{"id":65728,"date":"2020-10-12T09:15:00","date_gmt":"2020-10-12T07:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65728"},"modified":"2020-10-13T07:20:13","modified_gmt":"2020-10-13T05:20:13","slug":"waffen-oel-und-kampf-gegen-iran-israels-rolle-in-bergkarabach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65728","title":{"rendered":"Waffen, \u00d6l und Kampf gegen Iran \u2013 Israels Rolle in Bergkarabach"},"content":{"rendered":"<p>In der autonomen Region w&uuml;ten zwischen Armenien und Aserbaidschan die blutigsten Kampfhandlungen seit den 1990er Jahren. Die Rolle der Regionalmacht Israel in diesem Konflikt erlangt nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Israel steht hier fest an der Seite Aserbaidschans. K&uuml;rzlich wurde bekannt, dass international ge&auml;chtete Streubomben aus israelischer Produktion in Stepanakert eingesetzt wurden. Die israelisch-aserbaidschanische Partnerschaft beruht auf drei S&auml;ulen: Waffenlieferungen nach Aserbaidschan, &Ouml;llieferungen nach Israel und der Kampf gegen den gemeinsamen Feind Iran. Die Leidtragenden dieser Symbiose sind die Kinder, Frauen und M&auml;nner in Bergkarabach. Von <strong>Jakob Reimann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2226\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-65728-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=65728-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"201012_Waffen_Oel_und_Kampf_gegen_Iran_Israels_Rolle_in_Bergkarabach_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Bergkarabach ist ein Schlachtfeld. Im Juli flammte der zwischen Armenien und Aserbaidschan seit Jahrzehnten schwelende Konflikt um die autonome Region im S&uuml;dkaukasus erneut auf und eskalierte j&uuml;ngst zu den blutigsten Kampfhandlungen seit den 1990er Jahren, als Aserbaidschan am Morgen des 27. Septembers begann, zivile Stellungen in der Hauptstadt Stepanakert und andernorts <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-europe-54314341\">zu bombardieren<\/a>. Beide Seiten bek&auml;mpfen sich seit nunmehr zwei Wochen und feuerten immer wieder mit Raketen und Artillerie auch auf zivile Stellungen. Bilder v&ouml;llig zerst&ouml;rter Wohnh&auml;user gingen um die Welt. Die K&auml;mpfe entwickelten sich zu heftigen Materialschlachten, bei denen Dutzende bis Hunderte Panzer, Kampfjets und Drohnen zerst&ouml;rt wurden. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/2020_Nagorno-Karabakh_conflict#Casualties_and_equipment_losses\">Die Angaben &uuml;ber die Opferzahlen<\/a> der j&uuml;ngsten Gefechte weichen je nach Quelle massiv voneinander ab und liegen insgesamt wohl zwischen einigen Hundert bis mehreren Tausend, mit Dutzenden bis Hunderten get&ouml;teter Zivilisten auf beiden Seiten. 75.000 Menschen mussten in Bergkarabach nach anderthalb Wochen K&auml;mpfen aus ihren H&auml;usern fliehen &ndash; <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/berg-karabach-frauen-und-kinder-auf-der-flucht\/a-55185638\">mehr als die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung<\/a>. Nahezu alle Frauen und Kinder sind auf der Flucht. Nach der Verh&auml;ngung des <a href=\"https:\/\/de.reuters.com\/article\/us-armenia-azerbaijan-martial-law\/nagorno-karabakh-announces-martial-law-and-total-mobilization-idUSKBN26I08I\">Kriegsrechts und der eingeleiteten Generalmobilmachung<\/a> steht nun jeder einzelne Mann in Bergkarabach potentiell an der Waffe. Am Samstag trat um 12 Uhr mittags Ortszeit offiziell eine Waffenruhe in Kraft. Diese wurde in Moskau zwischen den Au&szlig;enministern beider Kriegsparteien unter Mediation des russischen Au&szlig;enministers Sergei Lawrow verhandelt. Buchst&auml;blich Minuten nach Inkrafttreten der Feuerpause beschuldigten sich beide Seiten, die Vereinbarung gebrochen zu haben: Armenien habe die zweitgr&ouml;&szlig;te Stadt Ganja und Aserbaidschan Stepanakert <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2020\/10\/11\/seven-dead-by-overnight-armenian-shelling-baku-says-live\">mit Raketen unter Beschuss genommen<\/a>, samt zivilen Toten auf beiden Seiten. Die Vereinbarung, so scheint es, ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht.<\/p><p>Der Bergkarabach-Konflikt ist einer der &auml;ltesten andauernden kriegerischen Konflikte der Welt. Die Lage der Region als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.jpost.com\/opinion\/israel-azerbaijan-strengthen-and-expand-strategic-partnership-578185\">geopolitisches Sandwich<\/a>&ldquo; zwischen Russland, Iran, T&uuml;rkei und Nahost bietet ebenso viel Sprengstoff wie der durch ethnische und religi&ouml;se Spannungen aufgeheizte Nationalismus aller Seiten. Hinzu kommt, &bdquo;dass sich auf beiden Seiten moderne kapitalistische Nationalstaaten gebildet haben, die jeweils f&uuml;r sich homogen sein wollen&ldquo;, wie der armenische Jurist und ver.di-Funktion&auml;r Hovhannes Gevorkian gegen&uuml;ber den <em>NachDenkSeiten<\/em> erkl&auml;rt. &bdquo;Das nationalistische Denken ist tief verankert und hat die Region traumatisiert.&ldquo; Worum geht es?<\/p><p><strong>Bergkarabach zwischen den Fronten<\/strong><\/p><p>Bergkarabach ist eine fast ausschlie&szlig;lich von Menschen armenischer Herkunft bewohnte Exklave in Aserbaidschan im S&uuml;dkaukasus mit der Fl&auml;che etwa der Gr&ouml;&szlig;e Pekings. V&ouml;lkerrechtlich gemeinhin Aserbaidschan zugeschrieben, wird Bergkarabach mit seiner Hauptstadt Stepanakert jedoch vom armenischen Milit&auml;r kontrolliert. Der bergige Latschin-Korridor bildet die k&uuml;rzeste Verbindung nach Armenien. Zusammen mit einigen weiteren formal zu Aserbaidschan geh&ouml;renden Gebieten unter armenischer Kontrolle wurde 1991 die Republik Bergkarabach ausgerufen, die 2017 in Republik Arzach umbenannt wurde, zumeist jedoch weiterhin einfach als Bergkarabach bezeichnet wird. Die Republik Arzach ist von der Fl&auml;che so gro&szlig; wie Katar und hat eine Bev&ouml;lkerungszahl vergleichbar der von Paderborn.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201012-Bergkarabach_Suedkaukasus.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/201012-Bergkarabach_Suedkaukasus.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Historisch gesehen ist der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/berg-karabach-wunde-des-sued-kaukasus.724.de.html?dram:article_id=100006\">S&uuml;dkaukasus, insbesondere das Gebiet Bergkarabach, ein Schmelztiegel<\/a> &ndash; &uuml;ber die Jahrtausende erobert und beherrscht von christlichen Armeniern, von Muslimen und Arabern, besiedelt von Persern, Kurden und Turk-St&auml;mmen. 1805 wurde das muslimische Khanat Karabach russisches Protektorat und nach dem Ende des letzten Russisch-Persischen Krieges (1826&ndash;1828) siedelten Zehntausende persische Armenier ins heutige Bergkarabach, wodurch es ethnisch zu einer armenischen Bev&ouml;lkerungsmehrheit kam. Im Zuge des Genozids des Osmanischen Reichs ab 1915 flohen Hunderttausende Armenierinnen und Armenier in den S&uuml;dkaukasus. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Demographics_of_the_Republic_of_Artsakh#Ethnic_groups\">Nach dem letzten Zensus 2015<\/a> sind 99,7 Prozent der Bev&ouml;lkerung Bergkarabachs armenischer Abstammung, hinzu kamen 238 russische Personen und 132 Menschen anderer Herkunft.<\/p><p>1921 legte Stalin schlie&szlig;lich den Grundstein f&uuml;r den heutigen politischen Konflikt, als er gegen jedes V&ouml;lkerrecht und gegen den erkl&auml;rten Willen der Bev&ouml;lkerung vor Ort in machiavellistischer Divide-et-impera-Politik Bergkarabach an Aserbaidschan &uuml;berschrieb: Die geographische Region Bergkarabach erhielt den Status als Autonome Oblast Bergkarabach und der restliche, etwa doppelt so gro&szlig;e Teil des Gebiets der heutigen Republik Arzach wurde direkt dem Territorium der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik einverleibt (mit &auml;hnlich verh&auml;ngnisvoll durch die Geschichte hallenden Konsequenzen wie etwa die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2014-03\/russland-ukraine-geschichte\/komplettansicht\">Schenkung der Krim an die Ukraine<\/a> durch Chruschtschow 1954).<\/p><p>1991 nahm Bergkarabach sein v&ouml;lkerrechtlich verbrieftes Recht auf Selbstbestimmung wahr und erkl&auml;rte seine Unabh&auml;ngigkeit, die durch ein Referendum mit gro&szlig;er Mehrheit best&auml;tigt wurde. Allerdings erkennt kein souver&auml;nes Land der Welt <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Foreign_relations_of_Artsakh\">die Republik Arzach an<\/a> &ndash; selbst Armenien nicht, aus Sorge, den Konflikt mit Aserbaidschan unn&ouml;tig anzuheizen. Mehrere andere nicht anerkannte Republiken tun dies jedoch, ebenso acht US-Bundesstaaten, das Schwergewicht Kalifornien darunter. Auch gibt es Auslandsvertretungen der Republik Arzach in Beirut, Berlin, Jerewan, Moskau, Paris, Sidney und Washington, was de facto zumindest einer Teilanerkennung Bergkarabachs durch die jeweiligen Regierungen gleichkommt. In Zukunft k&ouml;nnen und m&uuml;ssten &ndash; analog zum Pal&auml;stina-Israel-Konflikt &ndash; gewisse Landtausche zwischen beiden Parteien integraler Bestandteil von Verhandlungen zur Erlangung eines nachhaltigen Friedens sein, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65586\">appelliert<\/a> Hans-Joachim D&uuml;bel auf den <em>NachDenkSeiten<\/em>, doch &bdquo;eine Wiedereingliederung von Berg-Karabach in den Staat Aserbaidschan kann aus v&ouml;lkerrechtlicher Sicht nicht zur Debatte stehen&ldquo;.<\/p><p>Der UN-Sicherheitsrat 1993, ebenso der Europarat 2005 verabschiedeten zwar mehrere Resolutionen, die Bergkarabach v&ouml;lkerrechtlich Aserbaidschan zusprechen. Doch insbesondere Stalins illegitime Schenkung der Region an Aserbaidschan 1921 und das positive Unabh&auml;ngigkeitsreferendum 1991 verdeutlichen einmal mehr, dass die Lage auf den zweiten Blick oft komplizierter ist. Zumindest westliche Medien &ndash; bei Politikerinnen und Politikern habe ich diese Hoffnung nicht &ndash; m&uuml;ssen das stets voneinander abgeschriebene Narrativ, Bergkarabach geh&ouml;re v&ouml;lkerrechtlich zu Aserbaidschan, hinterfragen oder doch wenigstens einmal in den entsprechenden Kontext setzen.<\/p><p>An dieser Stelle m&ouml;chte ich noch einmal <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65586\">auf D&uuml;bels Text verweisen<\/a>, der die Rolle der T&uuml;rkei in den Fokus seiner Analyse setzt. Im Folgenden konzentriere ich mich auf eine andere wichtige Regionalmacht.<\/p><p><strong>Israelische Streubomben auf Bergkarabach<\/strong><\/p><p>Vergangenen Montag ver&ouml;ffentlichte Amnesty International einen Bericht, in dem nachgewiesen wird, dass in zivilen Gebieten in Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert <a href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/informieren\/aktuell\/aserbaidschan-armenien-die-zivilbevoelkerung-muss-vor-dem-einsatz\">international ge&auml;chtete Streumunition<\/a> eingesetzt wurde. Diese wurde &bdquo;vermutlich von aserbaidschanischen Streitkr&auml;ften abgefeuert&ldquo;, hei&szlig;t es dort. &bdquo;Der mehrmalige Einsatz der Bomben auf zivile Gebiete ist erwiesen und gut dokumentiert&ldquo;, erkl&auml;rt auch Hovhannes Gevorkian, der ver.di-Funktion&auml;r, gegen&uuml;ber den <em>NachDenkSeiten<\/em> und weist darauf hin, &bdquo;was f&uuml;r ein erschreckendes Ausma&szlig; der Einsatz solcher Bomben haben kann&ldquo;. Zu recht wird der Einsatz dieser Waffe in der Streubomben-Konvention von <a href=\"https:\/\/www.clusterconvention.org\/the-convention\/convention-status\/\">110 L&auml;ndern ge&auml;chtet<\/a>, 13 weitere haben unterschrieben, jedoch nicht ratifiziert. Streumunition explodiert in der Luft in Dutzende bis Hunderte kleinere Bomben, die dann auf Fl&auml;chen teils gr&ouml;&szlig;er als ein Fu&szlig;ballfeld auf die Erde niederregnen. Aufgrund vieler kleiner Explosionen werden Personen von umherfliegenden Schrapnellen regelrecht durchsiebt und verbluten innerlich. Bis zu 20 Prozent der Submunition explodiert nicht, ganze Landstriche werden so f&uuml;r Jahrzehnte vermint. &bdquo;Der Einsatz von Streubomben ist nach dem humanit&auml;ren V&ouml;lkerrecht unter allen Umst&auml;nden verboten&ldquo;, erkl&auml;rt Denis Krivosheev, amtierender Leiter f&uuml;r Osteuropa und Zentralasien bei Amnesty International. &bdquo;Angriffe mit Streubomben auf Wohngebiete sind absolut entsetzlich und inakzeptabel&ldquo;, urteilt Krivosheev.<\/p><p>Die Experten von Amnesty International konnten nachweisen, dass es sich bei den in Stepanakert eingesetzten Bomben um Streumunition vom Typ M095 DPICM aus israelischer Produktion handelt. Nicht zuletzt dieser Umstand wirft die Frage auf, welche Rolle Israel als wichtige Regionalmacht in diesem Krieg eigentlich spielt. Israel h&auml;lt hier nicht etwa zum christlichen Armenien, sondern zum muslimischen &ndash; wie Erzfeind Iran schiitischen &ndash; Aserbaidschan. Diese Partnerschaft fu&szlig;t auf drei zentralen Komponenten: Waffen, &Ouml;l, Iran.<\/p><p><strong>Waffen f&uuml;r &Ouml;l &ndash; der Klassiker<\/strong><\/p><p>Nach den Zahlen der <a href=\"https:\/\/armstrade.sipri.org\/armstrade\/html\/export_values.php\">Arms Transfers Database<\/a> des renommierten Stockholmer Friedensinstituts SIPRI &ndash; das ausschlie&szlig;lich tats&auml;chlich in einem Jahr gelieferte Waffensysteme z&auml;hlt, nicht abgeschlossene Vertr&auml;ge &ndash; war Israel in den Jahren 2010&ndash;2019 hinter Russland der zweitgr&ouml;&szlig;te Waffenlieferant f&uuml;r Aserbaidschan, mit gro&szlig;em Abstand vor Belarus auf Platz 3. Laut SIPRI entfallen 25 Prozent aller Waffenlieferungen nach Baku in der letzten Dekade auf Israel. Darunter befinden sich unter anderem verschiedenste Drohnen, Lenkwaffen, Boden-Luft-Raketen, Panzerabwehrraketen und Sturmgewehre. Doch insbesondere in den letzten f&uuml;nf Jahren nahmen die Waffenexporte dramatisch zu, so dass im F&uuml;nfjahreszeitraum 2015&ndash;2019 mit rund 740 Millionen US-Dollar ganze 60 Prozent der Waffenlieferungen nach Aserbaidschan aus Israel stammten und Russland mit 31 Prozent &bdquo;nur&ldquo; noch auf Platz 2 liegt. Bei einem &ouml;ffentlichen Auftritt mit Israels Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanyahu im Dezember 2016 prahlte Aserbaidschans Pr&auml;sident Ilham Aliyev regelrecht damit, israelische Waffen im Wert von &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/.premium-azerbaijan-has-bought-5-billion-in-israeli-military-goods-1.5473569\">fast 5 Milliarden Dollar<\/a>&ldquo; gekauft zu haben &ndash; angesichts des aserbaidschanischen Bruttoinlandsprodukts von rund 38 Milliarden US-Dollar mehr als bedeutende Summen. Israel ist ein global bedeutender Waffenexporteur und lieferte in den letzten f&uuml;nf Jahren an 42 L&auml;nder. Auch aus dieser Perspektive sticht das kleine Aserbaidschan aus diesen 42 L&auml;ndern heraus: Mit 17 Prozent aller israelischen Waffenexporte liegt Aserbaidschan als Empf&auml;nger hinter Indien auf Platz 2, weit vor dem Drittplatzierten Vietnam. Israel ist also der mit Abstand wichtigste Waffenlieferant Aserbaidschans und Aserbaidschan ist seinerseits Israels zweitwichtigster Waffenempf&auml;nger.<\/p><div class=\"donateNotice\"><p>Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit w&auml;chst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterst&uuml;tzung.<br><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=7726\">Das geht so ...<\/a><\/p><\/div><p>Wenige Tage vor Kriegsbeginn landeten zwei Iljuschin-Frachtflugzeuge des aserbaidschanischen Milit&auml;rs in der israelischen Negev-W&uuml;ste voraussichtlich zur &bdquo;Vorbereitung und Aufstockung der aserbaidschanischen Streitkr&auml;fte f&uuml;r die neuesten K&auml;mpfe&ldquo;, wie die israelische Zeitung <em>Haaretz<\/em> anhand von Flugdaten <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/world-news\/.premium-netanyahu-and-erdogan-in-unlikely-alliance-against-iran-in-nagorno-karabakh-1.9197671\">ermitteln konnte<\/a>. Wenn Frachtflugzeuge voller Kriegswerkzeug abgeholt werden und unmittelbar darauf ein Krieg ausbricht, dr&auml;ngt sich der Gedanke auf, dass die israelische Regierung Vorkenntnisse dieses Krieges hatte. Sollte diese Spekulation zutreffen, w&auml;re dies ein handfester Skandal, da die Netanyahu-Regierung in dem Falle alles daran h&auml;tte setzen m&uuml;ssen, den illegalen Angriffskrieg zu verhindern. Andernfalls w&uuml;rde sie sich indirekt zur Komplizin dieses Verbrechens machen. Kurz nach Kriegsbeginn landeten zwei weitere aserbaidschanische Frachtmaschinen im Negev, wohl um die leergeschossenen aserbaidschanischen Arsenale aufzuf&uuml;llen: Israelischer Nachschub ist zentral in der Durchf&uuml;hrung dieses Krieges.<\/p><p>Die armenische F&uuml;hrung ist &uuml;ber die zunehmende R&uuml;stungskooperation zwischen Israel und Aserbaidschan sowie Israels Involvierung in den aktuellen Krieg entr&uuml;stet. So zog Jerewan am 1. Oktober aus Protest den armenischen Botschafter aus Israel ab. Vier Tage sp&auml;ter konnte Israels Pr&auml;sident Reuven Rivlin in einem Telefonat mit dem armenischen Pr&auml;sidenten Armen Sarkissjan erfolgreich die Wogen gl&auml;tten. Scheinbar konnte der armenischen Seite weisgemacht werden, zuk&uuml;nftige Waffenexporte nach Aserbaidschan w&uuml;rden aus R&uuml;cksicht eingestellt. &bdquo;In zwei oder drei Tagen&ldquo; w&uuml;rden israelische Waffenlieferungen voraussichtlich eingestellt, <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/armenian-envoy-expects-israel-will-halt-arms-sales-to-azerbaijan-amid-conflict\/\">erkl&auml;rt<\/a> der zur&uuml;ckbeorderte Botschafter Armen Smbatyan &uuml;berzeugt, &bdquo;mir wurde ein m&uuml;ndliches Versprechen gegeben&ldquo;. Die <em>Times of Israel<\/em> <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/experts-believe-israel-unlikely-to-drop-lucrative-arms-sales-to-azerbaijan\/\">res&uuml;miert<\/a> unter Berufung auf mehrere israelische Analysten hingegen, es sei &bdquo;unwahrscheinlich, dass Israel lukrative Waffenverk&auml;ufe nach Aserbaidschan fallenl&auml;sst&ldquo;. Israel hat Armenien an der Nase herumgef&uuml;hrt.<\/p><p>Waffenverk&auml;ufe an Aserbaidschan sind f&uuml;r Israel aus strategischer wie wirtschaftlicher Sicht einfach zu wichtig. Doch diese Abh&auml;ngigkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Israel hat als Hightech- und Industrienation einen immensen Energiebedarf, doch verf&uuml;gt bekanntlich kaum &uuml;ber eigene Vorkommen fossiler Energien und f&ouml;rdert selbst nur minimal. Aserbaidschan hingegen hat reichlich &Ouml;lvorkommen und ist ein wichtiger regionaler Produzent. &Ouml;lexporte nach Israel begannen 1999, rasch h&auml;ngte Baku Russland und Kasachstan als wichtigste Exporteure ab. Nach Angaben des MIT war Aserbaidschan in den letzten <a href=\"https:\/\/oec.world\/en\/visualize\/tree_map\/hs92\/import\/isr\/show\/52709\/2009.2010.2011.2012.2013.2014.2015.2016.2017.2018\/\">zehn Jahren<\/a> mit &uuml;ber 37 Prozent der mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Roh&ouml;llieferant Israels. 2019 betrugen die Importe <a href=\"https:\/\/tradingeconomics.com\/azerbaijan\/exports\/israel\/crude-oil-petroleum-bituminous-minerals\">1,33 Milliarden US-Dollar<\/a>.<\/p><p>Wir haben es zwischen Israel und Aserbaidschan also mit einem Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis zu tun, das als Minivariante fast schon an sieben Jahrzehnte US-Saudi-Beziehungen erinnert: Waffen f&uuml;r &Ouml;l. Doch diese strategische Partnerschaft fu&szlig;t noch auf einem dritten Pfeiler, um den sich f&uuml;r Israel im Grunde alles dreht: der Iran.<\/p><p><strong>Feindbild Iran<\/strong><\/p><p>Beidseitig der aserbaidschanisch-iranischen Grenze leben ethnische Aserbaidschaner. Teheran gilt bekanntlich als Schutzmacht der Schiiten und Aserbaidschan ist neben Iran, Irak und Bahrain das einzige Land weltweit mit einer schiitischen Bev&ouml;lkerungsmehrheit. Auch teilen sich Iran und Aserbaidschan gemeinsame &Ouml;l- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer. Oberfl&auml;chlich betrachtet k&ouml;nnte man daher annehmen, beide L&auml;nder seien strategische Verb&uuml;ndete, doch ist Iran mit dem christlichen Armenien alliiert und Teheran und Baku stehen sich eher feindselig gegen&uuml;ber. Dies hat einerseits historisch-nationalistische Gr&uuml;nde. So wollte Teheran nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion um jeden Preis die Vereinigung aller Aserbaidschaner &ndash; im Iran leben etwa doppelt so viele wie in Aserbaidschan selbst, Revolutionsf&uuml;hrer Ali Khamenei darunter &ndash; verhindern und das Aufkommen separatistischer Tendenzen im Keim ersticken. Baku setzte f&uuml;r seine Erd&ouml;lexplorationen im Kaspischen Meer vollst&auml;ndig auf westliche Konzerne &ndash; US-Schiffe also direkt vor der iranischen K&uuml;ste. Diese Kooperation manifestierte sich nicht zuletzt in der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, &uuml;ber die auch Israel sein aserbaidschanisches &Ouml;l erh&auml;lt. Andererseits ist Aserbaidschan &uuml;ber das Partnership-for-Peace-Programm eng in NATO-Strukturen eingebunden. So stellte das Land etwa dem US-Aggressor mehrere Milit&auml;rbasen f&uuml;r seinen Krieg in Afghanistan zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>Diese enge Einbindung in den US-gef&uuml;hrten Westen und die Gegnerschaft gegen&uuml;ber Iran macht Aserbaidschan zum idealen Partner f&uuml;r Israel. 2012 wurde im US-Fachblatt <em>Foreign Policy<\/em> ein vielbeachteter Artikel ver&ouml;ffentlicht, der unter Berufung auf mehrere hochrangige US-Milit&auml;rs suggerierte, Aserbaidschan h&auml;tte Israel <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2012\/03\/28\/israels-secret-staging-ground\/\">Zugang zum stillgelegten Sitalchay-Luftwaffenst&uuml;tzpunkt<\/a> am Kaspischen Meer gew&auml;hrt, was mehr oder weniger der Errichtung einer israelischen Auslandsbasis gleichk&auml;me. Aserbaidschan w&auml;re in Kriegsszenarien gegen Iran tats&auml;chlich der perfekte R&uuml;ckzugsort f&uuml;r Israel. In einem Krieg w&uuml;rde es als Vorposten direkt an Irans n&ouml;rdlicher Flanke fungieren. Bei Luftschl&auml;gen &ndash; auch abseits eines offenen Krieges, etwa bei einzelnen Angriffen auf Irans Atomanlagen, die insbesondere in der Trump-&Auml;ra zu jedem Zeitpunkt drohen k&ouml;nnten &ndash; m&uuml;ssten sich israelische Kampfjets nicht aufw&auml;ndigen Luftbetankungsmissionen unterziehen, sondern k&ouml;nnten nach Abladung ihrer Bomben auf den Iran einfach nach Norden abdrehen und landen. Der <em>Foreign-Policy<\/em>-Bericht &uuml;ber eine israelische Basis in Aserbaidschan konnte nie wasserdicht bewiesen werden, doch gilt es gemeinhin als gesichert, dass Aserbaidschan in einem Krieg gegen Iran dennoch eine wichtige Rolle zuk&auml;me. Eine Untersuchung von <em>Reuters<\/em> ebenfalls aus 2012 suggeriert unter Berufung auf aserbaidschanische Milit&auml;rquellen, dass israelische Jets <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-iran-israel-azerbaijan-idUSBRE88T05L20121001\">aserbaidschanische Flugfelder<\/a> f&uuml;r ihre Milit&auml;roperationen nutzen k&ouml;nnten. Es scheint ausgeschlossen, dass Europa bei einem Angriffskrieg Israels gegen Iran mitmachen w&uuml;rde und angesichts der US-Wahlen im November ist auch Washingtons Position hier mehr als unsicher. Mit der milit&auml;rischen Ann&auml;herung an Aserbaidschan diversifiziert Israel geschickt seine Kriegsoptionen.<\/p><p>Gesichert ist die gegen den Iran gerichtete Kooperation der Geheimdienste beider L&auml;nder, die mittlerweile gut zehn Jahre andauert. 2012 erkl&auml;rte ein israelischer Geheimdienstagent gegen&uuml;ber der <em>Times of London<\/em>: &bdquo;Unsere Pr&auml;senz hier [in Aserbaidschan] ist ruhig, doch von gro&szlig;er Bedeutung. &hellip; sie bringt uns sehr nahe an den Iran. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.jpost.com\/international\/mossad-using-azerbaijan-as-hub-for-iran-spying\">Das hier ist Ground Zero f&uuml;r Geheimdienstarbeit.<\/a>&ldquo; Andere Quellen bezeichnen Aserbaidschan als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/nagorno-karabakh-conflict-israel-azerbaijan-arms-trade-armenia-iran-1.9212986\">Augen, Ohren und Sprungbrett<\/a>&ldquo; f&uuml;r Israels &Uuml;berwachung des Iran. Im selben Jahr beschuldigte Teheran Aserbaidschan, bei der <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/1.5184751\">T&ouml;tung iranischer Nuklearwissenschaftler<\/a> geheimdienstlich mit dem israelischen Mossad kollaboriert zu haben.<\/p><p>Mit der f&uuml;r beide Seiten &auml;u&szlig;erst lukrativen Triade aus Waffen, &Ouml;l und dem Kampf gegen Iran haben Aserbaidschan und Israel in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine enge strategische Partnerschaft etabliert. Aserbaidschan profitiert durch Weltklasse-Milit&auml;rg&uuml;ter <em>made in Israel<\/em>. Und die hier &auml;u&szlig;erst geschickt agierende Netanyahu-Regierung profitiert durch billiges &Ouml;l und allem voran durch die schrittweise Errichtung eines milit&auml;rischen und geheimdienstlichen Vorpostens direkt vor der Haust&uuml;r ihres Erzfeinds Iran. Die Leidtragenden dieser Symbiose sind die Kinder, Frauen und M&auml;nner in Bergkarabach, die durch israelische Drohnen und ge&auml;chtete Streumunition den Tod finden.<\/p><p>Titelbild: vladm \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der autonomen Region w&uuml;ten zwischen Armenien und Aserbaidschan die blutigsten Kampfhandlungen seit den 1990er Jahren. Die Rolle der Regionalmacht Israel in diesem Konflikt erlangt nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Israel steht hier fest an der Seite Aserbaidschans. K&uuml;rzlich wurde bekannt, dass international ge&auml;chtete Streubomben aus israelischer Produktion in Stepanakert eingesetzt wurden. Die israelisch-aserbaidschanische Partnerschaft beruht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65728\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":65729,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171],"tags":[1947,2964,2963,1334,951,1557,2069,2967,2377],"class_list":["post-65728","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-armenien","tag-aserbaidschan","tag-bergkarabach","tag-erdoel","tag-iran","tag-israel","tag-militaerstuetzpunkte","tag-streumunition","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/shutterstock_1823162351.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=65728"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65766,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/65728\/revisions\/65766"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/65729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=65728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=65728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=65728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}