{"id":64951,"date":"2020-09-19T11:45:03","date_gmt":"2020-09-19T09:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64951"},"modified":"2026-01-27T12:03:24","modified_gmt":"2026-01-27T11:03:24","slug":"klaus-juergen-bruder-partei-ergreifen-fuer-diejenigen-die-keine-stimme-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64951","title":{"rendered":"Klaus-J\u00fcrgen Bruder: \u201ePartei ergreifen f\u00fcr diejenigen, die keine Stimme haben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902\">Intellektuellen<\/a> k&ouml;nnen viel f&uuml;r eine Gesellschaft und die Demokratie leisten &ndash; vorausgesetzt, sie ergreifen Partei f&uuml;r die, die keine Stimme haben. Und vorausgesetzt, sie dienen sich nicht den herrschenden Eliten an. Im NachDenkSeiten-Interview rechnet der Psychoanalytiker <strong><a href=\"http:\/\/klaus-juergen-bruder.de\/\">Klaus-J&uuml;rgen Bruder<\/a><\/strong> mit den Intellektuellen unserer Zeit ab. Bruder, der als Vorsitzender der interdisziplin&auml;ren Neuen Gesellschaft f&uuml;r Psychologie (NGfP) bekannt f&uuml;r seine herrschaftskritische Betrachtung unserer Gesellschaft ist, verdeutlicht: Viele Intellektuelle verstehen sich heute als Sprachrohr des Staates. Sie tragen, so Bruder, &bdquo;das Selbstbild vor sich her, objektiv, unparteiisch zu berichten, f&uuml;r die Demokratie, gegen Ungerechtigkeit und Gewalt einzutreten&ldquo;, aber, so Bruder weiter, &bdquo;Ungerechtigkeit und Gewalt gibt es in den Augen dieser Medienintellektuellen (&hellip;) allerdings nur in anderen L&auml;ndern, und zwar vornehmlich in solchen, die nicht auf der Liste der Freunde der Bundesrepublik stehen: in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=russland\">Russland<\/a>, in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=china\">China<\/a>, in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=syrien\">Syrien<\/a>, in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=venezuela\">Venezuela<\/a>.&ldquo; Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_960\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-64951-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=64951-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"200921_Klaus_Juergen_Bruder_Partei_ergreifen_fuer_diejenigen_die_keine_Stimme_haben_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Bruder, was sollten die Aufgaben von den sogenannten &bdquo;Intellektuellen&ldquo; in unserer Gesellschaft sein?<\/strong><\/p><p>Das ist tats&auml;chlich die entscheidende Frage f&uuml;r den Anfang, die Sie stellen, lieber Herr Kl&ouml;ckner: die Frage nach den Erwartungen, die wir an die stellen, &uuml;ber die wir reden, &uuml;ber die wir nachdenken, denen wir Aufgaben zuschreiben. Aber auch die Frage nach demjenigen, der diese Erwartungen an die, &uuml;ber die er redet stellt, die Frage also nach dem &bdquo;Wir&ldquo; der Erwartenden.<\/p><p><strong>Wer k&ouml;nnten Intellektuelle sein, die man zurecht als solche bezeichnet?<\/strong><\/p><p>Wahrscheinlich denken wir dabei an <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13260\">Noam Chomsky<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38935\">Jean Ziegler<\/a> oder gar an Jean-Paul Sartre, der vom Intellektuellen erwartete, als Revolution&auml;r zu handeln, oder an <a href=\"http:\/\/klaus-juergen-bruder.de\/massenloyalitaet-zur-aktualitaet-der-sozialpsychologie-peter-brueckners\">Peter Br&uuml;ckner<\/a>, der als Hochschullehrer zugleich auch sein Recht als B&uuml;rger verteidigte, in politische Diskussionen kritisch einzugreifen. Von ihnen haben wir gro&szlig;e Erwartungen &uuml;ber die Aufgaben der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22546\">Intellektuellen<\/a> geerbt: Sie sollen aufkl&auml;ren, indem sie berichten, sie sollen &uuml;ber Zusammenh&auml;nge aufkl&auml;ren, vor allen Dingen &uuml;ber verborgene Zusammenh&auml;nge, &uuml;ber verborgene Interessen, sie sollen nicht unparteiisch sein, sondern ihre Parteilichkeit zu erkennen geben, Partei ergreifen f&uuml;r diejenigen, die keine Stimme in der &Ouml;ffentlichkeit haben, Partei ergreifen f&uuml;r das Ringen um eine menschlichere Gesellschaft, Stellung nehmen gegen diejenigen, die sich diesem Ringen in den Weg stellen, Stellung nehmen gegen Ungerechtigkeit, gegen Verbrechen, gegen L&uuml;gen, gegen die Zerst&ouml;rung &ndash; nicht nur, aber vor allem &ndash; der &ouml;ffentlichen Diskussion, der Meinungsfreiheit.<\/p><p><strong>Wenn Sie auf die Intellektuellen schauen, die sich innerhalb der gro&szlig;en Medien &auml;u&szlig;ern, was stellen Sie dann fest?<\/strong><\/p><p>Chomsky und Ziegler sind die gro&szlig;e Ausnahme &ndash; und sie werden immer einsamer! Die Intellektuellen heute stellen sich in erster Linie als Vertreter des Staates dar, sie verteidigen den Staat, die Entscheidungen der Regierung, sie machen sich zu derem Sprachrohr, Hofberichterstatter. Gleichzeitig tragen sie das Selbstbild vor sich her, objektiv, unparteiisch zu berichten, f&uuml;r die Demokratie, gegen Ungerechtigkeit und Gewalt einzutreten. Daf&uuml;r werden sie von der Gesellschaft hoch gesch&auml;tzt, &uuml;bersch&auml;tzt! Von daher ihr unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gro&szlig;er Einfluss.<\/p><p>Ungerechtigkeit und Gewalt gibt es in den Augen dieser Medienintellektuellen bzw. in deren Darstellung allerdings nur in anderen L&auml;ndern, und zwar vornehmlich in solchen, die nicht auf der Liste der Freunde der Bundesrepublik stehen: in Russland, China, Syrien, Venezuela usw. Dort sind Proteste der Bev&ouml;lkerung gerechtfertigt, denn dort herrscht keine Demokratie, keine Meinungsfreiheit, sondern ein Regime, dem mit dem &bdquo;Change&ldquo; gedroht wird.<\/p><p><strong>Mit Intellektuellen wie Chomsky und Ziegler kann man sie also nicht vergleichen?<\/strong><\/p><p>Nein, an die reichen sie nicht ran. Das Problem ist, dass diese Medienintellektuellen, die den Herrschenden zugeneigt sind, die &ouml;ffentliche Diskussion mitbestimmen, denn diesen wird von den Medien sehr viel Raum zum Sprechen geboten. Und die Medien, wie wir wissen, erzeugen &Ouml;ffentlichkeit, ja, die Medien sind inzwischen der wichtigste, der zentrale Ort der &Ouml;ffentlichkeit. Sie sind die entscheidenden gesellschaftlichen Vermittler und Produzenten von Meinungen. Sie organisieren und beherrschen &uuml;berall die &ouml;ffentliche Kundgebung, die Zeugenschaft im &ouml;ffentlichen Raum, wie <a href=\"http:\/\/klaus-juergen-bruder.de\/von-der-notwendigkeit-das-gespraech-mit-den-gespenstern-zu-fuehren\">Jacques Derrida<\/a> 1993 feststellen musste. Dank der Vermittlung der Medien werden die unterschiedlichen &bdquo;Diskurse&ldquo; der politischen Klasse, der massenmedialen Kultur, und der akademischen Kultur &ndash; wie Derrida sagte &ndash; &bdquo;miteinander verschmolzen&ldquo;. Sie kommunizieren und zielen in jedem Augenblick auf den Punkt der gr&ouml;&szlig;ten Kraft hin, um die politisch &ouml;konomische Hegemonie, also die Vorherrschaft, und den Imperialismus zu sichern. Derrida nennt diesen Diskurs herrschs&uuml;chtig.<\/p><p>Die Medien sind also der Ort des Wirkens der dort auftretenden Intellektuellen. Von diesem Ort m&uuml;ssen wir ausgehen, wenn wir &uuml;ber die Funktion, &uuml;ber die Aufgaben der Intellektuellen, dieser Intellektuellen sprechen. Obwohl ihr Auftreten, ihre Aussagen, ihre Haltungen in keiner Weise den Erwartungen entsprechen, die ich anfangs formuliert habe, sind sie emp&ouml;rt &uuml;ber die Unterstellungen, wie sie sie nennen, nichts als die reine Wahrheit zu berichten, sondern zu l&uuml;gen. L&uuml;gen, Fake News: die verbreiten die anderen, die nat&uuml;rlich au&szlig;erhalb des demokratischen Konsenses stehen, w&auml;hrend sie selbst aufrecht und heldenhaft f&uuml;r Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, f&uuml;r die Rechte von Minderheiten, f&uuml;r den antifaschistischen Konsens eintreten.<\/p><p><strong>Woran liegt es, dass die Medienintellektuellen mit ihrer Meinung so angepasst sind?<\/strong><\/p><p>Nimmt man die zentrale These des wichtigsten, des ber&uuml;hmtesten Medientheoretikers Marshall McLuhan (1911-1980) ernst, die lautet, &bdquo;das Medium ist die Botschaft&ldquo;, dann kann man erkennen: Die zentrale Aufgabe der Medien bzw. der dort auftretenden &bdquo;Intellektuellen&ldquo; ist es, sich als die H&uuml;ter, die Garanten der Demokratie, der Freiheit darzustellen. Ihre Selbstzuschreibung als &bdquo;Vierte Gewalt&ldquo; behauptet das auch explizit. &bdquo;W&auml;chterrat&ldquo; w&auml;re zutreffender.<\/p><p>Dies ist ihre Aufgabe, die Aufgabe der Medienintellektuellen. Sie erf&uuml;llen ihre Aufgabe. Sie machen ihre Performance ihrem Auftrag gem&auml;&szlig;. Sie sind angepasst an ihren Auftrag, die Verteidiger von Freiheit und Demokratie zu spielen.<\/p><p>Das ist allerdings auch das, was die Politiker selbst tun: Demokratie spielen, &bdquo;Fassadendemokratie&ldquo;. Politik, die Durchsetzung der Interessen, die Aufgaben der Macht, spielt hinter der Fassade, dem Publikum unzug&auml;nglich. Auch die Politiker spielen ihre Rollen in einem Theater.<\/p><p><strong>Zwischen Politikern und Medien-Intellektuellen gibt es ein enges Zusammenspiel. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Die Medienintellektuellen verstehen sich als Mitglieder derselben &bdquo;Klasse&ldquo;, der &bdquo;politischen Klasse&ldquo;. Damit sagen sie eigentlich, dass sie ihre Aufgabe nicht in der Kontrolle der Organe der Herrschaft sehen, sondern in der Kooperation mit diesen.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das mit der Kooperation?<\/strong><\/p><p>Dies ist eine Kooperation im Hinblick auf das Ziel, das die beiden verfolgen, und in Bezug auf das Medium, in dem sie ihr Ziel verfolgen: der &Ouml;ffentlichkeit, der &ouml;ffentlichen Meinung. Umgekehrt wird damit auch die &ouml;ffentliche Diskussion in ihrer Funktion bestimmt: n&auml;mlich als die Darstellung von Demokratie &ndash; im Sinn der genannten Theaterauff&uuml;hrung. Es ist eine Theaterauff&uuml;hrung f&uuml;r die au&szlig;erhalb des Arkanbereichs (Anmerkung der Redaktion: Geheimbereich) der Macht stehende Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Die durch die Medien vermittelte &bdquo;Meinung&ldquo; ist also nicht blo&szlig; die Meinung der Intellektuellen, auch nicht die der Medien, sondern die Meinung, die die Herrschenden zur herrschenden gemacht haben bzw. zu machen beabsichtigen. Der Prozess, durch den sie das versuchen, wurde von Chomsky &bdquo;manufactoring consent&ldquo; genannt, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38477\">Albrecht M&uuml;ller<\/a> spricht von &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=11\">Meinungsmache<\/a>&ldquo;. Ich befasse mich &ndash; f&uuml;r einen Psychoanalytiker naheliegend, dessen Untersuchungsfeld ja das &bdquo;Reden zwischen zweien&ldquo; ist <a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/freud\/laienana\/chap002.html\">(Freud)<\/a>  &ndash; mit dem Diskurs als dem Medium zwischen Herrschenden und Beherrschten. Deshalb spreche ich von &bdquo;Diskurs der Macht&ldquo;. Die Medien vermitteln nicht nur zwischen Zuschauern und Darstellern, sondern sie vermitteln &ndash; durch die Darsteller &ndash; die Darstellung der Macht. Sie sind das Medium zwischen der Macht und den dieser Macht Unterworfenen, das Bindeglied zwischen der Macht und &bdquo;ihrer&ldquo; Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Vom &bdquo;Diskurs der Macht&ldquo; her k&ouml;nnen wir die Funktion der &bdquo;Intellektuellen&ldquo; bestimmen. Es ist der Diskurs der Macht, der ihnen ihre Position zuweist: &bdquo;der Bev&ouml;lkerung die Politik erkl&auml;ren&ldquo;, oder klarer: der Bev&ouml;lkerung die Begr&uuml;ndungen, die Rationalisierungen des politischen Handelns, von dem sie selbst ausgeschlossen ist, anzubieten.<\/p><p><strong>Von dem amerikanischen Soziologen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56170\">Charles Wright Mills<\/a> stammt der sch&ouml;ne Ausdruck &bdquo;Legitimationswissenschaftler&ldquo;. Anders gesagt: Es gibt Wissenschaftler, die das Handeln der Herrschenden durch ihre Einlassungen unterst&uuml;tzen. Die Medien-Intellektuellen unterst&uuml;tzen die Sicht der Medien. Und die Medien befinden sich zumindest tendenziell sehr oft im Einklang mit den Grundmarschrichtungen der Politik. Schlie&szlig;t sich so ein Herrschaftskreis? Wenn man den Medien-Intellektuellen zuh&ouml;rt, scheinen Herrschafts- und Machtkritik ein Fremdwort zu sein.<\/strong><\/p><p>Ja, das h&auml;tten sie gern, dass man ihren Diskurs als herrschaftskritischen wahrnimmt: die &bdquo;Vierte Gewalt&ldquo;, als die sie sich pr&auml;sentieren. Fr&uuml;her h&auml;tte man sie &bdquo;Schriftgelehrte&ldquo; genannt.<\/p><p>Ihre Position als Vermittler zwischen Herr und Knecht, Herrschenden und Beherrschten schlie&szlig;t Herrschaftskritik allerdings nur oberfl&auml;chlich betrachtet aus. Sie k&ouml;nnten den Fluss der Vermittlung auch umkehren: von &bdquo;unten&ldquo; nach &bdquo;oben&ldquo;, in die &bdquo;entgegengesetzte Richtung&ldquo; laufen (Thomas Bernhard). Es gibt diese &bdquo;illoyalen&ldquo; Intellektuellen: Im Protest gegen das Corona-Regime sind es die Wissenschaftler und &Auml;rzte bis hin zu den Nobelpreistr&auml;gern, die sich gegen die &ndash; wie Derrida sagen w&uuml;rde &ndash; &bdquo;herrschs&uuml;chtige&ldquo; Politik zur Wehr setzen. Ihr Einspruch hat Auswirkungen sogar bis in die Exekutive: Der Polizist, der die Anweisungen seiner Vorgesetzten verletzt, indem er die politischen Vorgaben und Begr&uuml;ndungen kritisiert; der Mitarbeiter des Ministeriums, der dasselbe tut. Sie sind allerdings die gro&szlig;en Ausnahmen, die zeigen, dass es m&ouml;glich ist, die &bdquo;Laufrichtung&ldquo; des Diskurses der Macht umzudrehen. Sie sind die Ausnahmen, weil ihre Illoyalit&auml;t nicht konsequenzlos bleibt. Aber sie zeigen, dass die Position im Diskurs der Macht nicht das Handeln bestimmen, nicht bestimmen muss.<\/p><p><strong>In Ihrem <a href=\"http:\/\/klaus-juergen-bruder.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/St%C3%BCtzen_der_Gesellschaft.pdf\">Buchbeitrag<\/a> thematisieren Sie eine Skulptur, die sich im Hofe des Regensburger Doms befindet. Es geht dabei um einen M&ouml;nch, der zu G&auml;nsen predigt, die vor ihm stehen. Hinter dem Prediger steht aber ein Wolf, den die G&auml;nse nicht erkennen k&ouml;nnen, weil er durch den M&ouml;nch verdeckt wird. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/p><p>Diese Skulptur habe ich zuf&auml;llig entdeckt. Sie erschien mir sofort als eine Plastik des Intellektuellen in seiner Funktion im Diskurs der Macht: den G&auml;nsen predigen, die Aufmerksamkeit der G&auml;nse mit seiner Predigt zu fesseln, sie abzulenken, ihre Wachsamkeit auszuschalten, um sie vergessen zu lassen, die Gefahr, die Feinde, die auf sie lauern. Der M&ouml;nch als Prediger repr&auml;sentiert sehr treffend eine der Funktionen des Intellektuellen gegen&uuml;ber der Herde. Es k&ouml;nnte auf den ersten Blick erstaunen, dass so eine Plastik im Hof eines Domes steht. Aber wenn man sich erinnert, dass der M&ouml;nch nicht die offizielle Kirche repr&auml;sentiert, also nicht die Macht, sondern den anderen, den volksnahen Fl&uuml;gel der Kirche. Am M&ouml;nch, dem Vertreter der Volkskirche, l&auml;sst die offizielle, die herrschende Kirche ihren Spott aus.<\/p><p><strong>Da wir bei der Interpretation sind: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31.08.2020 ist ein Artikel zur St&uuml;rmung des Reichstags erschienen. Dabei hat die Redaktion <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64289\">dieses Foto<\/a> verwendet. Was f&auml;llt Ihnen auf, wenn Sie dieses Foto sehen?<\/strong><\/p><p>Dieses Foto auf der Frontseite der Zeitung, die sich selbst als die &bdquo;Zeitung f&uuml;r Deutschland&ldquo; betrachtet, zeigt die Stirnseite des Reichstagsgeb&auml;udes, in dem heute die Sitzungen des Bundestags stattfinden, abgeschirmt durch eine Hundertschaft von Polizisten in Kampfmontur mit dem Untertitel &bdquo;am Abend dann gut gesichert: Demonstranten konnten am Samstag bis zum Eingang des Reichstags vordringen&ldquo;, unter diesem Bild die gro&szlig;e Headline &bdquo;Steinmeier verurteilt &bdquo;Angriff auf das Herz unserer Demokratie&ldquo;. Anti-Corona-Demonstranten besetzen Reichstagstreppe\/Polizei l&ouml;st Proteste auf.&ldquo;<\/p><p>Das Bild, aber auch der Text, der zugleich entscheidende Informationen verschweigt bzw. falsche Behauptungen verbreitet, zeigen deutlich, wie der Diskurs der Macht funktioniert. Das Bild versetzt den Leser in h&ouml;chste Alarmbereitschaft: Der oberste Repr&auml;sentant des Staates, Steinmeier, &bdquo;verurteilt&ldquo; den &bdquo;Angriff auf das Herz unserer Demokratie&ldquo;! Die martialisch postierten militaristisch uniformierten Polizeiketten demonstrieren Kampfbereitschaft. Zustimmend nickt der eingesch&uuml;chterte Betrachter. Damit haben Bild und Schrift ihren Zweck erf&uuml;llt: die Zustimmung des Lesers zur Botschaft. Aufatmend d&uuml;rfte er die Bildunterschrift lesen: &bdquo;am Abend dann gut gesichert&ldquo;.<\/p><p>Die Zustimmung zur Aktion der Polizeitruppe sichert die Kehrseite der Medaille: die Verurteilung derer, die der Verurteilung preisgegeben wurden: &bdquo;Anti-Corona-Demonstranten besetzen Reichstagstreppe&ldquo;. Der Verurteilung preisgegeben werden allerdings nicht die, die die zu verurteilende Aktion gemacht hatten: die &bdquo;Reichsb&uuml;rger&ldquo;, sondern die &bdquo;Anti-Corona-Demonstranten&ldquo;, die unabh&auml;ngig von den paar 100 Reichsb&uuml;rgern mit mehreren 100.000 Teilnehmern demonstriert hatten, und zwar nicht &bdquo;Anti Corona&ldquo;, sondern gegen das Regime, das gegen alle kritischen Einw&auml;nde die B&uuml;rger in eine &bdquo;Gesundheits-Diktatur&ldquo; (Juli Zeh) zu zwingen versucht.<\/p><p>Wir sehen an diesem Beispiel, welche Register der Diskurs der Macht zieht: Im Zentrum steht, zu zeigen, zu behaupten, was der Zuh&ouml;rer, Zuschauer &bdquo;schlucken&ldquo; soll, und gleichzeitig nicht zu zeigen, zu verschweigen, was ihn irritieren k&ouml;nnte, was ihn zum Widerspruch verleiten k&ouml;nnte. Zu diesem Zweck werden alle Register gezogen, blo&szlig;e Behauptung ohne Nachweis, Desinformation, Verkehrung von Ursache und Wirkung, Abschneiden der Zusammenh&auml;nge (wie in Orwells &bdquo;1984&ldquo; eindrucksvoll beschrieben).<\/p><p><strong>Was meinen Sie mit Desinformation, mit dem Abschneiden von Zusammenh&auml;ngen?<\/strong><\/p><p>Die Demonstration der &bdquo;Reichsb&uuml;rger&ldquo; in der Bannmeile vor dem Reichstagsgeb&auml;ude war vom Berliner Innensenator genehmigt, dem selben Innensenator, der die Demonstration der &bdquo;Querdenker&ldquo; verboten hatte, der Reichstag war durch nur 3 Polizisten gesch&uuml;tzt, w&auml;hrend gleichzeitig Hundertschaften &uuml;berall abgestellt waren, wo sich Gruppen von Demonstranten bildeten, nicht selten mit dem Versuch besch&auml;ftigt, diese zusammenzudr&auml;ngen und damit den Vorwand zu schaffen, die Demonstration wegen Nichtbeachtung der Abstandsvorschriften aufzul&ouml;sen. Von all dem ist in dem FAZ-Artikel nicht die Rede &ndash; stattdessen: Steinmeier in der Pose des Unschuldslamms mit dem Ruf &bdquo;Haltet den Dieb&ldquo; &ndash; das vollendete &bdquo;Verstecken durch Zeigen&ldquo;.<\/p><p><strong>Worauf sollten Medienkonsumenten achten, wenn sie so Intellektuellen zuh&ouml;ren?<\/strong><\/p><p>Was die Intellektuellen sagen, muss vor dem Hintergrund ihrer Position im Diskurs der Macht verstanden werden, nicht aus ihrem Selbstverst&auml;ndnis heraus, nicht aus ihren Erkl&auml;rungen. Das Verst&auml;ndnis des Diskurses der Macht, seiner Funktion und Arbeitsweise ist Voraussetzung f&uuml;r das Verstehen dessen, was sie sagen, ihrer Botschaft. Die Wirkung ihrer Botschaft ist abh&auml;ngig vom Grad der Vorinformation der Mediennutzer. Nicht nur die Demonstranten sind die Adressaten der Berichte &uuml;ber Demonstrationen, sondern diejenigen, die nicht dabei waren. Sie werden zur Zustimmung der Darstellung durch diese Berichte verf&uuml;hrt, w&auml;hrend die Demonstranten demoralisiert werden sollen.<\/p><p><em><strong>Klaus-J&uuml;rgen Bruder<\/strong> ist Psychoanalytiker, Professor f&uuml;r Psychologie an der Freien Universit&auml;t Berlin, Vorsitzender der interdisziplin&auml;ren Neuen Gesellschaft f&uuml;r Psychologie sowie unter anderem Herausgeber der Schriftenreihe &bdquo;Subjektivit&auml;t und Postmoderne&ldquo; im Gie&szlig;ener Psychosozial-Verlag. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschichte der Psychologie, Psychoanalyse, Pragmatismus, Postmoderne, Jugendkultur, Geschlechterbeziehungen.<\/em><\/p><p><strong>Lesetipp:<\/strong><\/p><p>Klaus-J&uuml;rgen Bruder, Christoph Bialluch, J&uuml;rgen G&uuml;nther (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Krieg-nach-innen-Krieg-nach-aussen.html?listtype=search&amp;searchparam=bruder\">&bdquo;Krieg nach innen, Krieg nach au&szlig;en &ndash; und die Intellektuellen als &sbquo;St&uuml;tzen der Gesellschaft&lsquo;?&ldquo;<\/a>, 350 Seiten, Westend Verlag<\/p><p>Klaus-J&uuml;rgen Bruder, Christoph Bialluch, J&uuml;rgen G&uuml;nther, Bernd Nielsen, Raina Zimmering (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Digitalisierung.html?listtype=search&amp;searchparam=bruder%20digitalisierung\">&bdquo;Digitalisierung. Sirenenges&auml;nge oder Schlachtruf der kannibalistischen Weltordnung&ldquo;<\/a>, 336 Seiten, Westend Verlag GmbH<\/p><p>Titelbild: Screenshot KenFM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48902\">Intellektuellen<\/a> k&ouml;nnen viel f&uuml;r eine Gesellschaft und die Demokratie leisten &ndash; vorausgesetzt, sie ergreifen Partei f&uuml;r die, die keine Stimme haben. Und vorausgesetzt, sie dienen sich nicht den herrschenden Eliten an. Im NachDenkSeiten-Interview rechnet der Psychoanalytiker <strong><a href=\"http:\/\/klaus-juergen-bruder.de\/\">Klaus-J&uuml;rgen Bruder<\/a><\/strong> mit den Intellektuellen unserer Zeit ab. Bruder, der als Vorsitzender der interdisziplin&auml;ren Neuen Gesellschaft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64951\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":64952,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,209,183,11],"tags":[282,2952,1672,244],"class_list":["post-64951","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-interviews","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerproteste","tag-bruder-klaus-juergen","tag-embedded-journalism","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/bruder.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=64951"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64951\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81190,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/64951\/revisions\/81190"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/64952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=64951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=64951"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=64951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}