{"id":65436,"date":"2020-10-03T12:47:51","date_gmt":"2020-10-03T10:47:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65436"},"modified":"2020-10-03T13:45:04","modified_gmt":"2020-10-03T11:45:04","slug":"zur-deutschen-einheit-die-sozialen-folgen-der-system-transformation-in-deutschland-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65436","title":{"rendered":"Zur Deutschen Einheit: Die sozialen Folgen der System-Transformation in Deutschland und Russland"},"content":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her wurden Kerzen in die Fenster gestellt f&uuml;r die &bdquo;Br&uuml;der und Schwestern&ldquo; in dem trostlosen Land mit dem Namen DDR. So beruhigten wir unser christliches Gewissen. Wo ist das christliche Gewissen heute, wo die Ostdeutschen faktisch B&uuml;rger zweiter Klasse sind? Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEnde der 1950er Jahre stellten meine Eltern an manchen Tagen abends brennende Kerzen ins Fenster. Ich war damals f&uuml;nf Jahre alt und kann mich daran erinnern. Viele stellten damals in Westdeutschland abends Kerzen in die Fenster. Und wir Kinder stellten uns vor, die Kerzen w&uuml;rde von unseren, &bdquo;in der DDR eingekerkerten, deutschen Br&uuml;dern und Schwestern&ldquo; gesehen.<\/p><p>Praktischen Nutzen hatten diese Kerzen f&uuml;r die Ostdeutschen nicht. Sie gaben uns Westdeutschen aber ein Gef&uuml;hl, auf der besseren Seite der Welt zu leben. Die Kerzen dienten auch zur Beruhigung unseres christlichen Gewissens. Denn wir lebten ja &ndash; unter anderem dank US-amerikanischer &bdquo;Wirtschaftshilfe&rdquo; &ndash; besser als die Ostdeutschen, bei denen es an vielen Waren mangelte.<\/p><p>Ab 1990 war es mit dem Bangen um die &ldquo;Br&uuml;der und Schwestern&rdquo; in der DDR schlagartig vorbei. Nun mussten sie sich von einer deutlich schlechteren Start-Position &ndash; ohne gro&szlig;e Erbschaften, Netzwerke und eigene Industriebetriebe &ndash; im Kapitalismus westdeutscher Art bew&auml;hren. Fast alle gro&szlig;en Industriebetriebe der DDR wurde von westdeutschen Verwaltern wegen &ldquo;Ineffektivit&auml;t&rdquo; geschlossen und f&uuml;r wenig Geld an westdeutsche Firmen verkauft.<\/p><p><strong>&bdquo;Wie geht es unseren Leuten?&ldquo;<\/strong><\/p><p>Als ich in den 1990er Jahren durch Wei&szlig;russland und die Ukraine fuhr, haben oft Menschen gefragt, &bdquo;wie geht es denn unseren Leuten&ldquo;? Gemeint waren die B&uuml;rger aus den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas. &bdquo;Leben sie besser?&ldquo; <\/p><p>Ich hielt mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg und sagte, dass die westdeutschen Eliten die Ostdeutschen nicht als gleichberechtigte B&uuml;rger in den nun gemeinsamen Staat aufnehmen. Viele reagierten auf meine Erz&auml;hlung mit entt&auml;uschten Blicken. So gerne h&auml;tten sie ein sch&ouml;nes M&auml;rchen geh&ouml;rt, wie Menschen ohne gro&szlig;es Eigentum eine Chance im Westen bekommen.<\/p><p>Einige Ostdeutsche schafften es, Karriere zu machen. Zu ihnen geh&ouml;rt der letzte Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel, jetzt ein erfolgreicher Rechtsanwalt. Diestel ist zwar Mitglied der CDU, aber er hat seine Ostdeutschen nicht vergessen. Vor kurzem hat er <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/peter-michael-diestel-jeder-helle-kopf-wurde-mit-stasi-vorwuerfen-plattgemacht-li.108168?fbclid=IwAR3DU1LytHJyZNvWMmNkqH9k-RN1Xsjj7DRj5xf5tuLBOz4OHPYtxkehIVw\">in der Berliner Zeitung anhand von Zahlen gezeigt<\/a>, dass die Ostdeutschen im vereinigten Deutschland faktisch Menschen zweiter Klasse sind:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gibt unter den 200 deutschen Botschaftern und den 500 Gener&auml;len nicht einen einzigen Ostdeutschen. Von 84 Universit&auml;ten und Hochschulen in Deutschland wird nicht eine von Ostdeutschen geleitet. In den ostdeutschen Landeshauptst&auml;dten kommen 90 Prozent aller Staatssekret&auml;re, Abteilungsleiter, Hauptabteilungsleiter aus dem Westen, fast 100 Prozent sind es in Brandenburg. Nicht ein einziger Ostdeutscher ist in den Alt-Bundesl&auml;ndern Staatssekret&auml;r, Hauptabteilungsleiter, Minister. Wir haben f&uuml;nf Oberlandesgerichte, die mit Altbundesdeutschen besetzt sind. Das ist verfassungswidrig. Sogar die Nazis, die sich bei uns im Osten breitmachen, kommen aus dem Westen. Gauland in Potsdam, H&ouml;cke in Th&uuml;ringen. Alles Leute, die im Westen nichts geworden sind.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ich lebe in Russland und mir f&auml;llt auf, dass in den russischen Medien &uuml;ber das Schicksal der Ostdeutschen kaum berichtet wird. Warum? Ich vermute, die F&uuml;hrung Russlands und die russischen Medien schonen Deutschland. Man will niemanden ver&auml;rgern und die wichtigen Wirtschaftsbeziehungen nicht st&ouml;ren. <\/p><p>Die Frage nach dem Schicksal der Ostdeutschen w&uuml;rde auch zwangsl&auml;ufig die Frage aufwerfen, welche sozialen Folgen die System-Transformation in Russland bis heute hat. Es entstand eine Schicht superreicher Russen, die auf oft nicht-legalem Wege zu einem Riesenverm&ouml;gen kamen. Obwohl Putin die Wirtschaftsentwicklung in den 2000er Jahren in stabile Bahnen gelenkt hat, gibt es in Russland bis heute keine entwickelte Mittelschicht. Zwanzig Millionen Russen &ndash; 13 Prozent der Bev&ouml;lkerung &ndash; <a href=\"https:\/\/www.rbc.ru\/economics\/18\/09\/2020\/5f64ba649a794707f1dd59d1\">leben heute an der Armutsgrenze<\/a>. Der Einkommensteuersatz f&uuml;r alle Russen &ndash; egal ob Milliard&auml;r oder Bauarbeiter &ndash; liegt bei 13 Prozent und der Kreml macht keine Anstalten, daran etwas zu &auml;ndern. Die Forderung der KPRF und anderer Linker nach einer progressiven Einkommensteuer verhallt im Kreml.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann man sich &uuml;ber die deutsche Einheit freuen. F&uuml;r die Russen ist es die nat&uuml;rlichste Sache der Welt, dass sich die Deutschen vereinigt haben. Selbst jetzt, wo die Bundesregierung und die deutschen &bdquo;Leitmedien&ldquo; gegen Russland Attacken f&uuml;hren, gibt es in Russland keine antideutsche Stimmung. <\/p><p>Als Kind guckte ich in den flackernden Kerzenschein und stellte mir vor, in welch dunklem Land die &bdquo;Br&uuml;der und Schwestern&ldquo; in der DDR leben. 60 Jahre sp&auml;ter wird &ndash; wie damals &ndash; am Bild des &bdquo;dunklen Landes&ldquo; &ndash; diesmal ist es Russland &ndash; gemalt. Eine bessere Ablenkung von den Problemen in Deutschland gibt es nicht.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/fb7ce6f360a047cca1ebe7f84074b8ae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her wurden Kerzen in die Fenster gestellt f&uuml;r die &bdquo;Br&uuml;der und Schwestern&ldquo; in dem trostlosen Land mit dem Namen DDR. So beruhigten wir unser christliches Gewissen. Wo ist das christliche Gewissen heute, wo die Ostdeutschen faktisch B&uuml;rger zweiter Klasse sind? 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