{"id":65350,"date":"2020-10-01T09:02:48","date_gmt":"2020-10-01T07:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65350"},"modified":"2022-02-24T12:15:36","modified_gmt":"2022-02-24T11:15:36","slug":"made-by-andi-wie-der-deutsche-verkehrsminister-den-schlafwagen-und-die-transeuropaeisenbahn-neu-erfindet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65350","title":{"rendered":"Made by Andi!? Wie der deutsche Verkehrsminister den Schlafwagen und die Transeuropaeisenbahn neu erfindet."},"content":{"rendered":"<p>Verr&uuml;ckte Zeiten: Praktisch aus dem Nichts hat Andreas Scheuer die Vorz&uuml;ge eines integrierten europ&auml;ischen Schienenverkehrs f&uuml;r sich entdeckt &ndash; mit &bdquo;schnellen durchgehenden Verbindungen&ldquo;, Taktfahrplan und Nachtz&uuml;gen. Entsprechende Planspiele pr&auml;sentierte der Bundesverkehrsminister in der Vorwoche seinen EU-Amtskollegen. F&uuml;r <strong>Joachim Holstein<\/strong> wirkt das Konzept so, als w&auml;re es von Fahrgastverb&auml;nden abgekupfert. Dem Sinneswandel des CSU-&bdquo;Automanns&ldquo; begegnet der Bahnaktivist in einer Mischung aus Zuversicht und Skepsis. Auch Quatschprojekte wie Stuttgart 21 und Fehmarnbelt-Querung st&uuml;nden weiter auf der Regierungsagenda, bemerkt er im Interview mit den NachDenkSeiten. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zur Person<\/strong><\/p><div style=\"float: left; margin: 0 15px 15px 0;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201001-Holstein.jpg\" alt=\"Joachim Holstein\" title=\"Joachim Holstein\" style=\"border-radius: 50%; width: 200px; height: 200px;\"><\/div><p>Joachim Holstein, Jahrgang 1960, war Nachtzugbegleiter bei der Deutschen Bahn, bis der Staatskonzern Ende 2016 die Zuggattung &bdquo;City Night Line&ldquo; aus dem Verkehr zog, um fortan nur noch ausged&uuml;nnten Nachtverkehr in Sitzwagen anzubieten. Holstein engagiert sich in verschiedenen Bahn- und Fahrgastinitiativen, unter anderem bei &bdquo;Pro Bahn&ldquo;, &bdquo;B&uuml;rgerbahn statt B&ouml;rsenbahn&ldquo; sowie dem europ&auml;ischen Netzwerk <a href=\"https:\/\/back-on-track.eu\">&bdquo;Back on Track&ldquo;, das sich speziell f&uuml;r den Auf- und Ausbau eines grenz&uuml;berschreitenden Nachtzugverkehrs einsetzt<\/a>.<\/p><p><strong>Interview<\/strong><\/p><p><strong>Herr Holstein, am Montag der Vorwoche ist Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in eine f&uuml;r ihn untypische Rolle geschl&uuml;pft: als Vordenker einer transeurop&auml;ischen Eisenbahn. Entsprechende Planspiele pr&auml;sentierte er bei einem &bdquo;Schienengipfel&ldquo; unter Beteiligung seiner EU-Amtskollegen sowie Vertretern der EU-Kommission und diverser Bahngesellschaften. Kern der Pl&auml;ne ist die Wiederbelebung des vor &uuml;ber 30 Jahren eingestellten Trans-Europ-Expresses (TEE), der von 1957 bis 1987 zwischen den Staaten der Europ&auml;ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sowie &Ouml;sterreich und der Schweiz verkehrt hatte. Nach diesem Muster sollten k&uuml;nftig zahlreiche Metropolen &uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.bmvi.de\/SharedDocs\/DE\/Artikel\/K\/EU-Ratspraesidentschaft\/innovativer-schienenverkehr-2020-09-21.html\">&bdquo;schnelle durchgehende Verbindungen&ldquo; mittels Hochgeschwindigkeits- und Nachtz&uuml;gen angefahren werden<\/a>. Haben auch Sie bei all dem nicht schlecht gestaunt?<\/strong><\/p><p>Oh ja, denn dass Herr Scheuer pl&ouml;tzlich vom Bremser zum Vorreiter wird, ist mehr als seltsam. Bisher haben die Bundesregierung und die Deutsche Bahn auf jede Initiative zur Verbesserung des europ&auml;ischen Schienenverkehrs mit Ablehnung geantwortet. Zuletzt noch vor wenigen Wochen, als die schwedische und die d&auml;nische Regierung ihr Konzept f&uuml;r Nachtz&uuml;ge von Stockholm nach Hamburg-Altona und von Malm&ouml; nach Br&uuml;ssel vorgestellt haben, verbunden mit einer Anschubfinanzierung. Da hat Berlin sofort klargemacht, dass es in Deutschland keine Starthilfen geben wird. Man spendiert Milliarden f&uuml;r Lufthansa und Autoindustrie, aber keinen Cent f&uuml;r europ&auml;ische Z&uuml;ge. <\/p><p><strong>Menschen sind wandlungsf&auml;hig.<\/strong><\/p><p>Schon klar! Jedenfalls kommt da pl&ouml;tzlich nach drei Monaten Ratspr&auml;sidentschaft ein Konzept, das sich streckenweise wie aus der Feder von &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo;, &bdquo;Back on Track&ldquo; und so weiter liest. Kooperation statt Konkurrenz der Staatsbahnen, einen europ&auml;ischen Fahrzeugpool und eine kundenfreundliche Buchungsplattform f&uuml;r Bahnreisen haben wir von Narvik bis Lissabon und von Glasgow bis Athen seit Jahren gefordert! Schaut man sich die als &bdquo;EuroNight&ldquo; bezeichneten Nachtzugverbindungen im Scheuer-Papier an und legt man das von &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo; und von &bdquo;B&uuml;rgerbahn statt B&ouml;rsenbahn&ldquo; 2016 vorgestellte &bdquo;Lunaliner&ldquo;-Nachtzugnetz daneben, sind die <a href=\"http:\/\/www.bahn-fuer-alle.de\/pages\/bestandsaufnahme\/lunaliner.php\">&Auml;hnlichkeiten verbl&uuml;ffend<\/a>.<\/p><p><strong>Gleichwohl hei&szlig;t es im Pressematerial seines Ministeriums, das Konzept gehe auf Scheuers &bdquo;Initiative&ldquo; zur&uuml;ck &hellip; <\/strong><\/p><p>Da siegte wohl Eitelkeit &uuml;ber Ehrlichkeit. Gew&ouml;hnlich gut unterrichtete Quellen aus dem Ministerium beziehungsweise dem DB-Konzern &ndash; wir nennen die immer &bdquo;Max Maulwurf&ldquo; &ndash; berichten, dass der im Vorjahr zum Chef der franz&ouml;sischen Staatsbahn SNCF ernannte Jean-Pierre Farandou in seiner Zeit, als er dort f&uuml;r das Auslandsgesch&auml;ft zust&auml;ndig war, den Ansto&szlig; gegeben hat. Farandou ist Bahner von der Pike auf, also etwas, was man im Berliner Bahntower gar nicht mehr kennt. Und eigentlich h&auml;tte den Medien bei der Pr&auml;sentation schon auffallen k&ouml;nnen, dass die Folien der Beratungsagentur vom Januar 2020 stammen, es sich also nicht um einen flockigen Schnellschuss als Reaktion auf Corona-Ma&szlig;nahmen handelt, sondern schon <a href=\"https:\/\/www.bmvi.de\/SharedDocs\/DE\/Anlage\/K\/eu-ratspraesidentschaft-innovative-schiene-nachtverkehr-21-09-2020.pdf?__blob=publicationFile\">mehr dahintersteckt<\/a>.<\/p><p><strong>Aber sollten es sich der oder die wahren Urheber einfach so gefallen lassen, wenn sich ausgerechnet der &bdquo;Automann&ldquo; Scheuer mit ihren Federn schm&uuml;ckt? <\/strong><\/p><p>Bei den Livestreams von Scheuers Pressebriefing vorher und der Pressekonferenz nachher h&auml;tte eigentlich alle zwei Minuten jemand aus der Kulisse springen und fragen m&uuml;ssen: &bdquo;Wer hat&rsquo;s erfunden?&ldquo; Man stelle sich das vor: Scheuer hat nicht nur das TEE-Konzept als deutsche Idee hingestellt, sondern auch Deutschland als bestes Bahnland und quasi als Erfinder des Taktfahrplans bezeichnet. Also wenn ich da Schweizer, Niederl&auml;nder oder &Ouml;sterreicher w&auml;re &hellip;<\/p><p>Im Papier liest sich das schon etwas anders. Da wird immerhin einger&auml;umt, dass andere L&auml;nder die jetzt projektierten Planungsmethoden bereits anwenden und schon ein hochfrequentes Netz an Fernz&uuml;gen haben. Wir haben das ja nur auf einigen Rennstrecken, aber seit der Abschaffung der Interregios nicht mehr in der Fl&auml;che.<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie es bei der Konferenz selber zugegangen ist, die wurde ja nicht &uuml;bertragen. Aber ich gehe davon aus, dass im Vorwege schon alles so weit gekl&auml;rt wurde, dass alle EU-Verkehrsminister das Konzept mittragen konnten. Viele von denen haben sich doch jahrelang &uuml;ber Deutschland als Bremser ge&auml;rgert, egal ob Italien, D&auml;nemark, Niederlande oder &Ouml;sterreich. Wenn jetzt Scheuer bei seinem Heimspiel den Helden spielt, sagen die sich vielleicht: &bdquo;Na ja, wenn&rsquo;s hilft.&ldquo;<\/p><p><strong>Und hat es denn geholfen? Abseits der Frage nach dem Copyright: Wie hat Ihnen Scheuers Vortrag inhaltlich gefallen?<\/strong><\/p><p>&Uuml;berwiegend gut &ndash; denn das meiste entspricht ja Forderungen von Bahn-Initiativen. Dass umsteigefreie Verbindungen besser sind als mehrfaches Umsteigen mit knappen Anschl&uuml;ssen, ist anerkannte Tatsache. Ebenso, dass unsinnige H&uuml;rden durch unterschiedliche Standards in verschiedenen L&auml;ndern abgebaut werden m&uuml;ssen &ndash; im Auto muss ich ja auch nicht an der Grenze neue Reifen aufziehen und ein anderes Warndreieck kaufen. Und dass Nachtz&uuml;ge 2.000 Kilometer weit fahren und damit nicht nur Kurz-, sondern auch Mittelstreckenfl&uuml;ge ersetzen k&ouml;nnen, predigen wir seit Jahren.<\/p><p><strong>Also gibt es nichts zu meckern?<\/strong><\/p><p>Naja, bei vielem muss ich sagen: Das h&auml;ttet ihr alles schon vor Jahren machen k&ouml;nnen. &ndash; Das gab es schon mal, und gerade die Bundesregierung und die DB haben es kaputtgemacht. &ndash; Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein einziger TEE pro Tag auf der Langstrecke macht noch keinen Taktverkehr. Dazu br&auml;uchte es mindestens alle zwei Stunden weitere TEEs, auch abschnittsweise.<\/p><p>Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Es trifft zu, dass ein Gro&szlig;teil &bdquo;praktisch sofort&ldquo; umsetzbar ist, also mit dem n&auml;chsten noch nicht durchgeplanten Fahrplanwechsel. Ich habe nur einen gravierenden Fehler entdeckt: Den Nachtzug von Amsterdam nach Venedig und Genua will man zwischen K&ouml;ln und Frankfurt auf die Schnellfahrstrecke schicken, das ist technisch unm&ouml;glich.  Diese Achterbahnstrecke schaffen nur die speziellen ICE3, bei denen jede zweite Achse angetrieben ist.<\/p><p><strong>Gibt es noch andere Pferdef&uuml;&szlig;e?<\/strong><\/p><p>Scheuer winkt sehr deutlich mit dem Zaunpfahl, dass man das TEE-Konzept in seiner zweiten Stufe nur bekomme, wenn Gro&szlig;projekte wie Stuttgart 21, der Fehmarnbelt-Tunnel und eine Tempo-300-Strecke zwischen Hannover und Bielefeld gebaut w&uuml;rden, und zwar ohne Klagen der B&uuml;rger. Wie schon bei der Diskussion um den &bdquo;Deutschland-Takt&ldquo; dr&auml;ngt sich hier der Verdacht auf, dass ein von Menschen als positiv empfundenes Konzept als Hebel missbraucht werden soll, um unn&uuml;tze bis sch&auml;dliche Bauprojekte durchzusetzen &ndash; und die l&auml;stigen B&uuml;rgerproteste will man gleich mit erledigen. So bitte nicht! <\/p><p><strong>Wie denn dann?<\/strong><\/p><p>In einem NDR-Beitrag wurde j&uuml;ngst sehr anschaulich gezeigt, dass B&uuml;rger nicht Verhinderer, sondern Gestalter sein wollen. F&uuml;r die Verbindung Hannover-Bielefeld gab es ein zwischen der regionalen Politik und B&uuml;rgerinitiativen abgestimmtes Trassenkonzept, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/45_min\/Die-Bahn-mobil-oder-marode,sendung1069382.html\">das aber von Berlin abgelehnt wurde<\/a>. Und nehmen Sie Stuttgart 21: Da stellen interessierte Konzerne, Medienh&auml;user und Politiker ja gerne den symbolhaften Juchtenk&auml;fer in den Vordergrund &ndash; weil sie nicht &uuml;ber die Vernichtung von Bahninfrastruktur, die Verschlechterung von Anschl&uuml;ssen und die brandgef&auml;hrliche Konstruktion reden wollen. <\/p><p>Da sehe ich also Demagogie auf uns zukommen nach dem Prinzip: &bdquo;Ja, wenn ihr Europaz&uuml;ge haben wollt, dann m&uuml;sst ihr &hellip;&ldquo; Ich w&uuml;rde dann sagen: Ja, dann m&uuml;ssen wir die vielen kleinen Flaschenh&auml;lse beseitigen. Dann braucht es hier mal ein paar Weichen, so wie in Frankfurt, dort mal eine bis in den benachbarten Grenzbahnhof durchgezogene zweite Oberleitung, so wie in Strasbourg, damit auch normale ICEs dort hinfahren k&ouml;nnen, oder &Uuml;berholgleise &ndash; alles sinnvoller, billiger und viel effizienter als die Orgien in Beton und das Abfeiern von neuen H&ouml;chstgeschwindigkeiten jenseits von 250 Sachen.<\/p><p><strong>Gerade dieser Tage verhandelt das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig mehrere Klagen von Umweltsch&uuml;tzern gegen die geplante Fehmarnbelt-Querung. Das Megaprojekt stellt in den EU-Planspielen f&uuml;r ein &bdquo;transeurop&auml;isches Fernwegenetz&ldquo; (TEN-V) ein <a href=\"https:\/\/www.bmvi.de\/DE\/Themen\/Mobilitaet\/Europaeische-Verkehrspolitik\/Fehmarnbeltquerung\/fehmarnbeltquerung.html\">&bdquo;wesentliches Element der zentralen Nord-S&uuml;d-Achse zwischen Skandinavien und Mitteleuropa&ldquo; dar<\/a>. Sind die sch&ouml;nen Spr&uuml;che vom grenzenlosen Bahnreisen bei Tag und Nacht doch nur der Dosen&ouml;ffner f&uuml;r Gigantonomie und Geldmacherei?<\/strong><\/p><p>Da muss man durchaus misstrauisch sein. Wir haben ja an vielen Stellen erlebt, wie mit Zahlen und Prognosen kunstvoll jongliert wurde, um Bauprojekte als sinnvoll erscheinen zu lassen, die bei korrekter Betrachtung nutzlos bis sch&auml;dlich sind. Das reicht von der 2. Stammstrecke der M&uuml;nchner S-Bahn &uuml;ber Stuttgart 21 und den Frankfurter Citytunnel bis zur Th&uuml;ringer-Wald-U-Bahn, also der ICE-Strecke Erfurt-N&uuml;rnberg. Dabei hat man fiktiven G&uuml;terzugverkehr eingerechnet, um sie als wirtschaftlich erscheinen zu lassen. Und &uuml;berall wurden bessere Alternativen ignoriert. <\/p><p><strong>Und das wiederholt sich beim Fehmarnbelt?<\/strong><\/p><p>Es ist ja nicht gerade so, dass dort die Kapazit&auml;ten nicht ausgereicht h&auml;tten, da fuhr gerade mal alle vier Stunden ein Zug und die F&auml;hren schafften den Pkw- und Lkw-Verkehr locker. Man begr&uuml;ndet die Beltquerung mit &bdquo;zu erwartendem Bedarf&ldquo; &ndash; aber dieser angebliche Bedarf ist der durch Neubauten induzierte zus&auml;tzliche Verkehr. Bei der Beltquerung kommt hinzu, dass die F&auml;hrbetreiber nicht kampflos aufgeben und ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite haben: Die Lkw-Fahrer k&ouml;nnen an Bord ihre Ruhepause nehmen. Im Tunnel geht das nicht. Und bei der Bahn k&ouml;nnen Z&uuml;ge auch jetzt schon von Lappland bis S&uuml;ditalien durchfahren, sie m&uuml;ssen halt &uuml;ber F&uuml;nen und J&uuml;tland. Dort ist das gr&ouml;&szlig;te Nadel&ouml;hr &uuml;brigens die Rendsburger Hochbr&uuml;cke mit sechs Kilometern Umweg teilweise im Bummeltempo. Wo bleibt da das Tunnelprojekt mitsamt Ert&uuml;chtigung der weiteren Strecken? Weniger Beton, weniger Profit, weniger Interesse als beim Belt?<\/p><p><strong>Immerhin ist das Projekt nur in Teilen auf deutschem Mist gewachsen &hellip;<\/strong><\/p><p>Und dass die skandinavische Seite offenbar wild entschlossen ist, den Tunnel zu bauen, ist nat&uuml;rlich f&uuml;r die deutsche Seite eine bequeme Situation. Dabei w&uuml;rde man sich aber eine Rennstrecke einhandeln, f&uuml;r die es s&uuml;dlich von Puttgarden bisher keine Entsprechung gibt &ndash; wie auch? Die eingleisige Fehmarnsundbr&uuml;cke steht unter Denkmalschutz, f&uuml;r einen Streckenneubau entlang der Autobahn L&uuml;beck-Oldenburg sollen Ostseeb&auml;der von der Bahn abgeklemmt werden, im Zulauf auf Hamburg wird die schlechtere von zwei Varianten projektiert. <\/p><p>Und der Hamburger Hauptbahnhof w&uuml;rde noch st&auml;rker &uuml;berlastet als jetzt schon, weil die Verbindungskurve nach S&uuml;den nur eingleisig ist und die Strecke von L&uuml;beck nach L&uuml;neburg mit Abzweig Richtung Berlin eingleisig und nicht elektrifiziert ist. Ein Ausbau &ndash; der erste seit 1878! &ndash; wurde &bdquo;wegen hoher Investitionskosten&ldquo; nicht in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen. Das neue TEE-Konzept sieht darum auch vor, den TEE Stockholm-Berlin-M&uuml;nchen und den EuroNight Stockholm-Berlin-Budapest von L&uuml;beck &uuml;ber Bad Kleinen und Schwerin zu f&uuml;hren. Daf&uuml;r m&uuml;ssen aber noch eine Oberleitung gelegt und eine Verbindungskurve in Bad Kleinen gebaut werden. Es ist das &Uuml;bliche: Ein Prestigeprojekt hier &ndash; viel St&uuml;ckwerk da. Anstatt eine Infrastruktur als Gesamtplanung anzugehen, wie es die Schweiz vormacht.<\/p><p><strong>Die Schweiz gilt ja als das gro&szlig;e Vorbild eines funktionierenden Taktverkehrs. Wie weit ist der versprochene &bdquo;Deutschland-Takt&ldquo;, mit dem sich laut Bundesregierung die Fahrgastzahlen bis 2030 verdoppeln sollen, von diesem Ideal weg?<\/strong><\/p><p>Ungef&auml;hr so weit wie das deutsche Telefonnetz von einem fl&auml;chendeckenden Breitbandausbau, der ja in die Verantwortung desselben Ministeriums f&auml;llt. Aber Polemik beiseite und um es kurz zu machen: F&uuml;r einen fl&auml;chendeckenden Integralen Taktfahrplan (ITF) braucht es viele Bahnsteigkanten und unabh&auml;ngige Zulaufgleise und f&uuml;r eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen au&szlig;erdem noch viele zus&auml;tzliche Z&uuml;ge und Personal. Davon ist Deutschland leider weit entfernt. <\/p><p><strong>Haben Sie ein Beispiel daf&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Bei den S21-kritischen <a href=\"https:\/\/www.ingenieure22.de\/cms\/index.php\/projekte-studien\/bahntechnik\/229-itf-dtakt-1\">&bdquo;Ingenieuren 22&ldquo;<\/a> kann man sich in die Thematik gut einlesen. Wenn man sich die &bdquo;Fahrplanrosette&ldquo; anschaut, die Prof. Dr. Wolfgang Hesse &ndash; Mitglied bei &bdquo;B&uuml;rgerbahn statt B&ouml;rsenbahn&ldquo; &ndash; anhand des BMVI-Zielfahrplans 2030 f&uuml;r Stuttgart erstellt hat, dann sieht man angesichts der ziemlich gleichm&auml;&szlig;ig &uuml;ber die 60 Minuten verteilten Ank&uuml;nfte und Abfahrten, dass hier das Gegenteil eines ITF geplant ist. Das kommt dabei heraus, wenn ohne Sinn und Verstand, aber mit politischer Schlagseite und Sympathie f&uuml;r Tunnelbohrmaschinenhersteller und Baufirmen entschieden wird. Die Schweiz hingegen hat andersherum geplant: Da hat man erst den Fahrplan entworfen und dann analysiert, wo welche Bauma&szlig;nahmen n&ouml;tig sind, um die f&uuml;r einen ITF sinnvollen Fahrzeiten zwischen den Knoten zu erreichen.<\/p><p><strong>Es hei&szlig;t ja, aus Fehlern lernt man. M&uuml;sste die Bundesregierung, die ja schon seit sieben Jahren die gleiche ist, deshalb nicht besonders viel Verbesserungspotenzial in Sachen Bahn-Politik haben?<\/strong><\/p><p>Zu einem Lernprozess geh&ouml;rt ja eigentlich, Fehler zu erkennen und zu benennen. Aber da hapert es gewaltig, von der Bahnprivatisierung &uuml;ber den B&ouml;rsengang und die unvern&uuml;nftigen Bauprojekte bis hin zu den Nachtz&uuml;gen. Die wurden bekanntlich wider besseres Wissen abgeschafft. Der damals f&uuml;r Personenverkehr zust&auml;ndige Bahnvorstand UIrich Homburg hatte Anfang 2015 gegen&uuml;ber dem Verkehrsausschuss des Bundestages &uuml;ber die Nachtz&uuml;ge gesagt: &bdquo;Stabile Nachfragesituation. Die Z&uuml;ge sind gut gebucht.&ldquo; Damit gab er zu, dass die Bahn die &Ouml;ffentlichkeit &ndash; und ihren Eigent&uuml;mer &ndash; mit ihrem jahrelangen Gerede von angeblich sinkender Nachfrage und einer aussterbenden Nische belogen hatte. Dabei lagen Zahlen vor, die das Gegenteil bewiesen, und die von der DB 2015 in Kraft gesetzten &Auml;nderungen am Nachtzugkonzept f&uuml;hrten 2016 sogar noch zu einem Anstieg der Fahrgastzahlen um &uuml;ber zehn Prozent, in einigen Bereichen von &uuml;ber 50 Prozent. Jeder zus&auml;tzliche Wagen, den die DB in die Nachtz&uuml;ge einbaute, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.deutsche-bahn-nachtzuege-sind-staerker-gefragt.1e2f51a1-a1b9-4f87-9754-8bcf823ca194.html\">war in Windeseile und dauerhaft ausgebucht!<\/a> <\/p><p><strong>Trotzdem kam im Dezember 2016 das Aus f&uuml;r die Sparte. Bahn-Vorstand Ronald Pofalla begr&uuml;ndete das seinerzeit so: &bdquo;Nachtz&uuml;ge sind total unwirtschaftlich.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Man muss sich das vorstellen: 2014 befragte die Bahn ihre Nachtzugkunden, was sie machen w&uuml;rden, wenn es den Nachtzug nicht g&auml;be. Drei Viertel sagten, fliegen, mit dem Auto fahren, gar nicht verreisen. Nur ein Viertel wollte oder konnte auf den ICE umsteigen. Bei ihrer damaligen &bdquo;Zielgruppenanalyse&ldquo; diffamierte die Bahn Reisende, die umweltfreundlich reisen wollten oder aus medizinischen Gr&uuml;nden nicht fliegen durften, als &bdquo;Flugphobiker und Eisenbahnnostalgiker&ldquo;. Zugleich wurde die zahlungskr&auml;ftigste und zeitsensibelste Kundschaft &ndash; Fernpendler, Businessreisende, Wissenschaftler und Politiker &ndash; v&ouml;llig ausgeblendet. Die sind nat&uuml;rlich nicht auf die n&auml;chtlichen ICE umgestiegen, um zum Meeting oder zur Vorlesung zu reisen, sondern die waren gl&uuml;cklich, wenn ihre Strecke zu denen geh&ouml;rte, auf der die &Ouml;sterreichischen Bundesbahnen, &Ouml;BB, mit dem von der DB gekauften Wagenmaterial weitermachten. Ansonsten waren sie als Kunden weg. Der Eigent&uuml;mer h&auml;tte einem Management, das derart gegen seine Kunden und seinen Auftraggeber operiert, schon viel fr&uuml;her auf die Finger hauen m&uuml;ssen. Die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/kommentar-ohne-fahrplan-1.3102972\">&bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo;<\/a> kommentierte das mal mit dem Satz: &bdquo;So dumm, den Vorstand einfach werkeln zu lassen, w&auml;re kein privater Investor.&ldquo;<\/p><p><strong>Was l&auml;sst Sie hoffen, dass jetzt so etwas wie Sinn und Verstand in die Bahnpolitik einkehrt?<\/strong><\/p><p>Die Zeiten haben sich ge&auml;ndert. Inzwischen suchen die &Ouml;BB zur Deckung des Bedarfs und f&uuml;r die Erweiterung ihres Netzes h&auml;nderingend gebrauchte Fahrzeuge, bis ihre Neubauflotte auf die Schiene kommt. Die Schweizer SBB wollen Schlaf- und Liegewagen anmieten, private Betreiber stampfen binnen Wochen einen Nachtzug von Sylt in die Alpen aus dem Boden und in den Medien finden sich seit Greta Thunberg und Fridays for Future erfreulich viele Beitr&auml;ge zu Nachtz&uuml;gen, bei denen wirklich recherchiert wurde, anstatt nur das DB-Sprech abzudrucken. Ich bin sicher, dass sich heute kein Herr Pofalla mehr hinstellen k&ouml;nnte, um die Nachtz&uuml;ge f&uuml;r beendet zu erkl&auml;ren.<\/p><p><strong>Aber wenn sich ausgerechnet ein Herr Scheuer hinstellt und pl&ouml;tzlich das Comeback der Nachtz&uuml;ge verk&uuml;ndet, bleiben doch bestimmt ein paar Restzweifel?<\/strong><\/p><p>Warten wir es ab. Im Kollegenkreis ging schon 2016 die sarkastische Bemerkung um, dass nach f&uuml;nf oder zehn Jahren irgendwelche hochbezahlten externen Berater der DB ein total innovatives Konzept empfehlen w&uuml;rden: Schlafen im Zug! Und siehe da &ndash; es hat keine vier Jahre gedauert, bis die Bundesregierung wieder Nachtz&uuml;ge einf&uuml;hren will. Wobei die Konstruktion nat&uuml;rlich spannend ist, denn es wird ja eine gemeinsame Betreibergesellschaft f&uuml;r diese internationalen Z&uuml;ge vorgeschlagen, die offen f&uuml;r andere Bahngesellschaften sein soll. Das geht schon in die Richtung der &bdquo;United Railways of Europe&ldquo;, wie sie Bernhard Knierim und Winfried Wolf in ihrem vor rund einem Jahr erschienenen Buch &bdquo;Abgefahren&ldquo; skizziert haben. <\/p><p><strong>Was w&auml;ren die Vorteile?<\/strong><\/p><p>Diese europ&auml;ischen Z&uuml;ge sollen von der EU gef&ouml;rdert werden, weil an Fahrzeuge mit Zulassung f&uuml;r mehrere Strom- und Signalsysteme h&ouml;here Anforderungen gestellt werden als an Rollmaterial, das nur in einem Land f&auml;hrt. Damit k&ouml;nnen aber auch h&ouml;here St&uuml;ckzahlen wirtschaftlich produziert werden, weil dann zum Beispiel die d&auml;nischen und die spanischen Bahnen denselben EU-Schlafwagentyp ordern k&ouml;nnen wie die deutschen und die niederl&auml;ndischen Bahnen. Die anderen L&auml;nder, die anderen Bahnen, die Forderungen der Umweltbewegung und die hartn&auml;ckige Arbeit von gro&szlig;en und kleinen Organisationen &ndash; &bdquo;Back on Track&ldquo; war mehrmals in Br&uuml;ssel, hat etliche Konferenzen mit Bahnvertretern, Politik und Aktivisten auf die Beine gestellt und Aktionen in halb Europa organisiert &ndash; haben die bisherigen Bremser sozusagen derma&szlig;en in Zugzwang gebracht, dass sie sich jetzt pl&ouml;tzlich die F&ouml;rderung von europaweitem Bahnverkehr auf die Fahnen schreiben.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen jetzt daf&uuml;r sorgen, dass das nicht nur sch&ouml;ne Worte und Skizzen auf Folien bleiben, sondern dass dieses Projekt vorangebracht und ausgebaut wird. Denn wie gesagt: Ein TEE pro Tag und Richtung macht noch keinen Taktverkehr und bis zum fl&auml;chendeckenden Nachtzugnetz und einem einfachen Buchungssystem ist es noch ein weiter Weg.<\/p><p>Titelbild: Flystock \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b3931321cb8c49758d891667041b8476\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verr&uuml;ckte Zeiten: Praktisch aus dem Nichts hat Andreas Scheuer die Vorz&uuml;ge eines integrierten europ&auml;ischen Schienenverkehrs f&uuml;r sich entdeckt &ndash; mit &bdquo;schnellen durchgehenden Verbindungen&ldquo;, Taktfahrplan und Nachtz&uuml;gen. Entsprechende Planspiele pr&auml;sentierte der Bundesverkehrsminister in der Vorwoche seinen EU-Amtskollegen. F&uuml;r <strong>Joachim Holstein<\/strong> wirkt das Konzept so, als w&auml;re es von Fahrgastverb&auml;nden abgekupfert. 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