raffelh&uuml;schen ist mit sich zufrieden. Zitat aus dem Vortrag von Professor Bernd Raffelh&uuml;schen: &rsaquo;Wir sind runtergegangen durch den Nachhaltigkeitsfaktor und durch die modifi zierte Bruttolohnanpassung. Diese beiden Dinge sind schon l&auml;ngst gelaufen. Ja. Waren im Grunde genommen nichts anderes als die gr&ouml;&szlig;te Rentenk&uuml;rzung, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Beides Vorschl&auml;ge der R&uuml;rup-Kommission.&lsaquo;<\/em><\/p>\n<p>So weit die Version f&uuml;r Vertreter, nun die Version von Professor Bernd Raffelh&uuml;schen f&uuml;r uns: &rsaquo;Wir machen gar keine Rentenk&uuml;rzung. Wir haben auch noch nie &lsquo;ne Rentenk&uuml;rzung beschlossen. Was tats&auml;chlich passiert, ist, dass die Rentensteigerungen in der Zukunft gebremst werden, und zwar gebremst werden durch mehrere demographische Faktoren. Das f&uuml;hrt dann dazu, dass die Rente des Jahres, sagen wir mal 2035 in etwa bei einer Gr&ouml;&szlig;enordnung liegt, die so bei 40 Prozent des Bruttolohnes sein wird, das hei&szlig;t, wir haben immer noch eine Rente, die h&ouml;her ist als die Rente von heute.&lsaquo; Im Vortrag spricht Raffelh&uuml;schen Klartext. Die Mission Rentenk&uuml;rzung ist erledigt. Das Feld f&uuml;r die Vertreter bereitet. Raffelh&uuml;schen hat seinen Job getan. Zitat Vortrag Professor Raffelh&uuml;schen:<\/p>\n<p>&rsaquo;Aber im Wesentlichen hat die Rentenversicherung kein Nachhaltigkeitsproblem mehr. Ja. Aus dem Nachhaltigkeitsproblem der Rentenversicherung ist quasi ein Altersvorsorgeproblem der Bev&ouml;lkerung geworden. So! Das m&uuml;ssen wir denen erz&auml;hlen jetzt. Also ich lieber nicht. Ich hab genug Drohbriefe gekriegt. Kein Bock mehr, irgendwie. Aber Sie m&uuml;ssen das. Das ist Ihr Job.&lsaquo;&laquo;<\/p>\n<p>Aus dem Nachhaltigkeitsproblem der Rentenversicherung sei ein Altersvorsorgeproblem der Bev&ouml;lkerung zu machen, wie Raffelh&uuml;schen fern der &Ouml;ffentlichkeit erkl&auml;rt, und die gesetzliche Rente auf eine Basisrente zu reduzieren, das war das Ziel der Vertreter der Privatvorsorge. Sie haben nun leichteres Spiel f&uuml;r ihre Gesch&auml;fte.<\/p>\n<p>Wenn ich fr&uuml;her, ohne Raffelh&uuml;schens Aussage zu kennen, behauptet habe, die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente sei von der rot-gr&uuml;nen Regierung und ihren Arbeits- und Sozialministern Walter Riester und Franz M&uuml;ntefering unter Mitwirkung der einschl&auml;gigen Professorenschaft &ndash; insbesondere Bert R&uuml;rup und Bernd Raffelh&uuml;schen, Meinhard Miegel und Axel B&ouml;rsch-Supan &ndash; und mit Hilfe von Union und FDP systematisch besch&auml;digt und kr&auml;ftig geschm&auml;lert, ja zerst&ouml;rt worden, dann schallte mir entgegen, ich sei ein Verschw&ouml;rungstheoretiker. Bisher musste ich immer mit Indizien beweisen, dass die Realit&auml;t noch viel schlimmer ist, als es sich der gewiefteste Verschw&ouml;rungstheoretiker ausdenken konnte. Jetzt brauche ich nur auf das Bekenntnis des in allen Medien herumgereichten Professors Raffelh&uuml;schen zu verweisen. Er hat die Verschw&ouml;rung gegen die gesetzliche Rente offengelegt.<\/p>\n<p>Trotz des klaren Eingest&auml;ndnisses von Professor Raffelh&uuml;schen halten professionelle Beobachter der Szene wie beispielsweise viele Journalisten diesen Niedergang der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente f&uuml;r zwangsl&auml;ufi g, sie verstehen ihn also nicht als politische Tat zur Bef&ouml;rderung des Gesch&auml;fts der Rentenversicherung, sondern als unausweichliche Folge von &auml;u&szlig;eren Faktoren &ndash; der demographischen Entwicklung zum Beispiel.<\/p>\n<p>Das ist ein erstaunlicher Vorgang. Er best&auml;tigt wieder einmal die Beobachtung, dass in unserem Lande zwei verschiedene &Ouml;ffentlichkeiten unber&uuml;hrt nebeneinander existieren k&ouml;nnen: eine, der Mainstream, deren Botschaft lautet, zuk&uuml;nftige Rentner w&uuml;rden in jedem Fall weniger haben als die heutigen Rentner. Und eine andere, die kritische &Ouml;ffentlichkeit, die die einzelnen politischen Taten zur Minderung der Leistungsf&auml;higkeit wahrgenommen hat und sich in ihrer Interpretation der Ereignisse durch &Auml;u&szlig;erungen wie die von Raffelh&uuml;schen best&auml;tigt sieht.<\/p><\/blockquote><p>Soweit das Zitat aus dem einschl&auml;gigen Kapitel von &bdquo;Meinungsmache&ldquo;. Dieses Kapitel enth&auml;lt &uuml;brigens die wichtigsten Fakten und Argumente zur aktuellen Debatte und obendrein Vorschl&auml;ge zur Stabilisierung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente.<\/p><p>F&uuml;r jene Nachdenkseitenleser, die gerne visuell aufnehmen, f&uuml;ge ich zwei Redebeitr&auml;ge an.<br>\nEinen zum Thema &bdquo;Rentenreform als Teil der Reforml&uuml;ge&ldquo;. <a href=\"?p=3683\">Sie finden ihn hier.<\/a> <\/p><p>Und hier ein Link zu einem <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OLWxFm3RF0w\">Interview im Morgenmagazin &ndash; von 2007<\/a>, aber leider genauso aktuell.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das wichtigste Verkaufsargument der Versicherungsagenten f&uuml;r die Privatvorsorge ist die angeblich mangelhafte Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente, also der Hinweis darauf, dass die Rente nur noch 50 % oder gar nur noch 40 % oder noch weniger ausmacht, wenn der von der Privatvorsorge-Propaganda Angesprochene in Rente gehen will. Die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente ist systematisch vermindert<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6468\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,39,40,11],"tags":[293,273,363,345,301,460],"class_list":["post-6468","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-rente","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-strategien-der-meinungsmache","tag-finanzwirtschaft","tag-privatvorsorge","tag-raffelhueschen-bernd","tag-ruerup-bert","tag-rentenalter","tag-sz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6468"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6470,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6468\/revisions\/6470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}