{"id":6505,"date":"2010-08-17T14:25:24","date_gmt":"2010-08-17T12:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6505"},"modified":"2019-02-06T11:00:23","modified_gmt":"2019-02-06T10:00:23","slug":"wie-wir-leben-und-was-wir-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6505","title":{"rendered":"Wie wir leben und was wir sind"},"content":{"rendered":"<p>Rede zum &bdquo;K&ouml;lner Karls-Preis f&uuml;r engagiert Literatur und Publizistik&ldquo;, benannt weder nach Karl dem Gro&szlig;en noch nach Karl dem Vierten, sondern nach Karl dem Marx. Die Verleihung fand am 6. August in der Gastst&auml;tte &bdquo;Wei&szlig;er Holunder&ldquo; in K&ouml;ln statt. Von Wolfgang Bittner<br>\n<!--more--><br>\nMeine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde!<\/p><p>Ich bedanke mich bei der Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung f&uuml;r den K&ouml;lner Karls-Preis f&uuml;r engagierte Literatur und Publizistik und erlaube mir bei dieser Gelegenheit, &uuml;ber einige grunds&auml;tzliche Gedanken zu sprechen, die mich schon l&auml;nger bewegen.<\/p><p>Ich muss nicht hungern, ich habe ein Dach &uuml;ber dem Kopf, ich lebe nicht in einer kriegsgef&auml;hrdeten Region, ich habe eine befriedigende Arbeit, mir geht es relativ gut. Dennoch sp&uuml;re ich seit mehreren Jahren ein zunehmendes Unwohlsein, das mit den gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen in diesem Land, in dem ich lebe, und mit der Politik zu tun hat, die hier &ndash; aber auch anderswo in dieser globalisierten Welt &ndash; betrieben wird. Es ist ein Gef&uuml;hl der Stagnation, der Ungewissheit, der Besorgnis, das Gef&uuml;hl einer diffusen, schwer zu benennenden Be&auml;ngstigung. SIE nehmen uns unsere Ruhe, SIE nehmen uns unsere Lebenssicherheit! SIE nehmen den J&uuml;ngeren ihre Arbeitspl&auml;tze, ihre Motivation und Lebensperspektive, den &Auml;lteren ihre Renten und Ersparnisse, uns allen unsere Lebensfreude.<\/p><p>Wer sind SIE? Ist das ein anonymes Wesen, das irgendwo im Hintergrund lauert und wie im M&auml;rchen hin und wieder durch Menschenopfer zufrieden zu stellen ist? Oder ist es vielleicht so ein mafi&ouml;ser Krake, der Schutzgelder erpresst und &auml;hnliche verbrecherische Dinge macht? Nein, wir wissen, wer SIE sind. SIE lassen sich benennen, wenn wir genauer hinschauen, sogar namentlich. Es sind in ihrer gro&szlig;en Mehrheit die F&uuml;hrungskr&auml;fte in Politik und Wirtschaft, eine Pseudo-Elite, die durch Geburt oder Opportunismus, durch Vetternwirtschaft oder Schleimerei in Positionen gelangt ist, die sie &uuml;berfordern, in Verantwortung, der sie nicht gewachsen sind, intellektuell nicht oder charakterlich nicht, oft trifft beides zusammen.<\/p><p>Bei nicht wenigen dieser Personen sind pathologische Verhaltensweisen festzustellen, die sich mit Gef&uuml;hlsk&auml;lte, Hartherzigkeit und Mitleidlosigkeit, ja sogar mit Brutalit&auml;t und Unbarmherzigkeit durchaus treffend beschreiben lassen. Wenn ich mit solchen Leuten zu tun habe, stehen mir manchmal geschichtliche Gestalten wie Hernan Cort&eacute;s, der Eroberer von Mexiko, oder Roland Freisler, der Pr&auml;sident des Volksgerichtshofs, oder einer dieser schrecklichen P&auml;pste des Mittelalters vor Augen. Psychopathen, die &uuml;ber Leichen gingen. Und ich finde in den Verhaltensweisen unserer sogenannten Eliten deutliche Parallelen zu ihren historischen Vorg&auml;ngern, wenngleich heutzutage nicht mehr so offen betrogen, geraubt, gefoltert und gemordet wird, jedenfalls nicht in unseren Gegenden.<\/p><p>Wahrscheinlich war es mehr oder weniger immer so, wie uns schon ein fl&uuml;chtiger Blick in die Geschichte ahnen l&auml;sst. Aber es gab in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg auch bessere Zeiten; Zeiten, die ich jedenfalls positiver in Erinnerung habe und die f&uuml;r mich mit Namen wie Willy Brandt, Gustav Heinemann oder Heinrich B&ouml;ll verbunden sind.<\/p><p>Jetzt haben wir es seit geraumer Zeit mit Leuten zu tun, die haupts&auml;chlich noch ihr eigenes Wohl im Auge haben und unseren immensen gesellschaftlichen Reichtum in private Taschen umleiten, w&auml;hrend ganze Staaten bankrott gehen. Wer das kritisiert, wer dagegen aufsteht, hat wenig Chancen; denjenigen wird unterstellt, sie seien neidisch, missg&uuml;nstig, unvern&uuml;nftig, unwissend, kommunistisch oder sie seien Verschw&ouml;rungsfanatiker.<\/p><p>Aber was ist das in Wirklichkeit f&uuml;r eine Welt, in der wir leben? Mehr als 500 Milliarden Euro umfasst die staatliche Hilfe f&uuml;r die Banken, die sich auf unverantwortliche Weise verspekuliert haben; 102 Milliarden fehlten allein bei der Hypo Real Estate Bank. Und 750 Milliarden Euro betr&auml;gt der europ&auml;ische Rettungsschirm f&uuml;r die Gemeinschaftsw&auml;hrung, um &uuml;berschuldete Mitgliedsstaaten vor dem finanziellen Zusammenbruch zu retten. Welch ungeheure, unvorstellbare Summen!<\/p><p>Gleichzeitig werden den Kindern die Tagesst&auml;tten, Schwimmb&auml;der und Spielpl&auml;tze genommen; den Jugendlichen die Bildungschancen, die Kommunikationszentren und die Studienm&ouml;glichkeiten, der breiten Bev&ouml;lkerung die Grundlagen f&uuml;r ein halbwegs zufriedenes Leben. Wer mutet den B&uuml;rgern so etwas zu? Was sind das f&uuml;r Vorst&auml;nde, Aufsichtsr&auml;te und Manager, was sind das f&uuml;r Politiker, die nicht nur nichts dagegen tun, sondern diese Entwicklung noch mit zu verantworten haben? Geht es Ihnen wirklich nur noch um die eigene Karriere, um Posten, gesellschaftliche Machtpositionen, Millioneneinkommen und beste Altersversorgung? Und lie&szlig;e sich dem wirklich nicht entgegensteuern?<\/p><p>Sicher, man sollte nicht verallgemeinern, und es gibt in allen Bereichen auch ehrenwerte Pers&ouml;nlichkeiten. Aber im &Uuml;berblick stellt sich die gesellschaftliche Entwicklung zurzeit als Horror-Szenarium dar. Die Staatsverschuldung in Deutschland bel&auml;uft sich auf die unvorstellbare Summe von 1.802 Milliarden Euro. Die Staatsverschuldung der USA betr&auml;gt sogar mehr als 13 Billionen Dollar; im Juli 2010 waren es genau 13 Billionen, 212 Milliarden und 824 Millionen Dollar. Wie wollen diese &bdquo;f&uuml;hrenden Industrienationen&ldquo;, die f&uuml;r sich immer noch das Ethos einer Abendl&auml;ndischen Kultur in Anspruch nehmen, jemals ohne Lug und Betrug, ohne Krieg und Zerst&ouml;rung, von diesen gigantischen Schulden herunterkommen? Dabei wei&szlig; doch jeder vern&uuml;nftige Mensch, dass man nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt. Warum gilt das nicht f&uuml;r die Politik? Die noch wichtigere Frage ist: Wo bleibt das viele Geld? Wir wissen es seit langem: Gewinne flie&szlig;en in private Taschen, Verluste und Schulden werden sozialisiert.<\/p><p>Die Reichen brauchen keinen Staat. Soweit m&ouml;glich, vermeiden sie es, Steuern zu zahlen. Die Inflationsrate und Mehrwertsteuererh&ouml;hungen sind f&uuml;r sie &ndash; anders als f&uuml;r die &uuml;brige Bev&ouml;lkerung &ndash; keine Bedrohung. Sie leisten sich private Schulen und Universit&auml;ten, private Sicherheitsdienste, S&ouml;ldnerarmeen, eigene Wohnbereiche. W&auml;hrend die Wegnahme einer Frikadelle mit fristloser Entlassung bestraft wird, k&ouml;nnen Spekulanten zu ihrem Vorteil straflos auf den Bankrott von Staaten wetten: Kapitalverbrechen, die von dieser Gesellschaft nicht sanktioniert werden, obwohl die Verbrecher, die Millionen Menschen in Not und Elend treiben, zu benennen w&auml;ren. Was da seit dem H&ouml;hepunkt der Finanzkrise an gesetzlichen Gegenma&szlig;nahmen beschlossen wurde oder noch in Vorbereitung sein soll, d&uuml;rfte kaum ausreichen, die kriminellen Finanzgesch&auml;fte zu unterbinden. Keine fundierte Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber; stattdessen streut man der Bev&ouml;lkerung Sand in die Augen &ndash; auch hier ist ein deutliches Versagen der Medien festzustellen.<\/p><p>T&auml;glich neue Horrormeldungen. Die Bundesregierung k&uuml;rzt mit einem &bdquo;Sparpaket&ldquo; in H&ouml;he von 80 Milliarden Euro beim Arbeitslosengeld und Elterngeld, Hartz-IV-Empf&auml;nger werden nicht mehr rentenversichert und sie erhalten keinen Heizkostenzuschuss mehr, die Krankenversicherung wird teurer, ebenso die von den Kommunen erhobenen Geb&uuml;hren und Abgaben. Demgegen&uuml;ber steigen die Mieten und die Preise f&uuml;r Grundnahrungsmittel. Zugleich lesen wir, dass trotz der &Ouml;lkatastrophe im Golf von Mexiko weitere Tiefseebohrungen auch in der Nordsee und im Mittelmeer geplant sind, dass trotz der zu Tage getretenen Gef&auml;hrdungen und Entsorgungsprobleme die Laufzeiten von Atomkraftwerken verl&auml;ngert, hier und da sogar neue gebaut werden, dass die Zockerei der Banken und Hedgefonds weitergeht, dass die Aktion&auml;re trotz weltweiter Finanz- und Wirtschaftskrise mit den Dividenden zufrieden sind: &bdquo;Die deutsche Wirtschaft ist wieder in Partylaune&ldquo;, sagte k&uuml;rzlich der Pr&auml;sident des Ifo-Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung.<\/p><p>Was ist das f&uuml;r eine Welt, in der wir leben? Was sind das f&uuml;r Politiker und Wirtschaftsf&uuml;hrer, die derartige Entwicklungen zu verantworten haben? In ihren &ouml;ffentlichen Verlautbarungen werden wir mit l&auml;cherlichen und besch&auml;menden Worth&uuml;lsen wie &bdquo;Wir sind gut aufgestellt&ldquo; oder &bdquo;Wir haben bisher &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; oder &bdquo;Wir alle m&uuml;ssen sparen&ldquo; abgespeist. Und hinter den Kulissen werden f&uuml;r die Nieten und Laiendarsteller die &Auml;mter und Posten ausgekungelt. Diese Leute haben keine Probleme mit der Inflationsrate, mit Mieterh&ouml;hungen, kommunalen Geb&uuml;hren und Abgaben, mit ihrer Altersversorgung, schon gar nicht mit Heizkosten, Krankenversicherung oder Elterngeld. Sie haben den Kontakt zur gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung &ndash; zur &bdquo;Basis&ldquo;, wie man so sagt &ndash; schon lange verloren. Die wenigsten interessiert es noch, wie die Menschen &bdquo;da drau&szlig;en im Lande&ldquo; leben, welche existenziellen Probleme sie haben.<\/p><p>Dabei war das, was sich heute in der Wirtschaft und auf den Kapitalm&auml;rkten abspielt, sp&auml;testens seit Karl Marx vorhersehbar. Nach wie vor gelten die S&auml;tze von Marx und Engels von 1848: &bdquo;Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne b&uuml;rgerliche Gesellschaft hat die Klassengegens&auml;tze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdr&uuml;ckung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.&ldquo;<\/p><p>Nun w&auml;re es ja einfach und auch legitim, sich zu w&uuml;nschen, dass die Bev&ouml;lkerung sich das alles nicht mehr bieten l&auml;sst, dass sie aufsteht und diese Marionetten, Larven, Zocker, Parasiten und das sonstige Gesindel davonjagt. Aber leider geht die Entwicklung zurzeit in die entgegengesetzte Richtung, und solange die Leitmedien so sind, wie sie sind, wird die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung zwischen Fu&szlig;ballweltmeisterschaft, Lena-Getr&auml;ller und Horror-, Sex- und Crime-TV weiterhin Unpersonen wie Berlusconi, Polit-Clowns wie Sarkozy oder Politikerdarsteller wie Frau Merkel und Herrn Westerwelle w&auml;hlen, die daf&uuml;r stehen, dass sich nichts Wesentliches &auml;ndert, jedenfalls nicht zum Positiven.<\/p><p>Fraglich, ob wir noch in einer Demokratie leben, oder vielmehr &ndash; ebenso wie die USA &ndash; in einer Staatsform, die nach dem negativen Vorbild der r&ouml;mischen Dekadenz Plutokratie genannt werden kann, also Herrschaft des Geldes, der Besitzenden, des Kapitals. Diejenigen, die oben sind, die es &bdquo;geschafft&ldquo; haben, was immer das bedeuten mag (im Zweifel sind es Halsabschneider und Kistenf&uuml;ller), trachten danach, ihren Einfluss und ihre Pfr&uuml;nden zu behalten. Sie igeln sich ein. In den USA mit Gesetzen wie dem Patriot Act, bei uns in Deutschland ebenfalls mit weitreichenden Eingriffen in die B&uuml;rgerrechte; man denke nur an das BKA-Gesetz, das den Weg in den &Uuml;berwachungsstaat ebnet. Die Begr&uuml;ndung daf&uuml;r ist immer dieselbe: Schutz vor Kriminalit&auml;t und Terrorismus. Dass diese Gesellschaft ihre eigene Kriminalit&auml;t erzeugt und auch ihren Terrorismus, hat vor Jahren schon jemand wie Heinrich B&ouml;ll erkannt und ge&auml;u&szlig;ert &ndash; mit weitreichen Folgen: Er wurde &ndash; obwohl Nobelpreistr&auml;ger &ndash; bespitzelt, drangsaliert, als Terrorismus-Sympathisant diskreditiert und von verschiedenen Massenmedien durch den Dreck gezogen. Ursachenforschung ist unerw&uuml;nscht. Wer sie fordert, wird gebrandmarkt, zumindest isoliert.<\/p><p>In dieser Welt leben wir heute, vielen ist das nicht einmal bewusst. Sie haben andere Sorgen, m&uuml;ssen sich um anderes k&uuml;mmern oder k&uuml;mmern sich gar nicht. Etwa ein Viertel der deutschen Bev&ouml;lkerung lebt am Rande des Existenzminimums, das hei&szlig;t von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Hartz-IV oder von Billig-Jobs. Das sind in einem der reichsten L&auml;nder der Welt etwa zwanzig Millionen Menschen &ndash; ein Trauerspiel sondergleichen. Abhilfe ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Das Problem wird ignoriert, es wird nicht einmal &ouml;ffentlich diskutiert. K&uuml;rzlich sprach ich mit einer Krankenschwester, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat und lediglich eine minimale Rente erh&auml;lt, von der ihr nur wenig bleibt, wenn die Miete bezahlt ist. Sie sagte, dass sie den Aufruf der Bundeskanzlerin Angela Merkel, wonach wir alle sparsamer leben m&uuml;ssten, als eine bodenlose Gemeinheit empfindet.<\/p><p>Trotz allem ist immer noch viel Geld da, zum Beispiel f&uuml;r die weltweiten deutschen Milit&auml;reins&auml;tze. Doch dar&uuml;ber, &uuml;ber diese enormen Kosten, wird nicht gesprochen. Vielleicht deswegen nicht, weil uns solche Kriegseins&auml;tze nach Artikel 26 des Grundgesetzes verboten und durch das Strafgesetzbuch (&sect;&sect; 80 und 80a StGB) unter schwerste Strafe gestellt sind. Hier findet seit Jahren ein Verfassungsbruch statt, der von Winkeladvokaten mit Scheinargumenten wie &bdquo;humanit&auml;rer Einsatz&ldquo; oder &bdquo;Verteidigungskrieg&ldquo; bem&auml;ntelt wird. Der Bundespr&auml;sident a.D. Horst K&ouml;hler hat es naiverweise auf den Punkt gebracht: Angeblich d&uuml;rfen wir aus &ouml;konomischen Erw&auml;gungen wieder weltweit Krieg f&uuml;hren. Die &ouml;ffentliche Diskussion ging dann aber nicht um diese verfassungswidrige Aussage zu einem verfassungswidrigen Tatbestand, sondern um den R&uuml;cktritt des Pr&auml;sidenten und um seine Nachfolge. So wird vom Wesentlich immer wieder abgelenkt; die Medien gefallen sich in Hofberichterstattung.<\/p><p>Wie Sie merken, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, bin ich ein politisch engagierter Mensch, was naturgem&auml;&szlig; in dem, was ich schreibe &ndash; mehr oder weniger &ndash;, zum Ausdruck kommt. Das ist auch mein Problem, soweit es um den etablierten elit&auml;ren deutschen Literaturbetrieb geht, der mich allerdings nie sonderlich interessiert hat. Die Verleger, mit denen ich im Verlauf meiner schriftstellerischen Laufbahn zu tun hatte, haben mich deswegen oft ger&uuml;gt. Aber was sich da, in dieser Literaturszene, an Dilletantismus, Opportunismus, Intriganz und Ignoranz abgespielt hat und weiter abspielt, war mir seit jeher zuwider.<\/p><p>Deswegen war es f&uuml;r mich ein Gl&uuml;cksfall, dass ich meine ersten Schritte in den Literaturmarkt bei der B&uuml;chergilde Gutenberg unternehmen konnte, wo 1978 mein Deb&uuml;troman &bdquo;Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben&ldquo;, 1979 die &bdquo;Rechts-Spr&uuml;che &ndash; Texte zum Thema Justiz&ldquo; erschienen und in den folgenden Jahren mehrere weitere erfolgreiche B&uuml;cher. Damals war die B&uuml;chergilde eine gewerkschaftliche Lesegemeinschaft mit ein paar Hunderttausend Mitgliedern, die auch verlegerisch t&auml;tig war und die mich sehr gef&ouml;rdert hat. Ebenso die gewerkschaftliche Europ&auml;ische Verlagsanstalt. Beide Unternehmen gibt es nicht mehr in dieser Form, sie wurden privatisiert.<\/p><p>Das ist ja die Tragik und das Versagen der Gewerkschaft, dass sie fast alle ihre Eigenbetriebe im Laufe der Jahre verkauft hat, zum Teil nachdem sie durch verfehlte Personalpolitik heruntergewirtschaftet waren. Und auch die SPD verf&uuml;gt kaum noch &uuml;ber Zugang zu den Medien, weil sie ihre Presserzeugnisse weitgehend aus der Hand gegeben hat. Die Konsequenzen sind un&uuml;bersehbar, jedoch nur f&uuml;r diejenigen, die sich ohnehin schon auskennen. Erfreulich, dass es noch den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk mit der Verpflichtung zur unabh&auml;ngigen Information gibt, der hier und da gegenh&auml;lt und in einzelnen kritischen investigativen Sendungen profund berichtet und Skandale aufdeckt, ebenso wie einige wenige zumeist linke Publikationen. Einmal abgesehen von Medien wie Neue Rheinische Zeitung, Ossietzky, Welt der Arbeit oder den NachDenkSeiten im Internet, die jedoch &ndash; so bedauerlich das ist &ndash; nur Randerscheinungen sind, wenn auch nicht g&auml;nzlich ohne Einfluss. Dasselbe gilt f&uuml;r eine Reihe kleinerer Verlage mit ihren beachtenswerten Programmen.<\/p><p>Mit der Zubilligung des K&ouml;lner Karls-Preises f&uuml;r engagiert Literatur und Publizistik, benannt weder nach Karl dem Gro&szlig;en noch nach Karl dem Vierten, sondern nach Karl dem Marx, bekomme ich einen weiteren Stempel aufgedr&uuml;ckt. Mit der 68er-Revolte und in der Folgezeit habe ich mich zu einem politisch bewussten Menschen entwickelt. Ein ausgepr&auml;gtes Gerechtigkeitsempfinden hatte ich immer schon, auch eine gewisse Widerst&auml;ndigkeit und Renitenz, vielleicht entstanden aus den oft bitteren Erfahrungen seit fr&uuml;hester Kindheit. Das dr&uuml;ckt sich in meiner Arbeit aus und ist mir wertvoll. Ich habe es schon lange nicht mehr n&ouml;tig, mich dem Mainstream anzupassen, zu lavieren und zu scharwenzeln. Insofern nehme ich den K&ouml;lner Karls-Preis als eine originelle und in ihrer Ausrichtung einzigartige Ehrung gerne an und bedanke mich f&uuml;r das mir entgegengebrachte Vertrauen.<\/p><p>Wolfgang Bittner arbeitet seit 1974 als freiberuflicher Schriftsteller und Publizist. <\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.wolfgangbittner.de\/werk\/werkverz.pdf\">Werkverzeichnis [PDF &ndash; 310 KB]<\/a><\/li>\n<\/ul><p><em><strong>Kleine Anmerkung:<\/strong> Als NachDenkSeiten-Leserin oder &ndash;Leser wissen Sie, dass die Schuldenproblematik etwas differenzierter zu sehen ist, als das Wolfgang Bittner kurz anrei&szlig;t. Dass man nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt, ist zwar grunds&auml;tzlich richtig, die Frage ist aber, wie man Einnahmen und Ausgaben zusammenf&uuml;hren kann.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede zum &bdquo;K&ouml;lner Karls-Preis f&uuml;r engagiert Literatur und Publizistik&ldquo;, benannt weder nach Karl dem Gro&szlig;en noch nach Karl dem Vierten, sondern nach Karl dem Marx. Die Verleihung fand am 6. August in der Gastst&auml;tte &bdquo;Wei&szlig;er Holunder&ldquo; in K&ouml;ln statt. 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