{"id":65641,"date":"2020-10-11T11:45:12","date_gmt":"2020-10-11T09:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65641"},"modified":"2020-10-12T12:26:11","modified_gmt":"2020-10-12T10:26:11","slug":"die-autoritaeren-versuchungen-des-vw-konzerns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65641","title":{"rendered":"Die autorit\u00e4ren Versuchungen des VW-Konzerns"},"content":{"rendered":"<p>Trotz Zahlung von 5,5 Millionen Euro Reparationen an politisch verfolgte und gefolterte Angestellte in Brasilien lieb&auml;ugelt der Autobauer mit dem Bolsonaro-Regime. Unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen kritischen Blick auf die geschichtliche und aktuelle Aktivit&auml;t des VW-Konzerns in Brasilien geworfen. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4767\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-65641-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=65641-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201011-Die-autoritaeren-Versuchungen-des-VW-Konzerns-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eines Tages, w&auml;hrend der Schicht, kamen zwei M&auml;nner mit Maschinengewehren auf mich zu, dr&uuml;ckten die M&uuml;ndung einer der Waffen gegen meinen R&uuml;cken und legten mir Handschellen an. Ich wurde in das B&uuml;ro des VW-Werkschutzes abgef&uuml;hrt und dort gefoltert. Ich wurde zusammengeschlagen &ndash; unaufh&ouml;rlich geschlagen&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p><a href=\"https:\/\/brasil.elpais.com\/brasil\/2017\/12\/16\/politica\/1513381848_318409.html\">Urheber dieses Selbstzeugnisses<\/a> ist L&uacute;cio Bellentani, ein pensionierter, ehemaliger Angestellter von Volkswagen do Brasil, mit Sitz in S&atilde;o Bernardo do Campo bei S&atilde;o Paulo. &Auml;hnlich erging es allerdings mindestens einem Dutzend von gewerkschaftlich und politisch aktiven VW-Arbeitern, hunderte wurden bespitzelt, beschattet und bei der Milit&auml;rdiktatur denunziert. Bellentanis Fall ereignete sich im Juli 1972 w&auml;hrend der Milit&auml;rdiktatur, die Brasilien von 1964 bis 1985 beherrschte, geriet jedoch erst mehr als vierzig Jahre sp&auml;ter mit dem <a href=\"http:\/\/www.biblioteca.presidencia.gov.br\/publicacoes-oficiais\/catalogo\/dilma\/comissao-nacional-da-verdade-relatorio-volume_ii_2014.pdf\/@@download\/file\/Comiss%C3%A3o-nacional-da-verdade-relatorio-volume_II_2014.pdf\">Abschlussbericht<\/a> der von Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff (2011-2016) einberufenen Nationalen Kommission zur Wahrheitsfindung von Menschenrechtsverletzungen (CNV) in das &ouml;ffentliche Bewusstsein.<\/p><p>Es brauchte sechs Jahre nach Ver&ouml;ffentlichung des Berichts und mehr als vierzig Jahre nach dem brutalen Vorgehen des Werkschutzes von VW do Brasil und seiner erwiesenen Zusammenarbeit mit der brasilianischen Milit&auml;rdiktatur, bis der Wolfsburger Autokonzern &ndash; an dem unter anderem das Land Niedersachsen, ergo der deutsche Steuerzahler, mit 20 Prozent Aktienanteil beteiligt ist &ndash; bereit war, den Opfern der Repression, seinen eigenen, ehemaligen Angestellten, eine Reparation anzubieten. Zur Verhinderung eines ger&auml;uschvollen Prozesses sei der Konzern bereit, Entsch&auml;digungen in H&ouml;he von rund 5,5 Millionen Euro zu zahlen. &bdquo;Die damaligen Geschehnisse tun uns leid&rdquo;, waren die Worte des VW-Vorstandsmitglieds Hiltrud Werner in einer <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/ndr\/volkswagen-brasilien-diktatur-105.html\">Pressemitteilung von VW do Brasil<\/a> im Anschluss an die Unterzeichnung. Von der Summe erhalten die pers&ouml;nlich verfolgten VW-do-Brasil-Mitarbeiter oder ihre Hinterbliebenen &ndash; zu deren Vereinigung der Gesch&auml;digten 62 Opfer z&auml;hlen, von denen einige bereits verstorben sind &ndash; rund 2,5 Millionen Euro; 3 Millionen Euro werden in Projekte zum Schutz von Menschenrechten sowie zur Finanzierung historischer Dokumentationen und zur Aufarbeitung der Geschichte investiert.<\/p><p><strong>Gegen den Strom der Demokratisierung setzte VW auf politische Verfolgung und Konfrontation &ndash; auch gegen Lula<\/strong><\/p><p>Der VW-do-Brasil-Vorstand war nicht nur informiert, sondern handelte &bdquo;proaktiv&ldquo; und lieferte seine Mitarbeiter an die politische Polizei aus. Zum Beispiel den deutschst&auml;mmigen <a href=\"https:\/\/www.istoedinheiro.com.br\/volks-e-os-anos-de-chumbo\/\">Heinrich Plagge<\/a>. Er wurde am 8. August 1972 verhaftet und in das B&uuml;ro des Betriebsleiters Ruy Luiz Giometti gerufen, wo bereits zwei Fremde auf seine Verhaftung warteten. Sie f&uuml;hrten ihn zum Sitz der Beh&ouml;rde &bdquo;f&uuml;r politische und soziale Ordnung&ldquo; (gemeint ist die politische Polizei &ndash; DOPS) ab, wo er drei&szlig;ig Tage lang gefoltert und von dort in das Tiradentes-Gef&auml;ngnis gebracht wurde. Der Ehefrau Plagges lie&szlig; VW durch einen Mittelsmann ausrichten, Heinrich sei &bdquo;mehrere Wochen f&uuml;r VW auf unvorhergesehener Gesch&auml;ftsreise unterwegs&ldquo;. Am 6. Dezember 1972 wurde Plagge freigelassen und zwei Wochen sp&auml;ter erhielt er von VW do Brasil sein Entlassungsschreiben. Plagge fand nie wieder einen festen Arbeitsplatz, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er im September 1974 erneut verhaftet wurde und bis Juni 1975 ein Dreivierteljahr hinter Gittern schmachtete. Krank und verarmt wegen der politischen Verfolgung und dem jahrelangen Berufsverbot <a href=\"http:\/\/www.memoriasreveladas.gov.br\/index.php\/ultimas-noticias\/455-morre-o-operario-heinrich-plagge-que-foi-entregue-pela-vw-a-ditadura-militar\">verstarb Plagge im M&auml;rz 2018<\/a>.<\/p><p>Bellentani und Plagge waren zur Zeit ihrer Verhaftung zwar Mitglieder der vom Milit&auml;rregime verbotenen und in die Illegalit&auml;t getriebenen Brasilianischen Kommunistischen Partei (PCB), bet&auml;tigten sich jedoch auf dem VW-Werksgel&auml;nde nicht als Parteivertreter, sondern als gewerkschaftliche Aktivisten, die verbotene Flugbl&auml;tter im Kampf f&uuml;r betriebsinterne Fortschritte verteilten. Beide wurden von der DOPS aufs Brutalste mit Faustschl&auml;gen, Fu&szlig;tritten, Niederkn&uuml;ppeln und Elektroschocks an Ohren, Zunge und Genitalien gefoltert.<\/p><p>Der Fall des <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=n9dYYtM8xy0\">Werkzeugmachers Claudecir Mulinari<\/a> zeigt jedoch auf eklatante Weise, dass VW die Bespitzelung, Verfolgung und Auslieferung seiner politisch aktiven Mitarbeiter an die Polizei und Geheimdienste der Diktatur bis Anfang der 1980er Jahre fortsetzte, als das Regime mit massiven Wahlerfolgen der demokratischen Opposition und au&szlig;erparlamentarischen Kundgebungen (&bdquo;Diretas J&aacute;!&ldquo;) f&uuml;r das Ende der Milit&auml;rherrschaft und die R&uuml;ckkehr des Rechtsstaats konfrontiert wurde, die 1985 im Kollaps des Regimes und in der Ausrufung einer verfassunggebenden Versammlung gipfelten.<\/p><p>Mulinari wurde zun&auml;chst vom VW-Werkschutz verh&ouml;rt, weil dieser B&uuml;cher von Karl Marx, darunter das &bdquo;Kommunistische Manifest&ldquo;, in seinem Umkleidefach gefunden und beschlagnahmt hatte. Und wie zuvor Bellentani und Plagge wurde auch der Werkzeugmacher vom Werkschutz bei der politischen Polizei denunziert. Zehn Tage lang wurde er in einem Werkschutz-Sonderraum verh&ouml;rt, durfte seinen Arbeitsplatz nicht wieder betreten und wurde entlassen. Zwei Jahre lang war Mulinari arbeitslos. Nachdem er 1982 schlie&szlig;lich einen Posten bei einer Bank erhielt, wurde er auf Druck des Filialleiters erneut entlassen, weil die DOPS angeblich Beweismittel gegen ihn besitze. Mulinari begriff, dass VW do Brasil insgeheim dem unwissenden Filialleiter &bdquo;Informationen&ldquo; zugesteckt hatte, um seine Berufslaufbahn zu ruinieren.<\/p><p>VW beteiligte sich an einem geheimen Netzwerk von Konzernen und einheimischen Firmen, die unter sich Spionage-Erkenntnisse &uuml;ber ihre Angestellten austauschten und sie <a href=\"https:\/\/revistaperseu.fpabramo.org.br\/index.php\/revista-perseu\/article\/view\/103\">an die Diktatur weitergaben<\/a>. Die VW-Bespitzelung und Denunziation gewerkschaftlicher und politischer Aktivit&auml;ten blieb nicht etwa auf das eigene Betriebsgel&auml;nde begrenzt, sondern weitete sich auf den gesamten Industrieg&uuml;rtel S&atilde;o Paulos &ndash; bekannt als ABC &ndash; aus. Nach Einsicht hunderter Unterlagen, vor allem Werkschutz-Protokollen und Benachrichtigungen der Polizei, bet&auml;tigte sich der VW-Konzern einwandfrei als freiwilliger Agent des Polizeistaates.<\/p><p>So auch gegen den damaligen Metallarbeiter-Gewerkschaftsf&uuml;hrer und k&uuml;nftigen brasilianischen Pr&auml;sidenten Luis In&aacute;cio Lula da Silva, wie die Nachrichtenagentur Reuters <a href=\"https:\/\/in.reuters.com\/article\/us-brazil-dictatorship-volkswagen\/exclusive-volkswagen-spied-on-lula-other-brazilian-workers-in-1980s-idUSKBN0H017P20140905\">bereits 2014 berichtete<\/a>. Volkswagen sammelte Publikationen, Aufrufe zu Gehaltserh&ouml;hungs-Kampagnen, Streiks, Dutzenden von Gewerkschaftsversammlungen im Gro&szlig;raum S&atilde;o Paulo und gab die &bdquo;Erkenntnisse&ldquo; an das Milit&auml;r weiter. Die Nationale Kommission zur Wahrheitsfindung (CNV) hatte erst knappe drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter Einblick in die Geheimdokumente. Darunter befand sich ein sogenanntes VW-&bdquo;Dossier&ldquo; &uuml;ber eine Kundgebung vom 19. Juni 1983, auf der Lula die Gewerkschaftsbewegung mit einer Rede ermutigte. VW erkannte darin eine politische Gefahr und leitete die Hinweise an die DOPS weiter. Ein weiteres &bdquo;vertrauliches&rdquo; Dokument aus den DOPS-Akten zitiert eine Warnung Lulas an die VW-Mitarbeiter vor dem Werkschutz: &bdquo;Seid vorsichtig, die haben einen Video&uuml;berwachungsfernseher, auf dem sie euch in jeder Abteilung beobachten k&ouml;nnen&ldquo;.<\/p><p><strong>Kriegsverbrecher Franz Stangl als Werkschutz-Kommandant<\/strong><\/p><p>Franz Paul Stangl, ehemaliger Kommandeur der NS-Vernichtungslager Treblinka und Sobib&oacute;r in Polen, war zwischen 1959 und 1967 <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/brasilien-der-ehrenwerte-herr-massenmoerder-1.3604328#:~:text=Franz%20Stangl%20war%20Kommandant%20in,unter%20Klarnamen%20bei%20Volkswagen%20an\">bei Volkswagen do Brasil besch&auml;ftigt<\/a>. Stangls Mission war der Aufbau des Werkschutzes und seines &Uuml;berwachungssystems im VW-Werk S&atilde;o Bernardo do Campo; &uuml;ber Jahrzehnte hinweg der gr&ouml;&szlig;te und umsatzst&auml;rkste Autohersteller Lateinamerikas. Im Auftrag des VW-Vorstands spionierte Stangl drei Jahre lang VW-Mitarbeiter w&auml;hrend der Milit&auml;rdiktatur aus. Stangl war w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Aktion T4, ein Euthanasie-Programm der Nazis zur Ausrottung k&ouml;rperlich Behinderter, und wurde zum Kommandeur der beiden Todeslager in Polen bef&ouml;rdert. Der Lagerkommandant reiste 1951 mit seiner Familie nach Brasilien ein, nachdem er aus einem Gef&auml;ngnis geflohen war und eine Weile in Syrien gelebt hatte. Obwohl ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vorlag, provozierte er Interpol und behielt seinen Namen bei. Acht Jahre lang stand er unter dem Schutz von VW, wurde jedoch am 28. Februar 1967 in S&atilde;o Paulo dank Simon Wiesenthal, bekannt als &bdquo;Nazi-J&auml;ger&ldquo;, verhaftet.<\/p><p><strong>Aufarbeitung der Eigengeschichte: Arroganz und Widerst&auml;nde der VW-Konzernleitung bis zur Reparations-Zusage<\/strong><\/p><p>Aufger&uuml;ttelt durch diesen Bericht erkl&auml;rte Manfred Grieger, Historiker und damaliger Leiter der VW-Abteilung Unternehmensgeschichte, <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/brazils-national-truth-commission-alleges-torture-at-volkswagen-do-brasil\/a-18126692\">bereits im Jahr 2014<\/a>, Volkswagen habe &bdquo;vorbildliche Arbeit geleistet, um die Unternehmensgeschichte im Dritten Reich zu erkennen&ldquo;, und unternehme weiterhin &bdquo;die notwendigen Untersuchungen, um Vorf&auml;lle bedingungslos und vollst&auml;ndig zu kl&auml;ren&ldquo;. Nina Schneider, ehemalige Stipendiatin der VW-Stiftung und Historikerin an der Universit&auml;t Konstanz, widersprach Grieger. Sie erkl&auml;rte, das sei im Fall Brasilien l&auml;ngst nicht genug. Vielmehr m&uuml;sse der Konzern die Opfer oder ihre Angeh&ouml;rigen entsch&auml;digen; eine Forderung, die urspr&uuml;nglich von der CNV-Sektion S&atilde;o Paulo erhoben worden war.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Ironie der Naivit&auml;t, wurde Grieger doch Opfer seines eigenen Lobs f&uuml;r den VW-Konzern. Als Experte f&uuml;r Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland hatte er eine Studie &uuml;ber die NS-Verstrickungen der Konzern-Tochter Audi als handwerklich mangelhaft und verharmlosend kritisiert, &uuml;berwarf sich mit der Konzernleitung und <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/autos\/artikel\/Volkswagen-Historiker-Grieger-muss-gehen-3357549.html\">verlie&szlig; VW schlagartig<\/a>. Von mehreren brasilianischen wie deutschen Wissenschaftlern, Menschenrechtlern und Politikern unter Druck gesetzt, beauftragte die Wolfsburger Konzernleitung schlie&szlig;lich den Historiker Christopher Kopper von der Universit&auml;t Bielefeld mit der Aufarbeitung der Vorw&uuml;rfe gegen die Konzerntochter Volkswagen do Brasil. Ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen, reiste Kopper zum ersten Mal im M&auml;rz 2017 nach S&atilde;o Paulo, traf sich mit der von Bellentani geleiteten Gruppe der &uuml;berlebenden Opfer, begann die Dokumenten-Recherche und legte im Dezember 2017 seine Untersuchung mit dem Titel <a href=\"https:\/\/media.business-humanrights.org\/media\/documents\/files\/documents\/Historische_Studie_Christopher_Kopper_VW_B_DoBrasil_14_12_2017_DEUTSCH.pdf\">&bdquo;VW do Brasil in der brasilianischen Milit&auml;rdiktatur 1964-1985&ldquo;<\/a> vor, die der Konzern seitdem mit Stolz auf der eigenen Internetseite pr&auml;sentiert.<\/p><p>Ein NDR-Team unter Leitung von Stefanie Dodt begleitete Koppers Mission in Brasilien, verbrachte mehrere Tage mit anteilnehmenden Aufnahmen Bellentanis, kn&uuml;pfte sich jedoch auch den VW-Vorstand in Wolfsburg vor und strahlte Ende Juli 2017 die Dokumentation <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1LGVENzgrLg\">&bdquo;Komplizen? &ndash; VW und die brasilianische Milit&auml;rdiktatur&ldquo;<\/a> aus. Jedem feinf&uuml;hligen Zuschauer d&uuml;rfte die damit dokumentierte Haltung des vielfach ausgezeichneten, ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden und amtierenden Aufsichtsrats-Mitglieds sowie Seniorberaters der Investmentgesellschaft General Capital Group, Carl Hahn Junior, schwer auf den Magen schlagen.<\/p><p>Angetrieben von ungeheuerlicher Arroganz und Zynismus, versucht Hahn der Reporterin Dodt ihren Investigativ-Anspruch abzusprechen, leugnet jedes Mitwissen der brutalen Menschenrechtsverletzungen durch den Werkschutz von VW do Brasil sowie die Konzern-Kollaboration mit der brasilianischen Milit&auml;rdiktatur, nimmt diese nachtr&auml;glich in Schutz, klopft anti-demokratische Spr&uuml;che zweifelhaften Geschmacks und empfiehlt, statt die Vergangenheit &ndash; zumal die &bdquo;ferne, brasilianische&ldquo; &ndash; aufzuarbeiten, &bdquo;in die Zukunft zu blicken&rdquo;. Es ist bezeichnend, dass Carl Hahn &ndash; der zu dieser Zeit den Aufsichtsrat von VW do Brasil leitete &ndash; auch &uuml;ber Stangls Vergangenheit nichts gewusst haben will. &bdquo;Wir kannten die Namen der KZ-Kommandeure nicht auswendig&ldquo;, redete sich Hahn in der TV-Dokumentation des NDR heraus. Dass dort Leute aus Deutschland bei VW do Brasil eingestellt wurden, &bdquo;war ganz normal&ldquo;. Auch Hans-Gerd Bode, Sprecher der Wolfsburger Konzernetage, fordert &bdquo;Fakten&rdquo; zur Erh&auml;rtung der Wahrnehmung. Stottert jedoch dabei, so als behinderten die &uuml;ber Jahrzehnte hinweg verheimlichten Fakten seine Halsstr&auml;nge und seinen Atemrhythmus.<\/p><p>Mit dieser Hinhaltetaktik war auf der Volkswagen-Jahreshauptversammlung vom 3. Mai 2018 in Berlin der Redakteur der <em>Lateinamerika Nachrichten<\/em>, Buchautor (<a href=\"https:\/\/www.vsa-verlag.de\/uploads\/media\/www.vsa-verlag.de-Russau-Abstauben-in-Brasilien.pdf\">Abstauben in Brasilien &ndash; VSA Verlag<\/a>) und Mitglied des Dachverbands der Kritischen Aktion&auml;rinnen und Aktion&auml;re, Christian Russau, <a href=\"https:\/\/www.kooperation-brasilien.org\/de\/themen\/menschenrechte-gesellschaft\/vw-und-die-militaerdiktatur-einzeltaeterthese-hanebuechen\">scharf ins Gericht gegangen<\/a>. &bdquo;Wir vom Dachverband der Kritischen Aktion&auml;rinnen und Aktion&auml;re werfen dem VW-Konzern, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat schwere Vers&auml;umnisse bei der Aufarbeitung der Kollaboration von VW do Brasil mit der brasilianischen Milit&auml;rdiktatur (1964-1985) vor&rdquo;.<\/p><p>Nach Erscheinen der Studie Koppers, so Russau, &bdquo;h&auml;tte der Konzern auf die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter zugehen und &ouml;ffentlich um Entschuldigung bitten m&uuml;ssen. VW h&auml;tte angemessene Entsch&auml;digungszahlungen anbieten m&uuml;ssen. Dies ist aber nicht erfolgt. Daher verweigern wir Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung und bitten alle hier im Saal, denen Respekt, Wahrung und Achtung der Menschenrechte vor Profit gehen, ebenfalls dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern&rdquo;. Doch die R&uuml;ge der Kritischen VW-Aktion&auml;rinnen und Aktion&auml;re richtete sich gegen einen weiteren, entscheidenden Punkt. N&auml;mlich den Versuch des &bdquo;Einzelt&auml;ter&ldquo;-Narrativs, womit die Konzernspitze die Verantwortlichkeit der Gr&auml;ueltaten auf den VW-do-Brasil-Werkschutz abzuw&auml;lzen und sich selbst als &bdquo;nicht mitwissend&rdquo; darzustellen versuchte; ein Narrativ, dem die Opfer, die CNV, die Staatsanwaltschaft und der Kopper-Bericht frontal widersprechen. Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck, der brasilianische Opfer vertrat, bezeichnete die VW-Kollaboration mit der Diktatur als <a href=\"https:\/\/taz.de\/Menschenrechtsanwalt-ueber-VW\/!5471044\/\">&bdquo;Vors&auml;tzliche Beihilfe zur Folter&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Trotz dieser Zwischenrufe, erh&auml;rtet durch unz&auml;hlige <a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/brasilien\/politik-brasilien\/nicht-nur-an-der-diktatur-verdient-vw-hat-mitgemacht\/\">Pressemeldungen<\/a>, und so, als bedeute Hahns Flucht vor der Vergangenheit ein Paradigma der Konzern-Koh&auml;renz, passierte knappe drei Jahre nach Koppers &bdquo;vorbildlicher Arbeit&ldquo; (Grieger) wieder nichts. Bis die Staatsanwaltschaft S&atilde;o Paulos mit einer geduldig immer wieder aufgeschobenen Klage drohte. Erst dann, Ende September 2020, lenkte Wolfsburg ein.<\/p><p><strong>&bdquo;Schlag ins Gesicht&ldquo; und Lobeshymne auf Bolsonaro<\/strong><\/p><p>Cl&aacute;udio Couto, Professor an der staatlichen Get&uacute;lio Vargas Stiftung (FGV), will in der VW-Reparation auch eine Botschaft an Pr&auml;sident Jair Bolsonaro erkennen. Er stuft den Entschluss des Wolfsburger Konzerns als &bdquo;Schlag ins Gesicht&rdquo; der Bolsonaro-Regierung ein. &bdquo;In Wirklichkeit hat diese Positionierung bereits in anderen Bereichen stattgefunden, beispielsweise im Umweltbereich. Wir haben es mit der Positionierung eines Gro&szlig;konzerns zu tun, der sich nicht direkt &uuml;ber die Bolsonaro-Regierung &auml;u&szlig;ert, weil es nicht um ihn geht, sondern um die Milit&auml;rdiktatur, jedoch aufgrund der Affinit&auml;t zwischen beiden, dem wiederholten Lob, das Bolsonaro der Diktatur zollte, ist die Volkswagen-Selbstkritik wirklich ein Schlag ins Gesicht die Regierung&rdquo;.<\/p><p>Das sah Andreas Renschler &ndash; VW-Manager und Vorstandsvorsitzender der fr&uuml;heren VW-Truck&amp;Bus-Tochter, heute TRATON genannt &ndash; bereits im November 2018, nach dem Wahlsieg Bolosonaros, etwas anders. &bdquo;Brasilien hat gew&auml;hlt! Es ist kein Platz mehr f&uuml;r Experimente!&ldquo;, <a href=\"https:\/\/autocam.tv.br\/traton-esta-confiante-no-futuro-do-brasil\/\">schrieb der Deutsche<\/a> in brasilianischen Medien des Kfz-Marktes.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Diese &bdquo;Wahl der Wahlen&ldquo; war mehr als nur die Wahl eines neuen Pr&auml;sidenten. Es war der H&ouml;hepunkt einer Art politischer Selbstfindung f&uuml;r die f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;te Nation der Welt. Politische Vorstellungen f&uuml;r das Land wurden stark in Frage gestellt. Die Analyse von Korruptionsf&auml;llen umfasste zentrale Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens. Konsolidierte Parteien wurden herausgefordert &ndash; klare Antworten, aber oft unzureichend&hellip; F&uuml;r uns in Deutschland bleibt nun die Frage: Wie k&ouml;nnen wir den Neustart in Brasilien unterst&uuml;tzen? Mit mehr als 1.300 deutschen Unternehmen ist das Land der drittgr&ouml;&szlig;te Empf&auml;nger deutscher Investitionen au&szlig;erhalb Europas. Politisch feiert die strategische Partnerschaft mit Brasilien in diesem Jahr ihr zehnj&auml;hriges Bestehen &ndash; Deutschland hat eine solche Beziehung zu nur acht L&auml;ndern. Die gro&szlig;e Bedeutung unserer bilateralen Zusammenarbeit steht daher nicht zur Debatte&hellip; Obwohl die Wahlen die Gesellschaft zun&auml;chst zersplitterten, haben die 210 Millionen Brasilianer bereits mehrfach gezeigt, dass sie schnell wieder zur Einheit zur&uuml;ckfinden k&ouml;nnen. Die Einhaltung von Gesetzen ist gegeben, die Institutionen sind solide. Daher sollten wir uns keine Sorgen um das Stressszenario machen. Und die Regierung wei&szlig;: Sie wird f&uuml;r ihre Handlungen beurteilt, nicht f&uuml;r ihre Reden. Es gibt viele Gr&uuml;nde, ihr zu glauben. Das Land ist st&auml;rker als seine Herausforderungen &ndash; und die deutsche Wirtschaft kann und wird zu seinem Erfolg beitragen!&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Zwanzig Monate nach dem Machtantritt Bolsonaros liegt die brasilianische Wirtschaft am Boden, 40 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer sind arbeitslos, unterbesch&auml;ftigt und unterern&auml;hrt, das Land weltweit wegen seiner US-H&ouml;rigkeit und seinem katastrophalen Vorgehen mit nahezu 150.000 Todesopfern in der Covid-19-Pandemie weltweit isoliert. Das faschistoide Bolsonaro-Regime hat Brasilien zum Paria der Weltpolitik gestempelt, doch VW wollte es noch einmal nicht geahnt haben.<\/p><p>Titelbild: &copy; Fundaci&oacute;n de Volkswagen do Brasil | Archivo de autos<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz Zahlung von 5,5 Millionen Euro Reparationen an politisch verfolgte und gefolterte Angestellte in Brasilien lieb&auml;ugelt der Autobauer mit dem Bolsonaro-Regime. Unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen kritischen Blick auf die geschichtliche und aktuelle Aktivit&auml;t des VW-Konzerns in Brasilien geworfen. <\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,20],"tags":[2454,1613,927,2056,305,2177,309,1371,2399],"class_list":["post-65641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-folter","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-menschenrechte","tag-militaerdiktatur","tag-repressionen","tag-volkswagen","tag-wiedergutmachung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65641"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65744,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65641\/revisions\/65744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}