{"id":64886,"date":"2020-09-17T15:00:36","date_gmt":"2020-09-17T13:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64886"},"modified":"2020-09-17T15:56:24","modified_gmt":"2020-09-17T13:56:24","slug":"afghanistans-kalter-krieger-und-sein-vermaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64886","title":{"rendered":"Afghanistans kalter Krieger und sein Verm\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<p>Ahmad Shah Massoud gilt als Afghanistans Nationalheld. Er wurde am 9. September 2001, zwei Tage vor den Anschl&auml;gen auf das World Trade Center, get&ouml;tet. Dies war gewiss kein Zufall. Massoud wird nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im Westen verehrt. Doch de facto kann man ihn, genau wie die meisten anderen Kriegsakteure in Afghanistan, mit Fug und Recht als Kriegsverbrecher bezeichnen. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie meisten Stra&szlig;en sind abgesperrt, der Stau auf den befahrbaren Routen ist chaotisch. Einige Verkehrspolizisten versuchen, das Chaos zu kontrollieren. Kontrolle ist wohl das, was in diesem Land am meisten fehlt. Ansonsten ist auch an diesem nationalen Feiertag das Treiben in Kabul hektisch. Der Markt ist belebt, die zahlreichen Bettler sind dort, wo sie immer sind, w&auml;hrend Soldaten m&uuml;rrisch in der Hitze ausharren.<\/p><p>Es ist nicht irgendein Tag, sondern der Todestag von Ahmad Schah Massoud, Afghanistans offiziellem Nationalhelden, der im Jahr 2001, zwei Tage vor den Anschl&auml;gen des 11. September, get&ouml;tet wurde. An seinem Todestag, der gleichzeitig den Beginn der sogenannten M&auml;rtyrerwoche darstellt, versammelt sich j&auml;hrlich die afghanische Politelite in der Hauptstadt und h&auml;lt Reden auf den einstigen Nordallianzf&uuml;hrer, der &ndash; so schrieb es zumindest einst das US-amerikanische &bdquo;Wall Street Journal&ldquo; &ndash; den Kalten Krieg gewann und sp&auml;ter zum Protagonisten im Kampf gegen die Taliban wurde.<\/p><p>In Kabul h&auml;lt sich die j&auml;hrliche Begeisterung jedoch in Grenzen. Abgesehen davon, dass Massouds Milizen w&auml;hrend des afghanischen B&uuml;rgerkrieges in den 90er Jahren f&uuml;r zahlreiche Massaker verantwortlich waren und im Kampf mit verfeindeten Fraktionen die afghanische Hauptstadt in Schutt und Asche legten, ist es zum Ritual seiner Anh&auml;nger geworden, an seinem Todestag teils schwer bewaffnet durch die Stra&szlig;en der Stadt zu ziehen, um ihre vermeintliche Dominanz deutlich zu machen. Dies war auch am vergangenen Mittwoch der Fall, als junge M&auml;nner mitten in der Kabuler Innenstadt mit Gewehren und Schwertern aufmarschierten. Dabei sind Konterfeis Massouds omnipr&auml;sent. Wer nicht mitmacht, kann Probleme bekommen. Viele Autofahrer bringen das Bild des Kriegsherrn an diesem Tag nur an ihrem Auto an, um in Ruhe gelassen zu werden. Nicht selten kommt es zu Ausschreitungen mit Todesopfern.<\/p><p><strong>Ein zweifelhafter Held<\/strong><\/p><p>Am 9. September 2001 wurde Massoud, damals der gefeierte F&uuml;hrer der Nordallianz, in der nordafghanischen Provinz Takhar von zwei arabischen Selbstmordattent&auml;tern, getarnt als Journalisten, ermordet. Bis heute ranken sich um Massoud, auch &ldquo;L&ouml;we von Panjshir&rdquo; genannt, zahlreiche Legenden, die ihn unter anderem als charismatischen Krieger und gottesf&uuml;rchtigen Muslim beschreiben.<\/p><p>Auch der Westen ist verantwortlich f&uuml;r die Verkl&auml;rung Massouds zum Helden des Widerstands gegen die Sowjets im Kalten Krieg. Vor allem die Franzosen liebten den eloquenten Massoud, der unter anderem ihre Sprache sprach. Bis heute gibt es praktisch keine Dokumentation &uuml;ber den Afghanistan-Krieg, in der Massoud nicht ausf&uuml;hrlich erw&auml;hnt wird. Der Grund hierf&uuml;r war vor allem stets die Tatsache, dass westliche Beobachter und Interventionisten in fernen Kriegen stets nach Akteuren suchen, mit denen sie sich in irgendeiner Art und Weise identifizieren k&ouml;nnen. Massoud galt als &bdquo;moderat&ldquo;, sprach Franz&ouml;sisch und sah aus &bdquo;wie ein junger Bob Dylan&ldquo;. Au&szlig;erdem war er es, der seine Heimatprovinz Panjshir jahrelang erfolgreich gegen die Sowjets, sprich, gegen die &bdquo;gottlosen Kommunisten&ldquo;, verteidigen konnte, w&auml;hrend er sich nachts mit persischer Dichtkunst oder den Schriften Ho Chi Minhs, Sun Tzus oder Che Guevaras besch&auml;ftigte. Ein intellektueller Krieger, der f&uuml;r sein Volk k&auml;mpfte &ndash; oder sich zumindest als solcher erfolgreich inszenierte.<\/p><p>Massouds Leben war gepr&auml;gt von seiner Konkurrenz zu Gulbuddin Hekmatyar, einem der f&uuml;hrenden Mudschaheddin-Warlords w&auml;hrend des Krieges gegen die Sowjetunion sowie in den darauffolgenden B&uuml;rgerkriegsjahren. Beide kannten sich schon lange. Zu Lebzeiten des ersten Pr&auml;sidenten der afghanischen Republik, Mohammad Daoud Khan, wurden Massoud, Hekmatyar und andere junge Afghanen ihres Schlages vom pakistanischen Geheimdienst ISI trainiert, um gegen den Pr&auml;sidenten, der immer mehr nationalistische T&ouml;ne Pakistan gegen&uuml;ber anschlug, zu putschen.<\/p><p>Die Aktion misslang jedoch. Der Pr&auml;sident reagierte harsch, indem er Massoud, Hekmatyar und andere beteiligte Personen wie den sp&auml;teren Pr&auml;sidenten und Massouds ideologischen Ziehvater, Burhanuddin Rabbani, ins Gef&auml;ngnis warf. Geputscht wurde gegen Khan im April 1978 allerdings dann doch, und zwar von den afghanischen Kommunisten, die den Pr&auml;sidenten mitsamt seiner Familie massakrierten und Afghanistan in eine Schreckensherrschaft st&uuml;rzten, die selbst dem Politb&uuml;ro in Moskau zu radikal wurde.<\/p><p>Sp&auml;ter ging Massouds Rivalit&auml;t zu Hekmatyar in offene Feindschaft &uuml;ber. Dieses Vorgehen lag auch im Interesse der Sowjets, da Hekmatyar massiv von Seiten der USA und Pakistans unterst&uuml;tzt wurde. F&uuml;r ausl&auml;ndische Kamerateams aus Europa stellte sich Massoud zur Schau, indem er vorgab, gegen die Rote Armee zu k&auml;mpfen.<\/p><p><a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=_Er7N1r4SxgC&amp;pg=PA240&amp;lpg=PA240&amp;dq=yuri+korbert+massoud&amp;source=bl&amp;ots=BKvAcvkJ_W&amp;sig=ACfU3U2a17OGCTOk3gW50WZow3PZj9NTUg&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwj9j7ariuHrAhWMlxQKHZeFB4kQ6AEwEHoECAIQAQ#v=onepage&amp;q=yuri%20korbert%20massoud&amp;f=false\">Der Afghanistan-Veteran Yuri Korbert<\/a>, der zu diesem Zeitpunkt in Panjshir stationiert war, best&auml;tigte dies w&auml;hrend eines sp&auml;teren Interviews und behauptete, dass in all den Jahren kein einziger Kampf gegen Massoud stattgefunden habe. Auch sei es im Falle einer Konfrontation mit Massoud kein Problem gewesen, ihn und seine K&auml;mpfer zu besiegen. Dies w&auml;re nicht verwunderlich, so Korbert, denn Massoud und seinen Truppen fehlte es an Waffen sowie an logistischen Mitteln, um gegen die Rote Armee dauerhaft erfolgreich bestehen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Hinzu kam, dass Panjshir gar nicht das Zentrum des Krieges war. In vielen anderen Regionen des Landes, etwa im s&uuml;d&ouml;stlichen Khost, wo die Mudschaheddin von Jalaluddin Haqqani angef&uuml;hrt wurden, wurde der Krieg viel heftiger gef&uuml;hrt. Haqqani wurde damals von US-Pr&auml;sident Ronald Reagan als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-kabul-attack-haqqani-idUSTRE78D1UG20110914\">Personifizierung des Guten<\/a>&ldquo; bezeichnet und genoss Unterst&uuml;tzung seitens Pakistans und der USA. Als die Amerikaner selbst im Jahr 2001 einmarschierten und Haqqani, mittlerweile ein f&uuml;hrender Kopf der Taliban, sich gegen sie stellte, wurde er &ndash; nat&uuml;rlich &ndash; schnell als neuer Feind und &bdquo;Terrorist&ldquo; abgestempelt. Das sogenannte Haqqani-Netzwerk gilt bis heute als Speerspitze der Taliban und war in den letzten zwei Jahrzehnten f&uuml;r zahlreiche brutale Angriffe verantwortlich, denen auch zahlreiche afghanische Zivilisten zum Opfer fielen.<\/p><p>Verdr&auml;ngte Massaker<\/p><p>Nichtsdestotrotz wird der Kommandant aus Panjshir von zahlreichen westlichen Historikern als &bdquo;brillanter Guerilla-Taktiker&ldquo; in einer Reihe mit Ch&eacute; Guevara oder Ho Chi Minh genannt. Der amerikanische Journalist Eric Margolis wiederum behauptet in seinem Buch &bdquo;American Raj, Liberation or Domination, Resolving the Conflict between the West and the Muslim World&ldquo;, dass Massoud die Regierung in Moskau &uuml;berzeugen wollte, den damaligen afghanischen Pr&auml;sidenten Mohammad Najibullah zu st&uuml;rzen, damit er dessen Platz einnehmen k&ouml;nne.<\/p><p>1993, vier Jahre nach dem sowjetischen Abzug aus Afghanistan, kam es im Kabuler Stadtteil Afschar zu einem <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/reports\/2005\/afghanistan0605\/4.htm\">folgenschweren Massaker<\/a>, dem haupts&auml;chlich Angeh&ouml;rige der Hazara, einer schiitischen Minderheit, zum Opfer fielen. Die Hauptverantwortlichen dieses Massakers waren der damalige Ministerpr&auml;sident Burhanuddin Rabbani, der Warlord Abdul Rasul Sayyaf sowie Ahmad Schah Massoud, der damals Verteidigungsminister war. Etwa 750 Menschen wurden get&ouml;tet oder verschleppt. Auch die Soldaten Massouds beteiligten sich an Morden, Pl&uuml;nderungen und Vergewaltigungen.<\/p><p>Doch in der Erinnerung der Anh&auml;nger Massouds spielen die Gr&auml;ueltaten seiner Milizen nur eine untergeordnete Rolle. Zudem wird ihm zugutegehalten, eine Allianz gegen die Taliban auf die Beine gestellt zu haben, als diese Mitte der 1990er Jahre den Gro&szlig;teil Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht hatten &ndash; und sich auch im Westen die meisten Regierungen mit der Taliban-Herrschaft abgefunden hatten. Allerdings wurden im Verlauf des Kampfes gegen die Taliban ein weiteres Mal Massouds Verbindungen zu den Russen deutlich. Zu seinen gr&ouml;&szlig;ten F&ouml;rderern z&auml;hlte nicht nur der Iran, sondern auch die Regierung in Moskau.<\/p><p><strong>Warlords profitierten von Massouds Tod<\/strong><\/p><p>Nichtsdestotrotz meinen einige, dass Massouds Tod kurz vor den Anschl&auml;gen des 11. Septembers 2001 kein Zufall gewesen sei. Den Westen hatte Massoud schon lange vor Al-Qaida und Konsorten gewarnt. Einen US-Einmarsch in Afghanistan h&auml;tte der nationalistisch gesonnene Kriegsf&uuml;rst nicht geduldet. Von Massouds Tod profitierten allerdings nicht nur die USA, sondern auch die Warlords aus seinem engsten Zirkel. Diese hatten sich allesamt mit der NATO im Kampf gegen die Taliban verb&uuml;ndet und ihre Machtpositionen gesichert.<\/p><p>Die meisten von ihnen sitzen heute in Regierung, Milit&auml;r und Geheimdienst. 2001 wurde Massoud offiziell von Karzai zum &bdquo;Helden der afghanischen Nation&ldquo; erkl&auml;rt. 2002 nominierte ihn Frankreich f&uuml;r den Friedensnobelpreis. Erstaunlich, kann man ihn doch &ndash; genau wie alle anderen afghanischen Warlords &ndash; mit Fug und Recht als Kriegsverbrecher bezeichnen.<\/p><p>Titelbild: &copy; Ferganga<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ahmad Shah Massoud gilt als Afghanistans Nationalheld. Er wurde am 9. 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