{"id":65095,"date":"2020-09-23T09:07:50","date_gmt":"2020-09-23T07:07:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65095"},"modified":"2020-09-23T09:56:52","modified_gmt":"2020-09-23T07:56:52","slug":"vom-talent-sich-dumm-zu-stellen-von-michael-ewert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65095","title":{"rendered":"Vom Talent, sich dumm zu stellen. Von Michael Ewert"},"content":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Die NachDenkSeiten bringen diesen satirisch angelegten Denkansto&szlig;, weil damit Hintergr&uuml;nde einer wichtigen Aff&auml;re, der handelnden Personen und der medialen Behandlung des Themas gut sichtbar werden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIn einer der nicht von ungef&auml;hr Talk-<em>Show<\/em> genannten TV-Sendungen (&bdquo;Anne Will&ldquo;) wurde am 6. September der Alibi-Gast mit der abweichenden Meinung [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] von den anderen Teilnehmern harsch zurechtgewiesen. J&uuml;rgen Trittin fiel gar aus der Rolle.<\/p><p>Es ging um das so ziemlich unzuverl&auml;ssigste Kampfgift der Welt, das ber&uuml;chtigte <em>Nowitschok<\/em>, und den gr&ouml;&szlig;ten Tollpatsch unter den Machthabern, Wladimir Putin. Seine Rolle als chronischer Versager k&ouml;nnte einer Comedy-Serie entnommen sein. Schon 2018 schafften es die Skripals in England nach Kontakt mit einem Stoff, der menschliches Leben gem&auml;&szlig; werksseitiger Anpreisungen nach nur fl&uuml;chtigem Kontakt binnen Sekunden beenden soll, von der kontaminierten T&uuml;rklinke ihres Hauses bis zu einer weit entfernten Parkanlage. Dort fand man sie auf einer Bank bewusstlos vor. Nicht einmal, dass sie schlie&szlig;lich spurlos verschwanden, kann sich Putin an seine Fahnen heften. Das war das Werk britischer Geheimdienste, von denen er einiges lernen k&ouml;nnte. Man denke an den einzigen Auftritt der Skripals nach ihrer Rettung: In einem Video leiert die Tochter wie unter Drogen stehend eine Erkl&auml;rung herunter. Danach war Schluss!<\/p><p>Beim jetzigen Fall Navalny hat der Dilettantismus neue H&ouml;hen erklommen. Man greift sich einen Politiker der Opposition, der Putin soviel Kopfschmerzen bereitet wie ein Fahrrad, das in einem Moskauer Vorort umf&auml;llt. In einem Flugzeug treten bei ihm Vergiftungserscheinungen auf. Na gut, k&ouml;nnte man noch sagen, manchmal klebt die Seuche am Fu&szlig; und nichts klappt. Aber wieso hat man den Mann &uuml;berhaupt ins Flugzeug steigen lassen? Ein Flugzeug ist ein &ouml;ffentliches Verkehrsmittel. &Ouml;ffentlich! Im Klartext: Das Ding kommt irgendwann an, und dann wei&szlig; Gott und die Welt, dass der eine Passagier, der nicht aussteigt, tot ist.<\/p><p>Was sich anschlie&szlig;end abspielte, kann nur so interpretiert werden, dass Russland drauf und dran ist, aus dem Leim zu gehen. Die eine Hand wusste nicht mehr, was die andere tat, und diese andere lie&szlig; das Flugzeug in Omsk zwischenlanden, den Patienten ins Krankenhaus bringen und von den dortigen &Auml;rzten retten. Das war nicht alles. Jetzt verlor man v&ouml;llig die Nerven und k&uuml;mmerte sich nicht um die mit Nowitschok beschmierte Wasserflasche, die dann von einer &bdquo;Begleiterin&ldquo; Navalnys, der (nicht einmal vernommenen) britischen Staatsangeh&ouml;rigen Maria Pevchikh, eingesammelt wurde, und lie&szlig; alle und alles samt dem Genesenen ins westliche Ausland ausfliegen.<\/p><p>Es war zwar beachtlich, pr&auml;zise ausgerechnet zu haben, welcher Gegenstand wann von Navalny und nur von ihm ber&uuml;hrt werden w&uuml;rde, aber die Tatsache, da&szlig; auch auf dem Weg von Sibirien bis zum Bundeswehr-Labor niemand durch das Gift zu Schaden kam, spricht B&auml;nde &uuml;ber die Zust&auml;nde in Russland. Da ist der Westen von anderem Kaliber.<\/p><p>Am 17. September hat das EU-Parlament mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit wegen der Vorg&auml;nge um Navalny Sanktionen gegen Russland beschlossen. Auch die Kommentare von SZ, FAZ, taz &uuml;ber Zeit, Spiegel bis zu Sendern wie DLF waren wie aus einem Guss. Die sondersamen Details wurden zu einem Gesamtbild zusammengef&uuml;gt mit einer Entschlossenheit, wie sie eine von sehr spezifischen Werten gepr&auml;gte Gemeinschaft auszeichnet. Niemand dachte, so viel Bl&ouml;dheit ist nicht m&ouml;glich, was nicht mit einer Ignoranz russischer Verh&auml;ltnisse erkl&auml;rt werden kann. Das ginge am Kern der Sache vorbei, wie sich bei Trittin, Opfer einer solchen Missdeutung (s. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=64604\">Ulrich Heyden, &bdquo;Mord in Russland&ldquo; &ndash; Eine Replik, NachDenkSeiten 10. Sept. 2020<\/a>), gezeigt hat.<\/p><p>Trittin wurde nicht nur vorgeworfen, keine Ahnung zu haben, wor&uuml;ber er redet. Das w&auml;re noch in Ordnung. Aber mit dem Einwand, er, Trittin, habe einst dem linken Fl&uuml;gel der Gr&uuml;nen angeh&ouml;rt, wurde suggeriert, er habe alte Positionen verraten. Das geht ins Pers&ouml;nliche und kann so&nbsp;nicht&nbsp;stehenbleiben.<\/p><p>Wie viele <em>Gr&uuml;ne<\/em> in der Riege des F&uuml;hrungspersonals geh&ouml;rte Trittin mit dem Kommunistischen Bund einer der zahllosen leninistisch-trotzkistisch-stalinistisch-maoistischen Kaderorganisationen an (wie Reinhard B&uuml;tikofer, Winfried Kretschmann oder Ralf F&uuml;cks). Gemeinsamer Nenner ist ein fr&uuml;hes Rebellentum, das nichts mit einem revolution&auml;ren, kreativen Charakter zu tun hat. Paradebeispiel ist Joseph Fischer, der als&nbsp;&bdquo;Sponti&ldquo; auf am Boden liegende Wehrlose eintrat und sp&auml;ter (wie Daniel Cohn-Bendit) alles daf&uuml;r tat, dass Zivilisten bombardiert wurden. Auch er blieb sich treu.<\/p><p>Das Verh&auml;ltnis der Rebellen zur Au&szlig;enwelt besteht in symbiotischen Bindungen, die erst zu machtlosen Schichten hergestellt werden und, sobald sich ein Sprungbrett anbietet, zu&nbsp;etablierten Kr&auml;ften. Eigenes, selbstbewusstes Handeln steht nicht auf dem Plan, sondern die situationsbedingte Anpassung beim Aufstieg zur Machtelite. Dieses Streben pr&auml;gt psychischen Haushalt und Auffassungsverm&ouml;gen. Von hier aus ist nachvollziehbar, dass Trittin von&nbsp;Sevim Dagdelen verlangt, sie soll sich nicht d&uuml;mmer stellen, als sie ist.<\/p><p>Trittin geht davon aus, seine von ihm und seinen &bdquo;Mitdiskutanten&ldquo; einschlie&szlig;lich der&nbsp;&bdquo;Moderatorin&ldquo; geteilte Ansicht der Abl&auml;ufe in einem von ihnen imaginierten Absurdistan sei derma&szlig;en schl&uuml;ssig, dass auch ein Idiot sie nachvollziehen k&ouml;nnen m&uuml;sse. Zur Untermauerung werden Vorf&auml;lle wie&nbsp;jetzt mit Navalny in eine Reihe vorangegangener Ereignisse gestellt. Die bislang erhobenen Anschuldigungen reichten zwar nicht aus, einen Ladendieb zu &uuml;berf&uuml;hren, aber das spielt in der Propaganda keine Rolle. Wer einmal l&uuml;gt, dem glaubt man nicht&nbsp;&mdash; man muss immer l&uuml;gen, dann haben wir&nbsp;&bdquo;ein Muster!&ldquo;<\/p><p>Wer diese Logik nicht anerkennt, kann nur entweder von B&ouml;sartigkeit oder einem psychischen Defekt gepr&auml;gt sein.&nbsp;&bdquo;Analysen&ldquo; dieser Art lie&szlig; bereits Wladimir Lenin den Vertretern oppositioneller Ansichten angedeihen &mdash; vornehmlich an&nbsp;&bdquo;Hysterie&ldquo; leidenden Frauen (wie Maria Spiridonowa). Diese scholastische Anma&szlig;ung hat Trittin seit seinen politischen Anf&auml;ngen offenbar so stark verinnerlicht, dass ihm die methodologischen Voraussetzungen daf&uuml;r, mindestens so dumm zu sein, wie er sich stellt, nicht zu&nbsp;Bewusstsein kommen.<\/p><p>Ein Freund sah auf einem Bob-Dylan-Konzert, wie sich jemand im vollbesetzten Auditorium von hinten durch die dichtgedr&auml;ngt Stehenden bis an den B&uuml;hnenrand durchruderte. Er war sich sicher, dass es Trittin war. Alle Schweinchen sind gleich, aber manche sind gleicher. Das sind die Kader, die per se nicht links sind und es nie waren. Ihr ganzes Streben ist danach ausgerichtet, nach vorne in die erste Reihe zu gelangen &mdash; da, wo die Kettenhunde der Macht der Erteilung ihrer Aufgaben entgegenfiebern.<\/p><p>Man kann Trittin vieles vorwerfen, nicht aber die angemessene Ber&uuml;cksichtigung politisch dominierender Gesichtspunkte. Dieser Rahmen ist sicher kein Beleg, dass, so Immanuel Kant, &bdquo;das beharrliche Fortschreiten des Menschengeschlechts zum Besseren [&hellip;] m&ouml;glich [ist]&ldquo; (zit. nach Klaus Reich,  Einleitung, in: Kant, Der Streit der Fakult&auml;ten, hrg. von Klaus Reich, Hamburg 1959, XIX). Uns st&uuml;nde es gleichwohl gut an, Trittin nicht unser Mitgef&uuml;hl zu verweigern, dass &uuml;ber all die Jahre der Prozess hin zu einer reiferen Pers&ouml;nlichkeit spurlos an ihm vorbeigegangen ist.<\/p><p>Wenn an dem Gerede von Putins Schreckensherrschaft nur etwas dran ist, m&uuml;sste die Chaotentruppe, die das Prozedere um Navalny zu verantworten hat, bereits in einem GuLag gelandet sein. Bei uns landet man mit einer Gesinnung von der Stange, die wie ein Ma&szlig;anzug aufzutreten beliebt, auf dem Sessel einer <em>Talkshow<\/em>. Jeder Mensch mit einem Restverstand wird sich fragen, was als verheerender f&uuml;r die zivilisatorische Entwicklung einzusch&auml;tzen ist.<\/p><p>Titelbild: Herr Loeffler \/ shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Gemeint ist Sevim Dagdelen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Die NachDenkSeiten bringen diesen satirisch angelegten Denkansto&szlig;, weil damit Hintergr&uuml;nde einer wichtigen Aff&auml;re, der handelnden Personen und der medialen Behandlung des Themas gut sichtbar werden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":65096,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,183,11],"tags":[1409,1283,259,2300,624,1536],"class_list":["post-65095","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-gifteinsatz","tag-nawalny-alexej","tag-russland","tag-skripal-sergej","tag-trittin-juergen","tag-will-anne"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_1132091438.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65095"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65110,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65095\/revisions\/65110"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/65096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}