{"id":65223,"date":"2020-09-27T11:30:54","date_gmt":"2020-09-27T09:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65223"},"modified":"2020-09-28T10:37:23","modified_gmt":"2020-09-28T08:37:23","slug":"birma-und-stetig-gruesst-das-militaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65223","title":{"rendered":"Birma: Und stetig gr\u00fc\u00dft das Milit\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p>Im f&uuml;nften Teil der siebenteiligen Serie zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien besch&auml;ftigt sich unser Autor <em>Rainer Werning<\/em> mit der Herrschaft Japans &uuml;ber Birma (*), das lange Zeit Teil des British Empire war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Kaiserlich-Japanischen Truppen war dieses s&uuml;dostasiatische Land von herausragender geo- und milit&auml;rstrategischer Bedeutung, erhoffte man sich doch nach dessen Eroberung und Okkupation einen ungehinderten Zutritt nach Indien. Dort, so das Kalk&uuml;l der Achsenm&auml;chte Japan und Deutschland, sollten sich die aus dem Osten vorr&uuml;ckenden Japaner mit dem aus dem Westen &uuml;ber Zentralasien heranr&uuml;ckenden Nazitruppen siegreich treffen, um nach erfolgreicher gemeinsamer Kontrolle des indischen Subkontinents eine Neuaufteilung der Welt nach koordiniertem imperialen Design vorzunehmen.<\/p><p>W&auml;hrend die Kriegsmaschinerie der Nazis bereits in der ehemaligen Sowjetunion von der Roten Armee besiegt wurde, erlitten die japanischen Truppen ausgerechnet ihre ersten Niederlagen zu Lande in der britischen Kolonie Birma. Im Kampf gegen die japanischen und sp&auml;ter erneut gegen die britischen Truppen existierten diverse milit&auml;rische Verb&auml;nde, die zwar unter der Flagge von Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit angetreten waren, doch deren F&uuml;hrung sich nicht scheute, &uuml;ber weite Strecken ihres Kampfes ein geschlossenes militaristisches Weltbild gem&auml;&szlig; japanischem Muster verinnerlicht zu haben. Die Militarisierung des Politischen und die Politisierung des Milit&auml;rs sind denn auch auff&auml;llige Konstanten birmanischer Geschichte.<\/p><p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p><em>&bdquo;75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien &ndash; Vorgeschichte, Verlauf, Verm&auml;chtnisse&ldquo; lautet der Titel dieser siebenteiligen Artikelserie von <strong>Rainer Werning<\/strong>, die die NachDenkSeiten innerhalb dieses Jahres in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden ver&ouml;ffentlicht. Lesen Sie bitte auch die ersten vier Teile dieser Serie (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58483\">Teil 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=59918\">Teil 2<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61422\">Teil 3<\/a>, und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63014\">Teil 4<\/a>).<\/em><\/p><p><strong>Im Schatten der K&ouml;nige<\/strong><\/p><p>Im 19. Jahrhundert wurde Birma nach drei sogenannten anglo-birmanischen Kriegen von Gro&szlig;britannien annektiert. Bereits 1862 war das Land dem Vizek&ouml;nig von Indien als Provinz Indiens unterstellt worden. In Folge des im Jahre 1885 begonnenen dritten anglo-birmanischen Krieges gelang es den Truppen der neuen Kolonialmacht bis 1890, sich auch &bdquo;Upper Burma&ldquo; einzuverleiben, somit Zugriff auf dessen Bodensch&auml;tze zu gewinnen und organisierten bewaffneten Widerstand zu ersticken, an dem sich auch und gerade buddhistische M&ouml;nche beteiligt hatten. Aufgerieben waren damit auch die restlichen Verb&auml;nde birmanischer Streitkr&auml;fte.<\/p><p>Schon bald entwickelte sich das Land zu einem der gr&ouml;&szlig;ten Reis-Exporteure Asiens und gewann aufgrund seiner Edelsteine, Holz-, Kautschuk- und Erd&ouml;lressourcen zunehmend an kolonialwirtschaftlicher Bedeutung. Allerdings f&uuml;hrte die Einf&uuml;hrung des britischen Rechts, neben der Einwanderung chinesischer und indischer H&auml;ndler, dazu, dass gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung Birmas, vor allem im Sog der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, verarmten. Der Reishandel lag in den H&auml;nden chinesischer und indischer Gesch&auml;ftsleute, w&auml;hrend Inder als Proteg&eacute;s der Kolonialmacht zudem verst&auml;rkt in das Verwaltungs- und Finanzsystem eingebunden waren und au&szlig;erdem als Geldverleiher fungierten.<\/p><p>Letztere rekrutierten sich zum gro&szlig;en Teil aus der s&uuml;dindischen Chettiar-Kaste, deren Mitglieder in der Bev&ouml;lkerung besonders verhasst waren, weil sie sich als Landlords auch verst&auml;rkt fruchtbares Ackerland in &bdquo;Lower Burma&ldquo; anzueignen vermochten, auf dem sich verarmte birmanische Bauern als P&auml;chter oder Tagel&ouml;hner verdingt hatten. Zu der Zeit lebten etwa eine Million Inder in dem ethnisch &uuml;beraus heterogenen Land, dessen Bev&ouml;lkerung zu Beginn der 1940er Jahre rund 17 Millionen Menschen z&auml;hlte. Mehrfach entluden sich Ressentiments in gewaltsamen, pogromartigen &Uuml;bergriffen gegen Angeh&ouml;rige der indischen Community. Im Gegensatz dazu galten die Chinesen im Lande als integrationswillig. Vielen von ihnen gelang nicht nur die reibungslose Eingliederung in die birmanische Gesellschaft, sondern auch &ndash; wie im Falle des sp&auml;teren Putschgenerals (1962) und langj&auml;hrigen Diktators Ne Win &ndash; der Aufstieg in deren Hautevolee.<\/p><p><strong>Widerstand formiert sich<\/strong><\/p><p>Gegen die britische Vormachtstellung formierten sich bereits um die Jahrhundertwende, vor allem aber in den 1920er und 1930er Jahren, Organisationen und Gruppierungen, die sich auf unterschiedliche Weise gegen koloniale Bevormundung und f&uuml;r die politische Unabh&auml;ngigkeit und eine sozialistische Wirtschaftsordnung im Lande einsetzten. Dazu z&auml;hlten unter anderem die nach YMCA-Vorbild (Young Men&rsquo;s Christian Association; im Deutschen als CVJM, Christlicher Verein junger M&auml;nner, bekannt) geschaffene <em>Young Men&rsquo;s Buddhist Association (YMBA)<\/em>, der <em>General Council of Burmese Associations (GCBA)<\/em>, radikale Studentenvereinigungen und Transportarbeiter in der Hauptstadt Rangun sowie prominente politische Aktivisten aus dem buddhistischen Sangha &ndash; unter ihnen die M&ouml;nche U Ottama, U Seinda und U Wisara. Ihr teils friedlicher, teils gewaltsamer Protest wurde immer wieder von Streiks gegen die (Aus-)Bildungs- und Steuerpolitik der Beh&ouml;rden begleitet.<\/p><p>Zunehmende Bedeutung im antikolonialen Kampf erlangte die im Mai 1930 gegr&uuml;ndete Dobama Asiayone (Wir-Birmamen-Vereinigung), deren Mitglieder sich selbst <em>&bdquo;Thakin&ldquo;<\/em> (<em>&bdquo;Herr&ldquo;<\/em> oder <em>&bdquo;Meister&ldquo;<\/em>) nannten, eine Bezeichnung, die sich exklusiv die Europ&auml;er im Lande als Anrede ausbedungen hatten. Damit sollte nicht nur eine Gleichstellung mit den <em>&bdquo;colonial masters&ldquo;<\/em> hergestellt, sondern signalisiert werden, wer die eigentlichen Herren des Landes sind und dass dieser Begriff widerrechtlich usurpiert worden war. &bdquo;Birma den Birmanen&ldquo; lautete der zentrale Slogan dieser fortan auch unter dem Namen &bdquo;Thakin-Bewegung&ldquo; bekannten politischen Str&ouml;mung, die f&uuml;r die Wahrung des eigenen kulturellen und religi&ouml;sen (vor allem buddhistischen) Erbes und eine umfassende Birmanisierung des &ouml;ffentlichen Lebens eintrat.<\/p><p>Zulauf erhielt die Bewegung nach dem landesweit zweiten Studentenstreik von 1936 (**), der in erster Linie von der 1931 gegr&uuml;ndeten <em>Rangoon University Students&rsquo; Union (RUSU)<\/em> organisiert worden war, von studentischen Aktivisten, die allesamt sp&auml;ter eine herausragende Rolle im politischen Leben des Landes einnehmen sollten. Darunter z&auml;hlten neben Aung San (Vater der Friedensnobelpreistr&auml;gerin und langj&auml;hrigen Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi) und dem ersten demokratisch gew&auml;hlten Premierminister U Nu beispielsweise Thein Pe, der sp&auml;tere Generalsekret&auml;r der Kommunistischen Partei Birmas, sowie der sp&auml;tere stellvertretende Premier Kyaw Nyein. Am 8. Mai 1936 war auf Initiative der RUSU in Rangun die erste Studentenkonferenz abgehalten und die Formierung der <em>All Burma Students&rsquo; Union (ABSU)<\/em> beschlossen worden. (***) Auf diesem Treffen war Aung San zum Vizevorsitzenden der ABSU gew&auml;hlt worden. Daneben existierte unter anderem noch die <em>All Burma Youth League (ABYL)<\/em>.<\/p><p>Ausl&ouml;ser des Studentenstreiks war unter anderem die Relegation Aung Sans und Nus von der Ranguner Universit&auml;t. Sie hatten sich geweigert, der Universit&auml;tsleitung den Namen jenes Autors zu nennen, der in der von ihnen redigierten Studentenzeitung scharfe Attacken gegen einen hochrangigen Universit&auml;tsangestellten geritten hatte. Beide, Aung San und Nu, schlossen sich der Dobama Asiayone beziehungsweise der &bdquo;Thakin-Bewegung&rdquo; an, in der sie bald ebenfalls F&uuml;hrungspositionen aus&uuml;bten und so den Wechsel von studentischer zu nationaler Politik vollzogen. Die Bewegung nahm an Militanz zu, als 1937 die endg&uuml;ltige Abkoppelung Birmas von Britisch-Indien vollzogen wurde. Man vermutete ein weiteres Hinausschieben der Unabh&auml;ngigkeit und lehnte die von den Briten angebotenen Kooperationsformen als halbherzig ab, weil letztlich die Machtpr&auml;rogativen einem britischen Gouverneur vorbehalten blieben. Das hinderte den Nationalisten und sp&auml;teren Statthalter Japans, Ba Maw, nicht daran, von April 1937 bis M&auml;rz 1939 als erster birmanischer Premierminister zu amtieren. Seine turbulente Amtszeit war von schweren antiindischen Ausschreitungen begleitet, die die Kolonialregierung zum Anlass nahm, den Notstand zu verh&auml;ngen und sp&auml;ter &bdquo;zum Schutz und zur Verteidigung Burmas&ldquo; (Burma Defense Act) politische Parteien und Organisationen zu verbieten. Die sich diesem Befehl widersetzten, mussten mit ihrer Inhaftierung rechnen (darunter auch Ba Maw) oder sie gingen in den Untergrund beziehungsweise setzten sich ins Ausland ab.<\/p><p><strong>Kriegsvorbereitungen<\/strong><\/p><p>Einen weiteren Grund f&uuml;r das militantere Agieren seitens des au&szlig;erparlamentarischen Widerstandsspektrums waren die Entwicklungen in Europa, wo die Kriegsvorbereitungen der Nazis auf Hochtouren liefen, sowie die Eskalation der japanischen Aggression im Nachbarland China. Kein Wunder, dass sich im Jahre 1939 gleich mehrere politische Vereinigungen und politische Parteien konstituierten, die von den Briten lautstark die Unabh&auml;ngigkeit forderten und sich gegen eine Kriegsbeteiligung an deren Seite aussprachen &ndash; darunter die Kommunistische Partei Birmas (CPB), die Volksrevolution&auml;re Partei, die nach dem Krieg in Sozialistische Partei umbenannt wurde, und schlie&szlig;lich eine gewichtige Allianz in Gestalt des parteien&uuml;bergreifenden Freiheitsblocks (Freedom Bloc). Dieser setzte sich aus der Dobama Asiayone, der ABSU, Ba Maws Siny&egrave;tha (Arme Leute) Partei sowie aus politisch engagierten buddhistischen M&ouml;nchen zusammen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der oppositionelle Freedom Bloc war ein Geistesprodukt von (&hellip;) Aung San. Der Zweck des Freedom Bloc bestand darin, den Menschen im Land die Botschaft zu vermitteln, dass das Volk die britischen Kriegsanstrengungen nur unterst&uuml;tzen w&uuml;rde, wenn die britische Regierung eine feierliche Erkl&auml;rung abg&auml;be, in der Birma die Unabh&auml;ngigkeit nach dem Krieg versprochen wurde; andernfalls w&uuml;rde das Volk die Kriegsanstrengungen der Briten bek&auml;mpfen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>U Nu, erster Ministerpr&auml;sident des am 4. Januar 1948 unabh&auml;ngig gewordenen Birma, in: Saturday&rsquo;s Son: Memoirs of the Former Prime Minister of Burma (translated by U Law Yone). New Haven\/London 1975: Yale University Press, S. 100<\/em><\/p><p>&bdquo;Eine Veranstaltung jagte die n&auml;chste, und die Massen schwollen dabei st&auml;ndig an. Die Sprecher hielten das Thema sehr einfach und parteiisch; die Briten sagen, sie k&auml;mpfen f&uuml;r Polen und andere unterdr&uuml;ckte wei&szlig;e Nationen; die Birmanen sollen f&uuml;r die Befreiung dieser wei&szlig;en Nationen k&auml;mpfen, ohne ihre Zustimmung gegeben zu haben, aber sie selbst sollen nicht frei sein; wir m&uuml;ssen auch f&uuml;r uns selbst k&auml;mpfen; wir m&uuml;ssen haben, was die wei&szlig;en Nationen haben; daf&uuml;r m&uuml;ssen wir mit allen Mitteln k&auml;mpfen, die wir zur Verf&uuml;gung haben; Bo Bo Aung (Held einer alten birmanischen Legende, der aufgrund seiner &uuml;bernat&uuml;rlichen Kr&auml;fte einen K&ouml;nig in die Knie zwingt) wird uns helfen; Bo Bo Aung wird auch andere zu unserer Hilfe schicken. &ndash; Solche Worte drangen direkt ins birmanische Herz; oder es war vielmehr ein Echo dessen, was dort schon zu sprechen begonnen hatte.<br>\nEine andere Tatsache, die uns half, war die v&ouml;llige Abwesenheit von Opposition. Die Briten mussten feststellen, dass sie keine Freunde hatten, die im Land wirklich f&uuml;r sie eintraten.&ldquo;<br>\nDr. Ba Maw, Pr&auml;sident des von den Japanern am 1. August 1943 in die &bdquo;Unabh&auml;ngigkeit&ldquo; entlassenen Birma, in seinem Buch Breakthrough in Burma: Memoirs of a Revolution, 1939-1946, New Haven\/London 1968: Yale University Press, S. 69f.<\/p><p>So unterschiedlich die ideologische Ausrichtung innerhalb dieses Blocks war &ndash; als bevorzugte Lekt&uuml;re dienten neben marxistisch-leninistischer Literatur, B&uuml;cher &uuml;ber die Franz&ouml;sische Revolution und den irischen Freiheitskampf auch faschistische Schriften &ndash;, so verschieden waren auch die politischen &Uuml;berlegungen dar&uuml;ber, wie und mit welchen Methoden die Unabh&auml;ngigkeit realisiert werden sollte. Grob lie&szlig;en sich zwei Str&ouml;mungen ausmachen: W&auml;hrend sich einige vom Aufstieg Mussolinis und Hitlers inspirieren lie&szlig;en und deren autorit&auml;re beziehungsweise faschistische Gedanken begr&uuml;&szlig;ten, neigten andere zu sozialistischen oder kommunistischen Ideen. Dies fand auch seinen Niederschlag in der organisatorischen Ausrichtung des Kampfes f&uuml;r Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit. Setzten Erstere gem&auml;&szlig; der Losung &bdquo;Der Feind meines Feindes ist mein Freund&ldquo; auf die Unterst&uuml;tzung Japans als Teil der Achsenm&auml;chte, um das verhasste Kolonialjoch der Briten abzusch&uuml;tteln, sahen Letztere in Japan den Hauptfeind, den es &ndash; notfalls mit britischer Mitwirkung &ndash; zu bek&auml;mpfen gelte. Zu den Protagonisten dieser Linie z&auml;hlten unter anderen die Kommunisten Thakin Than Tun and Thakin Soe, die bereits im Juli 1941 als politische Gefangene in Ranguns ber&uuml;chtigtem Insein-Gef&auml;ngnis in ihrem gemeinsam verfassten <em>Insein Manifesto<\/em> den Faschismus weltweit als Haupt&uuml;bel charakterisiert und dazu aufgerufen hatten, diesem mithilfe eines breiten B&uuml;ndnisses unter Einschluss der Sowjetunion entschlossen entgegenzutreten.<\/p><p>Nach den Unruhen von 1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa im Jahre 1939 wurden viele F&uuml;hrer der Thakin-Bewegung verhaftet oder ihnen gelang die Flucht ins benachbarte China. Dort wandte man sich hilfesuchend direkt an japanische Milit&auml;rs oder man wurde von Agenten der gef&uuml;rchteten <em>Kempeitai<\/em> (Milit&auml;rpolizei) daran gehindert, um Unterst&uuml;tzung seitens der chinesischen Kommunisten nachzusuchen. Zu denen, die sich 1940 ebenfalls nach China hatten absetzen k&ouml;nnen, z&auml;hlte auch Aung San. Kontakte zu japanischen Offizieren, unter ihnen Oberst Suzuki Keiji, erm&ouml;glichten es Aung San, zu ersten Gespr&auml;chen nach Tokio zu reisen, von dort aus im Fr&uuml;hjahr 1941 kurz nach Birma zur&uuml;ckzukehren, um mit engen Freunden und Gesinnungsgenossen, den sp&auml;ter sogenannten &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo;, erneut nach Japan zu reisen.<\/p><p>Dort fand ein reger Gedankenaustausch &uuml;ber die Aufstellung einer eigenen Armee und die politische Neugestaltung statt. Logistische und politisch-milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung fanden die &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo; fortan durch das von Suzuki gef&uuml;hrte &bdquo;S&uuml;db&uuml;ro&ldquo; oder die &bdquo;S&uuml;dagentur&ldquo; (<em>Minami Kikan<\/em>), ein geheimdienstliches Netzwerk, das der Oberst bereits w&auml;hrend seiner Stationierung in Rangun gekn&uuml;pft hatte, wo er unter dem Namen Minami Masuyo als Korrespondent der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun stationiert war. Als einer der wichtigsten Verbindungspersonen zwischen den &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo;, den zuvor als Premierminister gest&uuml;rzten Dr. Ba Maw und der Minami Kikan fungierte Dr. Thein Maung in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Japan-Birma-Gesellschaft.<\/p><p><strong>&bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Minami Kikan koordinierte im Auftrag des Kaiserlichen Generalhauptquartiers (IGH) in Tokio dessen Birma relevanten Pl&auml;ne und Vorhaben. Auf Initiative des &bdquo;S&uuml;db&uuml;ros&ldquo; wurden Aung San und seine Getreuen zun&auml;chst in ein eigens geschaffenes Trainingslager nach Sanya auf der von Japan besetzten chinesischen Insel Hainan gebracht. Dort absolvierten die &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo; unter der &Auml;gide japanischer Offiziere eine halbj&auml;hrige milit&auml;rische Ausbildung, die von politischen Schulungen im Geiste der in Tokio im August 1940 offiziell verk&uuml;ndeten <em>Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re<\/em> (siehe den ersten Teil dieser Serie <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58483\">&bdquo;Reiches Land, starke Armee&ldquo;<\/a><\/em>) begleitet war (Houtman 2007: 179ff.). Mit diesem Konzept drapierte das militaristische Japan seine eigenen hegemonialen Ziele in Asien und im Pazifik; es w&auml;hnte sich als &bdquo;F&uuml;hrer, Licht und Besch&uuml;tzer Asiens&ldquo; im Kampf gegen westlichen Kolonialismus und Imperialismus. Derma&szlig;en harsch m&uuml;ssen der k&ouml;rperliche Drill, die Ausbildung in psychologischer Kriegsf&uuml;hrung und die Unterweisung in Sabotageakte gegen die Briten gewesen sein, dass ein Teil der Rekruten zeitweilig erwogen hatte, das Training zu sabotieren und abzubrechen.<\/p><p>Als wenige Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbor japanische Truppen siegreich in Thailands Hauptstadt Bangkok einmarschierten und, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen, auch weiter s&uuml;dlich nach Malaya vordrangen, kam f&uuml;r die &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo; der lang ersehnte Augenblick ihrer Bew&auml;hrungsprobe. Sie wurden nach Bangkok gebracht, wo Aung San am 27. Dezember 1941 die Gr&uuml;ndung der <em>Burma Independence Army (BIA)<\/em> verk&uuml;ndete. Somit war auf Japans Initiative hin der Kern der ersten birmanischen Streitkraft seit dem Fall des K&ouml;nigreichs im Jahre 1885 entstanden. Das Kommando der BIA &uuml;bernahm Oberst Suzuki, w&auml;hrend Aung San sein Stabschef wurde und Shu Maung zum Chef einer Armeegruppe avancierte, die im bevorstehenden Einsatz in Birma f&uuml;r Sabotage im Landesinnern verantwortlich war (Yoon 1973: 31).<\/p><p>Jeder der &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo; legte sich in einem Akt feierlicher Treueide einen nom de guerre zu. So nannte sich Aung San fortan Bo Tay Za (&bdquo;machtvoller Befehlshaber&ldquo;), aus Shu Maung wurde Bo Ne Win (&bdquo;Befehlshaber Strahlende Sonne&ldquo;), w&auml;hrend sich Suzuki mit dem symboltr&auml;chtigen Namen Bo Mogyo (&bdquo;Befehlshaber Donnerkeil&ldquo;) schm&uuml;ckte. Damit sollte bewusst an eine alte Prophezeiung erinnert werden, wonach Birmas britischen Eroberer, symbolisiert durch einen Schirm, letztlich von einem Donnerkeil niedergestreckt w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Imperiale Ziele &ndash; subalterne Armeen<\/strong><\/p><p>Im Kontext der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re verfolgte das japanische Milit&auml;r in Bezug auf Birma drei wesentliche Ziele. Einerseits ging es um den Zugriff auf die strategischen Ressourcen (u. a. Erd&ouml;l) des Landes. Um die schmale malaiische Landzunge gegen ein Abschn&uuml;ren der wichtigen Landverbindung zwischen Bangkok und Singapur durch m&ouml;gliche britische Angriffe zu sch&uuml;tzen, plante der japanische Generalstab die Invasion S&uuml;dbirmas, um dortige Luftwaffenbasen sowie den Hafen von Rangun zu besetzen. Schlie&szlig;lich ging es um die Kontrolle der gleicherma&szlig;en bedeutsamen <em>Burma Road<\/em> im Nordosten des Landes, &uuml;ber die die alliierten Streitkr&auml;fte der Chiang Kai-shek-Regierung in Chungking logistische Hilfe leisteten. Eine Unterbrechung dieses Nachschubweges, der vom nordostindischen Assam &uuml;ber Nordbirma nach Kunming, die Hauptstadt Chinas s&uuml;dwestlicher Yunnan-Provinz, verlief, h&auml;tte aus japanischer Sicht einen schnelleren Erfolg seines &bdquo;China-Feldzugs&ldquo; bedeutet.<\/p><p>Nach dem Fall der britischen Kolonie Singapur am 15. Februar 1942 wurden bis Anfang M&auml;rz St&auml;dte in S&uuml;dbirma durch japanische Truppen und BIA-Verb&auml;nde und schlie&szlig;lich am 8. M&auml;rz die Hauptstadt Rangun eingenommen. Zwischenzeitlich auf 300&nbsp;K&auml;mpfer herangewachsen, wurden Angeh&ouml;rige der BIA unter japanischem Kommando zun&auml;chst als Kundschafter und ortskundige F&uuml;hrer eingesetzt. Doch w&auml;hrend des Vormarsches rekrutierten japanische Offiziere m&ouml;glichst viele Birmanen, die zuvor in Bangkok und an der thail&auml;ndisch-birmanischen Grenze gelebt hatten, wodurch die BIA rasch auf etwa 4.000 K&auml;mpfer anwuchs. Diesen schlossen sich innerhalb Birmas derma&szlig;en viele Freiwillige aus l&auml;ndlichen Gebieten an, dass die BIA binnen weniger Wochen in einen bewaffneten Mob degenerierte. Wiederholt kam es zu gewaltsamen &Uuml;bergriffen von BIA-Kombattanten gegen ethnische Minderheiten, was selbst japanische Offiziere &uuml;berraschte.<\/p><p>Mit dem R&uuml;ckzug der britischen Truppen mussten gleichzeitig zahlreiche Karen-Soldaten ihren Dienst quittieren, weil sie langj&auml;hrig den Briten gedient hatten. Viele von ihnen kehrten allerdings bewaffnet in ihre D&ouml;rfer zur&uuml;ck. Weigerten sie sich, ihre Waffen abzugeben, gerieten sie ins Visier der BIA, die entweder auf Anweisung von Oberst Suzuki oder auf eigene Faust &bdquo;Strafaktionen&ldquo; gegen Karen-Gebiete durchf&uuml;hrten und ganze Ortschaften brandschatzten. S&uuml;dlich von Bassein im Irrawaddy-Delta kam es zu den brutalsten Massakern der BIA, in deren Verlauf etwa 1.800 Karen ermordet und 400 ihrer D&ouml;rfer zerst&ouml;rt wurden. (Ba Maw 1968: 186ff.) Die Karen hatten mehrheitlich ihre Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber der britischen Krone bekundet, sich milit&auml;rischem Professionalismus verschrieben, eine Trennung von Politik und Milit&auml;r bef&uuml;rwortet und sich vor birmanischer Dominanz gef&uuml;rchtet.<\/p><p>Im Sommer 1942 intervenierte das japanische Milit&auml;r und ersetzte die BIA durch eine regul&auml;re Armee, die <em>Burma Defense Army (BDA)<\/em>. Diese war auf eine Truppenst&auml;rke von circa 10.000 Mann angelegt und wurde von einem Generalstab und Offizieren befehligt &ndash; ebenfalls unter F&uuml;hrung Aung Sans. Weitere birmanische Offiziersanw&auml;rter erhielten ihre Ausbildung in einem eigens daf&uuml;r geschaffenen Trainingszentrum in Mingaladon (n&ouml;rdlich von Rangun), von denen die Besten zum letzten Schliff nach Japan ausgeflogen und an dortigen Milit&auml;rakademien im Geiste des japanischen Militarismus ausgebildet wurden.<\/p><p><strong>Bewunderung f&uuml;r den Tenno<\/strong><\/p><p>Wie in den Philippinen sahen die japanischen Besatzungspl&auml;ne auch mit Blick auf Burma vor, das Land in eine Unabh&auml;ngigkeit von Tokios Gnaden zu entlassen. Am 1. August 1943 wurde Ba Maw, der sich selbst als <em>anashin<\/em> (Diktator &ndash; w&ouml;rtlich: Autorit&auml;t-Meister) bezeichnete (Callahan 2003: 55), zum Staatsoberhaupt (Adipadi) gek&uuml;rt, w&auml;hrend Aung San, mittlerweile im Rang eines japanischen &bdquo;Major-General&ldquo;, zum Oberbefehlshaber der Nachfolgeorganisation der Burma Defence Army, der <em>Burma National Army<\/em> (BNA, Bama Tatmadaw), und gleichzeitig zum Verteidigungsminister in Ba Maws Kabinett avancierte. Als gl&uuml;hende Bewunderer des Gro&szlig;japanischen Reiches ahmten die &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo; in Verhalten und Kleidung ihre japanischen Offizierskollegen nach (Werning 2003). Schlie&szlig;lich verdankten sie allesamt ihre Karriere umfassender japanischer Logistik und japanischem Milit&auml;rpersonal.<\/p><p>Diese enge Bindung an das japanische Kaiserreich unterstrich unter anderem die Teilnahme Ba Maws an der Gr&ouml;&szlig;eren Ostasien-Konferenz am 5. und 6. November 1943 in Tokio. Dort hatten sich auf Einladung des japanischen Premierministers Tojo Hideki, der gleichzeitig als Schirmherr dieser Tagung fungierte, die engsten Vasallen Japans eingefunden &ndash; allesamt beseelt von den Gedanken, pan-asiatische Ideen mit der R&uuml;ckbesinnung auf eine (vermeintlich oder tats&auml;chlich) glorreiche vorkoloniale &Auml;ra zu verkn&uuml;pfen. Weitere Teilnehmer dieses zweit&auml;gigen Treffens waren Wang Jingwei, dessen Regime in Nanking sich auf japanische Bajonette st&uuml;tzte, der Premier des Marionettenstaates Mandschukuo, Zhang Jinghui, der philippinische Pr&auml;sident Jos&eacute; P. Laurel, Subhas Chandra Bose als F&uuml;hrer der Bewegung Freies Indien sowie der thail&auml;ndische Prinz Wan Waithayakorn.<\/p><p>Erst als der menschenverachtende Kurs des japanischen Militarismus im Laufe des Krieges und die Rolle der Regierung als Marionette der japanischen Besatzer immer offensichtlicher wurde, gingen Aung San und seine Getreuen auf Distanz zu ihren vormaligen G&ouml;nnern. Als &uuml;berdies die Besatzungstruppen mit ihrer Imphal-Offensive im M&auml;rz 1944 scheiterten, gen Nordostindien vorzur&uuml;cken, und die Alliierten ihnen schwere Verluste zuf&uuml;gten, beteiligte sich Aung San gemeinsam mit Kommunisten und Sozialisten am Aufbau einer <em>Antifaschistischen Organisation<\/em> (AFO). Diese wurde anl&auml;sslich eines Geheimtreffens in Pegu im August 1944 aus der Taufe gehoben und sp&auml;ter in <em>Antifaschistische Volksfreiheitsliga (Anti-Fascist People&rsquo;s Freedom League, AFPFL)<\/em> umbenannt. Im M&auml;rz 1945 wechselte die BNA mitsamt ihrer politischen F&uuml;hrung die Fronten und schloss sich nunmehr unter dem Namen Patriotic Burmese Forces (PBF) den gegen die Hauptstadt Rangun vorr&uuml;ckenden Streitkr&auml;ften unter dem <em>South-East Asia Command<\/em> von Lord Louis Mountbatten an. Am 27. M&auml;rz 1945 kam es zur landesweiten Erhebung gegen die japanischen Truppen. Dieses fortan als &bdquo;Antifaschistischer Widerstandstag&ldquo; gefeierte Datum taufte das Milit&auml;r sp&auml;ter um in <em>&bdquo;Tatmadaw Day&ldquo; (&bdquo;Tag der Streitkr&auml;fte&ldquo;)<\/em>.<\/p><p><strong>Bleiernes Kolonialerbe<\/strong><\/p><p>Nach der britischen R&uuml;ckeroberung Birmas konnte Aung San seiner Verhaftung und Verurteilung wegen anti-britischer Aktionen und wegen Exekutionen birmanischer Zivilisten w&auml;hrend der japanischen Okkupation einzig aufgrund eines britischen Kalk&uuml;ls entgehen. Das britische Milit&auml;r wollte eine Verstrickung seiner Truppen in einen birmanischen B&uuml;rgerkrieg vermeiden, solange der Krieg gegen Japan nicht entschieden war. Schlie&szlig;lich konnte Aung San im Januar 1947 in London mit Premierminister Clement Attlee ein Abkommen &uuml;ber die formelle Unabh&auml;ngigkeit Birmas am 4. Januar 1948 unterzeichnen. Aung San, zwischenzeitlich als erster Premier des unabh&auml;ngigen Birmas auserkoren, fiel allerdings am 19. Juli 1947 einem Attentat zum Opfer, als er zusammen mit weiteren Ministern w&auml;hrend einer Kabinettssitzung im Auftrag politischer Widersacher erschossen wurde.<\/p><p>F&uuml;r die Zivilbev&ouml;lkerung Birmas war der Krieg ein Desaster. In den japanisch besetzen Gebieten kam es massenhaft zu Zwangsarbeit und krassen Versorgungsengp&auml;ssen, wovon auch Britisch-Indien mit der Hungersnot in Bengalen im Fr&uuml;hjahr 1943 betroffen war. Au&szlig;erdem f&uuml;hrte die selektive Unterst&uuml;tzung einzelner ethnischer, religi&ouml;ser und politischer Gruppen aufseiten nahezu aller Akteure zu Gr&auml;ueltaten gegen die Zivilbev&ouml;lkerung. Hatten die Briten in ihrem Polizei- und Milit&auml;rapparat neben indischen Soldaten &uuml;berproportional Angeh&ouml;rige der Kachin, Chin und Karen einbezogen, war es den von den Japanern protegierten Birmanen im Laufe des Krieges und der Zeit danach gelungen, ihren Einfluss in Staat, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu festigen und stetig auszuweiten. Dies widerspiegelte sich auch in der Milit&auml;rhierarchie: Nachdem General Smith Dun, ein Karen, als Oberbefehlshaber der Armee Ende der 1940er Jahre in den Ruhestand trat, folgte ihm Ne Win auf diesem Posten. Eine Machtposition, die diesem und seinen Mitstreitern aus der Zeit der japanischen Okkupation auf Dauer eine Schl&uuml;sselstellung in Staat und Milit&auml;r beziehungsweise im Milit&auml;rstaat sicherte. Die Trennung des Landes in zwei v&ouml;llig unterschiedliche Verwaltungseinheiten, das von den Briten sogenannte <em>Burma Proper<\/em> und die <em>Frontier Areas<\/em>, dauerte auch in der Nachkriegszeit an und legte den Keim f&uuml;r zum Teil bis heute andauernde Konflikte &ndash; beispielsweise im n&ouml;rdlichen Kachin State und im westlichen Rakhine, dem fr&uuml;heren Arakan.<\/p><p>Das bedeutsamste und weitestreichende Verm&auml;chtnis der japanischen Okkupationszeit in Birma bestand in Folgendem:<\/p><p><em>Erstens:<\/em> Antikolonialer beziehungsweise antibritischer Widerstand war nicht zuv&ouml;rderst dem Engagement herausragender politischer F&uuml;hrerpers&ouml;nlichkeiten geschuldet, sondern wurde zur Dom&auml;ne eines meist akademisch ausgebildeten, verschworenen birmanischen Jugendkorps, das sich, vollends im Geiste des japanischen Militarismus geschult, zu einer Art &bdquo;Kriegerkaste&ldquo; entwickelte. Jahre sp&auml;ter erkl&auml;rte Generalleutnant Khin Nyunt, von 1997 bis 2003 Erster Sekret&auml;r des <em>Staatsrates f&uuml;r Frieden und Entwicklung (SPDC)<\/em>, bevor er im August 2003 Premierminister wurde, unumwunden: &bdquo;Unsere Tatmadaw wurden in Japan geschaffen&rdquo; (Houtman 1999: 153).<\/p><p><em>Zweitens:<\/em> Die wichtigste Institution, die auf diese Weise entstand, war eine unter verschiedenen Namen agierende Armee unter den Fittichen Japans &ndash; mit der Konsequenz, dass seit Gr&uuml;ndung der BIA die Sph&auml;re des Politischen militarisiert und das Milit&auml;rische zunehmend birmanisiert wurde.<\/p><p><em>Drittens:<\/em> Als milit&auml;rischer Arm der neugegr&uuml;ndeten birmanischen AFPFL und der ersten unabh&auml;ngigen birmanischen Armee seit Ende des 19. Jahrhunderts genossen die PBF bei Kriegsende das Privileg, die landesweit einzig legitime national(istisch)e politisch-milit&auml;rische Kraft zu sein.<\/p><p><em>Viertens:<\/em> Unabh&auml;ngigkeit, ein wieder gewonnener Nationalstolz, strikte Loyalit&auml;t, Achtung des Seniorit&auml;tsprinzips und Befolgung der Kommandostrukturen zeichneten fortan eine F&uuml;hrungsriege aus, die ihre idealtypische Entsprechung im Soldatendasein finden sollte.<\/p><p><em>F&uuml;nftens:<\/em> Schlie&szlig;lich hatte Japan, dessen F&uuml;hrungsanspruch in Birma ungleich st&auml;rker als beispielsweise in Vietnam, Malaya und den Philippinen respektiert und bewundert wurde, bewiesen, dass es als <em>asiatische<\/em> Macht imstande war, den lange gen&auml;hrten Mythos der Unverwundbarkeit des westlichen Kolonialismus und Imperialismus zu zerst&ouml;ren.<\/p><p>Wie Sukarno, der sp&auml;tere Gr&uuml;ndungsvater Indonesiens, z&auml;hlte auch Aung San anf&auml;nglich zu den gl&uuml;hendsten Bewunderern Japans in S&uuml;dostasien. Im Einklang mit Japan, das die Region nach seinem Ebenbilde umgestalten und deren Bev&ouml;lkerungen in gef&uuml;gige Untertanen des Tenno verwandeln wollte, avisierten Aung San und Sukarno einen rigiden Zentralstaat, dem es obliege, wie auch immer geartete zentrifugale Kr&auml;fte einzud&auml;mmen. Eine verh&auml;ngnisvolle Weichenstellung, zumal in Vielv&ouml;lkerstaaten wie Birma und Indonesien, wo jeweils die Birmanisierung beziehungsweise Javanisierung als raison d&rsquo;etre postkolonialen Nationalismus begriffen und milit&auml;risch exekutiert wurde.<\/p><p><em><strong>Exkurs: Die Thailand-Birma-Bahn: Japans gigantischstes Kriegsprojekt w&auml;hrend des 2. Weltkriegs trieb 100.000 asiatische und etwa 10.000 &bdquo;wei&szlig;e&ldquo; Zwangsarbeiter in den Tod.<\/strong><\/em><\/p><blockquote><p>&bdquo;Entlang der Eisenbahnstrecke gab es schon 55 Gefangenenlager f&uuml;r 64.000 M&auml;nner, aber das reichte l&auml;ngst nicht aus. Denn die Japaner schafften weitere Arbeiter heran: Aus den von ihnen gerade eroberten L&auml;ndern Burma, Malaya und Indonesien. Die kaiserliche Armee rekrutierte sie mit Gewalt. Samid zum Beispiel ist der einzige &Uuml;berlebende aus einer Gruppe von 40 Indern, die von den Japanern in Singapur aufgegriffen wurden: &sbquo;Ich ging auf den Markt. Es war ein Freitag. Da tauchten zwei Japaner auf und fragten mich: &sbquo;Was machst Du hier.&rsquo; Ich antwortete ihnen, ich sei Student. Da sagten sie: &sbquo;Du solltest besser nach Thailand gehen, um dort zu arbeiten, statt zu studieren.&rsquo; Und dr&auml;ngten: &sbquo;Manai, Manai &ndash; Komm mit! Komm mit!&rsquo; Ich sagte, ich k&ouml;nne nicht so einfach mitkommen, meine Eltern w&uuml;rden dies nie zulassen. Aber sie bestanden darauf. Ich fing an zu weinen. Aber sie herrschten mich an: &sbquo;H&ouml;r auf damit!&rsquo; Und schleppten mich mit Gewalt zu einem Zug. Er war voller Inder. Es waren sicher einige Tausende. Und die Japaner drohten, uns allen die K&ouml;pfe abzuschlagen, wenn wir nicht mitk&auml;men.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>Passagen aus einem Videofilm, den das Privatmuseum Thailand-Burma Railway Centre im thail&auml;ndischen Kanchanaburi &uuml;ber den Bau der Thailand-Burma-Bahn zeigt.<\/em> <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Schwei&szlig;armee, eine der gr&ouml;&szlig;ten organisierten Erpressungen w&auml;hrend der japanischen &Auml;ra in Burma, ist gleichbedeutend mit der Sklavenarbeit in Nazi-Deutschland. Alles begann damit, dass die Japaner unbedingt eine Landverbindung von China nach Malaya und Burma ben&ouml;tigten. Da Burma ein Mitglied beziehungsweise ein k&uuml;nftiges Mitglied der Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re war, wurde von ihm verlangt, seinen Teil zum Bau der Burma-Thailand-Bahn beizusteuern. (&hellip;) Diese M&auml;nner wurden in Malaria verseuchte Dschungel ohne angemessene Kleidung, Verpflegung und Unterk&uuml;nfte getrieben. Um scharenweise den wunderbaren Weg zu lichten, der Burma in eine paradiesische Endstation einer gigantischen Gemeinsamen Wohlstands-Eisenbahn aus China verwandeln sollte.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>Der birmanische Zeitzeuge U Hla Pe in seiner &bdquo;Narrative of the Japanese Occupation of Burma&ldquo; (Cornell University, 1961, S. 18\/19)<\/em><\/p><p>Kanchanaburi ist eine gepflegte Kleinstadt mit etwa 30.000 Einwohnern, von denen viele vom Tourismus leben. Rucksackreisende verschl&auml;gt es hierher, um Trekkingtouren in die landschaftlich reizvolle Umgebung zu unternehmen. Von Bangkok aus bieten Reiseunternehmen Kanchanaburi gern als Ziel f&uuml;r einen Tagesausflug in klimatisierten Bussen an. Scharenweise str&ouml;men dann f&uuml;r einige Stunden am Tag thail&auml;ndische und internationale Touristengruppen in die Stadt. Sie bescheren H&auml;ndlern, Restaurant-, Hotel- und Guest House-Besitzern gute Ums&auml;tze. Hauptattraktion ist eine Br&uuml;cke, die ihren Bekanntheitsgrad einer Werbung verdankt, die vor reichlich sechs Jahrzehnten nicht durchschlagender h&auml;tte sein k&ouml;nnen.<\/p><p>1957 lief der Film <em>&bdquo;Die Br&uuml;cke &uuml;ber den River Kwai&ldquo;<\/em> in den Kinos an und erhielt auf Anhieb drei Oscars. Der Film machte den Hauptdarsteller Alec Guinness als Schauspieler ber&uuml;hmt und die Thailand-Burma-Bahn, auch &bdquo;Todesbahn&ldquo; genannt, &uuml;ber Nacht zum Inbegriff eines ber&uuml;chtigten Sklavenprojekts. Zelebriert werden in diesem Streifen die Z&auml;higkeit, Ausdauer und der ungebrochene &Uuml;berlebenswille alliierter Kriegsgefangener unter der Knute ihrer japanischen Milit&auml;raufpasser. Das Drehbuch lehnte sich an eine Erz&auml;hlung an, deren Autor, der Franzose Pierre Boulle, selbst kurzzeitig Kriegsgefangener war und den Vichy-Loyalisten in Saigon hinter Gittern gesperrt hatten. Vieles in dem Streifen ist Fiktion, die darin beschriebenen Schicksale indes bittere Realit&auml;t. Und Kanchanaburi war damals, im Sommer 1942, zusammen mit dem drei Kilometer entfernt gelegenen Chungkai die japanische Kommandozentrale, als die Arbeiten an der &bdquo;Todesbahn&ldquo; begannen.<\/p><p><strong>Br&uuml;ckenschlag nach Indien<\/strong><\/p><p>Bis zum Fr&uuml;hjahr 1942 hatten die japanischen Truppen neben Ostasien das gesamte kontinentale und insulare S&uuml;dostasien unter ihre Kontrolle gebracht. Dazu z&auml;hlten das zuvor franz&ouml;sisch dominierte Indochina &ndash; Vietnam, Laos und Kambodscha &ndash;, die Philippinen als US-amerikanische Kolonie, Niederl&auml;ndisch-Indien, das heutige Indonesien mit seinen reichen Erd&ouml;l- und Gasvorkommen in Aceh, im Norden Sumatras, sowie Malaya samt der von den Briten f&uuml;r uneinnehmbar gehaltenen &bdquo;Festung Singapur&ldquo;. Die Kommandeure der Kolonialtruppen hatten sich entweder ergeben oder nach Australien beziehungsweise Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, abgesetzt.<\/p><p>Dennoch blieb f&uuml;r die Japaner ein Problem ungel&ouml;st: Ihre Nachschubwege zwischen Thailand und der birmanischen Hauptstadt Rangun (heute Yangon) waren zu weit. Sie verliefen &uuml;ber den gro&szlig;en Umweg via Singapur und die Stra&szlig;e von Malakka, eine Seeroute, die kaum Schutz gegen &uuml;berraschende Luftangriffe der Alliierten bot. Es gab zwar es eine Verbindung von Thailand ins birmanische Moulmein. Doch diese &Uuml;berlandpiste war f&uuml;r Schwertransporter sowie einen st&auml;ndigen und gr&ouml;&szlig;eren Nachschub von milit&auml;rischen und zivilen G&uuml;tern jeder Art ungeeignet. Erst recht in der Regenzeit, wenn sich das Terrain in eine unpassierbare Morastlandschaft verwandelte. So besann sich der japanische Generalstab eines Plans, der bereits vor dem Krieg in Rangun und Bangkok gehegt worden war &ndash; n&auml;mlich Moulmein durch eine Eisenbahnlinie mit der thail&auml;ndischen Hauptstadt zu verbinden. Eine solche Bahn, so das milit&auml;rstrategische Kalk&uuml;l Tokios, sollte Dreh- und Angelpunkt der Nord-S&uuml;d- sowie Ost-West-Expansion sein, japanischen Truppen den Weg von China nach Singapur ebnen und ihnen gleichzeitig als logistischer Knotenpunkt f&uuml;r die Eroberung des indischen Subkontinents dienen.<\/p><p>Als gr&ouml;&szlig;te und bev&ouml;lkerungsreichste Kolonie in Asien war Indien f&uuml;r die Briten von enormer Bedeutung. Sie rekrutierten dort zweieinhalb Millionen Soldaten und schickten viele von ihnen an die Fronten des Zweiten Weltkrieges in Europa, Nordafrika und vor allem in Asien. So auch in den Dschungel von Birma, wo sie zusammen mit Soldaten aus Nepal und 100.000 Mann aus den britischen Kolonien in Afrika gegen die Japaner ins Gefecht ziehen mussten. Schon im Februar 1942 waren japanische Streitkr&auml;fte von Thailand in Birma eingefallen, damals ebenfalls eine britische Kolonie. Und im Mai 1942 hatten sie die britischen Truppen auch dort geschlagen und bis an die Grenze zu Indien zur&uuml;ckgedr&auml;ngt. <\/p><p>Endpunkt der Thailand-Birma-Bahn auf birmanischer Seite war Thanbyuzayat, das bereits per Schiene mit der Hauptstadt Rangun verbunden war. Ausgangspunkt auf thail&auml;ndischer Seite bildete Nong Pladuk, wo ebenfalls ein Schienennetz bestand, das gen S&uuml;den &uuml;ber Bangkok f&uuml;hrte und in Singapur endete. Insgesamt 415 Kilometer trennten Nong Pladuk von Thanbyuzayat. 304 Kilometer f&uuml;hrten &uuml;ber thail&auml;ndisches und die restlichen 111 Kilometer &uuml;ber birmanisches Gebiet. F&uuml;r die Bauzeit einer solchen Strecke, die vor allem im Grenzgebiet beider L&auml;nder durch dichten Dschungel f&uuml;hrte, hatten fr&uuml;here britische Baupl&auml;ne circa f&uuml;nf Jahre vorgesehen. Aus Tokio aber erging die Order, diese Strecke in maximal 16 Monaten fertigzustellen &ndash; koste es, was es wolle. Im Juni 1942 begannen diesseits und jenseits der Grenze die Bauarbeiten, die tats&auml;chlich Mitte Oktober 1943 abgeschlossen wurden. Kurz darauf nahmen japanische Truppen die Bahn in Betrieb. Bis zu 3.000 Tonnen t&auml;glich rollten fortan an milit&auml;rischem Ger&auml;t und Versorgungsmaterial &uuml;ber die Schienen.<\/p><p><strong>&bdquo;Menschenmaterial in H&uuml;lle und F&uuml;lle&ldquo;<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Vor dem Krieg gab es in Rangun mehr Inder als Birmanen. Insgesamt lebten in Birma damals eine Million Inder. Die Briten hatten sie nach Birma geholt, weil sie mit der britischen Kolonialverwaltung vertraut waren. Viele von ihnen arbeiteten hier als Kolonialbeamte, Angestellte und Buchhalter der Briten. Als die Japaner anr&uuml;ckten, floh die H&auml;lfte von ihnen zu Fu&szlig; &uuml;ber die Grenze nach Indien, in die Provinz Assam. Aber jeder Zweite von ihnen, etwa eine Viertel Million Menschen, kam dabei um. Unter den Indern, die in Birma blieben, fanden sich auch Freiwillige f&uuml;r die japanischen Truppen. Weil Japan versprach, Indien &ndash; nach der Vertreibung der Briten &ndash; die Unabh&auml;ngigkeit zu gew&auml;hren, zogen sie mit den Japanern in den Krieg gegen die Alliierten. Die Inder wurden von den Japanern besser behandelt als die Birmanen. Anfangs gaben sich die Japaner in Birma als Freunde aus, verk&uuml;ndeten, auch unserem Land die Unabh&auml;ngigkeit zu gew&auml;hren, und forderten die Leute auf, sich gegen die Briten zu erheben. Doch als ihre Truppen unser Land erobert hatten, entpuppten sie sich als Imperialisten und brachen ihr Versprechen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>U Thet Thun, der den Krieg als Student erlebte und sp&auml;ter im diplomatischen Dienst seines Landes als Botschafter in Paris weilte, im Gespr&auml;ch mit dem Autor in Rangun.<\/em><\/p><blockquote><p>&bdquo;Um den Job zu verrichten, stand den Japanern als Werkzeug haupts&auml;chlich Menschenmaterial zur Verf&uuml;gung. Und dieses Material war billig. Sp&auml;ter stand es in H&uuml;lle und F&uuml;lle bereit &ndash; Burmesen, Thais, Malaien, Chinesen, Tamilen und Javaner, geschundene, ausgepresste Gesch&ouml;pfe. Wenn aus ihnen nichts mehr herauszuquetschen war und sie g&auml;nzlich gebrochen waren, warf man sie achtlos auf den menschlichen M&uuml;llhaufen, die Eisenbahn des Todes.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><em>Ernest Gordon, ehemaliger britischer Kriegsgefangener der Japaner, in dem Buch &bdquo;Miracle on the River Kwai&ldquo; (Collins, 1963)<\/em><\/p><p>Im Unterschied zu Thailand, das Japan Durchgangsrechte gew&auml;hrt hatte, mit ihm kooperierte und als einziges Land in der Region seine Unabh&auml;ngigkeit halbwegs zu wahren vermochte, war Birma seit 1942 ein milit&auml;risch besetztes Land. In dessen Hauptstadt Rangun hatte das japanische Oberkommando die <em>Burma Central Executive Administration (BCEA)<\/em> aus der Taufe gehoben, eine Koalition aus verschiedenen Fraktionen der birmanischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung. Bis zum 1. August 1943, als Birma offiziell seine &bdquo;Unabh&auml;ngigkeit&ldquo; unter japanischer Oberaufsicht verk&uuml;ndete, hatte die BCEA vom japanischen Generalstab den Befehl erhalten, ausreichend Arbeitskr&auml;fte f&uuml;r die birmanische Teilstrecke der Thailand-Birma-Bahn zur Verf&uuml;gung zu stellen. Zust&auml;ndig war daf&uuml;r das im M&auml;rz 1943 eigens geschaffene Zentrale Arbeitsdienstb&uuml;ro unter F&uuml;hrung von Thakin Ba Sein, der in der BCEA das Ressort Transport und Bew&auml;sserung leitete. Anf&auml;nglich hatte die BCEA, wie &uuml;brigens auch namhafte birmanische Intellektuelle und anti-britische Widerstandsk&auml;mpfer, das Eisenbahnprojekt der Japaner bef&uuml;rwortet und daf&uuml;r in nationalen Kampagnen &uuml;ber 70.000 Arbeitswillige angeworben.<\/p><p>Der eingangs zitierte Zeitzeuge U Hla Pe erw&auml;hnte in seinem 1961 erschienenen Erlebnisbericht &uuml;ber die japanische Besatzungszeit, welche Register die neuen Herren zogen, um die Birmanen von einem neuen Leben in Wohlstand zu &uuml;berzeugen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Gro&szlig; aufgemachte Zeitungsanzeigen und &ouml;ffentliche Anschl&auml;ge malten in den rosigsten Farben ein Leben in &Uuml;berfluss. &Uuml;ppige L&ouml;hne und ein st&auml;ndig rollender Nachschub begehrter Waren aus Thailand wurde Arbeitswilligen ebenso versprochen wie eine angemessene medizinische Versorgung. Selbst den daheim Gebliebenen versprach man Belohnungen und Sonderverg&uuml;nstigungen. Vorschusszahlungen f&uuml;r Frau und Kinder sollten Arbeitswillige zus&auml;tzlich motivieren. Tats&auml;chlich meldeten sich aus allen Ecken des Landes Freiwillige. (&hellip;) Doch all die gro&szlig;artigen Versprechen blieben Wunschdenken. (&hellip;) Die Japaner scherten sich keinen Deut darum; sie zwangen Menschen auf brutale Weise zum Arbeitsdienst. Die burmesischen Beh&ouml;rden und Oberen unternahmen nichts, weil sie keinen Gewaltausbruch riskieren wollten. (&hellip;) Lie&szlig;en sich in einer Region nicht gen&uuml;gend professionelle Arbeitskr&auml;fte anheuern, verschleppte man kurzerhand Leute aus ihren H&auml;usern oder von ihren Feldern. Erreichten sie dann die Arbeitslager, mussten sie feststellen, dass weder ausreichend Verpflegung, geschweige denn gute L&ouml;hne oder Sonderverg&uuml;nstigungen auf sie warteten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Was immer an pro-japanischen Sentiments in der birmanischen Bev&ouml;lkerung bestanden hatte, schlagartig &auml;nderte sich das Bild, als Japan in gro&szlig;em Stil burmesische <em>romusha<\/em>, zwangsrekrutierte Arbeiter und Bauern, zum Bau der birmanischen Teilstrecke der Thailand-Birma-Bahn abkommandierte &ndash; eine Dem&uuml;tigung f&uuml;r ein vermeintlich unabh&auml;ngiges Land. Die Folgen: Einerseits gingen ehemalige Sympathisanten und Kollaborateure der japanischen Milit&auml;rverwaltung zunehmend auf Distanz zu den Besatzern, was dazu f&uuml;hrte, dass seit August 1944 die von Aung San gef&uuml;hrte Antifaschistische Volksfreiheitsliga (AFPFL) und die birmanische Armee &ouml;ffentlich zum Guerillakampf gegen die Japaner aufriefen. Zum anderen konnten von den insgesamt etwa 175.000 birmanischen romusha letztlich nur knapp 90.000 Personen zum Bau an der Eisenbahn eingesetzt werden. Zahlreiche romusha fl&uuml;chteten, bevor sie die Arbeitslager erreichten. Dennoch forderte der Bau der Thailand-Birma-Bahn auf birmanischer Seite mindestens 40.000 Opfer. Unklar bleibt bis heute, wie viele der vor dem Arbeitseinsatz &uuml;ber 80.000 gefl&uuml;chteten Birmanen w&auml;hrend ihrer Flucht an Krankheiten, Unterern&auml;hrung und Ersch&ouml;pfung starben.<\/p><p>Auf thail&auml;ndischer Seite griffen die Japaner beim Bau der Eisenbahn zun&auml;chst auf niederl&auml;ndische, australische, US-amerikanische und britische Kriegsgefangene zur&uuml;ck, die ihnen bei der Einnahme und milit&auml;rischen Besetzung Malayas, Singapurs und Niederl&auml;ndisch-Indiens (Java, Sumatra und Borneo) zu Beginn des Jahres 1942 in die H&auml;nde gefallen waren. Das waren insgesamt etwa 62.000 Personen, von denen &uuml;ber 12.000 die Tortur nicht &uuml;berlebten. Doch schon bald folgten dreimal so viele Asiaten, fast 200.000 <em>romusha<\/em>, Zwangsarbeiter und Kulis aus Niederl&auml;ndisch-Indien, Singapur, Malaya, in Malaya lebende Tamilen aus S&uuml;dindien und China. Einige romusha stammten auch aus Thailand und dem Pazifik. Deren Lebensbedingungen schildert und illustriert auf eindringliche Weise ein auf Privatinitiative entstandenes Museum, das <em>Thailand-Burma Railway Centre<\/em> (Thailand-Burma-Eisenbahnzentrum), das im Januar 2003 in Kanchanaburi seine Pforte &ouml;ffnete.<\/p><p>Im unteren der beiden Stockwerke dieses Zentrums geben Hinweistafeln und Karten einen geschichtlichen &Uuml;berblick &uuml;ber die 1930er und 1940er Jahre des letzten Jahrhunderts. Pl&auml;ne zeigen Japans imperialen Ziele in Ost- und S&uuml;dostasien. Seltene Fotos, von japanischen Kameraleuten heimlich aufgenommen und teilweise von Ranichi Sugano, dem wom&ouml;glich letzten &uuml;berlebenden Ingenieur des Bahnprojekts, zur Verf&uuml;gung gestellt, zeigen, dass japanische W&auml;rter mit Bajonetten die Zwangsarbeiter in der Morgend&auml;mmerung in den Dschungel trieben. Dort mussten sie Urwaldb&auml;ume f&auml;llen und zu Eisenbahnschwellen zers&auml;gen, Steine aus den Bergen brechen und zu Schotter zerkleinern, Schienenstr&auml;nge auf die Strecke schleppen und mit schweren H&auml;mmern festnageln. Zur Verf&uuml;gung stand ihnen meist nur einfaches Handwerksger&auml;t &ndash; Spitzhacken, Haumesser, Schaufeln und aus Metallschrott gefertigte N&auml;gel. Wer nicht schnell genug arbeitete, wurde ausgepeitscht, und wer zu fliehen versuchte, hingerichtet. Ein Kurzvideo, aus unterschiedlichen historischen Filmschnitten zusammengestellt, dokumentiert vor allem das Schicksal von Malaien und Indern beziehungsweise Tamilen aus Singapur. Sie wurden in der Regel auf offener Stra&szlig;e von der japanischen Milit&auml;rpolizei gekidnappt, gewaltsam in Zugwaggons gesperrt, in denen sie tagelang auf st&auml;hlernen B&ouml;den kauern mussten &ndash; zusammengepfercht wie in einem Viehtransport. In Kanchanaburi und Chungkai angekommen, wurden sie in langen Bambush&uuml;tten untergebracht, deren B&ouml;den sich in der Regenzeit im Nu in glitschigem Morast verwandelten. Malaria, Dysenterie und Cholera rafften t&auml;glich Hunderte von Menschenleben hinweg. Hunger, Ersch&ouml;pfung und Schikanen des japanischen Wachpersonals, meist dienstverpflichtete Koreaner, taten ein &Uuml;briges, um die Arbeiten an der Thailand-Burma-Bahn zur H&ouml;lle auf Erden werden zu lassen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Von den Leiden, Krankheiten, Dem&uuml;tigungen und Schikanen waren auch Kriegsgefangene der Alliierten betroffen, von denen 17.000 Personen die Strapazen nicht &uuml;berlebten,&ldquo; sagte der Australier Rod Beattie, Forschungsdirektor des Thailand-Burma-Eisenbahnzentrums, im Gespr&auml;ch mit dem Autor, &bdquo;doch in ungleich gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig;e waren davon die asiatischen Zwangsarbeiter betroffen. Die Asiaten stellten 80 Prozent der Arbeiter und 90 Prozent der Opfer. Etwa 100.000 von ihnen starben &ndash; &uuml;berwiegend Malaien und Tamilen sowie Burmesen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In den vergangenen Jahren ist Beattie die alte Bahntrasse auf thail&auml;ndischer Seite auf und ab gegangen, um dort nach Spuren zu suchen. Dabei legte er &uuml;ber 2.000 Kilometer zu Fu&szlig; zur&uuml;ck. Allein auf thail&auml;ndischem Gebiet h&auml;tten, so Beattie, die Japaner w&auml;hrend des Baus der Eisenbahn zwischen 90 und 100 Arbeitslager eingerichtet, zu denen m&ouml;glicherweise noch etwa weitere 30 Lager auf birmanischer Seite dazu gekommen seien. Selbst nach Fertigstellung der Bahn mussten etwa 30.000 Gefangene in zahlreichen Camps entlang des Schienenstrangs Wartungsarbeiten verrichten und daf&uuml;r sorgen, dass ausreichend Kohle f&uuml;r die Lokomotiven vorhanden war. Da die Bahn milit&auml;rstrategisch von gro&szlig;er Bedeutung war, geriet sie ab 1944 verst&auml;rkt zur Zielscheibe alliierter Luftangriffe. Allein bei einem solchen Angriff verloren knapp 100 Kriegsgefangene in der N&auml;he von Nong Pladuk, dem Ausgangspunkt der Thailand-Burma-Bahn auf thail&auml;ndischer Seite, ihr Leben und 300 Personen wurden verletzt. Bei Nong Pladuk befanden sich neben Luftabwehrstellungen n&auml;mlich auch gr&ouml;&szlig;ere Munitions- und &Ouml;ldepots der Japaner.<\/p><p>Nachdem Japan bereits kapituliert hatte und alliierte Truppen damit begannen, &Uuml;berlebende der &bdquo;Todesbahn&ldquo; buchst&auml;blich auf Kipploren einzusammeln, in Sicherheit zu bringen und medizinisch zu versorgen, lie&szlig; das japanische Kommando in und um Kanchanaburi alles vernichten, was an Aufzeichnungen vor und w&auml;hrend des Baus der Bahn angefertigt worden war. Takashi Nagase, ein Englisch-Dolmetscher im Dienste der japanischen Milit&auml;rpolizei, vermutete hinter diesem Zerst&ouml;rungsakt zweierlei: Man wollte m&ouml;glichst alle Spuren verwischen, die das systematische Dem&uuml;tigen und Foltern der Gefangenen h&auml;tten beweisen k&ouml;nnen. Japan hatte zwar die Genfer Konvention &uuml;ber die Behandlung von Kriegsgefangenen aus dem Jahre 1929 unterzeichnet, jedoch nicht ratifiziert. Au&szlig;erdem sollten s&auml;mtliche Akten vernichtet werden, die vor allem die asiatischen Zwangsarbeiter betrafen, die selbst &uuml;ber keinerlei Notizen, Tageb&uuml;cher oder andere Aufzeichnungen verf&uuml;gten. Anders verhielt es sich im Falle der alliierten Kriegsgefangenen. Deren Toten waren meistens namentlich bekannt, ihre Aufzeichnungen wurden nach dem Krieg systematisch zusammengetragen und ausgewertet, w&auml;hrend ihre sterblichen &Uuml;berreste auf den Kriegsfriedh&ouml;fen in Kanchanaburi, Chungkai und Thanbyuzayat ordentlich bestattet wurden und ihre letzte Ruhest&auml;tte fanden. Die etwa 130 Leichen kriegsgefangener GIs hatte die US-Regierung bis Anfang der 1950er Jahre exhumieren und in die USA &uuml;berf&uuml;hren lassen.<\/p><p><strong>Geschichtsklitterung und selektives Erinnern<\/strong><\/p><p>Zuallererst k&uuml;mmerten sich nach Kriegsende die Alliierten auch um die R&uuml;ckf&uuml;hrung ihrer eigenen Landsleute in die Heimat. Auf die asiatischen romusha traf all das nicht zu. Ihre Leichen wurden im Dschungel verscharrt. Die &Uuml;berlebenden waren auf sich allein gestellt und mussten zusehen, wie sie die R&uuml;ckkehr in ihre Heimat organisierten. F&uuml;r Japan waren sie kein Thema, die ehemaligen europ&auml;ischen Kolonialm&auml;chte k&uuml;mmerten sich ebenso wenig um sie wie Thailand, wohin sie verfrachtet worden waren. W&auml;hrend nur sehr wenige dieser asiatischen romusha in Thailand blieben, dort sp&auml;ter heirateten und verstarben, kehrten die meisten von ihnen nach Wochen oder erst Monaten neuerlicher Strapazen &ndash; als blinde Passagiere in Z&uuml;gen und Booten und nach langen Fu&szlig;m&auml;rschen &ndash; in ihre Heimat zur&uuml;ck. Doch dort k&uuml;mmerte erst recht niemanden ihr Schicksal; ob in Malaya, Niederl&auml;ndisch-Indien, China oder Indien &ndash; &uuml;berall herrschten in Folge antikolonialer Befreiungsk&auml;mpfe politische und soziale Unruhen. Bei einer ohnehin relativ niedrigen Lebenserwartung sind die meisten romusha bereits in den 1960er und 1970er Jahren gestorben. F&uuml;r das ihnen zugef&uuml;gte Unrecht und Leid hatte keiner von ihnen irgendeine Entsch&auml;digung erhalten. Sie waren schlichtweg vergessen.<\/p><p>&bdquo;Die Thailand-Burma-Bahn war ein Projekt&ldquo;, so der Australier Rod Beattie, der hauptberuflich als Kurator der Commonwealth-Kriegsfriedh&ouml;fe in Kanchanaburi und Chungkai arbeitet, &bdquo;bei dem europ&auml;ische, australische und US-amerikanische Kolonialherren unter das Joch von Asiaten gerieten. Europ&auml;er, die Europ&auml;er unterwarfen, hat es immer gegeben, und auch Asiaten, die andere Asiaten unterdr&uuml;ckten. Aber es gab nur sehr wenige F&auml;lle, in denen Asiaten Europ&auml;er dominierten. Und hier gerieten sogar Angeh&ouml;rige mehrerer europ&auml;ischer L&auml;nder unter japanische Herrschaft. Das haben sie nicht vergessen. Dass die Japaner auch Asiaten massenhaft geschunden haben, ist f&uuml;r die, die nicht in Asien leben und keine Asiaten sind, bis heute ziemlich irrelevant.&ldquo;<\/p><p>Mythen, Missverst&auml;ndnisse und selektives Wahrnehmen &ndash; von dieser eigent&uuml;mlichen Melange profitiert das heutige Kanchanaburi. Der Ort liegt am Zusammenfluss des Menam Kwae Noi und Menam Kwae Yai, des kleinen und gro&szlig;en Flusses Kwae, der ab hier Mae Khlong hei&szlig;t. &bdquo;&Uuml;ber ihn lie&szlig;en die Japaner im Zweiten Weltkrieg von asiatischen Zwangsarbeitern und alliierten Kriegsgefangenen zun&auml;chst eine Holz- und danach eine Stahlbr&uuml;cke bauen, deren Bestandteile aus Sumatra stammten und nach Thailand verfrachtet wurden&ldquo;, erkl&auml;rte Hugh Cope, Beatties Kollege und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Thailand-Burma-Eisenbahnzentrums, im Interview mit dem Autor. Verschmitzt setzte Cope hinzu: &bdquo;Wenngleich es keine Br&uuml;cke &uuml;ber den &sbquo;River Kwai&rsquo; gab, gibt es bis heute zu viele einflussreiche F&uuml;rsprecher vor Ort und in Bangkok, die im Interesse der Tourismusindustrie diesen Mythos aufrechterhalten wollen: Ausl&auml;ndische Besucher lassen sich von der &sbquo;Br&uuml;cke &uuml;ber den River Kwai&rsquo; magisch anziehen und thail&auml;ndische Gesch&auml;ftsleute freuen sich &uuml;ber solche Art Neugier.&ldquo; L&auml;ngst hat der River Kwai-Boom auch die besser betuchten Kids der Metropole Bangkok erfasst. Unter ihnen gilt es als schick und hip, &uuml;bers Wochenende Hausboote zu mieten und den Kick einer alkoholisierten Flussreise zu erleben.<\/p><p>Lange Zeit gab es in Kanchanaburi lediglich zwei Museen, das JEATH-Museum und das Zweite Weltkrieg-Museum. Ersteres wurde bereits 1977 auf dem Grundst&uuml;ck eines buddhistischen Klosters, des Wat Chaichumpol, errichtet. Seine Bambuskonstruktion soll an die Unterk&uuml;nfte der Kriegsgefangenen erinnern. JEATH &ndash; Nomen est Omen &ndash; steht f&uuml;r &bdquo;Japan, England, Australien, Amerika, Thailand, Holland&rdquo;. Gedacht werden hier, meist in Form verblichener Zeitungsausschnitte, der westlichen Opfer und Japan als T&auml;ter. Das Zweite Weltkrieg-Museum entstand elf Jahre sp&auml;ter nahe der alten Br&uuml;cke und zeigt eine wahllose Auswahl von Kriegs- und Nachkriegsutensilien &ndash; die asiatischen <em>romusha<\/em> finden keine Erw&auml;hnung.<\/p><p>Unterhalten dar&uuml;ber hinaus die Australier am Hell Fire Pass nahe der birmanischen Grenze eine eigene Gedenkst&auml;tte in Erinnerung an ihre Toten, werden auf den Kriegsfriedh&ouml;fen in Kanchanaburi und Chungkai die Gr&auml;ber der alliierten Soldaten im Auftrag der <em>Commonwealth War Graves Commission<\/em> (mit Hauptsitz im englischen Maidenhead, Berkshire) liebevoll gepflegt. In Kanchanaburi haben 7.000 und in Chungkai ann&auml;hernd 1.800 alliierte Soldaten ihre letzte Ruhest&auml;tte gefunden. Auf den meisten Grabsteinen sind die Namen der Verstorbenen eingraviert. Nur gepflegte Commonwealth-Gr&auml;ber erinnern an die Opfer der Alliierten. Grabsteine mit der Inschrift &bdquo;Deren Namen nur Gott allein kennt&ldquo; verweisen indes auf die Masse namenloser asiatischer Opfer. Diese blieben auch hier, 75 Jahre nach Kriegsende, vergessen, erinnerte nicht wenigstens just gegen&uuml;ber dem Kriegsfriedhof in Kanchanaburi das Thailand-Burma-Railway Centre seit Anfang 2003 an ihr Schicksal.<\/p><p><strong>Militarismus als Staatstugend<\/strong><\/p><p>Landesweite Revolten, das Erstarken der Kommunistischen Partei Birmas (CPB), Aufst&auml;nde verschiedener ethnischer Minderheiten wie der Shan, Kachin, Mon und Karen, die massenhafte Flucht besiegter Kuomintang-Verb&auml;nde aus China &uuml;ber die Grenze nach Birma sowie innenpolitisch instabile Verh&auml;ltnisse infolge von Fraktionierungen innerhalb der herrschenden AFPFL veranlassten den alten Kern der &bdquo;Drei&szlig;ig Kameraden&ldquo;, der sich nach der Ermordung Aung Sans um Generalleutnant Shu Maung alias Ne Win gebildet hatte, sich ab Mitte der 1950er Jahre direkt in das politische Geschehen einzugreifen. Bis Mitte der 1950er Jahre waren mit der Milit&auml;rakademie beziehungsweise dem Nationalen Verteidigungskolleg, dem <em>Defence Services Institute (DSI,)<\/em> sowie dem <em>Defence Services Historical Research Institute (DSHRI)<\/em> gewichtige Einrichtungen unter der &Auml;gide des Milit&auml;rs geschaffen worden, die sowohl dessen wirtschaftliche Macht betr&auml;chtlich ausweiteten, als auch in erheblichem Ma&szlig;e dazu beitrugen, politisch-programmatische Leitlinien zu formulieren und eine ihnen angemessene ideologische Ausrichtung vorzunehmen.<\/p><p>Bemerkenswerterweise fiel in jene Zeit auch die erstmalige Ver&ouml;ffentlichung eines mal als &bdquo;Blue Print for Burma&ldquo;, mal als &bdquo;Blueprint for free Burma&ldquo; betitelten Texts, von dem die Herausgeber der Zeitschrift <em>The Guardian<\/em>, in dessen M&auml;rz-Ausgabe 1957 (Rangoon, S. 33-35) er erschien, anf&uuml;hrten, dass er der Feder Aung Sans entstammte. Dieser Entwurf oder diese Blaupause f&uuml;r ein nachkoloniales Birma soll Anfang 1941 in Absprache mit Oberst Suzukis Minami Kikan entstanden sein. Demnach soll Aung San die Ansicht vertreten haben: &bdquo;Was wir wollen, ist eine starke Staatsverwaltung, wie sie beispielsweise in Deutschland und Japan besteht. Es wird nur eine Nation, einen Staat, eine Partei und einen F&uuml;hrer geben. Es wird keine parlamentarische Opposition geben, keinen Unsinn von Individualismus&ldquo; (Maung Maung 1959: 91-92).<\/p><p>Dieses Papiers l&ouml;ste sp&auml;ter eine Kontroverse dar&uuml;ber aus, ob der Wortlaut dieses Texts tats&auml;chlich von Aung San pers&ouml;nlich stammte oder ob er nicht vielmehr auf die Autorenschaft eines oder mehrerer Mitglieder der Minami Kikan zur&uuml;ckging beziehungsweise als gemeinsam verfasstes Papier von Minami Kikan-Mitarbeitern und dem Kern der sp&auml;teren BIA-F&uuml;hrung die Sto&szlig;richtung k&uuml;nftiger Politik skizzieren sollte (Houtman 2007: 189). Jedenfalls lie&szlig; sich der Tenor des &bdquo;Blue Print&ldquo; seitens Ne Wins und seiner engsten in psychologischer Kriegf&uuml;hrung geschulten Getreuen vorz&uuml;glich nutzen, Fraktionsk&auml;mpfe innerhalb der herrschenden AFPFL als sch&auml;dlich zu brandmarken und gleichzeitig die Deutungshoheit &uuml;ber die Rolle Aung Sans f&uuml;r sich zu reklamieren. In der sp&auml;ter gegr&uuml;ndeten <em>Burma Socialist Programme Party (BSPP)<\/em>, die auf Jahre landesweit die einzig zugelassene politische Gruppierung bleiben sollte, sah das Milit&auml;r mit Ne Win an der Spitze den Kern des &bdquo;Blue Print&ldquo; in die Tat umgesetzt, wobei die &ouml;ffentliche Bezugnahme auf die Person Aung San und dessen politisches Erbe stetig abnahm beziehungsweise in den Hintergrund gedr&auml;ngt wurde (ebd.: 181-83).<\/p><p>Unter dem Vorwand, l&auml;hmende (partei-)politische Querelen zu beenden, die nationale Einheit und Sicherheit um jeden Preis zu wahren und ausl&auml;ndische Einfl&uuml;sse abzuwehren, gingen Ne Win und seine Getreuen zum Frontalangriff &uuml;ber und putschten sich am 2. M&auml;rz 1962 an die Macht. Wie beharrlich das Milit&auml;r einer solchen Weltsicht anhing und wie tief ihr Glaube an eine ebenso gerechte wie notwendige Mission seinen Korpsgeist durchdrungen hatte, offenbarte sich noch fast ein Jahrzehnt nach dem R&uuml;cktritt Ne Wins im Sommer 1988.<\/p><p>&bdquo;Was taten die Tatmadaw w&auml;hrend der Zeit der vier politischen Krisen 1948, 1958, 1962 und 1988? H&auml;tten sich die Tatmadaw in all diesen Jahren zur&uuml;ckgehalten, w&auml;re das Land viermal zerst&ouml;rt worden. H&auml;tten die Tatmadaw nicht die Macht ergriffen, insbesondere im Jahre 1988, w&auml;re die Union heute ein Scherbenhaufen und das Blutvergie&szlig;en h&auml;tte angedauert.&ldquo; (ICG 2000: 9 &ndash; zit. nach Nawrahta, Destiny of the Nation. Yangon: The News and Periodicals Enterprise, 1995, S. 23). Und f&uuml;nf Jahre sp&auml;ter, anl&auml;sslich des &bdquo;Tages der Streitkr&auml;fte&rdquo; am 27. M&auml;rz 2000, erinnerte der damals m&auml;chtigste Milit&auml;r im Lande, Senior General Than Shwe, auf seine Weise an diese &bdquo;vier Krisen&ldquo;. Er warnte &bdquo;von Ausl&auml;ndern abh&auml;ngige Pessimisten&ldquo; vor Fehltritten und hob hervor, dass diese nur &bdquo;neidisch (seien) auf die Bem&uuml;hungen unserer Tatmadaw, eine vollumf&auml;ngliche Entwicklung unseres Landes anzustreben.&ldquo; Widerstand dagegen, so Than Shwe, ist illegitim, anti-national und vom Ausland gesteuert (ICG 2000: 9 &ndash; zit. nach: The New Light of Myanmar, Yangon: 28 March 2000, S. 1).<\/p><p><strong>Regiment mit eiserner Faust &ndash; Die &Auml;ra Ne Win (1962-88)<\/strong><\/p><p>Infolge des Coup d&rsquo;etat im M&auml;rz 1962 entstand ein Milit&auml;rregime, dem s&auml;mtliche staatlichen Beh&ouml;rden untergeordnet wurden. Auch wirtschaftlich &uuml;bernahm die Junta unter Ne Win das Zepter und f&uuml;hrte eine umfassende Nationalisierung durch. Durch die Kontrolle von Wirtschaft und Au&szlig;enhandelspolitik gelang es dem Milit&auml;r, schrittweise ein feinmaschiges klientelistisches Netz zu weben, das es dem Offizierskorps und ihnen ergebenen Gesch&auml;ftsleuten gestattete, mittels ausl&auml;ndischer Wirtschaftshilfen (bis Ende der 1980er Jahre vorrangig aus Japan) und Erl&ouml;sen aus dem lukrativen Handel mit (Teak-)Holz, Edelsteinen und Drogen ihre Interessen abzusichern. Mit der Konsequenz, dass das Milit&auml;r, vor allem (Regional-)Kommandeure und mit ihnen kooperierende Gangs in Form sogenannter <em>People&rsquo;s Militia Forces (PMF)<\/em>, bis in die j&uuml;ngste Zeit immense Gewinne aus legalen wie illegalen Gesch&auml;ften einstreichen konnten.<\/p><p>Die britische Nichtregierungsorganisation <em>Global Witness<\/em> sch&auml;tzte, dass allein im Zeitraum von 1990 bis 2005 18 Prozent des Prim&auml;rwaldes abgeholzt wurden. Und das in einem Land, das einst &uuml;ber vier F&uuml;nftel des Bestands an weltweitem Teak verf&uuml;gte (<em>The Economist 2012<\/em>). &Uuml;berdies waren Milit&auml;rbataillone, erst recht in den Grenzregionen, angehalten, sich durch das Anlegen von Farmen, Plantagen oder anderweitigen Gesch&auml;ften selbst zu versorgen. Kein Wunder, dass auf diese Weise in der Vergangenheit reich gewordene Personen heute schmucke Kaufh&auml;user, luxuri&ouml;se Hotel- und Touristikressorts und selbst Fluglinien besitzen (Hammer 2012). Zu den Nutznie&szlig;ern soll selbst Ex-Premierminister und Ex-Pr&auml;sident Thein Sein z&auml;hlen, der zwischen 1997 und 2001 Befehlshaber des <em>Triangle Region Military Command<\/em> s&uuml;d&ouml;stlich der Stadt Lashio gewesen war.<\/p><p>Zur Legitimierung seiner umfassenden Machtbefugnisse hatte das Ne-Win-Regime als neue Staatsdoktrin den &bdquo;birmanischen Weg zum Sozialismus&ldquo; mit der BSPP als einzig zugelassene politische Partei entwickelt. Nach au&szlig;en hin verk&uuml;ndete man, die BSPP sei das dem Lande angemessene politische Instrument, um mithilfe eines Amalgams aus Marxismus, Buddhismus, Nationalismus und Sozialismus einen eigenst&auml;ndigen Entwicklungskurs einzuschlagen. Ne Win selbst wirkte in den kommenden 26 Jahren in unterschiedlichen Funktionen &ndash; als Chef der Streitkr&auml;fte, Vorsitzender des Revolutionsrates, Premierminister der Revolutionsregierung, Pr&auml;sident der Sozialistischen Republik der Union von Birma sowie als Vorsitzender der BSPP.<\/p><p>Die ersten Opfer dieser drakonischen Politik waren die Studenten. In der Hauptstadt Rangun lie&szlig;en Gefolgsleute des neuen Machthabers im Sommer 1962 sogar das Geb&auml;ude der historischen RUSU sprengen. Landesweit blieben Hochschulen geschlossen, sodass sich Tausende Studierende im Hinterland Guerillaeinheiten anschlossen oder im Ausland, vorzugsweise im benachbarten Thailand, untertauchten oder um Asyl nachsuchten. Gegen die unterschiedlichen Guerillaeinheiten ging das Milit&auml;r mit &auml;u&szlig;erster Brutalit&auml;t vor. Bewohner ganzer D&ouml;rfer, selbst Kinder, wurden zwangsweise als Helfer in die Kriegf&uuml;hrung eingebunden. Wie in keinem anderen s&uuml;dostasiatischen Land entstand ein allgegenw&auml;rtiges, h&ouml;chst effizientes Blockwartsystem, in das selbst buddhistische Bonzen integriert wurden. Ne Win wandelte die Streitkr&auml;fte schrittweise in eine formidable Kampftruppe um, lie&szlig; schlagkr&auml;ftige Zentren f&uuml;r psychologische Kriegf&uuml;hrung errichten und half mit, dass die Tatmadaw mit circa 490.000 Mann unter Waffen bei einem Jahresetat zwischen 30 und 40 Prozent der Staatseinnahmen auf Platz 10 der weltweiten Liste des Milit&auml;rs rangierten und nach Vietnam &uuml;ber das in S&uuml;dostasien zweitgr&ouml;&szlig;te Heer verf&uuml;gte. Zugute kam ihm dabei zweifellos seine Ausbildung in Aufstandsbek&auml;mpfung und psychologischer Kriegf&uuml;hrung durch Instrukteure der einst gef&uuml;rchteten Kempeitai.<\/p><p>Von den japanischen Truppen hatte Ne Win unter anderem von der &bdquo;Drei-Alles-Politik&rdquo; (<em>sank&#333; sakusen<\/em>) erfahren. (****) Diese Taktik wurde im Laufe seiner Regentschaft modifiziert als &bdquo;Politik der Vier Schnitte&ldquo; im Kampf zur &bdquo;Befriedung der Frontier Areas&ldquo; umgesetzt, vor allem gegen die <em>Karen National Union (KNU)<\/em> beziehungsweise gegen die K&auml;mpfer der <em>Karen National Liberation Army (KNLA)<\/em>. Im Kern ging es darum, deren Unterst&uuml;tzung durch die Bev&ouml;lkerung abzuschneiden, indem <em>Informationen, Verpflegung, das Eintreiben von Steuern und Rekrutierungen<\/em> gekappt wurden. Mit Blick auf die urbanen Zentren setzte Ne Wins langj&auml;hriger Proteg&eacute; und Chef des <em>Directorate of Defence Services Intelligence (DDSI)<\/em>, des omnipr&auml;senten milit&auml;rischen Geheimdienstes, Oberst Khin Nyunt, eine &auml;hnliche Taktik in die Tat um. Ein ausgekl&uuml;geltes Spitzelsystem flankierte diese Ma&szlig;nahmen. Von Beginn der 1950er bis Ende der 1980er Jahre soll dieser B&uuml;rgerkrieg durchschnittlich etwa 10.000 Zivilisten und Soldaten pro Jahr das Leben gekostet haben (Smith 1999: 100f.).<\/p><p>Erm&ouml;glicht wurde der lange Machterhalt Ne Wins nicht zuletzt von einem alt-neuen G&ouml;nner &ndash; n&auml;mlich Japan. Japan blieb seit dem Kriegsende einer der engsten Verb&uuml;ndeten und gr&ouml;&szlig;ten Geldgeber der Regierungen in Rangun. Bereits 1954 unterzeichnete Tokio mit dem nunmehr unabh&auml;ngigen Birma als erstem s&uuml;dostasiatischen Staat ein Abkommen &uuml;ber Kriegsreparationen in H&ouml;he von umgerechnet 250 Mio. US-Dollar. Und von 1962 bis 1988) stellten Japans Regierungen dem Regime in Rangun umgerechnet 2,2 Mrd. Dollar an Hilfsgeldern zur Verf&uuml;gung (Mendl 1995:103).<\/p><p>Am 23. Juli 1988 trat Ne Win nach 26 Amtsjahren zur&uuml;ck, nachdem das Land zuvor in eine schwere Wirtschaftskrise getrudelt war, sich die Kosten f&uuml;r Grundnahrungsmittel und Treibstoff vervielfacht hatten und gro&szlig;er Unmut dar&uuml;ber herrschte, dass durch eine unangek&uuml;ndigte, entsch&auml;digungslose Demonetisierung der 25-, 35- und 75-Kyatnoten ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber Nacht buchst&auml;blich geschr&ouml;pft und pauperisiert wurde. Die Regierung hatte diesen Schritt damit begr&uuml;ndet, den ausufernden Schwarzmarkt eind&auml;mmen zu wollen. Im Laufe landesweiter Massenproteste, die blutig niedergeschlagen wurden, &#65279;um, wie die Milit&auml;rs betonten, &bdquo;die Aufl&ouml;sung der Union zu verhindern&rdquo;, &uuml;bernahm mit General Saw Maung ein Mann die Macht, die ab dem 18. September 1988 durch eine kollektive Milit&auml;rf&uuml;hrung, den <em>Staatsrat zur Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung (State Law and Order Restoration Council, kurz: SLORC)<\/em>, verk&ouml;rpert wurde.<\/p><p><strong>Milit&auml;rr&auml;te &ndash; vom SLORC zum SPDC<\/strong><\/p><p>Ne Win verschwand von der politischen Bildfl&auml;che, doch hinter den Kulissen vermochte er noch bis zu seinem Tod &ndash; er starb am 5. Dezember 2002 91-j&auml;hrig &ndash; als graue Eminenz zu wirken. Die letzten Tage seines Lebens musste er unter Hausarrest, abgeschottet von der &Ouml;ffentlichkeit verbringen. Ebenso wenig gab es ein Staatsbegr&auml;bnis, lediglich der engste Verwandten- und Freundeskreis war bei der Beerdigung zugegen. So endete zwar die &Auml;ra Ne Win, nicht aber die des Milit&auml;rs.<\/p><p>Faktisch hatte eine j&uuml;ngere Garde des Milit&auml;rs eine &auml;ltere ersetzt. Diejenigen Personen, die nunmehr im SLORC, der sich aus kosmetischen Gr&uuml;nden Ende 1997 in <em>Staatsrat f&uuml;r Frieden und Entwicklung (State Peace and Development Council, SPDC)<\/em> umbenannte, F&uuml;hrungspositionen &uuml;bernehmen sollten, waren allesamt Proteg&eacute;s der grauen Eminenz gewesen. (Unter Ne Win f&uuml;hrte die Staatsbank beispielsweise im Vorfeld dessen 75. Geburtstags einen Geldschein im Nennwert von 75 Kyat ein, w&auml;hrend sp&auml;ter auch 45 Kyat- und 90 Kyat-Banknoten in Umlauf gebracht wurden. Deren Nennwert lie&szlig; sich durch 9 teilen, der Lieblings- und Gl&uuml;ckszahl Ne Wins.) In diesem Sinne d&uuml;rfte sein &bdquo;geordneter&ldquo; R&uuml;ckzug im Fr&uuml;hjahr 2011 ein Abgang nach Ma&szlig; gewesen sein. Dazu in der f&uuml;nf Jahre zuvor auf seine Initiative hin entworfenen und aus dem Boden gestampften neuen Metropole Naypyidaw. Nomen est omen: Diese etwa 400 Kilometer n&ouml;rdlich der alten Hauptstadt Rangun (heute Yangon) gelegene Retortenstadt hei&szlig;t &bdquo;Heimstatt der K&ouml;nige&ldquo; oder &bdquo;K&ouml;nigliche Residenz&ldquo;, eine Anspielung auf alte k&ouml;nigliche Hauptst&auml;dte in der Region und aufgrund ihrer pomp&ouml;sen Monumentalbauten ein Beitrag zur finalen Sakralisierung der Tatmadaw.<\/p><p>Seit dem 22. Oktober 2010 verf&uuml;gt das Land, das sich seitdem Republik der Union von Myanmar nennt, auch &uuml;ber ein neues Staatswappen, eine neue Nationalhymne sowie &uuml;ber eine neue Staatsflagge. Letztere entspricht mit ihren drei gelb-gr&uuml;n-roten Streifen genau der Flagge, die Birma als japanischer Marionettenstaat Mitte der 1940er Jahre verwandt hatte! Der einzige Unterschied: W&auml;hrend damals ein Pfau den Mittelpunkt der Flagge zierte, ist dies heute ein wei&szlig;er f&uuml;nfzackiger Stern.<\/p><p><strong>Epilog oder Kalkulierter Schachzug des Milit&auml;rs<\/strong><\/p><p>Mit den Parlamentswahlen vom 7. November 2010, den ersten seit zwanzig Jahren, absolvierten Birmas milit&auml;rischen Machthaber eine bedeutsame Etappe ihres Jahre zuvor proklamierten &bdquo;Sieben-Stufen-Plans&ldquo; in Richtung einer von ihnen wohlorchestrierten &bdquo;gelenkten Demokratie&ldquo;. Die im Ausland langj&auml;hrig als &bdquo;Ikone der Demokratie&ldquo; gepriesene und 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete prominenteste politische Gefangene des Landes, Aung San Suu Kyi, Tochter von Aung San, konnte schlie&szlig;lich wenige Tage darauf, am 13. November, ihren langj&auml;hrigen Hausarrest beenden. Gleichzeitig markierte dies den Beginn eines beispiellosen politischen H&ouml;henflugs, den &bdquo;die Lady&ldquo; gemeinsam mit der von ihr gef&uuml;hrten <em>Nationalen Liga f&uuml;r Demokratie (NLD)<\/em> fortan erlebte. Der Haken bei alledem: Dies geschah um den hohen Preis, von den nach wie vor fest im Sattel sitzenden Milit&auml;rs zumindest kooptiert worden zu sein, wenn nicht gar offen mit diesen zu kollaborieren.<\/p><p>Seit dem Fr&uuml;hjahr 2016 und nach mehreren Wahlsiegen fungiert Aung San Suu Kyi in Personalunion als Staatsberaterin, Au&szlig;enministerin und Leiterin des Pr&auml;sidialamtes. Von der einstigen &bdquo;Ikone der Demokratie&ldquo; ist heute nicht einmal ein Sockel &uuml;brig geblieben. Stellvertretend f&uuml;r zahlreiche Medienberichte und Kommentare &uuml;ber die nunmehr als &bdquo;Komplizin der Gener&auml;le&ldquo; oder &bdquo;korrumpierter Friedensengel&ldquo; gescholtene &bdquo;Lady&ldquo; schrieb beispielsweise <em>Der Spiegel<\/em> Mitte Dezember 2019:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist eine brutale Wandlung, die in diesen Tagen in Den Haag zu beobachten ist: Aung San Suu Kyi, Regierungschefin von Myanmar (&hellip;) ist diesmal aber zum Internationalen Gerichtshof (ICJ) gereist, um ihr Land gegen Vorw&uuml;rfe des V&ouml;lkermords an den Rohingya zu verteidigen. (&hellip;) Die 74-J&auml;hrige wandelt sich von einer K&auml;mpferin f&uuml;r Menschenrechte zur Verteidigerin eines m&ouml;glichen Genozids.<br>\n(&hellip;) Vor rund zwei Jahren flohen mehr als 700.000 Menschen aus Rakhine vor den Gr&auml;ueltaten des Milit&auml;rs in das Nachbarland Bangladesch. Dort harren sie bis heute in &uuml;berf&uuml;llten Camps aus, traumatisiert und ohne Perspektive. Seit 2017 sollen Soldaten in dem Bundesstaat Tausende Menschen ermordet haben. Sie h&auml;tten Frauen und Kinder vergewaltigt, D&ouml;rfer zerst&ouml;rt und Menschen bei lebendigem Leib verbrannt, so die Berichte.<br>\n(&hellip;) Mit ihrem Auftritt in Den Haag hat sie gezeigt, dass (sie) als Marionette des Milit&auml;rs aufgetreten ist. Anstatt die Gewalt gegen die Rohingya anzuprangern, erkauft sie sich Macht im eigenen Land. Die erfahrene Politikerin wei&szlig;: Die muslimischen Rohingya sind beim Mehrheitsvolk der buddhistischen Birmanen verhasst und werden f&uuml;r &sbquo;illegale Einwanderer&lsquo; gehalten. Mit k&uuml;hlem Opportunismus hat Aung San Suu Kyi bisher jede Parteinahme f&uuml;r die Minderheit vermieden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Spiegel, Der korrumpierte Friedensengel, 11.12.2019 (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/aung-san-suu-kyi-der-korrumpierte-friedensengel-a-1300786.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/aung-san-suu-kyi-der-korrumpierte-friedensengel-a-1300786.html<\/a>)<\/p><p>Titelbild: Yuriy Seleznev\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p><p>(*) In diesem Beitrag benutze ich durchg&auml;ngig die deutschen Bezeichnungen <em>Birma<\/em> beziehungsweise <em>birmanisch<\/em> f&uuml;r das Land in S&uuml;dostasien. Die Briten bezeichneten es als <em>Burma<\/em> beziehungsweise <em>burmesisch<\/em>, w&auml;hrend die herrschenden Milit&auml;rmachthaber den Landesnamen im Jahre 1989 in <em>Myanmar<\/em> beziehungsweise <em>myanmarisch<\/em> umbenannten. <em>Rangun<\/em>, die fr&uuml;here Hauptstadt des Landes, nannten die Briten <em>Rangoon<\/em>, w&auml;hrend sie heute <em>Yangon<\/em> genannt wird.<\/p><p>(**) Der erste landesweite Studenten- und Sch&uuml;lerstreik Ende des Jahres 1920 richtete sich gegen die auf Exklusivit&auml;t und Wahrung des kolonialen Erbes bedachte Hochschul- und Bildungspolitik der britischen Beh&ouml;rden.<\/p><p>(***) 1951 benannte sich die ABSU in All Burma Federation of Student Unions (ABFSU) um und verfolgte seitdem landesweit als wesentliche Ziele die Schaffung eines gerechten Bildungssystems, die Wahrung studentischer Rechte sowie den Einsatz f&uuml;r Demokratie, internen Frieden und nationale Aus- und Vers&ouml;hnung.<\/p><p>(****) Hierbei handelte es sich um eine vom Kaiserlichen Generalhauptquartier in Tokio abgesegnete und w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs in China praktizierte Politik der verbrannten Erde, wonach <em>&bdquo;alles get&ouml;tet, alles gepl&uuml;ndert, alles zerst&ouml;rt&ldquo;<\/em> werden sollte. Diese Taktik hatte Generalmajor Tanaka Ry&#363;kichi im Jahre 1940 entworfen und sie wurde von General Okamura Yasuji ab 1942 vor allem in Chinas Nordprovinzen gro&szlig;fl&auml;chig angewandt. Unterschieden wurde dabei zwischen drei Kategorien von Gebieten &ndash; &bdquo;befriedet&ldquo;, &bdquo;halb befriedet&ldquo; und &bdquo;nicht befriedet&ldquo;. Bestandteil der &bdquo;Drei-Alles-Politik&rdquo; war auch der zwangsweise Einsatz der Zivilbev&ouml;lkerung f&uuml;r Schlepperdienste und bei Infrastrukturma&szlig;nahmen wie dem Stra&szlig;enbau, dem Ausheben von Gr&auml;ben und dem Bau von Wachtposten und Tunneln.<\/p><p><strong>Quellen &amp; Literaturhinweise<\/strong><\/p><p>Allen, Louis (1984): Burma: The Longest War 1941-45. London: J.M. Dent &amp; Sons Ltd.<\/p><p>Aung Myoe, Maung (1999): Military Doctrine and Strategy in Myanmar: A Historical Perspective. Canberra: Australian National University, Strategic and Defence Studies Centre, Working paper no. 339<\/p><p>Ders. 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M&uuml;nster\/Hamburg\/London: LIT Verlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im f&uuml;nften Teil der siebenteiligen Serie zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Verm&auml;chtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und S&uuml;dostasien besch&auml;ftigt sich unser Autor <em>Rainer Werning<\/em> mit der Herrschaft Japans &uuml;ber Birma (*), das lange Zeit Teil des British Empire war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":65224,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20],"tags":[2960,2529,1497,1792,2875],"class_list":["post-65223","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","tag-der-zweite-weltkrieg-in-ost-und-suedostasien","tag-imperialismus","tag-japan","tag-kolonialismus","tag-myanmar"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/shutterstock_573400492.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65223"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65226,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65223\/revisions\/65226"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/65224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}