{"id":65586,"date":"2020-10-08T11:11:16","date_gmt":"2020-10-08T09:11:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65586"},"modified":"2020-10-08T13:57:00","modified_gmt":"2020-10-08T11:57:00","slug":"der-angriff-auf-das-armenische-karabach-wie-der-westen-den-konflikt-am-kochen-haelt-und-die-tuerkei-fuer-seine-geopolitischen-zwecke-missbraucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65586","title":{"rendered":"Der Angriff auf das armenische Karabach \u2013 wie der Westen den Konflikt am Kochen h\u00e4lt und die T\u00fcrkei f\u00fcr seine geopolitischen Zwecke missbraucht"},"content":{"rendered":"<p>Im aktuellen Konflikt auf dem Kaukasus geht es nicht nur um regionale, sondern auch und vor allem um geopolitische Fragen. <strong>Hans-Joachim D&uuml;bel<\/strong> analysiert f&uuml;r die NachDenkSeiten die geopolitische Dimension und f&uuml;hrt unsere Leser dabei gleich mit in die Vorgeschichte des Konflikts ein. Sein besonderer Fokus liegt dabei auf der T&uuml;rkei und ihre Rolle f&uuml;r den Westen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9898\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-65586-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=65586-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201008_Der_Angriff_auf_das_armenische_Karabach_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zun&auml;chst zu meiner Person: Ich bin ehemaliger Weltbankmitarbeiter und arbeite als Wohnungsbau- und Finanzsektorexperte seit 25 Jahren sowohl mit der T&uuml;rkei als auch Armenien, dar&uuml;berhinaus in jedem Land um die T&uuml;rkei herum, auf dem Balkan, im gesamten Nahen Osten sowie in Zentralasien. Ich verfolge die ethnischen und politischen Konflikte an der muslimisch-orthodoxen, teils t&uuml;rkisch-slawischen Bruchlinie zwischen Bihac im Westen und Alma Ata im Osten intensiv. Am Tag nach dem serbischen Massaker an bosnischen Muslimani in Srebrenica 1995 habe ich in einem Brief an den Generalinspekteur der Bundeswehr den Wehrdienst in der feige danebenstehenden NATO nachtr&auml;glich verweigert. Ich war &ndash; trotz erheblicher Bauchschmerzen aufgrund der gut begr&uuml;ndeten historischen serbischen Anspr&uuml;che und betroffenen serbischen Minderheit &ndash; damals f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit des Kosovo.<\/p><p><strong>Der armenische Anspruch auf Berg-Karabach<\/strong><\/p><p>Trotz oder gerade wegen dieser Vorgeschichte sage ich: Die Armenier, die 90% ihres Siedlungsgebietes nach dem V&ouml;lkermord von 1915 bis zum Jahr 1922 an die T&uuml;rkei verloren haben, haben ein Recht darauf, das wenige Land im niederen Kaukasus, das ihnen noch bleibt, zu sch&uuml;tzen. Und dazu geh&ouml;rt Berg-Karabach, das seit 2.500 Jahren von Armeniern bewohnt wird, als die T&uuml;rken noch als Nomaden durch die Steppe Zentralasiens ritten und die Deutschen in primitiven Holzh&uuml;tten lebten. Die herrlichen Kl&ouml;ster dieser Landschaft sind <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aII3opMJPbo\">beredtes Zeugnis der uralten armenischen Geschichte<\/a>. Anders als im Kosovo oder in der benachbarten aserbaidschanischen Exklave Naschitschevan haben sich in Berg-Karabach &uuml;ber die Jahrhunderte keine massiven ethnischen Verschiebungen zugunsten der t&uuml;rkischen bzw. muslimischen Seite eingestellt. <\/p><p>Aus v&ouml;lkerrechtlicher Sicht ist der Ausgangszeitraum des Karabach-Konfliktes nicht der des Zerfalls der Sowjetunion um 1990 mit dem Ergebnis von Massakern (wie 1915-1917 vor allem an Armeniern), dem Berg-Karabach-Krieg (mit dem Ergebnis einer hohen Zahl von Vertriebenen auf beiden Seiten) und der Erkl&auml;rung der Unabh&auml;ngigkeit der Republik Berg-Karabach, sondern die fr&uuml;hen 1920er Jahre und hier insbesondere das Jahr 1923. Die Annexion von Berg-Karabach durch Aserbaidschan wurde in diesem Jahr vom damaligen Kommissar f&uuml;r die Nationalit&auml;ten der Sowjetunion, dem Georgier Josef Wissarionowitsch Stalin, vorangetrieben. Zu den Motiven Stalins geh&ouml;rten dubiose Versprechen sowie unfaire Vertr&auml;ge an bzw. mit der T&uuml;rkei, mit denen Moskau die Armenier bereits seit dem armenisch-t&uuml;rkischen Krieg von 1920 im Nachgang zum von Deutschland erzwungenen Frieden von Brest-Litowsk von 1917 hintergangen hatte, sowie sein Kalk&uuml;l, dass beide Republiken und die V&ouml;lker der Armenier und Aseris, ethnische T&uuml;rken, durch den ungel&ouml;sten Konflikt auf ewig gegeneinander k&auml;mpfen und damit Moskau das Regieren erleichtern w&uuml;rden. Dieser Ansatz des &bdquo;Teile und Herrsche&ldquo; durch Zuschlagen einzelner Gebiete an den jeweiligen Todfeind ist auch anderswo in der Sowjetunion verfolgt worden, so etwa im Fall von Georgien und Ossetien, das 1920 seine Unabh&auml;ngigkeit erkl&auml;rt hatte, oder im Fergana-Tal mit der usbekisch besiedelten Stadt Osch, die man Kirgisien zuschlug. <\/p><p>F&uuml;r Aserbaidschan kann aus der stalinistischen Annexion von 1923 kein v&ouml;lkerrechtlicher Anspruch auf das armenisch besiedelte Gebiet von Berg-Karabach entstehen. Die Aseris, die im Berg-Karabach-Krieg aus den nach 1923 angelegten Wehrd&ouml;rfern rund um das armenische Berggebiet vertrieben wurden, haben zwar ein Recht auf R&uuml;ckkehr. Auch ist ein Gebietsaustausch von nicht zu Berg-Karabach geh&ouml;rigem Territoritium Aserbaidschans, das armenisch besetzt wurde, zu recht Thema von Verhandlungen zwischen Aserbaidschan und Armenien. Aber eine Wiedereingliederung von Berg-Karabach in den Staat Aserbaidschan kann aus v&ouml;lkerrechtlicher Sicht nicht zur Debatte stehen.<\/p><p><strong>Die Rolle des Westens<\/strong><\/p><p>Warum also erkennt der Westen, dessen Regierungen von Juristen dominiert werden, die eindeutige Rechtslage zugunsten des armenischen Anspruchs &uuml;ber Berg-Karabach nicht an und verteidigt einen stalinistischen Unrechtsakt? <\/p><p>Die Antwort ist, wie fast immer, wenn das V&ouml;lkerrecht bedenkenlos gebrochen wird, Geopolitik: Die politische Situation, die aus der Abspaltung von Berg-Karabach entstanden ist, wird heute von Washington und London, sowie deren Mitl&auml;ufern in Berlin, genutzt, um die Konflikte im Kaukasus im Allgemeinen am Kochen zu halten und Moskau &uuml;ber seine Proxies in Ankara und Baku anzugreifen. Es geht wirtschaftlich um &Ouml;l- und Gas-Pipelines n&ouml;rdlich und s&uuml;dlich des gro&szlig;en Kaukasus. Es geht um die gro&szlig;e geopolitische Ost-West-Achse, die durch Tiflis und Baku mitten ins Halford Mackinders&lsquo; Herzland der Geopolitik, nach Zentralasien, verl&auml;uft und sich dort mit der Nord-S&uuml;d-Achse zwischen Moskau, Teheran und Baghdad kreuzt. <\/p><p>Jede Erstarkung Armeniens, und sei es durch noch so kleine und unbedeutende Gebietsver&auml;nderungen, ist da im Weg, selbst wenn der aktuelle Pr&auml;sident in Eriwan f&uuml;r eine politische Ann&auml;herung des Landes an den Westen steht. Wer von dort aus die wenigen Kilometer zum traumhaft sch&ouml;nen Kloster Khor Virap f&auml;hrt, steht inmitten dieses geopolitischen Konfliktes an einer Grenze zwischen Armenien und der T&uuml;rkei, die undurchdringlicher ist, als es die innerdeutsche Grenze von 1961-1989 je war &ndash; mit Schie&szlig;befehl, aber ohne jeden Grenzverkehr und mit gegenseitiger Totalblockade. Die Armenier k&ouml;nnen nur sehns&uuml;chtig auf ihren heiligen Berg, den Ararat, oder weiter n&ouml;rdlich ihre alte Hauptstadt Ani, die beide auf t&uuml;rkischem Gebiet liegen, blicken &ndash; dorthin fahren k&ouml;nnen sie nicht. Dass dies so ist und bleibt, ist politisch im Westen so gewollt.<\/p><p>Ich kann dies pers&ouml;nlich best&auml;tigen, weil ich die Haltung vor allem aus Londoner Kreisen aus erster Hand kenne. Ich habe vor einem Jahrzehnt, nach dem Kosovo-Krieg, der zu dem von Serbien nicht anerkannten Ergebnis f&uuml;hrte, einen Kommentar geschrieben, in dem ich einen &sbquo;Kosovo-Karabach-Tausch&lsquo; vorschlug, d.h. einen Interessenausgleich zwischen der t&uuml;rkisch-muslimischen und der slawisch-orthodoxen Seite, verl&auml;ngert in die nicht-slawischen Gebiete des Kaukasus, durch den Austausch umstrittener Gebiete an mehreren Orten. Solche Austausche mit dem Ziel eines dauerhaften Friedens sind lange diplomatische Tradition. Sie sind eine wirtschaftliche Notwendigkeit f&uuml;r die betroffenen L&auml;nder. Serbien und der Kosovo haben dies inzwischen verstanden und in den letzten Jahren, 15 Jahre nach dem Krieg, die Verhandlungen &uuml;ber den Austausch von Gebieten weit vorangetrieben.<\/p><p>Die Antwort, die damals vom Londoner Economist kam, den man, ohne ihm zu nahe zu treten, als Sprachrohr der britischen Regierung und ihrer Geopolitiker in Milit&auml;r und Geheimdiensten bezeichnen kann, war ein Artikel, den man in einem Wort zusammenfassen kann &ndash; NEIN. Geschrieben war er von einem Redakteur, der aus einer hochrangigen britischen Milit&auml;rfamilie stammt. Und die Antwort von NATO und EU auf die weit fortgeschrittenen Verhandlungen mit Serbien und dem Kosovo ist, wie wir wissen, ebenfalls ein NEIN. <\/p><p>Der aserbaidschanisch-armenische Konflikt h&auml;tte also schon vor Jahrzehnten mit einfachen diplomatischen Mitteln gel&ouml;st werden k&ouml;nnen, die noch F&uuml;rst Bismarck auf der Berliner Konferenz von 1878 beherrschte. Aber es besteht offenbar im Westen kein Interesse daran, dies zu erm&ouml;glichen. Die Opfer sind die Menschen in Armenien und Aserbaidschan, die man mit falschen &sbquo;Vermittlungs&rsquo;formaten wie der Minsk-Gruppe, die keine tats&auml;chlichen Friedensl&ouml;sungen hervorbringen, propagandisiert und in den Hinterzimmern &uuml;ber Waffenlieferungen und dazugeh&ouml;rige politische Allianzen weiter aufeinander loshetzt, anstatt Frieden zu schaffen. Dies geht bis hin zur Absurdit&auml;t, dass Israel, das Land, in dem die &Uuml;berlebenden des Holocausts eine Heimat fanden, heute Hauptwaffenlieferant Aserbaidschans ist, das mit diesen Waffen die armenischen &Uuml;berlebenden eines weiteren V&ouml;lkermords angreift.<\/p><p><strong>Der Missbrauch der T&uuml;rkei<\/strong><\/p><p>Die T&uuml;rkei, die die Angriffe Aserbaidschans auf Armenien milit&auml;risch koordiniert und damit aktiv eingreift, weil sich das aserbaidschanische Milit&auml;r in der Vergangenheit als unf&auml;hig erwiesen hatte und von den Armeniern stets geschlagen worden war, steht in der aktuellen Krise einmal mehr als Aggressor da. Dabei darf nicht au&szlig;er Acht gelassen werden, dass der spr&uuml;hende Nationalismus und vor allem Islamismus, der den t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Erdogan zum Angriff auf das christliche Armenien und Berg-Karabach antreibt, das Ergebnis eines geopolitischen Kalk&uuml;ls ist. Die Aggressoren agieren aus dem Hintergrund.<\/p><p>Noch vor der Gr&uuml;ndung Israels im Jahr 1948 hatte die Kolonialmacht Gro&szlig;britannien die auf Sozialismus- und Panarabismuskurs befindliche arabische Welt durch die Schaffung des extremistischen wahabitisch-islamistischen K&ouml;nigreichs Saudi-Arabien 1924 erfolgreich gespalten. Dem folgte die amerikanisch gest&uuml;tzte Macht&uuml;bernahme des islamistischen Milit&auml;rmachthabers Zia ul-Haq im Jahr 1978 als &ouml;stlicher Eckpfeiler des Islamismus in der Region Pakistan. Saudi-Arabien und Pakistan hatten danach gemeinsam den von den USA und Gro&szlig;britannien geplanten Angriff auf das zentralasiatische, geopolitische Herzland Afghanistan vorgetragen und das Land in einen inzwischen 40-j&auml;hrigen B&uuml;rgerkrieg gest&uuml;rzt. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hatte Saudi-Arabien zudem den Westen in den Konflikten um die &Ouml;l- und Gaspipelinerouten im Kaukasus unterst&uuml;tzt, so vor allem in den auf einen Zerfall Russlands gerichteten Tschetschenienkriegen der 90er Jahre. In diesem Konflikt verdiente sich auch ein junger t&uuml;rkischer Islamist namens Recep Tayyip Erdogan seine ersten Sporen als Diener westlicher Interessen. Das Umdrehen der s&auml;kularen, kemalistischen T&uuml;rkei durch Erdogan und seine AKP-Partei in eine immer radikaler werdende islamische Republik seit 2003, die gegen fast alle ihre Nachbarstaaten Krieg f&uuml;hrt oder ihnen Krieg androht, ist angesichts der Vorg&auml;nger Saudi-Arabien und Pakistan kein Zufall, sondern intelligente geostrategische Planung.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] <\/p><p>Dabei liegt nichts weniger im nationalen politischen Interesse der T&uuml;rkei, als genau das weiter zu verfolgen, was sie &ndash; forciert unter Erdogan &ndash; mit ihren Nachbarn von Syrien &uuml;ber den Irak bis Armenien tut. Das Letzte, was ein rational regiertes Ankara wollen wird, ist eine ethnische S&auml;uberung von noch weiteren Armeniern nach einem &sbquo;erfolgreichen&lsquo; Angriff auf Berg-Karabach. Die Angriffe auf die u.a. von Fl&uuml;chtlingen des armenischen V&ouml;lkermords von 1915 bewohnten St&auml;dte in Nord-Syrien seit 2011 mit islamistischen Terrorgruppen, mit der Folge von schweren Verlusten in der Zivilbev&ouml;lkerung, haben dem Ansehen der T&uuml;rkei in der arabischen Welt und Teilen des Westens bereits massiv geschadet. Die aktuellen Wirtschaftssanktionen etwa Saudi-Arabiens gegen die T&uuml;rkei haben nicht nur mit dem Konflikt um den Mord an Jamal Kashoggi zu tun, sondern auch mit der fortw&auml;hrenden Besetzung arabischen Landes durch die T&uuml;rkei. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich klar gegen die T&uuml;rkei positioniert. In den arabischen L&auml;ndern sieht man die Interessen der Armenier und anderer im Konflikt mit der T&uuml;rkei befindlichen V&ouml;lker, die man in L&auml;ndern wie Libanon, Syrien und Jordanien in der Vergangenheit gro&szlig;z&uuml;gig aufgenommen hat, mit Sympathie.<\/p><p>Fairerweise muss man sagen, dass die T&uuml;rkei zur Unterst&uuml;tzung des islamistischen Terrors im Syrienkrieg vom Westen angestachelt wurde. Doch am Ende muss sich Ankara eingestehen, dass man dort in eine Falle gelockt wurde: der dauerhaften Zerst&ouml;rung der Beziehungen zu seinen Nachbarl&auml;ndern und der Verminderung seiner Rolle in einer Region, in der die T&uuml;rkei das Potential zu einer zentralen Wirtschafts- und Ordnungsmacht haben k&ouml;nnte. <\/p><p>Eine Wiederholung der Ereignisse Syriens in Armenien muss also f&uuml;r die T&uuml;rkei um jeden Preis vermieden werden. Die Folgen einer ethnischen S&auml;uberung der Armenier aus Berg-Karabach f&uuml;r den Ruf des Landes w&auml;ren anders als die von den Medien unter den Tisch gekehrten Ereignisse in Syrien, sie w&auml;ren verheerend und w&uuml;rden &uuml;ber Generationen anhalten. Nicht nur die T&uuml;r in die arabische Welt, auch diejenige zu Europa w&auml;re endg&uuml;ltig verschlossen. Wirtschaftliche Sanktionsma&szlig;nahmen w&auml;ren die zwingende Folge, die geeignet w&auml;ren, die bereits am Boden liegende t&uuml;rkische Wirtschaft endg&uuml;ltig zu zerst&ouml;ren. Die deutsche politische Position zu solchen Ma&szlig;nahmen, was auch immer aktuell die geopolitischen Fu&szlig;noten Washingtons und Londons, Merkel und Maas, sagen, w&uuml;rde sich in diesem Fall unter dem Druck der &Ouml;ffentlichkeit derjenigen Frankreichs ann&auml;hern, das seine Haltung zum Schutz der &Uuml;berreste des armenischen Landes unmissverst&auml;ndlich deutlich gemacht hat. <\/p><p>F&uuml;r die T&uuml;rkei stellt sich also die Frage, ob sie weiter auf der Seite derjenigen stehen will, die den Karabach-Konflikt fortsetzen wollen, um den Kaukasus weiter zu destabilisieren und Russland anzugreifen, oder ob sie den Konflikt l&ouml;sen will, um zur Entwicklung der Kaukasusregion und zu guten Beziehungen zu allen ihren Nachbarn beizutragen und damit ihre eigene Rolle in der erweiterten Region des Nahen Ostens zu st&auml;rken.<\/p><p>Die beste Chance f&uuml;r die T&uuml;rkei, und f&uuml;r den Frieden in der gesamten Region, ist dabei, den in geopolitischen Machtspielen verhafteten Westen soweit wie m&ouml;glich aus dem Konflikt um Karabach herauszuhalten und basierend auf einer vern&uuml;nftigen Interpretation des V&ouml;lkerrechts eine gemeinsame L&ouml;sung mit Russland zu finden. Au&szlig;enminister Lawrow, der wohl beste Au&szlig;enminister seiner Generation, ein Halb-Armenier, erscheint mir hier ein guter Ansprechpartner zu sein. Ob er dies mit oder ohne den Diener des Westens, Erdogan, sein wird, ist die gro&szlig;e Frage. Im nationalen Interesse der T&uuml;rkei ist eine solche regionale L&ouml;sung allemal. <\/p><p>Titelbild: MehmetO\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Secret-Affairs-Britains-Collusion-Radical\/dp\/1846687632\">Der britische Autor Mark Curtis hat diese bis ins 19. Jahrhundert zur&uuml;ckreichende Strategie des Aufbaus des Islamismus in einem hervorragenden Buch detailliert und kenntnisreich beschrieben<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im aktuellen Konflikt auf dem Kaukasus geht es nicht nur um regionale, sondern auch und vor allem um geopolitische Fragen. <strong>Hans-Joachim D&uuml;bel<\/strong> analysiert f&uuml;r die NachDenkSeiten die geopolitische Dimension und f&uuml;hrt unsere Leser dabei gleich mit in die Vorgeschichte des Konflikts ein. 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