{"id":65298,"date":"2020-09-29T14:00:26","date_gmt":"2020-09-29T12:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65298"},"modified":"2020-09-29T14:14:39","modified_gmt":"2020-09-29T12:14:39","slug":"richterin-in-assange-anhoerung-bringt-us-wahlen-ins-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65298","title":{"rendered":"Richterin in Assange-Anh\u00f6rung bringt US-Wahlen ins Spiel"},"content":{"rendered":"<p>Als es am vergangenen Freitag im Old Bailey in London um Termine f&uuml;r die Schlusspl&auml;doyers im Assange-Auslieferungsverfahren ging, erw&auml;hnte Richterin Vanessa Baraitser pl&ouml;tzlich die US-Pr&auml;sidentschaftswahlen. Ein weiteres bemerkenswertes Vorkommnis in dieser ereignisreichen Anh&ouml;rung. Au&szlig;erdem f&uuml;hrte Chefankl&auml;ger Lewis einen Zeugen an der Nase herum und am Montag wurde &uuml;ber die relative Menschlichkeit des Hochsicherheitsgef&auml;ngnis ADX Florence, Colorado, gestritten. Wenn es nicht so bitterer Ernst w&auml;re, dann k&ouml;nnte man dies alles als Beobachter unterhaltsam finden. Leider geht es hier um die Zukunft eines geschundenen Menschen, der unbequeme Wahrheiten ans Licht gebracht hat, und auch um die seiner Familie. Es scheint mehr und mehr, als sei der Ausgang dieses Verfahrens schon entschieden, und das bedeutet nichts Gutes f&uuml;r Transparenz im Allgemeinen. Ein kurzer Abriss aus London von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Montag ging die derzeitige Runde im Assange-Verfahren in die vierte Woche. Es geht um die Frage, ob der Journalist und Publizist vom Vereinigten K&ouml;nigreich an die USA ausgeliefert werden soll. Dort gibt es eine Anklage mit 18 Punkten, f&uuml;r die er theoretisch zu 175 Jahren Haft verurteilt werden k&ouml;nnte. Es geht bei der Anklage um 17 Punkte nach dem US-Spionagegesetz und eine Anklage wegen Beihilfe zum Einbruchsversuch in einen Computer. Dies soll in den Jahren 2010 und 2011 geschehen sein, als die von Julian Assange gegr&uuml;ndete Enth&uuml;llungsplattform Wikileaks hunderttausende geheime Dokumente, die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufzeigten, ver&ouml;ffentlichte.<\/p><p>Am vergangenen Freitag gab sich Bezirksrichterin Baraitser eine Bl&ouml;&szlig;e, als sie, als es um Terminfragen ging, die US-Pr&auml;sidentschaftswahlen erw&auml;hnte. Am kommenden Freitag ist der letzte Tag der derzeitigen Veranstaltung, in der haupts&auml;chlich Zeugen aus aller Welt ange- und kreuzverh&ouml;rt werden. Es ging dann um die Frage, wann und wie Anklage und Verteidigung ihre Schlusspl&auml;doyers bzw. eine schriftliche Zusammenfassung ihrer Sicht einbringen k&ouml;nnen. Verteidiger Edward Fitzgerald QC hatte um einige Wochen zur Zusammenfassung gebeten, wohingegen die Richterin entgegnete, dass es nur Ende n&auml;chster Woche zwei Tage daf&uuml;r im Gerichtsgeb&auml;ude g&auml;be. Ankl&auml;ger James Lewis QC brachte eine schriftliche Einreichung ins Spiel. Es wurden dann 4 Wochen f&uuml;r die Verteidigung plus 2 Wochen f&uuml;r eine Entgegnung der Anklage plus nach einigem Gefeilsche 5 Tage f&uuml;r die letzte Erwiderung der Verteidigung diskutiert.<\/p><p>Als es um die Frage ging, welches Beweismaterial dann noch substanziell genug sei, um zugelassen zu werden, erw&auml;hnte Vanessa Baraitser pl&ouml;tzlich die US-Wahlen, mit der Frage\/Bef&uuml;rchtung, dass dies neue Fakten f&uuml;r die Verteidigung schaffen k&ouml;nne. Das ist insofern bemerkenswert, als dass das Auslieferungsabkommen zwischen dem UK und den USA politische Anklagen explizit ausschlie&szlig;t. Ich wei&szlig; nicht, wie man die US-Wahlen anders als politisch deuten kann. Das ist ein weiterer Punkt, wo man den Eindruck bekommt, dass dieses Verfahren schon entschieden ist. Im Moment sieht es so aus, als sei eine Entscheidung der Richterin nicht vor Januar zu erwarten.<\/p><p>An drei Tagen der letzten Woche ging es um den Gesundheitszustand von Julian Assange und ob bei ihm ein Selbstmordrisiko besteht. Dazu wurden mehrere Psychiater und Allgemein&auml;rzte angeh&ouml;rt. Der Ankl&auml;ger Lewis verunsicherte den Psychiater Michael Kopelman, indem er diesem vorwarf, er habe sich von Assange t&auml;uschen lassen. Es ging um die Existenz einer Rasierklinge in Assanges Zelle und Lewis fragte Kopelman mehrmals, warum diese Rasierklinge nicht in den Notizen der Anstalts&auml;rztin Dr. Daly erw&auml;hnt sei, und bekr&auml;ftigte, dass Kopelman Julian Assange hier auf den Leim gegangen sei.<\/p><p>Die Verteidigung pr&auml;sentierte daraufhin aber ein anderes Gef&auml;ngnisprotokoll, in dem der Fund der Rasierklinge von zwei W&auml;rtern zur Anzeige gebracht wurde. Lewis ruderte nun zur&uuml;ck und stellte sich auf den Standpunkt, das diesbez&uuml;gliche Disziplinarverfahren gegen Assange sei ja eingestellt worden und so gro&szlig; k&ouml;nne die Rasierklinge ja nicht gewesen sein. Mit dieser Bemerkung entbl&ouml;&szlig;te er sich aber weiter, denn nun machten seine Fragen an Kopelman keinen Sinn mehr. Bemerkenswerterweise unterst&uuml;tzte ihn die Richterin in dieser Argumentation, anstatt ihn zu ermahnen. Craig Murray schildert diesen Vorgang <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2020\/09\/your-man-in-the-public-gallery-assange-hearing-day-17\/\">sehr detailliert<\/a> (auf Englisch) und er plant, in dieser Sache an die Anwaltsvereinigung zu schreiben.<\/p><p>Insgesamt waren die medizinischen Darlegungen aber so deprimierend und der Gedanke, dass Julian Assange, den wir in unserem Presseraum ja nicht sehen k&ouml;nnen, zuh&ouml;ren musste, erf&uuml;llte mich mit Traurigkeit. Au&szlig;erdem scheint mir das Bohren in der Frage, wie sich eine Auslieferung an die USA auf Julian Assanges Geisteszustand auswirken k&ouml;nnte, auch eine zweischneidige Strategie. Was ich noch erw&auml;hnen m&ouml;chte, ist, dass es den Anschein macht, als habe sich Julian Assanges Zustand in den Monaten in der &bdquo;Obhut&ldquo; der Gef&auml;ngnis&auml;rztin auf der Krankenstation eher dramatisch verschlechtert.<\/p><p>Pikant war auch die Frage, warum Assange in die Isolation des Krankentraktes verlegt wurde. Denn es steht nach widerspr&uuml;chlichen Aussagen der beteiligten &Auml;rzte im Raum, dass dies nicht aus medizinischen Gr&uuml;nden geschah. Wahrscheinlicher erscheint es, dass er isoliert werden sollte, weil ein anderer Gefangener <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ylCDaBM3gHo\">ein Video von ihm<\/a> gemacht hatte und dies der Gef&auml;ngnisleitung &bdquo;peinlich&ldquo; sei und deren &bdquo;Ansehen schaden&ldquo; k&ouml;nne. Im Januar wurde Julian Assange nach 9 Monaten wieder in eine Abteilung mit 40 Insassen verlegt. Daf&uuml;r hatten sich seine Mith&auml;ftlinge eingesetzt.<\/p><p>Au&szlig;erdem h&ouml;rte das Gericht letzte Woche, dass die unredigierten Dokumente, die der Anklage zufolge Informanten in Gefahr brachten, gar nicht zuerst von Wikileaks, sondern von Cryptome ver&ouml;ffentlicht wurden, 9 Monate nachdem zwei Guardian-Journalisten ein Passwort als Kapitel&uuml;berschrift in ihrem Buch ver&ouml;ffentlichten. In der ganzen Geschichte hat sich der Guardian, der vor 10 Jahren von den Wikileaks-Ver&ouml;ffentlichungen profitierte und nun keine Gelegenheit ausl&auml;sst, um Assange niederzumachen, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Leider ist das bei den Mainstreammedien kein Einzelfall.<\/p><p>Am Freitag wurde auch die aggressive Befragungstaktik der US-Ankl&auml;ger belohnt, als sie Zeugen dazu brachten, von Standpunkten abzuweichen, die sie am Anfang des Kreuzverh&ouml;rs als richtig ansahen. Dies ist kein sch&ouml;nes Schauspiel, aber es durchzieht die Anh&ouml;rung nach meiner Beobachtung von Anfang an. Falls die Richterin unparteiisch sein sollte, m&uuml;sste sie hier wohl eingreifen oder den unfairen Ton zumindest in ihre Beurteilung einbeziehen. Das ist aber wohl nicht zu erwarten, denn auch die Nichtbefragung von wichtigen Zeugen, indem nur deren schriftliche Aussage vorgelesen wird, scheint in dieses Konzept zu passen.<\/p><p>Am Montag wurde Ai Weiwei, der vor dem Gericht eine Schweigeminute f&uuml;r Assange einlegte, von einer Channel-4-Journalistin gefragt, wie er seine Unterst&uuml;tzung mit den Anschuldigungen aus Schweden in Einklang br&auml;chte. Dies, nachdem die Ermittlungen in Sachen Sexualdelikte dreimal eingestellt wurden, ohne jemals zur Anklage gebracht worden zu sein. Zum Gl&uuml;ck stellte sie ein anwesender YouTuber zur Rede, wenn auch etwas zu robust. Hier zeigt sich, dass mittlerweile die Nerven blank liegen und es sich bei den Unterst&uuml;tzern um eine heterogene Gruppe handelt. Ich selbst finde, dass man keine so starken Kommentare abgeben sollte, die dann von interessierter Seite leicht aus dem Kontext zu rei&szlig;en sind.<\/p><p>Es ist aber einmal mehr erstaunlich, wie diese Verleumdungen in Bezug auf die Ereignisse in Schweden immer noch angewendet werden. Schon im Mai 2019 hatte der UN-Sonderbeauftragte Nils Melzer um Stellungnahme zu den k&ouml;chelnden Ermittlungen gebeten. Er bekam aber keine sachdienliche Antwort, was zu diesem <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2020\/01\/31\/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange\">Interview<\/a> f&uuml;hrte.<\/p><p>Am Montag gab der Zeuge <a href=\"http:\/\/justiceadvocacygroupllc.com\/meet-joel-sickler\/\">Joel Sickler<\/a>, der in den USA seit 40 Jahren Gefangene betreut, seine Einsch&auml;tzung zu den m&ouml;glichen Haftbedingungen f&uuml;r den Fall einer Auslieferung von Assange an die USA. Einen Teil dieser Befragung h&ouml;rte ich im &bdquo;echten&ldquo; Gerichtssaal an, den ich am Montag zum ersten Mal betreten konnte. Das Licht war hier viel ged&auml;mpfter als in &bdquo;unserem&ldquo; Presseraum und man f&uuml;hlte sich in ein Kammerspiel versetzt. Julian Assange sitzt hinter Panzerglas mit Maske und hochgeschobener Lesebrille. Die meiste Zeit lauscht er regungslos, aber in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden tuschelt er durch einen der Schlitze mit einer Vertreterin der Verteidigung. Seine Verlobte Stella Moris sitzt &uuml;ber Akten gebeugt im Hintergrund. Die Richterin Vanessa Baraitser scheint seit Februar merklich gealtert, was aber vielleicht daran liegt, dass der Raum hier im Old Bailey viel kleiner ist, man ihre Mimik genauer erkennen kann. Sie schreibt die ganze Zeit auf ihrem Laptop mit.<\/p><p>Die das Kreuzverh&ouml;r f&uuml;hrende Claire Dobbin wirkt hier noch k&auml;lter, als schon im Nebenraum ihre Stimme vermuten lie&szlig;. Sie benutzt einen sehr merkw&uuml;rdigen Tonfall, der oft am Ende von S&auml;tzen in eine Weinerlichkeit abgleitet, die sie kurz vor dem Zusammenbruch erscheinen l&auml;sst. Verteidiger Edward Fitzgerald QC sitzt neben ihr und scheint ihren Fragen in den Akten zu folgen, genau wie sein Kollege Mark Summers QC, der einen fassungslosen Eindruck macht ob dieser Befragung.<\/p><p>Wieder versucht Claire Dobbin, den Zeugen als Nicht-Experten erscheinen zu lassen, obwohl er seit Jahrzehnten Gefangene in US-Gef&auml;ngnissen betreut. Es geht um Detailfragen und wann Herr Sickler zum letzten Mal in welchem Gef&auml;ngnis war und ob 22 oder erst 23 Stunden als Isolationshaft gelten. Die Anklage versucht ernsthaft, es als sinnvolle Kommunikation darzustellen, wenn sich zwei Gefangene durch meterdicke Stahlt&uuml;ren etwas zuschreien. Die Zellen im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundesgef%C3%A4ngnis_ADX_Florence\">Bundesgef&auml;ngnis ADX Florence<\/a> messen 2,4 x 3 Meter und das gesamte Mobiliar besteht aus unverr&uuml;ckbarem Beton oder Edelstahl. Zeuge Sickler bezeichnet die Bedingungen mehrmals als beschwerliche Tortur, aber er l&auml;sst sich auch zu der Aussage hinrei&szlig;en, das Gef&auml;ngnis, in dem Assange im Falle einer Verurteilung in den USA h&ouml;chstwahrscheinlich landen w&uuml;rde, als gut gef&uuml;hrt zu bezeichnen.<\/p><p>Auch hier stelle ich mir wieder die Frage, was Julian Assange in diesen Momenten durch den Kopf geht. Die halbe Stunde Hofgang, die in einer Art leerem Schwimmbad unregelm&auml;&szlig;ig zu jeder Tages- und Nachtstunde auch alleine stattfindet, bezeichnet der US-Experte Cromberg in seinem Bericht &uuml;brigens als Erholung (time to recreate). Auch die Behauptungen, dass ja nicht ausgemacht sei, dass Assange unter diesen Bedingungen inhaftiert werden w&uuml;rde, wirken im Lichte seiner Untersuchungshaftbedingungen eher unglaubw&uuml;rdig. Auch hierzu lohnt sich, die <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2020\/09\/your-man-in-the-public-gallery-assange-hearing-day-17\/\">englische Schilderung von Craig Murray<\/a> zu lesen oder <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3SXizdcg4i8&amp;feature=youtu.be\">Dustin Hoffmann im Video<\/a> auf Deutsch.<\/p><p>Insgesamt macht sich bei mir der Eindruck breit, dass von dieser Anh&ouml;rung kein faires Urteil, welches alle menschen- und presserechtlichen Aspekte einbezieht, zu erwarten ist. Trotzdem sitze ich wieder seit den fr&uuml;hen Morgenstunden am Eingang zur Besuchergalerie und werde dies auch in den n&auml;chsten Tagen tun, damit ich der Nachwelt davon berichten kann. Zum Gl&uuml;ck haben sich auch schon 6 weitere Beobachter eingefunden.<\/p><p>Wer selber seine Meinung zu diesem Thema &ouml;ffentlich kundtun m&ouml;chte, <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#veranstaltungen\">findet hier<\/a> die m&ouml;glichen Wege dazu.<\/p><p>Titelbild: I. Salci\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als es am vergangenen Freitag im Old Bailey in London um Termine f&uuml;r die Schlusspl&auml;doyers im Assange-Auslieferungsverfahren ging, erw&auml;hnte Richterin Vanessa Baraitser pl&ouml;tzlich die US-Pr&auml;sidentschaftswahlen. Ein weiteres bemerkenswertes Vorkommnis in dieser ereignisreichen Anh&ouml;rung. 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