{"id":65326,"date":"2020-09-30T08:39:23","date_gmt":"2020-09-30T06:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65326"},"modified":"2020-10-09T09:30:11","modified_gmt":"2020-10-09T07:30:11","slug":"koennen-wahlen-in-kapitalistischen-demokratien-psychologisch-frei-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65326","title":{"rendered":"K\u00f6nnen Wahlen in kapitalistischen Demokratien psychologisch frei sein?"},"content":{"rendered":"<p>1990 gilt als das wichtigste Jahr der Nachkriegsgeschichte. Alles scheint gesagt. Die Tabus &uuml;berdauern. Die renommierte Essayistin <strong>Daniela Dahn<\/strong> und der Kognitionsforscher <strong>Rainer Mausfeld<\/strong> nehmen sie in ihrem neuen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Tamtam-und-Tabu-oxid.html\">Tamtam und Tabu<\/a>&ldquo; ins Visier mit einem Blick auf bislang untersch&auml;tzte Zusammenh&auml;nge. Daniela Dahn untersucht, wie in atemberaubend kurzer Zeit die &ouml;ffentliche Meinung mit gro&szlig;em Tamtam in eine Richtung gewendet wurde, die den Interessen des Westens entsprach. Mit ihrer stringenten Zusammenschau reichen Materials aus den Medien wird das offizielle Narrativ &uuml;ber die Wende ersch&uuml;ttert. Rainer Mausfelds Analyse zeigt die Realit&auml;t hinter der Rhetorik in einer kapitalistischen Demokratie. Die gemeinschaftlichen Analysen werden in einem grundlegenden Gespr&auml;ch vertieft und liefern einen schonungslosen Befund des gegenw&auml;rtigen Zustands der Demokratie. Ein Auszug aus Rainer Mausfelds Text.<br>\n<!--more--><br>\nGanz ungeniert und offen wurde hier von au&szlig;en massive Wahlbeeinflussung betrieben. Es lohnt sich, das Ausma&szlig; dieser Wahlbeeinflussung in Relation zu j&uuml;ngeren tats&auml;chlichen oder vorgeblichen Versuchen einer von au&szlig;en kommenden Beeinflussung demokratischer Wahlen zu setzen, die im Westen gr&ouml;&szlig;te Emp&ouml;rungen ausgel&ouml;st haben. Gr&ouml;&szlig;er kann Heuchelei wohl nicht sein. [&hellip;]<\/p><p>Aus der empirischen Forschung geht hervor, dass die USA die wahren Profis des Metiers sind. Die New York Times erinnerte 2018&nbsp;&ndash; am 17.&nbsp;Februar&nbsp;&ndash; an die lange Geschichte von massiven US-Einmischungen in fremde Wahlen. Dabei erw&auml;hnte sie auch die Studie des Politologen Dov H. Levin, der zeigte, dass sich zwischen 1946 und 2000 Russland 36 Mal in Wahlen im Ausland eingemischt hat, die USA jedoch 81 Mal. Alles sogar auf Wikipedia nachlesbar. F&uuml;r Journalisten unserer Qualit&auml;tsmedien offensichtlich nicht zug&auml;ngliches Geheimwissen oder gar Fake News. [&hellip;]<\/p><p>Wahlen in kapitalistischen Demokratien k&ouml;nnen gar nicht psychologisch frei sein. So wie auch der Markt des Erwerbs von Konsumg&uuml;tern gar nicht frei sein kann, sondern im Kapitalismus massiv durch Werbung bestimmt ist. Es werden also nicht einfach die zum Leben und zur Befriedigung nat&uuml;rlicher Bed&uuml;rfnisse erforderlichen Produkte angeboten. Die Produktwerbung vermittelt vielmehr die Illusion, dass mit dem Erwerb von Waren eine ganze Lebensform, ein Lifestyle erworben werden kann. Das hatte Edward Bernays, ein Marketinggenie, auch seiner selbst, und ein Vater der modernen Propaganda, schon in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts erkannt, als er in gro&szlig;en Kampagnen Zigaretten f&uuml;r Frauen als &raquo;Fackeln der Freiheit&laquo; bewarb. Genauso skrupellos und erfolgreich gelang es ihm 1954, den CIA-Putsch in Guatemala gegen den demokratisch gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten als &raquo;Kampf f&uuml;r Demokratie&laquo; zu verkaufen. Produktmarketing und politische Propaganda entwickelten sich also Hand in Hand. Ohne massivste psychologische Steuerung des K&auml;uferverhaltens, also ohne Werbung, w&uuml;rde der vielbesungene freie Markt, wenn nicht gar der Industriekapitalismus selbst, zusammenbrechen. In gleicher Weise w&uuml;rde die vielbesungene kapitalistische Demokratie ohne massivste Steuerung des W&auml;hlerverhaltens, also ohne Wahlkampagnen und Medienindoktrination, kaum aufrechtzuerhalten sein.<br>\nProduktwerbung und Wahlkampagnen unterlaufen gerade das, was sie rhetorisch zu f&ouml;rdern vorgeben. Produktwerbung unterminiert die Idee oder besser die Ideologie freier M&auml;rkte, denn M&auml;rkte k&ouml;nnen gar nicht frei sein, wenn die Marktchancen eines Produktes davon bestimmt sind, mit welcher Kapitalkraft jemand Werbekampagnen f&uuml;r sein Produkt inszenieren kann. Wahlwerbung unterminiert die normative Idee, dass die W&auml;hler frei von &auml;u&szlig;erer psychologischer Manipulation abw&auml;gen k&ouml;nnen, welchen politischen Programmen sie den Vorzug geben<br>\nWahlwerbung will doch eine freie Urteilsbildung &uuml;ber gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse in gleicher Weise unterminieren wie Produktwerbung eine freie Urteilsbildung &uuml;ber ein Produkt. Beide dienen geradezu dazu, die Aufmerksamkeit vom eigentlich zu beurteilenden Objekt abzulenken und Illusionen zu stiften, die den W&auml;hler oder K&auml;ufer von einer vern&uuml;nftigen Interessenabw&auml;gung abhalten sollen. Produktwerbung stellt daher eine Marktverzerrung dar und Wahlwerbung eine Verzerrung des gesellschaftlichen Willens. Beiden geht es darum, uninformierte oder fehlinformierte Konsumenten beziehungsweise W&auml;hler hervorzubringen, um Interessen von Kapitalbesitzern durchzusetzen. Wer also &uuml;ber die finanziellen Mittel verf&uuml;gt, entsprechende Kampagnen zu entwickeln und zu organisieren, kann andere in ihrer Urteilsbildung und in ihren Entscheidungen beeinflussen und ihnen damit gleichsam seinen Willen aufzwingen. <\/p><p>Wahlen in kapitalistischen Demokratien k&ouml;nnen somit gar nicht psychologisch frei sein, da hier die Wahlchancen davon abh&auml;ngen, mit welcher Kapitalkraft politische Kandidaten durch Spenden Einfluss auf politische Parteien nehmen und Werbekampagnen inszenieren k&ouml;nnen, mit welcher Kapitalkraft sie also den Parteien- und Meinungsmarkt beherrschen k&ouml;nnen. Dabei spielen neben Lobbyismus, der mittlerweile die Form institutionalisierter Korruption angenommen hat, vor allem die Medien eine zentrale Rolle. Solange die Massenmedien in privater Hand oder eng in politische und &ouml;konomische Machtstrukturen eingebunden sind, kann es keinen freien und unverzerrten &ouml;ffentlichen Debattenraum geben und damit auch keine Wahlen, die man als psychologisch frei bezeichnen k&ouml;nnte.<\/p><p>Realit&auml;t und Rhetorik von Wahlen in kapitalistischen Demokratien klaffen also, mit gewaltigen gesellschaftlichen Folgen, weit auseinander. Dennoch gelangt all dies nicht in den &ouml;ffentlichen Debattenraum. Mehr noch: Die sogenannten Qualit&auml;tsmedien, die diesen Debattenraum &uuml;berhaupt erst schaffen, beharren geradezu aggressiv darauf, dass die normativen Vorstellungen psychologisch freier demokratischer Wahlen im Gro&szlig;en und Ganzen auch der gesellschaftlichen Realit&auml;t entspr&auml;chen [&hellip;]<\/p><p>Auch bei der Produktwerbung sind die K&auml;ufer eines Produkts fest davon &uuml;berzeugt, sich aus g&auml;nzlich freien St&uuml;cken f&uuml;r dieses und gegen jenes Produkt entschieden zu haben. Das ist gerade der Witz von guter Werbung und von guter Propaganda: Sie muss unbewusst und unsichtbar bleiben, sonst wirkt sie nicht. Um einen Eindruck von der Gr&ouml;&szlig;e des Effektes zu erhalten, den Kapitalkraft auf Parteien und Wahlen hat, m&uuml;ssen wir uns die empirische Forschungsliteratur hierzu ansehen. Diese Frage wird seit mehr als drei Jahrzehnten im Bereich der Politischen &Ouml;konomie ausgiebig untersucht. Allein in den letzten Jahren sind hierzu unz&auml;hlige Studien renommierter Politikwissenschaftler erschienen, unter anderem aus Harvard, Yale, Princeton oder vom MIT &ndash; also Forschung an Elite-Universit&auml;ten, keine skurrilen Au&szlig;enseiter. Seit Jahrzehnten erhellt Studie um Studie die Realit&auml;t hinter der Rhetorik und zeigt akribisch auf, dass die Kapitalkraft, also Geld, einen &uuml;berw&auml;ltigenden Einfluss auf Parteien und Wahlen in kapitalistischen Demokratien hat. <\/p><p>Ein wichtiges, wenn auch schon &auml;lteres Beispiel, das Buch des Politikwissenschaftlers Thomas Ferguson <em>Golden Rule: The Investment Theory of Party Competition and the Logic of Money-Driven Political Systems.<\/em> Darin untersucht er am Beispiel der USA den Einfluss des Kapitals auf die M&ouml;glichkeiten zur Artikulation des W&auml;hlerwillens. Er zeigt im Detail, wie sich in den jeweils historischen Situationen m&auml;chtige Industrie- und Finanzsektoren in flexibler Weise zur Finanzierung von Parteien- und Wahlkampagnen zu Interessenbl&ouml;cken zusammengeschlossen haben, mit dem Ziel, ihre Interessen durch eine Kontrolle des politischen Systems durchzusetzen. Die Entstehung dieser Formen von Kapitaleinfl&uuml;ssen auf Parteien und Wahlen geht, wie Ferguson nachweist, vor allem auf die Zeit von Roosevelts New Deal zur&uuml;ck. In der Folgezeit gewannen sie enorm an Gewicht. In Zeiten, in denen &ouml;konomisch starke Sektoren widerspr&uuml;chliche Interessen hatten, gab es politische Konflikte zwischen Elitegruppen und damit auch Spielraum f&uuml;r Demokratisierungen. In Zeiten, in denen sie in gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig;e in ihren Interessen &uuml;bereinstimmten, gab es weniger Spielraum f&uuml;r soziale Fortschritte. Doch stets sind es die &ouml;konomisch starken Akteure, die Parteiprogramme festlegen, Kandidaten finanzieren und die Zw&auml;nge und Grenzen festlegen, innerhalb derer politische Entscheidungen getroffen werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Die &Uuml;bernahme der DDR ist historisch nur eine weitere Illustration dieser Funktionslogik kapitalistischer Demokratien. Res&uuml;mierend stellt Ferguson fest, die W&auml;hler seien weder zu dumm noch zu desinteressiert, ihren Interessen politisches Gewicht zu geben; sie seien lediglich zu arm. Eigentlich eine Binsenwahrheit kapitalistischer Demokratien, doch nun empirisch quantitativ untermauert. Fergusons Buch, ein Klassiker, ist auch schon mehr als zwanzig Jahre alt, seitdem wurden Dutzende von weiteren akribischen Studien zu diesem Thema ver&ouml;ffentlicht. Dabei wird eines deutlich: Die Situation hat sich seitdem dramatisch verschlechtert.<\/p><p>Die Aussage, Wahlentscheidungen in kapitalistischen Demokratien w&uuml;rden psychologisch freie Entscheidungen von W&auml;hlern repr&auml;sentieren, widerspricht in einem solchen Ma&szlig;e der Realit&auml;t, dass es schon einer heroischen Verleugnungsleistung bedarf, die Befunde all dieser empirischen Studien zu ignorieren. Dennoch sind all diese grundlegenden Erkenntnisse im &ouml;ffentlichen Raum nicht verf&uuml;gbar. Es gibt sie zwar, doch zugleich gibt es sie nicht, sie sind unsichtbar. Kapitalkraft erm&ouml;glicht eben auch, die Wahrnehmung der Realit&auml;t massiv zu tr&uuml;ben, jedenfalls der in den Medien vermittelten Realit&auml;t.<\/p><p>Titelbild: &copy; Screenshot &ndash; DAI Heidelberg via YouTube<\/p><p><strong>Daniela Dahn, Rainer Mausfeld: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Tamtam-und-Tabu-oxid.html\">Tamtam und Tabu. Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bew&auml;hrung&ldquo;<\/a>, 240 Seiten, Westend Verlag, 21.9.2020<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1990 gilt als das wichtigste Jahr der Nachkriegsgeschichte. Alles scheint gesagt. Die Tabus &uuml;berdauern. Die renommierte Essayistin <strong>Daniela Dahn<\/strong> und der Kognitionsforscher <strong>Rainer Mausfeld<\/strong> nehmen sie in ihrem neuen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/e-Book\/Alle-Buecher\/Tamtam-und-Tabu-oxid.html\">Tamtam und Tabu<\/a>&ldquo; ins Visier mit einem Blick auf bislang untersch&auml;tzte Zusammenh&auml;nge. Daniela Dahn untersucht, wie in atemberaubend kurzer Zeit die &ouml;ffentliche Meinung mit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65326\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":65327,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,126,85,11,190],"tags":[909,1347],"class_list":["post-65326","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-erosion-der-demokratie","category-pr","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-kapitalismus","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bildschirmfoto-2020-09-30-um-08.09.24-Kopie-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65326"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65335,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65326\/revisions\/65335"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/65327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}