{"id":6542,"date":"2010-08-20T09:15:54","date_gmt":"2010-08-20T07:15:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6542"},"modified":"2014-02-24T15:03:08","modified_gmt":"2014-02-24T14:03:08","slug":"von-der-leyen-spielt-die-bildungskarte-aus-oder-die-kapitulationserklaerung-der-bildungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6542","title":{"rendered":"Von der Leyen spielt die Bildungskarte aus \u2013 oder die Kapitulationserkl\u00e4rung der Bildungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Lassen wir uns nichts vormachen, hinter dem mit viel &ouml;ffentlichem Wirbel angek&uuml;ndigten &bdquo;Bildungspaket f&uuml;r Kinder und Jugendliche&ldquo; stehen folgende Pr&auml;missen:<\/p><ul>\n<li>das (Vor-)Urteil, dass die Hartz IV beziehende Eltern das Sozialgeld, das sie f&uuml;r ihre Kinder bekommen, (um es mit den besch&ouml;nigenden Worten der Sozialministerin zu sagen) nicht &bdquo;zielgenau&ldquo; f&uuml;r &bdquo;mehr Bildung&ldquo;, f&uuml;r &bdquo;mehr soziale Integration&ldquo;, f&uuml;r &bdquo;mehr positive Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung&ldquo; und f&uuml;r &bdquo;mehr Lebenschancen&ldquo; ihrer Schul- und Kitakinder einsetzen,<\/li>\n<li>dass die Regels&auml;tze zur Sicherung des Existenzminimums minderj&auml;hriger Kinder nicht entsprechend des kinder- und alterspezifischen Bedarfs deutlich erh&ouml;ht werden sollen,<\/li>\n<li>dass gleichzeitig das &bdquo;Lohnabstandsgebot&ldquo; gegen&uuml;ber niedrig verdienenden Vollzeiterwerbst&auml;tigen eingehalten wird,<\/li>\n<li>und schlie&szlig;lich, dass die staatlichen Investitionen in auch Benachteiligte f&ouml;rdernde Kitas und Schulen und damit die Steuern nicht erh&ouml;ht werden m&uuml;ssen.<\/li>\n<\/ul><p>Aus diesen politisch selbst aufgestellten &bdquo;Fallen&ldquo; will nun die Sozialministerin organisatorisch mit dem &bdquo;Bildungspaket&ldquo; und technisch mit der &bdquo;Bildungskarte&ldquo; entkommen. Eine Kapitulationserkl&auml;rung der Bildungspolitik und ein schleichender Leitbildwechsel vom Sozial- in den Almosenstaat. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das &bdquo;Bildungspaket&ldquo; und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts &uuml;ber das Sozialgeld f&uuml;r Kinder<\/strong><\/p><p>Erf&uuml;llt das &bdquo;Bildungspaket&ldquo; die <a href=\"http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/ls20100209_1bvl000109.html\">verfassungsrichterlichen Vorgaben<\/a> f&uuml;r eine &bdquo;vertretbare Methode zur Bestimmung des Existenzminimums eines Kindes&ldquo; (Rdnr. 190) bzw. f&uuml;r die &bdquo;notwendigen Aufwendungen zur Erf&uuml;llung schulischer Pflichten&ldquo; (Rdnr. 192)?<\/p><p>Klipp und klar gesagt: Nein.<\/p><p>In dem vom Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales pr&auml;sentierten <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47406\/property=pdf\/2010__08__18__praesentation__bildungspaket.pdf\">&bdquo;Gesamtkonzept&ldquo; [PDF &ndash; 2.3 MB]<\/a> wird selbst darauf hingewiesen, dass das Bundesverfassungsgericht verlangt,<\/p><ul>\n<li>dass es &bdquo;keine Sch&auml;tzungen ins Blaue&ldquo; hinein geben darf,<\/li>\n<li>dass die &bdquo;Teilhabebedarfe von Kindern zwingend abzudecken&ldquo; sind,<\/li>\n<li>dass die &bdquo;Leistungen f&uuml;r Kinder&hellip;eigenst&auml;ndig ermittelt werden&ldquo; m&uuml;ssen und ein &bdquo;Anpassungsmechanismus gew&auml;hlt werden (muss), der den realen Bedarf ber&uuml;cksichtigt.<\/li>\n<\/ul><p>Keine dieser Forderungen ist mit dem &bdquo;Bildungspaket&ldquo; erf&uuml;llt: Die Sch&auml;tzungen was f&uuml;r &bdquo;mehr Bildung&ldquo; (etc.) aufgewandt werden m&uuml;sste, gehen immer noch &bdquo;ins Blaue&ldquo;. Es bleibt (jedenfalls bisher) beim &bdquo;Basisgeld&ldquo;. Jedenfalls ist nicht erkennbar, dass von dem als verfassungswidrig erkl&auml;rten <em>&bdquo;Abschlag gegen&uuml;ber der Regelleistung f&uuml;r einen Alleinstehenden&ldquo;<\/em> abgewichen wird.<br>\nEs fehlt f&uuml;r diese <em>&bdquo;freih&auml;ndige Setzung&ldquo;<\/em> nach wie vor eine <em>&bdquo;empirische und methodische Fundierung&ldquo;<\/em>. Es fehlt eine Ermittlung der Kosten f&uuml;r den <em>&bdquo;Erwerb der notwendigen Schulmaterialien, wie Schulb&uuml;cher, Schulhefte oder Taschenrechner&ldquo;<\/em>. Es fehlt eine <em>&bdquo;realit&auml;tsgerechte&ldquo;<\/em> Erhebung des <em>&bdquo;altersspezifischen Bedarfs&ldquo;<\/em>. Wo sind die Leistungen f&uuml;r Kinder eigenst&auml;ndig ermittelt und wo ist der Anpassungsmechanismus an den realen Bedarf?<\/p><p>Mit dem &bdquo;Bildungspaket&ldquo; (allein) werden somit die Anforderungen des Bundesverfassungsgerichts nicht erf&uuml;llt. (So wohl auch der der <a href=\"http:\/\/www.presseecho.de\/politik\/NA3731663523.htm\">Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband<\/a>)<\/p><p><strong>K&ouml;nnte man die Idee einer &bdquo;Bildungskarte&ldquo;, unabh&auml;ngig davon, ob damit die Auflagen des Bundesverfassungsgerichts erf&uuml;llt werden, f&uuml;r gut halten?<\/strong><\/p><p>Ohne Zweifel w&auml;re es gut, wenn Kinder von Hartz IV-Familien nicht aus finanziellen Gr&uuml;nden vom gemeinsamen Mittagessen an Kitas und Schulen ausgeschlossen w&uuml;rden, wenn sie Nachhilfe bezahlt bek&auml;men, wenn Kosten f&uuml;r Schul- und Lernmaterialien &uuml;bernommen w&uuml;rden oder wenn ihre Teilnahme an Sport-, Kultur- oder Ferienangeboten unterst&uuml;tzt w&uuml;rde.<br>\nDeswegen unterst&uuml;tzen wohl laut einer Umfrage auch die meisten Deutschen die Idee der Bildungsgutscheine.<\/p><p>Ich will hier gar nicht so sehr auf den diskriminierenden Aspekt einer &bdquo;Bildungskarte&ldquo; abstellen, etwa dadurch, dass ein Hartz IV-Kind bei der Essensausgabe oder in der Schulbuchhandlung vor allen anderen als Hilfsbed&uuml;rftig stigmatisiert w&uuml;rde. Diese &ouml;ffentliche Herabsetzung k&ouml;nnte man in vielen F&auml;llen dadurch umgehen, dass man allen anderen Kindern auch eine Geldkarte anbieten k&ouml;nnte, auf die etwa der Betrag des Kindergeldes geladen w&uuml;rde. Das w&uuml;rde zwar einen Aufschrei geben, aber damit w&auml;re zumindest gew&auml;hrleistet, dass auch in anderen Familien das Kindergeld &bdquo;zielgenau&ldquo; bei den Kindern ank&auml;me. Denn machen wir uns nichts vor auch in besser gestellten Familien flie&szlig;t das Kindergeld in die allgemeine Haushaltskasse und wird z.B. zur Finanzierung eines Autos oder zur Abzahlung der Hypothek herangezogen &ndash; jedenfalls kommt es bei den Kindern h&auml;ufig auch nicht an. <\/p><p><strong>Wenn schon, dann &bdquo;Bildungskarte&ldquo; f&uuml;r alle<\/strong><\/p><p>Die Einbeziehung aller Kinder, statt ausschlie&szlig;lich der 1,8 Millionen Kinder aus Hartz-IV-Haushalten, h&auml;tte sogar den Vorteil, dass an mehr Einrichtungen mit den entsprechenden Angeboten die notwendigen Leseger&auml;te vorgehalten w&uuml;rden. Dazu m&uuml;ssten dann allerdings die Kommunen, als Tr&auml;ger von Schulen und Kitas und kulturellen Angeboten, die Vereine oder die Kinder- und Jugendbetreuungsorganisationen gewonnen werden.<\/p><p>F&uuml;r die 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren, die in Familien von Hartz IV-Empf&auml;ngern leben rentierte sich der ganze Aufwand mit Chipkarte und Leseger&auml;ten gewiss nicht. Nach derzeitigen Angaben will der Finanzminister zur Erf&uuml;llung der Auflagen des Bundesverfassungsgerichts 480 Millionen Euro pro Jahr zur Verf&uuml;gung stellen, das w&auml;ren pro Kind  rund 280 Euro j&auml;hrlich oder etwas &uuml;ber 23 Euro pro Monat. <\/p><p>Ich will an dieser Stelle davon absehen, dass mit dieser Vorgabe von einer vom Bundesverfassungsgericht geforderten <em>&bdquo;schl&uuml;ssigen Ermittlung des regelleistungsrelevanten Verbrauchs&ldquo;<\/em> (Rdnr. 176) keine Rede sein kann.  <\/p><p>Aber f&uuml;r den vorgesehenen Betrag lohnte sich der gesamte technische Aufwand (mit Kartenaufladesystemen und Leseger&auml;ten und zus&auml;tzlichem Abrechnungsaufwand) gewiss nicht. Und wenn die Bildungskarte dennoch eingef&uuml;hrt w&uuml;rde, so w&uuml;rde sich der Aufwand nur f&uuml;r wenige Einrichtungen (etwa Schulbuchhandlungen) lohnen.  Und billiger bzw. effizienter w&uuml;rde dieses Verfahren damit noch lange nicht.  Das zeigte sich z.B. bei dem <a href=\"https:\/\/www.berlinonline.de\/berlinerzeitung\/archiv\/.bin\/dump.fcgi\/2003\/0212\/berlin\/0080\/index.html\">gescheiterten Versuch in Berlin<\/a>, bei dem Asylbewerber statt Bargeld Chipkarten zum Einkaufen ausgeh&auml;ndigt wurden, und wo sich herausstellte, dass die Kosten f&uuml;r den Vertrag mit der Chipkartenfirma Sodexo erheblich h&ouml;her lagen, als wenn man den Betroffenen das Geld in die Hand gegeben h&auml;tte. <\/p><p>Hinzu k&auml;me: K&ouml;nnten Chipkarten nur an wenigen Stellen eingel&ouml;st werden, so w&auml;re die soziale Stigmatisierung eine Doppelte: der Bildungskarteninhaber w&auml;re nicht nur als bed&uuml;rftig ausgewiesen, sondern auch noch dadurch, dass er die Bildungskarte nur an ganz bestimmten Stellen einl&ouml;sen k&ouml;nnte. Individuelle Nachhilfe &ndash; etwa durch &auml;ltere Sch&uuml;ler &ndash; w&auml;re (mangels Abrechnungsm&ouml;glichkeit) ohnehin ausgeschlossen, bestenfalls w&uuml;rden gr&ouml;&szlig;ere kommerzielle Nachhilfeanbieter davon profitieren. <\/p><p><strong>Chipkarte hat sich noch nirgends bew&auml;hrt<\/strong><\/p><p>In der Praxis hat sich ein solches Chipkartenmodell offenbar noch nirgendwo bew&auml;hrt. Das von der Bildungsministerin ins Gespr&auml;ch gebrachte <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/wo-ist-von-der-leyens-coole-karte-\/-\/1472596\/4538156\/-\/index.html\">schwedische Beispiel gibt es wohl gar nicht<\/a>. Im Bundesarbeitsministerium verweist man auf die sog. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2010-08\/gutscheine-hartz-IV-stuttgart\">Familiencard in Stuttgart<\/a> als Vorbild.<br>\nDie gibt es dort seit dem Jahr 2000, aber sie steht keineswegs nur den Kindern von Hartz IV-Familien, sondern Haushalten mit einem Bruttoeinkommen von bis zu 60.000 Euro zu. Insgesamt profitieren von dieser Familiencard 63 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren, so dass jedenfalls das Risiko einer Stigmatisierung weitgehend vermieden wird.<br>\nAndererseits hat man festgestellt, dass die 60 Euro (!) im Jahr vor allem f&uuml;r den Besuch von Schwimmb&auml;dern aufgebraucht werden, w&auml;hrend etwa Musikschulen (mit 0,25 Prozent) oder Sportvereine (mit 8,4 Prozent) nur <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/33\/33144\/1.html\">ganz wenig genutzt werden<\/a>. Davon profitierten also vor allem die kommunalen B&auml;der und vielleicht noch der Zoo, &bdquo;zielgenaue&ldquo; Bildungsf&ouml;rderung m&uuml;sste jedenfalls anders aussehen.<\/p><p><strong>Es ginge doch alles viel einfacher<\/strong><\/p><p>W&auml;re es da nicht viel einfacher, effizienter und zielgenauer, wenn man in den Kitas und in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen anb&ouml;te (und, wenn es denn sein muss, pauschal bei den Eltern abrechnete, die es sich leisten k&ouml;nnten)? W&auml;re es nicht viel treffgenauer, wenn an den Schulen (nachhelfender) F&ouml;rderunterricht in den relevanten F&auml;chern f&uuml;r schw&auml;chere Sch&uuml;ler eingerichtet w&uuml;rde (und, wenn es sein muss, die Lehrer Nachhilfeunterricht bei wem auch immer empfehlen, dessen Kosten Hartz-Familien beim Jobcenter abrechnen k&ouml;nnten). K&ouml;nnte man nicht f&uuml;r Sportvereine &bdquo;Anreize&ldquo; schaffen, solchen Kindern einen &bdquo;Sportgutschein&ldquo; ausstellen, den sie bei den Vereinen einl&ouml;sen k&ouml;nnten. (Bei den privaten Arbeitsvermittlern geht das doch auch.)<br>\nAllen Fachleuten vor Ort fielen noch viele M&ouml;glichkeiten ein, wie man die Probleme praktisch angehen k&ouml;nnte.<br>\nWo bleibt eigentlich in der christlich-liberalen Koalition das urliberale Denken, dass die individuellen Familien noch am besten Wissen, wie sie ihr Geld zielgenau einsetzen k&ouml;nnen?<br>\nAber nein, stattdessen muss ein B&uuml;rokratiemonster ins Leben gerufen werden, das &auml;hnlich wie bei Hartz endlose Debatten ausl&ouml;st und unendliche politische und administrative Energien bindet, die nur davon ablenken, das grundlegende Problem anzugehen, n&auml;mlich Strukturen zu schaffen, die Armut m&ouml;glichst vermeiden.<\/p><p><strong>Kann Sozialpolitik das Versagen der Bildungspolitik ausgleichen?<\/strong><\/p><p>Bemerkenswert ist die Ank&uuml;ndigung von Frau von der Leyen, dass bed&uuml;rftige Kinder und Jugendliche <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47404\/2010__08__18__neugestaltung__grundsicherung.html\">&bdquo;ab dem 1. Januar 2011 einen Rechtsanspruch auf individuelle Bildungsf&ouml;rderung&ldquo;<\/a> h&auml;tten. Im Umkehrschluss muss man fragen, gibt es diesen Rechtsanspruch auf individuelle Bildungsf&ouml;rderung und zwar <strong>f&uuml;r alle<\/strong> Kinder und Jugendlichen bisher eigentlich nicht? Ist es nicht  gerade die Aufgabe der Schulen Bildung auch und gerade individuell zu f&ouml;rdern?<br>\nSoll also k&uuml;nftig die F&ouml;rderung von Kindern &bdquo;die nicht mitkommen&ldquo; (von der Leyen) generell &uuml;ber private Nachhilfe abgedeckt werden?  Wird nun angesichts des Kooperationsverbotes im Bereich der Bildung zwischen Bund und L&auml;ndern, eine Bundeszust&auml;ndigkeit zur F&ouml;rderung der Schulbildung statt &uuml;ber das Bundesbildungsministerium durch das Sozialministerium durch die Hintert&uuml;r eingef&uuml;hrt? <\/p><p>Wenn die gro&szlig;spurige Ank&uuml;ndigung der Sozialministerin auf individuelle Bildungsf&ouml;rderung ernst genommen w&uuml;rde, warum werden dann nicht auf dem direkten Weg mehr Ganztagsschulen (mit Schulessen) eingef&uuml;hrt? Ist die dramatische Zunahme von Nachhilfeunterricht nicht ein ernsthaftes Warnzeichen daf&uuml;r, dass in den Schulen Einiges falsch l&auml;uft? Warum gibt es nicht mehr F&ouml;rderunterricht f&uuml;r Leistungsschwache (und Leistungsstarke) oder Hausaufgabenbetreuung? Warum gibt es nicht mehr Musik- und Sport oder gar Freizeitangebote an den Schulen durchaus in Kooperation mit Musikschulen, Sportvereinen oder anderen Jugendfreizeiteinrichtungen? Warum wird nicht die Stellenausstattung von Schulen &ndash; wie in der Schweiz &ndash; an sozialen Indizes orientiert? <\/p><p>Mit solchen &bdquo;bildungspolitischen&ldquo; Ma&szlig;nahmen w&auml;re <strong>allen<\/strong> Kindern und Jugendlichen geholfen, statt &uuml;ber die &bdquo;Sozialpolitik&ldquo; allgemeine Bildungsdefizite f&uuml;r eine gesetzlich erfasste Gruppe von Transferempf&auml;ngern notd&uuml;rftig und &uuml;ber komplizierte Umwege &ndash; von denen niemand wei&szlig;, ob sie begehbar sind oder begangen werden &ndash; zu kompensieren. <\/p><p><strong>Bildungspolitische Kapitulationserkl&auml;rung<\/strong><\/p><p>Hinter dem &bdquo;Bildungspaket f&uuml;r Kinder und Jugendliche&ldquo; verbirgt sich letztlich eine bildungspolitische Kapitulationserkl&auml;rung: N&auml;mlich das Eingest&auml;ndnis, dass diese Regierung den Rechtsanspruch auf individuelle Bildungsf&ouml;rderung gegen&uuml;ber den allgemeinen staatlichen Bildungseinrichtungen nicht mehr erf&uuml;llt sieht und auf absehbare Zeit auch nicht erf&uuml;llbar betrachtet. Statt &uuml;ber allgemeine Steuereinnahmen das Bildungswesen von den Kitas bis zu den Hochschulen auf einen internationalen Standard zu bringen, versucht man nun soziale Byp&auml;sse zu legen, um den Patienten am Leben zu halten. Und das wird dann noch als <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47370\/2010__08__16__spiegel.html\">&bdquo;effizient eingesetztes Steuergeld&ldquo;<\/a> verkauft. <\/p><p><strong>V&ouml;llige &Uuml;berforderung der Jobcenter<\/strong><\/p><p>Von der Leyen hat wohl selbst erkannt, dass die &bdquo;Bildungschipkarte&ldquo; allein nicht zum Erfolg f&uuml;hren kann. Deshalb hat sie nun eine v&ouml;llig neue Bildungsf&ouml;rderungseinrichtung, jenseits der klassischen Bildungsinstitutionen erfunden: die Jobcenter.<br>\nEinen <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47406\/property=pdf\/2010__08__18__praesentation__bildungspaket.pdf\">&bdquo;Kulturwechsel&ldquo; [PDF &ndash; 2.3 MB]<\/a> im Jobcenter m&uuml;sse es geben, sie sollen als neue Aufgabe, &bdquo;die gezielte F&ouml;rderung hilfsbed&uuml;rftiger Kinder in den Bereichen Bildung und Teilhabe&ldquo; bekommen. So einfach, par ordre de mufti! <\/p><p>Es lohnt sich die schicke <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47406\/property=pdf\/2010__08__18__praesentation__bildungspaket.pdf\">Pr&auml;sentation des Bundessozialministeriums [PDF &ndash; 2.3 MB]<\/a> einmal anzusehen. Man erkennt sofort, da waren Beratungs-Profis am Werk. (Man m&ouml;chte zu gerne wissen, ob es nicht McKinsey war.)  Wie einstmals bei der Pr&auml;sentation der Hartz-Reformen wird da &uuml;ber &bdquo;Funktions- und Servicestellen&ldquo;, &uuml;ber &bdquo;B&uuml;ndnisse vor Ort&ldquo;, &uuml;ber &bdquo;Vernetzung&ldquo;, &uuml;ber &bdquo;Basispakete&ldquo; und &bdquo;Akteure&ldquo; fabuliert und schlie&szlig;lich kommt zum &bdquo;Fallmanager&ldquo; im Jobcenter nun noch der &bdquo;Familienlotse&ldquo;. So stellen sich die Betriebswirte in den Politikberaterfirmen Bildungsf&ouml;rderung vor. <\/p><p>Haben die Hartz IV-Empf&auml;nger bisher nur mit ihren &bdquo;Fallmanagern&ldquo; ihre bitteren Erfahrungen sammeln m&uuml;ssen und sitzen noch immer ohne Job da (sonst m&uuml;ssten sie sich ja nicht beim Jobcenter regelm&auml;&szlig;ig einfinden), jetzt m&uuml;ssen sie auch noch vom &bdquo;Familienlotsen&ldquo; ihre Kinder steuern lassen. Der Sachbearbeiter der im Jobcenter mit dieser Lotsenfunktion betraut wird, muss ein wirklicher Tausendsassa sein: Er ist &bdquo;Informationsdrehscheibe&ldquo;, &bdquo;Experte f&uuml;r kinderspezifische Bildungsangebote vor Ort&ldquo;, &bdquo;Netzwerker zu den kommunalen Vereinen&ldquo; und dazu noch &bdquo;Berater in Kinder-Belangen f&uuml;r die anderen Mitarbeiter&ldquo; im Jobcenter. Ein Anforderungskatalog, dem nicht einmal der beste Leiter eines Jobcenters gewachsen w&auml;re. <\/p><p>Die lustigen Bildchen in der Pr&auml;sentation verharmlosen, welche zus&auml;tzliche B&uuml;rokratie da aufgebaut werden soll. Wenn man sich das (selbst eingestandene) Chaos bei der Arbeitsagentur, die &Uuml;berf&uuml;lle an zu bearbeitenden Fallzahlen f&uuml;r den einzelnen Mitarbeiter, die Fehlschl&auml;ge bei den Qualifzierungs- und Weiterbildungsma&szlig;nahmen im Kerngesch&auml;ft der Jobcenter bei der Arbeitslosenvermittlung vor Augen h&auml;lt, kann einem bei der &Uuml;bertragung der Komplexit&auml;t und der Vielzahl von zus&auml;tzlichen Aufgaben mit den weit anspruchvolleren Aufgaben zur Er&ouml;ffnung von mehr Lebenschancen f&uuml;r Kinder und Jugendliche nur noch Angst und Bange werden. Es fehlt eigentlich nur noch die Sanktionsm&ouml;glichkeit mit der K&uuml;rzung des &bdquo;Basisgeldes&ldquo;, um die Kinder von Hartz IV-Familien zum Blockfl&ouml;ten-Unterricht zu zwingen, weil bei der &ouml;rtlichen Musikschule zuf&auml;llig ein Platz freigeworden ist.<br>\nDieses ganze Konzept eignet sich eher als Parodie, denn als ernsthaftes F&ouml;rderangebot.<\/p><p><strong>Abkehr vom Sozialstaat zu einer Art Kommunitarismus<\/strong><\/p><p>Frau von der Leyen ist klug genug zu wissen, dass ihr &bdquo;Bildungspaket&ldquo; mit den ihr vom Finanzminister zugestandenen 480 Millionen pro Jahr nicht im Ansatz auf die Beine zu stellen ist. Ein Gro&szlig;teil dieser Mittel geht schon in (private) Beratungsleistungen f&uuml;r die Entwicklung und Umsetzung, ein weiterer Teil d&uuml;rfte vom Anbieter und Entwickler der &bdquo;Bildungskarte&ldquo; kassiert werden, bis dann endlich auch ein paar Euro bei den Betroffenen ank&auml;men. <\/p><p>Deshalb z&auml;hlt sie <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/portal\/47370\/2010__08__16__spiegel.html\">&bdquo;bei diesem entscheidenden Zukunftsthema auch auf die Kraft der B&uuml;rgergesellschaft&ldquo;<\/a>. Sie sei zuversichtlich, dass man die gro&szlig;en Stiftungen, die Wirtschaft, aber auch private Spender daf&uuml;r gewinnen k&ouml;nne, bei dieser gro&szlig;en Bildungsaufgabe mitzumachen. <\/p><p>Vielleicht sollte Frau von der Leyen das Bundesverfassungsgerichtsurteil doch noch einmal genauer studieren. Dort hei&szlig;t es: <em>&bdquo;Ein Hilfebed&uuml;rftiger darf nicht auf freiwillige Leistungen des Staates oder Dritter verwiesen werden, deren Erbringung nicht durch ein subjektives Recht des Hilfebed&uuml;rftigen gew&auml;hrleistet ist.&ldquo;<\/em> (Rdnr. 136)<br>\nStatt den laut Bundesverfassungsgericht grundgesetzlichen Anspruch an den Staat und damit letztlich an den Steuerzahler zu erf&uuml;llen, wird in dem Konzept auf die &bdquo;Hilfe der Zivilgesellschaft&ldquo; verwiesen.<\/p><p>An dieser Stelle zeigt sich &ndash; einmal mehr &ndash; der schleichende Leitbildwechsel vom Sozialstaat zum <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915\/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">sloterdijkschen Staat als bettelndem Almosenempf&auml;nger<\/a>. Das war schon bei den bei den Programmen &bdquo;Lernen vor Ort&ldquo; oder bei dem sog. <a href=\"?p=4307\">&bdquo;nationalen Stipendienprogramm&ldquo;<\/a> und in vielen anderen Politikfeldern auch zu erkennen. Aus Angst an den Kosten der Chipkarte h&auml;ngen zu bleiben bl&auml;st auch der Deutsche St&auml;dtetag in dieses Horn. <\/p><p>Immer geht es darum, dass der Staat erkennt, dass er seine Aufgaben nicht mehr erf&uuml;llen kann und sie aufgrund des Steuersenkungsdogmas auch k&uuml;nftig nicht wird wieder erf&uuml;llen k&ouml;nnen. In dieser Zwangssituation und in F&auml;llen, wo es auch keine M&ouml;glichkeit gibt Geb&uuml;hren f&uuml;r Leistungen zu erheben, ruft die Politik nach privaten M&auml;zenen, die aushelfen sollen. Selbst wenn es ausreichend Spender g&auml;be, so wird damit eine schlichte Tatsache nicht aus der Welt ger&auml;umt: Der Spender zahlt f&uuml;r das, was er f&uuml;r richtig h&auml;lt. Das hei&szlig;t aber, die Priorit&auml;tensetzung und die Ausgestaltung von Angeboten erfolgt durch Private und nicht mehr durch den demokratisch legitimierten Gesetzgeber. Und ob solche privat gesponserten Programme verl&auml;sslich und dauerhaft sind, ist eine v&ouml;llig offene Frage. (Wo bleibt etwa, die Sanktion, wenn eine Spende nicht mehr flie&szlig;t.) <\/p><p>Immer h&auml;ufiger sto&szlig;en wir auf solche Entstaatlichungsmuster, so etwa wenn die Energiewirtschaft an den Staat einen Ablass f&uuml;r die Verl&auml;ngerung der Laufzeit der Atomkraftwerke bezahlen m&ouml;chte, um einer gesetzlichen Abgabe zu entkommen.<br>\nMan k&ouml;nnte diese Entwicklung als &Uuml;bergang vom Wohlfahrtsstaat zu einer Art Kommunitarismus nennen. Die gesellschaftswissenschaftliche Theorie des Kommunitarismus bestreitet &ndash; &auml;hnlich wie der Liberalismus &ndash; die Leistungskraft staatlicher Angebote und setzt stattdessen auf die Hilfe zur Selbsthilfe etwa dadurch, dass Kinderg&auml;rten, Schulen und Kinderg&auml;rten von den B&uuml;rgern selbst organisiert werden sollen. Das ist eine klare Abkehr vom Subsidiarit&auml;tsprinzip der katholischen Soziallehre, dem sich doch in ihren Parteiprogrammen die sich christlich nennenden Parteien doch angeblich so verpflichtet f&uuml;hlen. <\/p><p>An diesem &bdquo;Bildungspaket&ldquo; w&uuml;rden wir alle schwer zu tragen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lassen wir uns nichts vormachen, hinter dem mit viel &ouml;ffentlichem Wirbel angek&uuml;ndigten &bdquo;Bildungspaket f&uuml;r Kinder und Jugendliche&ldquo; stehen folgende Pr&auml;missen:<\/p>\n<ul>\n<li>das (Vor-)Urteil, dass die Hartz IV beziehende Eltern das Sozialgeld, das sie f&uuml;r ihre Kinder bekommen, (um es mit den besch&ouml;nigenden Worten der Sozialministerin zu sagen) nicht &bdquo;zielgenau&ldquo; f&uuml;r &bdquo;mehr Bildung&ldquo;, f&uuml;r &bdquo;mehr soziale Integration&ldquo;,<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6542\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,186,140],"tags":[792,308,793,214,626],"class_list":["post-6542","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-bundesverfassungsgerichtverfassungsgerichtshof","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","tag-bildungspaket","tag-existenzminimum","tag-lohnabstandsgebot","tag-regelsatz","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6542","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6542"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6542\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6545,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6542\/revisions\/6545"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6542"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6542"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6542"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}