{"id":64872,"date":"2020-09-17T10:30:51","date_gmt":"2020-09-17T08:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64872"},"modified":"2020-09-17T13:57:52","modified_gmt":"2020-09-17T11:57:52","slug":"abenteuer-gleich-hinter-der-naechsten-ecke-vor-zehn-jahren-erschien-wolfgang-herrndorfs-roman-tschick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64872","title":{"rendered":"Abenteuer gleich hinter der n\u00e4chsten Ecke \u2013 Vor zehn Jahren erschien Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick"},"content":{"rendered":"<p>Am 17. September 2010, also vor zehn Jahren, erschien Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick. Ich war im Herbst 2010 in einer Marburger Buchhandlung und h&ouml;rte zuf&auml;llig das Gespr&auml;ch zwischen einem Buchh&auml;ndler und einem Kunden mit. Der Buchh&auml;ndler hatte Tschick von der Buchmesse mitgebracht und es sofort &bdquo;verschlungen&ldquo;, wie er sagte. Er sprach derart enthusiastisch von diesem Buch, dass ich mich anstecken lie&szlig; und wenig sp&auml;ter mit einem Exemplar in der Hand zur Kasse schritt. &bdquo;Gute Wahl&ldquo;, sagte derselbe Buchh&auml;ndler, &bdquo;viel Spa&szlig; bei der Lekt&uuml;re.&ldquo; Den hatte ich dann auch. Eine Hommage von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Gute Jugend geht allemal den Melodien aus ihren Tr&auml;umen und B&uuml;chern nach, hofft, sie zu finden, kennt das hei&szlig;e, dunkle Irren durch Feld und Stadt, wartet auf die Freiheit, die vor ihr liegt.&ldquo;<br>\n(Ernst Bloch)\n<\/p><\/blockquote><p>Adriana Altaras sprach einmal im Fernsehen mit Peter Vo&szlig; &uuml;ber Schullekt&uuml;ren, die h&auml;ufig von den Sch&uuml;lern noch gar nicht verstanden werden k&ouml;nnten und ihnen deswegen die Lust am Lesen guter B&uuml;cher austrieben. Um die Leselust nicht weiter zu ersticken, sondern eher zu wecken, &bdquo;sollte man Tschick lesen&ldquo;, sagte sie. Und das war ein guter Hinweis. Ich habe das Buch in den Lesekreislauf des Gef&auml;ngnisses eingespeist, in dem ich damals arbeitete. Es war st&auml;ndig ausgeliehen, wurde oft unter der Hand weitergegeben und geriet mehrfach au&szlig;er Kontrolle. Ich bat den Rowohlt-Verlag um Unterst&uuml;tzung und sie schickten uns mehrfach Pakete voller Exemplare von Tschick. Es galt in der Sprache der Gefangenen als &bdquo;echter Kracher&ldquo;, Begriffe wie &bdquo;Vollpfosten&ldquo; wanderten aus dem Buch in den Sprachschatz der Gefangenen ein. <\/p><p>Wolfgang Herrndorfs Roman <em>Tschick<\/em> hat sich unterdessen in Deutschland millionenfach verkauft und erschien in 25 L&auml;ndern. Er hat seinem todkranken Autor, der lange Jahre von der Hand in den Mund gelebt hatte, zu einem sp&auml;ten Geldsegen verholfen, an dem er seine Freunde, die ihn getragen haben, teilhaben lie&szlig;. Es waren die Leser, die diesen Erfolg m&ouml;glich gemacht haben, nicht die Werbung, nicht die Kritik, die das Buch zun&auml;chst ignorierte.  &bdquo;Drei Wochen ist &sbquo;Tschick&lsquo; raus, und in keiner Buchmessenbeilage und keiner Zeitung&ldquo;, notierte Herrndorf ein wenig entt&auml;uscht im Oktober 2010 in sein Tagebuch. Unterdessen ist <em>Tschick<\/em> von Fatih Akin verfilmt worden, zahlreiche Theater brachten B&uuml;hnenfassungen heraus und spielten diese oft &uuml;ber Jahre vor vollen R&auml;ngen. Die Verfilmung kann als gelungen gelten, ist aber kein Ersatz f&uuml;r die Lekt&uuml;re des Buches. Die Lekt&uuml;re gebiert ihre eigenen Bilder und l&auml;sst je eigene Filme entstehen, deren Regisseure wir selber sind. Insofern ist der Film zugleich ein Verlust an eigener Phantasiet&auml;tigkeit. Das M&auml;dchen Isa ist  die anarchischste Figur im Buch und greift m&auml;chtig in die Phantasie der Jungs und auch der Leserinnen und Leser. Im Film ist sie eine Nummer zu glatt und h&uuml;bsch. Es geht nichts &uuml;ber das eigene Kopfkino! Vor allem ist mir ein vages Gef&uuml;hl in Erinnerung geblieben: Der Film kann der Versuchung nicht widerstehen, das rare Gl&uuml;ck der Nicht-Sexualit&auml;t, das die Akteure im Roman umgibt, in Sexualit&auml;t zu &uuml;berf&uuml;hren. Die Hauptfiguren leben (noch) in einem Zustand der flie&szlig;enden und neugierigen Unentschiedenheit. Alles ist noch unfixiert wie Quecksilber. Aus der ungerichteten und prinzipienlosen Lustsuche der Kindheit wird irgendwann erwachsene Sexualit&auml;t. &bdquo;K&ouml;nig Sex&ldquo;, wie Michel Foucault das genannt hat, besteigt den Thron, und es gibt pl&ouml;tzlich nichts Harmloses mehr. Der Roman bewegt sich im Stadium der Sehnsucht, die in alle Richtungen gehen kann. Genau darin besteht sein gro&szlig;er Reiz. <\/p><p>Auch an der Schule ist Tschick angekommen und wird per Lehrplan den Sch&uuml;lern aufs Auge gedr&uuml;ckt und von oben als Pflichtlekt&uuml;re verabreicht. Ein schwerer Schlag f&uuml;r ein Buch und normalerweise der Garant daf&uuml;r, dass ein Buch seine Sprengkraft einb&uuml;&szlig;t und zum <em>Klassiker<\/em> entsch&auml;rft wird. <em>Tschick<\/em> hat das Zeug dazu, diesem Schicksal zu entgehen und seine Strahlkraft auf Sch&uuml;ler und Jugendliche zu behalten. &bdquo;Eigentlich hasse ich es, B&uuml;cher zu lesen&ldquo;, schrieb eine Sch&uuml;lerin an Herrndorf, &bdquo;aber das hier hat mir Spa&szlig; gemacht. Das ist das Beste, was ich gelesen habe, aber ich habe eh nur 2 gelesen. Das andere war aber schei&szlig;e.&ldquo; Es muss also etwas Besonderes dran sein an diesem Buch. Was ist das Geheimnis der Faszination, die von <em>Tschick<\/em> ausgeht? Oder vorsichtiger: Worin k&ouml;nnte das Geheimnis bestehen? Der Roman f&uuml;hrt uns vor Augen: Nur als Au&szlig;enseiter kann man Erfahrungen machen, die der M&uuml;he wert sind. Nur au&szlig;erhalb, jenseits oder unterhalb der Normalit&auml;t der b&uuml;rgerlichen Lebensordnung, nur wenn man sich der Normalit&auml;t verweigert, kann sich Lebendigkeit entfalten. Der Roman verh&auml;lt sich den verqueren Lebens&auml;u&szlig;erungen der beiden Hauptfiguren gegen&uuml;ber g&auml;nzlich unp&auml;dagogisch, folgt ihnen einfach und beschreibt, was ihnen auf ihrer Reise begegnet. Tschick zeigt: Freiheit beginnt mit der Bereitschaft, Chancen zu nutzen, <em>Winke der G&ouml;tter<\/em> wahrzunehmen und auf sie einzugehen. Die Abenteuer finden nicht zu Hause in der elterlichen Villa oder auf der Party von Tatjana Cosic statt, sondern gleich hinter der n&auml;chsten Ecke und auf der Reise in die Walachei, in einem geklauten Lada und auf der M&uuml;llkippe &ndash; im gesellschaftlichen Abseits. Dort trifft man auf ein M&auml;dchen wie Isa, die zwar nicht so gut riecht und aussieht wie Tatjana, daf&uuml;r aber Sachen wei&szlig;, von denen die beiden Jungs keine Ahnung haben und die f&uuml;r ein Leben an den R&auml;ndern wichtig sind. Man sieht: Die Reise in einem geklauten Lada und der Besuch einer M&uuml;llkippe beleben den Blick von unten und weiten den Horizont. Voraussetzung daf&uuml;r ist allerdings, dass man sein Handy wegschmei&szlig;t. Viele Jugendliche balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Abenteuer und Delikt. Dazu, dass die meisten von ihnen nicht dauerhaft auf die Seite der Delinquenz abst&uuml;rzen, tragen B&uuml;cher wie Tschick das Ihre bei, weil sie sich den schweifenden jugendlichen Suchbewegungen gegen&uuml;ber nicht mit erhobenem Zeigefinger n&auml;hern.<\/p><p>Eine meiner Lieblingspassagen in <em>Tschick<\/em> ist folgende: Der &bdquo;Russe&ldquo; Tschichatschow, genannt Tschick, wird vom Deutschlehrer aufgefordert, seine Interpretation einer ber&uuml;hmten Keuner-Geschichte von Brecht vorzutragen. &bdquo;Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begr&uuml;&szlig;te ihn mit den Worten: &sbquo;Sie haben sich gar nicht ver&auml;ndert.&lsquo; &sbquo;Oh!&lsquo; sagte Herr K. und erbleichte.&ldquo; Der Lehrer war fest davon &uuml;berzeugt, dass nun nichts k&auml;me, aber weit gefehlt. Tschick kramt sein Heft hervor und beginnt zu lesen. Tschicks Interpretation soll hier nicht verraten werden, aber sie ist derart originell, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe. Sie sprengt den Rahmen braver germanistischer und kulturkritischer Deutungen. <\/p><p>Gegenw&auml;rtig f&auml;llt auf Kindheit und Jugend der K&auml;lteschatten einer forcierten Leistungskonkurrenz. Das Rattenrennen um bessere Chancen am schrumpfenden Arbeitsmarkt beginnt bereits im Kindergarten und in der Grundschule und wird mit dem Turbo-Abitur und den reformierten Studieng&auml;ngen an der Universit&auml;t fortgesetzt. Die Spielr&auml;ume f&uuml;r kindlich-jugendliches Probehandeln schwinden. <em>Jugend<\/em> wird an die Leine der N&uuml;tzlichkeit gelegt und so zu etwas, das junge Leute selten haben. Die Tr&auml;ume nach vorw&auml;rts werden von den Smartphones und Facebook in Beschlag genommen und so ins herrschende System zur&uuml;ckbetrogen. Dennoch bildet sich unterhalb der Anpassung ein Schwarzmarkt von Sehnsuchts- und Ausbruchsphantasien. Die jugendliche Faszination von dem Roman <em>Tschick<\/em> wird von diesen Phantasien gen&auml;hrt.<\/p><p>Das mit der Verweigerung der Normalit&auml;t gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r die Linke und deren Vorstellung, erst m&uuml;sse Ordnung herrschen, bevor Revolution sein darf. Herbert Marcuse hat daran erinnert: &bdquo;Eine Revolution, die nicht ein wenig Abenteuerlichkeit enth&auml;lt, ist nichts wert. Alles andere ist Ordnung, Gewerkschaft, Sozialdemokratie, Establishment. Das Abenteuer geht immer dar&uuml;ber hinaus.&ldquo; Nur wenn das Projekt der Ver&auml;nderung der Gesellschaft wieder etwas Abenteuerliches bekommt wie bei Max Hoelz, B. Traven oder Che Guevara, werden wir Menschen hinter dem Ofen hervorlocken und f&uuml;r das Projekt der Ver&auml;nderung der Gesellschaft gewinnen und begeistern k&ouml;nnen. <\/p><p>Die Faszination bei den zahlreichen erwachsenen Lesern von <em>Tschick<\/em> mag daher r&uuml;hren, dass wir uns an eigene pubert&auml;re Such- und Fluchtbewegungen erinnert f&uuml;hlen. Allzu viel ist uns auf dem Weg ins Erwachsenenalter abgestorben. Erwachsenwerden bedeutet in dieser Kultur, dass wir das Kind in uns zum Verschwinden bringen und uns auf eine Identit&auml;t festlegen m&uuml;ssen. &bdquo;Eines Tages schwindet unser Vertrauen in das <em>Verschiedene<\/em>, das wir sind; das offene Gel&auml;nde, unser Atlantis, versinkt&ldquo;, schrieb Peter Br&uuml;ckner in seinem autobiographischen Buch <em>Das Abseits als sicherer Ort<\/em>. Die Verregelung der Sinne geht mit ihrer Reduzierung auf den einen Sinn des Habens einher, der typischen Deformation in der warenerzeugenden Gesellschaft. Kapitalismus funktioniert nur, weil er das Habenwollen als Ersatzbefriedigung f&uuml;r all die Sachen kultiviert, die wir uns eigentlich w&uuml;nschen: N&auml;he zu und Solidarit&auml;t mit den anderen, eine sinnhafte T&auml;tigkeit und die Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. <em>Tschick<\/em> erinnert uns unaufdringlich an Zeiten, da der Horizont weit und unsere Zukunft offen war.<\/p><p>&bdquo;Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.&ldquo; So lautet der letzte Eintrag in seinem Tagebuch &bdquo;Arbeit und Struktur&ldquo;. Dort hatte er am 17. 9. 2011 18:29 notiert: &bdquo;Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realit&auml;t geschraubt.&ldquo; Ein Jammer, dass wir diesen begnadeten Autor so fr&uuml;h verloren haben. <\/p><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ver&ouml;ffentlicht fortlaufend Texte, die unter dem Titel Durchhalteprosa <a href=\"https:\/\/www.gew-ansbach.de\/tag\/durchhalteprosa\/\">bei der GEW Ansbach erscheinen<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: &copy; StudioCanal<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 17. September 2010, also vor zehn Jahren, erschien Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick. Ich war im Herbst 2010 in einer Marburger Buchhandlung und h&ouml;rte zuf&auml;llig das Gespr&auml;ch zwischen einem Buchh&auml;ndler und einem Kunden mit. Der Buchh&auml;ndler hatte Tschick von der Buchmesse mitgebracht und es sofort &bdquo;verschlungen&ldquo;, wie er sagte. 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