{"id":65689,"date":"2020-10-10T11:57:04","date_gmt":"2020-10-10T09:57:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65689"},"modified":"2020-10-11T18:29:54","modified_gmt":"2020-10-11T16:29:54","slug":"blockade-pur-wie-deutschland-die-p-3-mit-belgien-und-estland-verhinderten-dass-jose-bustani-erster-ovcw-generaldirektor-im-un-sicherheitsrat-sprach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65689","title":{"rendered":"Blockade pur &#8211; Wie Deutschland, die  \u201eP 3\u201c mit Belgien und Estland verhinderten, dass Jos\u00e9 Bustani, erster OVCW-Generaldirektor, im UN-Sicherheitsrat sprach"},"content":{"rendered":"<p>Wer etwas &uuml;ber die deutsche und europ&auml;ische Au&szlig;enpolitik in Sachen Syrien erfahren m&ouml;chte, sollte die Debatten im UN-Sicherheitsrat verfolgen. Der Sicherheitsrat ist das h&ouml;chste  politische Entscheidungsgremium der Vereinten Nationen, in dem f&uuml;nf Staaten &ndash; Russland, China, Frankreich, Gro&szlig;britannien, USA &ndash; dauerhaft vertreten sind und &uuml;ber ein Veto-Recht verf&uuml;gen. Weitere zehn Staaten haben jeweils f&uuml;r zwei Jahre einen Sitz als nicht-st&auml;ndige Mitglieder. Deutschland ist seit 2019 als nicht-st&auml;ndiges Mitglied noch bis Ende 2020 im Sicherheitsrat vertreten. Von <strong>Karin Leukefeld<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie meisten Mitgliedsstaaten bem&uuml;hen sich entsprechend der Bedeutung des Sicherheitsrates, ihre Aufgabe ernst zu nehmen. Sie verhalten sich respektvoll und appellieren an die Solidarit&auml;t und Einheit des Sicherheitsrates, um L&ouml;sungen f&uuml;r die zahlreichen internationalen Kriege und Krisen zu finden. <\/p><p>Die so genannten P 3 (Permanent 3) Frankreich, Gro&szlig;britannien und die USA liefern allerdings immer h&auml;ufiger ein unw&uuml;rdiges Schauspiel. L&auml;uft die Debatte nicht so, wie man es sich in den westlichen Hauptst&auml;dten vorstellt, treten die UNO-Botschafter mit verteilten Rollen auf, um diejenigen, die andere Positionen vertreten, zu beeinflussen oder offen zu beleidigen. Dann geht es nicht um Inhalte, sondern darum, wie man den anderen dem&uuml;tigen, vorf&uuml;hren, behindern und dessen Anliegen verhindern kann. Seit Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges in Syrien ist das Lieblingsziel der P3 Russland. <\/p><p>&bdquo;Um den Druck auf Russland zu erh&ouml;hen, wenn es das Regime nicht ausliefert, wie wir es erhoffen, sollten wir fortsetzen, was wir bereits tun&ldquo;, hei&szlig;t es in einem bekannt gewordenen Protokoll der &bdquo;Kleinen Syriengruppe&ldquo;, die sich auf Einladung von David Satterfield, Staatssekret&auml;r f&uuml;r Nahostfragen im US-Au&szlig;enministerium, am 11. September 2018 in Washington traf. &bdquo;Die schreckliche humanit&auml;re Lage und Russlands Mitt&auml;terschaft bei der Bombenkampagne auf zivile Ziele hervorheben&ldquo;, notierte der britische Protokollf&uuml;hrer.<\/p><p>Der kleinen Syriengruppe geh&ouml;rten damals die so genannten P 3 USA, Gro&szlig;britannien, Frankreich sowie Saudi-Arabien und Jordanien an. Kurz darauf erweiterte sich die Gruppe um Deutschland und &Auml;gypten. Dieser &bdquo;Ritterschlag&ldquo; d&uuml;rfte die Haltung des deutschen UN-Botschafters und seiner Vertreter beim Thema Syrien im UN-Sicherheitsrat erkl&auml;ren. Der &bdquo;deutsche Mann&ldquo; bei der UNO hei&szlig;t Christoph Heusgen und war  zw&ouml;lf Jahre lang der au&szlig;enpolitische Berater und internationale Krisenmanager von Angela Merkel im Kanzleramt. 2017 wechselte er als Botschafter zu den Vereinten Nationen in New York. Heusgen und seine Vertreter lassen im UN-Sicherheitsrat keine Gelegenheit aus, &bdquo;Russlands Mitt&auml;terschaft&ldquo; in Syrien anzuprangern. <\/p><p>J&uuml;ngstes Beispiel war die <a href=\"https:\/\/www.un.org\/press\/en\/2020\/sc14318.doc.htm\">8764. Sitzung des UN-Sicherheitsrates<\/a> am vergangenen Montag (5.10.2020) in New York.<\/p><p><strong>Eine Lektion Diplomatie<\/strong><\/p><p>Auf der Tagesordnung stand das Thema &bdquo;Fortschritt bei der Zerst&ouml;rung der syrischen Chemiewaffenbest&auml;nde&ldquo;, entsprechend der UN-Sicherheitsratsresolution 2018. Als Berichterstatterin war die UN-Beauftragte f&uuml;r Abr&uuml;stung, Frau Izumi Nakamitsu, eingeladen, die ihren Bericht vortrug. Als weiteren Redner hatte die Russische F&ouml;deration, die im Oktober den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat hat, den ersten Generaldirektor der Organisation f&uuml;r das Verbot von Chemiewaffen (OVCW), Jos&eacute; Bustani, <a href=\"http:\/\/webtv.un.org\/live\/watch\/the-situation-in-the-middle-east-syria-security-council-8764th-meeting\/6197824456001\/?term=\">eingeladen<\/a>.<\/p><p>Damit sei man nicht einverstanden, erkl&auml;rte der britische UN-Botschafter Jonathan Allen in einer Entgegnung. &bdquo;Zusammen mit Belgien, Estland, Deutschland und den USA erheben wir Einspruch gegen diesen Redner&ldquo;, so Allen. Wer zum Thema der Sitzung &bdquo;Fortschritte bei der Vernichtung der syrischen Chemiewaffenbest&auml;nde&ldquo; reden solle, m&uuml;sse &bdquo;eine Bedeutung haben und sich mit dem Thema auskennen&ldquo;. Beides sei bei Bustani nicht der Fall, obwohl er ein herausragender Diplomat sei. Er habe aber schon viele Jahre, bevor das Thema der syrischen Chemiewaffen im Sicherheitsrat behandelt worden sei, die OVCW verlassen und sei nicht in der Lage, &bdquo;bedeutende, sachkundige Informationen&ldquo; zum Thema beizutragen. Daher solle &uuml;ber den Vorschlag abgestimmt werden.<\/p><p>Es folgten 20 Minuten Schlagabtausch dar&uuml;ber, ob Jos&eacute; Bustani sprechen solle oder nicht. Gro&szlig;britannien, Frankreich und Deutschland negierten dabei die Position, in der der russische Botschafter Nebenzia die Einladung ausgesprochen hatten. Bustani war vom Vorsitzenden des Sicherheitsrates eingeladen worden, was nach Artikel 39 der provisorischen Gesch&auml;ftsordnung auch sein Recht ist. Die britisch-franz&ouml;sisch-deutsche Ablehnungsfront attackierte hingegen den Vorsitzenden als Vertreter der Russischen F&ouml;deration. Nebenzia wechselte bei seinen Entgegnungen wiederholt von seiner Rolle als Vorsitzender des UN-Sicherheitsrates in die Rolle des russischen UN-Botschafters, was von den Botschaftern Gro&szlig;britanniens, Frankreichs und Deutschland gen&uuml;sslich immer weiter provoziert wurde. <\/p><p>Der chinesische UN-Botschafter Geng Shuang verteidigte die Entscheidung des Vorsitzenden als legitim und erkl&auml;rte, er verstehe den britischen Vorschlag nicht. &bdquo;Als ehemaliger Direktor der OVCW verf&uuml;gt Herr Bustani &uuml;ber einen gro&szlig;en Erfahrungsschatz, einzigartigen Einblick und Kenntnis &uuml;ber die Arbeitsweise und Vorg&auml;nge der OVCW.&ldquo; Zudem habe Herr Bustani Wissen &uuml;ber chemische Waffen und eigne sich daher sehr wohl als Redner zu dem Thema. Der Sicherheitsrat habe schon oft Redner eingeladen, von denen einige bei weitem weniger professionell und erfahren gewesen seien wie Jos&eacute; Bustani. Das Verhalten Gro&szlig;britanniens sei bedauerlich, so Geng Shuang. Er schlug vor, den britischen Vorschlag zur Abstimmung zu stellen.<\/p><p>Gro&szlig;britannien wiederum betonte, der Vorsitzende habe den Redner (Bustani) eingeladen und m&uuml;sse nun dar&uuml;ber abstimmen lassen. Entweder er ziehe seinen Vorschlag zur&uuml;ck oder er brauche neun Stimmen, die sich f&uuml;r den Redner ausspr&auml;chen.<\/p><p>Der russische Vorsitzende, UN-Botschafter Wassili Nebenzia schlug vor, &uuml;ber den Satz abzustimmen, &bdquo;Wer ist dagegen Jos&eacute; Bustani heute sprechen zu lassen&ldquo;. Der britische Botschafter Allen hielt dagegen. Die russische F&ouml;deration habe den Redner eingeladen und solle dar&uuml;ber abstimmen lassen, wer diese Einladung unterst&uuml;tze.<\/p><p>Der chinesische Botschafter Geng Shuang kritisierte, dass Gro&szlig;britannien und die anderen Vertreter den Vorsitzenden herausforderten. Er habe in seiner Eigenschaft als Pr&auml;sident des Sicherheitsrates das Recht, einen Redner einzuladen. Wenn abgestimmt werden solle, dann &uuml;ber den Antrag Gro&szlig;britanniens.<\/p><p>Der franz&ouml;sische UN-Diplomat Nicolas De Riviere verwies auf das &bdquo;Standardformat&ldquo; f&uuml;r die Behandlung des Themas. Danach befasse sich der Sicherheitsrat jeden Monat mit den syrischen Chemiewaffen und alle seien damit zufrieden. Russland habe ja au&szlig;erhalb des Sicherheitsrates Arria-Treffen organisiert, wo es seine G&auml;ste ausgew&auml;hlt habe. Dort k&ouml;nne ja auch Herr Bustani sprechen. Im Sicherheitsrat m&uuml;sse Russland dar&uuml;ber abstimmen lassen, ob man Bustani h&ouml;ren wolle.<\/p><p>Der deutsche UN-Botschafter Heusgen erinnerte den russischen Vorsitzenden an eine Begebenheit aus dem Jahr 2018. Damals habe Russland ein Treffen des Sicherheitsrates zum Thema &bdquo;Menschenrechte in Syrien&ldquo; verhindert, bei dem der Hohe Kommissar f&uuml;r Menschenrechte sprechen sollte. &bdquo;Ein Skandal&ldquo; sei das gewesen, so Heusgen. Nun drehe man den Spie&szlig; um.<\/p><p>Der chinesische UN-Botschafter schlie&szlig;lich warf Gro&szlig;britannien und den anderen vor,  &bdquo;mit zweierlei Ma&szlig;&ldquo; zu messen. &bdquo;Warum k&ouml;nnen andere Redner eingeladen werden, nicht aber Herr Bustani?&ldquo; Gro&szlig;britannien und &bdquo;die anderen Kollegen&ldquo; wollten offenbar &bdquo;keine anderen Ansichten h&ouml;ren&ldquo;. &bdquo;Sie sagen zwar, sie sind objektiv, aber das ist nicht der Fall.&ldquo;<\/p><p>Der Vorsitzende Botschafter Nebenzia lie&szlig; abstimmen: F&uuml;r die Einladung von Herrn Bustani, dagegen und Enthaltungen. Dabei entschieden sich drei Vertreter f&uuml;r Bustani (Russland, China, S&uuml;dafrika), sechs waren dagegen (USA, Gro&szlig;britannien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Estland) und sechs enthielten sich (Dominikanische Republik, Vietnam, Indonesien, Niger, Tunesien, St. Vincent und die Grenadinen). Jos&eacute; Bustani war ausgeladen, ein Skandal.<\/p><p><strong>Warum sollte Jos&eacute; Bustani im UN-Sicherheitsrat nicht sprechen?<\/strong><\/p><p>Vermutlich ungewollt hatte der deutsche UN-Botschafter mit seiner Gegnerschaft zu der Einladung des Vorsitzenden einen deutlichen Hinweis auf den Hintergrund der Ablehnungsfront aus P3 + Deutschland + Belgien + Estland geliefert. <\/p><p>Das Treffen im M&auml;rz 2018, auf das Heusgen sich bezog &ndash; vermutlich nach Absprache mit Gro&szlig;britannien, Frankreich und den USA &ndash; war damals von Frankreich und sieben anderen Staaten gefordert worden. Russland hatte eine Abstimmung &uuml;ber die Tagesordnung, nicht &uuml;ber den Hohen Kommissar f&uuml;r Menschenrechte, gefordert. Bei der Abstimmung erhielt Frankreich f&uuml;r seinen Vorschlag nicht die erforderlichen 9, sondern nur 8 Stimmen (Frankreich, Kuwait, Niederlande, Peru, Polen, Schweden, UK, USA). Vier L&auml;nder stimmten <a href=\"https:\/\/www.un.org\/press\/en\/2018\/sc13255.doc.htm\">gegen das Treffen<\/a> (Bolivien, China, Kasachstan, Russische F&ouml;deration) und drei L&auml;nder enthielten sich (Elfenbeink&uuml;ste, &Auml;quatorialguinea und &Auml;thiopien).<\/p><p>Ganz im Kontext der kurz zuvor zusammengetroffenen &bdquo;Kleinen Syriengruppe&ldquo; wollte Frankreich das Thema &bdquo;Menschenrechte&ldquo; im UN-Sicherheitsrat vorbringen, um &bdquo;die schreckliche humanit&auml;re Lage und Russlands Mitt&auml;terschaft bei der Bombenkampagne auf zivile Ziele hervorzuheben&ldquo;, wie es laut Protokoll vereinbart worden war. Im M&auml;rz 2018 ging es um die Gebiete &ouml;stlich von Damaskus. Dort waren die bewaffneten Gruppen (Jaish al Islam, Ahrar al-Sham, Al Rahman Legion, Tahrir al Sham, Free Syrian Army und Jaish al Umma) im &ouml;stlichen Umland von Damaskus (Ghouta) unter schweren Druck geraten und ihr Abzug wurde verhandelt. Zivilisten wurden aus Douma und anderen Vororten evakuiert. Nachdem sie dem Abzug nach Idlib, Al Bab und Jarabulus, n&ouml;rdlich von Aleppo an der Grenze zur T&uuml;rkei, zugestimmt hatten, brach innerhalb von Jaish al Islam angeblich ein Streit aus und erneut wurde Damaskus beschossen. <\/p><p>Da die Autorin zu dem Zeitpunkt selber vor Ort war, erinnert sie sich daran und auch, dass die syrische Armee zur&uuml;ckfeuerte. Die erneuten Gefechte dauerten nur einen Tag. Am n&auml;chsten Tag, am 7. April 2018, hie&szlig; es seitens der umstrittenen Organisation &bdquo;Wei&szlig;helme&ldquo;, die syrische Armee habe Giftgas in Douma eingesetzt.<\/p><p>Syrien wies das zur&uuml;ck und forderte die Entsendung von Inspektoren der OVCW, um die Vorw&uuml;rfe zu untersuchen. Die USA, Gro&szlig;britannien und Frankreich machten umgehend die syrische Armee verantwortlich und bombardierten &bdquo;aus Vergeltung f&uuml;r den Chemiewaffenangriff auf Douma&ldquo; Syrien am 14. April 2018. Deutschland begr&uuml;&szlig;te die Angriffe. Das OVCW-Inspektorenteam war zum diesem Zeitpunkt in Beirut, auf dem Weg nach Damaskus. <\/p><p>Inspektoren aus dem Team berichteten 2019, es habe vermutlich keinen Chemiewaffen-Angriff der syrischen Armee in Douma gegeben. U.a. seien die Zylinder, mit dem angeblich das Giftgas transportiert worden sein soll, m&ouml;glicherweise per Hand dort platziert worden, wo man sie fand. Sie forderten intern Geh&ouml;r und eine Auseinandersetzung &uuml;ber ihre Untersuchungen und das, was sp&auml;ter in dem bearbeiteten Douma-Abschlussbericht der OVCW zu lesen war. Sie wurden nicht geh&ouml;rt, sondern stattdessen denunziert. Nachdem ihre Erkenntnisse &ouml;ffentlich wurden, leitete die OVCW eine Untersuchung gegen sie ein.<\/p><p>Die NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55809\">informierten ausf&uuml;hrlich<\/a>.<\/p><p><strong>Bustani: In Sorge &uuml;ber die OVCW<\/strong><\/p><p>Genau dar&uuml;ber, &uuml;ber die OVCW-Untersuchung in Douma und den offiziellen Abschlussbericht, wollte Jos&eacute; Bustani sprechen. Hier <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZgIDlgD_txM&amp;feature=emb_logo\">kann man ihm zuh&ouml;ren<\/a>, sein <a href=\"https:\/\/thegrayzone.com\/2020\/10\/05\/ex-opcw-chief-jose-bustani-reads-syria-testimony-that-us-uk-blocked-at-un\/\">Beitrag<\/a> war vorab aufgezeichnet worden.<\/p><p>Der erste Generaldirektor der OVCW, und in gewisser Weise auch ihr Architekt, war von 1997 &ndash; 2002 im Amt. Kurz vor dem Einmarsch der USA und ihrer Alliierten in den Irak (2003) wurde Bustani &bdquo;nach einer von den USA initiierten Kampagne im Jahr 2002&ldquo; seines Amtes enthoben, erl&auml;utert er in der Stellungnahme an den UNSR. (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-OPCW-hat-noch-die-Moeglichkeit-sich-selbst-zu-korrigieren-4922705.html\">Deutsche &Uuml;bersetzung H. Neuber<\/a>). &ldquo;Ironischerweise, weil ich versucht hatte, das Chemiewaffen&uuml;bereinkommen durchzusetzen.&ldquo;<\/p><p>Er sei &bdquo;sehr stolz auf die Unabh&auml;ngigkeit, Unparteilichkeit und Professionalit&auml;t ihrer Inspektoren&ldquo; gewesen, so Bustani &uuml;ber die OVCW. &bdquo;Kein Vertragsstaat sollte als &uuml;ber den anderen stehend betrachtet werden. Das Markenzeichen der Arbeit der Organisation war die Gleichbehandlung aller Mitgliedstaaten unabh&auml;ngig von ihrer Gr&ouml;&szlig;e, ihrer politischen Macht oder ihrem wirtschaftlichen Einfluss.&ldquo;<\/p><p>Nun allerdings gebe es Hinweise, dass gerade das &bdquo;nachhaltig beeintr&auml;chtigt&ldquo; worden sei, &bdquo;m&ouml;glicherweise unter dem Druck einiger Mitgliedstaaten.&ldquo; Die Umst&auml;nde, &bdquo;unter denen die OPCW die Untersuchung des angeblichen Chemiewaffenangriffs in Duma, Syrien, am 7. April 2018 durchgef&uuml;hrt hat&ldquo;, seien f&uuml;r ihn als ehemaligen Generaldirektor beunruhigend. &bdquo;Diese Besorgnis kommt aus dem Innersten der Organisation, von den Wissenschaftlern und Ingenieuren, die an der Untersuchung in Duma beteiligt waren.&ldquo; Er sei im Herbst 2019 zu einem Treffen mit einem der beteiligten Inspektoren eingeladen worden, wo Zeugenaussagen und Beweise vorgelegt worden seien. Was er gesehen und geh&ouml;rt habe, sei so beunruhigend gewesen, dass er bereits damals eine &ouml;ffentliche Erkl&auml;rung abgegeben habe, sagte Bustani in seiner ungehaltenen Rede vor dem UNSR. Mit anderen Pers&ouml;nlichkeiten aus aller Welt habe er sich f&uuml;r die Anh&ouml;rung der Inspektoren zur Douma-Untersuchung eingesetzt. Die OVCW habe auf die wachsende Kontroverse um den Douma-Abschlussbericht nicht reagiert. &bdquo;Hinter einer un&uuml;berwindbaren Mauer aus Schweigen und Intransparenz&ldquo; habe die Organisation sich verschanzt, Dialog sei nicht m&ouml;glich gewesen.<\/p><p>Die Arbeit der OVCW aber m&uuml;sse transparent sein, so Bustani. &bdquo;Ohne Transparenz gibt es kein Vertrauen und Vertrauen ist das, was die OVCW zusammenh&auml;lt.&ldquo; Pers&ouml;nlich wandte sich der brasilianische Diplomat dann an seinen Nachfolger, Generaldirektor Fernando Arias: &bdquo;Die Inspekteure geh&ouml;ren zu den wertvollsten G&uuml;tern der Organisation. Als Wissenschaftler und Ingenieure sind ihre Fachkenntnisse und ihre Beitr&auml;ge f&uuml;r eine gute Entscheidungsfindung unerl&auml;sslich. Am wichtigsten ist jedoch, dass ihre Ansichten nicht von der Politik oder nationalen Interessen beeinflusst werden. Sie verlassen sich nur auf die Wissenschaft. Die Inspektoren der Duma-Untersuchung haben eine einfache Bitte: Sie wollen die M&ouml;glichkeit erhalten, sich mit Ihnen zu treffen, um Ihnen ihre Bedenken pers&ouml;nlich in einer sowohl transparenten als auch verantwortlichen Weise mitzuteilen.&ldquo;<\/p><p>Das sei das Minimum, das sie auch erwarten k&ouml;nnten, so Bustani. &bdquo;Unter gro&szlig;em Risiko f&uuml;r sie selbst haben sie es gewagt, sich gegen m&ouml;gliches irregul&auml;res Verhalten in Ihrer Organisation auszusprechen. Und es liegt zweifellos in Ihrem, im Interesse der Organisation und im Interesse der Welt, dass Sie sie anh&ouml;ren.&ldquo; Die Inspektoren behaupteten nicht, Recht zu haben, sie wollten eine faire Anh&ouml;rung.<\/p><p>&bdquo;Von Generaldirektor zu Generaldirektor bitte ich Sie h&ouml;flichst, ihnen diese M&ouml;glichkeit einzur&auml;umen. Wenn die OPCW Vertrauen in die Verl&auml;sslichkeit ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu Duma und in die Integrit&auml;t der Untersuchung hat, dann hat sie bei der Anh&ouml;rung ihrer Inspektoren wenig zu bef&uuml;rchten. Wenn jedoch die Behauptungen der Zensur von Beweisen, der selektiven Verwendung von Daten und des Ausschlusses wichtiger Ermittler, neben anderen Behauptungen, nicht unbegr&uuml;ndet sind, dann ist es umso dringender erforderlich, dass die Angelegenheit offen und priorit&auml;r behandelt wird.&ldquo; Die OVCW habe die M&ouml;glichkeit, sich selbst zu korrigieren, so Bustani abschlie&szlig;end. &bdquo;Die Welt braucht einen glaubw&uuml;rdigen Kontrolleur f&uuml;r chemische Waffen. Wir hatten einen, und ich bin zuversichtlich, Herr Arias, dass Sie daf&uuml;r sorgen werden, dass wir wieder einen haben werden.&ldquo;<\/p><p>Soweit die Rede von Jos&eacute; Bustani. Warum aber wollten Gro&szlig;britannien, Frankreich, die USA und Deutschland das nicht h&ouml;ren? Weil Aussagen der Inspektoren darauf hindeuten, dass es mindestens einer dieser Staaten war, der sogar durch die Entsendung einer Delegation an den OVCW-Sitz in Den Haag direkt bedrohlichen Druck auf die Inspektoren aus&uuml;bte. &bdquo;Sie stellten sich nicht vor, sondern warfen eine Brosch&uuml;re auf den Tisch und sagten: Das ist der Douma-Bericht, so war es&ldquo;, erinnerte sich &bdquo;Alex&ldquo;, einer der Inspektoren bei einem Treffen im Oktober 2019, an dem die Autorin teilnahm.<\/p><p>Deutschland ist der drittgr&ouml;&szlig;te Geldgeber der OVCW und noch bis 2021 Mitglied im Exekutivrat. Das Verhalten und der Druck gegen&uuml;ber den Inspektoren des Douma-Teams d&uuml;rfte Deutschland nicht entgangen sein. Dennoch h&auml;lt es &ndash; wider besseren Wissens, k&ouml;nnte man unterstellen &ndash; den &bdquo;Permanent 3&ldquo; die Treue. Warum?<\/p><p><strong>Die Heuchelei<\/strong><\/p><p>Noch einmal zur&uuml;ck zur deutschen Diplomatie im Sicherheitsrat. Nach dem Bericht der Abr&uuml;stungsbeauftragen Izumi Nakamitsu nutzte der Vorsitzende Botschafter Nebenzia &ndash; in seiner nationalen Eigenschaft als russischer UN-Botschafter &ndash; die Aussprache &uuml;ber den Bericht daf&uuml;r, den Beitrag von Jos&eacute; Bustani vollst&auml;ndig zu verlesen. <\/p><p>Der britische UN-Botschafter Allen beschwerte sich. Der Pr&auml;sident habe den Mitgliedern des Sicherheitsrates seine Verachtung gezeigt. Er habe einen Redner eingeladen, der bei der Abstimmung keine Mehrheit erhalten habe. Dennoch habe er (der Pr&auml;sident) die Entscheidung des Sicherheitsrates ignoriert. Es sei aber &bdquo;vielleicht keine &Uuml;berraschung, dass Russland die Regeln ignoriert, von denen es will, dass andere sie einhalten.&ldquo; <\/p><p>Auch Frankreich und die USA kritisierten den russischen UN-Botschafter Nebenzia in gewohnter, harter Weise, bevor sie sich zu dem Sachstandsbericht der Abr&uuml;stungsbeauftragten Izumi Nakamitsu &auml;u&szlig;erten. Dann meldete sich der deutsche UN-Botschafter Heusgen <a href=\"https:\/\/new-york-un.diplo.de\/un-en\/news-corner\/201006-heusgen-syr\/2402706\">zu Wort<\/a> und sprach den Vorsitzenden russischen Botschafter direkt an. <\/p><p>&bdquo;In Ihrer Einf&uuml;hrung und dem langen Zitat sagten Sie, diejenigen, die die Anwesenheit von Herrn Bustani in Frage stellten, br&auml;chten &bdquo;Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat&ldquo;, er&ouml;ffnete der Botschafter seine Attacke, die hier vollst&auml;ndig in &Uuml;bersetzung wiedergegeben werden soll:<\/p><ul>\n<li><em>&bdquo;Lassen Sie mich fragen, wer hat Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat gebracht? Waren es die 12 Staaten, die nicht mit Ihnen stimmten und versuchten, einen ehemaligen OVCW-Beamten zu verhindern, der nicht in der Lage war, relevante Informationen zu liefern? Oder waren es Russland und China? (&hellip;.) Russland und China verhinderten, dass (der Hohe Kommissar f&uuml;r Menschenrechte, KL) Zeid Al Hussein im Sicherheitsrat sprechen konnte, das brachte Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat.<\/em><\/li>\n<li><em>Wer brachte Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat? Waren es die 13 L&auml;nder am Tisch, die sich im Juli f&uuml;r die &Ouml;ffnung von drei grenz&uuml;berschreitenden &Ouml;ffnungen in Nordsyrien aussprachen, um humanit&auml;re Hilfe in das Land zu bringen? Oder waren es China und Russland, die dagegen ihr Veto einlegten und, nach Angaben von UNICEF, 500.000 Menschenleben damit in Gefahr brachten, einschlie&szlig;lich das vieler Kinder?<\/em><\/li>\n<li><em>Wer bringt Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat? Sind es die Mitglieder, die sich an die Chemiewaffenkonvention halten, oder ist es Russland, das 2018 einen Cyber-Angriff auf die OVCW in Den Haag durchf&uuml;hrte?<\/em><\/li>\n<li><em>Wer bringt Schmach und Schande &uuml;ber den Sicherheitsrat? Sind es die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, die die Chemiewaffenkonvention verteidigen und den Einsatz von chemischen Waffen verhindern? Oder ist es Russland, das chemische Waffen sogar gegen die eigenen B&uuml;rger einsetzt &ndash; gegen Herrn Navalny, gegen Herrn Litvinenko, gegen Herrn Skripal und seine Tochter?<\/em><\/li>\n<li><em>Wann werden wir jemals von Ihnen, in ihrer russischen Kapazit&auml;t, ein Wort der Trauer &uuml;ber die Opfer von Chemiewaffenangriffen auf die syrische Bev&ouml;lkerung h&ouml;ren? Mehr als 1000 Menschen starben. Wann werden wir ein Wort der Trauer &uuml;ber die Opfer des Assad-Regimes h&ouml;ren, &uuml;ber die, die Zeugen im Verfahren in Koblenz beschrieben haben &ndash; tausende und abertausende Menschen wurden in den Gef&auml;ngnissen von Assad ermordet und in Massengr&auml;bern beerdigt. Wann werden wir ein Wort der Trauer von Ihnen dar&uuml;ber h&ouml;ren? Wann werden Sie endlich unterst&uuml;tzen, dass das syrische Regime f&uuml;r diese Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird und dadurch die Vers&ouml;hnung stattfinden kann, die wir dringend brauchen?&ldquo;<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Voller Eifer, Russland und China an den Pranger zu stellen und wegen allen &Uuml;bels in Syrien anzuklagen, verga&szlig; der deutsche Botschafter allerdings, warum er eigentlich an diesem Tag im Sicherheitsrat sa&szlig;. Den Bericht der UN-Abr&uuml;stungsbeauftragten Izumi Nakamitsu erw&auml;hnte Heusgen mit keinem Wort.<\/p><p>Darauf wies der chinesische Botschafter Geng Shuang hin. Er bedauere sehr, dass Herr Bustani daran gehindert worden sei, im Sicherheitsrat zu reden und dass verschiedene L&auml;nder, auch Deutschland, ihn blockiert h&auml;tten, so der Vertreter Chinas. Das mache die ganze Heuchelei dieser L&auml;nder deutlich, die nur h&ouml;ren wollten, was sie selber zu sagen h&auml;tten. &bdquo;Gerade eben hat der deutsche Vertreter nicht einmal die Frage der chemischen Waffen in Syrien erw&auml;hnt&ldquo;, so Geng Shuang weiter. Die Erkl&auml;rung habe &bdquo;ausschlie&szlig;lich aus Angriffen gegen andere Mitglieder des Sicherheitsrates bestanden&ldquo;. Der deutsche Vertreter habe den Sicherheitsrat wie eine B&uuml;hne benutzt, um seine Stimmungen und Unzufriedenheit vorzutragen. So ein Verhalten sei nicht konstruktiv. &bdquo;Der britische Vertreter hat zwar seinen Unmut zum Ausdruck gebracht, anschlie&szlig;end aber seine Position zum Bericht &uuml;ber den Stand der chemischen Waffen in Syrien vorgetragen. Wenn aber in Zukunft die Mitglieder des Sicherheitsrates herkommen, nicht um zu diskutieren, sondern um andere L&auml;nder anzugreifen, wie sollen wir dann noch &uuml;ber Solidarit&auml;t und Arbeit im Sicherheitsrat sprechen?&ldquo;<\/p><p>Titelbild: Golden Brown \/ shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer etwas &uuml;ber die deutsche und europ&auml;ische Au&szlig;enpolitik in Sachen Syrien erfahren m&ouml;chte, sollte die Debatten im UN-Sicherheitsrat verfolgen. Der Sicherheitsrat ist das h&ouml;chste politische Entscheidungsgremium der Vereinten Nationen, in dem f&uuml;nf Staaten &ndash; Russland, China, Frankreich, Gro&szlig;britannien, USA &ndash; dauerhaft vertreten sind und &uuml;ber ein Veto-Recht verf&uuml;gen. 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