{"id":64719,"date":"2020-09-14T10:02:58","date_gmt":"2020-09-14T08:02:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64719"},"modified":"2020-09-15T14:34:30","modified_gmt":"2020-09-15T12:34:30","slug":"nawalny-nowitschok-und-nord-stream-2-von-peter-vonnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64719","title":{"rendered":"Nawalny, Nowitschok und Nord Stream 2. Von Peter Vonnahme."},"content":{"rendered":"<p>Das Geschehen rund um Nawalny, Nowitschok und Nord Stream 2 gleicht einem Verwirrspiel. Nicht Aufkl&auml;rung ist das Ziel, sondern Vorverurteilung eines &bdquo;Systemgegners&ldquo;. Der Umgang mit diesem Komplex offenbart eine beklemmende Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit deutscher Politik. Dieser Befund gilt nicht nur f&uuml;r die Regierungskoalition, sondern auch f&uuml;r einen Gro&szlig;teil der parlamentarischen Opposition.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8531\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-64719-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=64719-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200915-Nawalny-Nowitschok-und-Nord-Stream-2-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Das V&ouml;lkerrecht als Propagandamittel<\/strong><\/p><p>In TV-Talkrunden &uuml;berbieten sich die Allzweckwaffen Maas, R&ouml;ttgen, Baerbock und Lindner mit der Beschw&ouml;rung von Rechtsstaat und V&ouml;lkerrecht. Bei einem Praxistest am Fall Nawalny wird &ndash; wieder einmal &ndash; deutlich, dass das hochgelobte Recht in der realen deutschen Au&szlig;enpolitik zur Worth&uuml;lse verkommen ist. Man beruft sich auf das Recht nur dann, wenn es gilt, dem Systemgegner &ndash; mit Vorliebe der Russischen F&ouml;deration &ndash; den Schwarzen Peter zuzuspielen. Insbesondere wird es als Aufh&auml;nger benutzt, um mittels Sanktionsandrohungen Menschen zur Rebellion gegen ihre F&uuml;hrungseliten aufzuwiegeln (Beispiele: Iran, Venezuela, Wei&szlig;russland). <\/p><p>Demgegen&uuml;ber f&uuml;hrt das Recht bei offenkundigen V&ouml;lkerrechtsverletzungen der &bdquo;westlichen Wertegemeinschaft&ldquo; ein beklagenswertes Schattendasein. Als Beispiel hierf&uuml;r m&ouml;gen die Kriege gegen Jugoslawien und den Irak, die US-Drohnenmorde in Afghanistan, die israelische Besatzung in Pal&auml;stina und die menschenverachtende Fl&uuml;chtlingspolitik auf dem Mittelmeer und auf den Inseln Lampedusa und Lesbos dienen. Wenn es um B&uuml;ndnis- oder Rohstoffinteressen geht, spielt das V&ouml;lkerrecht traditionell keine Rolle. In all diesen F&auml;llen regiert nicht die St&auml;rke des Rechts, sondern das Recht des St&auml;rkeren.<\/p><p><strong>Mediale Vorverurteilung<\/strong><\/p><p>Diese Doppelb&ouml;digkeit l&auml;sst erkennen, dass verl&auml;ssliche Rechtsprinzipien unverzichtbar sind. Recht gilt entweder immer oder es gibt &uuml;berhaupt keines. Es darf nicht sein, dass Politiker nach Gutsherrenart bestimmen, in welchen F&auml;llen Recht relevant ist und wann es obsolet ist. Das Messen mit zweierlei Ma&szlig;en gibt es nicht nur in der Politik, sondern es ist von Zeitungen und Rundfunk- und Fernsehanstalten bereitwillig &uuml;bernommen worden. Offensichtlich geht Servilit&auml;t vor Seriosit&auml;t. Es ist un&uuml;bersehbar, dass sich durch st&auml;ndige Wiederholung auch verquere Denkschablonen in das Bewusstsein von Menschen einbrennen. Die deutsche Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Gef&auml;hrlich wird es, wenn wie etwa im Fall Nawalny die Mainstreammedien &ndash; angefangen von ARD bis ZDF sowie von Bild bis zur WAZ &ndash; ungepr&uuml;ft die von der Politik ge&auml;u&szlig;erten Verd&auml;chtigungen &uuml;bernehmen. Untersuchungen zeigen, dass gleichlautende Berichte und Bewertungen in unterschiedlichen Quellen f&uuml;r &bdquo;wahr&ldquo; gehalten werden. Die Folge davon ist, dass heute schon viele Menschen glauben, dass Putin oder &bdquo;der Kreml&ldquo; f&uuml;r die Vergiftung Nawalnys verantwortlich sind, obwohl keine Beweise vorliegen. Es steht Behauptung gegen Behauptung. <\/p><p>Der Fall Nawalny zeigt weiter, dass ein Gro&szlig;teil der deutschen Zeitungen und Rundfunk- und Fernsehanstalten ihrer Aufgabe nicht gerecht wurde. Sie ergreifen Partei gegen Russland und vergessen, dass sie von Gesetzes wegen zu Sorgfalt, Objektivit&auml;t und Wahrhaftigkeit verpflichtet sind. Diese mediale Einseitigkeit bewirkt eine politische Vorverurteilung. Das tut der Wahrheitsfindung nicht gut. <\/p><p><strong>Die Rolle des Rechts<\/strong><\/p><p>Normalerweise wird zuerst aufgekl&auml;rt und dann erst verurteilt; das gilt zumindest in Rechtsstaaten. Im Fall Nawalny war es umgekehrt. Er war noch im Flugzeug nach Deutschland unterwegs, da stand Russland als T&auml;ter schon so gut wie fest. Mehr als das: Es wurden bereits Sanktionen gegen Russland gefordert.<\/p><p>Gerade in aufgeheizten Situationen sollte man sich an ein paar Rechtsgrunds&auml;tze erinnern, die &uuml;ber Jahrhunderte m&uuml;hsam erk&auml;mpft worden sind:<\/p><ul>\n<li>F&uuml;r alle Beteiligten gelten die gleichen Spielregeln (modern: &bdquo;no double standards&ldquo;).<\/li>\n<li>Wer einer strafbaren Handlung verd&auml;chtigt wird, gilt solange als unschuldig, bis ihm in einem geordneten Verfahren die Tat nachgewiesen wird (Unschuldsvermutung).<\/li>\n<li>Wenn im Verfahren Zweifel an der Schuld des Angeklagten verbleiben, ist er freizusprechen (in dubio pro reo).<\/li>\n<li>Der Ankl&auml;ger kann nicht zugleich Richter sein (Prinzip der Gewaltentrennung).<\/li>\n<\/ul><p>Legt man diese Maximen zugrunde, so wird die Beliebigkeit und Einseitigkeit der politischen und publizistischen Aussagen in Sachen Nawalny sichtbar. <\/p><p><strong>Der unstreitige Sachverhalt<\/strong><\/p><p>Gesichert ist, dass der russische Staatsb&uuml;rger Alexej Nawalny am 20. August 2020 auf einem Inlandsflug in einem russischen Flugzeug Gesundheitsprobleme bekam und bewusstlos wurde, woraufhin das Flugzeug in der russischen Stadt Omsk notlandete. Am Abend gab das Krankenhaus bekannt, dass Nawalny im Koma liege und k&uuml;nstlich beatmet werde. Das russische &Auml;rzteteam bem&uuml;he sich, sein Leben zu retten. <\/p><p>Das Umfeld Nawalnys vermutete sofort eine Beteiligung der russischen Regierung an einer Vergiftung. Bundeskanzlerin&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Merkel\">Merkel<\/a>&nbsp;forderte umgehend Russland zur Aufkl&auml;rung der Tat auf&nbsp;und bot Nawalny eine Behandlung in Deutschland an. Am 22. August wurde er in einem Sonderflug nach Berlin gebracht und in die Klinik Charit&eacute; verlegt. Am 24. August teilte die Charit&eacute; mit, erste klinische Befunde deuteten auf eine Intoxikation hin. Am 2. September erkl&auml;rte die deutsche Bundesregierung, dass ein Labor f&uuml;r Toxikologie der Bundeswehr ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe in den in der Charit&eacute; entnommenen Proben Nawalnys nachgewiesen habe.<\/p><p><strong>Warum deutsches Engagement?<\/strong><\/p><p>Die erste und naheliegendste Frage ist: Warum hat sich Deutschland &uuml;berhaupt in das Geschehen eingemischt? Denn es handelt sich offensichtlich um einen Vorgang, der ausschlie&szlig;lich innerrussische Bez&uuml;ge aufweist (Hoheitsgebiet, Flugzeug, Opfer, Krankenhaus, Erstversorgung). Eine Notwendigkeit zum Eingreifen anderer Staaten war nicht erkennbar, zumal das russische Gesundheitswesen anerkannt leistungsf&auml;hig ist. Bemerkenswert ist, dass sich andere Staaten mit Hilfsangeboten zur&uuml;ckgehalten haben. Selbst die st&auml;ndigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates USA, Frankreich und Gro&szlig;britannien haben sich nicht eingemischt. <\/p><p>Ein Grund f&uuml;r das deutsche Engagement k&ouml;nnte sein, dass Merkel und Maas Weltpolitik spielen wollten und ihnen ein Affront gegen Putin gelegen kam. Zugegeben, das ist Spekulation. Aber wenn spekuliert wird, dann muss es in alle Richtungen m&ouml;glich sein.<\/p><p><strong>Warum Bundeswehrlabor?<\/strong><\/p><p>Zu hinterfragen ist auch, warum das Nawalny entnommene Probematerial ausgerechnet in einem Bundeswehrlabor untersucht worden ist. Das ist zumindest ungeschickt, weil es Russland erm&ouml;glicht, das Untersuchungsergebnis wegen un&uuml;bersehbarer antirussischer Ressentiments wichtiger deutscher Politiker in Zweifel zu ziehen. Diese Sichtweise wird dadurch gest&uuml;tzt, dass es die deutsche Seite abgelehnt hat, der russischen Regierung ihre Laborbefunde direkt zu &uuml;bermitteln. Das n&auml;hrt den Verdacht, dass kein Interesse an einer gemeinsamen und objektiven Aufkl&auml;rung besteht.<\/p><p><strong>Nowitschok, ein Fingerabdruck Moskaus?<\/strong><\/p><p>Die Vergiftung eines Menschen ist ein abscheuliches Verbrechen. F&uuml;r die Strafw&uuml;rdigkeit spielt es keine Rolle, ob der Straft&auml;ter auf Gehei&szlig; Putins gehandelt hat oder ob er von westlichen Geheimdiensten geleitet worden ist. Beides muss verfolgt und geahndet werden. Es darf auch keine Rolle spielen, ob das Opfer Nawalny ein mutiger Regimekritiker und Ehrenmann ist oder ein Schurke und Straft&auml;ter. Un&uuml;bersehbar wird Nawalny im Westen f&uuml;r Ersteres gehalten &ndash; wegen seiner Gegnerschaft zu Putin.<\/p><p>F&uuml;r die folgenden &Uuml;berlegungen wird unterstellt, dass Nawalny tats&auml;chlich mit Nowitschok vergiftet worden ist. Bekannt ist, dass dieses Gift in den 70er Jahren durch die ehemalige Sowjetunion entwickelt worden ist. Mit dieser Feststellung ist juristisch nichts gewonnen. Denn nach einem israelischen Geheimdienstbericht sind mindestens 20 L&auml;nder in der Lage, Nowitschok herzustellen. Damit sind auch Bezugsquellen f&uuml;r die giftige Chemikalie vorhanden. <\/p><p>Doch selbst wenn man w&uuml;sste, dass das gegen Nawalny eingesetzte Gift seinen Ursprung in Russland hatte, w&uuml;rde das nicht bedeuten, dass der Giftanschlag Russland bzw. seinem Pr&auml;sidenten anzulasten ist. Denn der Pr&auml;sident ist naturgem&auml;&szlig; nicht f&uuml;r alle Straftaten seiner Landsleute pers&ouml;nlich verantwortlich, genauso wenig wie die Kanzlerin nicht f&uuml;r jeden in Deutschland ver&uuml;bten Mord verantwortlich ist. Erst wenn weitere Ermittlungen ergeben, dass ein Verbrecher im Auftrag des Kreml oder des Pr&auml;sidenten gehandelt hat, w&auml;ren die voreilig erhobenen Beschuldigungen und Sanktionen gegen Russland berechtigt. <\/p><p>Der CDU-Kanzlerkandidat R&ouml;ttgen meinte, dass das Gift &ldquo;eindeutige Fingerabdr&uuml;cke&ldquo; hinterlassen habe, die auf Moskau hindeuten. Andere mutma&szlig;ten, dass es keine andere plausible Erkl&auml;rung f&uuml;r die Vergiftung g&auml;be. Solche Begr&uuml;ndungen machen in ihrer Schlichtheit sprachlos. Denn im Kern besagen sie: Man kann Putin zwar nichts beweisen, aber zuzutrauen ist ihm eine solche Tat allemal.<\/p><p>Welcher Richter, der Herr seiner Sinne ist, w&uuml;rde eine des Gattenmordes angeklagte Ehefrau mit der lapidaren Begr&uuml;ndung verurteilen, dass sie &ndash; und nur sie &ndash; wegen ihrer krankhaften Eifersucht als M&ouml;rderin in Betracht komme; weitere Ermittlungen im Mordfall m&uuml;ssten deshalb gar nicht mehr angestellt werden?<\/p><p><strong>Andere Denkmodelle<\/strong><\/p><p>Die erste Frage lautet: Wer hat ein Motiv f&uuml;r die Vergiftung Nawalnys? Kriminalisten fragen: Wem n&uuml;tzt die Tat (cui bono)? Die spontane Antwort hierauf lautet: Putin und dem Kreml. Doch schon bei fl&uuml;chtigem Nachdenken ergeben sich Tatvarianten, die nicht auf Putins Russland hindeuten. Mordmotive finden sich &ndash; wenn man der kriminalistischen Fantasie etwas Raum gibt &ndash; &uuml;berall, bei rachs&uuml;chtigen Oligarchen (die Nawalny wiederholt der Korruption beschuldigt hat), bei mafi&ouml;sen Untergrundk&auml;mpfern und nicht zuletzt bei ausl&auml;ndischen Geheimdiensten. Der Giftanschlag k&ouml;nnte aber auch Teil eines langfristig angelegten Plans mit dem Ziel sein, Russland wirtschaftlich, politisch und milit&auml;risch zu destabilisieren. Der Gedanke eines regime change ist bekanntlich ein altbew&auml;hrtes Mittel US-amerikanischer Hegemonialpolitik. Auch die Vorstellung, man k&ouml;nne Putin durch st&auml;ndige Verd&auml;chtigungen und Provokationen zu einer unbedachten Gegenrektion veranlassen, um dadurch einen Anlass f&uuml;r zus&auml;tzliche Wirtschaftssanktionen zu bekommen, ist durchaus rational.<\/p><p>Ich will nicht missverstanden werden. Alle hier angedeuteten Denkmodelle sind spekulativ. Aber sie sind logisch nicht ausschlie&szlig;bar. Damit f&auml;llt die Arbeitshypothese, es g&auml;be f&uuml;r den Giftanschlag nur eine einzige schl&uuml;ssige Erkl&auml;rung, n&auml;mlich eine russische T&auml;terschaft, krachend in sich zusammen. <\/p><p>So gesehen sind die gegen Russland und Putin erhobenen Schuldzuweisungen zumindest voreilig.<\/p><p><strong>Putin als T&auml;ter?<\/strong><\/p><p>Angenommen, Putin h&auml;tte ein Mordmotiv, wie wahrscheinlich w&auml;re dann ein Giftanschlag ausgerechnet mit Nowitschok? Ziemlich unwahrscheinlich. Denn jeder Trottel k&ouml;nnte erkennen, dass der Verdacht unweigerlich in Richtung Putins ginge. Es ist schwer vorstellbar, dass der ehemalige KGB-Mitarbeiter, Schachspieler und gewiefte Taktiker Putin so t&ouml;richt ist. Viel unverf&auml;nglicher w&auml;re ein anonymer Schuss aus dem Hinterhalt, ein &bdquo;Sturz&ldquo; in den U-Bahn-Schacht oder von einer Felsenklippe. Man muss also kein Putinversteher sein, um die Theorie, Nowitschok deute auf eine T&auml;terschaft Putins hin, als weltfremd abzulehnen.<\/p><p><strong>Vergiftung des Denkens<\/strong><\/p><p>Die Vorstellung, dass Putin oder Russland im Zweifel immer verantwortlich sind, beruht auf einer Vergiftung des Denkens. Vergessen ist seine Rede im Deutschen Bundestag von 2001. Damals sagte er, das Herz Russlands sei &ldquo;f&uuml;r eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft ge&ouml;ffnet&rdquo;. Die Abgeordneten reagierten mit stehendem Applaus, in Deutschland herrschte Putin-Euphorie.&nbsp;Doch der &uuml;berhebliche Westen ignorierte dieses Angebot. Zwanzig Jahre sp&auml;ter zeigt sich ein v&ouml;llig anderes Bild. Die aggressive Propaganda gegen Russland hat in den letzten Jahren hysterische Ausma&szlig;e angenommen. Reflexartig kamen Forderungen nach einer Bestrafung Putins, nach Sanktionen gegen Russland und nach einer verst&auml;rkten milit&auml;rischen Pr&auml;senz der Nato in den russischen Vorh&ouml;fen. Die Reaktionen auf die F&auml;lle Skripal und Nawalny best&auml;tigen diese russophobe Haltung. Alles deutet auf eine choreographierte Kampagne hin mit dem Ziel, Russland als Schurkenstaat zu verunglimpfen. Eskalationspolitik dient jedoch weder deutschen noch russischen und schon gleich gar nicht europ&auml;ischen Interessen. Eine gedeihliche Zukunft Europas ist nicht gegen, sondern nur mit Russland m&ouml;glich. Trotz berechtigter Kritik an Teilaspekten der russischen Politik ist die gegenw&auml;rtige Hetze verantwortungslos, denn sie treibt die Welt in einen neuen Kalten Krieg.<\/p><p><strong>Vern&uuml;nftiger Umgang mit Russland<\/strong><\/p><p>Es ist an der Zeit, zu einem angemessenen Umgang mit Russland zur&uuml;ckzufinden. Das Zerrbild, das heutige Russland sei prim&auml;r ein friedloser, unglaubw&uuml;rdiger und inhumaner Nachfolgestaat der Sowjetunion, muss &uuml;berwunden werden. Es ist dies ein Stereotyp, der durch die Geschichte der letzten Jahre nicht gedeckt wird. Es gibt Staaten, die den Frieden auf der Welt weitaus mehr gest&ouml;rt haben als Russland.<\/p><p>Insbesondere f&uuml;r Deutschland ist Zur&uuml;ckhaltung geboten. Zum einen steht es Deutschland aus seiner historischen Verantwortung nicht zu, sich gegen&uuml;ber Russland oberlehrerhaft und &uuml;berheblich zu geb&auml;rden. Zum anderen sollte das Wissen dar&uuml;ber, dass Mitglieder des eigenen B&uuml;ndnissystems mittels kriegsvorbereitender L&uuml;gen &ndash; wie etwa der &bdquo;Brutkastenl&uuml;ge&ldquo; (1991), des sog. &bdquo;Hufeisenplans&ldquo; (1999) und der &bdquo;Yellowcake-L&uuml;ge&ldquo; (2003) &ndash; die Welt mehrfach an den Rand des Abgrunds gef&uuml;hrt haben, zu einem besonnenen Umgang mit Russland mahnen. Voreilige Verd&auml;chtigungen der Machart R&ouml;ttgen, Maas und Baerbock dienen diesem Ziel nicht.<\/p><p><strong>Sanktionspolitik und Nord Stream 2<\/strong><\/p><p>Es war eine voraussehbare Kettenreaktion: Kaum war bekannt, dass Nawalny vergiftet worden ist, wurde gemutma&szlig;t, dass das mittels Nowitschok geschehen ist. Das wiederum lie&szlig; keine Zweifel offen, dass dann als T&auml;ter nur Russland in Betracht kommt. Und wenn dem so ist, dann muss darauf mit Sanktionen geantwortet werden. Was b&ouml;te sich hierf&uuml;r mehr an als ein Weiterbauverbot f&uuml;r die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Schlie&szlig;lich handelt es sich dabei um ein russisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt mit dem Ziel, b&ouml;ses Russengas gegen gutes deutsches Geld nach Deutschland zu pumpen. Da Putin auf dieses Geld angewiesen ist, dr&auml;ngte es sich geradezu auf, ihn mit Geldentzug in die Knie zu zwingen. Strafe muss schlie&szlig;lich sein, auch wenn ein strafbares Verhalten noch gar nicht feststeht.<\/p><p>Dass dem Gasgesch&auml;ft ein rechtsg&uuml;ltiger Vertrag zugrunde liegt und in unserem Kulturkreis der Grundsatz pacta sunt servanda gilt, wird ebenso gro&szlig;z&uuml;gig &uuml;bergangen wie der Umstand, dass das Pipelineprojekt baulich zu 90 Prozent fertiggestellt ist und dass die beteiligten deutschen Firmen auf den L&uuml;ckenschluss dr&auml;ngen. Doch die Marschrichtung bestimmt in diesem Fall nicht das Recht, auch nicht die Wirtschaft, sondern die Politik. Immerhin hat die Kanzlerin j&uuml;ngst &ouml;ffentlich erwogen, das Projekt aufzugeben. Servil sprang ihr der Kandidat Norbert R&ouml;ttgen zur Seite, indem er verlautete, das sei die einzige Sprache, die Putin verstehe. Au&szlig;enminister Maas meinte dasselbe, nuschelte aber seinem Amt entsprechend im Tonfall etwas verbindlicher, er hoffe nicht, dass die Russen uns zwingen, unsere Haltung zu Nord Stream 2 zu &auml;ndern. <\/p><p>Bedr&uuml;ckend ist, niemand war so ehrlich, den wirklichen Grund f&uuml;r den Gesinnungswandel zu nennen. Die Trump-Administration und der US-Kongress wollen Nord Stream 2 verhindern. Au&szlig;enminister Pompeo hat k&uuml;rzlich erkl&auml;rt, die USA w&uuml;rden &ldquo;alles tun&rdquo;, um die Fortf&uuml;hrung des Projektes doch noch zu stoppen. Washington macht auch kein Geheimnis aus seinem Wunsch, das eigene teurere und umweltsch&auml;dlichere Fracking-Gas nach Europa zu liefern. Die deutsche Regierung befindet sich in einem Dilemma: Um dem peinlichen Eingest&auml;ndnis zu entgehen, dass man sich Trumps Erpressung beugen muss, nimmt man die Vergiftung Nawalnys zum Anlass, Russland der Tat zu bezichtigen und begleitend dazu unverfroren auf Moral und Emp&ouml;rung zu setzen.<\/p><p>Wohlgemerkt, es ist dieselbe Regierung, die zul&auml;sst, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ramstein_Air_Base#Zentraler_Baustein_der_Kampfdrohnen-Eins.C3.A4tze\">dass seit mindestens 2011 Drohnenmorde von deutschem Boden aus durchgef&uuml;hrt werden<\/a>. Es ist dieselbe Regierung, die dem US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden und seinem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julian_Assange#Stellungnahmen_zu_Assanges_Situation_(ab_Februar_2016)\">(schwer erkrankten) Kollegen Julian Assange<\/a> jegliche diplomatische Hilfe verweigert. Es ist auch dieselbe Regierung, die nach der brutalen Ermordung des saudischen Journalisten und Regierungskritikers Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul von Sanktionen gegen Saudi-Arabien absah, obgleich der Staat mittlerweile die Ermordung sogar zugegeben hat.<\/p><p>So gesehen ist der Giftanschlag auf Nawalny der Anfang eines von Heuchelei gepr&auml;gten Trauerspiels.<\/p><p>Sch&ouml;n w&auml;re es, wenn diejenigen Politiker und Journalisten, die sonst so beflissen &uuml;ber Recht und Moral schwadronieren, bis auf Weiteres besch&auml;mt schweigen w&uuml;rden.<\/p><p>Dem ungl&uuml;ckseligen Alexej Nawalny, der f&uuml;r ein Schmierenspiel missbraucht worden ist, kann man nur baldige und vollst&auml;ndige Genesung w&uuml;nschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Geschehen rund um Nawalny, Nowitschok und Nord Stream 2 gleicht einem Verwirrspiel. Nicht Aufkl&auml;rung ist das Ziel, sondern Vorverurteilung eines &bdquo;Systemgegners&ldquo;. Der Umgang mit diesem Komplex offenbart eine beklemmende Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit deutscher Politik. Dieser Befund gilt nicht nur f&uuml;r die Regierungskoalition, sondern auch f&uuml;r einen Gro&szlig;teil der parlamentarischen Opposition.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64719\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":64720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,60,123,30],"tags":[2020,878,1409,1544,2301,458,315,1283,2608,915,726,259,1556,1703,1019],"class_list":["post-64719","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-biochemische-waffen","tag-fracking","tag-gifteinsatz","tag-kampagnenjournalismus","tag-konfrontationspolitik","tag-maas-heiko","tag-merkel-angela","tag-nawalny-alexej","tag-nord-stream","tag-putin-wladimir","tag-roettgen-norbert","tag-russland","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/pol.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64719"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64719\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64839,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64719\/revisions\/64839"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}